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Leselupe.de > Erzählungen
Das Duell (5 + 6)
Eingestellt am 16. 04. 2006 11:06


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Wolf-Wolle
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Boris wurde langsam wieder gesund.
Er lag in der großen Scheune auf einer weichen Decke und döste vor sich hin. Die Decke roch nach Pferd. Boris kannte diesen Geruch seit seiner Kindheit. Er mochte ihn. Als Welpe hatte er sich oft in den Ställen herumgetrieben. Musste er anfangs den Hufen der Reittiere noch ausweichen, weil diese bei seinem Erscheinen nervös zu stampfen begannen, so hatten sie sich schon nach kurzer Zeit an ihn gewöhnt. Wenn die Menschen den Owtscharka nirgendwo entdecken konnten, war er ganz bestimmt im Pferdestall zu finden.

Als Kasim ihn ins Dorf zur√ľckgebracht hatte, ging es Boris sehr schlecht. Die Verletzung war gro√ü und hatte sich entz√ľndet. Der Hund fieberte. Vom hohen Blutverlust geschw√§cht, brachte sein K√∂rper kaum die ben√∂tigten Abwehrkr√§fte auf. Kasim war fast immer bei ihm. Dreimal am Tag s√§uberte er die Wunde und strich anschlie√üend behutsam eine breiige Masse darauf, die angenehm k√ľhlte. Danach wurde sorgf√§ltig ein neuer Verband angelegt.

Nach zehn Tagen war Boris √ľber dem Berg und spazierte wieder durchs Dorf. Neugierig schaute er in die H√∂fe, begr√ľ√üte alte Bekannte und ergatterte manch kleinen Leckerbissen.

Nun lag er auf seiner Decke, atmete den vertrauten Geruch und f√ľhlte sich wohl.

Von weither schwang ein langer, klagender Ton √ľber das kalte Land.

Einauge!

Boris sprang auf, seine Nackenhaare stellten sich hoch. Aus seiner Kehle kam dieses dumpfe Grollen, das jedem einen Schauer durch den K√∂rper jagte. Pl√∂tzlich war die Erinnerung an den vergangenen Kampf wieder da. Boris sah sich am Berg dem Wolf gegen√ľber.

Bevor sich die beiden Rudelf√ľhrer aufeinander st√ľrzen konnten, war alles vorbei. Mit Hilfe der herbeigeeilten Verst√§rkung schlugen Hirten und Hunde die Angreifer in die Flucht. Die W√∂lfe hatten keine Chance mehr. Einauge war klug genug, dies einzusehen und machte sich mit dem Rest seiner Grauen davon. Boris wollte hinterher, doch nach drei S√§tzen knickte er mit dem Hinterteil weg und fiel schwer auf die Seite. Dann verlor er das Bewusstsein.

Die Hirten beratschlagten kurz, bevor der gr√∂√üte Teil von ihnen mit den unverletzten Hunden zur Verfolgung aufbrach. Sie durften keine Zeit verlieren. Wenn die Rinder auch bergan nicht so schnell liefen, so fachten die hetzenden W√∂lfe deren Angst immer wieder an. Irgendwann w√ľrden sie aber nicht mehr weiter k√∂nnen und einfach stehen bleiben. Falls die Hirten dann nicht bei ihnen waren, fielen die W√∂lfe √ľber sie her und rissen in ihrer Gier s√§mtliche Tiere.

Die Hunde bluteten aus zahlreichen Wunden, aber keiner war ernsthaft verletzt. Alle konnten aus eigener Kraft weiterlaufen. Au√üer Boris. Kasim, der alte Hirte, zimmerte aus d√ľnnen St√§mmen eine Trage, die eines der Packpferde zog. Auf der Trage lag mit geschlossenen Augen Boris. Er atmete nur noch schwach. Sein Leben hing am seidenen Faden.

Eine Tr√§ne stahl sich aus Kasims Auge und rann ihm langsam √ľber die Wange, bevor sie in seinem Bart gefror. Er mochte dieses Tier.
Die Hirten verband im allgemeinen keine besondere Beziehung mit ihren Hunden. Sie wurden gef√ľttert, bei Krankheiten gepflegt, ansonsten sich selbst √ľberlassen. Nat√ľrlich war ein guter Hund viel wert. Die Owtscharki hielten den Herden die R√§uber fern. Ohne sie w√§re die Schlacht mit den W√∂lfen verloren gegangen. Aber es waren halt nur Hunde, weiter nichts.
Nicht so Boris.
Er fiel dem alten Hirten schon w√§hrend seiner ersten Lebenswochen auf. Kasims kundiges Auge erkannte schnell, dass aus dem wuschligen Wollkn√§uel etwas Besonderes werden sollte. Der sp√§tere Rudelf√ľhrer verbrachte seine Welpenzeit fast nur in Kasims N√§he. Er durfte sogar in sein Haus, wenn auch der Alte daf√ľr von allen bel√§chelt wurde.
‚ÄėEin Hund im Haus! Wo hatte man denn so etwas schon geh√∂rt?‚Äô
Kasim machte sich nichts aus den gutm√ľtigen Sp√∂tteleien und gewann mit Boris einen treuen Freund.

Nun lag dieser Freund vor ihm, mehr tot als lebendig, und Kasim konnte nichts f√ľr ihn tun. Er hatte gesehen, wie sich die beiden Rudelf√ľhrer gegen√ľberstanden und gehofft, einen guten Schuss anbringen zu k√∂nnen. Vergeblich! Ein Gl√ľck, dass die W√∂lfe fliehen mussten. Das Duell h√§tte der verwundete Hund verloren.

Vier Tage sp√§ter begr√ľ√üten die Frauen und Kindern des Dorfes jubelnd die Heimkehrer. Der Hauptteil der Herde war schon vor ihnen angelangt. Die Rinder liefen zwar langsam, hatten aber einen geh√∂rigen Vorsprung. Sie selbst mussten oft Rast einlegen, weil die Hunde nicht schneller vorw√§rts konnten.
Jeder zeigte sich begierig, die Erlebnisse der anderen zu erfahren. Alle atmeten erleichtert auf, als Kasim vom guten Ausgang des Kampfes berichtete. Kasim und seine Begleiter fanden ihre Herde satt und zufrieden in den Ställen vor.

Nach zwei Tagen kam die dritte Gruppe mit dem Rest der Tiere. Insgesamt verlor das Dorf zwar acht Rinder. Angesichts aller Umstände war dies zu verschmerzen.
Einige Wölfe töteten sie, dem Rest brachten sie gehörig das Laufen bei. Die gehetzten Rinder holten sie bald ein, gönnten ihnen einen Tag Ruhe und machten sich dann auf den Heimweg, diesmal ohne Aufenthalt.

Der Winter hatte Mitleid. Er brachte weder neuen Schnee noch Eisesk√§lte. Selbst dem Wind gefiel es, sich zur√ľckzuhalten.

Bald darauf feierte das Dorf ein großes Dankesfest.
Ochse und Hammel brieten am Spie√ü √ľber dem offenen Feuer. In gro√üer Runde erlebten alle die gl√ľcklich √ľberstandenen Ereignisse noch einmal. Nat√ľrlich wurden die Erz√§hlungen pr√§chtig ausgeschm√ľckt und mit heldenhaften Taten des Erz√§hlers angereichert. Zustimmende Gesten und Worte begleiteten jeden Vortrag. Sie verga√üen w√§hrend des Abends aber auch ihre tapferen Hunde nicht. Jeder von ihnen bekam einen extragro√üen Knochen.

Als Kasim vom Schwarzen Wolf berichtete, erhob sich ein Raunen. Jeder hatte schon von dem einäugigen Dämon in Wolfsgestalt gehört. Wo der auftauchte, war das Unheil nicht weit. Alle hofften, dass er niemals wieder ihren Weg kreuzen möge.

Nach dem Fest zog Stille im Dorf ein. Der vorzeitige Winter zwang zur Ruhe. Die Tiere waren in den St√§llen, Scheunen und Vorratskammern voll. Jetzt kam die Zeit der langen Abende, der Geschichten am Feuer, der Besinnung und der inneren Einkehr. Ruhe war n√∂tig f√ľr Mensch und Tier, bevor die Vorbereitungen zur Jahreswendfeier begannen.




*****


Weit durch die kalte Winternacht schwang ein langer, klagender Ton. Der Schwarze Wolf stand am Steilhang und schickte mit hocherhobenem Kopf sein Lied zu den Sternen. Seit vielen Nächten kam er hierher und rief immer wieder die gleichen Fragen in den Wind.

‚ÄúH√∂rt mich einer?‚ÄĚ
‚ÄúBr√ľder, wo seid ihr?‚ÄĚ
‚ÄúIch warte auf euch!‚ÄĚ

Eisiges Schweigen war bislang die einzige Antwort. Nun, er w√ľrde es morgen wieder versuchen. Sie mussten ein neues Rudel finden. Eine andere M√∂glichkeit, den Winter in den Bergen zu √ľberleben, gab es nicht. Allein konnte man jetzt nicht jagen.
Einauge wandte sich ab und kletterte den Hang hinunter. Er hatte einen Pfad entdeckt, der es ihm erlaubte, jede Nacht hier hoch und wieder hinunter zu steigen.

Seit der verlorenen Schlacht und der vernichtenden Lawine waren viele Tage vergangen. Einauge zählte sie nicht.
Sie hielten sich mit allerlei Kleinigkeiten am Leben. Einmal stie√ü er wie durch ein Wunder auf einen Bau voller Murmeltiere. In windgesch√ľtzter Lage, tief unterm Schnee versteckt, war die Erde kaum gefroren. Einauge grub die Nager aus und w√ľrgte sie alle. Das gab ein wahres Festessen f√ľr sie beide. Sonst war Schmalhans K√ľchenmeister. Mal ein Schneehase, mal ein erfrorener Vogel, lauter Vorspeisen.

W√§hrend seiner Streifz√ľge fand Einauge auf dem Boden der Schlucht eines der abgest√ľrzten Rinder. Sogleich lief er zur W√∂lfin zur√ľck, um sie hierher zu f√ľhren. Der Abstieg kostete sie zwar viel Kraft, jedoch w√§re es selbst f√ľr so einen starken Wolf wie Einauge unm√∂glich gewesen, ihr st√§ndig aufs neue von dem Fleisch zu bringen. Mit ihren kr√§ftigen Kiefern brachen sie aus dem steinhart gefrorenen K√∂rper St√ľcke heraus, die sie einfach hinunterschlangen. Im Magen taute das Fleisch schon auf.

F√ľr einige Zeit waren die W√∂lfe also versorgt.
Sie vergr√∂√üerten eine Kuhle im Hang zu einer bescheidenen Unterkunft. Eine √ľberh√§ngende Riesenfichte bewahrte diese Wohnung vorm Zuschneien. Auch sch√ľtzte sie vor dem Wind.
Von Tag zu Tag fiel mehr Schnee. Er konnte ihnen zwar nichts anhaben aber viel l√§nger durften sie nicht bleiben. Wenn auch das Rind noch einige Tage Nahrung lieferte, einmal war selbst der reichlichste Vorrat aufgezehrt. Vielleicht lag dann schon so viel Schnee, dass sie nicht mehr aus der Schlucht herausfanden. Es wurde immer schwieriger, den schmalen Pfad bergauf zu laufen. Einauge schaffte es noch, f√ľr seine Gef√§hrtin war der Aufstieg unm√∂glich. Noch gab es einen anderen, sicheren Weg nach drau√üen. Die beiden Grauen warteten nicht l√§nger.

Einauge f√ľhrte sie sicher heraus.
Der W√∂lfin qu√§lte sich durch den hohen Schnee. In ihrer Brust w√ľtete noch immer der Schmerz.
Kurz, bevor der Weg sanft nach oben anstieg, fanden sie die √úberreste eines weiteren Rindes. Ringsumher die Spuren zweier Luchse. Die Katzen hatten sich an dem Fleisch g√ľtlich getan. Sicher kamen sie wieder.

Die W√∂lfe versp√ľrten keine Lust, sich mit ihnen anzulegen und liefen weiter. Sie verlie√üen die Schlucht und suchten einen Abstieg.
Die W√∂lfin war m√ľde.

Im Tal lag der Schnee weniger hoch, pfiff der Wind nicht gar so eisig wie in den Bergen.
Sie fanden einen alten, unbewohnten Bau. Vielleicht hatte er sogar einmal ihnen gehört.
Die W√∂lfe wussten nichts von der Heiligen Nacht, die √ľber dem ganzen Land lag und nichts von der bevorstehenden Jahreswende, die nach den Kalendern der Menschen bald erfolgen w√ľrde.
Sie hatten nur Augen f√ľreinander.
Die Ranzzeit begann.
Einauge lief den ganzen Tag um seine Gef√§hrtin herum, beroch und beleckte sie, paarte sich mit ihr, brachte ihr frische Beute. Obwohl schon im reiferen Alter, benahm sich der Wolf wie ein frischverliebter J√ľngling. Die W√∂lfin erwiderte gern seine Z√§rtlichkeiten.

W√§hrend der n√§chsten Wochen sp√ľrte sie, wie sich ihr K√∂rper ver√§nderte. Immer √∂fter zeigte sie ihrem Gef√§hrten die kalte Schulter. Schlie√ülich hatte die W√∂lfin genug von seinen Aufdringlichkeiten und schnappte nach ihm. Weil Einauge nicht sofort verstand, dass die sch√∂ne Zeit zu Ende sein sollte, bedachte sie ihn √ľberdies mit Knurren und Z√§hnefletschen.
Der Wolf bestand nicht weiter auf seinem Vorhaben und trollte sich. Er lief durch den endlosen Wald, √ľber verschneite Wiesen und zugefrorene B√§che. Ohne Ziel trieb es ihn weiter und weiter. Stunden sp√§ter machte er am Rand einer weiten Ebene halt.

Die wei√üe Fl√§che strahlte und funkelte, als w√§re sie dick mit glitzerndem Sternenstaub bestreut. Am Horizont, im Dunst des Tages fast nicht zu erkennen, zeigten sich die m√§chtigen Berge. Die Tannen am Waldrand neigten ihre Zweige unter der wei√üen Last. Sch√ľttelte einer der oberen √Ąste unwillig seinen Schmuck ab, sei es durch einen Windhauch, die Ber√ľhrung eines Vogels oder durch einen frechen Sonnenstrahl, so pflanzte sich die Bewegung fort, und alle Zweige wippten froh nach oben.

Von Tag zu Tag stieg die Sonne ein St√ľckchen h√∂her und verl√§ngerte dabei ihren Aufenthalt am Himmel um einige Minuten. Der richtige Winter stand aber noch bevor. Es wurde k√§lter, und k√§lter. Die Quecksilbers√§ule sank unter minus drei√üig Grad und hatte noch keinen Boden gefunden. Dem Wolf machte dies nichts aus. Sein dicker Pelz sch√ľtzte ihn zuverl√§ssig vor gro√üer K√§lte.

Einauge hatte keinen Blick f√ľr die Sch√∂nheit der Natur. Er stand am Waldrand und schaute lange √ľber den Schnee. Schlie√ülich hob er seinen Kopf und lie√ü den ewig alten Ruf seiner Vorfahren √ľber die Ebene klingen.

Nach kurzer Pause gab ein vielstimmiger Chor die lang erwartete Antwort.



*****

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flammarion
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das

liest sich gut. bin gespannt, wie es weitergeht.
lg
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Old Icke

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