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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Briefgeheimnis
Eingestellt am 22. 03. 2007 09:48


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tastifix
AutorenanwÀrter
Registriert: Mar 2007

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Mit ihrem gerade absolviertem, ausgezeichneten Lehrerexamen konnte die 24jÀhrige Sybill wahrlich zufrieden sein.
Sie stammte aus Ă€rmlichen VerhĂ€ltnissen. Eine Schwester ihres viel zu frĂŒh verstorbenen Vaters hatte sie an Kindesstatt angenommen und großgezogen. die Pflegeeltern handelten ihr gegenĂŒber Ă€ußerst pflichtbewusst, aber ohne die tiefe Zuneigung,die jedoch fĂŒr Sybilles normale seelische Entwicklung unbedingt erforderlich gewesen wĂ€re.

Trotz ĂŒberdurchschnittlicher, schulischer Leistungen entwickelte sich Sybill nicht zur egozentrischen Streberin, sondern verhielt sich zu weniger begabten Klassenkameraden stets hilfsbereit. Das brachte ihr viele Freundschaften ein, die auch in der spĂ€teren Studienzeit bestehen blieben. Obwohl sie ĂŒberall sehr beliebt war, fehlte weiterhin der passende LebensgefĂ€hrte an ihrer Seite. Ganz offensichtlich hatte sie ihrer recht lieblosen Kindheit wegen Schwierigkeiten, sich ganz auf einen GefĂ€hrten einzustellen, ihm ihr Innerstes rĂŒckhaltlos zu öffnen. Dazu hĂ€tte sie die Schutzmaske der erfolgreichen jungen Frau ablegen und vor dem Partner die eigenen MĂ€ngel und Fehler aufdecken mĂŒssen. Zudem stellte Sybill extrem hohe AnsprĂŒche; nicht nur an sich selbst, sondern erst recht an einen möglichen Partner.

Ihre beste Freundin Isabell sah Sybills Sololeben mit Trauer. Schon seit Jahren hoffte sie, dass ihre attraktive Freundin endlich ihr passendes Deckelchen fand. Aber, wie konnte sie ihr bloß helfen? Leider zog sich die junge Frau bei jeder noch so geringen AnnĂ€herung sofort in ihr inneres Schneckenhaus zurĂŒck und wurde völlig unzugĂ€nglich. Selbstschutz? Beherrschte sie die Angst, als normaler Mensch mit MĂ€ngeln und Fehlern gesehen zu werden und dass ihr wahres, sehr verletzbares Ich zum Vorschein kam??

AllmĂ€hlich machte sich Isabell große Sorgen. Deswegen empfand sie dann die Einladung zu einer großen Party in ihrer Clique regelrecht als Zeichen des Himmels. An dem betreffendem Abend geschah es endlich: Isabell registrierte es hocherfreut, dass es zwischen Marcus, einem Freund des Gastgebers, und Sybill offensichtlich heftig funkte. Die beiden jungen Menschen hatten nur noch fĂŒreinander Augen und die Umwelt vergessen. Sollte endlich Sybills Einsamkeit der Vergangenheit angehören? Ach, wĂ€re das himmlisch!

Sybill schwebte tatsĂ€chlich auf Wolken. Ihr Versuch, das starke Herzklopfen zu unterdrĂŒcken und jenes aufkeimende GefĂŒhl zu ignorieren, das sie bereits von der ersten Minute an wĂ€hrend des GesprĂ€ches mit diesem jungen Mann verspĂŒrte, scheiterte jĂ€mmerlich. Letztendlich kapitulierte sie. Sie hatte es sich doch in ihren TrĂ€umen ach so oft herbei gesehnt, es sich aber sofort wieder energisch verboten. Diesmal gab es kein Entrinnen, es hatte sie erwischt.

Isabell betrachtete Marcus prĂŒfend und stimmte Sybill im Stillen nur zu gerne zu. Marcus war ein gut aussehender, sehr intelligenter Mann, ein Mann mit einer tiefen, wohl klingenden Stimme, einem anziehenden LĂ€cheln, eben einer tollen Ausstrahlung und zudem den tadellosen Manieren eines Gentlemans. Er war Sybills Traummann.

Isabells sehnlicher Wunsch erfĂŒllte sich. Die Beiden wurden ein Paar, unternahmen tĂ€glich etwas gemeinsam und ließen ihre Verbindung langsam immer enger werden. Sybill blĂŒhte auf und schwebte in den ersten Monaten des Zusammenseins sichtlich im siebenten Himmel. Doch in der Regel ist der Aufenthalt dort kurzzeitig begrenzt. Danach holt einen der Alltag ein, in dem sich dann die QualitĂ€t und BestĂ€ndigkeit einer menschlichen Beziehung beweist.
Weshalb sollte es Sybill anders ergehen?

Marcus und sie hatten sich zusammengerauft, alle kleineren und grĂ¶ĂŸeren Probleme der letzten Monate gemeinsam gemeistert, kleine Streitereien ausgefochten, die anschließende Versöhnung aus vollem Herzen genossen und auch die Freude darĂŒber miteinander in innigster Weise geteilt. Nach Ablauf eines halben Jahres jedoch registrierte die junge Frau zunehmend die SchwĂ€chen ihres Partners als auch Eigenarten, die sie vorher in erster Liebe unbewusst oder auch willentlich ĂŒbersehen hatte.

Es stellte sich heraus, dass Marcus, der Sohn aus vornehmer Familie, sich total der Lebensart seiner großbĂŒrgerlichen Gesellschaftsklasse unterworfen hatte. Er erwartete von der Partnerin totale Anpassung und sogar Unterordnung. Sybill richtete sich danach,litt aber mit der Zeit zunehmend darunter. Sie war Freiheit wie auch Entschlussfreiheit gewöhnt. Aber jetzt ĂŒbernahm Marcus drĂ€ngend immer strenger ihre gemeinsame Lebensplanung. Meistens fĂ€llte er die wichtigen Entscheidungen, oft sogar, ohne zuvor ihr EinverstĂ€ndnis einzuholen. Die Streitereien hĂ€uften sich und endeten jedes Mal mit einem hilflosen Heulanfall seiner Freundin. Weshalb tat er ihr das an? Wo war seine einfĂŒhlsame, rĂŒcksichtsvolle Art geblieben, die sie mittlerweile so sehr vermisste, jedoch dringend brauchte, um Geborgenheit zu empfinden?

Da sie ihn um keinen Preis verlieren wollte, gab sie klein bei und ĂŒberließ letztendlich alles ihm. Empfand er es etwa gar nicht oder - ein weitaus quĂ€lenderer Gedanke fĂŒr seine junge Partnerin - verdrĂ€ngte er willentlich das aufkommende Wissen um ihr Leid? Durch ihr Benehmen unterstĂŒtzte Sybill noch sein Bestreben, diese FĂŒhrerrolle in vollem Maße auszuleben. HĂ€tte sie sich anders verhalten,hĂ€tte der gemeinsame Lebensweg schnell ein Ende gefunden.

Ihre Liebe zu ihm, aber auch der von ihr so oft ersehnte Wohlstand bedeuteten Sybill dermaßen viel, so dass sie tapfer alles hinunter schluckte, was sie in dieser Partnerschaft zu quĂ€len begann und brav die von ihr erwartete Rolle einer angepassten Dame der Gesellschaft spielte. Dadurch entkrĂ€ftete sie innerhalb kĂŒrzester Zeit die Vorurteile, die ihr wegen ihrer niederen Herkunft von Seiten der Eltern ihres Freundes entgegengebracht worden waren.

Vor allem Marcus Vater war von Sybill begeistert und wĂŒnschte sich nichts sehnlicher, als dass die Beiden ihr gemeinsames Leben durch eine baldige Heirat legalisierten. Ja, sie war die richtige Frau fĂŒr seinen Sohn und zugleich die passende, vorzeigbare Schwiegertochter fĂŒr ihn und seine Gattin. Sie war intelligent, obendrein sehr hĂŒbsch und beherrschte die erforderlichen Umgangsformen. Was wĂŒnschte man sich mehr?

In den zurĂŒckliegenden Monaten war Isabell eine beunruhigende, schleichende VerĂ€nderung Sybills aufgefallen. Darauf angesprochen, versicherte ihr ihre Freundin, es sei alles wie sonst in bester Ordnung. Im krassen Widerspruch dazu verstummte als Folge wachsender, innerer Verkrampfung ihr fröhliches Lachen mehr und mehr. Sie verschloss sich zusehends.

Einige Wochen spĂ€ter hakte Isabell nochmals eindringlichst nach, bis Sybill ihr dann unter TrĂ€nen gestand, dass sie sich wie in einem goldenen KĂ€fig gefangen fĂŒhle, als ob sie ihre Persönlichkeit hĂ€tte aufgeben mĂŒssen. Entsetzt lauschte die Freundin diesen verzweifelten Worten. Aus der jungen Frau brach in diesem GesprĂ€ch alles hervor, was sich in den vergangenen Monaten an Frust und Ängsten angestaut hatte. Isabell sah erschĂŒttert ihre BefĂŒrchtung bestĂ€tigt, dass die Freundin mit ihrer Kraft fast am Ende war. Wie lange stĂŒnde Sybill noch diese ihr aufgezwungene Rolle durch?

Zog Isabell ihre SchlĂŒsse aus dem, was sie da erfuhr, ließ der Nervenzusammenbruch mit Sicherheit nicht mehr lange auf sich warten. War der neue Lebensstil fĂŒr sie dermaßen wichtig, an Marcus` Seite als zukĂŒnftige Dame der Gesellschaft eine ihr bis dann ungekannte Art der Anerkennung und Bewunderung genießen zu können? Nahm sie deshalb dieses Marionettendasein in Kauf, setzte sie dafĂŒr sogar ihre psychische Gesundheit aufs Spiel? Oder liebte die ihren Marcus trotz all dem so sehr, dass sie alles, aber auch wirklich alles ertrug??

In einem TelefongesprĂ€ch zwei Wochen nach dieser Aussprache klang Sybill ungewohnt euphorisch, so ganz anders als in der allerletzten Zeit. Isabell stutzte, horchte auf und ließ sich die Neuigkeiten berichten, die ihre Freundin da zum Besten gab. Diese hatte per Zufall in einem kleinen Cafe in der Nachbarstadt die Bekanntschaft eines Mannes gemacht, der so ganz anders war als Marcus, nĂ€mlich unkonventionell, spontan und voller Humor. Sie gab Isabell gegenĂŒber - schließlich war die ihre beste Freundin - sogar ehrlich zu, dass dieser Mann einen gewissen Reiz auf sie ausĂŒbte. Anscheinend verspĂŒrte die junge Frau im Zusammensein mit jenem Fremden einen Hauch der ihr verlorenen, inneren Freiheit zurĂŒck.

Sybill war sich sehr wohl darĂŒber im Klaren, dass sie allein durch ihr Interesse an einem lĂ€nger wĂ€hrenden Kontakt zu dem Unbekannten den ersten Schritt zum Vertrauensbruch ihrem Freund gegenĂŒber tat. Dennoch genoss sie jedes Wiedersehen. Es blieb nicht nur bei oberflĂ€chlichen Treffen, sondern Sybill zeigte offen ihr Verlangen nach einer innigeren Beziehung. In den folgenden drei Wochen trafen sich dieser Mann, Fred mit Namen, und Sybill heimlich regelmĂ€ĂŸig hinter Marcus RĂŒcken. Die Vertrautheit wuchs und auch die gegenseitige körperliche Anziehungskraft. Schließlich widerstanden beide nicht mehr und schliefen in dieser Zeit mehrmals miteinander.

Doch nach dieser kurzen Zeit voller GlĂŒck beschlich Sybill die Furcht vor Entdeckung. Sie beendete das VerhĂ€ltnis. Hegte Marcus auch nur einen diffusen Verdacht, könnte sie ihn und ihr luxuriöses Leben vergessen. Er wĂŒrde nicht verzeihen und sich stattdessen sofort von ihr lossagen. Der Preis war ihr zu hoch. Fred reagierte sehr gekrĂ€nkt, als sie ihm ihre Trennungsabsicht mitteilte. Mehr war er nicht fĂŒr sie gewesen, nur eine Blitzaffaire? EnttĂ€uscht zog er sich zurĂŒck.

Mit erleichtertem Gewissen kehrte Sybill zu ihrem LebensgefĂ€hrten Marcus zurĂŒck und schlĂŒpfte wieder in die ihr nun so vertrauten Rolle der jungen Dame der Gesellschaft. Aber ihre Hochstimmung sollte sehr schnell verfliegen. Zwei Wochen spĂ€ter blieb ihre Periode aus. Sie musste sich von einem Arzt sagen lassen, dass sie schwanger war. Wie vom Blitz getroffen saß sie in der Praxis. In ihren Ohren dröhnte nur dieses fĂŒr sie schreckliche Wort: Schwangerschaft... Schwangerschaft!!

Selbst die entsetzliche Beklemmung, die dann von ihr Besitz ergriff, hĂ€tte sie nicht dazu verleiten können, eine Abtreibung vornehmen zu lassen. Nein, da blieb sie ihrer Auffassung treu. Abtreibung bedeutete Mord in ihren Augen, egal, zu welchem Zeitpunkt sie vorgenommen wurde. Aber - wie nur fĂ€nde sie einen Weg aus diesem Teufelskreis? Diese ungewollte Schwangerschaft, dieses wachsende Kind unter ihrem Herzen befehligte fortan ihr Leben. Schier unertrĂ€glich drĂŒckte sie die Einsicht, außer zu Isabell niemals auch nur ein einziges Wort darĂŒber verlieren zu dĂŒrfen. Sie war verurteilt, in Zukunft all ihren Freunden fĂŒr den Rest ihres Lebens als LĂŒgnerin zu begegnen, wollte sie nicht alles aufs Spiel setzen, was ihr so teuer war.

Der Verschwiegenheit ihrer Freundin fĂŒhlte sie sich sicher. Nie drĂ€nge durch eine Indiskretion Isabells, selbst nicht im Krach, ein Sterbenswörtchen ĂŒber ihr schreckliches Geheimnis an die Öffentlichkeit, geschweige denn, zu Marcus. Ausschließlich diese vermeintliche Sicherheit gab ihr in ihrer wie ausweglos erscheinenden Lage die innere Kraft, die sie zur nervlichen BewĂ€ltigung dieser Katastrophe nĂŒtzen mĂŒsste. Sie hĂ€tte ihre nun gefĂ€hrdete Zukunft irgendwie in den Griff zu bekommen.

Nach einer Reihe schlafloser NĂ€chte, in denen sie Gewissensbisse und panikartige Gedanken plagten, rang sich Sybill zu einem Entschluss von ungeahnter Tragweite durch. Der leibliche Vater des Babys sollte unter keinen UmstĂ€nden je erfahren, dass dieses kleine Leben ihn sehr wohl etwas anging. Ihr Plan stand fest: Um Marcus nicht zu verlieren, tĂ€te sie etwas Ungeheuerliches: Sie wĂŒrde behaupten, das Kind wĂ€re von ihm. GestĂŒnde sie dagegen ihren Fehltritt, zerstörte sie jegliche Chance fĂŒr die Fortsetzung ihrer Lebensgemeinschaft!

In dem diesbezĂŒglichen VertrauensgesprĂ€ch zwischen den Freundinnen versuchte Isabell, von Sybills Absicht, die Zukunft auf einer solch schwerwiegenden LĂŒge aufzubauen, aufs Äußerste schockiert, ihre Freundin mit vehementen Vorhaltungen von diesem ihrer Auffassung nach unsittlichen Vorhaben abzubringen, denn sie verabscheute diesen Plan zutiefst. Trotzdem band sie ihre fast lebenslange Freundschaft mit all deren Höhen und Tiefen an diese junge Frau.

Aus ĂŒber großem Mitleid gab Isabell ihr schließlich, wie es die Verzweifelte erhofft und eigentlich fast erwartet hatte, das Versprechen, dieses Wissen fĂŒr alle Zeiten in ihrem Herzen zu verschließen. Sybill wĂ€hnte, sich nach diesem Schwur auf deren Verschwiegenheit verlassen zu können, denn Isabell war ihre lebenslang engste Freundin!


Einige Tage danach machte Marcus seiner LebensgefĂ€hrtin einen offiziellen Heiratsantrag. Nicht nachvollziehbar fĂŒr Isabell, verdrĂ€ngte Sybill fast mĂŒhelos ihr schlechtes Gewissen und willigte glĂŒcklich ein. Nicht nur sie selbst, sondern auch das werdende Leben da unter ihrem Herzen waren von da an gut gesichert. Ihr Kind mĂŒsste keine Armut durchleiden.

Die Hochzeitsfeier fiel sehr prunkvoll aus. Bei strahlendstem Sommersonnenwetter gaben sich Sybill und Marcus in Anwesenheit der zweihundert geladenen GĂ€ste das Eheversprechen. Sie mit dem festen Vorsatz, von nun an Marcus eine treue, folgsame Ehefrau zu sein und dem Kind eine wunderbare Mutter, um so gewissermaßen Abbitte fĂŒr ihren schwerwiegenden Fehltritt wĂ€hrend ihrer bisherigen Partnerschaft zu leisten. Sybill war sich ganz sicher, dass Marcus zum liebevollsten Vater ĂŒberhaupt wĂŒrde.

Die Zeit verstrich. Die Schwangerschaft, die völlig beschwerdefrei verlief, neigte sich ihrem Ende zu. Voller Ungeduld und Freude warteten Marcus und Sybill auf das große Ereignis. Marcus bestand darauf, der Geburt beizuwohnen. Bereits Wochen vor der Ankunft des Babys stand er seiner jungen Frau jede freie Minute zur Seite. Endlich war es soweit. Alles verlief schnell und zudem reibungslos. Sie bekamen ein sĂŒĂŸes Töchterchen. Aufatmend stellte Sybill fest, dass die Kleine per Zufall sogar Marcus Ă€hnelte. Nichts wĂŒrde also dem GlĂŒck zu dritt im Wege stehen!

Sie waren nun eine kleine Familie. Das Töchterchen, auf den Namen ÂŽMaren` getauft, wuchs heran, eine Bilderbuchschönheit mit viel Temperament und immer noch dem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten. Allein Sybill wusste, dass diese Ähnlichkeit nur reiner Zufall war. Betrachtete sie ihre Tochter, dachte sie unwillkĂŒrlich an deren leiblichen Vater, der hoffentlich niemals in Erfahrung brachte, dass dieses sĂŒĂŸe Geschöpf sein eigen Fleisch und Blut war. Bei diesem entsetzlichen Gedanken wurde es Sybill ein wenig mulmig in ihrem MutterglĂŒck. Doch, da Meisterin im VerdrĂ€ngen, schob sie ihn schleunigst ganz weit von sich und freute sich lieber an dem fröhlichen Wesen da vor ihr.

Die Jahre vergingen.
Maren kam ins Teenageralter. Im Alter von 16 Jahren bleibt einem jungen Menschen nicht mehr alles verborgen. Öfters fiel dem MĂ€dchen auf, dass die Mutter es manchmal eigenartig nachdenklich ansah, so, als ob deren Gedanken in weiter Ferne weilten. Doch nach Art Jugendlicher interpretierte Maren das derart, dass MĂŒtter eben manchmal ihren Nachwuchs unter dem Aspekt begutachteten, dass dieser dem Kindesalter entwuchs und zunehmend eine eigene Persönlichkeit entwickelte. Was sollte das ahnungslose MĂ€dchen auch Anderes vermuten?

Sybill beschĂ€ftigten ganz andere Überlegungen. Bald war Maren volljĂ€hrig. Von Rechts wegen war die Mutter verpflichtet, ihr dann die brutale Wahrheit zu eröffnen. Musste sie ĂŒberhaupt... ? Ihre Tochter hatte eine sehr glĂŒckliche Kindheit und Jugend im Wohlstand durchlebt, mit allem, was sich ein Kinderherz so wĂŒnschte. Maren war mittlerweile in einem Alter, in dem die eigene Kindheit schon zur wichtigen Erinnerung an einen prĂ€genden Lebensabschnitt geworden war. GestĂŒnde ihr die Mutter, dass diese, damals nicht sehr viel Ă€lter als jetzt der Nachwuchs, mit einem Fehltritt eine LebenslĂŒge geboren hatte... ?

Hatte sie sowohl ihrem Mann als auch dem Kind nicht mit besonders intensiver Zuneigung und Aufopferung, bis fast hin zur Selbstaufgabe, in höchst ausreichendem Maße Abbitte geleistet? Zerstörte sie durch die Wahrheit nicht allein ihr eigenes, seit der Geburt Marens in sehr normalen Bahnen verlaufendes Leben, sondern ebenfalls das ihres Kindes wie auch das des Ehemannes, mit dem sie eine sehr stabile, harmonische Beziehung pflegte?

Eine sie ohne Unterlass quĂ€lende Einsicht gab außer der Angst, alles offen legen zu sollen, schließlich den Ausschlag. GĂ€be sie ihr ungeheuerliches Geheimnis preis, wendete sich Maren nach dem ersten Schock in kindlicher Verzweiflung total von ihr ab. Von dem Moment der Offenbarung an lehnte das MĂ€dchen sie als Mutter ab und verleugnete sie sogar vor allen. Das verzieh ihr die Tochter mit Sicherheit nie, dass die Mutter ihr eigenes Kind und, noch gravierender, auch den Gatten das halbe Leben lang mit einem solch schwerwiegendem Betrug getĂ€uscht hatte. Marcus Ablehnung verkraftete sie irgendwie, aber nicht den Hass ihrer Tochter, eines Teils ihrer selbst. Ihr Inneres ging daran zugrunde, sie war wie tot!

Deshalb entschloss sie sich, sowohl aus Feigheit als auch aus praktischen ErwĂ€gungen, diesen Leiden nach sich ziehenden Schritt noch wenigstens so lange aufzuschieben, bis ihre Tochter auf eigenen FĂŒĂŸen stand. Diese Ausrede, mit der sie vor sich selber ihre unmögliche Handlungsweise zu rechtfertigen versuchte, war nichts anderes als die zweite schlimme LebenslĂŒge, der zweite noch grausame Folgen nach sich ziehende Selbstbetrug. Doch lieber wollte sie mit dieser LĂŒge leben, als sich der dann eskalierenden Situation zu stellen, in den Augen der Verwandtschaft als Verbrecherin da zu stehen und alles, was ihr lieb und teuer war, aufgeben zu mĂŒssen!

Ein zweites Mal in ihrem Leben verdrĂ€ngte sie mit Erfolg all diese beklemmenden GrĂŒbeleien. Wieder widmete sie sich ihrer kleinen Familie mit Aufopferung und genoss das gutsituierte Leben. Es folgte ein sehr harmonisches Jahr. Nichts wies auf die sich anbahnende Katastrophe hin, die diese drei Leben durcheinander wirbeln sollte!

Nach Ablauf jenes Jahres störte etwas das bis dato glĂŒckliche Familienleben. ZunĂ€chst waren es nur anonyme Anrufe, die niemand zu begrĂŒnden verstand. Selbst Sybill nicht, die doch am ehesten einen bestimmten Verdacht hĂ€tte hegen können. Nein, die ersten Telefonate mit offener Leitung und ohne Stimme am anderen Ende beĂ€ngstigten sie alle noch nicht. Entweder hatte sich jemand verwĂ€hlt oder erlaubte sich einen allerdings recht unverschĂ€mten Scherz. Als diese Dinge sich aber hĂ€uften, ĂŒberdachte die junge Frau die traurige Möglichkeit, ob Marcus heimlich eine Geliebte hĂ€tte, die hinter ihm her spionierte. Seit einigen Wochen erschien er erst relativ spĂ€t aus seiner Anwaltskanzlei und erklĂ€rte das mit vermehrter Arbeit. ErklĂ€rungen solcherart kannte sie ja aus Funk, Film und Fernsehen.

Als eines Tages nicht sie, sondern zufĂ€llig er einen jener unverschĂ€mt dreisten Anrufe entgegen nahm und schon wieder Stille am anderen Ende der Leitung herrschte, beobachtete sie aufmerksamst seine Reaktion. Aus seiner Mimik las sie Überraschung, Verunsicherung und auch VerĂ€rgerung, jedoch keine Verlegenheit oder gar schlechtes Gewissen. Da lief etwas anderes ab. Nur was?

Ob vielleicht ein schĂŒchterner Verehrer Marens dahinter steckte, der aus Angst vor einer Abfuhr es vorzog, unerkannt zu bleiben, um dann auf diese Weise am Telefon zumindest fĂŒr ein paar Sekunden ihre Stimme zu hören, war das des RĂ€tsels Lösung? Unsinnig, Maren danach zu fragen, ob und wer da in Frage kam. Solch ein Kandidat hielt sich in stiller Verehrung sowieso fern von ihr schĂŒchtern im Hintergrund, so dass Maren ihn mit Sicherheit noch nicht einmal benennen konnte. Überhaupt eine verrĂŒckte Idee!

Sollte dieser Telefonterror nicht bald ein Ende finden, wendete sie sich an die Polizei mit der Bitte um eine Fangleitung. Lange hielten ihre Nerven das nicht mehr aus. Marcus, Tochter Maren und auch sie selbst reagierten bei jedem weiteren Anruf zunehmend gereizter. Sie ließe sich doch von einem offensichtlich geistig gestörten Menschen nicht ihre kleine heile Welt kaputtmachen!

Doch der Fremde gab nicht auf. Stattdessen steigerte er seine Terroraktionen in erschreckendem Maße. Bald tyrannisierte er sie mit mehrmaligen Störungen wĂ€hrend ein und desselben Tages. Immer derselbe Ablauf: Stille Leitung, keine Stimme und auch keine indizientrĂ€chtigen HintergrundgerĂ€usche. AllmĂ€hlich kamen Marcus neben der VerĂ€rgerung, die sie mittlerweile alle Drei gefangen hielt, diffuse Zweifel. Welches Motiv mochte der Unbekannte haben? Eines stand fĂŒr ihn mittlerweile fest: Diese UnverschĂ€mtheiten zĂ€hlten nicht zu sogenannten „bösen Bubenstreichen“. Da wollte jemand sie nervlich fertig machen, womöglich sogar eine psychologische Bombe zur Explosion bringen. Warum??

Immer öfter lagen Sybill, Marcus und selbst Tochter Maren abends grĂŒbelnd im Bett. Eines Nachts wachte die junge Frau nach einem schrecklichen Albtraum schweiĂŸĂŒberströmt auf. Traumatisiert setzte sie sich im Bett auf und unternahm vergebliche Anstrengungen, vom Inhalt jenes Traumes Abstand zu nehmen. Die furchtbaren Gedanken, die sie so plötzlich aus ihrem Seelenfrieden herausrissen, raubten ihr endgĂŒltig den Schlaf. Nein, das konnte, das durfte einfach nicht sein! Es war nur ihr revoltierendes Unterbewusstsein, das ihr diesen bitteren Streich spielte und sie unbarmherzig an ihre weit zurĂŒckliegende Vergangenheit erinnerte, an das entsetzliche Unrecht, dass sie sowohl ihrem Mann als spĂ€ter auch der geliebten Tochter angetan hatte. Sollte das alles sie etwa einholen, sie innerlich zerstören?

Sie nahm sie sich fest vor, gleich am frĂŒhen Morgen Isabell anzurufen, mit der sie sowieso eigentlich bereits viel zu lange nicht mehr gesprochen hatte. LĂ€ngst war es an der Zeit, sich wieder einmal grĂŒndlich miteinander auszutauschen. Etwas gelassener, drehte sie sich nochmals auf die Seite und fiel wiederum in Schlaf, in einen allerdings sehr unruhigen Schlaf, der ihr nur minimale Erholung brachte.

Am nĂ€chsten Morgen fĂŒhlte sie sich total gerĂ€dert, als fehlte ihr die Nachtruhe mehrerer Tage. Obwohl gefangen in quĂ€lendem Gedankenwust, durfte sie diese nĂ€chtliche Episode unter keinen UmstĂ€nden mit Mann und Tochter besprechen. Das war das eigentlich Zerfetzende, was sie regelrecht panisch werden ließ! Krampfhaft bemĂŒhte sie sich, den Tag möglichst normal wie jeden anderen sonst anzugehen. SpĂŒrte Marcus ihre psychische LabilitĂ€t, dann war Misstrauen gesĂ€t, denn auch er wĂ€lzte Gedanken vieler Art. HĂ€ufig schaute er sie grĂŒbelnd von der Seite an. Bisher hatte sie stets unbeschwert heiter zurĂŒcklĂ€cheln können, doch das brachte sie seit der letzten Nacht nicht mehr.

WĂ€hrend jeden Blickkontaktes befĂŒrchtete sie, er erkannte, wie es innerlich in ihr tobte. Angstvoll vermied sie darum, ihm in die Augen zu sehen. Das ließ sich am ehesten bewerkstelligen, indem sie sich wĂ€hrend der nur noch seltenen Unterhaltungen emsigst in irgendeine Arbeit hineinkniete. Hausfrauliche BetĂ€tigungsmöglichkeiten gab es gottlob mehr als genug, die sie unauffĂ€llig wĂ€hrend eines Dialoges in Angriff nehmen konnte.

Doch schĂŒtzten sie all diese Manöver nur noch eine kurze Weile lang. Die fortwĂ€hrende, aufdringliche Bimmelei des Telefons hatte sie alle in jeglicher Hinsicht extrem sensibilisiert. Sie fingen an, wie sie glaubten, vom GegenĂŒber unbemerkt, sich argwöhnisch und lauernd zu beobachten. Die NatĂŒrlichkeit des Zusammenlebens verflog. Das Familienleben wurde zur Kunst. Jede Regung unterlag zwanghafter Disziplinierung.

WĂ€hrend die Anspannung schier ins UnertrĂ€gliche stieg, wandelte sich die Methodik des Terrors. Die neue Vorgehensweise des Anrufers stieß sie in gesteigerte BedrĂ€ngnis. Die Serie der stillen Anrufe wurde Vergangenheit. Der Mensch am anderen Ende der Leitung hatte mit dem anonymen Terror offensichtlich noch nicht sein Ziel erreicht. So setzte er in seinen Aktionen noch eins drauf.

Eines Morgens meldete sich der Unbekannte. Es wurde zur Gewissheit, dass er die Familie bis hin in den Wahnsinn zu treiben gedachte. Der Fremde spielte nicht lĂ€nger einen stummen Statisten, sondern ĂŒbernahm nun die Hauptrolle in dieser grausamen Komödie. Noch verriet er seinen Namen nicht. Es erschien ihm wohl zu frĂŒh dafĂŒr, seine IdentitĂ€t preiszugeben. Die Nervenkraft seiner Opfer hatte er als zu geschwĂ€cht angesehen. Es wĂ€re ihm nicht möglich, sie bereits mit dem dann folgenden zweiten Akt dieses von ihm inszenierten TheaterstĂŒckes schon zu zermĂŒrben.

Wieder einmal (zum x-ten Male, die Drei hielten schon nicht mehr nach, wie oft sie schon dieses in ihren Ohren bedrohliche Schrillen hatte zusammen zucken lassen!), lÀutete das Telefon. Diesmal eilte ausgerechnet Marcus zum Apparat. Mittlerweile bildete jeder von ihnen sich ein, der als Folge des Terrors verstÀrkten, eigenen SensibilitÀt wegen heraushören zu können, ob es sich um einen normalen Anruf von Freunden bzw. Bekannten oder um einen der dreisten Versuche jenes Fremden handelte, sie durch seine Tyrannei eines Tages zu Grunde zu richten.

Die Lautlosigkeit erwartend, bereits frustriert und deprimiert, hob Marcus den Hörer ab. Deprimiert, weil er und seine Familie diesen Angriffen hilflos ausgesetzt waren. Doch diesmal verlief alles anders, in einer Weise anders, dass ein noch gefĂ€hrlicherer Schock sie alle in Atem hielt. Es wurde ihm klar, dass sie nach diesem Anruf in Misstrauen gegeneinander aufgewĂŒhlt sein wĂŒrden.

Die verĂ€nderte Taktik des Angreifers zeigte nur allzu klar dessen Absicht, sich nicht lĂ€nger unerkennbar im Hintergrund zu halten und nur die lautlose Leitung ihre nicht unerhebliche Wirkung ausĂŒben zu lassen, sondern seine ernstzunehmende Aggression dieser Familie gegenĂŒber zu unterstreichen, indem sie zum ersten Male seine Stimme vernehmen sollten.

Erstarrt hielt Marcus den Hörer in der Hand, fassungslos darĂŒber, was er zu hören bekam. Der Anrufer drohte, die kleine Familie endgĂŒltig fertig zu machen. Die Telefonanrufe wĂ€ren erst der harmlose Anfang, sozusagen der Auftakt der zu erwartenden Repressalien. Verzweifelt versuchte Marcus, irgendein GesprĂ€ch in Gang zu bringen, aus dem er das ihm immer noch schleierhafte Motiv jenes Menschen hĂ€tte erkennen können, eventuell dann durch einen Versprecher oder einen wĂŒtend dahingeschleuderten Satz seines akustischen GegenĂŒbers. Doch es blieb aussichtslos. Machtlos legte Marcus den Hörer zurĂŒck auf die Gabel. Er setzte sich wie gelĂ€hmt auf den nĂ€chststehenden Stuhl und zwang sich zur Ruhe. Es war unbedingt erforderlich, jetzt die Nerven zu behalten, um so der bedrohlicher werdenden Situation Herr bleiben. Auf alle FĂ€lle sprĂ€che er jetzt eindringlich mit Sybill.

Seine Überzeugung wuchs, so zurĂŒckhaltend seine Frau sich in letzter Zeit ihm gegenĂŒber verhielt, dass sie ihm etwas verschwieg. Sollte sie etwa einen Liebhaber haben, den sie eventuell zurĂŒckgewiesen hatte und der sich jetzt auf diese Weise rĂ€chte? Das sprach allerdings fĂŒr einen ausgemacht scheußlichen Charakter. Noch am selben Tag stellte er seine Frau zur Rede. Jedoch beteuerte sie ihm so glaubhaft ihre Unschuld, verstĂ€ndlicherweise erst recht ihr Unwissen, so dass er trotz innerer Zweifel seinem Misstrauen Einhalt gebot. Aber im Unterbewusstsein arbeitete es weiter. Sein Vertrauen zu ihr bekam Risse. Wenn es kein Liebhaber war, was dann? Irgendetwas stimmte da nicht...!

Mittlerweile litt die Tochter wegen des hĂ€uslichen Unfriedens zutiefst. Sie spĂŒrte das schwindende Vertrauen zwischen den Eltern. Auch ihr war das verstörte Verhalten der Mutter aufgefallen, dass sie sich aber damit erklĂ€rt hatte, dass solche wiederkehrenden anonymen Anrufe sehr wohl bei einem Menschen psychische Auswirkungen nach sich zogen. Ein anderer Mann im Leben ihrer Mutter? Maren wehrte sich strikt gegen diesen Gedanken, mochte sich noch nicht einmal diese Möglichkeit auch nur vorstellen. Die Ehe ihrer Eltern war ihr bisher immer ein Vorbild gewesen. Aber etwas blieb rĂ€tselhaft im Benehmen der Mutter. Selbst Maren musste sich das eingestehen.

Rein oberflĂ€chlich betrachtet, ging das Leben einen noch relativ normalen Gang. Fast schien es so, als ob die Angriffe entgegen der ausgesprochenen Drohung stoppten. Jedenfalls tat sich einige Wochen ĂŒberhaupt nichts Ungewöhnliches mehr. Nach einiger Zeit atmete Marcus befreit auf. Also war es wohl doch nur die Aktion eines VerrĂŒckten gewesen, die man nicht weiter ernst zu nehmen brauchte. So hoffte auch die Tochter. Nur Sybill lebte in einer stĂ€ndigen, ausschließlich fĂŒr sie selbst sehr wohl erklĂ€rbaren Angst. Ihr damaliger Albtraum hatte sie wachgerĂŒttelt. Ihre dunkle Vergangenheit hatte sie eingeholt.

Kurze Zeit spĂ€ter setzte sie ihr Vorhaben, dringendst mit ihrer Freundin zu reden, in die Tat um. Ihre BefĂŒrchtungen nahm diese eigenartig gelassen zur Kenntnis. Auf die Frage nach dem Grund ihres langen Stillschweigens erhielt Sybill ebenfalls keine klare Antwort. Das ganze GesprĂ€ch verlief eigenartig befremdlich, so gar nicht wie der Gedankenaustausch zweier guter Freundinnen. Verwirrt beendete sie schließlich das Telefonat.

Ein ungutes GefĂŒhl beschlich sie, dass sie aber noch nicht zu deuten wusste. Sehr bald sollte sie verstehen. Auf eine Art wĂŒrde ihr die Auflösung des Ganzen nĂ€hergebracht, wie sie sie sich niemals in deren Dramatik hĂ€tte erdenken können.

Der Fremde hatte nicht etwa aufgegeben, sondern plante bereits den nĂ€chsten Schritt. Jetzt startete er den direkten Angriff, der die Bombe endlich hochgehen ließ. Wenige Tage nach dem fĂŒr Sybill eigenartigen GesprĂ€ch mit Isabell spazierte die junge Frau morgens wie stets zum Briefkasten. Neben dem ĂŒblichen Berg juristischer Briefe fiel ihr ein kleiner, grĂŒner Briefumschlag ohne Absender in die Hand. Nichts Gutes ahnend, öffnete sie ihn und klammerte sich dann leichenblass am Gartenzaun fest. Nein, so weit ginge er doch nicht, das wĂŒrde er doch nicht wagen!

Innerhalb des Bruchteils einer Sekunde hatte sie die Handschrift als die des Mannes erkannt, mit dem sie vor fast achtzehn Jahren sehr glĂŒcklich gewesen war. Jetzt aber empfand sie furchtbare Panik! Bekamen Marcus oder auch Maren diesen Brief in die HĂ€nde, war alles aus. Nochmals las sie den furchtbaren Text: Er spĂŒrte sie ĂŒberall auf. Er wĂŒrde sich rĂ€chen fĂŒr all die DemĂŒtigungen, die sie ihm zugefĂŒgt hatte. Sein Wissen um ihr Geheimnis sollte ihr Leben zerstören. Nur noch eine kurze Frist, dann packte er aus!

Kalkweißen Gesichtes lehnte sich Sybill gegen den Gartenzaun, vor aufkommender Wut zitternd! Also forderte das Schicksal, dass sie nach all den Jahren des Einsatzes fĂŒr ihre Familie doch noch fĂŒr ihr Vergehen bĂŒĂŸen musste. Alles kam zutage. Sie verlor Mann und Tochter, wurde verstoßen aus der Umgebung, die sie so sehr zu lieben gelernt hatte. Man verdammte sie völlig zu Recht wegen ihrer ĂŒbergroßen Schuld.

Fieberhaft ĂŒberlegte sie, wo sie den Brief verstecken konnte. Seine zwei Bögen in winzige Schnipsel zu zerreißen und diese dann in den Papierkorb wandern zu lassen, erschien ihr als zu leichtsinnig. Die grellgrĂŒne FĂ€rbung der PapierstĂŒcke hĂ€tte auf jeden Fall gefĂ€hrliche Neugierde geweckt. Hastig steckte sie dieses verrĂ€terische SchriftstĂŒck in ihre Hosentasche. Wie in Trance rannte sie zurĂŒck ins Haus, wie gehetzt die Treppe in die obere Etage hinauf, immer zwei Stufen auf einmal, um dann in die scheinbare Geborgenheit ihres Arbeitszimmers zu hasten. In ihrer Furcht lauschte sie auf jedes noch so leise GerĂ€usch, beobachtete jede noch so geringe Bewegung innerhalb des Hauses. Sei es, dass eine TĂŒre leicht knarrte, sei es das Wehen einer Gardine am offenem Fenster. Alles, aber wirklich jede Kleinigkeit wertete sie als Zeichen einer sie betreffenden Verfolgung.

Sybill betrat ihr Zimmer. Sie vergaß die TĂŒre zu schließen, lehnte sie stattdessen nur flĂŒchtig an. Wohin nun mit dem Brief? Mit Ă€ußerster Konzentration gelang es ihr, trotz der wirbelnden Gedanken in ihrem Kopf, das einzig mögliche Versteck fĂŒr diesen Drohbrief auszuwĂ€hlen. Ja, wieso war sie denn nicht gleich darauf gekommen, wozu besaß denn ihr Schreibtisch das kleine Geheimfach? Dort entdeckte ihn niemand!

Just in diesem Moment hörte sie aus dem Nebenraum sich jemand schnellen Schrittes ihrer TĂŒre nĂ€hern. Atemlos stand sie da, in den zittrigen Fingern das verrĂ€terische Papier. In grĂ¶ĂŸter BedrĂ€ngnis öffnete sie das Geheimfach, schob den Brief unter einen Stapel alter Rechnungen und verschloss dann die Schublade wieder mit letzter Kraft. Es war so gut wie ausgeschlossen, dass Marcus ihren Schreibtisch durchwĂŒhlte. Ihr VerhĂ€ltnis zueinander hatte sich wegen der Ruhe in den letzten Wochen wieder gebessert. Ihre extreme Furcht erwies sich als unnötig. Niemand betrat ihren Raum. Nichts dergleichen geschah. Die angsteinflĂ¶ĂŸenden Schritte entfernten sich ebenso rasch, wie sie gekommen waren. Das bedeutete eine, wenn auch nur kurzzeitige VerlĂ€ngerung der ihr vergönnten Galgenfrist.

Arme Sybill! Wenige Stunden spĂ€ter war es soweit. Als Marcus an diesem Abend nach Hause kam, spĂŒrte er sofort, dass irgendetwas vorgefallen war. Er forschte nach, erhielt aber von seiner Frau nur ausweichende AuskĂŒnfte. Sollte etwa der Unbekannte von damals... ? Wenigstens das konnte seine Frau noch einigermaßen gelassen verneinen. Nein, da war kein bedrohlicher Anruf gekommen. Marcus SensibilitĂ€t fĂŒr ungewöhnliche Situationen war aber mittlerweile so gespitzt, so dass er die ungewöhnliche Anspannung aus ihrer Stimme heraus hörte. Er wollte endlich Klarheit.

Tags darauf rang er sich dazu durch, gezielte Nachforschungen anzustellen. Am Vormittag nutzte er die Abwesenheit seiner Frau, im ganzen Hause nach irgendwelchen Indizien zu fahnden, nach Hinweisen, die dazu beitrĂŒgen, das RĂ€tsel um die mittlerweile schier unertrĂ€gliche Situation voller Misstrauen zu lösen. Der Rest eines intensiven GefĂŒhls seiner Frau gegenĂŒber ließ bei dieser Aktion sein Herz heftig klopfen. Doch seines desolaten GemĂŒtszustandes wegen empfand er keinerlei Scham, gab es fĂŒr ihn kein ZurĂŒck mehr.

Nicht lange danach stand er vor ihrem Schreibtisch. Nach einem letzten Zögern tat er in verzweifelter Entschlossenheit denn doch den entscheidenden Griff und durchwĂŒhlte systematisch sĂ€mtliche grĂ¶ĂŸeren und kleineren SchublĂ€den ihres SekretĂ€rs. Alte Rechnungen, Isabells Briefe, einige Fotos ihrer kleinen Tochter aus deren Babyzeit und ein vollgekritzelter Kalender Ă€lteren Datums kamen zutage. Konzentriert las er sĂ€mtliche Notizen, ohne aber die Spur eines Verdachtes bestĂ€tigt zu sehen. Schon bereit, die Suche erleichtert aufzugeben, ließ er seinen Blick noch ein letztes Mal ĂŒber die vor ihm liegenden SchriftstĂŒcke gleiten.

Plötzlich verweilte sein Auge auf einem Zipfel grĂŒnen Papiers, der unter dem Stapel alter Kassenbons hervorlugte. Der Farbe wegen beschlich ihn deutlicher Argwohn, den er sofort zu verdrĂ€ngen suchte. Meine GĂŒte, Frauen schrieben nun einmal gerne auf farbigen Briefbögen. Weshalb reagierte sein Inneres so alarmiert darauf? Mit seiner rechten Hand zog er den Umschlag hervor. Sofort sah er, dass der Brief einmal geöffnet gewesen und sorgsam wieder verklebt worden war, als ob jemand einen Sicherheitsriegel hĂ€tte vorschieben wollen. Ihm war klar, dass er dabei war, das Briefgeheimnis zu verletzen und damit die mĂŒhsam wieder hergestellte Harmonie zwischen seiner Frau und ihm mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit endgĂŒltig zu zerstören. Doch da noch Bedenken siegen zu lassen, brĂ€chte ihm nur vermehrte, zukĂŒnftige innere Qual. Dieses SchriftstĂŒck trug vielleicht zu der KlĂ€rung sĂ€mtlicher in der jĂŒngsten Vergangenheit aufgetretenen Ereignisse bei, legte endlich etwas offen, was unbedingt verborgen bleiben sollte.

Schwer atmend ritzte er mit dem Brieföffner den Umschlag auf. Jetzt noch ZurĂŒckhaltung zu ĂŒben, war unsinnig. Er faltete den Bogen auseinander. Sein Blick heftete sich auf die drohend schwarze Schrift. Ähnlich wie damals seine Frau wurde er aus einem mehr als verstĂ€ndlichen, ihn fast lĂ€hmenden Entsetzen heraus leichenblass. Hier hielt er den Beweis in der Hand, dass seine Frau etwas Schreckliches vor ihm verborgen hatte. Dem Text nach zu urteilen, gab es einen fĂŒr die ganze Familie bedeutsamen dunklen Punkt in ihrer Vergangenheit. Es war einfach grauenhaft, erkennen zu mĂŒssen, dass die Harmonie zwischen ihnen in all den Jahren wahrscheinlich eine einzige LĂŒge gewesen war. Sofort nach Sybills RĂŒckkehr bedrĂ€ngte er sie solange, bis endlich die ganze Wahrheit ans Licht kĂ€me.

Gegen Mittag öffnete sich die HaustĂŒre. Herein trat die nichtsahnende junge Frau, hinter ihr Maren, nach einem langen Schultag froh, wenigstens den Nachmittag frei zu haben. Sybill las in der Mimik ihres Mannes und erschrak zu Tode. Da gab es keinen Zweifel. Marcus hatte den Brief gefunden. Es war aus.

Ein rascher Blick auf seine HĂ€nde, da lag ihr Schicksal, das grĂŒne Papier! In ohnmĂ€chtiger Hilflosigkeit versuchte sie, die EntrĂŒstete zu spielen und warf ihm die Verletzung des Briefgeheimnisses vor. SchĂ€umend vor Wut schrie Marcus sie an, dass er eine sofortige ErklĂ€rung verlange, was das alles zu bedeuten habe, er sei nicht bereit, noch lĂ€nger den Unfrieden zuhause in Kauf zu nehmen!? Maren stand entsetzt neben ihrer Mutter und beobachtete sie. Diese schien kurz vor dem Zusammenbruch. Sybill war es klar: AusflĂŒchte nĂŒtzten nichts mehr. Jetzt musste sie beichten.

Völlig ĂŒberrumpelt und starr vor Angst setzte sie stockend mit flĂŒsternder Stimme zu ihrem GestĂ€ndnis an. Dieses Vergehen aus ihrer entfernten Vergangenheit raubte ihr alles, das ihr lieb und teuer war. Wie versteinert standen dort die beiden Menschen, die Sybills Herzen am nĂ€chsten waren, ihr gegenĂŒber und wehrten sich mit der ganzen Kraft ihres Herzens gegen das Wissen um die grausamen Wahrheit, mit der sie von nun an zu leben gezwungen waren. Das Bild der glĂŒcklichen Familie war nur ein trĂŒgerischer Schein gewesen, ein unverantwortliches Spiel mit GefĂŒhlen.

Marcus sah sich von einer Sekunde zur nĂ€chsten einer Fremden gegenĂŒber stehen, mit der ihn ab jenem Moment absolut mehr verband. Ihre Worte, die ihm so Ungeheuerliches verrieten, löschten binnen einer Sekunde alle Zuneigung zu ihr. Maren stand dort keines Wortes mĂ€chtig, doch die aufkommenden GefĂŒhle ihrer Mutter gegenĂŒber wurden zu absolutem Abscheu vor dieser Frau, die sie ehemals Mutter genannt und so sehr verehrt hatte. Nie wieder war sie bereit, auch nur einen einzigen Gedanken an sie zu verschwenden. Selbst deren nahendes Elend tangierte sie in keinster Weise mehr. Da gab es auch keinen Neubeginn. Vorbei!

Weinend und unfĂ€hig, Sybill noch eines einzigen Blickes zu wĂŒrdigen, lief Maren in ihr Zimmer. Sie brauchte das Alleinsein, um erst einmal zu klarem Denken zurĂŒck zu finden. Ihre Mutter jedenfalls hatte ihre Tochter fĂŒr immer verloren. Doch das innere Band zum Vater wĂŒrde sich durch das gemeinsame Leid noch verstĂ€rken!

Derweil stand Marcus noch immer vor dieser fremden Person, die bis vor wenigen Augenblicken seine Ehefrau gewesen war. Voller Verachtung starrte er sie nun an, nicht willens, ihre Anwesenheit lĂ€nger zu dulden. Mit der Aufforderung, sie hĂ€tte auf der Stelle das gemeinsame Haus fĂŒr immer zu verlassen, schritt er aus dem Zimmer und ließ Sybill total gebrochenen Herzens zurĂŒck

Diese brach in schier endlose TrĂ€nen aus, die aber nicht erleichterten. Sie schrie sich die ganze Wut, Verzweiflung, Schmerz und allein selbstverschuldete Verlassenheit von der Seele. Aber irgendwann fehlten dann die TrĂ€nen, fehlte die Kraft, sich weiteren GefĂŒhlsausbrĂŒchen hinzugeben. Es folgten absolut starre Minuten, in denen allein das Wissen um die auf sie wartende, totale Einsamkeit vorherrschte, ohne den minimalsten Hoffnungsschimmer, daran auch nur die geringste Kleinigkeit Ă€ndern zu können. Das Erbrechen des Briefes war zum Tor zu einer Bestrafung geworden, die bis zu ihrem Tode kein Ende fĂ€nde. Doch sie hing zu sehr am Leben, als dass sie an die einzige Befreiung davon gedacht hĂ€tte, nĂ€mlich, ihr Dasein zu beenden. So wĂŒrde sie den Rest ihres mit Schmutz behafteten Lebensweges alleine zurĂŒcklegen.

Doch ehe sie diesen Weg der Einsamkeit und der Buße betrĂ€te, hielte sie RĂŒcksprache mit Isabell. Ihre innere Unruhe sagte ihr, dass es mit ihrer ehemals besten Freundin noch etwas dringend zu klĂ€ren gĂ€be. Angstvoll klammerte sie sich am Hörer fest, als sie deren Nummer wĂ€hlte. Nach dem dritten Freiton meldete sich Isabell. Wie es Sybill sofort spĂŒrte, war diese Ă€ußerst zurĂŒckhaltend. Die junge Frau sprach sie direkt auf alles an, besonders auf Isabells verĂ€ndertes Verhalten ihr gegenĂŒber. Es war wohl noch nicht genug des Bitteren, dass sie heute einzustecken hatte. Ihre Freundin erklĂ€rte ihr mit knappen Worten, dass es keinerlei Verbindung zwischen ihnen Beiden mehr geben sollte.

Fred und sie hatten sich ineinander verliebt. Aus VerantwortungsgefĂŒhl ihrem kĂŒnftigen Manne gegenĂŒber lĂŒftete sie das Geheimnis, um nicht belastet mit dem Wissen um die Existenz seiner Tochter als LĂŒgnerin vor ihm zu stehen. Nur mit einem völlig reinen Gewissen war sie bereit, eine Ehe einzugehen. Fred in seiner daraufhin grenzenlosen Wut zu bremsen, war ihr nicht möglich gewesen. Er hatte eine Tochter entbehrt, war deren ganzer Kind- und Jugendzeit beraubt worden. Nicht fĂ€hig, so etwas zu verzeihen, verlangte ihn nach Auflösung, nach der Rache eines kaltblĂŒtig betrogenen Vaters.

Mit letzter Kraft brachte Sybill stockend die Frage heraus, wo sie sich denn kennen gelernt hatten, obwohl das jetzt eigentlich alles total egal war. Isabells eiskalte Erwiderung, dass sie das ja wohl nichts, aber auch gar nichts anginge, dröhnte nur so in ihren Ohren – als eine einzige krasse Verurteilung ihrer Person. Das Letzte, das die einstige Freundin ihr absolut bösartig entgegenschleuderte, besagte, dass Fred jetzt sein Ziel erreicht hĂ€tte. Zwar wĂŒrde auch er, aber in viel erdrĂŒckenderem Maße sie, Sybill, bis ans Lebensende an dieser BĂŒrde zu tragen haben. Und jetzt solle sie sich zum Teufel scheren!

Die junge Frau stand dort, einer SalzsĂ€ule gleich, stierte auf den Hörer, erwiderte nichts mehr. Diese harten Worte hatten die letzten, aber auch allerletzten gefĂŒhlsmĂ€ĂŸig engsten Bindungen zu geliebten Mitmenschen durchschnitten. Von dann an stand sie mutterseelenallein auf der weiten Welt. Allein mit sich, ihrer großen Schuld und der sie umgebenden Einsamkeit!!





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no-name
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Hallo tastifix,

herzlich willkommen in der Leselupe!

Ich habe Deine lange Geschichte von Anfang bis Ende gelesen und fĂŒhle mich jetzt ziemlich "erschlagen"... Deswegen meine Bitte an Dich: Unbedingt KĂŒrzen!
Außerdem solltest Du noch einmal ein Rechtschreibprogramm ĂŒber Deinen Text laufen lassen, denn es sind noch einige Fehler drin.

Insgesamt wĂŒrde ich Dir raten, Deinen Text zu straffen, denn Du wiederholst Dich oft und manchmal verlierst Du Dich meiner Meinung nach in ausfĂŒhrlichen Beschreibungen des GemĂŒtszustands Deiner Protagonistin, die in dieser AusfĂŒhrlichkeit unnötig sind, fĂŒr mich sogar störend waren, weil Du dadurch nach meinem Empfinden Deinen Spannungsbogen nicht halten konntest, und das Lesen ermĂŒdend wird. Das finde ich schade, denn die Idee Deiner Geschichte inklusive der Auflösung ist zwar nicht neu, aber gut und durchaus lesenswert. Ich bin sicher, dass Dein Text nach einer Straffung, KĂŒrzung und Überarbeitung richtig gut werden kann.

Liebe tastifix, ich hoffe, Du konntest mit meiner Kritik etwas anfangen - schließlich ist das nur meine persönliche Meinung, andere Lupianer sehen das vielleicht ganz anders.

Freundliche GrĂŒĂŸe von no-name.

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tastifix
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Hallo No Name!

Ich danke Dir sehr fĂŒr Deinen ausfĂŒhrlichen Kommentar und freue mich ĂŒber Deine anerkennenden Worte. Was die Straffung des Textes angeht, werde ich auf jeden Fall aktiv.

Es ist die erste lĂ€ngere ErzĂ€hlung, die ich ĂŒberhaupt geschrieben habe, vor mittlerweile fast acht Jahren. Lange habe ich gegrĂŒbelt, ob ich eine Version mit Dialogen entwerfen sollte. Aber irgendwie tat mir der Text dafĂŒr zu leid. Ich finde, dass er auch ohne Dialoge sehr wohl zu fesseln versteht.

Die Rechtschreibung ĂŒberprĂŒfe ich nochmals.

Hab` vielen Dank fĂŒr Deine Hinweise!

Lieben Gruß
tastifix
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Haremsdame
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Hallo tastifix,

auch ich habe es heute geschafft, Deinen ganzen Text zu lesen (wegen der LĂ€nge hatte ich ihn immer wieder zurĂŒckgestellt). Unbedingt möchte ich mich no-names Bitte um KĂŒrzung anschließen.

Zudem sind mir noch einige Ungereimtheiten aufgefallen: Du schreibst, als Maren schon 18 war, von der "jungen Frau". Im ersten Moment war mir nicht klar, ob Du damit Maren oder ihre Mutter meinst, die ja zu diesem Zeitpunkt nicht mehr ganz jung gewesen sein kann. SpÀter, als ihr Mann den Brief (den sie, wenn ich mich recht entsinne, doch in kleine Fetzen gerissen hatte?) entdeckt hatte, stellte er seine Frau zur Rede - aber die kam doch erst spÀter nach Hause?

Zwischendurch dachte ich mir, dass Deine ErzĂ€hlung mit wörtlicher Rede vielleicht lebendiger und leichter zu lesen gewesen wĂ€re. Andererseits hat mir Dein ErzĂ€hlstil gefallen. Ich denke, wenn Du alles etwas kĂŒrzt, brauchst Du auch keine wörtliche Rede.

Aber schau Dir auf jeden Fall nochmal den zeitlichen Ablauf an! Vielleicht hat aber auch meine Aufmerksamkeit nachgelassen und ich habe etwas durcheinander gebracht. Nur: wenn mir das passiert, kann es auch anderen Lesern so ergehen...


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Pete
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Hallo tastifix

jetzt hab auch ich es durch den Text geschafft. Nachdem ich mich zu Anfang zwingen musste, weiterzulesen, kam irgend wann der Punkt an dem ich wissen wollte, wie es ausgeht.

Du könntest Dein Werk entscheidend verbessern. Ich persönlich sehe nicht die LÀnge als Problem, sondern die Perspektive, Doch dazu spÀter.

quote:
GÀbe sie ihr ungeheuerliches Geheimnis preis, wendete sich Maren nach dem ersten Schock in kindlicher Verzweiflung total von ihr ab. Von dem Moment der Offenbarung an lehnte das MÀdchen sie als Mutter ab und verleugnete sie sogar vor allen. Das verzieh ihr die Tochter mit Sicherheit nie, dass die Mutter ihr eigenes Kind und, noch gravierender, auch den Gatten das halbe Leben lang mit einem solch schwerwiegendem Betrug getÀuscht hatte. Marcus Ablehnung verkraftete sie irgendwie, aber nicht den Hass ihrer Tochter, eines Teils ihrer selbst. Ihr Inneres ging daran zugrunde, sie war wie tot!
Hier schreibst Du so, als ob das alles schon geschehen wÀre. Bleibe im Konjunktiv!

Probleme hatte ich beim Lesen, die Personen zu unterscheiden. Vor allem Sybille und ihre Tochter. Besonders eklatant ist es in folgendem Abschnitt:
quote:
Immer öfter lagen Sybill, Marcus und selbst Tochter Maren abends grĂŒbelnd im Bett. Eines Nachts wachte die junge Frau nach einem schrecklichen Albtraum schweiĂŸĂŒberströmt auf. Traumatisiert setzte sie sich im Bett auf und unternahm vergebliche Anstrengungen, vom Inhalt jenes Traumes Abstand zu nehmen. Die furchtbaren Gedanken, die sie so plötzlich aus ihrem Seelenfrieden herausrissen, raubten ihr endgĂŒltig den Schlaf. Nein, das konnte, das durfte einfach nicht sein! Es war nur ihr revoltierendes Unterbewusstsein, das ihr diesen bitteren Streich spielte und sie unbarmherzig an ihre weit zurĂŒckliegende Vergangenheit erinnerte, an das entsetzliche Unrecht, dass sie sowohl ihrem Mann als spĂ€ter auch der geliebten Tochter angetan hatte. Sollte das alles sie etwa einholen, sie innerlich zerstören?

Bei "Junger Frau" dachte ich natĂŒrlich an die Tochter, um viele Zeilen spĂ€ter festzustellen, dass die Tochter wohl auch Mann und Kind ... Oh, war ja doch die Mutter

Aber nun zu den Hauptproblemen:

quote:
Sie stammte aus Ă€rmlichen VerhĂ€ltnissen. (...) aber ohne die tiefe Zuneigung,die jedoch fĂŒr Sybilles normale seelische Entwicklung unbedingt erforderlich gewesen wĂ€re.
Du gibst viel zu viele Hintergrundinformationen. Holzhammer! Wo bleibt dann noch das RĂ€tsel fĂŒr den Leser? Der Leser möchte die Figuren selbst ergrĂŒnden. Liefere ein paar prĂ€gnante Hinweise, das muß genĂŒgen!

Hier tritt auch das Hauptproblem Deiner "ErzÀhlung" zu Tage. Es handelt sich nÀmlich um einen Bericht, der sicher sehr eloquent und lebendig geschrieben ist, aber eben nur die Chronik eines Lebensabschnittes oder gar Lebens darstellt.

Ich stelle mir das so vor, wie die etwas zu lang gewordene Zusammenfassung eines Romanes, ein Exposé.

Der Plot selbst ist zu linear gestrickt und enthÀlt im Wesentlichen nur einen Spannungsbogen. Dennoch birgt Dein Entwurf den Ansatz zu vielfÀltigen Bögen und mehreren, alternierenden und sich kreuzenden, möglicherweise gegenseitig durchkreuzenden (lechtz!) Plots.

AnzÀtze dazu hast Du genug. Nimm die intrigante Freundin, die Sybille erst sehr spÀt als Erzfeindin entlarvst.

Du benötigst dafĂŒr zwei HaupthandlungsstrĂ€nge, jeweils aus der Sicht von Sybille und Isabell. Dabei zeigst Du anschaulich ihre GefĂŒhle. Beide HandlungsstrĂ€nge wechseln sich, nach den Erfordernissen ab.

Der Leser, der beide Ansichten kennt, fiebert mit den Schicksalen.
Neben einem Hauptspannungsbogen, der gleich am Anfang beginnt und am Ende aufgelöst wird, soll Deine Geschichte mehrere Nebenspannungsbögen aufweisen. AnsÀtze dazu lieferst Du zuhauf.
Lass Isabell, die zunĂ€chst Kupplerin gespielt hat, eifersĂŒchtig auf Marcus, spĂ€ter Fred sein. Lass Sybill nur knapp gewinnen, Isabell mit (heimlichem) Groll zurĂŒck, usw.

Dass Isabell sich mit Fred verbĂŒndet hat, musst Du ĂŒbrigens nicht vorzeitig aufdecken.

Jetzt zum Anfang. Hier beginnt ein Spannungsbogen, das ist obligatorisch. Springe frech mitten in die Handlung, beispielsweise begegnen sich Sybille und Isabelle. In diesem Dialog erfahren wir, dass Sybill bestanden hat, Isabell sie fĂŒr begabter hĂ€lt, Sybill erfolgreich ihrem (Ă€rmlichen und lieblosen) Elternhaus entkommen ist und sich einer Beziehung verweigert. Isabell hat schon einene Anschlag vorbereitet und ĂŒberredet sie, zur "großen Party" zu kommen.

Ende der ersten Szene. BemĂŒhe Dich nicht, vollstĂ€ndige Informationen zu geben, sonder belasse es bei charakterisierenden Andeutungen. Welche Details sind wichtig in Bezug auf Deinen Plot?

Du lieferst vom obigen Aufbau her ein klassisches Drama nach Lessing. Die Katharsis ist der Augenblick, an dem sich alle von Isabell abwenden. Was dann noch kommt ist die Auflösung. Wer steckt hinter dem Telefonterror und warum.

Besonderes Augenmerk sollte der Schluss sein. Er enthÀlt eine sorgsam verpackte Aufforderung an den Leser. In Deinem Fall stelle ich mir das etwa wie folgt vor:
quote:
Cybill drehte den Hahn der Badewanne auf und stellte eine etwas zu warme Temperatur ein.
Dann ging sie zum Badezimmerschrank, öffnete "sein" Fach und griff andÀchtig nach dem Rasiermesser. Sie klappte es auf und legte es vorsichtig auf das Waschbecken vor sich.

Cybille sah durch ihr Spiegelbild hindurch, zurĂŒck auf ihr verpfuschtes Leben. Was war schief gelaufen? Wo war sie falsch abgebogen? TrĂ€nen des Selbstmittleids ĂŒberschwemmten das Gesicht, in das lebenslange Last tiefe Furchen gegraben hatten.

Plötzlich, wie von der Muse der Erkenntnis gekĂŒsst, platzte der Knoten und lies sie die Tragik ihres Lebens erfassen. Niemals war sie falsch abgebogen. Im Gegenteil: sie hatte sich treiben lassen, dort wo sie dringend hĂ€tte abbiegen sollen, hatte sie sich dem fatalen Nichthandeln ergeben.

Warum hatte sie es so weit kommen lassen? Warum hatte sie das nicht schon frĂŒher erkannt, fast ein ganzes Leben fĂŒr die Erkenntnis gebraucht?

Unglaublicher Zorn durchzuckte ihren schmerzenden Körper, ein langgezogener Schrei entdrang ihrer Kehle, schon viel zu lange hatte sie ihn eingesperrt.

Ihre GesichtszĂŒge verĂ€nderten sich merklich, schienen fast zu strahlen.

Schluss mit der Selbstbemittleidung! sagte sie sich. Rasch wischte sie sich die TrĂ€nen ab. Von nun an wĂŒrde sie ihr Leben selbst in die Hand nehmen, wenigstens die Scherben, die ihr geblieben waren, zusammenkehren. Ach wĂ€re sie nur fĂ€hig, die Zeit zurĂŒckzudrehen.

Klar habe ich ein wenig dick aufgetragen und ein wenig schludrig. Aber was ich sagen wollte, dĂŒrfte klar sein.

Zum Schluss noch zum Titel. Passt der?
Wenn er passend gemacht werden soll, musst Du komplett umstricken und alles auf den Augenblick der Verletzung des Briefgeheimnisses zentrieren. Dann Kannst Du gleich eine völlig neue Geschichte schreiben.

Ändere lieber den Titel, beispielsweise in

Treibende LĂŒgen





Mach was aus Deinem tollen Exposé und poste das Ergebnis!

Gruß

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tastifix
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Zu Briefgeheimnis

Hallo Haremsdame!

Du hast Dir dermaßen viel MĂŒhe mit dem Kommentar zu meiner Geschichte gegeben, dass ich Dir dafĂŒr ganz herzlich danken möchte!

Ja, Du hast wirklich etwas durcheinander gebracht:

ÂŽJunge Frau`: Das bezog sich auf die Mutter, als diese so jung war wie jetzt Maren.

Diese Textstelle musst Du falsch verstanden haben:
Die Mutter hatten die Brief vorsichtshalber extra nicht in Fetzen gerissen und einfach in den Papierkorb befördert, weil ihr das wegen dessen auffÀlliger Farbe einfach als zu gefÀhrlich erschien.

Noch eine weitere Textstelle:
`drÀngte`als Konjunktivform
Nachdem er den Brief gelesen hatte, nahm er sich fest vor, seine Frau soo lange zu drÀngen...
die Mutter und Maren kamen gleichzeitig zu hause an. Und dann verlangte er Rechenschaft von seiner Frau.

Dieser Text ist einer der aller ersten meiner Texte ĂŒberhaupt. Ich werde sehen, ob ich ihn hie und da ein wenig raffe.

Lieben Gruß und nochmals Dankeschön!
tastifix


Hallo Pete!

Auch Dir ganz herzlichen Dank fĂŒr Deinen ausfĂŒhrlichen Kommentar und deine VorschlĂ€ge zu meiner Geschichte!

Ich sehe diese Geschichte als eine in sich geschlossene ErzĂ€hlung an. Ich muss dazu sagen, dass ich mich nie mit der Technik des Schreibens beschĂ€ftigt habe und völlig spontan schreibe. Das werde ich auch weiterhin tun, nehme aber sehr wohl gute Kritik an und freue mich ĂŒber Hinweise und VorschlĂ€ge.

In einem Punkt hast Du völlig recht: Das Konjunktiv in seiner Kurzform, z.B.ÂŽdrĂ€ngte` anstatt ÂŽwĂŒrde drĂ€ngen` kann eventuell irritieren. Nur finde ich die letztere Formulierung zu umstĂ€ndlich.

Dein Hinweis hinsichtlich der Schwierigkeit, die Personen auseinander zu halten,ist sehr wichtig fĂŒr mich. du hast ja die Stelle zitiert, so dass es fĂŒr mich recht einfach ist, das zu Ă€ndern.

Tja, diesen Text zu kĂŒrzen, wird mir - Du darfst ruhig lachen - schwerfallen, aber ich werde es versuchen. Weißt Du, meine aller ersten Geschichten haben fĂŒr mich in ihrer Urfassung einen besonderen(sentimentalen,*zwinker*)Wert.


Es kann etwas dauern, bis ich damit fertig sein werde, aber dann stelle ich den Text natĂŒrlich hier ein.

Dankeschön nochmals!
Lieben Gruß
tastifix

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