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Leselupe.de > Erzählungen
Buhrufe im Edeka und andere Ekeleien
Eingestellt am 11. 04. 2006 21:43


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Blutige Marie
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Buhrufe im Edeka

Da war sie wieder, geschäftig wuselnd zwischen den Regalen des EDEKA-Marktes, in ihrer grazilen Pracht und brünetten Schönheit. Sie, von jener schönen Erscheinung, der man gerne Arroganz anheftet und Unnahbarkeit attestiert. Und tatsächlich, sämtliche männlichen, pickel-bestreuten Auszubildenden und Helfershelfer des Marktes dienerten um sie herum und erröteten geschmeichelt, wenn sie ihre Angebote nutzte.

„Kannst du bitte mal den Käse einräumen.“, sagte sie zu einem von ihnen.

Und er tat es sogleich, dabei mit wummerndem Herzen denkend:
„Sie hat mit mir gesprochen … heißt das, sie mag mich? – Ich sollte weiterhin in ihrer Nähe bleiben.“ Mit pochender Halsschlagader und heißem Kopf füllte er beglückt das Kühlregal.

Und die hornbebrillten, breitschultrigen Mädchen des Marktes, von denen die eine gar keine Brille trug, hielten Distanz. Aus bekannten Gründen.

Die etwas reiferen Supermarktkittelträger, die vielleicht eine Chance bei ihr gehabt hätten, hielten sich zurück, weil sie nicht hinreichend Mumm hatten, um mit ihr auf einer Ebene sich zu benehmen, aber genügend Selbstwertgefühl, um nicht hechelnd ihr Wünsche von den Augen abzulesen. Auch solche nicht, die sie gar nicht hatte.

Ihretwegen und auch dieses Schauspiels wegen, das es oft zu beobachten gab, nahm Tex Tillmann gern den dreihundertmetrigen Umweg in Kauf und ignorierte konsequent den anderen Supermarkt, schräg gegenüber seinem Haus, in dem es ebenso überfüllt wie langweilig zuging.

Er hatte einmal Gelegenheit, weil er zufällig die Butter aus dem Regal nahm, die sie gerade einräumte, ihre Hand zu schauen.

Sie war schlank und schön und sogar gepflegt, was bei Kassiererinnen und dergleichen selten vorkommt. „An ihr stimmt wohl alles.“, musste er anerkennen. Er nutzte die Gelegenheit nicht, um die zärtliche Gestalt anzusprechen. Dazu kam sie zu plötzlich, er ist in Gedanken gewesen, so dass er die junge Frau zunächst übersehen hatte. Außerdem hatte er nie einen wirklichen Drang verspürt, mit ihr in verbalen Kontakt zu treten, auch wenn er so ein Szenario durchaus einmal im Kopf durchgespielt hatte. Eigentlich aber genügte ihm die Anschauung vollauf.

Diese war in jeder Hinsicht befriedigend. Nicht nur ihre Gliedmaßen an sich waren Meisterwerke der Natur; die schlanke, nicht zu schlanke Hüfte, das schmale Knie und die wohlgeformte im gefälligen Teint gehaltene Wade darunter (als Stammkunde hatte er ihren Auftritten zu jeder Jahreszeit bereits beigewohnt), die gerade Nase und die volle Lippe, die stramme Brust und der Golden-Delicious-Po, zu 1,99 das Kilo, die feinporige Haut, glatt wie poliertes, unmoralisch erworbenes Tropenholz, sondern die Anordnung dieser Einzelteile zu einander, ihre Komposition, in vollendeter Proportion (bis hin zur Krümmung des Ohrläppchens, von denen sie zwei hatte) machte sie zu einer Ausnahmeerscheinung unter einhunderttausend Menschen. Hätte sie nur ein bisschen Talent, man würde sie auf die Bühne stellen und ihr beim Rezitieren zuschauen. Könnte sie auch nur eine Sekunde lang einen Ton halten, man machte sie zur Sängerin. Aber vielleicht kommt das alles noch, sie war jung. Und Talentlosigkeit ist auch ein Talent.

Was für ein Gegensatz dazu waren die fünf mittelalten bis alten Weiber an der zehn Meter langen Fleischtheke, wo Wurst in jeder Farbe, Fleischbatzen in jeder Größe, Fisch mit und ohne Gräte, Stierhoden, Schweineohr, Affenarsch und Löwenzahn aus allen winkeln der Erde, von deutschen Metzgerlampen kosmetisch ins rechte Licht gerückt, feilgeboten wurden.

Nichts von dem schönmachenden Licht strahlte auf die Verkäuferinnen ab, so dass sie ohne einen einzigen Anschein von Schönheit selbstsicher ihrer Tätigkeit nachgingen, ihrer privilegierten Stellung im Markt übertrieben bewusst. Sie schwätzten unentwegt miteinander gut gelaunt, nur halbwegs auf die Kundschaft achtend. Aber vielleicht strahlte dieses Licht sie an und sie waren daheim von einer ganz anderen, vollendeten Hässlichkeit.

Tillmann kaufte niemals Fleisch bei ihnen. Lieber von sterilen Maschinen in sterilen Plastik bis zur Unkenntlichkeit verpackte Wurstware essen, als durch die Hände dieser Verkäuferinnen gegangene Kaninchenkeule kauen, denkt er immer, wenn es so weit ist.

Die kolossale Ungestalt der guten Frauen, untermalt mit fahler Gesichtsfarbe, Augenringen, so schwarz und groß wie Formel-1-Reifen, den kraterartigen Poren auf den Wangen und dem kalten Schwitzfilm auf der Stirn, allesamt gleich zuckerkrank aussehend, unterscheidbar nur durch Körpergröße und die Farbe ihrer brüchigen Haare, verdarb ihm den Appetit und verursachte einen Anflug von Brechreiz in ihm sooft er im Vorbeigehen hinschaute. Wie es nur Ästheten und sensiblen Gemütern, die noch Ansprüche an ihre Umwelt hatten, passierte.

Aber manchmal schaute er mit voller Absicht diese Fleischwarenfachverkäuferinnen genauer und einzeln an, um einen gewissen Grad Nervenkitzel zu verspüren, den man reizenderweise empfindet, wenn man etwas Groteskes oder auch einen Autobahnunfall widerwillig und zugleich lustvoll anschaut. Ihre Hässlichkeit musste nicht angeboren sein. Sie war das Produkt des jahrelangen täglichen Umgangs mit und Verzehrs von toter tierischer Biomasse. Jeden Feierabend gab es Wurst in Scheiben oder als Brei im Darm, Filet vom Rind, Rippe vom Schwein, Leber von der Gans und zart behaarte Schweineschwarte gratis zum Mitnehmen. Diese Tatsache machte ihre privilegierte Stellung gegenüber Kassiererinnen und Regal-Springerinnen im Supermarkt aus. Das Privileg war teuer bezahlt, mit Übergewicht und verstopften Poren und Wurstfingern und Gerüchen, gegen die eine Dusche nichts ausrichtet – gewiss, aber Fleisch ist gleich gehobener Status, und Statussymbole sind nun mal teuer. Und es ist allgemein akzeptiert, dass Erfolg einsam macht; das macht einem einfacher mit Erfolg zu leben.

Tillmann kannte viele Supermärkte im In- und Ausland, war von Kindesbeinen an in Hunderten von ihnen gewesen, damals noch die Mutter an seiner Hand, aber solch eine spannungsgeladene Konstellation polarer Gegensätzlichkeit von Schönheit und Hässlichkeit, dem Verhältnis von Himmel und Öltankerkatastrophe gleich, sah er nur hier. Hier kaufte er gerne ein, hier fand er seinen Platz.

Umso größer eines Tages das Entsetzen.
Das Wetter war übrigens unpassend schön, die Sonne blendend. Zwischen den weitläufig verteilten Kühlanlagen mit Fertigpizzen, Fertiggemüsen, Fertigsoßen und eben jener Fleischtheke, von Fertigexistenzen bedient, ging plötzlich ein eisiger Wind und verpasste Tex Tillmann einen Kälteschock im Kopf seines Herzens.

Im ersten Moment erfreut, die Schöne zu sehen, erkennt er im zweiten den fatalen Kontext, in dem sie sich bewegt. Genauer: sie bewegt sich nicht, sondern steht hinter der Fleischtheke, weiß beschürzt und mit Zellophanhandschuhen, und erhält Unterricht in der Bedienung der Kreissäge. Eine der eingefleischten Verkäuferinnen steht hinter ihr und führt die Hand beim Schneiden des Parmaschinkens.

Ein jäher Blitz zuckt, vom Magen ausgehend, in den Lenden des unverbrauchten Ästheten. Er bleibt wie in Stein gemeißelt stehen und schaut hin und kann seinen Augen weder trauen noch sie abwenden von dem schrecklichen Elend, das sich vor ihm auftut.

„Wozu?“, schreit es stumm in ihm, „Sie ist doch noch so jung!“

Sind denn hier alle verrückt geworden? Erkannte denn keiner außer ihm und den Kollegen Feng und Shui den Zusammenhang zwischen der unmittelbaren Umgebung des Menschen und der Werdung seiner selbst? Was für eine Verschwendung: diese Perle unter all den toten Säuen.

Und sie? Wie denkt sie darĂĽber? Er wirft einen genauen Blick auf ihr Gesicht.

Konzentriert und gelehrig schaut es drein, ein zufriedenes und vielleicht sogar, oh weh!, ansatzweise stolzes Lächeln umgibt die Sphäre ihrer Augen, ihrer Wangen, ihrer Mundwinkel. Er hofft, sich im Deuten des Gesichtsausdrucks geirrt zu haben und die großen dunkel-blauen Augen wären voll Ekel und Widerwillen gegen diese Tätigkeit. Aber nein, alles deutet daraufhin, dass sie das neue Aufgabenfeld als einen Schritt nach oben auf der Karriereleiter versteht.

„Jemand muss sie warnen.“, glaubt er sich denken.

Er sieht sich besorgt um, aber niemand der Flaneure zwischen den Gefriergalerien bietet sich an, diese wichtige Aufgabe zu ĂĽbernehmen. Schlimmer: niemandem war der Handlungsbedarf ĂĽberhaupt erst aufgefallen. Der Schock war allein in ihn gefahren.

„Ich muss es tun.“
Da hilft nichts.

Aber wie nur? Was sollte er sagen? Und mit welchem Recht? Ihm fällt zu diesem Thema nichts ein. Das war jedoch egal, denn es war Zeit, zu handeln, nicht zu denken.

Im Supermarkt ist Stoßzeit. Und so entschwebt die Sägeaufseherin bald dringenderen Aufgaben entgegen. Sie stellt sich einem Teil der zahlreicher werdenden Kundschaft.
Der Weg ist frei, und Tillmann geht würdevoll auf die schöne Schinkenschnittfrau zu, dieses erste unter den Schneeglöckchen im schmelzenden Eis der Fleischtheke.

Er tritt heran, sammelt sich kurz und stammelt lang:
„Guten Tag! Folgendes … ich habe ein … Anliegen …“.
„Wie kann ich Ihnen helfen?“, sagt sie mit geübter Stimme.

Sie siezen sich. Stünden sie beide diesseits der Theke, wagte es keiner den andren zu siezen. Um sich nicht lächerlich vorzukommen.

Was er will, weiĂź er. Aber wie sein Wollen zu sagen, nicht. Kurzerhand beschlieĂźt er, die Sache geradeheraus anzugehen.
„Hören Sie, Sie haben doch einen Freund.“
Sie neigt ihren Oberkörper leicht merklich nach hinten und ist plötzlich reserviert wie ein Zugabteil.
„Wie kommen Sie darauf?“, erwidert sie skeptisch, „Ich meine, wie kommen Sie darauf, mir mit so was zu kommen?“
„Weil Sie so schön sind.“, sagt er ohne Umschweife und Hintergedanken. Was ihr nicht entgeht, da sie schlagartig entspannter und sogar freundlicher wirkt.

„Ja, und …?“, fragt sie, nun mit milder Skepsis in der Stimme.
„Ich kann es nur schlecht erklären, aber Sie dürfen nicht anfangen, hier fest zu arbeiten.“, sagt er so ruhig und selbstverständlich, dass sie ganz unsicher wird. ‚Ist er verrückt, oder weiß er tatsächlich etwas über … über … was auch immer?’, denkt sie. Und sagt, um Fassung bemüht:
„Wollen Sie jetzt etwas kaufen oder nicht? Wenn nicht, dann muss ich Sie bitten, zu gehen – ich muss noch arbeiten, wissen Sie.“
„Aber darum geht es ja! Nur eine Minute, bitte. Ich will versuchen, es Ihnen zu erklären.“, der Anfang ist gemacht und er hat nicht mehr vor, die Rettungsaktion abzubrechen. Ihre Schönheit war einfach zu selten. Vielleicht kam noch Norwegen dafür in Frage, sich mit ihr darin zu messen.

„Es ist so:“, setzt er mutig an, „Es ist besser, ich sage es ohne Umschweife, denn Sie lassen mir wenig Zeit, um es klar zu klären. Aber verstehen Sie mich bitte nicht falsch, denn das wäre vielleicht die Konsequenz daraus. – Schauen Sie sich ihre Kolleginnen an.“, sagt er sodann mit gesenkter Stimme, wie im Vertrauen.

Sie bewegt ihren Kopf, um kurz hinĂĽber zu schauen. Aber dann fasst sie sich wieder und will erneut protestieren. Doch er spricht schon weiter.

„Diese fünf Damen sind tatsächlich die unschönsten Menschen in diesem Laden. Man könnte sagen, ich hab’s überprüft. Die vorne an der Kasse zum Beispiel sind nicht jünger, aber viel besser erhalten und immer noch sympathisch anzuschauen.“ Dies alles sagt er ganz nüchtern, ohne Eifer, ohne Zynismus, ohne sich zu schämen. „Und schauen Sie sich dagegen an. Sie sind so schön, dass einem der Atem stockt beim ersten Hinschauen des Tages.
Ich glaube, wenn sie länger hier bleiben, ergeht es ihnen nicht anders als denen dort.“, er weist mit einer angedeuteten Kopfbewegung hinüber. „Ich weiß, es muss sich bescheuert anhören. Aber täglich in dieser Umgebung zu arbeiten, ständig Umgang mit totem Blutgeruch und zerrissenen Kniegelenken, macht Sie welk. Verzeihen Sie die Offenheit: aber die sind so hässlich wie Sie schön sind. Sie sollten diese rare Eigenart nicht leichtfertig aufs Spiel setzen.“

Die junge Fleischwarenfachverkäuferin hat ihn die ganze Zeit über gut im Auge behalten und konzentriert zugehört. Der Klang seiner Stimme scheint so vernünftig, aber das, was er sagt, ist glatter Unsinn.

SchlieĂźlich sagt sie:
„Ich verstehe. Aber verzeihen auch Sie meine Offenheit.“
„Natürlich.“, sagt er, einen Anflug von Erleichterung verspürend, denn ihre Stimme klingt so verständig.
Sie holt tief Luft und will schon hinĂĽberrufen. Er erkennt ihre Absicht und erschrickt.
„Tun Sie es nicht!“, kann er noch gedämpft einwenden. Aber sie hatte es schon getan. Mit dieser kurzschlussartigen Reaktion hatte er nicht gerechnet.

„Jacqueline!“, ruft sie eine Kollegin an. Die, die ihr vorhin an der Säge zur Hand gegangen war.
„Was iss?“, Ruft Jaqueline vernehmlich zurück.
Tillmann steht da wie eine fleischgewordene Salzsäule. Frisches Blut schießt ihm in die Wangen.

Jaqueline war, allem Anschein nach, eine unförmige Granddame des Aderlasses. Blass wie Nebel und groß wie ein Sumoringer.
„Der Mann hier meint, ich sei viel hübscher als ihr!“
Plötzlich schaut alle Welt, das heißt alle Fleischverkäuferinnen genauso wie die zahlenmäßig überlegene Kundschaft, auf ihn. Dann auf sie. Dann auf Jaqueline. Und die Welt vergleicht.

Jaqueline hat normalerweise eine dicke Haut, aber dieses Thema erwischt sie auf weichem Knie. Eingeknickt schaut sie zu Boden.

„Stimmt doch.“, bestätigt sie verdattert.
Die beste aller Schönen erkennt schnell, dass ein Missverständnis vorliegt, und korrigiert sich sogleich.
„Ich meine, was soll das? Mit welchem Recht kommt er her und beleidigt meine Kolleginnen?“
„Genau!“, Jaqueline hat ihre alte Dicke wieder. „Was soll das?“, sagt sie laut und weithin sichtbar, so dass selbst die Leute hinten an der Gemüseauslage mit ihren Ohren aufschauen mussten.

Jaquelines Blick, in von Hautaufquellungen eingerahmten Augen, hĂĽpft adrenalingeladen von einem Kunden zum andern.
Eine weitere nette Kollegin, vom entgegen gesetzten Ende der Theke, von Gestalt untersetzt, vom Vorfall entsetzt und von Namen Alexandra, tritt vor:
„He, Hildegard, macht Dich der Kerl etwa blöd an?“ (So heißt die Schöne also, stellt Tillmann für sich fest. Ein doofer Name.)

Die Kurzhaar-Alexandra baut sich zur Kampfbereitschaft auf. Sie ist zwar drei Köpfe kleiner als Tillmann, aber dafür fünf Bäuche runder, und sie hat jede Menge Keulen zur Hand. Auch ist sie angsteinflößender: Humorlos, wie die optischen Sensoren einer Kampfmaschine, fixieren Alexandras Augen seine gepflegte Erscheinung. Aber weiter als bedrohlich gucken, geht sie erst mal nicht. Zu respektabel schaut Tillmann aus in seinem gut sitzenden Sakko. Selbst einer Kampfmaschine nötigt er Respekt ab.

Rasch steht er wieder im Mittelpunkt allen Interesses. Und dieses ist groß. Er fühlt sich bloßgestellt wie ein Nackter, der seine Blöße mit bloßen Händen vor zwölf Urologinnen schützen muss.

„Sind sie etwa einer dieser … dieser Fleischverächter, wie heißen sie noch mal? …“, geht ihn eine weißbeschürzte Blondine, ihm keine Pause gönnend, an. Sie hat kobalt-blau bemalte Augenlider und schmale Wangenknochen, die der Gesichtshaut ihre Farbe geben. Offenbar ist sie einst ein Alphaweibchen dieses Rudels gewesen, der Liebling des Leitmetzgers und tot gegangene Schönheit.
„Vegetarier!“ wirft ein leicht gekrümmter Herr mit Hut aus der Menge des umstehenden Publikums, fleißig geworden, ein.
„Genau! Sind sie ein Vegetarier? Der unser Fleisch madig machen will?“, setzt die Blonde nach. Bei dem Wort ‚Vegetarier’ dominiert eine gesunde Mischung aus Mitleid und Verachtung den Klang ihrer Stimme.
„Richtig, stell ihn zur Rede, Veronique!“, feuert Jaqueline an.
Tillmann meint sich zur Verteidigung genötigt:
„Da irren Sie sich.“ Er spricht dies mit der ruhigen Stimme eines Mannes, der im Recht ist – obwohl ihm ganz anders zumute ist. „Im Gegenteil, ich mag Fleisch. Aber nicht jeden Tag, nur zu gegebenem Anlass. Deutsches Rindersteak zum Beispiel, medium durch, esse ich gerne zu einem 94ger Grauen Burgunder.“, so seine Rede, woraufhin Veronique nichts zu sagen weiß und ihn bloß unverhohlen anglotzt.

„– Aber darum geht’s hier nicht!“ Tillmann besinnt sich wieder des Eigentlichen, „es geht hier lediglich um eine private Sache zwischen ihr und mir.“ Er hätte Hildegard gern beim Namen genannt, da er ihn schon wusste, jedoch traut er sich nicht, ihn anzuwenden. Die Gefahr ist groß, bei den anwesenden Gästen, den Eindruck falscher Vertraulichkeit zu erwecken. Er will weiterhin glaubwürdig und unschmierig bleiben.

„Worum geht es denn dann bei Ihnen?“, will eine junge Mutter aus dem Publikum wissen. Ein Kleinkind rüttelt heftig am Einkaufswagen, in dessen Bratrost es gefangen sitzt.
„Ja, worum geht’s?“, schließen sich verschiedene Stimmen dieser Frage an.

Tillmann blickt sich um; eine ganze Menschenschar steht um sie herum. Ihm wird immer flauer. Verunsichert ĂĽberlegt er, was es diese Leute angeht, was der Gegenstand seines Anliegens ist.

Unterdessen wird die Frage immer lauter und frecher gestellt, vor allen Dingen von solchen, die erst jetzt zum Schauplatz hinzugekommen sind. Hinten links in der Menge fängt sogar einiges junge Volk gaudihalber an, die Frage zu skandieren.

„Wo-rum-geht’s! Wo-rum-geht’s!“, rufen vereinzelte Stimmen. „Wo-rum-geht’s! Wo-rum-geht’s!“ Der Gruppendynamik folgend, die Menschenaufläufen ab einer gewissen Größe eigen ist, wird aus Spaß Nachdruck. Der Slogan wird von weiteren Kehlen aufgegriffen und papageienhaft wiederholt. „Wo-rum-geht’s! Wo-rum-geht’s!“ Schnell schwillt die Skandierung zu einem einhelligen Chor an, so dass die individualistische Edeka-Kundschaft bald einer gut organisierten Horde Schlachtenbummler gleicht.

Tillmann verliert ein wenig von seiner Fassung, obwohl er redlich bemĂĽht gewesen ist, sie ganz beisammen zu halten. Wie komm ich hier nur wieder raus? Fragt er sich. Und ĂĽberlegt drei lange Sekunden lang, bis ihm die Antwort im Kopf erscheint.

Im Geiste blickt er auf den Boden zu seinen Füßen, wo er Teile seiner Fassung liegen vermutet. Und tatsächlich, da liegen sie. Gedanklich hebt er die vermissten Stücke auf, sammelt sich wieder. Mit Sachlichkeit, das war seine Antwort, es allen erklären.

Er hebt fast gebieterisch die Hand und bringt damit den Mob mit einem Schlag zum Schweigen.

„Sie wollen also wissen, worum es hier geht? Na schön, Sie sollen es erfahren.

Eins vorweg:“, sagt er mit einer gesenkten aber klaren Vortragsstimme, man hört die Mucksmäuschenstille als er eine kleine Pause einlegt, bevor er weiter spricht, „es ist weder das, was Sie denken, was es sei, noch ist es das, wonach es aussieht.“ Er weist in Richtung der schönen Hildegard, damit jeder gleich begreift, um welche Person es sich handelt und hinterher dumme Fragen ausbleiben. „Ich bin an dieser sehr hübschen Verkäuferin nicht persönlich interessiert.“ Sachlichkeit ist Trumpf.

„Warum nicht?“, ruft ein Sensibilitätsbanause von hinten aus der anonymen Menge, vermutlich derselbe, der vorhin schon das Skandieren in die Welt gesetzt hatte. Unterdrücktes Gelächter aus allen Richtungen ist daraufhin zu vernehmen. Manches davon freundlich gemeint.

Tillmann lässt sich nicht beirren und hält weiter Kurs.
„Jeder, der sie anschaut, ob Mann oder Frau, muss sie schön finden. Das ist so, weil ihre Schönheit eine Tatsache ist und keine Laune des Betrachters.“
Er sieht in die Gesichter der Umstehenden.

Alle schauen auf das benannte Objekt, nämlich auf die junge Hildegard von krasser Schönheit, und ein jeder, ob Mann, Frau oder Angestellter murmelt Zustimmung seinem Nächsten zu, oder wenn er keinen Nächsten hat, denkt er sie bei sich.

„Daraus erwächst die berechtigte Sorge um den Erhalt dieser einzigartigen Schönheit. Da der Mensch, und hier vor allem der Mann (die Frau denkt zuerst an soziale Absicherung, die Schönheit mag mittelbar dazu beitragen), Schönheit unmittelbar als Bereicherung und Beglückung des Lebens ansieht, diese oft zur Kunst erhebt und infolge dessen in Galerien und Museen jedermann zugänglich und zugleich jedoch unantastbar (des Schutzes wegen) bewahrt, wie kann es sein, das frage ich Sie, meine Damen und Herren, dass diese Schönheit dort schutzlos den Händen eines Metzgers anvertraut wird? (Gespanntes Schweigen.)
Oder haben Sie schon mal einen Monet an der Wand einer Metzgerei hängen sehen? Oder Magritte? Selbst der fantasiearme Bananensprayer Baumgärtel wird dort nicht erwartet. Stattdessen hängen reichlich vergilbte Diplome an den Wänden. 3. Platz beim Blutwurst-Wettbewerb der Meister-Innung Rheinland 1988, und ähnliche Ekeleien. Diese Frauen (er weist mit der Hand auf Jacqueline, Alexandra, Veronique und zwei weitere Kolleginnen, die Adolphine und Rosinante heißen, was er aber nicht weiß) sind vergilbte Diplome des blutigen Handwerks. Hingegen die da ist Toulouse-Lautrecs Jane Avril und zugleich eine Seerose aus Monets Garten…“ So spricht er sich in Fahrt, engagiert, jedoch gemessen und ohne Vorwurf.

Inzwischen wird er von Hildegard begutachtet.
Sie weiß nicht so recht, den Kerl einzuordnen, obwohl sie ihn vom Sehen her gut kennt. Sie muss dagegen erneut gestehen, dass der, der dort spricht, kein Kerl ist, sondern ein gebildeter junger Mann von stattlicher Größe und sportlicher Breite, gut und sauber gekleidet, nach einem potenten Versorger aussieht und dabei, zu allem Überfluss, ein ehrliches und gut aussehendes Gesicht hat. Hildegard kann die ihr zuteil gewordene Aufmerksamkeit nicht einmal als unangenehm einstufen. Sie fühlt sich geschmeichelt. Und dennoch.

Während er spricht, wird er auf Hildegards nachdenkliches Gesicht aufmerksam.

War es sonst immer nur schön, verlieh ihm diese Nachdenklichkeit eine ganz eigentümliche Schönheit, wie Tillmann sie bei ihr noch nie zuvor entdeckt hatte. Diese Schönheit hat mit einemmal etwas Intimes, nichts Öffentliches – sie zeigt Charakter und Persönlichkeit. Das ist zu viel für ihn. Er gerät ins Stocken, nein ins Kullern. Jetzt erst ergründet er, dass sie nicht nur Schönheit, sondern auch Liebe geben kann. Jetzt erst wird ihm klar, dass diese Frau nicht nur zum Betrachten und Verehren da ist, sondern vielmehr zum Lieben. Und er fühlt sich, glaubt er, lieben. Na endlich.

Doch Tillmann hat auch einen starken Charakter und besitzt genug Selbstdisziplin, um sich diese aufkeimende GefĂĽhlsregung nicht anmerken zu lassen.

„So ist es doch, meine Damen und Herren!“, sagt er entschieden, seinen Blick von ihr reißend. „Und vorhin war ich dabei, die junge Dame darauf aufmerksam zu machen, dass sie einen Fehler begeht, wenn sie anfängt, fest in der Fleischabteilung ihr Leben zu verbringen.
– Ich hab doch recht, diese Frau darf diesen schädlichen Weg nicht einschlagen. Oder was denken Sie darüber?“ Wendet er sich an die Vernunft des Fußvolkes.

Sekundenlanges Schweigen. Das durch eine männliche, asexuelle Stimme, aus der Decke kommend, unterbrochen wird. Andererseits, wer weiß das schon, vielleicht findet sie ein mancher sexuell anregend: ‚Sehr verehrte Kunden, bitte richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf unsere Sonderangebote. – Heute im Angebot – Deutsche Marken-Margarine – zu neununddreißig Cent das Pfund. – Deutsche Marken-Margarine – mehr Geschmack für weniger Geld. – Quittenkonfitüre …’

„Mag ja sein, dass Sie irgendwie recht haben“, entschließt sich die Frau mit dem Kind im Einkaufswagen, verständnisvoll das Wort zu ergreifen, „aber viel wichtiger ist es doch, zu erfahren, was das Mädchen darüber denkt.“
„Stimmt genau.“ Pflichtet der ältere Herr der jungen Mutter bei. „Was denkt sie darüber?“, das fragt er Tillmann, obwohl Hildegard gleich daneben hinter der Auslage steht.

Aufmerksam richten sich alle Blicke auf Hildegard. Tex wird bange in Erwartung der Antwort des alles entscheidenden Weibes.

Ja, was denkt sie nur?
O, wie er denkend aussehende Frauen liebt!

Wenn sie ihm jetzt eine Abfuhr erteilt, wird sie ihn als vernichtende Niederlage niederdrĂĽcken und fĂĽr immer zum Schweigen bringen. Das spĂĽrt er bestimmt.

Sie denkt: „Etwas Romantischeres ist mir im Leben nicht passiert. Wie eine ritterliche Erscheinung taucht dieser Mann aus dem Nichts auf, ein Mann, den ich schon oft gesehen habe zwar - in der Zeit, als Hildergard Tex aufgefallen war, war auch er ihrem Auge nicht entgangen -, bei dem ich mich schon immer gefragt habe, ob sein Po nicht ebenso fest und rund und mit Muskelmulden in den Seiten wäre, wie sein Gesicht süß ist, und versucht mich zu ‚retten’. Dass auch ich Eindruck auf ihn gemacht habe, davon konnte ich doch nichts ahnen.“

Als sie sich alles klar gemacht hat, überkommt sie eine Traurigkeit, die eher an Zorn erinnert. ‚Ich bin an dieser Verkäuferin nicht persönlich interessiert’, diese Aussage von ihm geht ihr die ganze Zeit schon kreisartig im Kopf herum und stört maßgeblich ihr Wohlbefinden. „Was für ein Idiot!“, denkt sie, „Verwirrt mich vollkommen mit seiner süßen Art, und will doch nichts von mir.“

Innerlich enttäuscht, und darum umso stolzer, präsentiert sie ihr Äußeres reichlich unterkühlt und noch sachlicher als Tillmann vorhin sein Anliegen vorgebracht hatte. Das war eine Art an ihr, die ihre Mutter auch schon immer zur Weißglut brachte.

„Ich finde Sie“, fängt sie endlich zu reden an, „ganz schön frech.“ Hochmut schwingt in ihrer allzu betörenden Stimme.
Diese Ă„uĂźerung trifft Tillmann wie ein Blitz, stand er doch eh schon unter Hochspannung. Nur verkohlt er nicht vor Aller Augen, sondern, ganz atypisch, erblasst zu einem Schneemann ohne Karottennase.

„Sie sollten sich bei mir und meinen Kolleginnen entschuldigen.“ Herausfordernd schaut sie ihn an.
Woraufhin er tief Luft holt und etwas sagen möchte, aber dann einsieht, dass er schon genug gesagt hat; denn sie ist allzu deutlich gewesen.

Die geholte Luft verwendet er nicht für Worte, sondern um die rechte Hand kurz an die Stirn zu heben, sich zu entschuldigen, abzudrehen und davon zu schreiten. Die Abfuhr schmerzt. Der Supermarkt schräg gegenüber seinem Haus hat außerdem den Vorteil, viel näher zu sein.

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Gorgonski
Wird mal Schriftsteller
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Hallo Marie

Habe Dein (langes) Werk gelesen und werde wohl jetzt aufmerksamer in meinen EDEKA- Markt des Vetrauens gehen ;-)

Folgendes Hat mir nicht so gut gefallen:

<Er hatte einmal Gelegenheit, weil er zufällig die Butter aus dem Regal nahm, die sie gerade einräumte, ihre Hand zu schauen.>
Was ist ihre Hand zu schauen?

<Eigentlich aber genĂĽgte ihm die Anschauung vollauf.>
Diesen Satz wĂĽrde ich ohne Anschauung basteln.

<FeritggemĂĽsen>
kleiner Tipfehler

Gut gefallen (neben zahlreichen sinnigen Umschreibungen und Vergleichen hat mir:
<Sie neigt ihren Oberkörper leicht merklich nach hinten und ist plötzlich reserviert wie ein Zugabteil>

Die Geschichte beenden wĂĽrde ich mit:
<Der Supermarkt schräg gegenüber seinem Haus hat außerdem den Vorteil, viel näher zu sein.>


Danke, war ein VergnĂĽgen die Story zu lesen.

MfG; Rocco

__________________
dEr Heftchenliterat und Poet aus dem Erzgebirge

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Blutige Marie
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Hallo Gorgonski,

danke fĂĽrs Lesen des langen Textes.

Mit Deiner Kritik hast Du recht.
"...ihre Hand zu schauen" - zu schauen steht hier fĂĽr zu sehen, wie Du weiĂźt. Man kann aber auch ihre Hand schauen wie man einen Film schaut. Tex kann das jedenfalls.
Aber Du hast recht, es liest sich antiquiert und dadurch blöd. Desgleichen mit "Anschauung".

Dank und GruĂź,

Blutige Marie

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