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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Bonny and Clyde in den Zeiten von Aids
Eingestellt am 10. 01. 2007 15:27


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Martin Iden
Festzeitungsschreiber
Registriert: Oct 2006

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Es war in dieser Zeit der Junkiepest, als ich Daniela kennenlernte. Sie war eine Rothaarige mit ├╝beraus beeindruckenden ├ťberresten einer fast klassischen Sch├Ânheit. Ich machte ihre Bekanntschaft, als sie mir, total breit von Rohypnol, vors Auto lief. Zum Gl├╝ck war ihr nichts passiert, und ich wiegelte einige Passanten ab, die unbedingt die Polizei holen wollten. Das aber war nicht in Danielas Sinn. Wir sahen uns an, und sofort erkannte jeder im anderen den Junkie. Das Erste, was mir an ihr auffiel, waren die tiefen Narben an beiden Handgelenken, Zeichen eines offenbar sehr ernst gemeinten Suizidversuchs. Ganz genau erinnere ich mich noch an einen Satz, den sie sagte, als ich sie fragte, wohin sie gehe: "Ich gehe kaputt, gehst du mit?" Und ich ging mit ihr kaputt. Danny war politoxikoman, ihre Wohnung sah aus wie eine Apotheke. Au├čer Heroin nahm sie unglaubliche Mengen an Benzodiazepinen: Valium, Rohypnol, Fluninoc, Tranquase. Dazu noch jede Menge Barbiturate, meistens Medinox oder Vesperax, sie nannte sie "Wespen". Zum Fitmachen das Schlankheitsmittel X-112, das inzwischen l├Ąngst vom Markt genommen wurde und zum einschlafen eine halbe Flasche Cognac. Ich verarztete sie und gab ihr gegen den Schock eine t├╝chtige Morphiuminjektion.
Wir fanden uns sympathisch und soffen eine Flasche Hennessy zusammen. Schlie├člich landeten wir, von Morphium und Cognac stimuliert, im Bett, und ich staunte nicht schlecht ├╝ber ihre Phantasie und wilde Z├Ąrtlichkeit.


Wir waren beide total kaputt und morbide, sie noch kaputter als ich. Ihr bei einer Injektion zuzusehen, war selbst f├╝r einen abgebr├╝hten Junkie gespenstisch: Ihre Venen waren l├Ąngst alle thromboziert oder hatten sich auf der Flucht vor der ewig suchenden Nadel bis zu den Knochen zur├╝ckgezogen. Nur eine einzige Stelle, eine Arterie an der Leiste, war ├╝briggeblieben. Heroin l├Ą├čt sich nicht subkutan spritzen, durchbohrt man eine Vene oder spritzt daneben, ist der Stoff zum Teufel, und man bekommt eine riesige, dicke Blutblase, die tagelang schmerzt. Daniela hob einfach den Rock hoch, zog den Slip beiseite und injizierte eine enorm lange Kan├╝le direkt neben der Vagina. Ein Fehlschu├č h├Ątte entsetzliche Folgen haben k├Ânnen, aber wenn Danny fixte und ein Loch in ihr Fleisch bohrte, blieb es offen stehen und wartete auf die Schore.


Danny war irgendwie s├╝├č, man konnte sie durchaus gern haben. Sie h├Ątte im 16. Jahrhundert jeden Inquisitor entz├╝ckt, und mit ihren roten Haaren und den flatternden R├Âcken, die sie so liebte, sah sie aus, als sei sie gerade von einem Scheiterhaufen gestiegen. Es war eine merkw├╝rdige Beziehung, eigentlich pa├čten wir von Bildung, Herkunft und Temperament ├╝berhaupt nicht zusammen. Daniela besa├č wirklich reiche Anlagen: Sie sprach recht gut Englisch, und ihre deutsche Orthographie und ihr Stil waren nicht schlecht. Ihre Konzentrationsf├Ąhigkeit war allerdings durch die enormen Mengen an Downers stark getr├╝bt. Manchmal erstaunte sie mich allerdings. Sie zitierte Shakespeare, las Oscar Wildes "Dorian Gray", und als ich einmal mit ihr zum Angeln am Edersee war, fing sie wahrhaftig mit einer ganz unm├Âglichen Methode drei Aale. Als sie sich im Fischkorb in phantastischen Figuren wanden, behauptete sie, sie s├Ąhen aus, wie ein Gorgonenhaupt.


Daniela besa├č weder das Fingerspitzengef├╝hl, noch das Startkapital, um als Verteilerin arbeiten zu k├Ânnen. ├ťberhaupt habe ich nur eine Frau gekannt, die sich l├Ąnger halten konnte, H-Erika die Verteilerin. Weibliche "Beschaffungskriminalit├Ąt", das ist in der Regel Prostitution. Damals, bevor die "Nataschas", die Huren aus der Ostblockkonkursmasse, Europa ├╝berschwemmten, hatten freischaffende deutsche Gunstgewerblerinnen noch Chancen. Es gab damals in der Documentastadt Kassel zwei Stra├čenstrichs. Der eine auf der Wolfhager Stra├če ist einer der ├Ąltesten, l├Ąngsten und sch├Ąbigsten in Mitteldeutschland und der gr├Â├čte Nordhessens. Dort stehen die Professionellen, und Verkehr findet in sch├Ąbigen Motels entlang der Wolfhager statt. Sowohl was die Huren, wie auch die Freier betraf, handelte es sich um "unteres soziales Mittelfeld" wie Danny immer zu sagen pflegte. Ein Blinddarm der Wolfhager lag an der alten Post und an der J├Ągerstra├če. Dort befand sich der Baby-, Fixer- und Hausfrauenstrich. Einige der Frauen und M├Ądchen, die sich hier feilboten, befriedigten auch die bizarrsten Phantasien. Vor allem kamen hier, f├╝r billiges Geld, Lolitafans auf ihre Kosten und dann nat├╝rlich diese komischen Barfu├čg├Ąnger, die ungeheure Summen f├╝r "Verkehr ohne Gummi" boten. War schon die blo├če Konkurrenz der Freischaffenden den Huren von der Wolfhager ein Dorn im Auge, so war letzteres etwas, das sie nicht dulden konnten. Um den Girls von der J├Ągerstra├če eine Lektion zu erteilen, mischten sie von Zeit zu Zeit ein M├Ądchen furchtbar auf. Einmal sah ich von Dannys Fenster aus, wie eine Freischaffende niedergeb├╝gelt wurde. Es hielt ein Mercedes, und drei platinblonde Paulas sprangen aus dem Auto. In voller Kriegsbemalung: High Heels, Minirock, Bodystockings aus imitiertem Leopardenfell. Sie sahen irgendwie alle gleich, fast wie die Jacob Sisters, aber als sie loslegten, war es nicht mehr lustig. Diese Tigerlillys machten Kleinholz aus der Alten. Eine Blondine packte sie und schlug ihr in den Magen. Als sie wie ein Klappmesser einknickte, traf sie das obligatorische hochgezogene Knie mitten auf die Nase. Die Zweite trat mit dem St├Âckelschuh zu und traf dabei offenbar das Stei├čbein. Die dritte Paula aber holte ein Tr├Ąnengasspray aus der Tasche und spr├╝hte der schon am Boden Liegenden fast die ganze Flasche ins Gesicht. Das alles dauerte nur Minuten, aber als ich am n├Ąchsten Morgen Br├Âtchen holen ging, war immer noch ein gro├čer, eingetrockneter Blutfleck auf der Stra├če zu sehen. Nichts Neues im Westen!


Kein Mensch h├Ątte Daniela in ihrem Zustand einen Job angeboten. Eine abgeschlossene Ausbildung hatte sie ohnehin nicht, und als Kassiererin im Supermarkt kann man keine Sucht finanzieren. Im Grunde h├Ątte sich Daniela wirklich nur durch Prostitution ihren Lebensunterhalt verdienen k├Ânnen, denn sie besa├č alle Vorraussetzungen f├╝r dieses Gewerbe. Sie hatte einmal sehr erfolgreich in einem seri├Âsen Etablissement gearbeitet, war dann aber wegen Beischlafdiebstahl rausgeflogen. Auch wird kein Bordellbetreiber eine S├╝chtige einstellen, und um das Gesch├Ąft in Eigenregie von einer sicheren Wohnung aus zu betreiben, mangelte ihr das Kapital. So blieb, um ihre Sucht befriedigen zu k├Ânnen, nur die illegale Stra├čenprostitution.


Der Stra├čenstrich ist auch f├╝r abgebr├╝hte Huren sehr gef├Ąhrlich. Man kann niemandem hinter die Stirn schauen, und eine Frau ist im Auto einem Angreifer hoffnungslos unterlegen. Selbst heute, wo die M├Ądchen alle Handys haben, sich die Autonummern aufschreiben und beim kleinsten Verdacht ihre Zuh├Ąlter anrufen, ist es immer noch sehr gef├Ąhrlich, und ob dieser Schutz einen Triebt├Ąter abschreckt, ist sehr fraglich. Es gibt als Gefahrenquellen Geschlechtskrankheiten, die Konkurrenz der Professionellen und ihrer Zuh├Ąlter und nicht zuletzt brutale, gewaltt├Ątige und perverse Freier. In besonders schlechtem Ruf standen T├╝rken und Araber. Auf der Wolfhager, der allerletzten, formal legalen Stufe in der Nahrungskette, herrschten sicher Zust├Ąnde, die sich kaum von Sklaverei und Menschenhandel unterschieden. Dennoch ist es ein himmelweiter Unterschied, ob Professionelle oder Amateurinnen das Gewerbe betreiben. Eine Hure mu├č sehr viel leisten und eine Menge von ├ľkonomie und Psychologie verstehen. Vor allem aber ist eine Professionelle ein Wertgegenstand und genie├čt Schutz, wenn auch nicht gerade viel staatlichen. Eine "Fixernutte" aber, ist Zielscheibe, Frischfleisch, ein Objekt und steht am untersten Ende der Nahrungskette. Angebot und Nachfrage bestimmen auch hier den Preis.

Das Gesch├Ąft an sich klappte meistens erstaunlich gut, aber nur, wenn die Frauen total breitgedr├Âhnt waren. Bei all diesen M├Ądchen und Frauen passierte immer dann, wenn sie suchtkrank "auf den Hammer gingen", um "einen oder zwei Freier zu machen" eine Katastrophe. Irgendetwas ging dann immer schief: Sie hatten kein Besteck dabei, es gab nichts zu kaufen oder der Verteiler war nicht da. Ebenso schlimm war, wenn sie bei einer Razzia geschnappt wurden. Es gab Strafanzeige, und die Schore landete in der Asservatenkammer. Einer solchen Frau dann klarmachen zu m├╝ssen, da├č sie nicht kreditw├╝rdig war, erforderte eiserne Nerven und ein sehr robustes Gewissen. Manche Kunden werden dann gewaltt├Ątig. Nach meiner Erfahrung rasten Frauen weniger leicht aus, wenn sie es aber tun, wird es meist extrem. So extrem, da├č die Messer locker sitzen und man, um nicht selbst schwer verletzt zu werden, unter Umst├Ąnden zur Kinnhakennarkose schreiten mu├č. Eine ekelhafte Angelegenheit! Doch was sollte man tun? Ich konnte mir nicht leisten, auch nur ein Pack auf Kredit zu geben. H├Ątte ich es getan, ich h├Ątte das Geld nie wieder gesehen, und ich mu├čte immer zusehen, den n├Ąchsten Beutel zusammen zubekommen. Mitleid hatte ich ohnehin nicht mehr viel ├╝brig, und was ich hatte, reichte gerade f├╝r mich selbst. Besser denen ging es schlecht, als mir! Gelegentlich, wenn auch eher selten, wurde nat├╝rlich auch mal die Eine oder Andere vergewaltigt oder ein Freier erzwang bestimmte Praktiken, was auf das selbe hinauslief. Doch das war Berufsrisiko, keine Einzige konnte auf Trost oder Mitgef├╝hl von Koleginnen hoffen, denn fast jeder war schon einmal ├Ąhnliches passiert. Selbst wenn auch nur eine Einzige dieser Frauen dar├╝ber gesprochen und Anzeige erstattet h├Ątte, kein Gericht der Welt h├Ątte den T├Ąter verurteilen k├Ânnen, es h├Ątte Aussage gegen Aussage gestanden. Die Polizei war ein weiterer Risikofaktor, doch die hielt sich sch├Ân zur├╝ck und buchtete nur sporadisch einmal ein M├Ądchen ein, da├č keinen "Bockschein" hatte. So nannte man das ├Ąrztliche Gutachten, und die meisten waren nat├╝rlich auch nicht als Prostituierte gemeldet.



Es war die totale Endzeitstimmung, wie in den Zeiten der Pest: Die Szene, die kursierende Seuche Aids und jetzt auch noch der Strich! Der Pestzeitspruch des B├Ąnkels├Ąngers Augustin fiel mir ein: "A Freud mu├č der Mensch haben, und hat er ka Freud, dann mu├č er a Mensch haben." Ich litt darunter, da├č Danny auf diesen asozialen Strich gehen mu├čte und ich sie nicht besser sch├╝tzen konnte. Inzwischen waren aber noch andere auf mich aufmerksam geworden, denn ich war zu oft von Frauen umgeben, die mir Geld gaben. Ich merkte sofort, was die Stunde geschlagen hatte, als ein amerikanischer Stra├čenkreuzer anhielt, der drei Typen ausspuckte. Muskelshirt, Goldkettchen Sonnenbrille, die volle Kriegsbemalung! Sie sprachen im schnoddrigen Kassel├Ąner Dialekt: "Ach, da ist ja der Herr Kollege! Na, hast du heute dein Pferdchen nicht laufen?" "Meine Herren, Sie m├╝ssen mich mit jemandem verwechseln, ich bin nicht von hier." "Ach ja, jetzt ist er auf einmal nicht von dieser Welt! Du bist doch der Typ von dieser rothaarigen Schlampe, und P├╝lverchen vertickst du auch. Komm, wir fahren mal ein St├╝ck spazieren, wollen doch mal h├Âren, was du uns zu sagen hast!" Meine G├╝te, mir fiel der Schreck in die Glieder, und ich redete mit Zungen. Aber offenbar ging es diesen Gorillas nur darum, mir einen Schrecken einzujagen, denn da├č ich kein Lude war, mu├čte selbst denen aufgefallen sein. Sie taten mir nichts, warfen mich nur mitten in der Pampa, irgendwo bei Hannoversch M├╝nden, raus, so da├č ich ├╝ber 20 km zur├╝ck nach Kassel trampen und laufen mu├čte.


Diese Frau, das sah ich ganz deutlich, wurde zu einem gewaltigen Klotz am Bein. Sie war f├╝r einen Verteiler im Grunde viel zu auff├Ąllig, brauchte eine Menge Heroin und n├Ârgelte nach mehr. Zwischendurch ging sie aber immer wieder auf den Strich, um sich, bei der Konkurrenz, noch mehr Schore und Downers kaufen zu k├Ânnen. Hundert Mal nahm ich mir vor, diese Schlunze in die W├╝ste zu schicken, sollte sie doch sehen, wie sie zurecht kam! Ich merkte, da├č es pure Selbsterhaltung war, sich von Daniela zu trennen. Doch sie tat mir leid, sie war am Ende nicht mehr zurechnungsf├Ąhig. Einmal beobachtete ich sie, wie sie mit dem Fahrrad, total zugedr├Âhnt mit Downers, stur geradeaus in die Auslagen einer Apotheke radelte. Ausgerechnet eine Apotheke! F├╝r den Strich brauchte sie unglaubliche Mengen an Downers, und sie war jetzt st├Ąndig total breit, nur noch "Lull und Lall" wie sie selbst sagte. Die Downers machten sie ekelhaft und r├╝cksichtslos, und sie verfiel in einen hemmungslosen Egoismus. Wenn sie ihre lichten Momente hatte und nicht auf den Strich mu├čte, konnte sie immer noch hinrei├čend sein. Sie wirkte, obwohl fast drei Jahre ├Ąlter als ich, manchmal so kindlich und unschuldig. Wenn sie breit war, begann sie mir an den Kopf zu werfen, da├č sie nicht mich, sondern meine Schore liebte. Sie sprach dann ungeschminkt vom Strich, von den Freiern. Das in qu├Ąlend intimen, brutalen Details.


Ich hatte im Stillen immer gehofft, sie zum Entzug zu ├╝berreden, und eine Zeitlang hoffte ich, da├č wir gemeinsam abturnen k├Ânnten. Dann gab ich mich auch der Illusion hin, sie vom Strich und den Downers fernhalten zu k├Ânnen, wenn sie nur genug saubere Schore h├Ątte. Doch Daniela hatte zu viele Suchten, und es fehlte an einer angemessenen medizinischen Versorgung.


Mit Daniela zusammenzuleben, war eine st├Ąndige Chaostour mit furchtbaren Aufregungen. Das Blut konnte einem mit ihr ├Âfter gefrieren, als beim russischen Roulette. Besonders nervenaufreibend waren ihre st├Ąndigen Diebst├Ąhle. Sie begann, benebelt von Rohypnol, in Kaufh├Ąusern immer mehr zu klauen und wurde nat├╝rlich erwischt. Einmal stellte ich mich dem Hausdetektiv, der sie verfolgte in den Weg und stellte ihm unauff├Ąllig ein Bein. Dann hob ich ihn auf und entschuldigte mich tausend Mal. Einige andere Male aber, mu├čte ich einen dieser Kerle schmieren. Es waren meistens ├Ąu├čerst fragw├╝rdige subjekte, die fr├╝her selbst erfahrene Ladendiebe gewesen waren, und das bi├čchen Macht, da├č sie besa├čen, tat ihnen nicht gut. Sie behauptete, einen dieser Kerle in Naturalien, Frischfleisch, bezahlt zu haben. Es war jedesmal nur Kleinkram im Wert von ein paar Mark: eine Schachtel Zigaretten, ein Lippenstift, h├Âchstens einmal eine Flasche Cognac. Einer ihrer Freier, den sie abgezogen hatte, demolierte ihre Wohnung und den Fernseher, wenigstens r├╝hrte er sie selbst nicht an. Die Strafanzeigen gegen sie h├Ąuften sich. Einen Anwalt hatte sie nat├╝rlich nicht, und zum ersten Verhandlungstermin erschien sie erst gar nicht. Sie zog zu ihrer Mutter. Die Mutter konnte mich von Anfang an nicht leiden. Wie viele Junkiem├╝tter suchte sie nur bei anderen die Schuld. Sie hielt ihre Tochter f├╝r einen Unschuldsengel, und als sie mitbekam, da├č Danny von mir Schore kriegte, war ich in ihren augen ein Verf├╝hrer der Jugend. die mutter war aber der einzige Mensch, vor dem Daniela sich noch genierte. Sie benahm sich, seit sie dort wohnte, ordentlich und beschr├Ąnkte sich jetzt auf 10 alte Rohypnol. Immer noch eine absolute Wahnsinnsdosis, f├╝r Danny aber eine Kur. Ihre Mutter bekam zuf├Ąllig das mit der Verhandlung heraus und nahm einen Kredit auf, um einen Anwalt bezahlen zu k├Ânnen. Doch der Staatsanwalt holte zum Schlag aus. Er zog mehrere kleine Delikte, die schon ├╝ber ein Jahr auseinander lagen, zusammen,es erfolgte Bew├Ąhrungswiderruf und sie wurde wegen ein paar Lippenstiften, einer Schachtel Zigaretten und einem gef├Ąlschten Rezept zu zwei Jahren Preungesheim verurteilt. Meine G├╝te, fast 800 Tage in den Knast wegen solcher Eierdiebst├Ąhle! Was kann man daf├╝r sonst alles an Straftaten begehen! Zwei Jahre f├╝r Plunder im Wert von 50 Mark, das klingt f├╝r mich fast wie 19 Jahre Zwangsarbeit wegen Diebstahls eines Brotes. Ich wollte mir die Verhandlung eigentlich ansehen, aber ich mu├čte auf Gesch├Ąftsreise nach Hannover. Das nahm sie mir so ├╝bel, wie es nur eine S├╝chtige vermag. Total breit rief sie mitten in der Nacht bei meinen Eltern an. Mann, war das peinlich, ich wei├č heute noch nicht, was sie denen alles f├╝r einen Schwachsinn erz├Ąhlt hat. Am Ende brachte sie es noch fertig, meinen Vater um ein Rezept anzugehen, am Heiligen Arbeit um vier Uhr morgens! Am ersten Feiertag rief sie wieder an, total breit! Es sei doch alles nicht so gemeint gewesen, und Weihnachten sei doch das Fest der Liebe.



Von allen Hunden gehetzt, fl├╝chtete ich nach Istanbul. Als ich nach Deutschland zur├╝ckkehrte, gab es nur ein einziges Gespr├Ąchsthema: "Methadon". Eine ganze Reihe von Leuten bekam jetzt pl├Âtzlich Pola. Auch ich hatte Gl├╝ck. Ein Patient hatte mit seinem positiven Aidstest nicht ferig werden k├Ânnen und hatte sich umgebracht. Ich machte wirklich mit der Schore Schlu├č und schrieb mich wieder an der Uni G├Âttingen ein.



Eines Tages klatschte etwas gegen mein Fenster. ich ignorierte es, doch es flog noch einmal eine Ladung Steine dagegen. Ich holte meine Kanone aus der Keksdose und ging zur Sprechanlage. "Ja, verdammt nochmal, wer ist denn da?" "Ich bin es, mach auf!" "Wer ist "Ich", kenne ich nicht den Typen!" "Ich bin es, Danny!" "Daniela? Ich denke, Du sitzt in Preungesheim." "Das h├Ąttest Du wohl gerne, was? Meine Mutter hat ├╝brigens die Orange gefunden, die du mit Schore impr├Ągniert hast. Mann, war das bitter, sie hat aus Versehen hineingebissen. Du, das war aber riesig nett von dir, auch das Zigarettengeld!" "Was willst du, ich hab keine Schore, ich nehme nichts mehr. Also, was suchst du?" "Dich, Martin, nur dich. La├č mich rein, ich stecke in der Klemme." "Wann h├Ąttest du jemals nicht in der Klemme gesteckt, aber gut, komm rein!" Daniela war n├╝chtern f├╝r ihre Verh├Ąltnisse und sah gut erholt aus. Sie trug, obwohl es drau├čen schon dunkel wurde eine Sonnenbrille und ├╝ber ihrer roten Haarpracht ein Kopftuch.

"Was soll diese Maskerade, ich denke, du sitzt im Knast, haben sie dich wegen guter F├╝hrung entlassen?" "Ach, ich bin erst gar nicht einger├╝ckt und auf der Flucht, darf ich f├╝r ein paar Tage bei dir bleiben?" "Du hast sie ja nicht mehr alle, du verdammte Hure. Da kommst du ausgerechnet zu mir, nach allem, was du dir geleistet hast?" "Na, hier suchen sie mich jedenfalls ganz bestimmt nicht. Ich glaub ja eh nicht, da├č die mich sonderlich vermissen." "Oh, du Flittchen, du Mistst├╝ck, du Luder! Ich leg dich um, du Schlampe!" Ich hielt ihr meine Kanone an die Stirn und lie├č den Hahn auf eine leere Kammer schlagen. Sie zuckte nicht einmal mit der Wimper und lachte mir ins Gesicht. Ich streichelte ihre Br├╝ste mit dem Lauf, und sie schnurrte wie eine Katze. "Was bist du doch f├╝r ein verdammtes Mistst├╝ck, ich sollte dich wirklich umlegen, du Nutte, was hast du dir blo├č gedacht?" "Ach, ich war total breit und sauer auf dich. Das wirst du mir doch wohl nicht etwa ernsthaft ├╝belnehmen wollen? Na los, komm schon, du Lump, leg mich um, ich habe Lust auf dich!" ich packte sie und warf sie aufs Bett. Wir kopulierten wie zwei wilde Tiere, zusammengeschwei├čt in Ha├čliebe. Daniela blieb vier Tage in meiner Wohnung.


Ich wei├č nicht mehr, ob sie nicht am Ende doch noch eingefahren ist, doch damals konnte ein Anwalt, den ich ihr empfohlen hatte, noch einmal Aufschub erwirken. Ich habe sie dann aus den Augen verloren und seit dieser Zeit nie wieder gesehen. Sie war der extremste Mensch, den ich jemals kennengelernt habe. Sie lebte nicht in gem├Ą├čigten Breiten, alles was sie tat, das tat sie ganz. Sie war gleichzeitig gutm├╝tig und grausam, sentimental und abgebr├╝ht. Daniela war ein Mensch ohne jedes Ma├č, im Guten wie im Schlechten. Einmal war kein Mal und zehn Mal war kein Mal, erst hundert Mal war einmal. Sie war eine Hexe, eine Hure, vielleicht eine Heilige. Denn diese Frau war ein Genie, ein Monument des Leidens. Man hatte ihr beigebracht, gering von sich zu denken, und sie nahm dieses Urteil an, entwickelte einen geradezu monstr├Âsen Drang zur Selbstzerst├Ârung. Ich denke heute noch oft an sie zur├╝ck, und so lange das alles auch her ist, mein Bedauern, da├č ein so titanischer Mensch wie Daniela so furchtbar abgeschrieben wurde, ist seitdem nur noch gr├Â├čer geworden.


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