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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Charlotte schreibt wieder
Eingestellt am 28. 09. 2003 14:25


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Yakob
One-Hit-Wonder-Autor
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Charlotte schreibt wieder



Jakob Silbernagel
Helgolandstrasse 7
01099 Dresden, na Gott sei Dank, dachte Arthur Endlich erleichtert, als er die Adresse auf dem, mit zittrigen Fingern aus dem gro├čen Poststapel herausgezogenen Kuvert las. Ein kurzer Blick auf den Absender best├Ątigte, was die ihm wohlbekannte Schrift bereits hatte verhei├čen lassen.
Charlotte Liebeskind
Turmstrasse 28
80802 M├╝nchen
Arthur Endlich zwang sich zur Ruhe. Am liebsten h├Ątte er den Brief auf der Stelle aufgerissen und gelesen, aber das ging nat├╝rlich nicht. Immer noch zitternd schob er den Umschlag zur├╝ck in den Stapel. Lie├č sich mit dem R├╝cken gegen die Wand fallen, schloss die Augen und atmete mehrere Male tief durch. Beruhigte sich schlie├člich, packte die Tagespost f├╝r den Bezirk ├Ąu├čere Neustadt in seine Fahrradtaschen und machte sich auf den Weg.

„Charlotte!“, dachte Arthur w├Ąhrend er, den euphorisierenden Rausch der angespannten Vorfreude auskostend, die in sommerlichen Fr├╝hnebel getauchte K├Ânigsbr├╝cker Strasse langsam in Richtung S├╝den hinunterradelte, immer wieder „Charlotte!“. Er atmete die nach feuchten Kieseln schmeckende Morgenluft. Sp├╝rte die noch verhaltene W├Ąrme des angehenden Sommertages an der Haut seiner nackten Unterarme entlang streichen. Stellte sich vor, wie er sp├Ąter in der gl├╝henden Nachmittagshitze auf seinem kleinen Balkon eine Flasche eiskaltes Weizenbier trinken und immer wieder ihren Brief lesen w├╝rde. Dabei kam ihm nicht in den Sinn, dass dieser Brief vielleicht nicht die erhoffte frohe Botschaft der zwischen Charlotte und Jakob wiederhergestellten Einigkeit, sondern unter Umst├Ąnden das genaue Gegenteil beinhalten k├Ânnte. Und das war durchaus nicht unwahrscheinlich, hatte deren Beziehung in den letzten Monaten doch schwer unter der Distanz von vierhundertsiebzig Kilometern und der immer bedrohlicher werdenden Pr├Ąsenz eines gewissen Carlos zu leiden gehabt.
Trotzdem, Charlotte liebte Jakob, das wusste Arthur Endlich genau, dreiundneunzig fein s├Ąuberlich von ihm abgeschriebene Briefe, die in seinem Wohnzimmerschrank lagerten zeugten davon. Sicher, dass Charlotte in ihren letzten Briefen weniger von gro├čer Liebe, als vielmehr immer konkreter von Trennung gesprochen und jetzt seit fast zwei Monaten nicht mehr geschrieben hatte, war beunruhigend gewesen, aber Krisen gab es schlie├člich in jeder Beziehung irgendwann mal, und wenn es etwas gab, an das Arthur in den letzten Jahren geglaubt hatte, dann an Charlottes tiefe Liebe zu Jakob.

Arthur Endlich konnte sich ein am├╝siertes Grinsen nicht verkneifen, als er in der Alaunstrasse 1, der ersten Station seiner t├Ąglich Route angekommen, den an „Fr├Ąulein Juliane Seidel“ adressierten Brief aus seinen Fahrradtaschen fischte. Er musste an das Foto denken, das der Absender, ein vierundsechzigj├Ąhriger, romantischer, humorvoller, tier- und kinderlieber und trotz seines fortgeschrittenen Alters sexuell noch voll im Saft stehender Diplom-Ingenieur namens Herbert F├╝llbeck seinem Schreiben beigelegt hatte. Dieses zeigte den Verfasser mit beschlagener Brille in einer Badewanne sitzend, dem Betrachter fr├Âhlich mit einem Glas Sekt zuprostend. „Hier drin ist auch Platz f├╝r zwei!“, hatte er auf die R├╝ckseite geschrieben.
Briefe dieser Art erhielt Frau Seidel seit etwa einem Jahr zwei oder drei Mal in der Woche, und Arthur wunderte es ein wenig, dass sie sich, trotz der immensen Auswahl, die sie offensichtlich hatte, immer noch nicht f├╝r ihren Traummann entschieden zu haben schien. Denn vom tier- und kinderlieben Diplom-Ingenieur, ├╝ber den belesenen, guten Rotwein und lange Herbstspazierg├Ąnge sch├Ątzenden Deutsch- und Biologielehrer, bis hin zum gut gebauten, in jeder Hinsicht ausdauernden Fitnesstrainer war wirklich alles dabei gewesen, sogar Frauen. Anscheinend war Frau Seidel recht w├Ąhlerisch, vielleicht aber auch nicht ganz so schlank und gutaussehend, wie es in ihrer, w├Âchentlich in der regionalen Tageszeitung erscheinenden Kontaktanzeige hie├č, das wusste Arthur nicht genau, er hatte noch nie das Gl├╝ck gehabt ihr zu begegnen.
„Na dann viel Erfolg Herr F├╝llbeck.“, murmelte Arthur leise, lie├č den Brief durch Frau Seidels Postkastenschlitz gleiten, versorgte auch die anderen Haushalte der Alaunstrasse 1 mit ihrer Tagespost und ging zur├╝ck zu seinem Fahrrad.

Es war jetzt fast vier Jahre her, dass Arthur Endlich angefangen hatte die Briefe fremder Leute zu lesen. Begonnen hatte alles mit einem Brief von Charlotte, die damals noch in Dresden lebte und die romantische Angewohnheit hatte ihrem, blo├č zehn Minuten Fu├čweg von ihr entfernt wohnenden Freund Jakob, mindestens ein Mal in der Woche einen Brief auf dem Postweg zukommen zu lassen. Nachdem Arthur den zw├Âlften, in der Katharinenstrasse 15 verfassten Brief innerhalb von zwei Monaten, in die, von dort etwa f├╝nfhundert Meter entfernte Helgolandstrasse 7 getragen hatte, ├╝berw├Ąltigte den sonst so gewissenhaften Postboten die Neugier. Und was er zu lesen bekam, nachdem er den unterschlagenen Brief zu Hause ├╝ber einem Kessel kochenden Wassers ge├Âffnet hatte, ver├Ąnderte sein Leben.

Mein Liebster,
jetzt wo ich Dir diesen Brief schreibe, liegst Du neben mir in meinem Bett und schl├Ąfst. Ich habe Dir gerade die Decke weggezogen und bewundere deinen sch├Ânen nackten R├╝cken, den ich gleich ausgiebig k├╝ssen und liebkosen werde. Aber bevor ich das tue, wollte ich dir noch schnell sagen, dass Du sehr sch├Ân aussiehst wenn Du schl├Ąfst und dass es mich furchtbar gl├╝cklich macht, Dich neben mir liegen zu haben. Charlotte

Nach der Lekt├╝re dieses Briefes w├Ąlzte sich Arthur bis in die fr├╝hen Morgenstunden schlaflos in seinem Bett hin und her. Der Gedanke an das h├╝bsche, nackt nebeneinander liegende P├Ąrchen, hatte sich wie ein eiskalter Stachel durch sein einsames Herz gebohrt. Und machte ihn gleichzeitig doch so gl├╝cklich.
Es war zu diesem Zeitpunkt fast zwei Jahre her, dass Arthurs Frau Luise, mit der er damals in K├Âln eine Gastst├Ątte betrieben hatte, von einem Betrunkenen, der seinen Deckel nicht hatte zahlen wollen niedergeschlagen worden und eine Woche sp├Ąter an den Folgen einer Gehirnblutung gestorben war. Nach ihrer Beerdigung hatte Arthur sich nicht einmal die Zeit genommen sein Hab und Gut zu verkaufen, hatte einfach alles stehen und liegen lassen, sich in einen Zug gesetzt und war, er wu├čte heute nicht mehr genau warum, in Dresden gelandet und geblieben. Hatte sich eine kleine preiswerte Wohnung gesucht, eine Stelle als Postbote angenommen und es tats├Ąchlich geschafft, zwei Jahre lang jegliche Erinnerung an Anna, den Schmerz und die Trauer angesichts ihres Todes, ja ├╝berhaupt jede Gef├╝hlsregung aus seinem Leben auszublenden. So aber konnte und wollte er nicht weiterleben, das wurde ihm in dieser Nacht bewu├čt, daf├╝r f├╝hlte sich das, was seine Seele da gerade produzierte viel zu gut an. Aber was sollte er machen, sich wieder ins Leben st├╝rzen? Er, der, au├čer selten mal mit einem Kollegen, seit zwei Jahren mit so gut wie niemandem mehr ein Wort gewechselt hatte?
Als er gegen f├╝nf Uhr noch einmal aufstand, um sich in der K├╝che etwas zu trinken zu holen und Charlottes Brief auf dem K├╝chentisch liegen sah, d├Ąmmerte ihm die Antwort.

Im Erdgeschoss des Hauses in der Sebnitzer Strasse 30 sahs Lieselotte Gr├╝n wie immer mit versteinertem Gesicht in ihrer Wohnung vor dem Fernseher, der so laut gestellt war, dass Arthur, trotz verschlossener Fenster, auf der Stra├če noch h├Âren konnte, dass „Dicke echt das Allerletzte“ seien und der neunzehnj├Ąhrige Karim „die fette Sau da nicht mal mit der Kneifzange anpacken“ w├╝rde, woraufhin er sich den Vorwurf, er sei „doch blo├č ‘n Strich in der Landschaft“ gefallen lassen mu├čte, was Karim aber immer noch besser fand „wie fett und doof zu sein“.
Arthur seufzte tief, als er den Umschlag mit der Einladung zur Beisetzung von Frau Eleonora Jungnickel am Montag den 16.08. auf dem Friedhof Leipzig-West behutsam in Lieselotte Gr├╝ns Postkasten fallen lie├č. Das war jetzt schon der f├╝nfte Todesfall in ihrem Freundeskreis, den die arme Oma Lotte, wie Arthur sie z├Ąrtlich in Gedanken nannte, in diesem Jahr zu verkraften hatte. Und dann auch noch ausgerechnet Eleonora Jungnickel, mit der nicht nur Lieselottes beste Freundin, sondern auch Arthurs zuverl├Ąssigste Informationsquelle bez├╝glich ihrer Person dahingeschieden war, weil Eleonora, in Leipzig ans├Ąssig und deshalb vom unmittelbaren Kontakt zu Lieselotte ausgeschlossen, ihr regelm├Ą├čig ausf├╝hrliche Briefe geschrieben hatte. Aus diesen wu├čte Arthur beispielsweise, dass Lieselotte Gr├╝n, trotz einer fast siebenundvierzig Jahre dauernden Ehe, aus der immerhin vier Kinder hervorgegangen waren, ihr Leben lang in einen gewissen Konrad Pollomski verliebt gewesen war, der sich als bekennender Sozialist w├Ąhrend des dritten Reiches vor den Nazis hatte verstecken m├╝ssen. Der Fehlinformation aufgesessen, Konrad sei der Gestapo in die H├Ąnde gefallen und in einem Konzentrationslager gestorben, hatte Lieselotte 1938 den seit Jahren um sie werbenden Sohn des Kolonialwarenh├Ąndlers Helmut Gr├╝n, Helmut Gr├╝n Junior geheiratet. Und als Konrad 1945 in Begleitung der roten Armee wieder in Dresden aufgetaucht war, war Lieselotte bereits zum dritten Mal von Helmut Junior schwanger und damit die Chance auf eine gemeinsame Zukunft verbaut gewesen. Bitter entt├Ąuscht war Konrad daraufhin nach Berlin gegangen, um seine gesamte Energie dem Aufbau des Arbeiter- und Bauernstaates zu widmen, hatte es damit jedoch offensichtlich ein wenig ├╝bertrieben und war f├╝nf Jahre sp├Ąter als leitender Stasi-Offizier erneut nach Dresden zur├╝ckgekehrt. Bis heute hatten Lieselotte Gr├╝n und Konrad Pollomski dort beinahe T├╝r an T├╝r gelebt, und wie Lieselotte ihrem Mann, so hatte Konrad DDR-Dissidenten das Leben zur H├Âlle gemacht, sich einander ann├Ąhern hatten sie aber, auch nach dem Tode Helmut Gr├╝ns im Jahre 1995 nicht mehr gekonnt.
Es war nicht einfach f├╝r Arthur gewesen die Geschichte dieser tragischen Liebe aus den Briefen Eleonoras, deren Abschriften er zu hause in einem mit „Deutsche Geschichte“ betitelten Aktenordner aufbewahrte, zu rekonstruieren. Zu einem vollst├Ąndigen Bild zusammengef├╝gt hatten sich die ├╝ber die Jahre angesammelten Bruchst├╝cke eigentlich erst mit ihrem letzten Brief, in dem die, den nahenden Tod erahnende Eleonora ihrer Freundin die Geschichte ihres verpfuschten Lebens noch einmal aus ihrer Sicht geschildert und angeraten hatte, den „dummen Stasi-Esel“ doch endlich zu vergessen und die wenige Zeit die ihr noch bleibe in Frieden mit sich und der Welt zu verbringen.
„Deutsche Geschichte“ geh├Ârte zu einer sechzehn Aktenordner umfassenden Sammlung in Arthur Endlichs Wohnzimmerschrank, die so etwas wie das Destillat seiner Arbeit darstellte. Anfangs hatte Arthur, geradezu s├╝chtig nach den Lebensgeschichten fremder Leute, so ziemlich alles gelesen was ihm durch die H├Ąnde gegangen war, sogar Urlaubskarten und Kontoausz├╝ge, hatte sich aber, aufgrund der in den meisten Schreiben doch mehr oder weniger vorherrschenden Belanglosigkeit, mit der Zeit auf ein paar wenige, ihm ergiebig scheinende Adressaten beschr├Ąnkt, deren abgeschriebene Post er in eben jenen, jeweils mit einem passendem Titel versehenen Ordnern aufbewahrte. Diese Ordnung erm├Âglichte es ihm die Stimmungslage, in die er sich versetzen wollte, ganz nach Lust und Bedarf zu w├Ąhlen. War ihm nach der wehm├╝tigen Melancholie einer ungl├╝cklichen Liebe, nahm er „Deutsche Geschichte“ zur Hand, wollte er sich am├╝sieren, las er die Selbstbeweihr├Ąucherungen der um Juliane Seidel werbenden M├Ąnner in dem Ordner „SIE sucht IHN“, hatte er Lust auf Abenteuer, schm├Âkerte er in den, unter „Marco Polo“ klassifizierten Briefen, die der Fotograf Paul Burghardt von seinen Weltreisen an seine Frau schrieb . Manchmal spielte Arthur auch mit unterschiedlichen Gef├╝hlslagen, versetzte sich mittels der Briefe, die die siebzehnj├Ąhrige magers├╝chtige Anna aus einer psychiatrischen Klinik an ihre Mutter schrieb in tiefste Traurigkeit, um sich anschlie├čend mit Charlottes wundersch├Ânen Liebesbriefen an Jakob wieder in die euphorischen H├Âhen der Liebe zu katapultieren. ├ťberhaupt las er am liebsten in dem Ordner, den er schlicht und einfach mit „Charlotte“ betitelt hatte. Denn niemand wu├čte das Gef├╝hl von Liebe so einfach und sch├Ân, so nachempfindbar f├╝r Arthur auszudr├╝cken, wie Charlotte in ihren meist sehr kurzen, ja oft nur aus einem einzigen Satz bestehenden Briefen.

Ich schreib’s hier nicht hin, weil ich es kitschig f├Ąnde, aber ich tu’s, aus tiefster Seele.
Charlotte

Ach egal, ICH LIEBE DICH! Charlotte

Ich friere, und wenn Du diesen Brief bekommst sicher auch noch, also komm doch vorbei und nimm mich in den Arm. . Charlotte

W├╝rde gerne mit Dir schlafen. Charlotte

Manchmal schickte sie Jakob auch kleine Dinge von sich.

Ich habe gerade ein Haar von Dir gefunden, und da dachte ich, Du freust Dich vielleicht auch ├╝ber ein Haar von mir. Charlotte

Eine Zeit lang schickte sie ihm, ohne jeglichen Kommentar, Fotos von verschiedenen Stellen ihres K├Ârpers, von ihrem Bauchnabel, einer Augenbraue, ihrem linken gro├čen Zeh, einem Muttermal auf der Au├čenseite ihres Oberschenkels.
Egal was sie ihm schrieb oder schickte, Charlotte fand immer neue Wege Jakob ihre Liebe zu bekunden, und es war wohl nur die F├╝lle von verschiedenartigen Liebesbotschaften gewesen, die Arthur, der panische Angst gehabt hatte, ihr Briefflu├č k├Ânne endg├╝ltig versiegt sein, geholfen hatte die letzten Monate zu ├╝berstehen.

Wie immer wenn Arthur Endlich im Begriff war Bettina Taucher einen Brief ihres Verlobten Frank Weinert zuzustellen, schoss ihm das Blut in Kopf und Penis. Den Inhalt dieser Briefe, in denen Frank, der vor etwa einem Jahr aufgrund einer gut bezahlten Arbeitsstelle in den Westen gegangen war und Bettina deshalb nur am Wochenende sehen konnte, Revue passieren lie├č, was er am vergangenen Wochenende so alles mit Bettina getrieben hatte, beziehungsweise sich ausmalte, was er am kommenden Wochenende so alles mit ihr treiben w├╝rde, l├Ąsst sich hier nicht mal ansatzweise wiedergeben, ohne dass der Text einen pornographischen Einschlag bek├Ąme, was ich unbedingt vermeiden m├Âchte. Arthurs Phantasie befl├╝gelten Franks au├čerordentlich detaillierten Briefe jedenfalls derma├čen, dass selbst die Rundungen des gro├čen Bs in Frau Tauchers Vornamen, ihn an die, Franks Beschreibungen nach sehr gro├čen und ├╝beraus wohlgeformten Br├╝ste der attraktiven Bettina denken lie├čen, was eben jene, oben bereits erw├Ąhnten, vegetativen Reaktionen in ihm hervorrief.
Schnell warf er den Brief ein, nestelte ein wenig betreten an Hemd und Hose herum, r├Ąusperte sich leise und machte sich auf den Weg zur letzten Station auf seiner Route, der Helgolandstrasse.
Dort traf er auf Jakob.

Anfangs hatte Arthur es gar nicht so ├╝bel gefunden, dass Charlotte nach M├╝nchen gegangen war. Denn da sie Jakob nun nicht mehr jeden Tag zu Gesicht bekam, gab es um so mehr was sie ihm in ihren Briefen zu berichten hatte, au├čerdem schien die Entfernung Charlotte zu immer besseren Formulierungen zu inspirieren.

Ich habe Dich jetzt seit zweiundsiebzig Stunden nicht mehr gek├╝├čt. Und ich bef├╝rchte es werden noch mehr. Schei├če! Charlotte

Vor etwa f├╝nf Monaten aber, ein halbes Jahr nachdem Charlotte Dresden verlassen hatte, ver├Ąnderten sich ihre Briefe. Ihr Tonfall wurde n├╝chterner, ihre Zuneigungsbekundungen auf beunruhigende Art und Weise freundschaftlich. Au├čerdem tauchte immer ├Âfter besagter Carlos darin auf, ein Austauschstudent aus Argentinien, mit dem Charlotte, meistens wenn sie schrieb, gerade einen „wundersch├Ânen Tag im Englischen Garten“, einen „interessanten Abend im Theater“ oder einen „lustigen Nachmittag in der Stadt“ verbracht hatte. In den n├Ąchsten Monaten schrieb sie immer seltener, konstatierte in ihren wenigen Briefen immer ├Âfter, wie sehr man sich seit der r├Ąumlichen Trennung auch innerlich voneinander entfernt habe, bis schlie├člich der Brief kam in dem es hie├č, dass es so mit ihnen nicht weitergehen k├Ânne und m├Âglichst bald eine L├Âsung gefunden werden m├╝sse. Es war, bis zum heutigen Tag, ihr letzter Brief gewesen.
„Aber das ist jetzt vorbei, Mensch Junge, schau nicht so traurig, sie schreibt wieder, Charlotte schreibt wieder!“, h├Ątte Arthur dem betr├╝bt an ihm vor├╝berschlendernden Jakob gerne zugerufen, hielt sich aber nat├╝rlich zur├╝ck.
„Morgen, Morgen“, fl├╝sterte er im Hauseingang der Nummer 7 Jakobs Briefkasten zu, „Hab noch einen Tag Geduld, morgen bist du erl├Âst!“
Arthurs Herz schlug jetzt wie ein Dampfhammer. Seine m├╝hsam ├╝ber den Tag aufrecht erhaltene Ruhe hatte sich mit dem Anblick Jakobs in Luft aufgel├Âst. Und was wenn sie doch…? Aber nein, das war unm├Âglich, das konnte nicht sein. Durfte nicht sein! Er musste jetzt nach Hause, so schnell wie m├Âglich! Mit einem Tempo, das er selbst noch nicht von sich kannte stellte er die ihm verbliebene Post zu, fuhr zur├╝ck zu seiner Dienststelle, tauschte dort das Dienst- gegen sein Privatfahrrad und spurtete wie ein Besessener zu seiner Wohnung. Dort angekommen riss er sich das schwei├čnasse Hemd vom Leib, setzte den Kessel mit Wasser auf den Herd und ├Âffnete eine Flasche Bier.




Epilog

Nachdem Juliane Seidel weitere zwei Monate erfolglos in der Lokalpresse inseriert hatte, gab sie die Hoffnung auf im Gro├čraum Dresden ihren Traummann zu finden und buchte, nach der Lekt├╝re einschl├Ągiger Literatur, ein Flugticket nach Kenia. Dort wurde sie die achte Frau eines Massai-Kriegers und lie├č sich fortan, wann immer ihre Urlaubsplanung es zulie├č, von seiner monstr├Âsen M├Ąnnlichkeit begl├╝cken.
Lieselotte Gr├╝n starb, zwei Tage nach dem sie aus der Zeitung vom Tod ihrer gro├čen Liebe Konrad Pollomski erfahren hatte, einsam und verbittert in ihrer Wohnung.
Im September folgte Bettina Taucher ihrem Verlobten in die alten Bundesl├Ąnder. Dort konnte Frank Weinert nun auch unter der Woche die Dinge mit ihr treiben, die er vorher nur am Wochenende mit ihr hatte treiben k├Ânnen, was Bettina aber schnell langweilig wurde. Au├čerdem f├╝hlte sie sich im Westen unwohl, deshalb blies sie die f├╝r Januar geplante Hochzeit kurzerhand ab, verlie├č Frank und kehrte nach nur drei Monaten nach Dresden zur├╝ck.
Jakob sollte Charlottes Brief, in dem sie die, bei ihrem letzten Treffen vor zwei Monaten ausgesprochene Trennung f├╝r ihn zwar au├čerordentlich bedauerte, aber nicht die geringsten Anstalten machte diese zur├╝ckzunehmen, nie erhalten. Da er ohnehin mit keinem Lebenszeichen mehr von ihr gerechnet hatte, fand er dies jedoch auch nicht weiter verwunderlich. Er litt und trauerte noch ungef├Ąhr ein halbes Jahr, dann lernte er auf einer Party Maria kennen, in die er sich sehr verliebte und verga├č Charlotte.
Charlotte und Carlos wurden ein Paar, und als Carlos nach einem einj├Ąhrigen Studienaufenthalt in Deutschland wieder nach Argentinien zur├╝ck mu├čte, begleitete Charlotte ihn.
Nachdem Arthur Endlich vier Tage unentschuldigt bei der Arbeit gefehlt hatte und auch telefonisch nicht zu erreichen gewesen war, verst├Ąndigte sein Vorgesetzter die Polizei. Nach mehrmaligem Klingeln und mehreren unbeantworteten Aufforderungen ihnen doch bitte sofort die T├╝r zu ├Âffnen, verschafften sich die Beamten gewaltsam Zutritt zu seiner Wohnung. Dort fanden sie sechzehn leere, unverst├Ąndlich beschriftete Aktenordner auf dem Wohnzimmerboden und einen gro├čen Haufen Asche in der Badewanne. Arthur Endlich aber blieb verschwunden.




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yeah(!)

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Rainer
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hallo yakob,

der text klingt so gut, da├č ich mich frage, ob ich die dahintersteckende idee (postbote "erz├Ąhlt" zeitgeschichte/zeitgeist aus ge├Âffneten briefen) schon mal gelesen habe. ist aber auch egal, die umsetzung finde ich spitze.

doch genug der lobhudelei; was mir nicht so gefallen hat:

sehr wenig, aber die monstr├Âse m├Ąnnlichkeit des massai-kriegers ist so klischeehaft, dass sie mir ein regelrechter dorn im auge ist - passt meines erachtens nach nicht zum rest. vorschlag: ersetze den afrikaner durch eine weniger klischeebeladene person; z.b. einen gleich ausgestatteten mormonen.

die von mir erahnten kommafehler werden sicher von einem lektor beseitigt, genau wie manches dasS, einmal sahs jemand statt sa├č/sass.

die namen sind manchmal etwas zu viel des guten; vielleicht ein paar weniger "bedeutsame" namen.

viele gr├╝├če + danke f├╝r den sch├Ânen text

rainer


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GabiSils
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Einspruch, Rainer. Die "einschl├Ągige Literatur", sie sie gelesen hat, f├╝hrt sie mit gro├čer Wahrscheinlichkeit eher zu einem dem Klischee gem├Ą├čen Massai als zu einem Mormonen - zumindest w├Ąre Letzterer nicht meine erste Wahl, wenn ich monstr├Âse M├Ąnnlichkeit suchte.

Gru├č,
Gabi

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Rainer
???
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dem einspruch wird stattgegeben, sehr geehrte frau kollegin.
erlaube mir aber die hinweise, dass der habitus des m├Ąnnlichen genitals weniger rassen - sondern eher ern├Ąhrungsabh├Ąngig ist, und dass falsche mormonen auch in deutschen kontaktm├Ąrkten inserieren;
ich h├Ątte es ihnen auch mal geg├Ânnt...

na wenigstens ist der massai nicht noch hirsebiers├╝chtig.

viele gr├╝├če

rainer (*stur wie `ne dreij├Ąhrige beim ins bett gehen*)
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Yakob
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hallo rainer,
erst mal vielen dank f├╝r dein lob.
dass die idee anscheinend nicht ganz neu ist, hab ich mir schon von ein paar leuten anh├Âren m├╝ssen, aber, ganz ehrlich, erst nachdem ich den text geschrieben hatte.
die namen, hmm, vielleicht hast du recht, sind manchmal ein wenig dick aufgetragen, aber zu arthur endlich stehe ich, den finde ich gro├čartig.
zum gem├Ącht des massai-kriegers ├╝brigens auch.
tja, und das mit der interpunktion, daf├╝r hat meine deutsch-lehrerin mich schon gehasst...
gr├╝├če, yakob
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