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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Das Duell (4)
Eingestellt am 10. 04. 2006 13:39


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Wolf-Wolle
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Registriert: Aug 2004

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Au├čer sich vor Wut floh Einauge dem Rudel voran, weiter und weiter. Sie liefen um ihr Leben.
Dem schwarzen Wolf hing die Zunge seitlich aus dem Maul. Wei├če Schaumflocken holte der Wind aus seinen Lefzen. Von den scharfen Krallen seiner schweren Pfoten wurden kleine Erdst├╝cke aus dem gefrorenen Boden gerissen und weit nach hinten geschleudert. Mehr als je zuvor glich er einem D├Ąmon. Schwarz und riesig jagte er dahin.
Wehe dem, der sich ihm in den Weg stellte. Er schnappte nach rechts und nach links, wenn ihm einer seiner Gef├Ąhrten zu nahe kam. Selbst die W├Âlfin erhielt einen Biss, weil sie ihn versehentlich im Lauf ber├╝hrte.

Als der Tag erwacht war und die Sonne am Himmel hochkletterte, schien alles noch so einfach. Sie hatten keine Zweifel an ihrem Sieg, der ihnen Fleisch bringen w├╝rde. Der Hunger h├Ątte endlich ein Ende.
Und nun?
Besiegt, verwundet und mehr tot als lebendig flohen sie vor dem Feind.
Dabei hatte alles wunderbar begonnen. Sein Plan funktionierte ausgezeichnet. Es war gut, dass sie noch einen Tag gewartet hatten. Drei Familien kamen noch zu ihnen und verst├Ąrkten das Rudel erheblich. Sie waren jetzt so viele, dass sich Einauge entschloss, sofort und mit aller Macht die Herde anzugreifen, ohne erst viel Zeit mit Ablenkungsman├Âvern zu vergeuden. War dies ein Fehler? Nein, sie hatten keine Fehler gemacht!

Wie ein Blitz aus heiterem Himmel brachen sie in die Herde ein. Die ├ťberraschung gelang. Zwei der vier Hunde hinter der Herde lie├čen sich in eine Falle locken. Mit ihnen hatten sie leichtes Spiel. Die beiden anderen wehrten sich verzweifelt, waren aber gegen die ├ťbermacht chancenlos.

Die Herde teilen und davonzujagen war ein Kinderspiel. Doch dann lief alles schief. Auf einmal waren da viel mehr Menschen und Hunde als vorher. Sie schossen in das Rudel, erschlugen viele graue Br├╝der und h├Ątten wohl alle get├Âtet, w├Ąren sie nicht geflohen. Dabei stand Einauge kurz davor, seinen Racheschwur mit dem Tod des M├Ârders seines Vaters zu kr├Ânen. Aber das war nur aufgeschoben. Er w├╝rde ihm noch einmal begegnen!

Die schon sicher geglaubte und dringend ben├Âtigte Beute besa├čen sie zudem auch nicht mehr. Etliche Rinder st├╝rzten einen steilen Abhang hinunter. Vielleicht konnte man sie sp├Ąter holen. Die anderen blieben vor Ersch├Âpfung einfach stehen und mussten aufgegeben werden, weil ihnen die Verfolger dicht auf den Fersen waren.

Was f├╝r ein h├Ąsslicher Tag!

Mindestens zwei Drittel des zuvor so stolzen und starken Rudels war get├Âtet worden. Der Rest hetzte blutend und hinkend in die Berge zur├╝ck, wo es nichts zu fressen gab. Einauge hielt an. Sie konnten einfach nicht mehr laufen. Auch der st├Ąrkste Wolf wird irgendwann m├╝de, noch dazu wenn der Hunger schmerzhaft in seinen Eingeweiden w├╝hlt.

Schon lange hatten sie die letzten B├Ąume hinter sich gelassen und waren durch die Krummholzzone h├Âher und h├Âher gelaufen. Jetzt trafen ihre Pfoten schmerzhaft auf kantigen Fels unter dem Schnee.

Der Wolf kletterte auf einen Gesteinsbrocken und sp├Ąhte zur├╝ck. Weit und breit war nichts zu sehen. Seit Stunden schon sp├╝rte er keine Verfolger mehr. Er glaubte auch nicht, dass die Menschen noch weiter in die Berge ritten. Die mussten ihre Rinder wieder zur├╝ckbringen. Wenn Einauge daran dachte, lief ihm das Wasser im Maul zusammen und sein Magen meldete sich wieder. Falls sie nicht schnellstens etwas zwischen die Z├Ąhne bekamen, w├╝rden sie bald gar nichts mehr brauchen. Der Kampf und die Flucht hatten ihre letzten Kraftreserven aufgebraucht.

Ein Ger├Ąusch lie├č ihn herumfahren. Tief mit sich selbst und den vergangenen Stunden besch├Ąftigt, hatte der Wolf nicht auf die Umgebung geachtet. Sein sonst so perfekt funktionierender Organismus reagierte zu sp├Ąt. Er wurde von der Lawine erfasst und viele hundert Meter in die Tiefe gerissen.

Die Lawine kam ├╝berraschend, und sie war viel zu schnell. Den m├╝den, verletzten Tieren blieb keine Zeit, sich vor ihr in Sicherheit zu bringen. Der Schnee riss sie von den Beinen, trug sie den Hang hinunter und begrub sie unter sich. Nach ein paar Sekunden war alles vorbei.

*****

Langsam und vorsichtig schlich ein grauer Schatten ├╝ber den frischen Schnee. Er schien etwas zu suchen. Immer wieder hielt er an, schnupperte und kratzte L├Âcher in die wei├če Decke.

Die W├Âlfin war verletzt. Ihr K├Ârper wies Bisswunden auf, die eben erst verschorften. Das Fell war verdreckt und mit geronnenem Blut verklebt. Damit aber nicht genug. Die Lawine hatte sie mehrere hundert Meter weit zu Tal gerissen. Dabei war sie einige Male hart gegen Felsbrocken geprallt und hatte sich mindestens drei Rippen gebrochen. Jeder Atemzug tat ihr weh.
Trotz der Schmerzen gab sie die Suche nicht auf. Schlie├člich wurde ihre Ausdauer belohnt. Durch die Schneeschicht roch sie Leben. Sie begann zu graben. Mehr und mehr Schnee flog aus dem gr├Â├čer werdenden Loch. Tiefer und tiefer drang sie in die feste, wei├če Decke ein. Ihr Atem ging immer schneller. Die Schmerzen in der Brust wurden unertr├Ąglich. Pl├Âtzlich sah sie schwarzes, zottiges Fell und fiepte aufgeregt. Das Fell bewegte sich.

Einauge erwachte in v├Âlliger Dunkelheit. ├ťber ihm lag meterhoher Schnee. Er konnte sich nicht bewegen, sah nichts, roch nichts, f├╝hlte nichts. Ihm war nicht einmal kalt. Er lag gefangen im Schneebrett, das vor Stunden vom Gipfel gekommen war und ihn begraben hatte.
Einauge machte die Erfahrung der absoluten Hilflosigkeit. Nicht einmal die Pfoten konnte er bewegen. Der Wolf dachte an nichts. Er wartete.

Ein leichtes Ger├Ąusch lie├č seine schl├Ąfrig gewordenen Sinne hellwach werden. Das Kratzen und Schaben wurde lauter. Einauge spannte alle Muskeln an.
Er bewegte sich.
Pl├Âtzlich sp├╝rte er am R├╝cken eine Ber├╝hrung.
Ein kurzer, kr├Ąftiger Ruck: Der Wolf war frei!
Vor ihm stand seine W├Âlfin.
Ihre Freude war offensichtlich. Immer wieder leckte sie ihm die Schnauze und gab leise, quiekende T├Âne von sich. Der Wolf versuchte, die steifen Glieder zu bewegen. Nur langsam kehrte das Gef├╝hl in seinen K├Ârper zur├╝ck. Mit dem Gef├╝hl kamen die Schmerzen. Jeder einzelne Knochen, jeder Muskel tat ihm weh. Ernsthaft verletzt war er nicht, aber ├╝bers├Ąt mit Beulen, Prellungen und Bluterg├╝ssen. Es w├╝rde lange dauern, ehe er wieder richtig laufen und jagen konnte. Ausgerechnet jetzt!

Sie suchten das Schneefeld ab, fanden aber nur einen toten, schon steifen Wolfsk├Ârper dicht unter der Schneedecke. Er war schnell verschlungen und lieferte ihnen die dringend ben├Âtigte Energie. Au├čer ihnen hatte keiner vom Rudel die Lawine ├╝berlebt.

Vorsichtig machten sie sich an den Abstieg. Immer wieder hielten sie dabei an, weil die W├Âlfin vor Schmerzen nicht weiterlaufen konnte. Im Gegensatz zu ihr erholte sich Einauge erstaunlich schnell. Nach wenigen Tagen sp├╝rte er nur noch leichtes Ziehen in seinem K├Ârper. Als sie sp├Ąter weiter unten zwischen den lichten Baumreihen einen zweiten, toten Wolf fanden und gefressen hatten, kehrte seine Kraft vollst├Ąndig zur├╝ck.

Er war ein Wunder der Natur. Einhundertundachtzig Pfund Muskeln, Fleisch und Sehnen. Kein Gramm Fett zuviel und hochentwickelte Instinkte, von Generation zu Generation verfeinert. Ein Paradebeispiel f├╝r nat├╝rliche Auslese im ├ťberlebenskampf. Seine Gef├Ąhrtin hatte l├Ąnger mit ihren Verletzungen zu k├Ąmpfen. Die Bisswunden heilten langsam, aber immerhin taten sie es. Aber die Schmerzen in der Brust lie├čen nicht nach. Von den gebrochenen Rippen war eine gesplittert. Die abgebrochenen Teile wanderten in ihrem Fleisch langsam nach au├čen und taten bei jedem Schritt h├Âllisch weh. Irgendwann w├╝rden die St├╝cke aus ihrem K├Ârper herauseitern. Bis dahin musste sie es eben ertragen. Dies tat die W├Âlfin mit bewundernswerter Selbstbeherrschung. Nur manchmal, wenn die Schmerzen unertr├Ąglich wurden, blieb sie stehen, um neue Kraft zu sch├Âpfen.

Am bewaldeten Hang entdeckten sie eine kleine H├Âhle, die niemandem geh├Ârte. Gro├č genug f├╝r sie beide. Hier konnte der eisige Wind sie nicht erreichen. Wenn man jetzt noch etwas zu fressen finden w├╝rde, w├Ąre dies der ideale Platz zum ├ťberwintern.

Der Wolf zog t├Ąglich gr├Â├čere Kreise, aber das Gl├╝ck war nicht auf seiner Seite. Nicht einmal ein Schneehase lie├č sich blicken, von etwas Gr├Â├čerem ganz zu schweigen. Hartn├Ąckig meldete sich der Hunger immer wieder zu Wort.

Die W├Âlfin war zu schwach, um Einauge auf seinen Streifz├╝gen zu begleiten. Sie lag in der H├Âhle auf nacktem Fels und wartete geduldig auf seine R├╝ckkehr.

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