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Leselupe.de > Erzählungen
Das Duell (7+8)
Eingestellt am 18. 04. 2006 11:36


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Wolf-Wolle
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Das neue Jahr begann.
Der Winter machte allen klar, dass sie bis jetzt nur einen kleinen Vorgeschmack dessen erlebt hatten, wozu er fähig war. Eine Probe sozusagen, der nun das Hauptspiel folgte.
Es wurde so kalt, dass den Menschen ihr Wort im Mund gefror, ehe sie es ausgesprochen hatten. Schuld daran war der seit Tagen grimmig blasende Nordwind, der den Wolfsziegel auf den Dächern zum Klingen brachte.
Der Wolfsziegel war eine sinnreiche Erfindung. Speziell geformte Holsteine wurden so kunstvoll auf dem Dachfirst eingemauert, dass sie ab einer bestimmten Windst√§rke aus Norden einen klagenden Ton von sich gaben. Auf wunderbare Weise funktionierte dies nur im Winter. Sicher spielte dabei die Festigkeit des Materials und die Ver√§nderung der Struktur bei extrem tiefen Temperaturen eine Rolle. Tats√§chlich lie√ü der Ziegel sein Lied nur h√∂ren, wenn es sehr kalt wurde. Die Menschen wussten, was das bedeutete. Das Wild zog sich in noch tiefere Regionen zur√ľck. Die W√∂lfe folgten. Dabei w√ľrden sie auch das eine oder andere St√ľck Vieh stehlen wollen. Hunger macht mutig und l√§sst den ansonsten eher feigen R√§uber jede Vorsicht und Scheu vergessen.

Als der Ziegel das letzte Mal vor sechs Jahren erklang, versuchten die W√∂lfe mehrmals, in die St√§lle einzudringen. Es gelang ihnen nicht. Dar√ľber hinaus bezahlten etliche der Grauen ihre Tollk√ľhnheit mit dem Leben. Seither hatte es nicht wieder einen so strengen Winter gegeben. Bis jetzt.

Die Räuber waren listig und schnell. Kasim erinnerte sich noch gut, wie sie damals Tag und Nacht Wache hielten. Er selbst tötete einen der Angreifer mit dem Messer, als dieser, angeschossen und wahnsinnig vor Schmerz, ihm an die Kehle wollte. Eine hässliche Narbe am Unterarm zeugte von der Kraft der mächtigen Reißzähne, mit denen der Wolf in seiner verzweifelten Wut durch die dicke Pelzjacke gedrungen war.
Die ungewöhnlich großen Exemplare der Waffen jenes Raubtieres ergänzten auf besondere Weise Kasims Trophäensammlung. Das schöne, dicke Fell tat im Haus gute Dienste.

Jetzt warnte der Ziegel wieder.
Die Hirten machten sich in diesem Jahr nicht allzu gro√üe Sorgen. Das Rudel der Grauen war auseinander getrieben und zum gr√∂√üten Teil vernichtet. Die wenigen, √ľberlebenden W√∂lfe stellten keine Gefahr dar. Allerdings gab es noch den Schwarzen! Kasim hatte Furcht bei seinem Blick empfunden. Das war kein gew√∂hnliches Tier. Das war der Teufel in Wolfsgestalt. Dem konnte man alles zutrauen.

Das Leben im Dorf kam fast zum Erliegen.
Die Menschen gingen nur aus ihren H√§usern, wenn es unbedingt notwendig war. Der Wind heulte, brachte Schnee und abermals Schnee. Er t√ľrmte die wei√üe Pracht an manchen H√§usern bis zu den tiefh√§ngenden D√§chern. Das ergab einen guten Schutz gegen K√§lte.
Die Hunde taten es den Menschen gleich und steckten ihre Nasen nicht allzuoft in die Winterluft. Boris lag fast den ganzen Tag auf der Decke im Pferdestall.

Nachts lief er trotz der Kälte noch immer seine Runde, trabte die freigeschaufelten Wege entlang, inspizierte die Ställe und Vorratshäuser und schaute auch außerhalb des Dorfes nach dem Rechten. Meist begleiteten ihn seine Schwester Tschaika und der junge Igor.
Die anderen Owtscharki kontrollierten ebenfalls regelmäßig ihre Strecken und Plätze, wie dies ein pflichtbewusster Herdenschutzhund eben zu tun hat.
Man traf sich, begr√ľ√üte und beschnupperte sich und ging weiter seines Weges.

Boris war wieder v√∂llig in Ordnung. Sein robuster K√∂rper gewann den Kampf gegen das Fieber. Die Wunde vernarbte. Seine Kraft kehrte zur√ľck. Auch bei den anderen Hunden gab es keine Spuren der Verletzung mehr.
Das Heulen das Schwarzen Wolfes erscholl seit langer Zeit nicht mehr. Hatte er in ein anderes Revier gewechselt? Im Traum stand Boris immer wieder seinem Feind gegen√ľber. Er wuffte und quiekte leise im Schlaf und seine Pfoten zuckten, als wolle er sich im n√§chsten Moment auf Einauge st√ľrzen. Der Kampf schien noch nicht vorbei.




*****


Sie kamen nicht nachts und auch nicht in der Dämmerung. Der Angriff erfolgte eine Stunde nach Mittag. Niemand wusste später zu sagen, warum keiner der Hunde Alarm geschlagen hatte.

Über dem Dorf lag sonntägliche Stille. Der vom reichhaltigen Essen volle Bauch stachelte zu einem Schläfchen an.
Seit gestern hatte der Wind nachgelassen und wehte nur noch als leichte Brise. Die dicken Wolken warfen ihre Last ab und machten der schon ungeduldig wartenden Sonne Platz. Die gab sich auch redlich M√ľhe, ihre Abwesendheit w√§hrend der letzten Wochen durch besonders viel Freundlichkeit wettzumachen. Der Schnee reflektierte die warmen Strahlen so stark, dass einem die Augen schmerzten.
Menschen und Tiere ruhten.
Ein schöner Tag.

Die Wölfe fielen unbemerkt in den Ort ein.
Sie kamen gegen den Wind und nicht in breiter Front. In schnurgerader Linie hetzten sie heran, einer hinter dem anderen. F√ľnfzehn, zwanzig, graue R√§uber folgten ihrem schwarzen Anf√ľhrer. Nicht ann√§hernd so furchteinfl√∂√üend wie dieser, jedoch alle ungew√∂hnlich gro√ü und fast wahnsinnig vor Hunger. Nichts und niemand h√§tte sie aufhalten k√∂nnen. Zielgerichtet liefen sie zum Schafstall, dessen Bewohner sich auf der Au√üenfl√§che tummelten. Bevor diese wussten, was geschah, lagen die ersten tot im Schnee. Der Rest lief einige Meter weiter und dr√§ngte sich bl√∂kend in eine Ecke. Die W√∂lfe k√ľmmerten sich nicht um die ver√§ngstigten Tiere. Sie fielen √ľber die bereits erlegte Beute her und rissen sie gierig in St√ľcke.

Die Grauen waren ausgehungert. Anderenfalls h√§tten sie solch einen tollk√ľhnen √úberfall wohl nicht gewagt. In Windeseile schlugen sie sich die B√§uche voll. Ihre Zeit war knapp bemessen. Die Hunde hetzten heran!
Obwohl in der Überzahl, stellten sich die Angreifer nicht zum Kampf. Sie wichen aus, solange es möglich war und fraßen bis zur letzten Sekunde.
Jetzt eilten auch die Hirten herbei. Aufgeschreckt aus ihrer Sonntagsruhe brauchten die Menschen etwas l√§nger als ihre Vierbeiner, die aus allen Ecken des Dorfes heranst√ľrmten.

Die Wölfe wandten sich zur Flucht.
Sie hatten ihr Ziel erreicht. Wenn auch nicht zum Platzen voll, so bekam doch jeder eine ordentliche Magenf√ľllung ab. Das musste gen√ľgen.

Die Angreifer rannten nach allen Seiten davon und machten somit eine geordnete Verfolgung unm√∂glich. Allerdings h√§tte diese auch wenig Aussicht auf Erfolg gehabt. Selbst mit vollem Magen waren die Grauen zu schnell f√ľr die vierbeinigen W√§chter.
Einige der R√§uber wurden von den Hirten erschossen. Der Rest gab geh√∂rig Fersengeld. F√ľrs erste sollte es auch gen√ľgen, die W√∂lfe vertrieben zu haben. Viele lebten ohnehin nicht mehr.

Der schwarze Anf√ľhrer lief als erster davon. Bevor er aus dem Gesichtskreis des Dorfes verschwand, blieb er stehen und schaute zur√ľck. Sein brennender Blick schweifte √ľber das Gel√§nde und blieb an dem Owtscharka h√§ngen, der mit kraftvollen S√§tzen heranst√ľrmte.
F√ľr einen Augenblick war es, als ob die Zeit gefror. Dann wandte sich Einauge um und floh weiter.
Der Owtscharka folgte ihm.


*****


Boris träumte.
Vor ihm lag ein wundervoller Knochen, ein Knochen mit viel Fleisch dran. Ihm lief das Wasser im Maul zusammen. Speichel tropfte von seinen Lefzen. So ein Riesending hatte Boris noch nie im Leben gesehen. Er fuhr sich mit der Zunge √ľber die Nase und ging vorsichtig n√§her. Der Knochen roch nach Pferd. Das war sehr merkw√ľrdig. Boris hatte noch nie Fleisch von einem Pferd gefressen. Er mochte Pferde. Aber der Knochen lag vor ihm und duftete verf√ľhrerisch. Pferd hin, Pferd her, das St√ľck war f√ľr ihn bestimmt, sonst w√§re es nicht da. Er w√ľrde es jetzt fressen, basta! Mit diesem Entschluss ging Boris den letzten Schritt und schnappte sich den Brocken.
Klack!
Seine Kiefer schlugen aufeinander. Der Knochen war weg!
Verbl√ľfft suchte Boris den Platz ab. Nichts! Der Knochen blieb verschwunden. Er schaute hoch und sah eine Herde bl√∂kender Schafe vor sich.
Ob die seinen Knochen hatten?
Unsinn! Schafe fressen kein Fleisch. Die mochten doch nur Gr√ľnzeug.
Was br√ľllten die √ľberhaupt so f√ľrchterlich? Davon bekam man ja Ohrenschmerzen. Er tat ihnen doch nichts.
Die Schafe blökten weiter. Sie klangen jetzt ängstlich, furchtbar ängstlich.

Boris schlug die Augen auf und stand im gleichen Moment auf den Beinen. Neben ihm stampften die Pferde unruhig hin und her. Draußen schrien die Schafe in Todesangst.

Einauge!

Boris wusste sofort, dass sein alter Feind die Ursache f√ľr den L√§rm war.
Mit einem Satz sprang der Hund zum Tor.
Verschlossen!
Er rannte mit der Schulter dagegen, dass die Balken ächzten.
Vergeblich!
Jemand hatte von außen den Riegel vorgelegt.
Das durfte nicht sein!
Im Dorf tobte die Schlacht, und er gelangte nicht aus dem Stall!
Verzweifelt bellte und jaulte er, kratzte am Holz und stemmte sich dagegen.
Hörte ihn denn keiner?
Plötzlich gab das Tor nach.
Endlich!
Der Fl√ľgel schwang auf.
Fluchend rappelte sich ein Mann aus der Schneewehe hoch, in die ihn der schwere Hund geworfen hatte. Dann lief er Boris hinterher und reinigte im Laufen sein Gewehr vom Schnee.
Boris rannte in Richtung des Tumultes. Zum Bl√∂ken der Schafe gesellte sich w√ľtendes Knurren, Gebell und Geschrei. Er √ľberholte zwei Hirten, bog um die letzte Ecke und √ľberblickte sofort die Situation.

√úberall lagen tote, teils angefressene Schafe im blutroten Schnee. Vereinzelt k√§mpften Hunde und W√∂lfe miteinander, Sch√ľsse fielen. Ein Wolf √ľberschlug sich, als ihn die Kugel wie eine Riesenfaust im Sprung traf. Ein zweiter wurde am Boden erschossen. Boris schaute sich um. Hier wurde er nicht mehr gebraucht. Die fl√ľchtenden W√∂lfe hatten soeben den Dorfrand erreicht, als der hinten laufende zusammenbrach und sich sterbend im Schnee w√§lzte. Ein Schuss dr√∂hnte.

Kasim war auf die Knie gegangen, als er sein Gewehr abfeuerte. Der anderen Grauen rannten weiter, schon zu weit entfernt f√ľr eine sichere Kugel.

Boris lief los.
Er sah Einauge nicht, sp√ľrte ihn jedoch √ľberall. Boris durfte den Schwarzen nicht entkommen lassen.
Der Hund wurde schneller.
Er st√ľrmte mit langen S√§tzen aus dem Ort, sah weder nach links noch rechts und h√∂rte nicht Kasims Ruf.
Der Tag war gekommen!
Diesmal hatte Einauge zuviel gewagt!
Ohne ihren schwarzen Anf√ľhrer w√§ren die W√∂lfe nicht in das Dorf eingefallen und h√§tten auch nicht die Schafherde angegriffen.
Er musste sterben.

Soeben verschwand der Fl√ľchtende hinter einer Schneewehe, auf der er f√ľr wenige Augenblicke gestanden und zur√ľckgeschaut hatte. Der Owtscharka wurde langsamer und schleckte den frischen Schnee. Dann fiel er in einen leichten Trab. Dieses Tempo konnte er stundenlang durchhalten.

Boris tauchte in die D√ľsternis des Waldes ein. Die Ebene lag hinter ihm. Dank des Schnees, der sein Wei√ü √ľberall verstrahlte, wurde die sonst herrschende D√§mmerung erhellt. Allerdings h√§tte Boris auch bei v√∂lliger Dunkelheit die Spur gefunden.

Die Geräusche des Dorfes drangen nicht bis hierher.
Boris war allein. Dies k√ľmmerte ihn wenig. Er dachte auch nicht daran, dass er vielleicht sterben k√∂nnte. Wichtig f√ľr ihn war nur, Einauge zu finden und ihn zu t√∂ten. Wenn es ihm diesmal nicht gel√§nge, w√ľrde er den schwarzen Wolf niemals besiegen.

Die Sonne schickte den Tag zu Ruhe und rief die Nacht in die Berge. Noch immer war es wolkenlos. Der Frost w√ľrde nach Einbruch der Dunkelheit wieder einen geh√∂rigen Anlauf nehmen.

Auf dem festen Schnee fiel das Laufen leicht. Boris sank nicht ein. Seine Sinne waren nach vorn gerichtet. Nichts vermochte ihn von seinem Vorhaben abzubringen.

Ruhig und gleichmäßig trabte der Owtscharka dahin, seinem größten Kampf entgegen.

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