Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5284
Themen:   87734
Momentan online:
475 Gäste und 11 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Das Duell (1)
Eingestellt am 07. 04. 2006 19:36


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
Wolf-Wolle
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Aug 2004

Werke: 24
Kommentare: 32
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Wolf-Wolle eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Der Sommer endete fr├╝her als sonst.
Boris sp├╝rte es an seinem Fell. Die Wolle unter den st├Ârrischen Deckhaaren wurde dicker, bevor der Erntemond rundete.

Boris kannte den Kalender nicht. Aber er wusste, dass die Herde nach dem ersten vollen Mond, der auf die Schneeschmelze folgte, in die Berge zog und dass der erste volle Mond nach der gro├čen Sommerhitze das Signal zum Abstieg gab. Wenn Boris z├Ąhlen k├Ânnte, h├Ątte er ganz einfach gesagt:
ÔÇťNach dem f├╝nften Vollmond beginnt der Heimweg.ÔÇŁ
Boris war ein Hund und Rudelf├╝hrer der Owtscharki. Sie hatten die Herden im Fr├╝hjahr hinauf zu den Hochwiesen und im Herbst wieder hinunter ins Tal und schlie├člich bis zum Dorf zu begleiten.

W├Ąhrend des Sommers war nicht viel zu tun. Die ├╝blichen Rundg├Ąnge und Erkundungen. Allgemeine Vorsichtsma├čnahmen, wie sie bei jeder Weide immer gemacht wurden, nichts Aufregendes.

Ganz eindeutig kam der Winter zu fr├╝h.
Der Mond war noch nicht einmal halb, da pfiff der Wind bereits grimmig durch die Berge und zwickte die Hunde in ihre dicken Nasen. Eines Morgens lag pl├Âtzlich der erste Schnee.
Aufgeregt liefen die Hirten im Lager umher und begannen, in Windeseile alles einzupacken und f├╝r den R├╝ckweg fertigzumachen. Viel war es bei keinem. Jeder hatte rasch seine Habseeligkeiten zusammengesucht und in den Satteltaschen verstaut.
Decken wurden zusammengerollt, B├╝ndel geschn├╝rt, Packpferde beladen. Jeder Handgriff musste sitzen. Eine Nachl├Ąssigkeit konnte sich sp├Ąter bitter r├Ąchen. Zuletzt wurden die Zelte abgebaut und aufgeladen.

Es war nicht gut, ├╝berhastet den Heimweg anzutreten. Um den Abtrieb gr├╝ndlich vorzubereiten, brauchten sie eigentlich ein, zwei Tage. Aber wie es aussah, hatten sie nicht einmal mehr einen Tag. Der Wind blies immer heftiger und brachte mehr Schnee. Wenn sie l├Ąnger warteten, kamen sie vielleicht gar nicht mehr weg.
Das bedeutete den sicheren Tod f├╝r alle. Boris sp├╝rte das und war bereit. Das Rudel hatte sich zusammengefunden. Alle waren gesund und kr├Ąftig.

Das Aufbruchsignal fand jeden an seinem Platz.
Tschaika und Ina, die beiden dunklen H├╝ndinnen, liefen mit Igor der Herde voraus. Ein Angriff von vorn war zwar kaum zu bef├╝rchten, jedoch musste man auf alles vorbereitet sein. Boris hatte seine beiden ├Ąlteren Schwestern an die Spitze geschickt. Tschaika war fast so stark wie er und wesentlich gr├Â├čer als die etwas zierlichere und j├╝ngere Ina.

Zierlich ist bei der Beschreibung eines Kaukasischen Owtscharkas allerdings der falsche Ausdruck. Diese Hunde sind ausnahmslos breitbr├╝stig und wuchtig ohne schwerf├Ąllig zu wirken. Voller Kraft und Selbstbewusstsein kennt jedes Mitglied des Rudels seine eigene St├Ąrke und ordnet sich nur dem Rudelf├╝hrer unter. Boris duldete keinen Widerspruch und bestand auf Durchf├╝hrung aller Anordnungen, denn davon hing das Schicksal der Herde ab. Das Rudel erkannte seine ├ťberlegenheit in jeder Beziehung an.

W├Ąre Boris heutzutage auf einer Ausstellung gezeigt worden, h├Ątte er s├Ąmtliche Preise bekommen. Er war ein Prachtexemplar, das Musterbeispiel eines Herdenschutzhundes. Mit knapp einem Meter Schulterh├Âhe und nicht ganz zwei Zentner schwer war er der gr├Â├čte, st├Ąrkste und wohl auch der kl├╝gste Hund im Rudel. In seinem langhaarigen Fell wetteiferten schwarze und braune Str├Ąhnen miteinander um die Vorherrschaft auf grauem Grund. Zwei kurze Stummel standen als Ohren an seinem breiten Sch├Ądel. Die urspr├╝nglich sch├Ânen, langen Schlappohren, mit denen Owtscharki auf die Welt kommen, sind sehr gut durchblutet und brauchen nach einer Verletzung lange Zeit zum Heilen. Diesem Problem gingen die Hirten aus dem Weg, indem sie den jungen Hunden kurzerhand die Ohren abschnitten.

Boris befand sich im besten Alter. Er konnte ein Pferd aus vollem Galopp zu Boden werfen und nahm es leicht mit drei, vier W├Âlfen gleichzeitig auf. Aber nicht allein seine ├╝berragende Kraft machte ihn zum Rudelf├╝hrer. Er war auch sehr klug, konnte jede Situation blitzschnell einsch├Ątzen und entsprechend reagieren. Ein einziges Mal nur hatte Boris bei der Arbeit eine falsche Entscheidung getroffen. Allerdings f├╝hrte er damals noch nicht das Rudel.

Igor war mit seinen vier Jahren gerade erwachsen und ab und an noch ein rechter Hei├čsporn. Boris war sich sicher, dass seine beiden Schwestern gut auf ihn acht gaben und ihn, wenn n├Âtig, mit einem kr├Ąftigen Stups zur Ordnung riefen.
Rechts und links der Herde ging jeweils ein R├╝de mit einer H├╝ndin, alles kluge und erfahrene Hunde.
Die Nachhut bildeten vier Owtscharki, zwei Paare. Diese hatten die verantwortungsvollste Aufgabe. Wenn es zu einem Angriff kam, so erfolgte der von hinten. Das war immer so. Boris hatte die erfahrensten Rudelmitglieder an diesen Posten beordert. Bei einem ├ťberfall der Grauen war Klugheit wichtiger als St├Ąrke.

Sie w├╝rden kommen.
Nicht heute, nicht morgen, aber kommen w├╝rden sie.

Boris hatte schon einmal einen Abtrieb im Schnee mitgemacht. Damals noch jung und unerfahren wie Igor heute, aber genauso stark und mutig wie dieser, beging er im Kampfesrausch einen entscheidenden Fehler. Wieviel Zeit auch ins Land gehen mochte, er verga├č es niemals.

Es war der Tag an dem sein Vater starb.

Sechs W├Âlfe waren damals gleichzeitig ├╝ber den Rudelf├╝hrer hergefallen. Nannuk, sein Vater, k├Ąmpfte heldenhaft und nahm drei der Angreifer mit in den Tod, bevor er, aus hundert Wunden blutend, zu Boden ging. Blind vor Wut raste Boris mit dem gesamten Rudel heran. Wieder sah er den riesigen, ein├Ąugigen Wolf vor sich, als dieser den Kopf hob, die Schnauze rot von Nannuks Blut. Er sah Triumph in dem kalten Auge, der ungl├Ąubigem Staunen wich, als ihn die Wucht des Aufpralls zu Boden riss und Boris seine Kehle zerfetzte.
Im Handumdrehen machten sie nieder, was sich ihnen in den Weg stellte und verfolgten den Rest der Angreifer, die als scheinbar unbeteiligte Zuschauer dem Gemetzel zugesehen hatten und nun ihr Heil in der Flucht suchten.
Was f├╝r eine Dummheit!

Wer fragte sp├Ąter noch danach, dass sie jeden der Fl├╝chtigen einholten und t├Âteten? In seiner Wut hatte sich das f├╝hrerlose Rudel von der Herde weglocken lassen. In der Zwischenzeit fiel die Hauptmacht der W├Âlfe ├╝ber die Rinder her, versetzte sie in Panik und verstreute sie in alle Winde. Die Hirten t├Âteten zwar etliche der Angreifer, waren dem Chaos aber machtlos ausgeliefert. Als Boris mit dem Rudel zur├╝ckkam, war alles schon vorbei. Ein Drittel der Tiere war tot oder verschwunden. Der Rest fand sich nach und nach wieder ein, wurde von den H├╝tehunden herangetrieben, von den Hirten eingefangen.

Ein schwerer Schlag.

Alles nur, weil sie auf den ├Ąltesten Trick der W├Âlfe hereingefallen waren. Das durfte nicht noch einmal passieren. Sollten sie nur kommen. Das Rudel war bereit und stark wie nie zuvor.

Als die Herde aufbrach, hatte die Sonne ihren Abstieg bereits begonnen. Viel Zeit blieb nicht mehr bis zur Dunkelheit. Die Hirten hofften, heute noch etliche Meter nach unten zu kommen und so dem Schnee davonzulaufen. Alles klappte wie am Schn├╝rchen. Die ausgeruhte Herde lief willig mit. Ringsumher blieb alles ruhig. Zwar tat Eile Not, doch h├╝teten sich die Hirten, die Herde zu hetzen. Bei einem Treck im Eilmarsch wurden die Tiere rasch nerv├Âs. Dann gen├╝gte oft eine kleine Unvorsichtigkeit, ein laut brechender Ast, ein polternder Stein, und alles geriet in Panik. Nichts und niemand konnte die ausbrechende Herde dann aufhalten. Durch ein zu hohes Tempo w├╝rden die Tiere auch unn├Âtig geschw├Ącht.
Schlie├člich lagen noch gut zw├Âlf Tage anstrengender Weg vor ihnen. Wenn das Wetter so weiterging, konnten es leicht f├╝nfzehn Tage oder sogar noch mehr werden.

W├Ąhrend sich die anderen nicht direkt an der Herde aufhielten, sondern mehr oder weniger ausschw├Ąrmten, um so eine m├Âgliche Gefahr rechtzeitig zu erkennen, lief Boris bei den Tieren mit, dicht neben Kasim, dem alten Hirten. Wie Boris war dieser Mann ebenfalls ein erfahrener F├╝hrer. Seinen schmalen Augen, die wachsam unter buschigen Brauen hervorblitzten, entging nicht die geringste Kleinigkeit. Boris konnte sich darauf verlassen, wenn das Rudel etwas ├╝bersah, was allerdings sehr unwahrscheinlich war, der Alte w├╝rde es bemerken.

Der erste Tag ging rasch zur Neige. Sie waren nicht sehr weit gekommen. Ohnehin sollte es nur ein Anlauf, ein Schwung holen sein. Wie die Herde wirklich lief, w├╝rde sich morgen zeigen. Boris ging die Runde ab und fand jeden an seinem Platz. So musste es sein, er war zufrieden. Bis zu ihrer Ankunft im Dorf fand sich das Rudel nicht wieder zusammen.

Die Hirten stiegen steif von ihren Pferden. Nach der langen Sommerpause war so ein anstrengender Ritt doch recht ungewohnt. Auch die Reittiere mussten sich erst an den ver├Ąnderten Rhythmus anpassen. Aber schon am zweiten Tag w├╝rden alle wieder ihre alte Form gefunden haben.

Unter der d├╝nnen Schneedecke fand sich reichlich Gr├╝n, so dass die Herde ihren Hunger stillen konnte. Am flackernden Feuer sprachen die Hirten ├╝ber die n├Ąchste Zeit.
Schwere Tage standen bevor, aber wenn nicht viel mehr Schnee fiel, der Wind nicht allzu heftig blies und die W├Âlfe nicht kamen, schafften sie es noch, bevor die gro├če K├Ąlte hereinbrach.

Alle Anzeichen sprachen f├╝r einen sehr langen und strengen Winter.

Boris lag neben dem Alten. Er hatte die Augen geschlossen. All seine Sinne waren in die Nacht gerichtet. Ihm entging kein Ger├Ąusch. Die Hand des Alten fuhr liebkosend durch sein Fell. Boris streckte sich zufrieden. Alles blieb ruhig. Die Herde schlief.



Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


HFleiss
gesperrt
Manchmal gelesener Autor

Registriert: Jan 2006

Werke: 99
Kommentare: 1313
Die besten Werke
 
Email senden
Profil
Das Duell (1)

Lieber Wolfgang, ich habe bisher erst mal bewusst nur den ersten Teil gelesen, kann also noch nichts zum weiteren Verlauf deiner Geschichte sagen. Mit diesem Teil bist du noch nicht in der Handlung, sondern es ist Exposition. Meiner Ansicht nach gibst du wichtige Informationen f├╝r jemandem, der z. B. "Wolfsblut" nicht kennt. Ich kann dir nur schwer vorschlagen, die Exposition zu raffen, denn ich kenne ja noch nicht das Ganze, ich habe es aber im linken kleinen Finger, dass dieser Teil ein bisschen redselig ist. Aber es ist nicht unspannend geschrieben, man ahnt, es wird einen Kampf geben mit den W├Âlfen, und so gesehen, finde ich die Einleitung ganz gut. Beim zweimaligen Lesen sind mir ein paar stilistische Dinge aufgefallen. Vielleicht hilft es dir, wenn ich sie dir nenne:

1. "Mit knapp einem Meter Schulterh├Âhe und nicht ganz zwei Zentner schwer war er der gr├Â├čte ..."
Diese Raffung ist grammatikalisch falsch. Denn erstens wird die Zahl nicht gebeugt, wenn die genaue Ma├čeinheit (hier Schulterh├Âhe) folgt (richtig also: mit knapp ein Meter Schulterh├Âhe), und zweitens bezieht sich "nicht ganz zwei Zentner schwer" auf die Pr├Ąposition "mit", und das ist ein falscher Bezug. Hier scheint mir Umformulierung n├Âtig.

2. "Pferd aus vollem Galopp"
Richtig: "in vollem Galopp". Wir Deutschen haben es mit den Pr├Ąpositionen.

3. "Ein schwerer Schlag"
W├╝rde ich dir vorschlagen zu streichen. Inhaltlich bringt das nichts, und dass es kein Sonntagsvergn├╝gen war, geht aus den Zeilen davor hervor.

4. "... lief Boris bei den Tieren ..."
Auch hier wieder die Pr├Ąposition. Richtig: "mit den Tieren".

5. "... ein Schwung holen sein."
Im ersten Moment habe ich gar nicht verstanden, was gemeint war. Erstens ist Schwungholen ein Wort, und zweitens w├╝rde ich doch das Hilfsverb in den Hauptsatz r├╝berziehen.

6. "... sich an den Rhythmus anpassen ..."
Besser: "dem Rhythmus anpassen".

7. "... und die W├Âlfe nicht kamen ..."
Hier muss der Konjunktiv stehen: k├Ąmen.

Insgesamt finde ich die Geschichte spannend. Demn├Ąchst lese ich die anderen Teile, und dann h├Ârst du wieder von mir.

Lieben Gru├č
Hanna

Bearbeiten/Löschen    


Zur├╝ck zu:  Erz├Ąhlungen Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.



Leselupe-Bücher





Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!