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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Biggi
Eingestellt am 12. 11. 2000 10:54


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Markus Veith
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2000

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Biggi

Die alte Wohnungst├╝r schwingt auf und prallt gegen die Wand des schmalen Flurs. Das in Holz eingefa├čte, geriffelte Glas scheppert bedrohlich, als wolle es vor einer Wiederholung warnen. Ich kneife die Augen zu und warte, bis der kurze Schmerz hinter ihnen nachl├Ą├čt.
"Uups", grinst Olaf mich an und schiebt seinen blau-roten Trekking-Rucksack ├╝ber die Schwelle seiner Wohnung. "Das passiert mir so oft, aber ich denke nie daran, mal einen Stopper oder sowas anzubringen", entschuldigt er sich. "Komm rein."
Ich nicke tr├Ąge, packe meinen Rucksack und folge ihm. Mechanisch schlie├če ich hinter mir die T├╝r. Das leise Scheppern des Glases klingt ein wenig wie Z├Ąhneknirschen. Mich fr├Âstelt.
"Stell' den Rucksack einfach da hin." Ich murmle irgendetwas Unverst├Ąndliches und komme dieser Aufforderung sofort nach. Benommen schleife ich das Gep├Ąckst├╝ck gegen die Wand. Olaf ├Âffnet eine der T├╝ren.
"Biggi!? - Scheint nicht da zu sein. Brrr, ist das kalt hier." Nach einem Griff ans Thermostat ├Âffnet er die n├Ąchste T├╝r und wirft achtlos seinen Riesenranzen ins Dunkel dahinter. Erst dann macht er das Licht an. Wei├če Rauhfasertapeten, dichtbepacktes B├╝cherregal, Computerecke, dar├╝ber ein kunterbuntes Sergeant-Pepper-Poster. Den Rest des Zimmers kann ich nicht sehen. Der Rucksack ist zielsicher vor dem Computertisch gelandet.
Ich lehne Schulter und Kopf gegen die Wand. Eine angenehme K├╝hle dr├╝ckt mir an die fieberwarme Schl├Ąfe.
"Oh, shit, Dirk, du siehst aus wie Gevatter Tod pers├Ânlich", mustert mich Olaf, wobei er mitleidig l├Ącheln mu├č.
"Dieser Herr holt mich sicher heute nacht", knurre ich, bem├╝ht, die Augen aufzuhalten.
"Soll ich besser einen Arzt rufen?" Besorgt nagt er an seiner Unterlippe.
"Ach was. Etwas anderes als Aspirin und Bettruhe r├Ąt der mir auch nicht."
Olaf grinst breit und zieht seinen Mantel aus. "'Der Weise aber kroch ins Fa├č und sprach: Ja, ja, das kommt von das.' - Ich habe dich gewarnt. Zu dieser Jahreszeit kannst du in New York nicht mehr in einfacher Jeansjacke rumlaufen. Jetzt hast du deine Erk├Ąltung weg."
"Willst du mir 'ne Predigt halten?" raune ich.
"Vergib mir, das habe ich von meiner Frau Mama." Lachend klopft er mir auf die Jeansschulter und entfernt sich in Richtung K├╝che. "Du gehst aber nicht ins Bett, bevor du etwas gegessen hast. Zumindest 'ne Suppe. Du hast im Flugzeug schon nichts anger├╝hrt."
"Das lag aber nicht an der Erk├Ąltung", brummle ich in Erinnerung an die Wetterturbulenzen und trotte hinter Olaf her. Er steht in einer engen, hellen K├╝che, in der man gerade eben so zwischen Herd und der E├čecke vorbeikommen kann und liest eine Notiz.
"Biggi kommt erst morgen vormittag wieder, schreibt sie. Fein. Dann kannst du ja f├╝r heute nacht ihr Bett benutzen statt die Isomatte."
"Bestens", sage ich, ziehe den Stuhl vom Tisch und setze mich.
"Ochsenschwanz oder klare Br├╝he?" fragt Olaf ins Innere eines Schrankes.
"Br├╝he", knurre ich an meiner Hand vorbei, die es nicht schafft, meiner Stirn durch Reiben Linderung zu verschaffen. Nach einigen hantierenden Ger├Ąuschen setzt mein Gastgeber sich zu mir an den Tisch. Er h├Ąlt seinen Handr├╝cken an meine Stirn.
"Du hast Fieber."
"Was du nicht sagst."
"Viel Spa├č heute nacht."
Ich mu├č l├Ącheln. Gezwungen zwar, aber ich l├Ąchle.
"Und du glaubst, Biggi hat nichts dagegen, wenn ich mein Jeansjackenfieber in ihren Laken austobe?"
"Ich denke, sie wird Mitleid haben", lacht Olaf. "Sie studiert Veterin├Ąrmedizin."
Olaf ist ein drolliger Kerl. Ich lernte ihn auf meinem Sechs-Wochen-Trip durch die USA kennen. Ich sa├č in einer Bar in Oakland, da kam dieser rundliche Typ mit dem ewig freundlichen Gesicht auf mich zu, setzte sich zu mir und fragte mich, aus welcher deutschen Stadt ich denn k├Ąme. Bis heute habe ich nicht aus ihm herausbekommen, was mich eigentlich verraten hat. Wir haben uns an dem Abend lange unterhalten. Olaf studiert Germanistik und ich bemerkte gleich seine Schw├Ąche f├╝r Wilhelm Buschs Verse. Ich wage die Vermutung, da├č er das Gesamtwerk auswendig gelernt hat.
Er ist ein sehr lieber, umg├Ąnglicher und vor allem stets hilfsbereiter Zeitgenosse, mit dem man wirklich - Wie sagt man? - Pferde stehlen kann. Nachdem wir uns die n├Ąchsten Tage und N├Ąchte in San Francisco um die Ohren gehauen hatten, beschlossen wir, auch den Rest der Zeit zusammenzubleiben und Amerika zu zweit zu durchforsten. Olaf mu├čte jedoch eine Woche eher als ich zur├╝ck in der Heimat sein und da ich nun auch keine Lust mehr hatte, alleine herumzutingeln, flog ich mit ihm zur├╝ck. Er lud mich daf├╝r ein, meine restliche freie Woche bei ihm in Gie├čen zu verbringen und da ich dort noch nie war und zu Hause eh nur herumgegammelt h├Ątte, sagte ich halt zu. Einen Tag vor unserem Abflug von New York merkte ich, wie die Erk├Ąltung aufzog, die mich jetzt voll gepackt hat.
"Wie ist Biggi denn so?" frage ich, w├Ąhrend ich die Br├╝he schl├╝rfe. Sie ist verdammt hei├č und ich habe mir gleich beim ersten L├Âffel die Zunge verbrannt. Aber sie tut gut.
"Klasse. Sonst w├╝rde ich doch nicht mit ihr zusammenwohnen", kommt Olafs Stimme aus dem Flur. Er ist dabei, seinen Rucksack auszur├Ąumen. "La├č dich ├╝berraschen. Du lernst sie ja morgen kennen."
"Habt ihr was miteinander?" Mir wird bewu├čt, da├č Olaf mir bisher nicht besonders viel von sich und seiner Mitbewohnerin erz├Ąhlt hat.
"N├Â. Ich komme wunderbar mit ihr aus, aber sexuell ist sie nicht unbedingt mein Typ." Sein rundes Gesicht erscheint im T├╝rrahmen. "Na ja", sagt er und ├╝ber seine Mundwinkel schleicht ein verlegenes L├Ącheln, "oder aber, ich bin nicht unbedingt ihr Typ."
Ich schaue ihn ├╝ber den Rand meiner Brille hinweg zweifelnd an. Er hebt kurz die Schultern und ist wieder verschwunden. Mit einem Schluck Mineralwasser sp├╝le ich eine Aspirin-Tablette herunter. Die Suppe hat mich wieder etwas aufgerichtet, doch f├╝hle ich mich immer noch sehr matt. Ich will nur noch ins Bett, denn ich sp├╝re, wie das Fieber aus mir heraus will; wie es will, da├č ich schlafe.
"Wo kann ich mich denn hinlegen, Olaf?" frage ich und schlurfe in den Flur.
"Hier gleich." Olaf springt auf und ├Âffnet die T├╝r, die neben K├╝che, Bad und seinem Zimmer noch ├╝brig bleibt. "Biggis Bettzeug tun wir besser runter. Nimm stattdessen meinen Schlafsack. Den kann man waschen, falls dir heute nacht das Fieber aus den Poren l├Ąuft. Ich hol ihn dir gleich." Er maschiert schnurstracks auf das Bett zu, das l├Ąngs an der Wand gegen├╝ber steht. Mit zwei Handgriffen wirft er das pastellbunte Bettzeug auf den Boden. Beim Hinausgehen f├╝gt er nach einem musternden Blick auf mich hinzu: "Zu w├╝nschen w├Ąre es dir ja. Au weia, du siehst zum Kotzen aus."
"Danke", knurre ich, ohne eine Miene zu verziehen. "Oh, so einen habe ich auch", bemerke ich und meine damit eine gro├če Rattan-Sitzsch├╝ssel, die mitten im Zimmer und etwas im Weg steht. Sofort lasse ich mich in sie hineinplumpsen.
F├╝r ein, zwei Atemz├╝ge lasse ich meine Augen geschlossen, r├╝hre mich nicht und horche auf meinen Herzschlag. Ein in T├╝cher gewickelter Vorschlaghammer scheint meine Sch├Ądelinnenwand zertr├╝mmern zu wollen.
Langsam lasse ich meinen Blick durch die Weiten meines vor├╝bergehenden Domizils wandern. Der Raum ist ein Eckzimmer, recht gro├č und altbauhoch, bestimmt drei Meter. Hinter der T├╝r steht ein Kleiderschrank, gro├č und bullig. Wie so ein Bauernkolo├č, aber kiefernhell gebeizt. Jede Menge Gr├╝nzeug steht ├╝berall, wo Licht hinkommt und Platz daf├╝r ist. Sogar auf dem Schrank. Ein riesiger Ficus im wei├čen Plastiktopf steht auf einem niedrigen Hocker in der Ecke. Am Griff des Fensters daneben h├Ąngen vier getrocknete rote Rosen; mit einem Wollfaden zu einem Bund geschn├╝rt. Diese Art, die man und frau abends in jeder Kneipe unter die Nase gehalten bekommt. Ich mu├č an meine Wohnung denken, wo ich immer eine einzelne Rose in einer d├╝nnen Glasvase auf dem Tisch stehen habe. Einfach so. Weil ich's sch├Ân finde.
Unter dem dichtbegr├╝nten Fensterbrett, auf dem auch ein flacher Radiowecker wacht, ist die Heizung in die Wand eingelassen. Das Bett ist ein einfaches Holzgestell, das nun ohne Federbett, nur noch mit wei├čem Frottee bezogener Matratze etwas nackt aussieht. ├ťber dem Bett ein ├╝bergro├čes Poster von einem Wolf, der in einiger Entfernung mit gesenktem Kopf durch den Schnee auf den Fotografen zutapst. Es ist mit Stecknadeln an der wei├čen Tapete befestigt. An die Nadel unten rechts ist ein kunstvoll beschriebener Papierbogen gepinnt. Ich kneif die Augen zusammen, kann die Schrift auf die Entfernung jedoch nicht entziffern. Mit einem gequ├Ąlten Seufzer arbeite ich mich aus der Korbsch├╝ssel. Verdammte Neugier. Ein kurzer Schreckensschrei entfleucht mir, als die Matratze unter meinem Knie zun├Ąchst kein Ende nimmt und zur Seite weicht. Hinter mir h├Âre ich ein grunzendes Kichern.
"Hier. Fang." Ich drehe mich tr├Ąge zur T├╝r und sehe etwas auf mich zufliegen, doch meine benommenen Reflexe sind viel zu m├╝de, die Arme zu motivieren, um das zusammengeschn├╝rte Wurfgescho├č aufzufangen. Es bleibt vor dem Bett liegen. Olafs grinsendes Mondgesicht entschwindet kopfsch├╝ttelnd. "Pack dich schon mal ein. Ich mach dir noch was zurecht."
G├Ąhnend mache ich mich daran, mit so wenig Bewegungen wie m├Âglich, den Schlafsack auszupacken. Beinahe schmei├če ich dabei den Gr├╝nzeugtopf um, der auf einer Lautsprecherbox am Fu├čende des Bettes plaziert ist. In der Ecke dahinter steht ein b├╝cher├╝bers├Ąhter Computertisch. Das Holzbord an der Wand dar├╝ber biegt sich unter der Last der Tiermedizin und eines Zimmerefeus.
Ich ziehe den B├╝rostuhl heran und beginne, mich langsam zu entkleiden und meine Sachen ├╝ber die Lehne zu legen. Mein Blick f├Ąllt auf ein Foto. Es lehnt an einem Griffelkasten, der seinen Platz auf dem Schreibtisch unter dem zweiten Fenster hat. Ein langweilig wirkender Endzwanziger, dessen verkniffenes Gesicht sich wohl um ein ihm ungewohntes L├Ącheln bem├╝hen mu├čte. Unwillk├╝rlich versuche ich, seinen schiefen Mund nachzumachen.
In der Ecke rechts neben dem Schreibtisch h├Ąngen mehrere gerahmte Fotografien ├╝ber einem tiefgr├╝nen Gummibaum, der jedoch halb von der zweiten Lautsprecherbox verdeckt wird.
Beim Anblick einer der Aufnahmen mu├č ich verbl├╝fft l├Ącheln, denn ich selbst habe mal ein ├Ąhnliches Foto von demselben Motiv gemacht. Ich nehme an, da├č diese Fotos ebenfalls selbst gemacht sind, denn sie sind zwar sehr sch├Ân, jedoch nicht professionell.
Dies hier ist eine Aufnahme von der Peter-Pan-Statue im Hyde-Park in London. Obwohl sie recht klein ist, wirkt sie sehr gro├č, denn Biggi hat - ich nehme einfach mal an, da├č Olafs WG-Genossin dieses Foto gemacht hat - von unten nach oben fotografiert, um zus├Ątzlich noch einen sehr sch├Ânen Lichteffekt zu erzielen, da zum Zeitpunkt der Aufnahme gerade das Licht durch die Nadelb├Ąume im Hintergrund fiel.
Ich hatte mal eine Freundin, Julia, die, wie ich, gerne fotografierte. Die knipste Objekte auch gerne mit verdecktem Gegenlicht und von unten nach oben. Das f├Ąllt mir nun ein, da ich die anderen Bilder betrachte. Ein Steind├Ąmon aus einem unheimlich wirkenden, niedrigen Blickwinkel. Big Ben, Westminsterseite, die obere H├Ąlfte vom Nachmittag vergoldet. Ein abgebrochener Baumstamm, dessen Aufnahme ein bunter Lichtkegel versch├Ânt. Doch habe ich Zweifel, da├č der beabsichtigt war. Wirklich sch├Âne Bilder. Doch.
Shorts, T-Shirt und auch die Socken lasse ich an, weil meine F├╝├če fast abfrieren. Ich f├╝hle mich abgrundtief tr├Ąge und matt und so setze ich mich - diesmal etwas vorsichtiger - auf das Wasserbett und schl├╝pfe ziemlich umst├Ąndlich in den Schlafsack. Ich bem├╝he mich, meine Z├Ąhne am Klappern zu hindern. Der erste Moment in diesen arktistauglichen Schlafpellen ist immer so bitterkalt. V├Âllig fertig lehne ich mich an die Wand und sp├╝re erleichtert, wie es langsam w├Ąrmer wird. Eine der Stecknadeln des Posters ├╝ber mir st├Ârt meinen Hinterkopf und ich entsinne mich des Zettels. Unbeholfen rutsche ich ein wenig herum, um die Schrift lesen zu k├Ânnen.

Einsamer Klang
So schrei, mein Wolf
Ber├╝hre mich Fern - ganz nah
Mein Gebet F├╝r eine Liebe im Wahn
F├╝r die Hand, die mich hart umfa├čt
Mach die Augen zu Nun vergiss und vergib
Mach die Augen zu
Unser Atem verstummt, wenn es ├╝ber uns kommt
Wenn die Farben verblassen und die Nacht wird grau
Sind unsere Schatten bereit, von uns zu gehen
Mach die Augen zu La├č die Tr├Ąume ziehen
Wenn eine Stimme in uns schreit Mit wildem Verlangen
Im Handumdrehen zerbrichst du mir das Herz
Und gef├Ąllst dir selbst dabei
Ich br├╝lle in die Nacht
Du hast mir dein Wort gegeben
Mit der Hand, der ich mal vertraute
Liebe mich um Himmels willen
Du schaust durch mich Du schaust mich zu Staub
Mach die Augen zu Lieb' mich wie einst
Unser Atem verstummt

Unten in der Ecke steht ein kleines The Mission. Das l├Ą├čt mich die Brauen heben. Ich finde es ziemlich anma├čend, einen Missiontext zu ├╝bersetzen. Zumal diese ├ťbersetzung mir nicht besonders gelungen erscheint.
Olaf kommt herein, in der Hand eine gro├če Schale Dampfendes. "Hier. Das trinkst du jetzt. Keine Wiederrede."
"Was ist das?"
"Ich sagte trinken, nicht fragen."
"Hast du das auch von deiner Frau Mama?"
Olaf grinst. "Das Rezept oder das Bemutterungsgehabe? - Hm, wohl beides." Dann f├╝gt er schnippisch hinzu: "Trink, solange es noch hei├č ist, mein Kleiner."
Es ist sehr hei├č. D├╝nne, wei├če Schwaden ziehen sich ├╝ber das Ges├Âff und lassen sich von der Hitze treiben. Man kann die Promille f├Ârmlich riechen. Ich puste und nippe, und die Hitze kocht in mir herab. Der erste Geschmack zwingt mich, die Augen zuzukneifen. Olaf grunzt belustigt.
"Ein Beutel Hustentee, ein Beutel Schwarzer Tee, dazu der Saft einer ganzen Zitrone, drei L├Âffel Honig und zwei volle Pinnchen Strohrum. Wohl bekomm's. Du wirst schlafen wie ein Murmeltier und schwitzen wie ein Eisb├Ąr in der Sahara, worauf du einen lassen kannst."
Ich nicke und bereite meine Zunge schon mal auf das n├Ąchste Nippen vor. Dabei begutachte ich den gegen├╝berliegenden Rest des Zimmers. Ein niedriger, heller Holztisch steht vor einem Sofa. Die Couch ist mit einem gro├čen, lila-blau gemusterten Schonbezug ├╝berdeckt, der schon etwas abgesessen wirkt. Links neben dem Sofa steht die Musikanlage in einem Schrank, der noch Platz f├╝r CD's l├Ą├čt. Ich wette, da├č einige von The Mission darunter sind. Rechts neben der Couch steht ein ├╝berf├╝lltes, mannshohes B├╝cherregal. Am gr├╝nen Buchr├╝cken erkenne ich einige Reihen Karl-May-B├╝cher, die jedoch halb von einem Geb├╝sch Russischen Weins ├╝berhangen sind. In der einen Ecke des Sofas, zwischen zwei Kissen, die nicht ganz dasselbe Muster haben wie der ├ťberzug, hockt eine Stoff-Miss-Piggy und grinst mich rosa an. Ich grinse zur├╝ck.
"Miss Biggi, hm?" vermute ich laut. Olaf l├Ą├čt sich in die Kissen des ├╝bergro├čen Korbsessels sinken, der verhalten knarrt. L├Ąchelnd schaut sein Besetzer zu dem Pl├╝schschwein.
"Ja. Die hat sie vor einem Jahr von ihren Komilitonen zum Geburtstag bekommen. Zum F├╝nfundzwanzigsten."
"Wie ist sie so? Was liest sie? Mal abgesehen von Karl May?" frage ich interessiert, mit Hinblick auf das zu weit entfernte B├╝cherregal. "Man hat mir mal gesagt, man k├Ânne einen Menschen charakterisieren, wenn man sieht, was er im B├╝cherschrank hat."
"├ťberwiegend Miller", antwortet mein Freund und schaut in dieselbe Richtung, und ich hebe anerkennend die Brauen. "Aber auch viel unterschiedliche Sachen. B├Âll, Wilde, Adams, jede Menge Grass und ich glaube, auch einiges von Shakespeare."
"G├╝nter Grass", wiederhole ich mehr f├╝r mich selbst. "Den habe ich mal gesehen. Bei einer Lesung. Habe mir da ein Autogramm in meine Ausgabe der 'Blechtrommel' geben lassen. Hatte sie extra mitgenommen." Ich puste einige Schwaden beiseite. "Biggi scheint ein sehr interessantes M├Ądchen zu sein. Ist sie h├╝bsch?"
Olafs gedehnte Best├Ątigung l├Ą├čt mich auf ein gewisses Ma├č heimliche Bewunderung schlie├čen.
"Ich habe aber kein Foto", gesteht er fast schuldbewu├čt.
"Das da ist ihr Freund, nehme ich an", sage ich und nicke gen Schreibtisch.
"Karsten. - Ja-a." Olaf runzelt die Stirn. "Ein seltsamer Kauz. Ziemlich abgehoben. L├Ą├čt sich von niemandem so gekonnt beeindrucken wie von sich selbst."
"Aber mit ihr kommst du ja gut klar?" sage ich zwischen zweimal Pusten.
Er druckst ein wenig herum und seufzt.
"Na ja ... Wie man's nimmt", gibt er zu. "Die meiste Zeit kommen wir ganz gut miteinander aus." Dann grinst er etwas gequ├Ąlt. "Wo viele zarte H├Ąnde walten. - Na, das ist so, wie es ist. Kellerschl├╝ssel, Bodenschl├╝ssel. F├╝hren leicht zu Zank und Zwist."
Ich frage: "Busch?"
Er nickt. "Pater Filuzius. - Wie geht es dir jetzt?"
Die Schale ist fast leer und ich bemerke nun allm├Ąhlich, wie sich eine benommene, durchaus nicht unangenehme Hitze in meinem Kopf und im restlichen K├Ârper breitmacht. Ein leichtes Trisseln hinter meiner Stirn l├Ą├čt meinen Blick ein wenig den Augen hinterherhinken und die Lider schwer und schwerer werden.
Ich frage forschend: "Zwei Pinnchen?"
Er grinst das breiteste Grinsen, das er aufbieten kann.
"K├Ânnen auch drei-und-ein-bi├čchen gewesen sein."
Ich lache etwas gequ├Ąlt und merke, wie m├╝de ich geworden bin. Genu├čvoll strecke ich den Mund zu einem ungesch├╝tzten G├Ąhnen und meine Halsschmerzen recken sich empfindlich.
"Tobias sechs, Vers drei: 'Oh, Herr, er will mich fressen.' - Alles klar. Habe verstanden", kichert Olaf und erhebt sich.
(Fortsetzung > "BiggiII"

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