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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Damals
Eingestellt am 26. 08. 2007 16:19


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Haarkranz
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Registriert: Oct 2006

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Damals


Die olfaktorischen Prismen meiner fĂŒr DĂŒfte und GerĂŒche zustĂ€ndigen Gehirnareale, sind die akkuratesten und schnellsten Wegweiser zu den Erinnerungen an Damals. Erinnerung an die kleine Straße, in der das Haus stand in dem ich zur Welt kam. Mit Sicherheit im gleichen Bett geboren wie gezeugt. Beide VorgĂ€nge nicht Teil meiner Erinnerung, können es nicht sein, es sei denn es gĂ€be einen Speicher, der auch Vorbewusstes aufbewahrt.
Olfaktorische Erinnerungen, ĂŒber Jahrzehnte in GĂ€rten gehegt, von denen routinierte ProfanitĂ€t außerstande ist zu trĂ€umen. DuftgĂ€rten tief verborgen, unter dem Schutt unserer AlltĂ€glichkeit.
Heißer Straßenstaub, Gemisch aus den unzĂ€hligen Möglichkeiten des Windes, die Stoffe und GerĂŒche der grossen Stadt aufzunehmen, zu sammeln und zu mischen.
Fragranzen und Pestilenzen, LÀrm, die Demut der Menschen die klaglos in der Gargantua leben, mit Liebe, Musik und wild schÀumende Festen.
Der unvergesslich graue Duft, in dem Tante Meta und Hilde Rosen, ihr Versteck haben. Hilde Rosen die mich in ihr Haus rief, wenn ich schon zu lange mit dem Schultornister auf dem RĂŒcken, vor Ihrem Fenster herumgelungert, nicht nach Haus ging, der schlechten Mathearbeit wegen, die Vater unterschreiben musste.
Die dann sagte:
„Nu trink mal erst en Glas Himbeersaft, Jung, dann erzĂ€hlste mal wat denn schon wieder los ist.“
Nachdem ich den Himbeersaft getrunken, kippte sie auf den kleinen Rest noch ein SchlĂŒckchen Wasser drauf, weil sonst dat SĂŒĂŸe zuviel Durst macht.
Na denn mal raus mit der Sprache, ermunterte sie mich.
„Wieder en schlechte Klassenarbeit?“
„Ja.“
„In Mathematik?“
„Ja“
„Kannste dat denn nicht?“
„NĂ€.“
„Und wat jetzt?“
„Der Vati muss unterschreiben.“
„Oh Gott!“
„Ja.“
„Wat machen wir da?“
„Vielleicht kommt heut Nacht Alarm.“
„Wolf, dat darfste nicht sagen, noch nicht mal denken.“
„Ich weiß, aber was soll ich tun?“
„Kannste schweigen, Jung?“
„Ja, warum?“
„Ich unterschreib die Klassenarbeit, ich hab noch ein Zeugnis von deinem Vater, da steht die Unterschrift drunter.“
„Und die machst du nach?“
„Ja, wat solln wir sonst machen?“
So war Hilde Rosen.
Anders Tante Meta, die selbst keine Kinder hatte, mich immer abknutschte, nach Puder und Schweiß roch. Und natĂŒrlich Usch, meine kleine Schwester, die noch gar nicht auf der Welt war, aber schon lange in Muttis Bauch. Doch davon wussten Kinder, damals als ich klein und Usch unterwegs, nichts. Uschi war eines Tages da, mit ihr ein stĂ€ndiger, alles ĂŒberlagernder Sauermilchgeruch.
So wie meine Erinnerung an Tante Meta, fĂŒr immer mit diesem speziellen Schweiß-Pudergeruch verbunden bleibt, so erinnere ich ihren Mann, Onkel Karl, unser Karl wie mein Vater von ihm sprach, ĂŒber einen alles ĂŒbertönenden Gestank von abgestandenem Zigarettenrauch. Nicht das Onkel Karl ein KneipengĂ€nger gewesen wĂ€re, keinesfalls, dazu war er viel zu arm. Erwerbslos wie man damals sagte.
Das war kein halbwegs abgesicherter Zustand wie heute. Erwerbslosigkeit bedeutete, von heut auf morgen nackte Not. Keine Miete zahlen hieß, keine Wohnung haben, aus der flog man raus, nach dem ersten Zahlungsverzug. Jedenfalls hatte der Vermieter das Recht auf sofortige KĂŒndigung. Meist blieben da nur die Verwandten, sofern die was hatten, um in die Bresche zu springen.
Onkel Karl versuchte sich auf vielen Gebieten, des ambulanten Verkaufs von TĂŒr zu TĂŒr. Sein mehrwöchiger Hit war eine Waschmaschine von Elektrolux, die in ihrer Art einmalig war. Eine von einem Elektromotor ĂŒber ein Zahnrad angetriebene Edelstahlhohlkugel, die 10 Grad ĂŒber ihrem Äquator, einen zu einem Zahnrad passende Einkerbungsreifen hatte, und sich mit Wasser, Waschmittel und schmutziger WĂ€sche befĂŒllt, um ihre Achse drehte.
Tante Meta die ihren Karl krĂ€ftig unterstĂŒtzte, hatte meine Mutter bald bewegt, der Maschine einen Probelauf zu gönnen.
Die Maschine blieb fĂŒr immer in unsere WaschkĂŒche, markierte einen deutlichen Abstand zu den nachbarlichen WaschkĂŒchen, in denen Wassermotor Holzbottichmaschinen, in ödem bumm-bumm Gleichtakt, ein Holzkreuz durch die Lauge drehten.
Als der Krieg kam, war „Unser Karl“, als gelernter Maschinenschlosser, ein fĂŒr die RĂŒstungsindustrie wichtiger Mann und wurde UK. gestellt. UK gestellt werden, hieß unabkömmlich sein, hieß nicht Soldat werden, hieß nicht an die Front kommen.
Mein Vater als VerkÀufer, verlor sofort alle Privilegien. Sein Auto, ein 6 Zylinder BMW mit einem heutigen Porsche vergleichbar, wurde schon im ersten Kriegsmonat beschlagnamt.
Dann wurde er gemustert, zum GlĂŒck nur als bedingt tauglich eingestuft. Von dieser Musterung kam er deprimiert und wĂŒtend nach Hause, schimpfte man behandle die Leute wie Vieh. Aus dieser Zeit stammen wohl auch die ersten Risse im VerhĂ€ltnis zu „Unser Karl“ den der soll sich, auf die Schimpfereien meines Vaters die Musterung betreffend, geĂ€ußert haben:
Was der Heinz nur hat, wir mĂŒssen doch alle unsere Pflicht tun, wenn das Vaterland ruft.
Der Heinz, dem das hinterbracht wurde, soll zum Karl bei nÀchstbester Gelegenheit gesagt haben .
„Hör mal Arschloch, werden Schlosser nicht auch einer Musterung unterzogen?“ Der Karl, „warum sagst du Arschloch zu mir?“
Mein Vater. „Erst beantworte meine Frage.“
Der Karl. „Nein, erst will ich wissen, warum du mich Arschloch nennst.“
Mein Vater. „Willst du das wirklich wissen?“
Der Karl : „Ja.“
Mein Vater: „Weil du eins bist.“
Ich weiß nicht wie das weiterging, aber auch spĂ€ter, lange nach dem Krieg, ließ mein Vater keine Gelegenheit aus, dem Karl am Leder zu flicken. Wie ĂŒberhaupt, als er aus der französischen Kriegsgefangenschaft nach Hause kam, ĂŒber seiner Ă€ußeren Umtriebigkeit, die ihn Kontakte zu allen möglichen Leuten suchen ließ, er unvermittelt sagen konnte:
Alles Quatsch, nutzt sowie nichts, um danach Stunden geistesabwesend dazu sitzen, nicht brĂŒtend dumpf, sondern einfach weg. Zuerst versuchten wir ihn abzulenken, in GesprĂ€che zu verwickeln, ihn zu bewegen uns von dem Leben in Frankreich, als Gefangener zu erzĂ€hlen. Nichts. Bis auf einmal, als er mit gedĂ€mpfter Stimme zu mir sagte: „Hör auf zu fragen, Junge, war doch garnicht weg. War immer hier. Dicht bei euch. Ganz dicht. Habe euch berĂŒhrt. Gerochen. Euch zugehört. Oder meinst du man wĂ€r nur Fleisch, nur Knochen, nur Äußeres? Wo kĂ€m man hin, wenn mehr nicht wĂ€r. Wo waren die Kameraden denn, die beim MinenrĂ€umen daneben traten? Der kleine Willi, 20 Jahre. Der lag bei uns auf der Stube, bis der französische Azt kam.
Ein Landarzt. Der konnte nichts machen. Der hat nur die Decke die wir ĂŒber den kleinen Willi gelegt hatten, hochgehoben und die Achseln gezuckt. Dann gab er ihm eine Spritze. Zwei Stunden spĂ€ter war der Willi tot.
Der hat nicht gejammert, nur immer gesagt, deckt mich doch wÀrmer zu, mir ist so kalt.
Nicht den lieben Gott meine ich, wenn ich sag : Wenn mehr nicht wĂ€r. Was ich meine ist, ich war hier, all die Jahre wo ich nicht hier war. Was wir brauchen sag ich dir, ist die Wahrheit, die ganze Wahrheit . Nicht irgend eine, als Wahrheit vermummte, neue LĂŒge. Du magst denken, meine Behauptung, ich sei hier gewesen, als ich in Gefangenschaft war, sei auch eine LĂŒge. Da hĂ€ttest du recht, körperlich war ich nicht hier. Aber mit der Sehnsucht, der Angst, den Gedanken, war ich immer bei euch.
Meine RealitÀt in Frankreich war nicht die Stube, die Kameraden, die Wachposten, die alltÀglich lauernden Minen. Mein Zufluchtsort und meine Wahrheit wart ihr. Ihr die davon nichts wusstet, eure Leben lebtet. Davon auch nichts wissen konntet, weil ihr weder den Ort, noch die Bedingungen meines verbracht seins kanntet.
Aber ich kannte den Ort, die Bedingungen und die Umgebung eures, ohne mich gelebten Lebens. Und ich ahnte, es ging gut ohne mich. Es schmerzte und rĂŒttelte an meiner Kraft, an das Ende des Zustands zu glauben, in dem ich mich ohne persönliches Verschulden, wenn man vom kollektiven Verschulden absieht, befand. Je lĂ€nger das eingesperrt sein dauerte , um so heftiger nagten die Zweifel, passte ich ĂŒberhaupt noch zu euch? Was, ich wĂ€re euch bei meiner RĂŒckkehr ein Fremder. Ein Fremder mit meinem Namen, in Tausend Tagen und NĂ€chten von euch getrennt. Neben der guten Hoffnung, zu der ich mich immer und immer wieder ermannte, lagen die schwarzen Stunden der Eurynien, die nicht vergehen wollten.
Ich schwor mir in diesen einsamen MarternÀchten, wenn sie denn endlich vorbei waren, neu zu werden. Nicht neu anzufangen, nein neu zu werden. Bedingungslos wahr, keine Ausreden, keine Kompromisse. Gelernt haben wollte ich. Die schlimmen Jahre als Lehrjahre begreifen, nie wieder, keine Sekunde mehr, den Konventionen hinterherlaufen.
Jetzt lass mich. Vergiss was ich gesagt habe, ich vergess es auch.
Doch ich konnte nicht davon lassen, in zu beobachten. Ich war sehr vorsichtig, bedrĂ€ngte ihn nicht mit weiteren Fragen. Er seinerseits, wenn er uns an den Wochenenden besuchen kam, war freundlich und immer mĂŒde .Die Arbeit wachse ihm ĂŒber den Kopf, klagte er. Ich solle mit der Schule aufhören, ihm helfen kommen, einen krĂ€ftigen, jungen Burschen könne er gut gebrauchen.
Mit der Schule wird das ja doch nichts, entweder bist du zu blöd, zu faul, oder beides.
Nachdem wir gegessen hatten, legte er sich aufs Sofa und schlief augenblicklich ein. Zuerst schlichen wir auf Zehenspitzen um ihn herum, bis wir merkten, den weckt nichts. Plötzlich stand er dann auf, rieb sich die Augen, fragte wie lange er geschlafen habe, und konnte es nicht glauben, wenn wirs ihm sagten.

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