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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Bist Du diese Stadt?
Eingestellt am 12. 10. 2001 15:09


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selene
Autorenanw├Ąrter
Registriert: Aug 2000

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Kommentare: 69
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BIST DU DIESE STADT?

Ich stehe hier am Fenster in einer fremden Stadt und schaue auf die Stra├če, sehe die Menschen und frage mich ob meine Gedanken es wert sind aufgeschrieben zu werden .... ja sie sind es wert, denn es sind meine Gedanken, es sind wichtige Gedanken...endlich sind es wichtige Gedanken, sie waren es schon immer, aber jetzt sind sie auch mir so wichtig, da├č ich es endlich f├╝r wert befinde, sie zu denken, sie zu schreiben. Ich dr├╝cke meine Zigarette aus, drehe mich um und gehe zur├╝ck in mein Zimmer und beginne zu schreiben. Endlich.
Ich stehe hier am Fenster in einer fremden Stadt, eine Stadt, die ich eigentlich nicht kenne, aber liebe, eine Stadt, in die ich geworfen wurde, in der ich nun lebe, leben mu├č, leben will, und vor allem eine Stadt, die mir mein Herz gebrochen hat.
Sie hat mir mein Herz gebrochen und sie tut es jeden Tag wieder und ich habe ihr das verziehen und ich verzeihe jeden Tag aufs Neue. Ich liebe diese Stadt.

In manchen Momenten, ertrage ich ihren Anblick nicht und manche Orte w├╝rde ich am liebsten ausl├Âschen....manchmal hasse ich sie...und dann wei├č ich aber auch im selben Moment wie sehr ich sie liebe, nein ich kann sie nicht hassen....
Jeder Stein, jeder Baum, jede Ecke....alles....die H├Ąuser, die G├Ąrten, die Br├╝cken, der Flu├č ....einfach alles erinnert mich an die gl├╝ckliche Zeit.
Ich habe diese Stadt lieben gelernt, als ich hierherkam...ich habe sie von Tag zu Tag mehr geliebt....und dann -mit ihm- traf sie mich mitten ins Herz und es war um mich geschehen, es gab kein zur├╝ck mehr, es gab einfach kein zur├╝ck mehr. Jeder Tag, jeder Moment, jeder Ort wurde pl├Âtzlich so besonders.... sie sind es geblieben...sie werden es immer sein...sie werden mein ewiger Schmerz sein.....
Diese Stadt ÔÇô sie ist meine gr├Â├čte Liebe und sie ist mein gr├Â├čter Schmerz.

Kannst Du Dich noch daran erinnern, als wir spazierengegangen sind...oben am Wei├čen Hirsch bei Dir....Fragen, die ihren Empf├Ąnger nie erreichen werden....ich kann mich noch daran erinnern....ich habe Dir damals zwei Holzdelphine geschenkt....ich habe gesagt...Delphine bleiben ihr ganzes Leben lang zusammen....sie standen seitdem auf Deinem Tisch...ob sie dort immer noch stehen? Ich wei├č es nicht.
Deine Entscheidung war richtig.
Meine Entscheidung war richtig.
Du bist nicht mein Delphin, aber ich bin Deiner.

Und einmal, wei├čt Du noch?....wei├čt Du noch.....dieser Aussichtspunkt, es war einer der ersten Orte, die Du mir damals gezeigt hast. Rockauer Aussichtspunkt...man konnte von dort fast ├╝ber die ganze Stadt blicken....man hat die Elbe gesehen, wie sie sich ihren Weg bahnte und wundersch├Ân im Sonnenlicht gl├Ąnzte. Oft sind wir dorthin gefahren, wenn wir unsere Touren machten, wenn wir total gestresst und ersch├Âpft vom Lernen einfach nicht mehr konnten und losgefahren sind. Meistens bist Du gefahren und ich sa├č einfach ├╝bergl├╝cklich neben Dir. Heute fahre ich oft zu diesem Aussichtspunkt, alleine. Auf dem Weg dorthin malte ich mir immer aus, dass ich Dich dort treffe...aber nat├╝rlich habe ich Dich dort nie getroffen, ich stand immer eine zeitlang da und habe die Erinnerungen an mir vorbeiziehen lassen, ein paar Zigaretten geraucht und dann bin ich wieder heim.

Ja, Du hast mir immer die ungew├Âhnlichen Orte gezeigt. Nicht das, was man sich normalerweise ansieht, wenn man neu in einer Stadt ist. Nicht das ├╝bliche, keine Sehensw├╝rdigkeiten, Du hast mir ganz spezielle Pl├Ątze gezeigt. Einmal sind wir losgefahren, nie hast Du mir gesagt, wo es hingehen wird. Es war immer ein Geheimnis. Ja, da landeten wir in einem Biergarten, aber kein gew├Âhnlicher, abgesehen davon, dass es dort eigentlich auch keine normalen Bierg├Ąrten gab, so wie ich sie kannte. Naja, aber dieser Biergarten war wirklich s├╝├č, an der Elbe fast direkt am Ufer. Man konnte an dieser Stelle sogar mit einer F├Ąhre auf die andere Seite ├╝bersetzen. Aber das Besondere waren die Menschen, ganz interessante au├čergew├Âhnliche Menschen. Unikate. Dieser Biergarten lag an der K├╝nstlerstra├če. Du wusstest, dass ich sowas mag. Dort gab es auch das K├╝nstlerhaus. An diesem Abend sah ich es nur von au├čen. Sp├Ąter auf den Elbhangfesten lernte ich es auch von innen kennen...wundersch├Ân.
Wir sa├čen in diesem Biergarten drau├čen, ich hatte meinen dunkelgr├╝nen Parker an und es war mir ein wenig kalt. Wir waren noch kein Paar und ich war so nerv├Âs, dass ich die K├Ąlte nicht wirklich bemerkte. Irgendwann hast Du meine H├Ąnde genommen, um zu sehen, wie kalt sie sind, dann hast Du sie ein bisschen gew├Ąrmt. Deine H├Ąnde waren immer warm.
Das war auch der Abend, an dem Du noch kurz an einem abgelegenen Platz an der Elbe angehalten hast und mit mir den Sternenhimmel anschauen wolltest. Oh, ich dachte wirklich wir k├╝ssen uns dort, aber keiner hat sich getraut. Stattdessen habe ich Dir einen Sternenkreis am Himmel gezeigt. Wir haben ihn beide gesehen und sp├Ąter wurde er zu unserem Zeichen.
Du hast ihn an meine Zimmerdecke gemalt mit Wachsmalkreiden.
Danach haben wir ihn nie mehr am Himmel gefunden, aber damals war er dort.

Manchmal fahre ich heute in der Nacht los, wenn ich es nicht mehr ertrage, dann steige ich einfach in mein Auto und fahre los...die Strecke zu Dir, zum wei├čen Hirsch, die wir so oft gefahren sind. Ich mag das. Zu dieser Zeit herrscht nicht viel Verkehr, so gut wie keiner. Ich mag die Luft, manchmal der leichte Nebel, die ganze Atmosph├Ąre. Ich fahre ├╝ber das Blaue Wunder und mu├č jedes Mal dran denken, wie Du mir erkl├Ąrt hast, durch welche Umst├Ąnde die Br├╝cke zu ihrem Namen kam. Nach der Br├╝cke kommt dann bald diese steile Stra├če, die zum wei├čen Hirsch rauff├╝hrt. Hier wohnt der Biedenkopf hast Du immer gesagt, wenn wir an dem Haus vorbeifuhren....bald bin ich oben abgelangt, selten fahre ich in Deine Stra├če, denn ich habe Angst, dass Du mich sehen k├Ânntest. Meistens fahre ich einfach vorbei oder parke in einer anderen Stra├če ein St├╝ck weiter weg, um dann spazierenzugehen. Nur wenn es schon sehr sp├Ąt ist, traue ich mich in die N├Ąhe des Hauses, in dem Du wohnst. Ich gehe dann zu dem Jasminstrauch an der Ecke, an dem ich immer gerochen habe, wenn ich bei Dir war. Du hast mich vom Balkon aus beobachtet und mir gewunken.

...Ich wei├č, dass ich diese Stadt mit anderen Erinnerungen best├╝cken mu├č. Ich mu├č andere Pl├Ątze kennenlernen, Sch├Ânes mit anderen Menschen erleben, nicht mit Dir. Ich mu├č diese Stadt f├╝r mich neu erbauen, neu beleben. Durch Dich habe ich sie kennengelernt, aber ich mu├č nun hier leben und damit ich das kann, mu├č ich sie nocheinmal kennenlernen. Kennenlernen nur f├╝r mich.
Von Tag zu Tag wird es dann leichter. Von Tag zu Tag mu├č ich weniger oft weinen. Ich gehe im Gro├čen Garten spazieren, hier waren wir nie zusammen, jedenfalls nicht in dieser Ecke hier. Und w├Ąhrend ich dort gehe, wei├č ich, auch wenn ich es jetzt nicht glauben kann, aber ich wei├č, irgendwann wird diese Stadt auch Pl├Ątze besitzen, die nur mir geh├Âren.



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Frank Zimmermann
Junior Mitglied
Wird mal Schriftsteller

Registriert: Jan 1999

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Wehmut

Der Text gef├Ąllt mir sehr gut, weil er von einer wehm├╝tige Poesie durchzogen ist, die wohl jeder nachvollziehen kann, der mal unter Liebeskummer litt. Au├čerdem machst Du sch├Ân deutlich, wie ein Ort durch die Verkn├╝pfung mit Erinnerungen zu einer sehr individuellen Wertigkeit gelangt.
Das "Blaue Wunder" kenne ich ├╝brigens von einer Briefmarke.

Danke f├╝r den Beitrag!
__________________
fz

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selene
Autorenanw├Ąrter
Registriert: Aug 2000

Werke: 18
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Danke f├╝r die Antwort!
Gl├╝cklicherweise ist es ein sehr alter Text von mir, und die Schreibaufgabe hat mich dazu animiert ihn wieder hervorzuholen und umzuschreiben, bzw. ein wenig mehr zu detaillieren.
Hat sehr viel Spa├č gemacht das Thema!
Alles Liebe,
selene

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klara
Hobbydichter
Registriert: Aug 2001

Werke: 11
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Hallo Selene,
("wer suchet, der findet"
Endlich habe ich dich gefunden.)
Deine Geschichte gef├Ąllt mir. Es sind viele Momente darin, die mir sehr bekannt vorkommen.
Ich habe bei der "Heldin" der Geschichte eine F├Ąhigkeit heraus gelesen, die mich sehr gl├╝cklich stimmt: Sie ist lieb und bereit zu lieben. Sie ist weder verbittert noch im Jammern.
Eine ehrliche und positive Traurigkeit.
Eine etwas geknickte aber nicht verlorene Hoffnung.

Gerne gelesen.
Liebe Gr├╝├če.

__________________
klara

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