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Leselupe.de > Erzählungen
Bethesda Fountain
Eingestellt am 28. 01. 2006 17:05


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sarastes
Wird mal Schriftsteller
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Bethesda Fountain

Geburtsdatum, Name, Beruf der Eltern ...
Immer das selbe, Daten √ľber Daten, Fragen, Fakten, Buchstabengebilde, hinter denen sich im besten Fall eine M√∂glichkeit f√ľr etwas mehr Geld verbirgt.
Michael legt entnervt den F√ľller zur Seite. ‚ÄěWas bringt das Ganze √ľberhaupt?‚Äú Eigentlich ist von vornherein klar, dass es wenig M√∂glichkeiten auf einen staatlichen Zuschuss mit Namen Baf√∂G gibt. Ja, wenn man √Ąrztekind ist, hat der Staat wenig f√ľr einen √ľbrig. Aber ein Versuch ist nun mal ein Versuch, gerade wenn man in der Startspur des Studiums steht, der jugendliche Wunsch der Eigenst√§ndigkeit einen in die Ferne treibt und noch andere W√ľnsche durch die Nervenbahnen jagen.
Einkommensnachweis der Eltern - der Geldbrecher - die H√ľrde, die wahrscheinlich un√ľberspringbar ist. Durch diesen Punkt wird man festgelegt, d√ľrfen die Eltern alles zahlen, sei es nun Miete, Neben¬¨kosten oder lebenswichtige Utensilien. Aber es ist auch ein Trost, nach dem Studium steht gew√∂hn¬¨lich niemand Schlange, um Prozente vom ersten Lohn einzunehmen.
Sei es drum - die Daten sind ja zur H√§lfte ausgef√ľllt. In wenigen Tagen werden bestimmt auch die fehlenden Unterlagen vom gelben Lieferservice in den Briefkasten geworfen. Dann nimmt der b√ľro¬¨kratische Weg seinen formellen Lauf.
Michael rafft die Formulare zusammen und l√§sst sie in den Tiefen der Schreibtischschublade verschwinden. Seine Gedanken verweilen noch einen Moment beim beendeten Thema. ‚ÄěMan ist so viel, wie die eigene Familie ist.‚Äú ‚Äď die leidliche Frage nach der Herkunft. F√ľr einen frisch gek√ľrten Theologiestudent besitzt die soziale Thematik einen hohen Stellenwert. ‚ÄěHat die Herkunft irgend¬¨eine Auswirkung auf die Entwicklung? ‚Äď Sicher, aber wie weit ist jeder seines Gl√ľckes eigener Schmied? ‚Äď und was, wenn man keine F√§higkeit zum Schmied hat?‚Äú Die Gedanken verwirren, aber sie eilen weiter durch das Thema, ‚ÄěWas bedeutet mir Familie?‚Äú Eigentlich sollten ja die Elterndaten des Baf√∂g-Scheins auch dem Wort Familie entsprechen, aber Worte sind Buchstabengebilde und Leben ist die Summe der Zellen, Gedanken und Begebenheiten (und noch einiges Seiten f√ľllendes mehr). Wenn Eltern per Gesetz aufh√∂ren als Eheleute zu fungieren, entf√§llt zumindest das viel be¬¨schriebene ‚Äětraute Heim‚Äú, der besungene ‚ÄěScho√ü der Familie‚Äú oder wie auch immer man jenen R√ľckhalt nennen mag. Aber die Familie umfasst (sofern noch vorhanden) ja auch andere Glieder: die Gro√üeltern, an die Michael mit gewisser, echter Wehmut zur√ľckdenkt und nicht zu vergessen: Tanja ‚Äď Tanjuschka, wie Michael seine ein Jahr j√ľngere Schwester neckend nennt, ist seit zwei Mo¬¨naten in weiter Ferne, jenseits des Ozeans als AuPair besch√§ftigt. Sie vermisst Michael wirklich. Untereinander war (beziehungsweise ist) wirklich etwas wie ein Familienband, ein Faden des Ver¬¨st√§ndnisses, des Zusammenhaltens vorhanden. Dies hatte sich gerade in der Vergangenheit w√§hrend der Scheidungswirren bew√§hrt. Auch sonst war Tanja der Mensch f√ľr Michael, mit dem er alles be¬¨sprechen konnte. Das eine Jahr Altersunterschied spielte dabei keine Rolle.
Diese Gedankenfl√ľge bringen Michael in die Realit√§t zur√ľck. ‚ÄěDas Computerkabinett hat heute nur bis 19 Uhr ge√∂ffnet‚Äú ‚Äď Freitagsk√ľrzungen, Wochenendanfangsstimmung ‚Äď wie auch immer, die Zeit eilt davon. Drei Stunden Gnadenfrist sind noch vorhanden. Der Weg in die Innenstadt von Jena be¬¨n√∂tigt allein schon eine halbe Stunde vom Wohnheim aus. So greift Michael nach seiner braun ge¬¨f√ľtterten Winterjacke, l√§sst Mark, seinem Zimmermitbewohner, eine kurze Nachricht zur√ľck, falls dieser vor seiner Heimfahrt noch vorbeischaut, und begibt sich, schon wieder von Gedanken be¬¨wegt, auf den Weg in die vorweihnachtlich geschm√ľckte Innenstadt.
Die Abendd√§mmerung l√§sst die Stadt in ein pastellenes Farbenspiel eintauchen. Erste Schneeflo¬¨cken geben einen nat√ľrlichen Vorweihnachtsboten ab, der durch die unnat√ľrlichen Weihnachtsboten verst√§rkt wird. Die Feuchtigkeit der Stra√üe warnt vor den Gefahren, die ein K√§lteschub in den n√§chsten Stunden mit sich bringen kann. Michael geniest die sanft herabgleitenden Flockengebilde und hofft auf einen richtigen Winter. Dies ist wohl die Natur jedes Wintermenschen. Michael ist im Januar im tiefsten Schnee, wie man ihm erz√§hlte, geboren worden. Der Schnee belebt die Gef√ľhle.
Die Treppe hinab in den Talkessel Jenas ist durch den frisch gefallenen, leicht tauenden Schnee, noch hat die richtige K√§lte nicht die Herrschaft √ľbernommen, etwas glatt geworden. Der junge Theologiestudent tastet sich am, gl√ľcklicherweise vorhandenen, Gel√§nder herab. Seine Gedanken fliegen wieder davon.
New York ‚Äď Der Schmelztiegel der Nation, die Stadt der St√§dte, Central Park, Brooklyn Bridge, MET ‚Äď Namen, Orte, die Wiedererkennungswert, wenn auch vom Video, hervorrufen. Thomas, sein Cousin, hatte letztes Jahr, als sie nach der Mauer√∂ffnung in N√ľrnberg gewesen waren, von seinem Trip nach Big Apple geschw√§rmt. Ausgiebig, Interesse weckend, wurden Fotos und Videomaterial zum geistigen Nachtisch dargereicht.
Nun war also Tanja in New York und sein vom Zivildienst, oder besser √úbergangspraktikum, ange¬¨spartes Geld wartete auf dem Konto darauf, im Sommer aus Traumbildern eine Realit√§t zu erschaf¬¨fen. Thomas hatte ihn vorgewarnt, entweder man mag New York oder es erschl√§gt einen. ‚ÄěEntweder - oder, plus oder minus ‚Äď kein Zwischenweg?‚Äú Seine Schwester zumindest war von Woody Allen City, wie sie es nannte, begeistert, auch wenn ihre letzten Mails nicht mehr ganz so schw√§rmerisch waren. Der erste Eindruck schien also positiv gewesen zu sein. Wie w√ľrde der Seinige werden? ‚ÄěIn einem halben Jahr, liebe Seele, wei√üt du mehr!‚Äú
Der Weg zum Computerkabinett, dem Fenster in die weite Welt, ist ges√§umt von Lichterketten, die Weihnachtsstimmung bewirken sollen. Mehrere Plakate an m√∂glichen und eher ungeahnten Orten werben f√ľr diverse Weihnachtsfeierlichkeiten und auch die Blasmusik vom Weihnachtsmarkt gibt sich M√ľhe dieses eine zu verk√ľnden: ‚ÄěLeute seid nett zueinander, es ist Weihnachten!‚Äú Einmal im Jahr ist dieser Versuch in den Mittelpunkt ger√ľckt worden.
Die Zeit eilt davon und mit ihr die Minuten, die Michael noch f√ľr den Trip in die weite Welt des Netzes zur Verf√ľgung stehen. Die Computer sind, dank an den Freitag, wenig genutzt. So muss der junge Student keine Minuten des Wartens der kostbaren Zeit opfern. In die Geheimnisse der Technik hat sich Michael schnell eingew√∂hnt. Nach dem Dr√ľcken der notwendigen Tasten, vor einem Monat schien dies noch eine Magie f√ľr sich zu sein, ist er im Programm angelangt, w√§hlt die Internetverbindung und ruft die Seite seines Email-Anbieters auf. ‚ÄěSo billig kann man sonst keine Briefe versenden.‚Äú Michael √ľberlegt, was wohl die Post auf dem Luftweg in die Staaten kostet, es f√§llt ihm im Moment nicht ein.
Drei Nachrichten sind im Email-Briefkasten. Er klickt schnell die Informationen fremder Firmen zum Löschen zur Seite und widmet sich dem wirklich echten Brief des Abends:
‚ÄěHallo Bruderherz!
So sollen also mal wieder ein paar Zeilen √ľber den gro√üen Ozean zu dir schwimmen. Ich sitze ge¬¨rade in der Bibliothek und nutze meine kostenlose halbe Stunde, um mit der Heimat zu kommuni¬¨zieren. Habe gerade ein interessantes Buch von einem englischen Psychiater entdeckt, der selbst in eine starke psychische Krise gest√ľrzt ist. Irgendwie verfolgt mich diese Literatur im Moment. Hat mich das D√ľstere eingefangen?
‚ÄěFrankenstein‚Äú fand ich echt gut ‚Äď das Buch hatte mehr Tiefe als ich ihm zutraute ‚Äď du hattest also Recht!!! ‚ÄěFlucht in die Wolken‚Äú hat mich arg mitgenommen. Schon die Vorgeschichte, dieses M√§r¬¨chen von den Wolkenkindern, die auf der Suche nach der Liebe in der Welt sind und sie nicht finden. Hm ‚Äď und die Sache √ľberhaupt, ich finde mich in Ponny (dem M√§dchen mit der psychischen Krankheit ‚Äď du erinnerst dich) wieder.
Vorhin saß ich im Central Park am Bethesda Fountain, der Stelle, von der ich dir schrieb, wo sich der Brunnen mit dem Engel befindet. Sinniger Weise hatten sich auf seinen Armen Tauben nie¬dergelassen, fast wie ein Zeichen des Friedens, den ich gerade vergeblich suche.
Du merkst, meine Gedanken sind momentan eher in dunklen Gefilden aufgehoben. Ich weiß auch nicht, was gerade los ist, aber jeden Tag spitzt sich irgendwie die Lage in meinem Kopf zu. So weit, dass ich bald denke, keine Kraft mehr in mir zu finden. So als ob sich nachts eine große Krake auf mir niederlässt und sämtliche Hoffnungen und Lebenswillen davon saugt.
Habe mal wieder ein Gedicht geschrieben. Ich glaube, es zeigt sehr gut, wie es gerade in mir aus¬sieht:
Gedanken
wo seid ihr?
Ihr fliegt wie ein Vogel
Zwischen Berg und Tal.
Immer höher steigt Ihr
und glaubt
den Berg der Freude
endlich zu erreichen.
Da zieht Euch
schon fast frohlockende Gedanken
das Tal wieder herab.
Und ihr beginnt erneut
den Flug nach oben
um wieder herabzust√ľrzen.
Doch Ihr gebt nicht auf.
Manchmal schickt die Sonne
helle warme Strahlen hinab
und kräftigt Euch.
Doch schon bald stellt sich
die dunkle
undurchsichtige Mauer
in den Weg.
Und Ihr seid nahe aufzugeben.
Aber irgendetwas treibt Euch weiter
immer wieder den Aufstieg zu versuchen.
Wird es Euch gelingen?
Wird es mir gelingen?
Du merkst, der d√ľstere Vogel hat sich wieder bei mir niedergelassen. Er ruft nach mir und will mich in seine Gefilde locken. Ich will wieder stehen, will wieder k√§mpfen ‚Äď aber woher nehme ich die Kraft? Wo finde ich das, was sich scheinbar wie die Sporen der Pusteblume in alle Winde verweht hat, selbst entschlossen dem Lufthauch in s√§mtliche Himmelsrichtungen zu folgen und nicht zu wissen, ob sie jemals wieder zueinander finden.
Im Moment bin ich an einem Punkt angelangt, wo ich √ľberlege, alles hinter mir zu lassen ‚Äď ich meine Amerika (ganz so schlimm, dass es hoffnungslos w√§re, ist es nicht ‚Äď oder doch?).
Eigentlich h√§tte ich schon viel eher mit dir reden sollen, oder besser wollen, aber ich konnte dich doch nicht in deiner Anfangsphase belasten ‚Äď ja, ja, ich wei√ü ‚Äď gro√üe Beschwerde deinerseits.
Gestern habe ich mit meiner hostmum gesprochen. Sie war sehr verständnisvoll, was ich so nicht unbedingt erwartet habe, aber davon später.
Ich merke, dass sich ein Zeitdieb hinter mir knurrend bemerkbar macht. Kannst du deine Nacht¬menschlichkeit dazu bewegen, mich heute Abend anzurufen?
Schick mir mal eine Prise Hoffnung vorbei. Ich biete im Ausgleich Melancholie (soll in bestimmten Momenten sogar angenehm sein).
Vaya con dios
Your Tanjuschka.“
‚ÄěAlso doch!‚Äú ‚Äď Michael lehnt sich zur√ľck. Die alten Geister der Vergangenheit haben sich aus ihren Schlupfwinkeln erhoben, um die Gegenwart durcheinander zu bringen. Manchmal ist es schon komisch. Da haben beide, er und Tanja, gerade das Lesefeeling psychologischer Themen f√ľr sich entdeckt ‚Äď und dann das. Aber war es wirklich ein Zufall? War es der Ausl√∂ser? Bestimmt nicht. Wahrscheinlich hatte Tanja im Bewusstsein des anbahnenden Nebelschleiers wieder angefangen dem Thema mehr Wert zukommen zu lassen.
Da sind sie also wieder, die dunklen Gedanken. Vor einem Jahr in der zw√∂lften Klasse, waren sie schon einmal √ľber Tanja hereingebrochen. In kleinen Sticheleien hatten sie ihr Gr√ľbeln verst√§rkt und versucht, Sinnlosigkeit auf ihrem Banner, sie zu bew√§ltigen. Damals war die Zeit ein gn√§diger Helfer und die Kraft reichte, um aus dem dunklen Loch der Selbstzweifel heraus zu kriechen.
Nun scheint also alles beim Alten zu sein und ist doch neuer und schlimmer.
Michael beendet das Programm und verl√§sst das Computerkabinett. Inzwischen ist es dunkel ge¬¨worden und der Mond zeigt in einer nach links gewendeten Sichelform an, dass er entschlossen ist in den n√§chsten Tagen und Wochen an Gr√∂√üe zuzulegen. Der Schneefall hat zugenommen und einen ersten Erfolg im Kampf um die Stra√üe zu verbuchen. All das scheint den jungen Studenten, der eilig dem Wohnheim entgegen strebt, nicht zu interessieren. Ein Thema bestimmt sein Denken, l√§sst Gedankengewitterwolken empor ziehen - SIE sind zur√ľck ‚Äď die D√ľsteren ‚Äď und Tanja, weit weg in New York, ist allein und braucht Hilfe.


Nur noch eine Viertelstunde dann soll das Flugzeug landen. Die Stewardessen, sichtlich in ihrer Routine wissend, wann welcher Handgriff wohin geh√∂rt, bereiten alles f√ľr diesen Moment vor. Das Bild auf der Videoleinwand, der sich die K√∂pfe der ersch√∂pften und doch entspannten (fast ist es ge¬¨schafft) Flugg√§ste entgegenrecken, zeigt ein Miniaturflugzeug, welches scheinbar mit dem Punkt der Karte, der den Namen New York tr√§gt, verschmelzen will.
Michael schnallt sich zum x-ten Mal in den vergangenen acht Stunden an. Gerade hat er sein Buch in der Tasche, verborgen √ľber seinem Kopf, verstaut. ‚ÄěNun also New York.‚Äú Alles war ganz anders als geplant. Das Leben hatte, eines seiner Lieblingsbesch√§ftigungen, wieder einmal einen dicken Strich durch die Rechnung, den Plan, die Gedanken gemacht. Was w√ľrden diese f√ľnf Tage bringen? Wie w√ľrde das Ende der Geschichte aussehen? Er war dabei einen vorzeitigen Geburtstagswunsch zu erf√ľllen, der vor einem Jahr nicht denkbar gewesen war. Doch wie gesagt, manchmal ist eben alles ganz anders als es die Gedankenfetzen in ihrer Gesamtheit zu ahnen verm√∂gen.
Das Gespr√§ch vor drei Wochen stellte den Anfang dar. Noch schien eine Besserung in Sicht, oder waren das auch nur Hoffnungen hinter denen sich die tr√ľbe Wahrheit verborgen hielt. Doch mit dem Verstreichen der Zeit nahm das Heer der D√ľsteren, mit Namen Depression, ein Schlachtfeld nach dem anderen als Siegespfand ein.
Michael denkt an das, was er soeben gelesen hat, die Gedanken und Beschreibungen eines holl√§n¬¨dischen Professors, dem, gefangen in den Zw√§ngen der Depression, hindurch qu√§lend durch zutiefst dunkle Zeiten des Wahnsinns, ein Weg gefunden worden war, ein Aufatmen und Leben wieder zu erfahren. Aber der Pfad dorthin war eine Qual. W√ľrde Tanja dasselbe bevorstehen?
In den letzten Wochen hatte sie durch die Mithilfe ihrer hostmam eine Psychologin gefunden, die ihr eine, wenn auch geringe Hilfe bieten konnte. Es war der k√ľhlende Tropfen auf der gl√ľhenden Stirn. Medikamente - eine Sache, ein Alptraum vor dem sie sich stets f√ľrchtete, hatten eine Linderung gebracht. Doch die Zeit des AuPair‚Äės war ein Punkt der Vergangenheit.
‚ÄěBitte, lass es einfach ein Nachweihnachtsgeschenk sein, nenn es Geburtstagsgeschenk der Vorzeit oder einfach nur Gnadengabe, hol mich bitte nach Hause!‚Äú ‚Äď die Worte waren hart, verzweifelt und doch hoffend. Das Wissen, in aller Einsamkeit doch nicht ganz allein zu sein, war noch nicht ganz verloren. Der Sieg der D√ľsternis schien nahe, doch solange dieses Band der Geschwisterlichkeit, der Freundschaft, des F√ľreinanderdasein nicht zerbrochen war, solang beide an ihm sich fest¬¨klammerten, gab es Hoffnung, hatte Tanja sich nicht ganz aufgegeben.
“Bitte schnallen Sie sich an, das Flugzeug wird in wenigen Minuten den Zielflughafen New York erreichen.“
Michael sieht aus dem kleinen Fenster, gl√ľcklicherweise hatte er einen Fensterplatz erhalten. Nach dem langen, acht-st√ľndigen Flug ist das Wetter nun doch so nett, seinen pr√§senten Wolken weiteres Wirken zu untersagen. Erste Leuchten der Vororte weisen einen Weg in Richtung Landungsplatz. Immer tiefer senkt sich die Boing in Richtung Erde. ‚ÄěKeine Angst, alles ist Routine‚Äú ‚Äď Michael ver¬¨sucht sich zu beruhigen, die Ans√§tze von Flugangst d√ľrfen nicht die Landung verderben. Er sieht die H√§user n√§her kommen, der Boden greift in Richtung der Maschine. ‚ÄěWo ist nur der Flughafen?‚Äú Ein Feld scheint als Landeplatz nicht geeignet. Immer tiefer sinkt das Flugzeug. Ein kurzes R√ľtteln, ein leichter, fast gehauchter Schlag - die Landebahn erstreckt sich vor ihnen, das Flugzeug rollt aus ‚Äď es ist gelandet.
New York ‚Äď ein neuer Schritt ein ungewisser Blick in das Heute. Michael atmet tief durch und √ľber¬¨legt kurz, wie alles doch h√§tte ganz anders kommen k√∂nnen, verjagt diese √úberlegungsgeister aber schnell wieder.
Die Boing n√§hert sich dem Flughafengeb√§ude, K√ľnder einer fremden Welt. Kolumbus hat Amerika entdeckt und ist dabei, die ersten Schritte in die neue Welt zu machen, wissend, dass er das Erst¬¨recht nicht f√ľr sich beanspruchen kann. Michael muss bei diesem Gedanken l√§cheln, der echte Ent¬¨decker dachte Indien gefunden zu haben und ahnte nicht, dass auch die Indios und danach die Wikinger √§hnliche Gedanken der Entdeckung von etwas ganz Neuem gehabt haben werden. Wie w√ľrde f√ľr Ihn nun dieses Neuland aussehen, was w√ľrde Tanja ihm als geistiges Begr√ľ√üungsge¬¨schenk machen, ein Hauch der Fremde, der Weite, des Neuen?
Es ist so weit, einer dieser Momente, die einen kleinen Schritt mit großer Wirkung belegen wollen, war Realität geworden.


Die Kutsche rollt, gezogen von einem erm√ľdet scheinenden Rappen, langsam an ihnen vorbei. Wahrscheinlich hofft der Kutscher doch noch Touristen mit einem lockeren Geldbeutel zu finden, die seine vierzig Dollar teure Rundreise durch den Central Park in einem Hauch der Nostalgie be¬¨zahlen werden.
‚ÄěIch komme mir vor wie dieses Pferd.‚Äú Tanja formt aus dem wenigen Schnee zu ihren F√ľ√üen, einen Schneeball und l√§sst ihn durch den Himmel √ľber der gro√üen Wiese, an deren Ende die erstaunlichs¬¨ten Gebilde von Wolkenkratzern aus den Boden wachsen, schneiden. ‚ÄěAusgelaugt, gespannt vor eine Kutsche mit Namen Leben, getrieben √ľber einen Weg, der tagt√§glich nichts Neues zu bringen scheint au√üer weiteren Wolkengebilden, Regenschauern und Monotonie. Der Kutscher treibt mich an und verlangt, dass ich funktioniere, zur Freude der Anderen. Nur wollen diese Anderen nur ganz selten meine Kutsche benutzen, denn sie sehen wohin sie f√§hrt. Also eilen sie lieber davon und suchen Zerstreuung, um nicht daran erinnert zu werden, dass auch sie √Ąngste haben.‚Äú Tanja schaut ihrem Bruder direkt ins Gesicht. ‚ÄěWei√üt Du, es ist eines √ľber Depressionen zu lesen und etwas anderes sich im tiefen Morast der Angst vor dem Leben, der Sinnlosigkeit und der Verzweiflung zu befinden. Ein Buch, eine Geschichte legt man nach der letzen Seite in eine Ecke des B√ľcherschrankes und erinnert sich ihrer aus einem Abstand, der einem nicht schaden kann.‚Äú
Sie laufen einen schweigsamen Moment nebeneinander her. Das alte, antike Karussell am Ende des Weges, welches Michael an seinem ersten Tag im Central Park so begeistert hatte, scheint nicht zu existieren. Ihre Blicke sind in die Weite gewandt und doch hat jeder der beiden einen ganz gewissen Punkt, der in diesem Moment den Gedanken Klarheit vor dem nächsten Wort bringen soll.
‚ÄěManchmal denke ich, dass es mir wie den Auss√§tzigen geht. Ich geh√∂re nicht in die Normalit√§t, funktioniere nicht wie die Masse, die ich jedoch auch nicht darum beneide.‚Äú
Michael sucht nach einer irgendwie passenden Antwort auf diese Anklage an das Leben. Es fällt ihm nichts ein.
‚ÄěEs gibt doch auch Menschen, die sich um Dich sorgen.‚Äú ‚Äď kaum ausgesprochen m√∂chte er diesen Satz zur√ľcknehmen, weil er merkt, dass er damit letztlich ihre Gedanken noch best√§tigt.
‚ÄěSicher, ich bin ein Hilfssuchobjekt, jemand an dem man seine guten Taten auslassen kann, um sich zu zeigen, wie nett, wie menschlich man selbst ist.‚Äú Tanja unterbricht sich, schaut dem Polizisten hinterher, der hochgetrohnt auf einem Pferd den Weg √ľberquert. ‚ÄěEs tut mir leid, dass war unge¬¨recht, aber versuche mich zu verstehen, sorry, du gibst Dir ja M√ľhe, aber ich komme mir trotzdem immer √∂fters so fern vor. Manchmal denke ich, der Welt entr√ľckt zu sein und neben den Dingen zu stehen. Wenn ich nicht wenigstens alles irgendwie psychologisch deuten k√∂nnte ‚Äď ich glaube, ich w√§re schon l√§ngst jenseits aller Horizonte.‚Äú
Sie nähern sich Tanjas Lieblingsplatz - Bethesda Fountain.
Der steinerne Engel wirkt wie ein K√ľnder einer fernen, anderen Welt. Das fehlende Wasser im winterleeren Brunnen w√ľrde wohl einen Hauch steter Ruhe vermitteln. So aber scheint der Himmelsbote auf einem Betonkreis gelandet zu sein, um von seiner Plattform herab ein Wunder ge¬¨schehen zu lassen. Es ist ein Bild, das gleichzeitig Tr√ľbsal und ungewisse Hoffnung in sich birgt.
‚ÄěWenn ich der Engel w√§re, w√ľrde ich herabsteigen, um zu sehen, was diese Welt noch an Liebe ge¬¨ben kann. Durch die Stra√üen triebe mich meine Suche nach Menschen mit Gef√ľhlen, Menschen, die nicht Maschinen ihrer Zeit geworden sind.‚Äú Michael nimmt Tanjas Gedanken auf, es ist ein Ge¬¨dankenspiel, was sie seit fr√ľhester Jugendzeit gespielt haben ‚Äď einer wirft einen Gedanken, einen Geschichtsanfang in die Realit√§t des Geh√∂rten und der andere l√§sst durch seine spontanen √úberle¬¨gungen das Begonnene weiter gedeihen.
‚ÄěUnd w√ľrde ich einen Menschen finden, der aus Angst vor diesen Maschinen Schutz in einer dunklen Ecke gesucht hat, dem seine Gef√ľhle sagen, dass etwas mit dieser Welt nicht stimmt und verzweifelt meint, nicht in ihr leben zu k√∂nnen, w√ľrde ich in diese dunkle Ecke einen kleinen Licht¬¨strahl schicken ‚Äď sacht und winzig, damit er nicht erschrickt. Dieser noch so kleine Strahl wird eine sanfte W√§rme √ľber sein Gesicht gleiten lassen, so dass er die Augen √∂ffnet und sieht, dass selbst in diesen dunklen Zeiten das echte Leben vorhanden ist. Er wird das Gezwitscher der V√∂gel h√∂ren, die in den Dachrinnen Wasser trinken, die Ameise √ľber seine Hand krabbeln f√ľhlen und merken, dass er etwas besitzt, was die anderen verloren haben, den Samen des Lebens und des Liebens in sich, der nach au√üen strebt, um als Pflanze auch den verlorenen Maschinen Samen des Lebens wieder¬¨zugeben.‚Äú
Tanja grinst in sich hinein. Michael kann nicht gleich deuten, ob dies ein zynisches oder erleich¬tertes Lächeln ist.
‚ÄěDer Tr√§umer hat gesprochen. Wenn alles so einfach w√§re. Aber gut, wenn der Engel herabkommt wollen wir ihn begr√ľ√üen und sein Geschenk entgegennehmen ‚Äď nur, scheinbar ist er heute gerade nicht willens, seinen erh√∂hten Platz zu verlassen.‚Äú
Wie auf dem Foto, was Tanja geschickt hatte (und stand es nicht auch in jener alles √§ndernden Email) haben sich Tauben auf der Figur niedergelassen und blicken, wahrscheinlich in Hoffnung auf eine Hand Brezelkrumen, zu den beiden Besuchern. Die Wolken am Himmel erinnern an vergangene Regenschauer und der vom Wasser aufsteigende Nebel taucht die Situation in eine ge¬¨heimnisvolle Stimmung ‚Äď so jedenfalls f√ľhlt es Michael. Sind es f√ľr Tanja eher Tr√ľbsalsboten?
Der Weg zur√ľck in den Trubel der Stadt verl√§uft in Stille. Jeder ist mit seinen Gedanken besch√§f¬¨tigt, versucht das Gesagte und Gedachte in einen Einklang zu bringen.
Das Hupen der Autos, ein Markenzeichen von New York, erinnert die Geschwister daran, dass die Stra√üen sie wieder geschluckt haben. Das schnelle und bunte Treiben wirft sie in den Alltag zur√ľck und l√§sst den Moment der Ruhe als Traum erscheinen. Menschen hetzen vorbei, ein Pulsieren, das Michael in den letzten Tagen begeisterte, nun, in genau diesem Moment st√∂rt es nur. Das Allt√§gli¬¨che ist zur√ľck und so banal wirkt auch der n√§chste ausgesprochen Gedanke: ‚ÄěLass uns zu Subway gehen, ich glaube ich habe einen ziemlichen Hunger.‚Äú


Als Michael am letzten Abend in New York das Licht l√∂scht, will kein Schlaf die Gedanken zur Ruhe kommen lassen. Zuviel Eindr√ľcke und Gedanken waren in den letzten Tagen auf ihn einge¬¨st√ľrmt. Dieser Sturm kam unerwartet und doch vorhersehbar.
‚ÄěEntweder man mag New York oder ...‚Äú ein oder kam nicht f√ľr ihn in Frage. Als er heute vom Atlantik zur√ľck gekommen war und der Twin Tower √ľber ihn ragte, mitten auf der Brooklyn Bridge, ein letztes Mal in diesen Tagen, auf dem Weg zur Wohnung der hostfamily die Skyline Manhattans im Abendschein (welch Stadtromantik) dem Himmel sich entgegenstreckte, wusste er, dass diese Stadt f√ľr ihn etwas Besonderes bleiben w√ľrde. Das Gesehene und Erlebte, verbunden mit den Gedanken um Tanja, dem gemeinsamen Erleben trotz der Schwere der Situation, hatte etwas in der Erinnerung geschaffen, was auf seine Art einmalig war.
Nun hie√ü es Abschied nehmen. Eine andere Realit√§t wartete auf sie. Wie w√ľrde der Wechsel vor sich gehen, wie w√ľrde der n√§chste Tag sie begr√ľ√üen?
Tanjas Stimmung war gestern wieder schlechter geworden. Es lag an der Situation, dem Neuen und dem Abschied ‚Äď die Familie war ihr, trotz der relativ kurzen Zeit, auf eine bestimmte Weise ans Herz gewachsen. Das geschah auch vor allem dadurch, dass sie versuchten Tanja zu verstehen und zu helfen, so gut es ihnen m√∂glich war. Dies entsprach, wie sie durch genug Beispiele von anderen AuPairs aus ihrem Umfeld wusste, nicht unbedingt der Realit√§t. Auch die √úbernahme des Dienstes durch eine Studentin geschah ohne Probleme - alles kleine Hoffnungsleuchten, die der Engel des Central Parks f√ľr sie bereithielt. Wenn man nur lange genug an eine Geschichte glaubt, werden Wendungen dieser Tr√§ume in der Gedankenwelt der Wirklichkeit sichtbar. In diesem Zusammen¬¨hang hatte sich Tanja besonders √ľber die Vergr√∂√üerung des Taubenfotos vom Bethesda Fountain gefreut, das ihr die Familie (unter anderen Sachen) zum Abschied geschenkt hatte.
‚ÄěJa, nun also geht es wieder in die Heimat.‚Äú Michael √∂ffnet das Fenster und schaut auf die nachtver¬¨lassenen Stra√üen von Brooklyn. Er versucht das Bild, was sich ihm bietet, festzuhalten und in der Erinnerung abzulegen. Morgen endet die Reise und beginnt aufs Neue, denn jedes Ende eines Weges f√ľhrt auf einen neuen ‚Äď ins Ungewisse, das Morgen schon Gewissheit sein wird.
Ein Auto f√§hrt vorbei. Das Ger√§usch liegt einen Moment in der Luft und entschwindet wieder. Die Stimmen der Nacht, von welchen Tanja sprach und denen sie entfliehen m√∂chte, wispern zu ihm, doch der Schlaf ist gn√§dig und ruft ihn zur√ľck ins Bett. Der Tag hat seine Schuldigkeit getan und l√§sst los. Gedankengebilde s√§useln zwischen Realit√§t und Geheimnisvollem.
Die Nacht des Big Apple setzt sich auf seine Bettdecke und lässt ihn in die ungewisse Welt der Träume hineingleiten.


‚ÄěBitte schnallen Sie sich an, es ist mit wetterbedingten Turbulenzen zu rechnen.‚Äú
Michael schaut zu Tanja, die neben ihm eingeschlafen ist. ‚ÄěSo m√∂chte ich auch schlafen k√∂nnen. Sie hat zumindest in diesem Moment nicht die Angst abzust√ľrzen.‚Äú Im n√§chsten Moment denkt der junge Student daran, dass er nicht wei√ü, mit welchen Tr√§umen seine Schwester gerade vorlieb nehmen muss. Welche Angst wartet in den Gefilden des Schlafes auf sie und wie beschreibt man die Furcht, die erst nach dem Erwachen in der Realit√§t lauert. Vielleicht schenken die Tabletten ja seiner Schwester das, was sie im Moment sucht, Ruhe vor dem Sturm und Kraft durch den Sturm hindurch. Michael hat im Moment nur mit einem Sturm (oder ist es blo√ü ein Wind ‚Äď ihm reicht es) zu k√§mpfen, der den Airbus von einer Seite auf die andere weht. Irgendwann, in einigen Stunden, am liebsten sofort, ist dieser Flug zu Ende und der sichere Erdboden f√ľhlt sich wieder wie ein kleines Wunder unter den F√ľ√üen an. Tanja jedoch wird aufwachen und durch weitere St√ľrme wan¬¨ken. ‚ÄěIch werde ihr helfen.‚Äú ‚Äď es ist leicht gesagt, wie er es in den letzten Tagen gemerkt hat, doch wie schwer ist es zu vollbringen. ‚ÄěEinfach nur da sein.‚Äú ‚Äď und wenn das alles ist, was er tun kann, Verst√§ndnis haben, zuh√∂ren und sie nicht aufgeben, auch wenn seine Schwester sich manchmal schon fast aufgegeben hat. Er denkt an ‚ÄěFlucht in die Wolken‚Äú und das Gedicht, was Tanja damals geschrieben hat. Diese Flucht in eine Traumwelt, in eine Zweitwelt, welche das M√§dchen in diesem Buch versuchte zu leben, findet er auch in Tanjas Worten wieder. Der Wunsch, die Hoffnung auf eine Welt, die Verst√§ndnis hat und Liebe, ist ihm durch sein Studium und vor allem die eigene Sensibilit√§t nicht fremd. Er nimmt den Zettel mit Tanjas Gedicht aus seinem Buch und lie√üt es ein weiters Mal:
‚ÄěIch dachte ‚Äď ich w√§re frei
frei von allem √Ąrger dieser Welt
keine Not, keine Angst, keine Tr√ľbsal
stören mich mehr.
Wenn die dunklen Gedanken kommen
besteige ich eine Wolke und fliege davon.
Fliege in ein Land, wo es nur Liebe gibt,
in ein Land, das die dunklen Mächte nie erreichen.
Da holt mich ein Ruf
in die Gegenwart zur√ľck.
Schon umringen sie mich die D√ľsteren.
OH LAND DER LIEBE ‚Äď WO BIST DU?
Michael schaut zu Tanja, die immer noch in einem ungewissen Schlaf mit sich allein ist. Er denkt an den Engel des Central Park‚Äės, an die Geschichte mit dem Lichtstrahl in der dunklen Welt, sieht auf die letzten, gro√ügeschrieben Worte des Gedichtes und erkennt, dass auch in einem tr√ľbsinnigen Ende ein Funken Hoffnung liegen kann.

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HFleiss
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Bethesda Fontain

Ich finde es nicht ganz leicht, diesen Text zu kommentieren.
Ich suche dein eigentliches Anliegen. Im Grunde, glaube ich, besteht es darin, dass hier ein junger Mann auf eigenen F√ľ√üen stehen will. Du bettest das ein in einen Antrag auf BAF√∂G, in die Sorge um die Schwester in New York, die Reise nach New York, das Wiederankommen zu Hause. Das alles sind Dinge, die einem passieren. Dein Stil ist ausgreifend, mitunter recht √ľbertreibend, manchmal nicht zutreffend, immer jedoch expressiv. Jeder angesprochene Gedanke stimmt irgendwie f√ľr sich. Ich wei√ü nicht, ob ich etwas √ľberlesen habe - aber ich suche nach der Pr√§misse des Textes, dem A und O jeder Geschichte. Du baust keine Story auf, das macht die Sache irgendwie kompliziert. Ich w√ľrde dir liebend gern Konkreteres schreiben, aber ich kann es nicht. Alles gleitet durch die Finger, hier ein Leuchtpunkt, dort einer und dort wieder einer - aber sie ergeben f√ľr mich nichts Ganzes. Vielleicht habe ich etwas √ľberlesen. Aber ich denke mir, eine gewisse Story sollte sich w√§hrend des Lesens entwickeln, das Leben spielt sich nun mal nicht in Gedankenwolken ab, sondern sehr irdisch hienieden. Nicht √ľberm√§√üige F√ľlle, sondern die Konzentration macht einen Text lesenwert, denke ich. Vielleicht zur Form: Jede Geschichte besteht aus drei Teilen: der Einleitung, dem Hauptteil und dem Schluss. Selbst das aber zerl√§uft in deiner Geschichte. Wie gesagt, ich bin ein bisschen ratlos. Vielleicht sehen das andere anders, die deine Geschichten schon kennen, f√ľr mich ist dieser Text die erste Begegnung mit dir als Autor. Also nicht verzagen, ein Autor - drei Meinungen, so ist es nun mal.

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sarastes
Wird mal Schriftsteller
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Hm, es ist immer wieder interessant wie verschieden Geschichten oder Gedichte von den umterschiedlichsten Leserinnen und Lesern verstanden werden.

Die beiden Hauptthemen in der Geschichte sind Familie (das Zusammenhalten der Geschwister)und Depression sowie der Kampf damit und das √úberleben.

Sicherlich sind auch einige pers√∂nliche Gedanken (gerade in den Gedichten + der Geschichte des Engels eingeflossen - die "Momentgef√ľhle" waren.

In wie fern ist der Stil aufgreifend, √ľbertreibend?

Das Leben - gerade f√ľr Mensch mit Depressionen (oder Problemen generell) ist manchmal ein Gleiten von einem Hoffnungsmoment zum n√§chsten und nicht immer strukturiert.

Was die Struktur, Einleitung - Hauptteil - Schluss betrifft, kann man die wohl finden - wenn man sie sucht - wer aber hat das Dogma erstellt, das nur in der Art und Weise Geschichten funktionieren können?

N√§chtliche Gr√ľsse

sarastes

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HFleiss
gesperrt
Manchmal gelesener Autor

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Bethesda Fontain

Lieber Sarastes,

die Dreiteil-Sache eines Textes hat meines Wissens (falls ich mich nicht irre) Aristophanes aufgestellt, und sie hat sich, soweit ich in der Praxis gesehen habe, auch bew√§hrt. Selbstverst√§ndlich kannst du schreiben, probiere Varianten aus, wie du willst, am Ende kommt es auf den Erfolg beim Leser an. Du hast nat√ľrlich in allem Recht - jeder Leser sieht einen Text anders, es gibt keine unumst√∂√ülichen Ma√üst√§be. Darum bin ich auch immer sehr vorsichtig, ehe ich mich √§u√üere, ich will ja niemanden vor den Kopf sto√üen. Bei deinem Text ist es mir wirklich schwergefallen, etwas richtig Handgreifliches zu sagen. Aber vielleicht, und das f√§llt mir im Nachhinein ein, w√§re es g√ľnstig, wenn du dich ganz auf die Geschwisterbeziehung konzentriertest. Lass die BAf√∂G-Geschichte und das Computerkabinett aus, das lenkt nur ab.
Konzentrier dich auf den Konflikt zwischen Schwester und Bruder. Welches ist eigentlich der Konflikt? Besorgnis des Bruders um die Schwester allein reicht meiner Ansicht nach nicht. K√∂nnte es Inzest sein? Du erz√§hlst sehr wortreich von allem M√∂glichen, fast scheint es, als wolltest du den Konflikt dahinter verbergen. Ich habe √ľberhaupt nichts gegen Assoziationen, aber in deinem Text wird mir ein bisschen zu viel philosophiert, an manchen Stellen - das ist mein Eindruck - nicht konkret genug, alles ist irgendwie verschwommen. Das ist mein ganz pers√∂nlicher Eindruck. Andere m√∂gen das anders sehen. Schade, dass noch niemand Anderes dir geschrieben hat. Was ich mit "√ľbertrieben" meine, ist: Ich hatte beim Lesen den Eindruck, dass du um dich schl√§gst. Und so schreibst du dann auch. Aber, wie gesagt, das alles ist mein ganz pers√∂nlicher Eindruck, einer von vielen.

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Fitzberry
Guest
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Hallo sarastres,

deinen Text finde ich gar nicht so √ľbel. Ich sehe da schon eine inhaltliche Koh√§renz. Vor allem gefallen mir die Gedichte, die du hier eingebettest hast, besser, als die im Lyrikforum. Ich sehe Stil (in Ans√§tzen) und eine noch nachvollziehbare Phantasie. Und am wichtigsten: Eigenes.

Gr√ľ√üe
Robert

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