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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Darias Welt
Eingestellt am 14. 02. 2003 09:25


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Manic Peter
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Feb 2003

Werke: 6
Kommentare: 2
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Die Sommer in meinem Land sind launisch. Das Wetter tastet sich durch die verschiedenen Stimmen unserer seelischen Partitur. Nicht selten wird dabei ein Akkord gespielt, dessen Klang sich traurig mit den milchigen Nebelschaden durchmischt und noch minutenlang wahrzunehmen ist. An einem solchen Tag, an dem die Menschen geduckt an einem vorbeihuschen, nur an als graue Schatten zu erkennen, wartete ich unter dem Dachvorsprung eines alten Stadthauses auf ein gnĂ€diges Ende der meist kurzen, aber intensiven RegengĂŒsse. Es war kein bestimmtes Stadthaus, unter dessen Dachvorsprung ich Schutz fand, es war eines unter vielen, ich hĂ€tte mich kaum daran erinnert, wĂ€re meine Lebensgeschichte in seinen normalen Bahnen weiterverlaufen.
Die RegengĂŒsse hörten auf, wie sie gekommen waren, augenblicklich und ohne Mitteilung, ohne Fahrplan, dafĂŒr verdunstete das Nass auf dem nun abgekĂŒhlten aber nicht kĂŒhlen Asphalt und liess Nebelschwaden hochsteigen, die mir das Hemd durchtrĂ€nkten. Als ich mich von der Hauswand schon lösen wollte, um im Strom der nun wieder aufrecht gehenden Gestalten meinen angestammten Platz einzunehmen, hörte ich ein leises Seufzen neben mir, einer geflĂŒsterten Bitte nicht unĂ€hnlich. Ich hatte die Person, die wohl schon eine Zeitlang neben mir gestanden haben musste, nicht bemerkt, so erschrak ich im ersten Augenblick, denn ich wĂ€hnte mich alleine in meiner geschĂŒtzten Welt unter dem Dachvorsprung.
«Hallo, ich heisse Daria», sagte die Gestalt, die ich nun der sanften Stimme wegen als weibliches Wesen zu erkennen glaubte. Ich war es nicht gewohnt, derart angesprochen zu werden, und obwohl ich mich nochmals umsah, konnte ich sonst keine Personen entdecken, die sich mit uns in diesen Unterschlupf geflĂŒchtet hĂ€tten. Ich sagte ihr also meinen Namen, obwohl mir das ziemlich sinnlos erschien, denn wir waren auf keiner Insel wie Robinson, die Welt um uns herum erwachte zu neuem Leben und eine Fortsetzung der Zivilisation schien mir durchaus gewĂ€hrleistet. HĂ€tte ich aber in irgend einer Weise geahnt, wie oft unsere Wege in der nĂ€chsten Zeit sich noch kreuzen und wieder auseinander fĂŒhren sollten, ich hĂ€tte die Gelegenheit genutzt, ihr nicht nur meinen Namen, sondern meine ganze bisherige Existenz zu erklĂ€ren. Ich hĂ€tte nicht aufgehört zu reden, bis ein gnĂ€diger Engel vom Himmel gestiegen wĂ€re und mir den Mund mit einem Zauber verschlossen hĂ€tte. Aber ich schwieg. Ich schwieg hartnĂ€ckig, und als sie feststellen konnte, dass ich nicht geneigt war, mehr von mir preiszugeben, schritt sie in den Nebel und verschwand, als wĂ€re sie ein flĂŒchtiger Gedanke, der, einmal vorĂŒbergehuscht, einem mit dem besten Willen nicht mehr in den Sinn kommen will.
Unser zweites Zusammentreffen geschah in einer Bar, in der ein Pianist weinte vor RĂŒhrung oder Schmerz. Wir waren alle in vornehmer Kleidung, die dem Anlass gerecht werden sollte, als wir mit unseren bis zum Rand gefĂŒllten GlĂ€sern beinahe zusammenstiessen. Sie hielt sich den Hand vor den Mund, um nicht laut loszulachen, und ich wollte meine Stimme schon zu einer Frage erheben, als ich bemerkte, dass durch den abrupten Halt, der diesen Zusammenstoss verhindert hatte, der Inhalt meines schmalen Champagnerglases sich ĂŒber mein Hemd ergossen hatte.
«Du siehst aus wie damals im Regen», bemerkte sie mit einer Vertrautheit, die einen zufĂ€lligen Zuhörer zu der Annahme hĂ€tte verleiten mĂŒssen, wir wĂ€ren gute Bekannte, wenn nicht gar Freunde. Ich wusste nicht, wie ich ausgesehen hatte, damals unter dem Dachvorsprung, als mir das Hemd am Körper klebte, ich wusste aber sofort, wem diese Stimme gehörte, die zu mir bisher nur die SĂ€tze «Hallo, ich heisse Daria» und «Du siehst aus wie damals im Regen» gesprochen hatte. Ein Mann, der wohl hinter ihr gegangen war, betupfte mich nun mit einer Serviette oder einem Taschentuch, obwohl ich höflich ablehnte, und Daria stellte mich ihm mit meinem Vornamen vor, was ihn zu einem Stirnerunzeln verleitete, nein, er kenne mich noch nicht. So hatten Daria und ich unsere erste Gemeinsamkeit, unser erstes Geheimnis, das nur auf zwei ZufĂ€lligkeiten beruhte und nichts mit unseren Biographien zu tun hatte, die uns ohnehin gĂ€nzlich unbekannt waren. Im Stehen noch verwickelte mich der Mann, der mich nun glĂŒcklicherweise nicht mehr betupfte, in ein GesprĂ€ch, wohl in der Annahme, einen alten Bekannten seiner Begleiterin vor sich zu haben. Die MĂ€nner meiner Gruppe schielten zu uns herĂŒber, ihre Blicke tasteten fragend die beiden Fremden ab, mit denen ich mich scheinbar zwanglos amĂŒsierte. Dann nahm mich Daria unvermittelt bei der Hand und fĂŒhrte mich in einen Saal, wo andere Musik gegeben wurde und die Leute dazu tanzten. WĂ€hrend dem folgenden Tanz vergass ich Zeit und Raum, was dem tatsĂ€chlichen Universum unserer Beziehung wohl sehr nahe kam, doch als ich fĂŒr kurze Zeit die Augen schloss und mich im freien Fall wĂ€hnte, löste sie sich von mir und ich konnte sie den ganzen Abend nicht mehr auffinden.
Ich muss eingestehen, dass ich in der Folge nicht versuchte, ihren Familiennamen ausfindig zu machen oder mich sonst wie in ihre Welt einzumischen. In Wahrheit hatte ich fast keine Erinnerungen an die zwei kurzen Begegnungen. Sie schienen mir wie das flammende Licht einer Sequenz aus einem Traum, der sich plötzlich ohne Vorwarnung an die OberflĂ€che unseres Bewusstseins bringt. Und doch war unsere dritte Begegnung so unvermeidbar, wie alle Erinnerungen unvermeidbar irgendwann wieder angespĂŒlt werden. Daria trug einen Sonnenhut, wie hĂ€tte ich sie erkennen können, es war nicht mehr im selben Sommer, als das Wetter uns den ersten Streich unserer Begegnung spielte. Auf einem Platz, auf dem ein Markt abgehalten wurde und der nach Jasmin roch, obwohl ich nirgendwo eine solche Pflanze entdecken konnte, besah sie sich mit viel Geduld die FrĂŒchte, die feilgeboten wurden und scheinbar darauf warteten, von Damen in SommerhĂŒten gekauft zu werden. Ich erkannte sie nicht, obwohl sie direkt neben mir stand, aber es war der vorausgedachte Gang unserer Geschichte, dass sie mich mit SĂ€tzen ĂŒberraschen sollte wie «wunderbar, dieses Obst, findest Du nicht?», und dass mich diese SĂ€tze in eine Zeit versetzen, die entgegen der unerschĂŒtterlichen Weltzeit zu laufen schien. Wir bummelten ĂŒber den Markt, Arm in Arm, als hĂ€tten wir nie etwas anderes gemacht, lachten ĂŒber die Gaukler, diese Weltreisenden, die ich beneidete ob ihrer Ungebundenheit. Als wir uns zum Abendessen in ein Restaurant begaben, spĂŒrte ich zum ersten Mal dieses GefĂŒhl, ein kurzes Aussetzen meines Herzschlages, als ich mir ausmalte, dass dieser Teil meiner Wirklichkeit gar nicht geschehen könne. Ich sah verstohlen zu diesem Wesen hinĂŒber, das ich noch nie mit Tiefe betrachtet hatte, und Daria senkte den Blick, aber schon erhellte eine Idee ihre ZĂŒge, sie lachte hell und frage mich: «Magst Du mich noch ein StĂŒck begleiten?» Und da mir die letzten Stunden angesichts der Zeitspanne unserer Bekanntschaft schon mehr als eine Ewigkeit vorgekommen waren, konnte ich mir kaum vorstellen, irgend etwas anderes vorzuhaben in meinem Leben, also begleitete ich Daria durch die Gassen, bevor sie mich, an eine Mauer lehnend, zĂ€rtlich kĂŒsste. Und noch wĂ€hrend ich mich von ihrer WĂ€rme umhĂŒllt wĂ€hnte, verschwand sie hinter der nĂ€chsten engen Ecke der dunklen Gassen, fortgeweht, ein sommerlicher Abendwind, nach dem man sich vergebens zurĂŒcksehnt.
Nach dieser letzten Begegnung war nun etwas in mir erwacht, das nebst Sehnsucht auch eine Art Bitterkeit in sich trug. So sicher ich nun wusste, dass ich sie irgendwo auf dieser Welt wieder treffen wĂŒrde, so sicher war ich mir auch, dass diese Treffen nie lĂ€nger dauern wĂŒrden als die Zeit, die wir brauchten, um die banalen Handlungen, die ein Wiedersehen mit sich bringen, zu erfĂŒllen. Wie die gusseisernen GlockenschlĂ€ger auf einem venezianischen Turm, welche zu jeder Stunde die selben Kreise vollfĂŒhren, so wĂŒrden auch wir jeweils die selben Phrasen wiederholen, uns die selben Episoden wieder erzĂ€hlen. So nahm ich mir vor, der nĂ€chsten Begegnung einen anderen Verlauf aufzuzwingen. Aber so sicher wie sich das Schicksal die Weichen seiner Geschichten durch den Zufall stellen lĂ€sst, um ja nicht in den Verdacht der Berechenbarkeit zu geraten, so sicher hĂ€tte ich sein sollen, dass die vierte Begegnung die fĂŒr mich bis anhin verwirrendste sein wĂŒrde. Wir trafen uns ausgerechnet bei einem Ausflug, den ein Bekannter fĂŒr GeschĂ€ftsfreunde organisiert hatte und fĂŒr dessen erfolgreichen Verlauf ich meinem Bekannten Hilfe angeboten hatte. Ich konnte nicht ahnen, dass einer dieser GeschĂ€ftsfreunde der Mann war, der mir einige Monate zuvor mit seinem Taschentuch die Champagnerflecken vom Hemd getupft hatte. Er begrĂŒsste mich, erfreut darĂŒber, ein bekanntes Gesicht unter den mehr als zwanzig Frauen und MĂ€nnern zu entdecken, die sich diesen Anlass teilten. Unter den GĂ€sten befand sich auch Daria. Weil ich sie in Begleitung wĂ€hnte, traute ich mich nicht, sie an unsere letzte Begegnung in den dunklen Gassen zu erinnern, weder mit Worten, noch mit Blicken. Da auch sie mit keiner Geste auf dieses Geschehnis aufmerksam machte, schien diese vierte Begegnung fĂŒr mich zur EnttĂ€uschung zu geraten. Doch gegen Abend, wir hatten alle schon reichlich getafelt, fĂŒhrte uns ein kurzer Spaziergang einem von aussen dunklen weil nicht einsehbaren Wald entlang. Ich spĂŒrte, wie mich jemand bei der Hand nahm und mich in Richtung dieser vermeintlich undurchdringbaren BĂŒsche zog. Ich hatte nicht bemerkt, dass Daria hinter mir gegangen war, aber ich liess mich trotz meiner Überraschung leicht von ihr entfĂŒhren. Wie wundersam mir diese Welt nun vorkam, wie seltsam unwirklich dieser Wald, wie er roch, ein wilder Kosmos, turmhoche knorrige BĂ€ume, die kaum ein Licht durchscheinen liessen. Nun gingen wir nicht mehr, sondern rannten, rannten durch die BĂŒsche, die nach mir schlugen und an meinem Haar zerrten. Ich begann zu lachen, ein kannibalisches, ungestĂŒmes Lachen, das mehr dem eines vorzeitlichen Monstrums glich als einem menschlichen Wesen, und nun hörte ich auch Daria von Ferne lachen, es klang weitaus angenehmer und heller als das meine, keinem plötzlichen Urinstinkt folgend. Wir rannten weit, kein Weg war zu erkennen, dann erschöpfte sich mein Atem, ich musste nach Luft ringen und hechelte wie ein erschöpfter Hund. Daria blieb stehen und betrachtete mich verwundert, wie einen seltsam fremden Gegen-stand, der nicht in die unsere physikalische Welt einzuordnen ist. Dann lehnte sie sich an einen Baum und kĂŒsste mich wiederum zĂ€rtlich. Aber diesen Kuss konnte ich nicht erwidern, einerseits fehlte mir der Atem, andererseits war ich gewappnet. Ich hatte nicht vor, sie wieder so einfach entwischen zu lassen. Denn nun loderte ein Feuer in mir, das mein Blut erhitzte und mein Herz zu sprengen drohte, und was anfangs nur als eine Episode, der niemals ein Denkmal errichtet werden sollte, begonnen hatte, brannte nun wie ein Cocktail aus GlĂŒckseeligkeit und Verzweiflung und verĂ€tzte mir die Kehle. Inzwischen hatte es eingenachtet und mich befiel eine Art geisterhafter Panik. «Daria», platzte es aus mir heraus, «geh jetzt nicht! Ich liebe Dich!» Und noch wĂ€hrend ich meine Worte hörte, wusste ich um ihrer Torheit. Nie hatten wir unsere Gedanken ausgetauscht, hatten PlĂ€ne geschmiedet, wussten nicht einmal unsere Familiennamen, geschweige denn unsere Adressen. Wie zur BestĂ€tigung meiner Überlegungen löste sie sich sanft von mir, bedachte mich mit einem milden LĂ€cheln und verschwand zwischen den dichten StrĂ€uchern des dunklen Waldes, als wĂ€re sie ein Reh, das behende jedem Verfolger entkommt.

In den nÀchsten Tagen sah ich ihr Gesicht bei all meinen Besorgungen, in allen Spiegeln, aus allen Schaufenstern blickte mir lÀchelnd aber stumm Daria entgegen. Ich hatte es noch am selben Abend gewagt, ihren Begleiter nach ihrem festen Aufenthaltsort zu fragen. Zu meinem Erstaunen aber konnte er mir keine solchen Angaben machen, er meinte nur, manchmal treffe er sie bei solchen AnlÀssen wie diesem hier.
Erst Tage spĂ€ter wurde mir bewusst, dass mir Darias Welt entglitten war. Wie die Gewissheit, dass unsere Zeit uns auch ohne unser Zutun davoneilt, so wusste ich, dass ich Daria nie mehr auf duftenden MarktplĂ€tzen antreffen wĂŒrde. Und obwohl jeder dieser PlĂ€tze mein besonderes Interesse weckte, schwand die Hoffnung auf ein Wiedersehen mit jedem Tag, an dem ich ihre Worte neben mir zu hören glaubte und mich jedes Mal irrte. Bis ich langsam ihr Bild in mir verlor und nur noch den Klang ihres Namens durch den dampfenden Nebel hörte.


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Silke_Honert
Routinierter Autor
Registriert: Feb 2003

Werke: 8
Kommentare: 1
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quote:
UrsprĂŒnglich veröffentlicht von Manic Peter
Lieber Peter,

alles in allem hat mich Deine Geschichte fasziniert, wenn ich mich auch frage, wie sie denn nun ist, die Welt von Daria. Denn darĂŒber lĂ€sst Du den Leser leider im Dunkeln. Vermutlich ist es von Dir gewollt, dass Daria nicht greifbar und unwirklich bleibt, aber Du hĂ€ttest Deiner ErzĂ€hlung wesentlich mehr Substanz geben können, wenn Du nicht nur Darias Charakter sondern auch das Besondere an der Beziehung der beiden, in der Raum und Zeit keine Rolle spielt, herausgearbeitet hĂ€ttest anstatt es bei flĂŒchtigen Treffen zu belassen, in denen nicht einmal der Protagonist wirklich etwas ĂŒber Darias Welt erfĂ€hrt.

Deine Sprache ist eine ziemlich faszinierende Mischung aus Melancholie, Lakonie und Poesie, die mich ĂŒberhaupt erst dazu bewogen hat, den Text bis zum Ende zu lesen. Allerdings hast Du an einigen Stellen sehr dick aufgetragen, was gar nicht nötig gewesen wĂ€re, um die Stimmung der Geschichte rĂŒberzubringen. Zum Beispiel erschlĂ€gt schon der erste Satz des Textes den Leser förmlich und hat keinen wirklichen Bezug zum Inhalt der ErzĂ€hlung.

Fazit: Noch nicht der ganz große Wurf, aber ich finde Dich ziemlich begabt und freue mich auf weitere Texte dieser Art von Dir. Ich habe ein paar Korrekturen in Deinem Werk vorgenommen, die Du anbei findest. Übrigens, auch nach der neuen Rechtschreibung wird nicht alles mit „ss“ geschrieben


Liebe GrĂŒĂŸe

Silke



Die Sommer in meinem Land sind launisch. Das Wetter tastet sich durch die verschiedenen Stimmen unserer seelischen Partitur. Nicht selten wird dabei ein Akkord gespielt, dessen Klang sich traurig mit den milchigen Nebelschaden durchmischt und noch minutenlang wahrzunehmen ist.Das ist definitiv „too much“ Von welchem Land sprichst Du und welchen Bezug hat es zu Deiner ErzĂ€hlung? An einem solchen Tag, an dem die Menschen geduckt an einem vorbeihuschen und nur an als graue Schatten zu erkennen sind, wartete ich unter dem Dachvorsprung eines alten Stadthauses auf ein gnĂ€diges Ende des meist kurzen, aber intensiven Regengusses. Es war kein bestimmtes Stadthaus, unter dessen Dachvorsprung ich Schutz fand, es war eines unter vielen, ich hĂ€tte mich kaum daran erinnert, wĂ€re meine Lebensgeschichte in seinen normalen Bahnen weiterverlaufen. Das ist es, was ich mit fehlender Substanz meine: SpĂ€testens ab hier warte ich auf eine grundlegende Änderung im Leben des Protagonisten, die dann jedoch nicht kommt!
Der Regenguss hörte auf, wie er gekommen waren, augenblicklich und ohne Mitteilung, ohne Fahrplan, dafĂŒr verdunstete das Nass auf dem nun abgekĂŒhlten aber nicht kĂŒhlen Asphalt und ließ Nebelschwaden hochsteigen, die mir das Hemd durchtrĂ€nkten. Als ich mich von der Hauswand schon lösen wollte, um im Strom der nun wieder aufrecht gehenden Gestalten meinen angestammten Platz einzunehmen, hörte ich ein leises Seufzen neben mir, einer geflĂŒsterten Bitte nicht unĂ€hnlich. Ich hatte die Person, die wohl schon eine Zeitlang neben mir gestanden haben musste, nicht bemerkt, so erschrak ich im ersten Augenblick, denn ich wĂ€hnte mich alleine in meiner geschĂŒtzten Welt unter dem Dachvorsprung.
«Hallo, ich heiße Daria», sagte die Gestalt, die ich nun der sanften Stimme wegen als weibliches Wesen zu erkennen glaubte. Ich war es nicht gewohnt, derart angesprochen zu werden, und obwohl ich mich nochmals umsah, konnte ich sonst keine Personen entdecken, die sich mit uns in diesen Unterschlupf geflĂŒchtet hĂ€tten. Ich sagte ihr also meinen Namen, obwohl mir das ziemlich sinnlos erschien, denn wir waren auf keiner Insel wie Robinson, die Welt um uns herum erwachte zu neuem Leben und eine Fortsetzung der Zivilisation schien mir durchaus gewĂ€hrleistet. HĂ€tte ich aber in irgend einer Weise geahnt, wie oft sich unsere Wege in der nĂ€chsten Zeit sich noch kreuzen und wieder auseinander fĂŒhren sollten, ich hĂ€tte die Gelegenheit genutzt, ihr nicht nur meinen Namen, sondern meine ganze bisherige Existenz zu erklĂ€ren. Ich hĂ€tte nicht aufgehört zu reden, bis ein gnĂ€diger Engel vom Himmel gestiegen wĂ€re und mir den Mund mit einem Zauber verschlossen hĂ€tte.Zu viel des Guten! Aber ich schwieg. Ich schwieg hartnĂ€ckig, und als sie feststellen konnte ihr klar wurde, dass ich nicht geneigt war, mehr von mir preiszugeben, schritt sie in den Nebel und verschwand, als wĂ€re sie ein flĂŒchtiger Gedanke, der, einmal vorĂŒbergehuscht, einem mit dem beim besten Willen nicht mehr in den Sinn kommen will.
Unser zweites Zusammentreffen geschah in einer Bar, in der ein Pianist weinte vor RĂŒhrung oder Schmerz. Wir waren alle in vornehmer Kleidung, die dem Anlass gerecht werden sollte, als wir mit unseren bis zum Rand gefĂŒllten GlĂ€sern beinahe zusammenstießen. Sie hielt sich die Hand vor den Mund, um nicht laut loszulachen, und ich wollte meine Stimme schon zu einer Frage erheben, als ich bemerkte, dass sich durch den abrupten Halt, der diesen Zusammenstoß verhindert hatte, der Inhalt meines schmalen Champagnerglases sich ĂŒber mein Hemd ergossen hatte.
«Du siehst aus wie damals im Regen», bemerkte sie mit einer Vertrautheit, die einen zufĂ€lligen Zuhörer zu der Annahme hĂ€tte verleiten mĂŒssen, wir wĂ€ren gute Bekannte, wenn nicht gar Freunde. Ich wusste nicht, wie ich ausgesehen hatte, damals unter dem Dachvorsprung, als mir das Hemd am Körper klebte, ich wusste aber sofort, wem diese Stimme gehörte, die zu mir bisher nur die SĂ€tze «Hallo, ich heisse Daria» und «Du siehst aus wie damals im Regen» gesprochen hatte. Ein Mann, der wohl hinter ihr gegangen war, betupfte mich nun mit einer Serviette oder einem Taschentuch, obwohl ich höflich ablehnte, und Daria stellte mich ihm mit meinem Vornamen vor, was ihn zu einem Stirnerunzeln verleitete, nein, er kenne mich noch nicht. So hatten Daria und ich unsere erste Gemeinsamkeit, unser erstes Geheimnis, das nur auf zwei ZufĂ€lligkeiten beruhte und nichts mit unseren Biographien zu tun hatte, die uns ohnehin gĂ€nzlich unbekannt waren. Im Stehen noch verwickelte mich der Mann, der mich nun glĂŒcklicherweise nicht mehr betupfte, in ein GesprĂ€ch, wohl in der Annahme, einen alten Bekannten seiner Begleiterin vor sich zu haben. Die MĂ€nner meiner Gruppe schielten zu uns herĂŒber, ihre Blicke tasteten fragend die beiden Fremden ab, mit denen ich mich scheinbar zwanglos amĂŒsierte. Dann nahm mich Daria unvermittelt bei der Hand und fĂŒhrte mich in einen Saal, wo andere Musik gespielt wurde und die Leute dazu tanzten. WĂ€hrend dem folgenden Tanz vergaß ich Zeit und Raum, was dem tatsĂ€chlichen Universum unserer Beziehung wohl sehr nahe kam, doch als ich fĂŒr kurze Zeit die Augen schloss und mich im freien Fall wĂ€hnte, löste sie sich von mir und ich konnte sie den ganzen Abend nicht mehr auffinden.
Ich muss eingestehen, dass ich in der Folge nicht versuchte, ihren Familiennamen in Erfahrung zu bringen oder mich sonst in irgendeiner Weise in ihre Welt einzumischen. In Wahrheit hatte ich fast keine Erinnerungen an die zwei kurzen Begegnungen. Sie schienen mir wie das flammende Licht einer Sequenz aus einem Traum, der sich plötzlich ohne Vorwarnung an die OberflĂ€che unseres Bewusstseins bringt. Und doch war unsere dritte Begegnung so unvermeidbar, wie alle Erinnerungen unvermeidbar irgendwann wieder angespĂŒlt werden. Daria trug einen Sonnenhut, wie hĂ€tte ich sie erkennen können, es war nicht mehr im selben Sommer, als das Wetter uns den ersten Streich unserer Begegnung spielte. Auf einem Platz, auf dem ein Markt abgehalten wurde und der nach Jasmin roch, obwohl ich nirgends eine solche Pflanze entdecken konnte, besah sie sich mit viel Geduld die FrĂŒchte, die feilgeboten wurden und scheinbar darauf warteten, von Damen in SommerhĂŒten gekauft zu werden. Ich erkannte sie nicht, obwohl sie direkt neben mir stand, aber es war der unvermeidliche Gang unserer Geschichte, dass sie mich mit SĂ€tzen ĂŒberraschen sollte wie: «Wunderbar, dieses Obst, findest Du nicht?» Achte auf die Interpunktion!, und dass mich diese SĂ€tze in eine Zeit versetzen, die entgegen der unerschĂŒtterlichen Weltzeit zu laufen schien. Wir bummelten ĂŒber den Markt, Arm in Arm, als hĂ€tten wir nie etwas anderes gemacht, lachten ĂŒber die Gaukler, diese Weltreisenden, die ich beneidete ob ihrer Ungebundenheit. Als wir uns zum Abendessen in ein Restaurant begaben, spĂŒrte ich zum ersten Mal dieses GefĂŒhl, ein kurzes Aussetzen meines Herzschlages, als ich mir ausmalte, dass dieser Teil meiner Wirklichkeit gar nicht geschehen könne. Ich sah verstohlen zu diesem Wesen hinĂŒber, das ich noch nie mit Tiefe betrachtet hatte, Wie bitte? Diese Spannung zwischen den Beiden und er hat sie noch nie richtig angesehen?! und Daria senkte den Blick, aber schon erhellte eine Idee ihre ZĂŒge, sie lachte hell und frage mich: «Magst Du mich noch ein StĂŒck begleiten?» Und da mir die letzten Stunden angesichts der Zeitspanne unserer Bekanntschaft schon mehr als eine Ewigkeit vorgekommen waren, konnte ich mir kaum vorstellen, irgend etwas anderes vorzuhaben in meinem Leben, also begleitete ich Daria durch die Gassen, bevor sie mich, an eine Mauer gelehnt, zĂ€rtlich kĂŒsste. Und noch wĂ€hrend ich mich von ihrer WĂ€rme umhĂŒllt wĂ€hnte, verschwand sie hinter der nĂ€chsten engen Ecke der dunklen Gassen, fortgeweht, ein sommerlicher Abendwind, nach dem man sich vergebens zurĂŒcksehnt.
Nach dieser letzten Begegnung war nun etwas in mir erwacht, das nebst Sehnsucht auch eine Art Bitterkeit in sich trug. So sicher ich nun wusste, dass ich sie irgendwo auf dieser Welt wieder treffen wĂŒrde, so sicher war ich mir auch, dass diese Treffen nie lĂ€nger dauern wĂŒrden als die Zeit, die wir brauchten, um die banalen Handlungen, die ein Wiedersehen mit sich bringen, zu erfĂŒllen. Wie die gusseisernen GlockenschlĂ€ger auf einem venezianischen Turm, welche zu jeder Stunde die selben Kreise vollfĂŒhren, so wĂŒrden auch wir jeweils die selben Phrasen wiederholen, uns die selben Episoden wieder erzĂ€hlen. So nahm ich mir vor, der nĂ€chsten Begegnung einen anderen Verlauf aufzuzwingen. Aber so sicher wie sich das Schicksal die Weichen seiner Geschichten durch den Zufall stellen lĂ€sst, um ja nicht in den Verdacht der Berechenbarkeit zu geraten, so sicher hĂ€tte ich sein sollen, dass die vierte Begegnung die fĂŒr mich bis dahin verwirrendste sein wĂŒrde. Wir trafen uns ausgerechnet bei einem Ausflug, den ein Bekannter fĂŒr GeschĂ€ftsfreunde organisiert hatte und fĂŒr dessen erfolgreichen Verlauf ich meinem Bekannten Hilfe angeboten hatte. Ich konnte nicht ahnen, dass einer dieser GeschĂ€ftsfreunde der Mann war, der mir einige Monate zuvor mit seinem Taschentuch die Champagnerflecken vom Hemd getupft hatte. Er begrĂŒĂŸte mich, erfreut darĂŒber, ein bekanntes Gesicht unter den mehr als zwanzig Frauen und MĂ€nnern zu entdecken, die sich diesen Anlass teilten. Unter den GĂ€sten befand sich auch Daria. Weil ich sie in Begleitung wĂ€hnte, traute ich mich nicht, sie an unsere letzte Begegnung in der dunklen Gassen zu erinnern, weder mit Worten, noch mit Blicken. Da auch sie mit keiner Geste auf dieses Geschehnis aufmerksam machte, schien diese vierte Begegnung fĂŒr mich zur EnttĂ€uschung zu geraten. Doch gegen Abend, wir hatten alle schon reichlich getafelt, fĂŒhrte uns ein kurzer Spaziergang einen dunklen, von außen nicht einsehbaren Wald entlang. Ich spĂŒrte, wie mich jemand bei der Hand nahm und mich in Richtung dieser vermeintlich undurchdringbaren BĂŒsche zog. Ich hatte nicht bemerkt, dass Daria hinter mir gegangen war, aber ich liess mich trotz meiner Überraschung leicht von ihr entfĂŒhren. Wie wundersam mir diese Welt nun vorkam, wie seltsam unwirklich dieser Wald, wie er roch, ein wilder Kosmos, turmhohe knorrige BĂ€ume, die kaum ein Licht durchscheinen ließen. Nun gingen wir nicht mehr, sondern rannten, rannten durch die BĂŒsche, die nach mir schlugen und an meinem Haar zerrten. Ich begann zu lachen, ein kannibalisches, ungestĂŒmes Lachen, das mehr dem eines vorzeitlichen Monstrums glich als einem menschlichen Wesen, und nun hörte ich auch Daria aus der Ferne lachen, es klang weitaus angenehmer und heller als das meine, keinem plötzlichen Urinstinkt folgend. Wir rannten weit, kein Weg war zu erkennen, dann erschöpfte sich mein Atem, ich musste nach Luft ringen und hechelte wie ein erschöpfter Hund. Daria blieb stehen und betrachtete mich verwundert, wie einen seltsam fremden Gegenstand, der nicht in die unsere physikalische Welt einzuordnen ist. Dann lehnte sie sich an einen Baum und kĂŒsste mich wiederum zĂ€rtlich. Aber diesen Kuss konnte ich nicht erwidern, einerseits fehlte mir der Atem, andererseits war ich gewappnet. Ich hatte nicht vor, sie wieder so einfach entwischen zu lassen. Aha, und da will er sie nicht kĂŒssen?! Denn nun loderte ein Feuer in mir, das mein Blut erhitzte und mein Herz zu sprengen drohte, und was anfangs nur als eine Episode, der niemals ein Denkmal errichtet werden sollte, begonnen hatte, brannte nun wie ein Cocktail aus GlĂŒckseeligkeit und Verzweiflung und verĂ€tzte mir die Kehle. Inzwischen war die DĂ€mmerung hereingebrochen und mich befiel eine Art geisterhafter Panik. «Daria», platzte es aus mir heraus, «geh jetzt nicht! Ich liebe Dich!» Und noch wĂ€hrend ich meine Worte hörte, wusste ich um ihrer Torheit. Nie hatten wir unsere Gedanken ausgetauscht, hatten PlĂ€ne geschmiedet, wussten nicht einmal unsere Familiennamen, geschweige denn unsere Adressen. Wie zur BestĂ€tigung meiner Überlegungen löste sie sich sanft von mir, bedachte mich mit einem milden LĂ€cheln und verschwand zwischen den dichten StrĂ€uchern des dunklen Waldes, als wĂ€re sie ein Reh, das behende jedem Verfolger entkommt.

In den nÀchsten Tagen sah ich ihr Gesicht bei all meinen Besorgungen, in allen Spiegeln, aus allen Schaufenstern blickte mir lÀchelnd aber stumm Daria entgegen. Ich hatte es noch am selben Abend gewagt, ihren Begleiter nach ihrem festen Aufenthaltsort zu fragen. Zu meinem Erstaunen aber konnte er mir keine solchen Angaben machen, er meinte nur, manchmal treffe er sie bei solchen AnlÀssen wie diesem hier.
Erst Tage spĂ€ter wurde mir bewusst, dass mir Darias Welt entglitten war. Wie die Gewissheit, dass unsere Zeit uns auch ohne unser Zutun davoneilt, so wusste ich, dass ich Daria nie mehr auf duftenden MarktplĂ€tzen antreffen wĂŒrde. Und obwohl jeder dieser PlĂ€tze mein besonderes Interesse weckte, schwand die Hoffnung auf ein Wiedersehen mit jedem Tag, an dem ich ihre Worte neben mir zu hören glaubte und mich jedes Mal irrte. Bis ich langsam ihr Bild in mir verlor und nur noch den Klang ihres Namens durch den dampfenden Nebel hörte.


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