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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Born to Boogie
Eingestellt am 05. 07. 2003 22:40


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bluesnote
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Registriert: May 2002

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Born to Boogie

Ich und meine Blockflöte und was fĂŒr ne große Nummer ich werden wollte.




Ich kann nur sagen, alles, was ich hier niederschrieb, ist so passiert. Obiger Titel ist entliehen und verĂ€ndert. Er gehört Charles Bukowski – Du und dein Bier und was fĂŒr ne große Nummer du bist.



Ich möchte einmal Gitarre
spielen wie B. B. King.
John Lennon


Es war FrĂŒhling 68, als bei uns in der Schule die Singstunde zum Musikunterricht aufgepeppt wurde. Das hieß, das dem mir sowieso schon verhaßten PlĂ€rren mit MitschĂŒlern, denen es Ă€hnlich ging, eine weitere Grausigkeit hinzugefĂŒgt wurde: die Blockflöte.

Zwei Typen wurden vorgestellt, die teure aus dunklem Holz mit einem Loch mehr und die billige, aus hellem Holz.
Beide lagen sie in Schaumstoff gebettet, in auf edel gemachten Schatullen vorne auf dem Lehrerpult. Die Bestellscheine wurden ausgeteilt, die Preise unseren Eltern mitgeteilt und nicht lange, da hielten wir unsere neuen Folterinstrumente das erste Mal in der Hand.
Ich saß an meiner Schulbank und starrte mit großen Augen auf den Inhalt des KĂ€stchens.
- „He, Baby! Born to Boogie“ oder „Living with the Blues“, das hĂ€tte ich damals meiner Lehrerin am liebsten zugerufen. Der PĂ€dagogin, die doch die Weichen fĂŒr unser MusikverstĂ€ndnis stellen wollte; mein Gleis zumindest lief allerdings in die verkehrte Richtung, wie ich fand.

Die ersten Übungen mit diesem Ding waren noch einfach, Tonabfolgen, die mit etwas Geschick und richtigem Zupacken nicht in ein hohles Dampfloksignal verhallten.
Jede Übung nahm eine Woche lang eine Stunde nachmittags in Anspruch, nach den Hausaufgaben. Es blieb also genug Zeit, um draußen was mit den Kumpels zu unternehmen.
Jedoch begann die nach jeder mehr oder weniger intensiven Übung vor Speichel triefende und nach Hirschfett stinkende Flöte mir gehörig auf den Senkel zu gehen.
Die ersten Lieder brauchte ich nur einsam fĂŒr mich zu spielen – furchtbar. Es gab da wohl eine neue Band, Jethro Tull, ein Musiker war dabei, der spielte eine Querflöte aus Metall.
Das ließ mein Ehrempfinden gerade noch zu, aber eine Blockflöte!
Eine Blockflöte war was fĂŒr einen SchĂ€fer, der seine Herde unterhalten wollte.
> Hast du die Piepe dabei? < Klaus fragte mich, wir waren auf dem Weg zur Schule. Da ich in letzter Zeit das Signalholz mit Mißachtung strafte, war es diesmal passiert. Ich hatte das verdammte Ding vergessen.
> Spiel mir das Lied von Sehnsucht und Hoffnung! < Die Unterhaltung der Menge fiel auf mich. In einem Anfall der Verzweiflung beschloß ich die Tat eines Rock `n’ Roll Rebells, nahm einen Finger in den Mund und blies darauf, wĂ€hrend ich mit den Fingern der anderen Hand Löcher zuhielt, wo keine waren. Es klatschte, aber es war kein Beifall und es sollte nicht das letzte Mal sein, das meine Ohren mehr in Anspruch genommen wurden, als ich es eigentlich wollte.

Wir waren auf dem Heimweg, gingen einen Feldweg entlang, der an Äckern und Weiden vorbeifĂŒhrte. Meine Kumpel schlugen mir auf die Schulter ob meiner letzten Aktion. Ich hielt mir immer noch die schmerzende Backe. Holger blieb stehen, packte die Piepe aus, > ob das auch funktioniert? < Er steckte MundstĂŒck und Rohr zusammen und fĂŒhrte das Ganze seinem Hintern entgegen. Er furzte, volltönend trat ein Mißton aus dem anderen Ende der verhaßten Pfeife.
> Du Wildsau <, schrieen wir im Chor. Ja, ich geb’s zu, wir waren Bauern, from the Field into the Town. BaumwollpflĂŒcker, Kartoffelroder aus dem Mississippi Delta.
Und unsere verzweifelte Lehrerin war eine Dame aus dem weißen Haus aus Washington – Hamburg, an der die Crew von „vom Winde verweht „ ihre helle Freude dran gehabt hĂ€tte.

Es war wieder Musikunterricht.
Mittlerweile hatte ich herausbekommen, unsere Lehrerin nahm regelmĂ€ĂŸig einige Favoriten unter uns 35 SchĂŒlern zur Einzelhörprobe. Ich war der Meinung, das erspare mir das EinĂŒben ausgesuchten Liedgutes.
Ich entwickelte eine ProfessionalitĂ€t darin, die Backen angestrengt aufzublasen und die Finger zu bewegen. So standen wir also alle vor unseren Tischen und spielten. Ich blies stumm hinein und bewegte die Finger ĂŒber den Löchern der Blockflöte. Nicht zu schnell, links und rechts dibberte ich mit den Augen und glich die Geschwindigkeit stĂ€ndig denen der anderen an.
Was soll ich sagen, es ging gut. Nur Stunde fĂŒr Stunde wurde das Flötenkonzert in unseren Klassenraum leiser und leiser.
> Ihr spielt ja ĂŒberhaupt nicht <, sagte ich zu den Jungen.
> Nee. Nichts geĂŒbt <, bekam ich zur Antwort. In der Tat, wer uns regelmĂ€ĂŸig raushaute, waren die MĂ€dchen, welche fĂŒr den Klang dieses Mörderinstrumentes weit mehr Begeisterung aufbrachten.
Es wurde noch leiser.
Und das hieß, es wurde gefĂ€hrlich; nicht nur fĂŒr mich. Aber es nutzte nichts, in der nĂ€chsten Stunde zeigte der Finger des Folterknechtes auf mich.
Welch ein GlĂŒck, das ich vorbereitet war. Ich hatte wirklich geĂŒbt und es klappte so leidlich.

Nun braucht selbst so ein „hohler Stock“ wie eine Blockflöte ein gewisses Maß an Pflege; was ich in diesem Falle maßlos ĂŒbertrieb. Mit der mitgelieferten FlaschenbĂŒrste schrubbte ich ihr nach vergeblichen Spiel ordentlich den Kamin, so als wolle ich ihr damit endgĂŒltig sĂ€mtliche Mißtöne austreiben. Auch mit dem Töpfchen Hirschfett ging ich nicht zimperlich um. Recht großzĂŒgig schmierte ich das Fett rund um den Kork, auf dem das MundstĂŒck geschoben wurde.
Einmal spielte ich vor der Klasse auf meinem Instrument, der Rest der Flöte rutschte mir vom Kork und fiel zu Boden. Statt entsetzt abzubrechen, wandte ich mich zu meinen MitschĂŒlern, hob in Siegerpose beide Arme, zeigte mit HĂ€nden das Peace-Zeichen und spuckte gespielt angewidert das MundstĂŒck aus. Ich glaubte, das Joch der Flöte gebrochen zu haben, rechnete aber nicht mit dem hitzigen GemĂŒt unserer Lehrerin. Es klatschte diesmal zweimal. Mit TrĂ€nen in den Augen schrie ich in den Klassenraum, > Ich bin ein Bluesboy! Blues ist mein wahrer Name und Blues heißt mein Spiel! <
Ich wollte den Bombast-Rock einer Band wie Deep Purple, den schmutzigen Beat eines Rolling Stone. Ich wollte wie Marc Bolan auf der BĂŒhne, in schwarzem Leder, einen Fuß abgestĂŒtzt auf einem Frontlautsprecher, mit schwarzen, lockigen Haaren und einer Flying V lĂ€ssig in den HĂ€nden haltend in die Menge schreien: „I’m your Teenage Revoluzzer!“
Und was hielt ich in HĂ€nden – eine Blockflöte, der Marke Hohner C. Pfui!
Rache! Rache, fĂŒr das, was ihr mir angetan habt!
Wie sollte ich mit diesem hohlen Ding jemals den ohrenbetÀubenden, verzerrten Sound einer Stratocuster, gespielt von Jimi Hendrix, der dabei mit den Lautsprechern bumste, erreichen.
Wie dem auch sei, das Ende der Ära Blockflöte lĂ€uteten ausgerechnet MĂ€dchen ein. Zwei MĂ€dchen sollten einen Schlußstrich unter der gnadenlosen QuĂ€lerei ziehen.
Zwei Schwestern, Heike und Karin. Beide besaßen weit mehr Können als wir anderen. Sie spielten schon lĂ€nger, besaßen grĂ¶ĂŸere Konzertflöten mit dunklem Klang. Mit ihren rotbraunen, geflochtenen Zöpfen und ihren beim Spiel ernsthaft konzentrierten Gesichtern paßten sie auch viel besser zu der Show.

Wir hatten wieder ein Konzert, ich bemerkte es als erster, Heikes unsteter Blick, der doch sonst die Ruhe selbst war, leider, leider... .
> Hört mal alle auf zu spielen <, wir taten gern wie geheißen, > nein, bis auf dich, Heike, du spielst weiter! < Stille!
Heikes Blick beugte sich mehr und mehr, das Instrument sank von ihren Lippen herab. > Ich... Ich hab das nicht geĂŒbt. <
Neben ihr stand erhobenen Hauptes die Schwester und triumphierte.
> Das ist alles, was du mir zu sagen hast? <
> Ich möchte einmal Klavier spielen wie Little Richard! <
> Was... möchtest du. < Heike wiederholte den Satz, wÀhrenddessen öffnete Frau Lehrerin bereits das Klassenbuch und griff zum Stift.
Ich war entgeistert, hatte ich doch soeben eine Kollegin und heimliche Bluesrockerin aus dem Untergrund kennengelernt. Zusammengesunken saß unsere Musiklehrerin vorn auf ihren Stuhl, wir spĂŒrten, es war vorbei.
Im weiteren Verlauf der Stunde sollte ich noch nach Noten spielen, mĂŒĂŸig zu sagen, das ich die auch nicht konnte. Und es machte auch nichts mehr, als ich zuletzt rief: > and don’t forget, the Lord gives Rock `n’ Roll to you ... Schwester! <

Wir hatten natĂŒrlich weitere Musikstunden, aber ohne Flöte. Das war gut so, denn es geschah auf unserem Heimweg. Wir gingen wie immer an den Kuhweiden vorbei, ich berichtete Klaus, das ich meine Pipe nicht mehr teilen und verpacken konnte. Was vorher an Fett zuviel, war nun viel zu wenig.
> Na, dann her mit dem Ding und laß uns mal krĂ€ftig ziehen!< Gesagt, getan. Gar nicht faul, standen wir uns gegenĂŒber und zogen. Mit einem jĂ€hen Ruck trennten sich die beiden Teile, das KorkstĂŒck brach.
Ich hielt das lĂ€ngere Rohr noch fĂŒr einen Moment in der Hand, dann machte sich das Ding im Flug auf den Weg ĂŒber die Weide und fiel schmatzend in den nĂ€chsten Fladen Kuhscheiße.
> Das war’s <, sagte ich zu meinem Freund. Beide standen wir Schulter an Schulter und lachten, Klaus schrie, > i believe in Rock `n’ Roll < und warf das MundstĂŒck hinterher. > Was meinst du, kommen sie uns demnĂ€chst mit Trompeten? <
> Mach keinen Mist! <
Wir nahmen unsere Ranzen und machten uns mutig auf den Weg, unsere Vorliebe fĂŒr elektrische Gitarren gegen daß musikalische Kulturgut der Erwachsenen zu verteidigen.

Westen, im Juli 2003





Damn Right, I’ve got the Blues
Buddy Guy

Ich kann bis heute nicht einen Ton auf einem Instrument spielen. Ich hab sie immer bewundert, die Könner mit ihren Instrumenten: Chuck Berry, dessen Gitarre wie ein Tornado klingt.
Jerry Lee Lewis Teufelsmusik stehend auf dem Klavier.
SpÀter dann Angus Young von ACDC, auch den R&B Spezialisten Keith Richards von den Rolling Stones.
Ich bin auch nie ein Rocker geworden, mit der Fußraste in voller Fahrt ĂŒbern Bordstein, das die Funken stieben. Bis heute hab ich zuviel Respekt vorm Motorradfahren.
Auch die langen, lockigen Haare gehören lange der Vergangenheit an. Geblieben ist der Blues und die Menschen, die ihn mögen, und die mich mögen.
Aus dem Bluesboy wurde ein Bluesman.
bluesnote eben.


FĂŒr Birgit
Ihr Herz schlÀgt im Zwölftakt und in ihrem Blut tobt der Boogie.
Und die immer da ist fĂŒr die Menschen, die sie dringend brauchen.


You can’t fight the Fire, before
you go down in the Heat.

I believe to my Soul
Julian Sas

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george
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Registriert: Jan 2003

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Versteh' wer will, warum dieser Text schlecht bewertet wurde. Ich kann Deine TrĂ€ume, die Liebe zur Musik und die Qualen, etwas ganz anderes tun zu mĂŒssen, als das, was Du wolltest, sehr gut nachvollziehen.
Dein Text hat mich gefesselt bis zum Schluss. Was mehr kann man von einem guten Text verlangen?

GrĂŒsse

__________________
© JĂŒrgen Locke

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bluesnote
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Registriert: May 2002

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Hallo george.

Kann man als Schreiber ein schöneres Lob erwarten, wohl kaum.
Menschen mit unseren Texten in den Bann ziehen, ich glaube, das wollen wir alle.
Vielen Dank fĂŒr deinen Kommentar.

Viele GrĂŒsse.

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Michael Schmidt
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Hallo Udo,

ich teile deine generellen Vorlieben bezĂŒglich des Sounds. Und so ist mein Kommentar auch "musikalisch":

Inhaltlich "RockÂŽNÂŽRoll", doch geschrieben wie eine Oper, zwei Musikrichtungen, die fĂŒr meinen Geschmack sich nicht fĂŒr ein Crossover eignen.

Du weißt doch, Rock`N`Roll gehört zu den einfachsten Dingen der Welt, dies solltest du beim Schreiben berĂŒcksichtigen. So denke ich! Ein wenig mehr Highway Star!

Bis bald,
Michael

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bluesnote
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: May 2002

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Hallo Michael.

Der Text ist ziemlich herausgeputzt, das stimmt schon.
Doch auch Freddy Mercury liebte das Theatralische. Die Scorpions und andere große Bands spielten mit Streichern und BlĂ€sern. Oder denk doch mal an ELO!
Deine Anmerkung hat mich ĂŒbrigens sehr gefreut, jetzt weiß ich wenigstens, wie schnell man ins pompöse geraten kann.

Viele GrĂŒĂŸe

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