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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Chaconne
Eingestellt am 02. 03. 2004 12:32


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vicell
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Chaconne

Stumm beobachtete er den kleinen Vogelschwarm, der sich aus dem GeĂ€st einer Pappel erhob und nach einem kurzen Rundflug und einer scharfen blitzschnellen Wendung zurĂŒckkehrte und lĂ€rmreich die Zweige bevölkerte.
Johann bewunderte die Perfektion und Anmut dieses sorgfĂ€ltig choreographierten Vogelfluges und spĂŒrte in sich ein sĂŒĂŸes GefĂŒhl der Ruhe.
Entspannt lehnte er sich zurĂŒck und genoss die sanften warmen Regentropfen auf seinem Gesicht.

Er spĂŒrte die hastig nahenden Schritte schon, bevor die rufende Stimme an sein Ohr drang.
„Johann!“
Unwillig drehte er den Kopf und richtete sich auf.
„Mein Gott, wo hast du so lange gesteckt?“
Johann griff nach den HĂ€nden seiner Schwester, die nun neben ihm auf der feuchten Erde kauerte und schaute wieder auf den See.
Anna lehnte sich kurz an ihn und schwieg. Der Regen glÀttete ihre vom Laufen geröteten Wangen und spielte ihr ein leises Lied. Sie schloss die Augen.
„Und, hast du ihn gesehen?“, unterbrach Johann schließlich den Regen und zwang die Gedanken der Schwester wieder in den Alltag zurĂŒck.
„Er wartet auf dich“, erwiderte Anna langsam.
„Damit du es weißt. Ich werde nicht spielen“, sagte Johann und schaute dabei weiter auf den kleinen See, in dem sich die Schatten der nahenden DĂ€mmerung spiegelten.
Anna sprang auf.
„Das kannst du nicht tun! Du musst doch spielen!“ Sie starrte ihn an.
„Ich tue, was ich will.“ Der Bruder blieb unbarmherzig.
„Johann, er wird dich dies nie vergessen lassen, wenn du dich weigerst, vorzuspielen!“
Johann hob nun den Kopf und betrachtete seine Schwester nachdenklich.
„Spiel du fĂŒr mich. Du bist ohnehin die Bessere“, bat er sie plötzlich.
„Was? Wie meinst du das? Ich kann nicht fĂŒr dich spielen! Das wĂŒrde er niemals dulden! Und das weißt du sehr genau! Du bist außerdem der einzige, den Vater auf seiner Geige spielen lĂ€sst! Und sie kommen doch, um dich zu hören ...“ Anna verstand ihren Bruder nicht mehr.
Johann seufzte leise und stand langsam auf.
„Lass uns gehen. Es ist schon spĂ€t.“ Er schaute sie nicht mehr an und lief mit schnellen Schritten zum Haus des Vaters zurĂŒck, ohne sich nach ihr umzudrehen.
Anna folgte ihm hastig und sah, wĂ€hrend sie beide durch den Wald eilten, unentwegt auf den schmalen und geraden RĂŒcken des Bruders. Wie sehr sie ihn liebte! Seit sie in der Lage war, sein Geigenspiel auf dem FlĂŒgel zu begleiten, hatte sich ihr Leben verĂ€ndert.
Von frĂŒh an war der Vater ein strenger Zuchtmeister gewesen und hatte seine beiden musikalisch hochbegabten Kinder tĂ€glich den Preis des Musizierens spĂŒren lassen.
„Ohne Schmerz kein Erfolg ... “
Dieser Grundlinie hatte er mit seinem Stock schmerzhaften Nachdruck verliehen und unbarmherzig schlug der Stock den Takt und die Finger der Kinder wund.
„Im Takt bleiben! Im Takt bleiben!“, schrie die dunkle Stimme aufgebracht und kontrollierte penibel die Intonation.
Unauslöschlich hatte sich Anna der Tag eingeprĂ€gt, als ihr Bruder dem Vater zum Geburtstag die berĂŒhmte „Chaconne“ in D-Moll von J. S. Bach vortragen wollte, an der er seit Wochen heimlich geĂŒbt hatte, und deren Interpretation ihr vollkommen zu sein schien. Doch schon nach wenigen Takten hatte der Vater ihn unterbrochen und dem sprachlosen Jungen den Geigenbogen aus der Hand gerissen.
„Was spielst du da?“ Die Stimme des Vaters war leise und kaum hörbar.
Johann stand stumm da, dem ĂŒbermĂ€chtigen Vater ausgeliefert.
„Was spielst du da??“, schrie sein Vater ihn an. Die Luft schien zu erkalten und der vĂ€terliche Zorn ergoss sich ĂŒber seinen Sohn, der seine Geige fest an sich drĂŒckte und wie ein Verurteilter vor der großen Gestalt des Vaters stand.
„Wie kannst du es wagen, dich an diesem StĂŒck zu vergreifen, dieses, dieses wunderbare Meisterwerk! Du spielst es ohne Seele und ohne PrĂ€zision. Das ist nicht Bach!“ Die Stimme des Vaters dröhnte in ihren Ohren.
Annas HÀnde zitterten bis heute bei dieser Erinnerung, so, als hÀtte der Vater sie persönlich geohrfeigt. Sie hatte damals Angst, dem Blick des Bruders zu begegnen. Johann hatte darauf nichts erwidert, sondern behutsam die Geige eingepackt und mit lautlosen Schritten das Zimmer verlassen.
Von dem Tag an schwieg Johann nur noch und ertrug kommentarlos die Übestunden mit seinem Vater, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, seine beiden Kinder zu perfekt funktionierenden Musikern zu erziehen. Nach dem frĂŒhen Tod der Mutter war es ungewöhnlich, dass der erfolgreiche Geiger seine Kinder nicht auf ein Konservatorium schickte oder auf ein Internat, aber es vertrug sich nicht mit dem Ehrgeiz des Vaters, die musikalische Erziehung und PrĂ€gung seiner Kinder anderen zu ĂŒberlassen. So blieben Johann und Anna zu Hause, es wurde Privatunterricht erteilt und beide Kinder erhielten eine exzellente musikalische Ausbildung.
Mit großem Erfolg, wie sich bald herausstellte. Joahnn vervollkommnete sein Geigenspiel unter der Aufsicht des Vaters und Anna entwickelte sich zu einer begabten und frĂŒhreifen Pianistin.
Doch niemals erlaubte der Vater dem Sohn, die Chaconne zu spielen. „Erst wenn deine Finger und deine Ohren soweit sind. Erst dann!“ So die vĂ€terliche Doktrin.

Johann spielte nie wieder ein StĂŒck von Bach.

Beide akzeptierten stumm die Allmacht des Vaters und gehorchten und ĂŒbten unablĂ€ssig. In den langen Jahren des Eingeschlossenseins hatte sich ihr Geist an die Strenge der Disziplin und an dem stĂ€ndigen Streben nach spielerischer Perfektion gewöhnt. Sie fĂŒhlten sich fremd und unwohl inmitten von lauten und lĂ€rmenden Menschen oder gleichaltrigen Kindern, die mit Musik nichts zu tun hatten. Mit ihren Instrumenten schufen sie sich ihr eigenes Reich und dieses Reich erschien ihnen als allgegenwĂ€rtiges Universum, welches ihnen keine WĂŒnsche offen ließ.

Nur ein einziges Mal bekam die eiserne Schale einen Riss: am Tage der Beerdigung der ĂŒber alles geliebten Großmutter.
Seit diesem Tag hatte sich etwas in Johann verĂ€ndert. Es reichte aus, das Futteral seines Geigenkastens zu betrachten oder den Regen zu hören und dabei daran zu denken, wie er die Erde durchtrĂ€nkte, oder den Geruch bestimmter Blumen zu spĂŒren, die den Sarg geschmĂŒckt hatten, um in ihm ein unbestimmtes GefĂŒhl der Sehnsucht auszulösen.
An solchen Tagen sah ihn Anna stumm am Fenster gelehnt stehen, die Augen blicklos ins Ungewisse gerichtet. Nie wagte sie es, ihn in diesen Momenten anzusprechen oder ihn zu stören, sie war sich nicht einmal sicher, ob er sie ĂŒberhaupt hören wĂŒrde.
Vielleicht erahnte sie den bohrenden Schmerz, der ihr den vertrauten Bruder immer öfter als Fremden zeigte. Vielleicht spĂŒrte sie unbewusst die Verfassung und den zunehmenden Konflikt zwischen Vater und Sohn, aber was wusste sie schon?
Seit mehreren Jahren wĂŒhlte und nagte es in ihr. Es war eine Zeit, in der sie sich von der Musik und ihrem Bruder im Stich gelassen fĂŒhlte.
Johann wurde immer abweisender und unzugĂ€nglicher. Die ihn umgebende DĂŒsterkeit und Strenge hatten Spuren in seinem jungen Gesicht hinterlassen liessen ihn Ă€lter erscheinen, als er tatsĂ€chlich war.
TagtĂ€glich ertrug er die unerbittlichen PrĂ€senz des Vaters und das strenge Überitual des virtuosen Geigenspiels, welches keine Abweichung der Routine zu liess. Dennoch spĂŒrte er jenseits der vielschichtigen Melodie in seinen TrĂ€umen eine hartnĂ€ckige Stille, die ihn ausschloss. Diese Stille machte ihn rasend. Je mehr er ĂŒbte und spielte, umso mehr schien sich das Ziel von ihm zu entfernen. Je mehr er sich nach Ruhe und ErfĂŒllung sehnte, um so lauter tobte der Sturm in ihm.
Anna wusste, wie sehr sich der Bruder danach sehnte, Lob und BestÀtigung seitens des Vaters zu erhalten, doch es schien unmöglich.

Sie betrachtete immer noch nachdenklich ihren Bruder, der unaufhaltsam mit langen Schritten vor ihr her lief, so, als sÀhe sie ihn zum ersten Mal. Fest prÀgte sie sich die Gestalt des Menschen ein, den sie am meisten auf der Welt liebte und bewunderte. Denn ihr Bruder war ein geigerisches Ausnahmetalent.
Und der Vater muss es schon viel frĂŒher erkannt haben, ĂŒberlegte Anna. Welches GefĂŒhl muss wohl stĂ€rker in ihm gewesen sein? Die Liebe und Bewunderung auf solch einen Sohn oder etwa Neid oder gar Hass, dass ein zwölfjĂ€hriges Kind mĂŒhelos in der Lage war, die „Chaconne“ zu spielen, ein ParadestĂŒck, welches selbst fĂŒr jeden Geigenvirtuosen eine nicht alltĂ€gliche technische und interpretatorische Herausforderung darstellte?

Schon lĂ€ngst hatte sich Anna mit ihrer Beobachterrolle abgefunden und bereitwillig den ersten Platz dem Bruder ĂŒberlassen. Sie war sich der eigenen Leistungen kaum bewusst, so sehr hatte sie sich in den Hintergrund manövriert und der Vater nahm es als selbstverstĂ€ndlich hin, dass die jĂŒngere Tochter am FlĂŒgel einen exzellenten Eindruck hinterließ.

Aber Johann! Anna spĂŒrte den Schmerz des Bruders so deutlich, dass sie ihre eigenen Sorgen vergaß. Sie schaute wehmĂŒtig auf die Gestalt des Bruders und dachte an den kommenden Abend, der ihr Angst bereitete. Irgendetwas wĂŒrde passieren, das ahnte sie.
Denn Johann war nicht mehr zwölf Jahre alt. Und erst recht kein Junge mehr, der sich herumkommandieren ließ. Er wirkte Ă€lter als seine siebzehn Jahre. Und der heutige Abend wĂŒrde kein gewöhnlicher Abend werden. Es hatten sich mehrere bedeutende GĂ€ste angekĂŒndigt, um Johann spielen zu hören. Ein befreundeter italienischer Geiger, ein Wiener Musikkritiker und eine ihm nahestehende Baronesse, Anna hatte ihren Namen schon wieder vergessen. NatĂŒrlich war ihr klar, was es fĂŒr Johann bedeuten musste; auf solch eine Gelegenheit hatte er jahrelang gewartet.
Anna verdrĂ€ngte die Furcht vor dem, was passieren wĂŒrde, wenn Johann das Haus verließ. Im Moment wĂŒnschte sie sich einfach nur, dass dieser Abend schon vorbei wĂ€re.

Sie seufzte unhörbar auf, als Johann entschlossen die große TĂŒr öffnete.
Die Geschwister traten in den dunklen Flur, der nur durch einen kleinen schwachen Lichtstrahl erhellt wurde und eilten in das große Musikzimmer, wo der Vater und seine GĂ€ste bereits auf sie warteten.
Ein muffiger Geruch entströmte den strengen hohen Möbeln und den Wandteppichen, die an der Galerie zusammen mit den Ahnenbildern hingen.
Das Licht der untergehenden Sonne brach sich nun in den halb geschlossenen Fenstern, als die beiden das Musikzimmer betraten und der aus großen geometrischen Vierecken zusammengesetzte Fußboden im Musikzimmer knarrte bei jedem ihrer leisen Schritte.
Partituren, Noten und BĂŒcher standen dicht(getrennt)gedrĂ€ngt und ungeordnet in hohen Regalen und auf einigen Marmorsockeln waren Silberpokale und Medaillen zur Schau gestellt. Die Geschwister musterten die GĂ€ste, die sich nun ihrerseits erhoben hatten und neugierig die Kinder betrachteten. Der Vater kehrte ihnen noch den RĂŒcken zu, denn er war gerade dabei, seinem Gast die Musikinstrumentensammelung zu zeigen und zu erlĂ€utern. In seinem Besitz befanden sich einige Ă€ußerst kostbare und vollstĂ€ndig erhaltene alte italienische Geigen, darunter eine Cappa und eine Viola von den GebrĂŒdern Carcassi. Zudem besaß er ein wunderschönes altes Violoncello von Guarneri, welches sein Gast gerade bewundernd in den HĂ€nden hielt und vorsichtig nach allen Seiten hin drehte.
Johann grĂŒĂŸte kurz und verschwand dann in sein Zimmer, wĂ€hrend Anna stumm stehen blieb und die GĂ€ste beobachtete, die sich gedĂ€mpft unterhielten. Sie fĂŒhlte sich etwas verlegen und scheu setzte sie sich auf einen Schemel im Hintergrund des großen Zimmers. Als Johann wieder ins Zimmer eintrat, fasste er kurz ihre Hand und drĂŒckte sie. In der anderen Hand hielt er seine Geige, die im Kerzenlicht matt schimmerte.
Anna holte tief Luft und plötzliche Vorfreude auf das kommende Konzert durchströmte sie. Alle Blicke richteten sich nun auf den Jungen, der sich kerzengrade in der Mitte des Zimmers hinstellte. Das Licht fiel mit voller StÀrke auf ihn.
Es wurde still im Raum, nur die Baroness neigte ihren sorgfĂ€ltig frisierten Kopf mit einer solch merkwĂŒrdigen GebĂ€rde leicht zur Seite, die Anna sofort an die Bewegung eines Vogels erinnerte. Kurz begegneten sich ihre Blicke und Anna erwiderte das freundliche LĂ€cheln der elegant gekleideten Ă€lteren Dame.
Dann drang die leise Stimme ihres Bruders an ihr Ohr.
„Ich spiele die Chaconne.“
Ihre HĂ€nde verkrampften sich im Schoß und sie wagte es nicht, aufzublicken. Niemand sagte ein Wort. Nur Anna vernahm das scharfe Luftholen des Vaters, der sich steif hinsetzte. Johann hatte voller Konzentration die Augen geschlossen und seine Wange auf die harte Ebenholzmuschel seiner Geige gelegt.

Dann begann er zu spielen.
Die klagenden Akkorde der d-Moll Partita erfĂŒllten mit klaren und durchsichtigen Strichen den Raum. Ganz am Anfang schien es ihr, als wĂŒrde in seinen anfĂ€nglichen Bewegungen ein Hauch von kindlichem Trotz und Eigensinn durchschimmern, der selbe Eigensinn, den sie so gut an ihm kannte und den sein Vater trotz aller zuchtmeisterlichen Strenge nie aus ihm herausbekam. Doch je mehr Töne von Bach erklangen und in ihrer kĂŒhlen und ergreifenden Klarheit ein dichtes Klanggewebe schufen, umso mehr schien sich Johann Ă€ußerlich zu entfernen und sein Gesicht bekam eine unnatĂŒrliche Strenge und etwas völlig Unnahbares, welches Anna innerlich erschauern ließ. Jedoch konnte sie den Blick nicht vom Bruder wenden, der mit steifem RĂŒckgrat und das Kinn mit einer Geste der Verachtung nach oben gerichtet hielt dastand und spielte und spielte.
Als die letzten Töne der „Chaconne“ verklangen, hatte Johann immer noch seine Wange auf seine Geige gelegt, so als wolle er ihren schwachen Puls ertasten.
Anna warf einen schnellen Blick auf die anderen, die sich nicht rĂŒhrten. Kurz hatte sie den Eindruck, als ob die asketische Schönheit des soeben erklungenen Spiels die zuhörenden Menschen ihres Willens beraubt hĂ€tte.
Zumindest erschien ihr die Zeit zwischen dem letzten Ton dieser tadellosen Darbietung und dem begeisterten Applaus endlos. Anna bewunderte ihren Bruder und gleichzeitig verließ sie nicht ein unbestimmtes GefĂŒhl der Unruhe, als sie den Bruder betrachtete, der mit großer Ruhe und Selbstsicherheit den lang ersehnten Moment der Revanche und der Bewunderung genoss.

Anna sah zu der großen Gestalt des Vaters hoch, der plötzlich vor ihr stand und sie zum FlĂŒgel schob.

„Spiel!“, befahl er mit rauer Stimme und drĂŒckte sie auf die Klavierbank. Anna starrte auf die weiß und schwarz schimmernden Tasten und ein tiefes Mitleid mit dem Vater und Johann erfĂŒllte sie, als sie leicht den Kopf wendete und in die erwartungsvollen Gesichter der ĂŒbrigen schaute. Johann hatte sich hingesetzt und lĂ€chelte ihr zu.

Ihre Unruhe schwand und eine große Leichtigkeit breitete sich in ihr aus, als sie mit flinken Fingern in die Tasten griff. WĂ€hrend sie spielte, spĂŒrte sie den Blick des Bruders so intensiv wie noch nie auf sich ruhen und sie wurde grĂ¶ĂŸer und grĂ¶ĂŸer. Sie lachte und jubelte innerlich, denn sie wusste, dass sie diesen Abend so gut wie noch nie spielte und dieses neue Bewusstsein gab ihr ungeahnte Kraft und Sicherheit.
Fast wie im Traum improvisierte sie mit einer ihr neuen diabolischen Freude Variationen einer ungarischen Volksweise als Zugabe.

Weder vernahm sie den donnernden Applaus, der nun folgte, noch hörte sie die anerkennenden Rufe des kleinen erlesenen Publikums, sie schaute ausschließlich auf den Bruder, der aufstand und auf sie zuging.

Beide schauten einander mit stillem Triumph an, einander so nah wie noch nie. Sie hatten gesiegt. Und als sie beide zusammen zu spielen begannen, Anna am FlĂŒgel und Johann auf der Geige, da verschwand fĂŒr immer der Schatten des Vaters, und beide waren von dem GefĂŒhl durchdrungen, jemand anders zu sein, ein Mensch, der in ihnen war und sie gleichzeitig in sich barg.




(c) Sylvia Eulitz

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Monfou Nouveau
???
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Erlesener Ostinato

Hallo vicell,

eine, wie ich finde, mit viel SprachgefĂŒhl inszenierte Geschichte. Gut strukturiert und dicht am Thema.

Die Sprachebene wirkt auf mich allerdings sehr gehoben, als wÀre sie von einem Autor aus der Generation Hermann Hesses inspiriert. Das musikalische Thema hat vielleicht auch zu einer etwas ambitionierten Wortwahl verleitet.

Ich meine SĂ€tze wie folgende:

Johann ergriff die HĂ€nde seiner Schwester


 spĂŒrte in sich ein sĂŒĂŸes GefĂŒhl der Ruhe
Der Regen glĂ€ttete ihre vom Laufen geröteten Wangen und spielte ihr ein leises Lied. VerzĂŒckt schloss sie die Augen

„lĂ€rmreich“ „wĂ€hrte“ „barg“


Orthografisch gibt’s ein paar Steinchen. Beispiele:
Doch nur kurz wÀhrte dieser stumme Moment, indem [[in dem, oder nicht?]] Johann sich allein wusste.
Bei der wörtlichen Rede solltest du einmal genauer hinschauen, um die Aufeinanderfolge von Punkt, Komma, AnfĂŒhrungszeichen richtig hinzukriegen.

Hier mal eine korrigierte Stelle (nach neuer Rechtschreibung):

„Er ist soeben angekommen und wartet auf dich“, erwiderte Anna langsam.
„Aber ich werde heute Abend [[groß]] nicht spielen“, sagte Johann ruhig und schaute dabei weiter auf den kleinen schwarzen See.
Entsetzt starrte ihn Anna an.
„Das kannst du nicht tun! Du musst spielen!“, rief sie erregt und sprang auf.


Beste GrĂŒĂŸe

Monfou

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vicell
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Lieber Monfou,

ich bedanke mich erstmal fĂŒr diesen wirklich interessanten Kommentar und dein Lob...ich hatte befĂŒrchtet, die LĂ€nge dieser ErzĂ€hlung könnte abschreckend wirken!
Was den Schreibstil anbelangt: nun, dieses Thema ist mir persönlich sehr wichtig und sozusagen ein Herzensanliegen, ursprĂŒnglich war es einmal das Anfangskapitels eines Romans,der um die Jahrhundertwende in Österreich spielen sollte. Aus diesem Grund versuche ich mich an einem Stil, der die damalige Zeit und deren Bewohner wiedergibt...an Hesse habe ich eigneartigerweise nicht gedacht (obwohl ich einiges von ihm kenne...egal), aber generell verfolge ich einen gehobenen Sprachstil...manchmal mehr, manchmal weniger...und gerade bei meinem Lieblingsthema, der Musik, verfalle ich in diesen Stil...ja, das stimmt schon...

Was die Interpunktion bei den Dialogen und meine Orthographie anbelangt....du hast recht!
Ich werde mir wohl noch einmal in Ruhe die neuen Rechtschreibregeln zu GemĂŒte fĂŒhren mĂŒssen...*schmunzel*

Lieben Gruß
(und einen erlesenen Basso Ostinanto zurĂŒck) *lach*,
vic

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GabiSils
???
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Das ist interessant, liebe Vicell; ich dachte tatsÀchlich spontan, es liest sich wie der Anfang einer Musikerbiographie (Felix Huchs Beethoven fÀllt mir dazu ein).
Ich mag diese gehobene, etwas "altmodische" Sprache gerne.

Gruß,
Gabi


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vicell
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Liebe Gabi,

ja, den Huch kenne ich auch...ich empfehle dir, falls du Musikerbiographien magst, Pablo Casals Autobographie "Licht und Schatten", oder Artur Rubinsteins Romane "Mein glĂŒckliches Leben" oder "Die frĂŒhen Jahre". Besonders dringend rate ich jedem Piatigorskys "Mein Cello und ich" zu lesen...der Geheimtip unter Musikerautobiographien.
Ein Edelstein unter den schreibenden Musikern allerdings ist der lettische Geiger Gidon Kremer. Ich habe nun schon sein drittes Buch gelesen, und seine TiefgrĂŒndigkeit und doch schlichten Worte sind immer wieder fesselnd...dieser Mann ist einfach irgendwo eine Inspirationsquelle fĂŒr mich.
Zwar ist er geigerisch nicht mehr in seiner Höchstform, aber als Mensch ist er Ă€ußerst faszinierend und warmherzig...wie ich selber erleben durfte!
Ups, ich schweife aus....*schmunzel*

Aber was du schreibst, Gabi, finde ich beruhigend. Schön, dass solch ein "klassischer" Sprachstil nach wie vor gerne gelesen wird.

Einen wunderschönen Nachtgruß euch allen hier,
die texterin vic....*zwinker*

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flammarion
Foren-Redakteur
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Kommentare: 8127
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ja,

zum heulen schön. kommt ganz schnell in meine sammlung.
schön, dass du wieder da bist!
ganz lieb grĂŒĂŸt
__________________
Old Icke

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