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Leselupe.de > Erzählungen
Cocaine
Eingestellt am 04. 01. 2003 00:44


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Yakob
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Nov 2002

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Cocaine


Ich habe große Lust mit einer Frau nach Hause zu gehen. Mit irgendeiner, ganz egal. Das liegt daran, dass ich ziemlich viel Kokain genommen habe. Aber egal mit welcher Frau ich mich im Laufe des Abends unterhalten habe, nach spätestens fünf Minuten hatte ich alles nur Mögliche getan, eventuelles Interesse an meiner Person gar nicht erst aufkommen zu lassen. Das wiederum liegt daran, dass ich auch ziemlich viel Alkohol getrunken, deshalb erhebliche Gleichgewichtsstörungen habe und keinen zusammenhängenden Satz mehr herausbekomme.
Deshalb beschließe ich irgendwann es sein zu lassen und hole mir ein letztes Bier, damit ich vielleicht schlafen kann, setze mich auf einen Stuhl an der Tanzfläche und beobachte die letzten Tanzenden.
Plötzlich sitzt eine Frau neben mir. Sie sagt mir auf gebrochenem Englisch, dass sie Anna heiße. Ich sehe sie kurz an und denke, dass es mich sehr viel Anstrengung kosten wird jetzt Englisch zu sprechen, und dass diese Frau bestimmt schon vierzig und wahrscheinlich auch ein bisschen verrückt ist und wirklich nicht besonders gut aussieht; und dass ich sie unbedingt ficken muss! Deshalb reiße ich mich zusammen und versuche, gleichermaßen lässig wie akzentuiert Englisch zu sprechen, was überhaupt nicht funktioniert. Zumal ich nicht mal in der Lage bin grammatikalisch richtige Sätze zu formulieren.
„Hi, I’mm Martin! What a’ y’ doin’ here?“
Sie sagt, dass das doch hier eine Party sei, und sie hier sei um zu tanzen, sich zu amüsieren und ein bisschen zu trinken, wie man das eben so mache, auf Partys. Aber das habe ich nicht gemeint.
„Nono, I mean, here in this town. In this county. Y’ here on…äh,on…(mir fällt tatsächlich das Wort für Urlaub nicht mehr ein!), so, y’re visitin’ some friends here, or studyin’ or...?“
Daraufhin fängt sie an mir von sich zu erzählen. Sie redet viel und lange, und dafür bin ich ihr sehr dankbar. Aber zuhören kann ich jetzt genau so wenig wie reden. Ich nicke nur andauernd mit dem Kopf. Und nach jeweils drei bis vier Sätzen sehe ich sie direkt an, nicke ganz besonders verständig und sage deutlich „Yeah!“ oder „Yeahyeah!“. Aber verstehen tue ich von dem was sie erzählt überhaupt nichts. Das einzige was ich aufnehmen kann ist, dass sie eigentlich aus Kroatien kommt und in Frankfurt bei irgendeiner Zeitung arbeitet. Irgendwann hört sie dann auf zu reden, und weil ich auch nicht weiß was ich noch sagen soll, schweigen wir.
Dann kommt Bernd, der irgendwelche Pillen genommen hat, deshalb hektisch um mich herum tänzelt und mir ins Ohr schreit, ich solle doch die blöde Alte sitzen lassen und lieber noch mal mit ihm aufs Klo kommen. Mir fällt ein, dass ich ja vorhabe gleich mit dieser Frau nach Hause zu gehen, und dass ich da ja nicht einfach besoffen einschlafen will, und dass ich deshalb vielleicht noch mal nachlegen sollte, und ich beschließe mitzugehen.
„I jus’ mus’ talk to m’ friend Bernd here,” sage ich grinsend den Arm um Bernd legend. “I’ll be back ‘n five minutes. Promise y’ll still be here. You promise?” Sie verspricht es.
Auf dem Weg zum Klo mache ich den Fehler kurz in den Spiegel zu sehen, und sofort geht es mir sehr schlecht. Bloß schnell wieder raus ins Dunkle! Aber daraus wird so schnell nichts, denn erst mal setzt Bernd sich auf den Spülkasten und fängt fürchterlich an zu weinen. Ich frage was los sei, er brabbelt irgendwas und ich verstehe ihn nicht, lege den Arm um ihn, trockne ihm das Gesicht mit den Ärmeln meines Pullovers, sage, dass ja alles bald wieder gut sei und fühle mich hundeelend. Irgendwann beruhigt sich Bernd, wir nehmen die Reste, und bald geht es uns beiden besser.
Als ich vom Klo komme, sehe ich Anna an der Garderobe stehen, wo sie gerade ihren Mantel geholt hat.
„Hey, y’ want to go so soon?“
Sie sagt, dass sie jetzt wirklich losmüsse, ob ich vielleicht ihre Telefonnummer haben wolle.
„Yes please, yes, sure!“
Sie schreibt mir ihre Nummer auf.
„So, how ar’y goin’ home?“
Sie versteht nicht.
„Äh, I mean, by foot, or by taxi, or bus?”
Sie sagt, dass sie zu Fuß gehe, sie wohne nur ungefähr zehn Minuten weit weg, was ich als Aufforderung zum Mitkommen verstehe.
„Ok, I come with you.“
Sie sieht mich fragend an.
„Äh, no, I mean, I, äh…, just the way home, I, äh, want to accomp…, äh, to accompagne you just for y’ way home, y’know, because I’ve the same direction.”
Sie nickt und wir gehen.
Auf dem Weg will Anna von mir wissen, was ich eigentlich so mache. Weil mir bewusst ist, dass ich mein fürchterliches Englisch hier draußen nicht mehr durch laute Musik verbergen kann, versuche ich mich so kurz wie möglich zu fassen.
„’m studyin’ biology.“
Ob ich hier in dieser Stadt studiere.
„No.“
Weil sie darauf nichts sagt, bin ich zu ausführlicheren Erklärungen gezwungen.
„Äh, I was studying here fo’ two yea’s, but I left then. Now ‘m jus’ visitin’ a friend here, y’ know, Bernd. But now I’m in Drsdn.”
“Where?”
“In Dresdn.”
Sie zuckt mit den Achseln. „I’m sorry.“
„In Dres-den!“
„Ahh!“ Jetzt hat sie verstanden. Und will wissen warum ich weggegangen bin. Und ich erzähle irgendeinen Blödsinn von nicht-auf-der-Stelle-treten-wollen und neuen Einflüssen, vom aufregenden Ostdeutschland, dass da alles noch in Bewegung sei und so, und die Ostdeutschen wirklich wahnsinnig nett, wenn auch immer noch ziemlich schlecht angezogen, und das der Sozialismus auch in den Köpfen so seine Spuren hinterlassen habe, das sei besonders an meinen ostdeutschen Kommilitonen spürbar, die seien so was von pflichtbewusst und obrigkeitshörig und angepasst, aber dass das ja auch kein Wunder sei, nach 40 Jahren Planwirtschaft, da falle das Freidenken eben noch etwas schwer, aber dass das schon noch werden würde, in den nächsten Jahren, auch das mit den Klamotten, da sei ich mir ganz sicher.
Anna nickt und sagt nichts. Ich glaube(und hoffe), dass sie von dem was ich erzählt habe nicht besonders viel verstanden hat, dass sie jetzt gemerkt hat, wie betrunken ich eigentlich bin, und dass sie mich so schnell wie möglich loswerden möchte. Irgendwann stehen wir am Treppenabgang einer U-Bahn-Haltestelle. Sie sagt, dass ich von hier aus doch die Bahn nehmen könne, dann sei ich sicher schneller zuhause. Ich sage: “Oh, yeah, yeah, sure, but...“
Sie sieht mich an.
„So, y’ want t’ go home alon’?“
Sie sagt, das sei wohl besser.
„Ar’y’ sure?“
Sie sagt ja.
Ich sage „Hmm.“, und drehe den Kopf hin und her.
Sie fragt was los sei, ob ich keinen Platz zum Schlafen habe.
„Yes, I have one, but...“
Ob ich deprimiert sei.
„No, äh, yes, a bit dpressed, fell lonely, doh know, I’m...“
Dann solle ich jetzt wirklich besser nach hause gehen und mich ausschlafen.
Wir verabschieden uns, ich versuche noch erfolglos sie auf den Mund zu küssen, dann geht sie. Als ich auf der Rolltreppe stehe bin ich sehr froh, dass ich nicht mehr klar denken kann, weil ich mich sonst zu Tode schämen würde.
An der U-Bahn-Haltestelle sitzt Bernd. Er hat sich auf einer Bank zusammengekauert und weint schon wieder. Als er mich kommen sieht springt er auf, rennt auf mich zu, klammert sich sehr fest an mich und drückt sein Gesicht gegen meine Brust. Dabei wimmert und schluchzt er fürchterlich. So stehen wir ungefähr fünf Minuten. Dann beruhigt sich Bernd, ich ziehe zwei Trinktütchen Capri-Sonne aus einem der Getränkeautomaten, wir setzen uns und trinken sie. Ich mache den Vorschlag jetzt endlich nach Mainz zu fahren, wo Bernd seine Wohnung hat, aber Bernd will lieber noch etwas sitzen bleiben. Nachdem wir eine halbe Stunde gesessen haben, zwinge ich Bernd in eine U-Bahn einzusteigen.
In der Bahn spricht mich ein junger Türke an. Er sagt, dass er Mehmet heiße und dass er gerade gefickt habe, so geil, eine Blonde, so geil, blonde Frauen seien die besten. Er habe schon eine Menge blonder Frauen gefickt, also, nicht nur, klar dass er schon alle Farben durchhabe, haha so geil. Aber die Blonden, die seien am willigsten und am lautesten, soo geil. Die Anderen, die seien natürlich auch ok gewesen, aber Mann!: die Braunen: zu schüchtern; die Schwarzen: zu stolz; die Roten: ok, aber Mann!, roter Bär! Soo scheiße!
Ich sage, dass ich das nur bestätigen könne, das mit den blonden Frauen, und dass ich gerade eine kennen gelernt habe, so willig, da dürfe jeder mal, und ich gebe ihm den Zettel mit Annas Telefonnummer. Er findet’s sehr geil von mir, sagt, dass er mich zuerst für ne Schwuchtel gehalten habe, wegen dem Typen, der da an meiner Schulter lehne, aber das nehme er zurück, ich sei echt cool, Respekt!, verabschiedet sich mit Handschlag und steigt an der nächsten Station aus.
Dann wird Bernd munter.
„Ich finde den Wagen hier langweilig. Komm, lass uns den Wagen wechseln!“
„Was?“
„An der nächsten Station steigen wir um!“
„Spinnst du?!“
„Ach komm schon.“
„Und du glaubst, dass um diese Uhrzeit in einem anderen Wagen interessantere Dinge passieren als in diesem hier?“
„Ja!“
Ich runzle die Stirn.
„Denk doch nur mal an die vielen schönen Mädchen, die im Wagen hinter uns sitzen und auf uns warten könnten.“
Das ist zwar nicht sehr wahrscheinlich, aber immerhin doch möglich und deshalb ein überzeugendes Argument.
Im Wagen hinter uns sitzen zwei Betrunkene. Ich möchte weiter, in die anderen Wagen gehen und nach den schönen Mädchen Ausschau halten, aber Bernd besteht darauf jetzt erst mal hier zu bleiben und sich mit den Betrunkenen zu unterhalten. Das würde bestimmt lustig und interessant werden.
Dieser Schuft hat mich reingelegt! Schamlos meine Geilheit ausgenutzt, bloß um jetzt irgendwelche lächerlichen Gesellschaftsstudien zu betreiben. Er setzt sich zu dem einen Betrunkenen, der ein Penner ist und auf seine Nachfrage hin sagt, dass er Karl heiße. Bernd gibt ihm die Hand und sagt, dass er Bernd heiße. Mir ist das zu blöd, und ich gehe zu dem anderen Betrunkenen, der am entgegengesetzten Ende des Wagens sitzt.
Der andere Betrunkene ist kein Penner. Er trägt einen schwarzen Anzug, der teuer aussieht, wenn auch nicht mehr so ganz frisch. Dazu eine weinrote Krawatte. Er sitzt nach vorne gebeugt auf seinem Sitz und hält sich mit beiden Händen am hölzernen Griff seines schwarzen Regenschirmes fest. Sein Kopf hängt zwischen den Schultern nach vorne und wackelt unkontrolliert über seinem Schoß hin und her. Zuerst denke ich, dass er irgendwelche seltsamen Ticks und Gesichtslähmungen hat, und ich denke darüber nach, ob es wohl so etwas wie ein alkoholinduziertes Tourette-Syndrom gibt, dann merke ich, dass er weint. Alles klar, klassisch, denke ich. Job verloren, Vermögen verspielt, die Frau mit einem Anderen im Bett erwischt. Obwohl etwas Ausgefallenes auch durchaus denkbar wäre, etwa, dass er sich jahrelang auf „Geschäftsreisen“ in Thailand vergnügt hat und jetzt festgestellt wurde, dass er HIV-positiv ist, weil er vorhatte seiner 12-jährigen, schwer an Leukämie erkrankten Tochter sein Knochenmark zu spenden.
Ich kann ja so ein Arschloch sein! Verdammtes Kokain!
Plötzlich schaut er auf, mir direkt ins Gesicht. Das tut er einige Sekunden lang, was mir sehr unangenehm ist. Dann kriegt er so einen heftigen Heulkrampf, dass er seine Brille verliert, die auf den Boden unter meinen Sitz fällt. Er versucht sie im Sitzen mit einer Hand zu erreichen, beugt sich dabei immer weiter nach vorne, ich denke, wenn der sich noch ein Stück tiefer in seinen Schoß beugt, kann er sich bequem selber einen blasen, dann denke ich noch mal, dass ich ein Arschloch bin, dann verliert der Mann das Gleichgewicht, kippt nach vorne von seinem Sitz und liegt vor mir auf dem Boden, mit einer Hand immer noch unter dem Sitz nach seiner Brille suchend. Ich kann das nicht mehr mit ansehen und beschließe zu Bernd zurückzugehen.
Der kommt mir auf halber Strecke lachend entgegen und schreit, ich solle sofort mitkommen, das müsse ich mir unbedingt anhören. Wir gehen zu Karl. Ich sage, dass ich jetzt endlich aus diesem Wagen rausmöchte, aber Bernd besteht darauf, dass ich Karl frage wie er heiße und was er so mache.
Also frage ich ihn wie er heiße.
„Karl.“, nuschelt er.
Und was er so mache.
„In meinem Leben dreht sich alles nur um Sex.“, sagt er ernst.
Bernd bekommt einen Lachanfall, ich versuche es mir zu verkneifen. Und frage, was er außerdem noch so mache.
„In meinem Leben dreht sich alles nur um Sex.“, sagt er in unverändertem Tonfall.
Jetzt kann auch ich mein Lachen nicht mehr zurückhalten. Bernd brüllt mir ins Ohr, ich solle ihn irgendwas fragen, egal was.
Ich frage Karl wo er wohne.
„In meinem Leben dreht sich alles nur um Sex.“
Ob er eine Arbeit habe.
„In meinem Leben dreht sich alles nur um Sex.“
Ob er verheiratet sei.
„In meinem Leben dreht sich alles nur um Sex.“
Wie er heiße.
„Karl.“
Bernd kann sich kaum noch halten vor Lachen und ich auch nicht. Karl sitzt da und schaut sehr ernst. Irgendwann tippt er mich an und deutet mir an näher zu kommen. Ich beuge meinen Kopf vor und schaue ihn fragend an. Und Karl sagt, flüstert fast: „In meinem Leben dreht sich alles nur um Sex.“ An der nächsten Station müssen Bernd und ich den Wagen verlassen, weil wir Angst haben vor Lachen zu ersticken.
Wir steigen wieder um, einen Wagen weiter nach hinten und versuchen uns zu beruhigen. Das geht bei mir recht schnell, Bernd kichert noch eine ganze Weile vor sich hin. Ich sehe mich im Wagen um. Mir fällt ein junger Mann auf, der einige Sitzreihen von uns entfernt neben einer großen Reisetasche sitzt und mich ansieht, als habe er Angst vor mir. Als ich ihm direkt in die Augen sehe, wendet er seinen Blick ab und schaut aus dem Fenster. Ich beobachte ihn weiter, und als er wieder zu mir sieht, strecke ich ihm die Zunge heraus. Er verdreht die Augen, wohl um mir zu zeigen, dass er mich albern oder ekelhaft findet und blickt wieder nach draußen. Dabei sieht er traurig aus. Das rührt mich aber nicht.
Bernd hat zwei neue Opfer gefunden. Ein Pärchen, beide um die 35, beide haben Sonnenbrand auf der Nase. Bernd stellt uns beide vor. Sie nicken und schauen sehr skeptisch. Dann sagt Bernd, sie sollten sich durch unseren Zustand nicht verunsichern lassen, wir seien ein wenig betrunken, das aber aus gutem Grund, schließlich hätten wir gerade unsere Facharztprüfung bestanden, cum laude, seien also quasi seit heute, beziehungsweise gestern Mittag Fachärzte der Psychiatrie, und hätten uns vorgenommen, jedem dem wir heute begegnen, an unserem Glück teilhaben zu lassen.
Fachärzte der Psychiatrie! Ich muss mich sehr zusammennehmen, um nicht erneut einen Lachkrampf zu bekommen. Aber die beiden haben sehr gerne an unserem Glück teil, beglückwünschen uns, stellen ein paar belanglose Fragen, die Bernd alle bereitwillig beantwortet und erzählen, dass sie einen guten Bekannten hätten, der auch Psychologe sei.
Bernd sagt, dass er sie am Flughafen habe zusteigen sehen, und dass sie so schön braun seien, ob sie im Urlaub gewesen wären.
Der Mann nickt stolz und sagt: „Rom! Sechs Tage.“
Bernd sagt, „Rom, wie schön!“, und dass er mal zwei Jahre dort gelebt habe.
Das findet wiederum die Frau ganz toll und fragt schnell, „Parlare italiano?“, und Bernd sagt „Un pocco.“, es sei lange her, und die Frau freut sich, und ich wundere mich, wie Bernd es jetzt schafft, sich solche Geschichten auszudenken.
Dann fangen sie an von Rom zu erzählen, „...ist ja wahnsinnig teuer, mit Paris nicht zu vergleichen, aber trotzdem...“, und mir fällt ein ziemlich großes Muttermal am Kinn des Mannes auf. Das ist wirklich so groß, dass ich mich wundere, warum mir das erst so spät aufgefallen ist.
„...die Brunnen!“
Es ist fast kreisrund und hat einen Durchmesser von bestimmt eineinhalb Zentimetern.
„... hat mir eine Taube auf den Schuh gemacht...“
Beim genaueren Hinsehen fällt auf, dass es sich aus fünf kleinen Hügelchen zusammensetzt. Einem zentralen, sehr dunklen Hügelchen und vier, sehr viel helleren Randhügelchen.
„...Pantheon...“
Aus jedem der Randhügelchen wächst jeweils ein Haar von ca. vier Millimetern Länge, aus dem Zentralhügelchen wachsen zwei, die beide ungefähr drei Millimeter länger sind als die Randhügelchenhaare, also ca. sieben Millimeter lang.
„...einfach einen Nachmittag am Tiber gesessen und Rom Rom sein lassen...“
Also, ich würde mir das wegmachen lassen. Nicht nur dass es unschön aussieht, so was ist ja auch nicht gerade ungefährlich.
„...furchtbar touristisch...“
Wenn mich nicht alles täuscht, sind auch schon erste Entartungsmerkmale zu erkennen. Das obere Randhügelchen wirkt ein wenig verkrustet, „...Papst...“, das rechte ist nur sehr unscharf gegen die Gesichtshaut abgegrenzt, „...Parmaschinken...“, auf dem linken erkennt man unterhalb des Haares eine leichte Prominenz, die ein wenig dunkler erscheint als das Hügelchen selbst.
„Also Rom, jederzeit wieder!“, schließt der Mann.
„Entschuldigung, aber sie haben da was.“, sage ich, und zeige mit einem Finger auf die Stelle an meinem Kinn, an der sich an seinem das Muttermal befindet. Er tastet sein Kinn ab, fühlt das behaarte Muttermal, schaut mich an und ist verwirrt, weil er uns für zwei nette junge Psychiater gehalten hat, die sich für seinen Romurlaub interessieren und nicht im Traum damit gerechnet hätte, wir könnten ihn nicht ernst nehmen, wofür ich ihm aber gerade den Beweis geliefert habe, und jetzt versteht er für einen kurzen Moment überhaupt nichts mehr.
Aber in spätestens fünf Sekunden wird er verstanden haben und dann wahrscheinlich sehr böse werden. Das hat auch Bernd mitbekommen und weil die Bahn gerade in die Station Mainz Hbf einfährt, an der wir glücklicherweise sowieso aussteigen müssen, sagt er „Wiedersehn, war sehr nett!“, steht auf und zieht mich von meinem Sitz aus der Türe auf den Bahnsteig.
Dort muss ich mir von ihm anhören, dass er das gerade furchtbar unverschämt von mir gefunden habe, die Beiden seien doch so nett gewesen. Langsam geht Bernd mir wirklich auf die Nerven und ich sage, dass ich jetzt nach Hause möchte. Aber Bernd will noch spazieren gehen und weigert sich mir seine Wohnungsschlüssel zu geben.
In einer Bäckerei am Bahnhof kauft Bernd sich ein trockenes Brötchen, ich denke, dass ich gerne mit der Verkäuferin schlafen würde. Dann gehen wir schweigend nebeneinander her. Bernd kaut an seinem Brötchen herum, ich habe keine Lust zu reden. So gehen wir ungefähr zehn Minuten, und das alles geht mir furchtbar auf den Sack. Das Runterkommen vom Koks, diese scheißlangweilige Stadt und vor allem Bernd, der sich seelenruhig Millimeter für Millimeter an seinem Brötchen vorarbeitet. Irgendwann platzt mir der Kragen und ich fange an auf ihn einzureden, rede davon wie grauenhaft ich das hier alles fände, frage ihn, was um alles in der Welt ihn immer noch in Mainz halte, er solle sich das alles doch mal genau ansehen, klein, sauber und furchtbar langweilig, und überhaupt sei Rheinland-Pfalz ja das Allerletzte, das sähe man doch schon an den Exportgütern, schlechter Wein, Saumagen, Helmut Kohl, das ZDF, und das sei ja sowieso das Hinterletzte, da bekämen diese ganzen Sonntagsausflügler ja auch noch ein Forum, um ihre Spießerideologie kundzutun, er solle sich bloß mal zu Karneval die Übertragung von ‚Mainz wie es singt und lacht’ ansehen, ein Paradebeispiel für die Saumagenfressermentalität der Pfälzer: sich mit Riesling, igitt!, zuschütten, um sich dann mit Narrenkappe und Clownsnase in die Bütt zu stellen und über die Herren Politiker und die Techno-Musik herzuziehen und das auch noch für freche Gesellschaftskritik zu halten, das gehöre doch wirklich verboten das alles, und er solle ernsthaft mal darüber nachdenken hier wegzuziehen.
Bernd hört mir nicht zu und kaut weiter an seinem Brötchen. Irgendwann wirft er es weg und sagt, „Komm, wir gehen nach Hause!“, macht auf dem Absatz kehrt und geht mit großen Schritten voran.
In Bernds Kühlschrank finde ich neben einem ranzigen Stück Butter, einem Becher Danone-Joghurt und einer Banane fünf Dosen Bier. Gott sei Dank, er hat mitgedacht. Wir legen uns auf Bernds Bett und schalten den Fernseher ein, und noch bevor Bernd einen Schluck von seinem Bier getrunken hat ist er eingeschlafen. Puh, endlich Ruhe! Ich kuschle meinen Kopf in ein Kissen, ziehe mir die Bettdecke bis unters Kinn herauf und nuckle an meiner Dose herum.
Im Fernsehn laufen vorwiegend Talkshowwiederholungen. In einer der Talkshows mit den Thema „Ich war ein Idiot und möchte alles wieder gutmachen. Verzeihst du mir noch mal?“, tritt ein junger Mann auf, der in einem riesengroßen Herz aus Pappmache steckt, aus dem oben sein Kopf und unten seine Füße herausschauen. An einem der Tische steht seine Freundin, die sehr böse auf ihn zu sein scheint. Er wackelt auf sie zu, was sehr komisch aussieht, weil er sich in seinem Herzkostüm kaum bewegen kann, bleibt vor ihr stehen und sagt: „Tanja, ick weeß, ick hab Scheiße jebaut. Aba ick liebe dich üba allet. Und det weeßt du ooch. Woll’n wa’s nich nochma zusamm versuchn?“
Das lehnt Tanja jedoch strikt ab, wegen der Sache mit den Kindern und so. Da wird er sehr wütend und schreit sie an, dass das Alles doch bloß ein Ausrutscher gewesen sei, und dass sie das ganz genau wisse und nicht immer wieder mit der gleichen alten Scheiße anfangen solle, schließlich habe er sich schon tausend Mal bei ihr entschuldigt wegen der Geschichte, und weil er in dem Herz steckt und seinen Kopf wild hin- und herbewegt, weil sein Kopf das einzige ist, was er bewegen kann, sieht er wirklich sehr lustig aus, zumal sein Kopf mittlerweile auch fast die gleiche Farbe hat, wie das Pappmache-Herz, das er trägt, weil es in dem Ding wahrscheinlich sehr warm ist.
Nach dem ich das Bier getrunken habe nicke ich kurz ein. Ich träume von Bernd, der, umringt von einer Schar italienischer Polizisten mitten im Colosseum steht. Die Polizisten tragen schwarze Uniformen mit roten Nähten, Bernd eine weiße Toga und eine goldenen Lorbeerkranz. Ich stehe einige Meter von ihnen entfernt und habe einen Fotoapparat in der Hand. Auf sein Handzeichen hin, gruppieren sich die Polizisten so, dass Bernd in ihrer Mitte steht, zwei knien vor ihm auf dem Boden. Bernd stützt sein Kinn auf seine Faust und schaut ernst und würdevoll in den Himmel, die Polizisten lächeln über das ganze Gesicht und zeigen ihre makellos weißen Zähne. „Los, jetzt fotografier schon!“, ruft Bernd mir zu, dann schrecke ich auf.
Jetzt bin ich hellwach und ziemlich verwirrt und verängstigt. Da hilft auch kein Frühstücksfernsehn, im Gegenteil, Einrichtungstipps und Interviews mit Vorabendserienstars treiben mich jetzt nur noch weiter in den Wahnsinn. Ich trinke noch eine Dose Bier, kann aber nicht wieder einschlafen. Ich trinke noch eine Dose Bier, kann aber immer noch nicht schlafen. Ich gehe ins Bad und dusche. Unter der Dusche versuche ich zwanzig Minuten lang mir einen runterzuholen, aber es kommt nichts. Dann gehe ich wieder ins Bett. Und schlafe irgendwann ein.

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yeah(!)

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Rainer
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hallo yakob,

hat mir gut gefallen, dein text. schöne beobachtungen, gute zustandsbeschreibungen mit ausgezeichneter wortwahl. das klischee mit der "notgeilheit" ist zwar alt, aber sarkastisch-realistisch umgesetzt. herrlich die betrachtungen zu den haaren des muttermales. insgesamt scheinen mir nicht nur fiktive dinge betrachtet zu werden, tzz, tzz, tzz...ihr sollt doch nicht!!!

gruß

rainer

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Yakob
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hallo rainer,
danke für dein lob. 'notgeilheit' ist hier allerdings der falsche ausdruck, ich würde eher von 'koksgeilheit' sprechen, und die ist, das kann ich, wie du schon richtig bemerkt hast ganz unfiktiv behaupten, sicherlich kein klischee.
gruß, yakob
__________________
yeah(!)

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