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Leselupe.de > Erzählungen
Briefwechsel im März
Eingestellt am 11. 05. 2003 10:40


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Till Braven
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Briefwechsel im März

Als ich erwachte, vernahm ich zuerst ein nahes kratzendes Geräusch, und da ich die Lider öffnete, nicht einmal hastig, erblickte ich auf meiner Brust die Katze, die sich sitzend auf mir niedergelassen hatte und eine Vorderpfote putzte, mit ihrer Zunge also langgestreckt darüber strich. Sie erwiderte kurz meinen Blick, teils als morgentlichen Gruß, teils feststellend, der Mensch scheint nun erwacht, um in ihrer Beschäftigung alsgleich fortzufahren.
Noch einmal ließ ich den Kopf sinken, behielt die Augen jedoch geöffnet, und die Gedanken schweiften ab zu den letzten Stunden des letzten Wachseins, bevor ich mich in diese Kissen vertraut hatte, um unweigerlich und vor einem inneren Ohr die Wiederholung dessen zu erleben, was ich am Vortag zu hören geglaubt hatte, als ich es las. Da war ein Brief ins Haus gelegt worden, bei dessen Lesen ich die Stimme jener Person sprechend vergegenwärtigte, deren Hand die Zeilen zu Papier gebracht hatten. Als meine Augen paarweise der Schrift gefolgt waren, lösten Worte sich scheinbar akustisch in die charakteristischen Klänge auf, als würde der Brief mir in Wirklichkeit vorgetragen, vom Absender höchstpersönlich. Aber die Katze bettete sich um, damit ihre Zunge nun das Bauchfell durchkämmen könne, und damit richtete ich mich auf, erhob den Oberkörper, was allerdings die Katze verscheuchte, die ihre Beschäftigung gezwungenermaßen abbrach und sich mit einem Sprung entfernte.
Die Sonne schien durch’s Fenster und ihr Licht fiel als helle Flut von dort ausgehend ein, sich die Tapete entlang tastend über das Bücherregal bis zum Schrank, in deren beglasten Türen sich die Strahlen an den Kanten fein prismatisch brachen, um dahinter im Teppich zu versiegen. Ich warf einen Blick auf die Uhr, es war halb drei nachmittags. Dies überraschte mich keineswegs, denn erst gegen diese Zeit stand die Sonne direkt vorm Fenster, und konnte keinesfalls eher den Schrank oder gar auf die Tapete treffen. Zu einer früheren Stunde stünde das Gestirn in einem spitzen Winkel zum Fenster, was zur Folge gehabt hätte, daß der Streifen ihres Lichts auf das Bett zu gedeutet haben würde, wobei die gegenüberliegende Wand mit jenem Schrank und dem Bücherregal im Halbdunkel des Schattens verblieben wäre, was die Möbel gemein trister erscheinen ließ, die Scheiben glanzlos vermattet, ohne ihr schmuckes Farbenspiel in den Rändern. Um die Mittagszeit schließlich erreichte das Gestirn einen Stand, daß der Schatten die Richtung auf das Bett verließ, und sich durch den Raum tastete, ehe es in den Nachmittagsstunden zu eben der beschriebenen Vorführung in den Glaskanten kommen konnte. Bis zum Untergang würde dies beibehalten, jedoch unter sich weiterhin ändernden Bedingungen, denn das zunehmend wärmer eintretende Licht vermochte es nun, die dunkle Beize des Schranks, die dem Betrachter in den Morgenstunden schwärzlich erschien, in ein anheimelndes rotes Braun zu färben, ehe die Dämmerung den langwierigen Vorgang beendete.
Doch nicht die Stunde allein las der geübte Beobachter aus der bedingten Verknüpfung von Sonne und Schatten ab, ebenso war es möglich, Aufschluß über die Jahreszeit zu gewinnen, wenn man die Länge des einfallenden Kegels nicht unberücksichtigt ließ. Derselbe erstreckte sich im Winter über eine beträchtliche Länge, wenn die Sonne nur auf kurzem Weg niedrig von einem Horizont zum anderen glitt, um erst im schwindenden Licht der einkommenden Dämmerung auf dem Schrank zu ruhen, jedoch nicht energiegeladen genug, um damit die Scheiben erfunkeln zu lassen. Der Sommer hingegen brachte, wenn das Gestirn hoch über uns grell kulminierte, einen steilen Auftritt des Lichtkeils mit sich, der den Raum nur eben zu streifen schien, was zur Folge hatte, daß der Schrank erst in den späten Abendstunden aus sehr seitlichem Winkel völlig von ihm bedeckt würde. Mithin konnte ein Beobachter, gewisse Ortskenntnis vorausgesetzt, die Schattenwanderungen über das Inventar als ungefähren Sonnenkalender deuten, und, sowohl noch verschlafen, als auch eben jetzt gedanklich mit dem Brief befaßt, entging meiner gewohnten Wahrnehmung nicht, daß die Streifenlänge, in der Tat korrekt, auf einen Tag im März hinwies, kurz vor Frühlingsanfang.
Doch die Katze kehrte zurück. Vom Fußende her kam sie, mich aufmerksam beäugend, in langsamen Schritten auf mich zu. Als ich ihr einen Arm entgegenstreckte, wurde ihr Tempo zügiger, und sie erreichte ihn mit erhobenem Schwanz, rieb sich an ihm entlang auf meinen Kopf zu, plötzlich leise schnurrend, um sich in Schulternähe auf meiner Brust niederzuwerfen, damit ich sie gehörig streicheln und kraulen konnte, eine Betätigung, in die ich auch mit einigem Bedacht versank, und die uns für die kommenden Minuten zu fesseln vermochte.
In dieser verstreichenden Zeit bemerkte ich dann etwas, was mich eigentümlich berührte. Noch einmal betrachtete ich die Spuren von Licht und Schatten, zuerst nebenbei und unbewußt, doch schließlich erwachte ich daran vollends. Denn einerseits schien alles zu stimmen, die Schattenlinien zeigten einen Tag im frühen März an, gegen halb drei Uhr nachmittags, doch wenn das Auge nun der Linie folgte, welche sich von der auf die Tapete projizierten Lichtzunge, vorbei an der Fensterkante, zur Sonne bildete, dann wurde ein gewisser Fehler offensichtlich. Ich möchte jedoch betonen, daß mir auch der Sonnenstand am Firmament durchaus korrekt erschien, denn das Gestirn zog seine Bahn, so wie es zu erwarten gewesen sein mußte, weil es nie anders war seit menschengedenken. Auffallend war schließlich erst der Versuch, eine Linie von der Erscheinung auf der Tapete und am Bücherschrank zu ziehen, an der Fensterkante entlang auf die Sonne zu. Es leuchtet wohl ein, daß eine solche Linie geometrisch nur in Form einer Geraden gedacht werden kann. Und deshalb tat ich dies in diesem Augenblick nicht bloß einmal, immer wieder suchten meine Augen die Strecke von der Wand durch das Fenster in Richtung Sonne ab, doch nie änderte sich dabei meine Feststellung. Das war’s, was diesen Tag so deutlich von den anderen, an denen ich erwachte, unterschied. Heute fand ich keine gerade Linie, das Licht schien an diesem Nachmittag auf einem gekrümmten Weg in meine Wände zu gelangen. Immer wieder legte ich vor meinem geistigen Auge ein Lineal an die Strecke an. Solange ich dies nur innerhalb des Zimmers an den Lichtstrahlen hin und her bewegte, behielt alles seine Richtigkeit. Dies mag eine Erläuterung dafür abgeben, warum ich die Abweichung nicht sofort bemerkt hatte, warum sich das Erwachen an diesem Tag nicht grundsätzlich von dem anderer Tage zu unterscheiden schien. Auch draußen fiel zuerst nichts Bemerkenswertes auf, die Sonne stand schließlich an einem Ort am Himmel, an dem man sie zu diesem Zeitpunkt vermuten durfte. Denn es drangen, so wie es sein sollte, die Strahlen unter einem von der Sonne vorgegebenen Winkel durch das Fenster, und unter demselben hatten sie es zu verlassen. Doch auch hier verlief, betrachtete man das Fenster separat, alles richtig. Verlängerte ich aber das gedachte Lineal über diese drei Einzelpunkte hinaus zu einem unendlich langen, ja erst dann fiel die Unstimmigkeit dieses Tages auf.
Die Katze schnurrte noch immer, und noch immer bewegte sie sanft ihr plüschiges Fell an meiner Wange. Doch meine Gedanken führten mich über diese Entdeckung zu einer Vision. Habe ich hier einen Vorboten gesehen, fragte ich mich, und ich versuchte ein paar rasche Erklärungen für das Phänomen zu finden. Das ganze Sonnensystem könne aus seinem Platz im Universum herausgeschleudert worden sein. Oder aber die Erdachse könnte sich über Nacht gewaltig verschoben haben, wenn sich nicht gar die Erdoberfläche aus ihrer annähernden Kugelform gepreßt haben könnte. War die Sonne vielleicht über Nacht eingehüllt worden von einem Gespinst aus kosmischer Energie. Oder pulsierte der Himmelsstern neuerdings auf gar unbekannte Art und Weise, wofür noch keine vorgefertigten Theorien existierten. Ich kannte die Ursache nicht.
Aber ich sah die Erde zur Wüste verdorren, sah, wie die Wälder in einem heißen Sturmwind zerbrachen, Meere und Seen sich in Luft auflösten, und der blaue Planet eine rostige Farbe annehmen würde. Doch auch anders könnte es kommen. Schon früher hatten sich die Gletscher des Nordens ausgebreitet, waren wälzend über das Land gewachsen bis hinunter zu den palmenverzierten Stränden des Mittelmeers. Unsere Städte würde dies zu Sand zermahlen, und solch ein Klima die Alpen zu einer hügeligen Erhebung abtragen, verborgen unter reißendem, drückendem, borstendem Eis, das die Luft gefrieren lassen würde für eine Erdgeschichte lang, in der Hagel und Finsternis einen Tagesablauf skizzieren dürften.
Daraufhin fragte ich mich, ob dieser Sachverhalt Grund genug sei, um das Bett schleunigst zu verlassen, aber ich stellte doch keine bemerkenswerte Unruhe an mir fest, obgleich ich, wie gesagt, auf ausgeprägte Weise gerührt war. Ich erzählte der an mich geschmiegten Katze das Gesehene, sah kurz darauf aber ein, daß sie ganz anders als ich davon betroffen sein würde, ja es vielleicht, wenn nicht beobachten, so doch erahnen könnte, und gab ihr einen Klaps auf den Hintern.
Dies schien sie als Aufforderung verstanden zu haben, sich von mir zu lösen, erhob sich miauend und streckend, und bedächtig, ganz so wie sie gekommen war, schritt sie vom Bett hinunter, mich dabei beobachtend, denn sie wähnte die Zeit der Fütterung gekommen.
Sie hatte mich überredet. Nun schlug ich die Decke zurück und setzte mich aufrecht hin, um mich noch im selben Atemzug vom Bett zu trennen. Ich folgte ihr in die Küche, wo ich aus der Speisekammer eine Dose mit Katzenfutter entnahm, deren Inhalt ich ihr in einem täglich sich zweimal wiederholendem Ritual servierte. Es besteht aus dem Schritt in die Kammer, um die Dose herauszunehmen, wobei die Katze stets eng neben mir bleibt, darin, die Dose zu öffnen, aus dem Tellerschrank eine porzellanene Schale zu entnehmen, wobei die Katze nun auf den Tisch springt, um meine Handlungen besser verfolgen zu können, so, als bestünden noch gewaltige Zweifel, daß dies für sie sei, und schlußendlich darin, ihr den fleischigen Inhalt ins Schälchen zu füllen, und dies auf dem Boden zu kredenzen.
Da sie nun einen Moment allein blieb, ging ich zum Bücherregal, und fischte den Brief hervor, der mich am Vortag erreicht hatte. Um ihn zu lesen, setzte ich mich auf's Bett, nachdem ich die zurückgeschlagene Bettdecke ordentlich ausgebreitet und glattgestrichen hatte. Ich las.

„Lieber R., ich bin angekommen an diesem Ort, wie man ein Ziel nur erreichen kann. Da ist der Übergang vom Unterwegssein zum Fremdsein, solange ungewiß ist, wie diese Stätte Einen je wird fühlen lassen. Das Glück ist keine leichte Sache, es ist sehr schwer, es in uns, und unmöglich, es woanders zu finden. Ha, dieser Satz würde sich wohl gut als Widmung eignen, zur Silberhochzeit, oder so. Ich würde ihn mir ins Buch schreiben, würdest du es nicht zufällig tun. Sei ganz lieb gegrüßt von P.“

Aber auch der Brief kam mir an diesem Tag verändert vor, er klang in meinem Ohr nicht mehr genau so, wie er es gestern getan hatte. Vor einem Tag erschien er mir als eine Herausforderung, als der feste Wille, die neue Umgebung als Weite zu interpretieren, und als der Beginn einer Versuchung, der man erliegen könne, je nachdem, wie sich das Leben dort einzuspielen gedenke. Doch ich kann nicht leugnen, daß aus der Weite der gestrigen Durchnahme nun schlicht Ferne entstanden war, und P.s Mitteilung hielt ich zum jetzigen Zeitpunkt für beängstigend pessimistisch, und ich fragte mich, ob es denn angehen könne, daß P. am Ort ihres Ankommens in eine schwarzseherische Stimmung geraten sein könnte, oder ob diese Sichtweise auf eine heutige Laune meinerseits zurückgeführt werden dürfe. Aber die eng beschriebene Kartonseite erlaubte hier keine endgültige Aufklärung, denn ein Brief verrät nichts über die Farbe der Augen, und es bleibt die Stimme des Absenders allein, die sich einem Leser vermittelt.
So fiel ein schneller Entschluß, P. zu schreiben. Und ich setzte mich vor meinen Schreibtisch, auf dem, der Zufall schien es so zu wollen, ein zugeklappter Briefblock seinen Aufgaben entgegenwartete, und senkte kurzerhand den Federhalter.

„Liebe P.! Sag, soll ich wirklich im Vornherein wissen, welchen Satz ich in dein Buch schreiben würde. Wäre er nicht gut zu überdenken, zu überschlafen vielleicht. Jeder Tag hat eine andere Perspektive, jeder auf’s Neue. Gerade jetzt, im Unterschied zwischen gestern und heute, da ist mir dies besonders deutlich geworden. Der Lebensweg ist keine feste Straße, ist es daher möglich, ihn zu kartografieren? Wäre es überhaupt zu wünschen? Was meinst du? Meinst du es so...als Gedankensplitter... Alles Liebe. Dein R.“

Da ich es vernünftig fand, den Brief umgehend, noch mit der Abendpost, auf seinen Weg zu schicken, steckte ich ihn flink in einen Umschlag, den ich in einer Schublade des Schreibtisches vorfand, leckte eine passende Marke korrekt in die obere Ecke, und verließ ohne viel Umschweife das Haus. Plötzlich verspürte ich Eile, zumindest was den Gang zum Briefkasten betraf, handgeschriebene Zeilen, die man geflissentlich in ein Kuvert verklebt hat, sollte man nicht Staub anlagern lassen, könnte ich als Motiv erklären, doch war es wahrscheinlich eher die eigentümliche Spannung, die mich seit meinem allmählichen Erwachen vor gut einer Stunde ergriffen hatte, das mich vor die Türe trieb.
Das Leben auf der Straße wirkte ruhiger auf mich, als es das gewöhnlich um diese Uhrzeit vermochte. Immerhin war dies die Zeit des Feierabendverkehrs, zu der die Menschen von den Geschäften und Büros eilig nach Hause drängten, was gemeinhin tagtäglich dazu führte, daß sich eine Karawane Automobile im besseren Schrittempo durch die Straßenflucht schlängelte wie eine nervöse Raupe. Also war ich daher angenehm überrascht, als ich erkennen durfte, daß heute nur eher vereinzelt Menschen den Gehsteig entlangspazierten, daß Autos mich nur in größeren Abständen und lockerem Gefolge passierten, so als wäre dieser Tag ein Sonntag im Kalender.
Es boten sich mir zwei Möglichkeiten, zu einem Briefkasten zu kommen. Der eine befand sich am Eckhaus mit dem türkischen Lebensmittelladen, bei dem ich mich gewöhnlich mit Eiern versorgte, obwohl diese dort recht teuer feilgeboten wurden, und obwohl ich Eier nie für mich allein behalten konnte, weil die Katze wiederum die Meinung vertrat, daß ich solche auf jeden Fall mit ihr teilen müßte. Dieser Weg hätte mich die Straße ein gutes Stück entlanggeführt. Der andere war jenseits des kleinen Parks zu finden, in den ich gleich an der ersten Ecke rechts hineinbiegen konnte, und dies tat ich an dem Nachmittag, von dem die Rede ist. Die Grünanlage erstreckte sich vor mir menschenleer, und so verlangsamte ich meinen eiligen Gang, und zog die Luft ein. Die Bäume am Rand wiegten ihr Geäst nicht mehr winterlich kahl, denn die ersten Blätter hatten begonnen, sich frühjährlich klein und zartgrün zu entrollen, und füllten doch noch keinen Laubmantel aus.
Hoch über mir erspähte ich gerade eine Formation heimkehrender Stare, ein Schwarm, der in unvergleichlicher Ordnung den Platz überquerend seines Weges zog. Im Herbst, wenn diese Vögel sich über den Häusern zum Aufbruch sammeln, sehe ich darin immer ein untrügliches Zeichen für die dunklere Jahreshälfte, stärker sogar, als jenes der Rötung des Waldes, und nun tauchten sie wieder über mir auf. Sie waren wieder da.
Das gab mir einen Ruck, und ich kehrte um und ging das kurze Stück zum Haus zurück, in der Absicht, diese, so schien mir, erwähnenswerte Beobachtung als Bemerkung in den Brief an P. einzufügen. Doch, so überlegte ich jetzt angestrengt, wie könnte ich darüber schreiben, denn welche Bedeutung mag dies Wahrgenommene wohl für P. an ihrem Ort haben, und welche mochten sich hieraus letztlich für mich ergeben. Konnte ich etwa nun glauben, der Vogelflug, und der daraus sich ergebende Gang der Welt, widerspräche meiner beim Erwachen gemachten Feststellung, das Licht der Sonne habe den Bücherschrank auf gekrümmter Bahn beschienen, und die letzte Nacht habe den Verlauf meiner, unser aller, Geschicke tangiert.
Wieder über den Schreibtisch gebeugt, riß ich den Briefumschlag unverzüglich auf, und setzte die folgenden Zeilen darunter.

„P.S. Die Stare sind angekommen. Gerade habe ich es gesehen. Als ich auf dem Weg zum Briefkasten war. Um den Brief an dich aufzugeben. Gerade da habe ich sie gesehen. Sie sind jetzt auch wieder hier. Hier auch wieder. Das ist doch wohl ein gutes Zeichen. Oder. Is doch wohl ein Zeichen. Ein Gutes “

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Zefira
???
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Lieber Till,

schön, mal wieder eine Geschichte von Dir hier zu haben. Diese mußte ich mir allerdings ausdrucken, obwohl ich sonst alle Texte direkt am PC lese. Den Ausführungen über das Wandern des Sonnenlichts war am Bildschirm nicht beizukommen. Aber auf meinem Sofa sitzend bin ich ihnen gern gefolgt.

Hier und da trägst Du allerdings ein wenig dick auf: die Zunge der Katze, die „langgstreckt“ über das Fell streicht, die Augen, die „paarweise“ den Briefzeilen folgen ... hier wäre weniger mehr.

Die sprachliche Entwicklung ist sehr interessant, die gewundene Eloquenz in akademisch abgehobener Vorausahnung der Katastrophe und dann das Stammeln und Verstummen gegenüber der schlichten Gegenwart des zyklischen Lebens. Obwohl es mir an dieser Stelle nicht ganz schlüssig vorkommt. Der Erzählton funktioniert unverändert weiter, nur der Ton im Brief ist gleichsam sprachlos. Dieser Gegensatz lässt die Sprachlosigkeit des letzten Briefs eigentlich eher wie eine Masche erscheinen, nicht wirklich gelebt.

Kleiner Punkt noch am Rande: wie groß ist die Katze eigentlich? Die Katzen, die ich im Lauf der Zeit gehabt habe, machten sich – wenn sie es sich auf meiner Brust bequem gemacht hatten – schon lange vor dem ersten Öffnen der Augen durch ihr Gewicht eindeutig bemerkbar. Mir kommt es unglaubwürdig vor – überdies gleich am Anfang – daß der Erzähler die Katze erst durch Ansehen bemerkt.

Aber das ist Kleinkram; insgesamt freue ich mich über eine – wieder mal, selten genug – langsam sich entrollende, genüßlich breit erzählte Geschichte. Bitte mehr von der Sorte!


Gruß zur Küste,
Zefira

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Till Braven
Manchmal gelesener Autor
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Danke

Liebe Zefira,

ich bedanke mich ganz herzlich für das Beachten meiner Geschichte und für deinen Kommentar!
Die Katze... ist eine ausgewachsene Dame... Aber es ist mir schon oft so gegangen, daß ich im Schlaf nichts davon gemerkt habe, wie ich erklommen worden bin, und wenn ich dann aufwache, spüre ich das Gewicht erst dann, wenn ich mich bewegen will, weil es meine Bewegungsfreiheit natürlich schon einschränkt. In diesem speziellen Fall bin ich von den Zungenkratzgeräuschen wach geworden, und hab das Gewicht erst zu spüren bekommen, als sich die Sinne im morgentlichen Tempo so langsam gesammelt hatten...
(Auf meiner Homepage gibt's übrigens ein Foto von dem Katzenmädchen... In der Fotogalerie unter "Tiere" ist sie gleich die Nr.1)

Diese Geschichte war für mich ein Experiment. Ich wollte in einer gleichmäßig dahinlaufenden Handlung die Spannung steigern, indem die Wortwahl langsam aber sicher immer ein größeres Tempo herbei beschreibt. Ich nehme nämlich jetzt an, daß die Stellen, die du zu dick aufgetragen findest, so entstanden, um in meinem Tempo-Sinne die Lesegeschwindigkeit zu drosseln... Ich werde das aber nochmal genauer überprüfen.

Es ging mir ja schon öfter so... Ich selbst habe drei Tage an der Geschichte geschrieben, und konnte sie anschließend selbst kaum Korrekturlesen, weil ich sie einfach ätzend fand. Und da hatte ich einerseits eben auch genau den Eindruck, den du jetzt anführst, daß einige Stellen nämlich zu dick aufgetragen und fast unlesbar sind. Doch dann haben meine Testleser zum Teil ein dermaßen positives Echo zurückgegeben, daß ich mich traute, sie hier einmal zur Diskussion zu stellen.

Sie wird auf jeden Fall noch überarbeitet werden müssen, denke ich...

Ich war ja ein paar Wochen fort von der LL, und was mußte ich feststellen... Arno ist verschwunden?!

Viele Grüße von der Küste!
Till

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Zarathustra
Routinierter Autor
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Hallo Till,

ich habe deine Geschichte gelesen; - und muss gestehen, - ich habe auch Probleme damit.

Die "Belanglosigkeit" mit der du die Gegebenheit schilderst ist interessant dargestellt, aber dann wird es mir ein bisschen zu viel:
Die Nichtigkeit des Seins, des Handelns, es ist alles was deine Personen tun so unwesentlich, ohne Bezug, ohne Belang und Beziehungslos. Ausser der Bezug zur Katzte...

War das Absicht?
__________________
Was sind das für Zeiten, wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist, weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt! (Bertold Brecht)

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Till Braven
Manchmal gelesener Autor
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Hallo Zarathustra,

vielen Dank, daß dur dir die Zeit zum Lesen und Kommentieren genommen hast.

Es war keine Absicht, die Beziehung zur Katze so weit in den Vordergrund zu stellen, auch wenn die Erzählung dem natürlich sehr viel Raum gibt. Vielmehr sollte schon ein Gleichgewicht herrschen zwischen der Katze und dem Menschen hinter dem Brief, zwischen nah und fern, sozusagen.
Ich vermute nur leider, daß ein Gleichgewicht schwer zu realisieren ist, weil jeder Leser mit einer anderen Gewichtung an die Sache rangeht. Andererseits ist eine Beziehung aus der Nähe (bei mir die Katze) natürlich immer eindrucksvoller, als eine Fernbeziehung (in meiner Geschichte die Briefschreiberin), bei der die Verbundenheit in Floskeln verschwimmt.

Du hast mir aber auf jeden Fall weiter geholfen.
Viele Grüße von der Küste!
Till

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