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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Biggi II
Eingestellt am 12. 11. 2000 10:55


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Markus Veith
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2000

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Fortsetzung von "Biggi":
Ich lasse mich einfach zur Seite sinken. Leise wabert es unter mir. Dann geht vor meinen Lidern das Licht aus. "Schlaf gut", meine ich noch zu h├Âren, dann wickelt mich die Dunkelheit in ein schweres, warmes Samttuch, durch das ich f├╝r einige Augenblicke noch die mattgrau gef├Ąrbten Umrisse des Fensters erkennen kann. Einen weiteren Augenblick verharre ich. Drei Augenblicke. Ich sinke tiefer. Vier Augenblicke. Noch tiefer. Und es wird warm dabei. - F├╝nf.
Eine Stimme. Irgendwo im Hintergrund. Dunkel ist es dort. Wie ein schlecht beleuchtetes Bild im Fernseher. Dann wird es deutlicher. Erst nur heller, dann auch sch├Ąrfer.
Ich sitze. In einer Reihe von Menschen. Viele Menschen. Vierzig. F├╝nfzig. In Sitzreihen. Jetzt applaudieren alle. Die Menschen um mich herum stehen auf und alle klatschen. Ich f├╝hle mich irgendwie ertappt, stehe auf und klatsche auch. Ich schaue nach rechts. Eine dicke, alte Frau grinst mich breit an.
"Ist er nicht wundervoll?" kiekst sie.
"Ja, toll", sage ich, ohne recht zu wissen, wen sie meint. Ich schaue nach vorn. Ein Mann, Schnauzer, schwarze Haare, Brille, sitzt an einem Tisch, vor ihm ein Mikrofon. Er erhebt sich nun, verbeugt sich und murmelt ein "Danke" nach dem anderen. Von links spricht mich eine Stimme an: "Nun geh' schon. Gib ihm dein Buch." - Julia Verklenberg. Ich war mal mit ihr zusammen. Ich stehe in einer Menschenschlange. Viele, viele Leute. Sie stehen auf einem Laufband, das in ruckartigen Intervallen weiterl├Ąuft und wieder h├Ąlt. Vor mir in der Schlange steht Julia. Beinahe w├Ąre sie bei dem Vorrucken des Laufbandes gest├╝rzt.
Alle haben ein Buch in der Hand. Ich auch. Ich schaue auf den Einband.

'Biggi und der Wolf'

Wir gelangen an einen Tisch. Der dunkelhaarige Mann mit dem Schnauzer sitzt dahinter und dr├╝ckt einen Stempel in die B├╝cher, die ihm die Leute auf dem F├Ârderband vorlegen. Der Schnauzer und die Brille passen nicht zu ihm. Der Bart ist sichtbar angeklebt. Das Gesicht habe ich schon mal gesehen. Dieser verkniff- ene Mund ... Ich versuche, ihn ebenso verkniffen zu imitieren.
Julia kommt dran. Strahlend freundlich sagt sie: "K├Ânnten sie wohl bitte dazuschreiben: 'F├╝r Julia Verklenberg'. Ach, das w├Ąr' nett."
Der Typ mit dem angeklebten Schnauzer grinst gek├╝nstelt.
"Verkelberg war das, ja?" fragt er nochmal nach.
"Nein. Verklenberg", wiederholt sie verbissen. Das hat sie immer tierisch gefuchst. "V-E-R-K-L-E-N Berg."
Dieser Typ holt einen Kuli hervor und erf├╝llt ihr den Wunsch. Bevor er schreibt, klickt er affektiert drei, vier Mal die Miene rein und raus. Ich will kein Autogramm von diesem Knilch und wir gehen den Gang entlang zu einer T├╝r. Julia ├Âffnet sie und wir betreten ein Zimmer, mein Zimmer, daheim. Eine Hitzewelle schl├Ągt mir entgegen.
Doch Moment! Dies ist nicht mein Zimmer. Es sind nur meine M├Âbel. Alles in diesem Zimmer geh├Ârt mir, doch mein Zimmer daheim ist es nicht. Dieser Raum ist recht gro├č und hoch, bestimmt drei Meter. Vermutlich eine Eckwohnung in einem Altbau, denn sie hat zwei Fenster.
Aber ich wundere mich nicht weiter. Sogar meine Unordnung ist hier und eine Rose steht auf dem Tisch. Was soll ich mir also Sorgen machen? Ich werfe das Buch auf mein Bett und drehe das Thermostatr├Ądchen herunter.
"Eine Bullenhitze hast du hier", bemerkt auch Julia stellt ihr Buch in meinen Schrank, was mich etwas stutzig macht, doch denke ich nicht weiter dar├╝ber nach. "Kein Wunder, das deine Pflanzen vertrocknen." Sie geht zum Fenstertisch, wo einige Veilchen und Primeln in T├Âpfen stehen. Meine Mutter hat mich mal mit ihnen versorgt. Ich mag sie nicht, trau mich aber auch nicht, sie wegzuschmei├čen.
"Wie kann man sich nur so h├Ą├čliche Pflanzen halten?" fragt Julia bissig, w├Ąhrend sie mit der ausrangierten Teekanne die matten Blumen versorgt. "Ich hasse bl├╝hende Zimmerpflanzen. Die sind so pflegeaufwendig."
"Ich habe sie nicht freiwillig", knurre ich und werfe mich in meinen gro├čen Korbsessel. Ich streife die Pantoffeln ab und will die F├╝├če auf die Tischkante legen, doch der niedrige Tisch ist voll mit Krimskrams. Vorsichtig schiebe ich die schlanke Vase beiseite, damit meine F├╝├če Platz haben.
"Au├čer Rosen", sagt Julia pl├Âtzlich und ich bemerke, da├č sie mich l├Ąchelnd beobachtet. "Aber du beh├Ąlst ja alle Rosen f├╝r dich."
"Stimmt gar nicht", verteidige ich mich und nehme die Rose aus der Vase. Ist eh kein Wasser mehr drin. "Ich habe dir mal eine geschenkt. In der Kneipe."
Julia wendet sich abwinkend ab.
"Och, ja. Die eine. Ganz im Anfang. Da warst du furchtbar betrunken."
Ganz beil├Ąufig greife ich zu einem Filzstift, der unter all dem Zeugs auf dem Tisch liegt und male mit ihm die helle Schnittstelle der Rose blau aus. Das hatte ich damals auch gemacht.
"Da", sage ich und strecke ihr die etwas durstig aussehende Pflanze hin. "Nummer zwei."
Julia dreht sich um, schaut zun├Ąchst erstaunt, dann freudig. Beides wirkt so gek├╝nstelt, wie es nur eben geht. Aber sie wei├č ganz genau, da├č ich das wei├č. Und sie wei├č auch ganz genau, wie verdammt s├╝├č sie in diesem Augenblick f├╝r mich aussieht. Mit ihren gr├╝nen Augen, den leicht gewellten, dunkelblonden Haaren. Sie kommt auf mich zu und ich wei├č im ersten Augenblick nicht, ob sie es gut meint oder ob sie emp├Ârt ist. Ich wei├č das nie bei ihr.
Dann explodiert sie. Alles um mich herum l├Âst sich einfach auf. - Nein, - es schmilzt. Das Bild flie├čt in eine Finsternis hinunter. Schwindel wabert in meinem Kopf und ich bin nicht mehr sicher, ob ich noch in dem Sessel sitze. Doch, es ist der Sessel. Das Rattangeflecht knarrt unter mir. Oder unter uns? Da ist ein erregendes Gewicht. Es bewegt sich auf und ab. R├Ąkelt sich auf mir. Verw├Âhnt mich, w├Ąhrend ich darunter in der Dunkelheit sitze. Aber ... sitze ich ├╝berhaupt? Doch. Und Julia sitzt auf mir. Reitet. Ich sp├╝re sie. Glaube, sie zu riechen. Ihre Haut - sie scheint in meine Haut einzutauchen, als w├╝rden sich zwei Pf├╝tzen aneinanderschmiegen. Sie ist in meinem Mund. Ihr Mund ist in meinem Mund. Ich kralle meine Finger in Stoff. Ich liege flach. Dies ist kein Sessel. Ich kann nichts erkennen. Es ist dunkel. Nur Haut um mich herum. Und gr├╝ne Augen. Ich h├Âre ein Pumpen, ein Pulsieren, das stetig schneller wird. Es ger├Ąt in Extase. Mein Gesicht brennt. Es ist von etwas umgeben, davon eingeh├╝llt. Etwas Weiches, Hei├čes, Waberndes. Julia schreit. Laut. Der Schrei hallt wie gegen hundert ferne W├Ąnde. "Fasse mich an! Fasse mich an! Halte mich ganz fest! Reite mit mir, mein Wolf!" schreit sie mir durch die Dunkelheit zu. Links ist ihre Stimme weit weg. Rechts scheint sie mir direkt ins Ohr zu br├╝llen. "Reite mit mir, mein Wolf! Reite mit mir nach England." Ich versuche den Kopf zu sch├╝tteln. Ich will das nicht, was sie mir sagt. Meine Zunge ist v├Âllig au├čer Kontrolle. Sie klebt an etwas Weichem, Feuchtem; was mein ganzes Gesicht bedeckt. Und immer wieder schreit Julia. Ich bin total ersch├Âpft; sp├╝re meinen K├Ârper ab den Lenden abw├Ąrts nicht mehr. Ein Gef├╝hl, als habe sich ein meterhoher Obelisk aus meinem K├Ârper gebohrt. Meine Finger krallen sich so fest, da├č mein Halt zu rei├čen droht. Alles um mich pulsiert wie verr├╝ckt. Ich sp├╝re nicht nichts - ich sp├╝re zu viel. ├ťberall ist alles. Oben ist unten. Unter anderem. Es wird schneller. Alles wird schneller. Es ├╝berschl├Ągt sich. Ich halte die Luft an. Erzittere. Julias Schrei sickert in die Finsternis. Ich glaube f├╝r einen Moment, so etwas wie Sterne oder Funken zu sehen. Wie Blitzlichtgewitter. Julias frauliche Gestalt flammt vor mir auf und erlischt wieder. Ich nehme alle Kraft zusammen. "Nein!" schreie ich. Wahrscheinlich nach vorne. Wieder explodiert alles. Farben klatschen an mir vorbei gegen eine vorher unsichtbare Wand. Gleichm├Ą├čig verteilen sie sich zu einem Muster. Warme Pastellfarben ordnen sich zu wei├čgetrennten Kreisen und Dreiecken. Julias Gesicht taucht vor mir aus der Tiefe auf. Ihres ist ganz nah bei meinem. Doch ich sehe auch ihre nackten, glatten Schultern. Sie hat nun kurze Haare. Ein Gedanke von mir bemerkt, da├č diese Frisur sie erwachsener macht.
"Nein?"
fragt sie atemlos. Sie schaut mich ungl├Ąubig an. So, als k├Ânne sie es nicht fassen. Es gelingt mir, den Kopf zu sch├╝tteln.
"Nein",
sage ich. "Sei du meinetwegen dort und ich hier. Aber wir k├Ânnen dann nicht zusammen sein."
Ihre gr├╝nen Augen funkeln zornig. Oh, ich kenne dieses Funkeln noch sehr genau. "Aber du hast doch gesagt, da├č du mich ..." Sie stockt keuchend. "..., da├č du mich..."
"Ich wei├č, was ich gesagt habe", bringe ich hervor. "Aber ich kann nicht."
Wind kommt auf. Ich erfriere und verbrenne gleichzeitig. Julias kurze Haare wehen zu allen Seiten auseinander, werden vom Wind auf ihre mir bekannte, leicht gewellte L├Ąnge gezogen ... Der pastellfarbene Hintergrund flimmert vor Hitze.
"Du hast es geschworen!!!!" br├╝llt sie. Es klingt unmenschlich. "DU HAST ES MIR GESCHWOREN!!"
Sie hebt beide H├Ąnde und schl├Ągt zu. Ich wei├č nicht wohin. Ich kann es nicht sehen. Doch ich sp├╝re die Schmerzen. Sie sind ├╝berall. In meinem Kopf, meinen Gliedern, meinen Innereien. Immer wieder und wieder schl├Ągt sie zu. Ich m├╝├čte bluten. Ich verblute! Julia geb├Ąhrdet sich wie wild.
"DU HAST ES GESCHWOREN! DU HAST ES MIR GESCHWOREN!"
Ich versuche mich zu wehren, doch ich greife einfach durch sie hindurch. Keinerlei Wiederstand. Es scheint sie nichts stoppen zu k├Ânnen.
"Du Sau!" schreie ich verzweifelt und h├Âre, wie meine Stimme sich ├╝berschl├Ągt. "La├č mich in Ruhe, du Sau, la├č mich in Ruhe!"
Ihr Gesicht vor mir wird gr├Â├čer und gr├Â├čer.
"SAU? SAU? JA!" sagt ihre total entartete Stimme. "ICH BIN EINE SAU!" Ihr Gesicht wird noch gr├Â├čer. Schmerzen! "ICH BIN EIN SCHWEIN!" Mein Kopf! Mein Magen! Schmerz! Ich sehe nur noch ihren Mund. "ICH BIN EIN FERKEL! ICH BIN EIN FERKELBERG!" Schmerzen! Sie wird mich zerbei├čen. Ich zerspringe, berste! "F-E-R-K-E-L-BERG!!"
Mit einem Ruck richte ich mich auf. Alles unter mir wankt und gluckert. Durch ein paar Mal Schlucken versuche ich, meine Kehle freizubekommen. Sie f├╝hlt sich entz├╝ndet an. Zitternd bem├╝he ich mich, mein verschwitztes Japsen unter Kontrolle zu bekommen. Ich habe M├╝he, meine Arme ruhig zu halten, die mich auf dem durchn├Ą├čten Laken st├╝tzen.
Ich schaue auf die Uhr hinter mir auf der Fensterbank. - 14:43 - Meine Rechnung sagt mir, da├č ich fast siebzehn Stunden geschlafen habe. Und trotzdem f├╝hlen sich meine Ohren so taub an, als h├Ątte ich in dieser Zeit in der Disco vor den Lautsprechern getanzt. Ein d├╝nner Pfeifton durchzieht mein Hirn wie ein leises, winselndes Fiepen.
Im Hintergrund, noch hinter diesem Ton, vernehme ich leise Ger├Ąusche aus der K├╝che. Es dauert eine ganze Weile, bis ich die Reste des Traum-Puzzles einigerma├čen sortiert habe und es bereitet mir arges Kopfzerbrechen, mich an all das zu erinnern. Was war das alles?
Julia Verklenberg.
Der Name kramt deutliche Bilder aus der Vergangenheit hervor. Ich lehne meinen Kopf an die Wand und halte meine Augen geschlossen. Das macht mir das Erinnern ertr├Ąglicher.
Vor einigen Jahren waren wir mal zusammen. Wir waren beide sechzehn Jahre alt, als unsere Beziehung in der Schule begann. Sie ging weiter aufs Gymnasium und machte ihr Abi. Ich machte meine Lehre und brachte danach meinen Zivildienst hinter mich. Sie war ganz vernarrt in Tiere aller Art und begann nach der Schule eine Lehre als Tierpflegerin. Nachdem ich nach dem Zivildienst zwei Jahre gearbeitet hatte, holte ich mein Abi in der Abendschule nach. In dieser Zeit hatte ich sehr wenig Zeit f├╝r sie. Irgendwann bekam sie ein Angebot von einer Verwandten, ein Jahr in England zu arbeiten. Ich glaube, es war ihre Tante. Die war Tier├Ąrztin und hatte eine Praxis in Bristol und bot ihrer Nichte an, bei ihr als Assistentin zu arbeiten. Julia w├Ąre dumm gewesen, dieses Angebot auszuschlagen. Und sie dachte auch gar nicht daran. Ich war zwar zuerst nicht unbedingt davon begeistert, doch beim zweiten Nachdenken wurden mir die Vorz├╝ge klar.
Unsere Beziehung war nach sechs Jahren ziemlich langweilig f├╝r mich geworden und irgendwie war es mir recht, da├č sie weggehen wollte. Julia jedoch gar nicht. Sie war bis dato gar nicht auf die Idee gekommen, unsere Beziehung der Entfernung wegen aufzugeben. F├╝r mich war das jedoch eine klare Sache. Sechs Jahre hin, sechs Jahre her - es war eine sch├Âne Zeit, aber jetzt hatte ich auch irgendwie keine Lust mehr.
Julia war kurz davor, ihr Jahr in England wegen mir fallenzulassen. Doch ich sagte ihr, ob sie bliebe oder nicht, es k├Ąme auf dasselbe heraus. Ich hatte mich so an die Gedanken der Trennung und der Freiheit gew├Âhnt, da├č sie mir richtig gut gefielen.
Julia machte mir eine scheu├čliche Szene, an die ich nicht gern zur├╝ckdenke. Einige Wochen sp├Ąter, nach ihrer Abschlu├čpr├╝fung, war sie in Richtung England verschwunden und ich habe seitdem nie wieder etwas von ihr geh├Ârt, gelesen oder gesehen. Und es ist mir bisher, ehrlich gesagt, auch nicht unrecht gewesen.
Und jetzt? Jetzt hat ein kurzer Gedanke an Julia, zu dem mich ihr Fotografierstil gef├╝hrt hat, gereicht, mich in die wildesten Fiebertr├Ąume mit ihr zu verirren? Unfa├čbar.
Und all die Dinge, an die sich der Traum noch erinnert hat. Der Geruch ihres K├Ârpers. Ich habe ihn jetzt noch in der Nase. Ihre Mimik, ihre Art, sich schwungvoll umzuwenden. Alles ist vollkommen realistisch gewesen und ich habe jetzt noch die Bilder vor Augen. Ich glaube nicht, da├č dieser Traum so schnell wie ├╝blich aus meinem Kopf verschwindet.
Aber auch diese ganzen Kleinigkeiten. Die Sache mit den Pflanzen und der angemalten Rose. Dann dieses Pastell-Muster. Das hatte doch auch mit ihr zu tun. Momentan kann ich mich nur noch nicht entsinnen, in welcher Weise. F├Ąllt mir sicher noch ein.
Und wie wir in meinem Korbsessel ... Ja, auf den Sessel war sie immer neidisch gewesen. Und die Lesung von G├╝nter Grass. Da war sie doch damals auch mit. Aber im Traum ... das war doch gar nicht Grass. Der Grass in meinem Traum war jemand anderes, der nur als G├╝nter Grass verkleidet war ... Ich schaue hin├╝ber zum Schreibtisch.
Da ist das Gesicht wieder. Dieser verkniffene, m├╝hsame Versuch zu grinsen.
Aber warum dieser Knilch. Hat sein Anblick mich denn so beeinflu├čt?
Doch in meinem Kopf ist immer noch keine Ruhe. Da war doch noch mehr.
Sie hatte mich angeschrien. Julia schrie mich an. Ich h├Ątte ihr etwas geschworen. Na ja, gut, ich habe ihr ├Âfter etwas geschworen und das war damals eigentlich auch immer ehrlich gemeint und ... Da war noch etwas ... -- Wolf. Wolf?!?
Ich schaue empor. Der Text ist im Halbdunkel schwer zu entziffern, doch ich habe ihn ja schon gelesen.
Ich gehe ihn noch einmal durch. Mein Gott, denke ich, was so ein Traum alles vermischen kann.
Etwas stimmt nicht, denke ich ein paar Augenblicke sp├Ąter und genau in diesen Augenblicken, in denen meine Blicke durch den Raum schweifen, bleiben sie an der Stoffpuppe auf dem Sofa haften.
'Ich bin ein Schwein.' - 'Ich bin eine Sau',
ruft ein Echo in meinem Hirn.
'Ich bin ein Ferkel.'
Julia hat sich immer ge├Ąrgert, wenn man ihren Namen wie Ferkelberg aussprach. 'Die hat sie vor einem Jahr von ihren Komilitonen zum Geburtstag bekommen. Zum F├╝nfundzwanzigsten'
Biggi ist also 26. Genauso alt wie ich.
'Miss Biggi, hm?'
JuliaVerklenberg - Ferklenberg - Ferkel - Schweinchen - Miss Piggy - Miss Biggi - Biggi.
Wieso bin ich nur davon ausgegangen, da├č ihr richtiger Name Birgit oder ├Ąhnlich ist?
'Ich denke, sie wird Mitleid haben. Sie studiert Veterin├Ąrmedizin.'
Da liegen sie, die B├╝cher ├╝ber Tiermedizin. Da oben auf dem Regal neben dem Zimmerefeu.
'Ich hasse bl├╝hende Zimmerpflanzen. Die sind so pflegebed├╝rftig.'
Mir wird schwindelig. Mein Atem will nur noch sto├čweise aus mir heraus. Mir f├Ąllt ein, da├č Julia mein Foto vom Peter Pan ebenso bewundert hat wie den Korbstuhl. Und der Hyde-Park ist in England.
In England -- Aber ... aber das kann doch alles gar nicht ...
Ich schiebe alles auf meinen Fieberverstand. Mit m├Âglichst wenigen Bewegungen, um das dumpfe Gef├╝hl hinter meiner Stirn nicht zu reizen und die Bewegungen der Wassermatratze nicht ausarten zu lassen, pelle ich mich aus dem schwei├čnassen Schlafsack und hebel mich wankend aus dem Bett.
Der Geruch ihres K├Ârpers?
Sie benutzen beide dasselbe Parfum, das sich an sie geheftet hat und dadurch auch an das Bett, rede ich mir ein.
Ich will das Fenster ├Âffnen. Es ist mit einem Male sehr stickig in diesem Raum. Meine Knie f├╝hlen sich an, als seien sie aus Pudding. Die getrockneten Rosen, die an einem Wollfaden am Griff baumeln, rascheln aneinander. Lange schaue ich sie an. Sie h├Ąngen mit den roten K├Âpfen nach unten, die Schnittstellen nach oben. Eine von den vieren ist dunkler. Dunkelblau. Wie mit Tinte angemalt. Meine Finger zittern so sehr, da├č ein paar Bl├Ątter zerbr├Âselt zwischen das bl├╝tenlose Gr├╝nzeug darunter fallen. Fassungslos sch├╝ttle ich den Kopf. Das kann doch alles gar nicht sein. Soviel Zufall kann doch nicht m├Âglich sein.
Das Zimmer scheint sich um mich zu drehen und ich suche Halt an der Wand. Auf der Couch mir gegen├╝ber sitzt die Miss-Piggy-Puppe und lacht mich mit ungetr├╝bter Freude an. Das stickige Halbdunkel im Raum l├Ą├čt mir ihr Gesicht jedoch eher h├Ąmisch grinsend erscheinen. Ich taumle zum Sofa.
'Ich bin ein Schwein, ein Ferkel, eine Miss Biggy.'
Stiche piesacken mich hinter meiner Stirn. Mir ist saum├Ą├čig kalt. Schlie├člich habe ich blo├č na├čgeschwitzte Shorts und T-Shirt an. Ich sinke tief in die durchgesessene Polsterung des Sofas. Die lilablaue ├ťberdecke rutscht von den R├╝ckenkissen.
Wie von der Tarantel gestochen springe ich auf. Beim Anblick des wirklichen Stoffbezuges ist mir auch wieder eingefallen, woher ich das Muster aus pastellfarbenen Dreiecken und Kreisen kenne. Ich habe oft genug mit Julia darauf gelegen. Sie unter mir. Ihr st├Âhnender Kopf auf das fahle Muster gebettet.
Kein Zweifel mehr m├Âglich. Julia Verklenberg. - Kein Zweifel mehr m├Âglich?
V-E-R-K-L-E-N-berg. F├╝r Julia Verklenberg.
'Was liest sie? Mal abgesehen von Karl May?' '...B├Âll, Wilde, Adams...und jede Menge Grass ...' 'Nun geh schon. Gib ihm dein Buch.' 'Den habe ich mal gesehen. Bei einer Lesung...' 'K├Ânnten sie wohl bitte dazuschreiben: F├╝r Julia Verklenberg. Ach, das w├Ąre nett.'
Ich traue mich gar nicht nachzusehen. Ich stehe vor dem gro├čen B├╝cherregal. Bl├╝tenloser Russischer Wein ├╝berh├Ąngt die obere H├Ąlfte. Darunter steht die gr├╝n-goldene May-Edition. Ich schiebe die Bl├Ątter wie einen Vorhang zur Seite. Ich sehe eine englischsprachige Taschenbuchansammlung Klassiker. Einige Hohlbein-Schwarten. Eine Anzahl Reclam-Heftchen. Sommernachtstraum und all die anderen. Heinrich B├Âll. Oscar Wilde. Eine ganze Ebene Arthur Miller. Darunter. Die Blechtrommel. - Ziemlich abgegriffen.
Ich nehme das Buch heraus. Wir hatten damals beide die gleiche Ausgabe. Der Filzschreiber, mit dem er geschrieben hat, war fast leer gewesen. Seine Schrift ist schlierig blau, als l├Âse sie sich auf. Doch zu lesen ist es ganz deutlich.
F├╝r Julia Verklenberg -- G├╝nter Grass
Ihren Namen hat er in Druckschrift geschrieben. Buchstabe f├╝r Buchstabe. Er wurde diktiert.
Langsam lege ich das Buch fort. Wie benommen gehe ich zum Schreibtischstuhl. Ich ziehe das kalte T-Shirt aus, schl├╝pfe, ohne es wirklich zu registrieren, in Jeans und Pullover. Bevor ich die Klinke dr├╝cke und hinausgehe, lasse ich meinen Blick noch einmal apathisch durch den Raum gleiten. Mein Kopf f├╝hlt sich ├╝berreizt und leer an. Wie eine Stadt bei Stromausfall.
Ich tapse in die K├╝che. Setze mich auf einen der St├╝hle. Ein "Hallo?" t├Ânt aus dem Hintergrund, aber ich drehe mich nicht um.
"Na, wieder unter den Lebenden? Eine Nacht lang war der Frosch sehr krank. Jetzt raucht er wieder. Gott sei Dank. Hast ganz sch├Ân rumort da drin. Wie geht's dir heute? Waren ziemlich lange unter Deck, K├Ąpt'n."
Ich reagiere nicht. Stattdessen versuche ich den Wasserkocher zu hypnotisieren.
" 'Allo, monsieur! Isch jemand zu 'ause?" Olafs Finger schnippen vor meinen Augen. Ich glaube, ich runzle die Stirn.
"Kannst du mir einen Tee oder sowas machen? Nur einen Tee. Nichts drin. Nur etwas Zucker."
Olafs Gesichtsausdruck bemerkt sichtlich, da├č ich im Moment wirklich nichts anderes m├Âchte als einen Tee und auch nicht unbedingt zu Scherzen aufgelegt bin.
"Oh. Ja, klar, kriegst du."
Ich st├╝tze den Kopf in meine k├╝hlen H├Ąnde und h├Âre, wie Olaf mir schweigsam den Tee zubereitet. Nur einmal fragt er kurz, was ich wolle; schwarzen oder lieber gr├╝nen Tee. Ich w├Ąhle schwarzen, weil es der erste war. Ich bemerke mein schlechtes Gewissen. Doch meine Gedanken zwingen mich momentan zu einer recht unfreundlichen Abgestumpftheit.
Abgestumpft. Ja, so f├╝hle ich mich. Alles wirkt so unwirklich, so ... benommen. Als sei ich noch mitten im Traum. Es k├Ânnte jetzt wer-wei├č-was passieren, es w├Ąre mir schei├čegal. Ich lie├če es einfach geschehen.
Olaf reicht mir eine dampfende Tasse. Darauf l├Ą├čt sich ein TEA-TIME in geschwungenem Schriftzug lesen. Der L├Âffel darin wartet auf seine Benutzung. Ich schaue Olaf an und versuche ein dankbares L├Ącheln, wei├č nun, im n├Ąchsten Moment, aber schon gar nicht mehr, wie ich das gemacht habe.
"Entschuldige bitte", sage ich.
Er winkt grinsend ab und reicht mir die Zuckerdose. Ich s├╝├če, r├╝hre um, lutsche den L├Âffel trocken und schaue vertr├Ąumt in seine W├Âlbung hinein. Er ist erstaunlich blank. Ich bin auf dem Kopf. Kreidebleich. St├╝tze mein Kinn in die Hand. Sehe zum Kotzen aus. Von ganz weit her klingt Olafs Stimme:
"Biggi hat heute vormittag angerufen. Sie kommt etwas sp├Ąter." Seine Worte klingen schwammig, verzerrt. Pl├Âtzlich ein Ger├Ąusch. Ein Knirschen. Tief hinter mir. Ich r├╝hre mich nicht. K├Ânnte es gar nicht, glaube ich.
"Oh, wenn man vom Teufel spricht", h├Âre ich. Die Wohnungst├╝r scheppert gegen die Wand. Ich lasse den L├Âffel zur Seite sinken. Er ist wirklich sehr blank. Das Bild in der W├Âlbung bewegt sich. Es ist der umgedrehte Flur mit zwei undeutlichen Gestalten.
"Hallo. Na, wie war's?"
"Das dauert l├Ąnger, f├╝rchte ich. Ich erz├Ąhle dir sp├Ąter alles."
"Aah, ist er das?"
"Ja, er ist eben erst aufgestanden. Sei gn├Ądig mit ihm."
Ich mu├č grinsen. Die eine Gestalt in dem L├Âffel wird gr├Â├čer. Schulterlang blond. Steht ihr. Ich rege mich nicht. Bin viel zu m├╝de, um mich zu bewegen.
"Hallo! Du hast also heute nacht in meinem Bett gefiebert. Wie geht es dir jetzt?"
M├╝de, ich bin so m├╝de. Ich w├╝rde gern wieder zur├╝ck in dieses Bett.
"Den Umst├Ąnden entsprechend", murmle ich und drehe mich um. "Hallo, Julia. Wie geht's?"

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Ralph Ronneberger
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Hallo Markus,
ich wei├č, es ist nicht gerade spektakul├Ąr, wenn ich sage, da├č mir die Geschichte rundherum gefallen hat. Anfangs dachte ich noch: 'Toll, wie der schreibt! Wenn er nur nicht so wahnsinnig in die Details verliebt w├Ąre.'
Im zweiten Teil wurde ganz schnell klar, da├č sie nicht nur als schm├╝ckendes Beiwerk gedacht waren, sondern fester und unverzichtbarer Bestandteil der Handlung sind.
Nun bin ich gespannt, ob es hier jemanden gibt, der meine Begeisterung n i c h t teilt. Sch├Ątze, da├č derjenige ganz sch├Ân zu knabbern haben wird.

Gru├č Ralph.
__________________
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Markus Veith
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Danke f├╝r die Tipps! Man hatte mich schon darauf aufmerksam gemacht, zumindest was dieses elendige "wegen mir" betrifft. Das Dumme ist nur, da├č ich es auch in meinem Buch so ├╝bernommen habe.
Sie sind nicht mehr in New York, sondern in einer Studenten-WG in Gie├čen (Wo ich ├╝brigens noch nie war.) das wird aber auch im ersten Teil recht deutlich erz├Ąhlt.
Nochmals vielen Dank.

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