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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Das Duell (9 und Schluss)
Eingestellt am 23. 04. 2006 17:29


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Wolf-Wolle
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Mitten auf der Lichtung sa├č der Schwarze Wolf. Er wartete.
Das Rudel hatte sich in alle Winde zerstreut. Viele waren den Hirten und Hunden entkommen. Zufrieden leckte sich Einauge die Schnauze. Sollte es notwendig sein, fanden sie sich wieder zusammen. Sobald das hier erledigt war, folgte er seiner W├Âlfin zum Bau.

Die Szene wirkte wie aus einem Film.
Der aufgehende Mond ├╝bersch├╝ttete den fast kreisrunden Fleck inmitten des Waldes mit seinem fahlen, unwirklichen Licht.
Stille umgab diesen Ort.
Von irgendwoher trug der sanfte Wind eine zarte Melodie heran. Sie klang wie das Fl├╝stern des Elfenreigens in einer Sommernacht und schien so zerbrechlich, dass schon ein tiefer Atemzug sie zu zerst├Âren vermochte.
Einauge erinnerte an eine Statue. Reglos sa├č er da, lie├č kleine W├Âlkchen aus dem Maul aufsteigen und schaute unverwandt in eine Richtung. In dem bernsteingelben Auge des Wolfes spiegelten sich die Sterne.
Eine Bewegung zwischen den B├Ąumen lie├č ihn aufmerksam werden. Sein Blick erfasste die dort aufgetauchte Gestalt. Ein gro├čer, kr├Ąftiger Hund kam aus dem Wald, z├Âgerte kurz und n├Ąherte sich dann schnell.

Boris trat aus dem Wald und sah den Wolf. Keine zwanzig Meter von ihm entfernt sa├č er im Schnee und r├╝hrte sich nicht. Boris blieb stehen. Der Owtscharka war in bester k├Ârperlicher Verfassung.

Weder hungrig noch durstig und auch nicht m├╝de vom Laufen. Im Gegenteil. Die Verfolgung hatte seine Kraft noch gest├Ąrkt. Er brannte darauf, sich auf den Schwarzen zu st├╝rzen, die Z├Ąhne in seine Kehle zu graben, ihn zu t├Âten.
Sein Feind stand auf. Er schien auf ihn gewartet zu haben.
Irgendetwas war falsch.
Boris dachte nicht dar├╝ber nach. Er lief los.

Es war wie das Zusammentreffen zweier Welten, wie das Aufeinanderprallen zweier ewig alter, unbesiegbarer M├Ąchte.

F├╝r einen Augenblick schien die Zeit stillzustehen.

Dann begann der Kampf. Ohne viel Zeit mit Knurren, Z├Ąhnefletschen oder sonstigen Drohgeb├Ąrden zu verschwenden, st├╝rzten sich die beiden Rudelf├╝hrer aufeinander. Sie waren gleich gro├č, gleich stark, gleich mutig. Beide zielten auf die Kehle des anderen und wichen gleichzeitig dem Gegner aus. Sie bekamen sich am Halsansatz, nahe der Schulter zu fassen. Ihre Z├Ąhne drangen durch das dichte Fell bis ins Fleisch. Keiner sp├╝rte den Schmerz, keiner lie├č los. Sie knurrten sich an, zerw├╝hlten den Schnee, stemmten sich gegeneinander. Jeder wartete auf eine Gelegenheit, den Biss h├Âher zu setzen, um die Lebensader des anderen zu erreichen. Doch dazu m├╝sste der Gegner kurz losgelassen werden und h├Ątte seinerseits die M├Âglichkeit, fester und h├Âher zuzubei├čen. Sie drehten sich im Kreis und Hass funkelte in ihren Augen.
Pl├Âtzlich knickte der Wolf mit den Hinterbeinen ein. Seine Kiefer ├Âffneten sich. Im gleichen Moment sackte der schwere K├Ârper zusammen und fiel in den Schnee.
Damit er nicht umgerissen wurde, lie├č Boris ebenfalls los.

Siegessicher st├╝rzte er sich auf den am Boden Liegenden, um ihm ein f├╝r allemal den Garaus zu machen, als ihm der Wolf mit den langen, messerscharfen Krallen seiner Hinterpfoten den Bauch aufriss. Im gleichen Moment schlossen sich Einauges Kiefer um die Kehle des Hundes. Der Wolf biss zu und durchtrennte ihm die Schlagader. Zwei, drei Sekunden hielt sich Boris noch auf den Beinen, dann sank er auf die Seite. Der Wolf beugte sich ├╝ber ihn und trank gierig das hervorsprudelnde Blut, bis der Lebensquell versiegte.

Der Owtscharka war tot.

Einauge wandte sich um. Er lief nicht in Richtung der H├╝gel, wo seine Gef├Ąhrtin wartete. F├╝r sie hatte er keinen Gedanken. Ebenso wenig kam ihm in den Sinn, ein neues Rudel zusammenzurufen. Fast schien es, als folge er einem fremden Willen, der ihn nun gehen hie├č. Was getan werden musste, hatte er getan. Nun rief es ihn wieder zur├╝ck, wo immer das auch war.

Der Nachtwanderer stand hoch am Himmel und schickte sein silbernes Licht auf den Schnee. Es war Vollmond und taghell. Der leichte Wind wurde st├Ąrker und fuhr schlie├člich w├╝tend durch die Tannen, die den Rand der Lichtung s├Ąumten. Die lie├čen vor Schreck ihre wei├če Last von den Zweigen fallen. Der Wind griff den Schnee auf, wirbelte ihn ├╝ber den Platz und deckte damit den toten Owtscharka zu. Fast schien es, als habe er Mitleid mit diesem geschundenen, zerrissenen K├Ârper und wollte ihm den letzten Rest seiner schwindenden W├Ąrme noch etwas l├Ąnger erhalten. Die zarte Melodie war verklungen.

Es wurde k├Ąlter.
Der Wind floh zur├╝ck in sein Versteck und lie├č auf der Lichtung mitten im Wald, am Rande der wilden Berge einen kleinen, wei├čen H├╝gel zur├╝ck.


*****


Die W├Âlfin hatte sich zur├╝ckgezogen. Ihre H├Âhle lag am S├╝dhang, gut versteckt zwischen Zirbelkiefern und zahlreichen, gro├čen Felsbrocken. Es war der gleiche Unterschlupf, der sie und Einauge aufgenommen hatte. Hier konnte sie ungest├Ârt auf die Geburt ihrer Jungen warten.
Einauge fehlte ihr sehr. Wo mochte er jetzt wohl sein?

Hat sich ein Wolfspaar erst einmal gefunden, dann bleiben sie in den meisten F├Ąllen auch bis an ihr Lebensende zusammen. Der R├╝de umsorgt seine W├Âlfin insbesondere w├Ąhrend der letzten Wochen ihrer Schwangerschaft und zeigt sich als liebevoller Vater, wenn die Kleinen schlie├člich auf der Welt sind. Er besorgt das Futter f├╝r die immer hungrige Familie und ist auch sonst auf das Wohl seiner Sippe bedacht.

Einauge legte keinen Familiensinn an den Tag. Er war ein in jeder Beziehung ungew├Âhnlicher Wolf, vielleicht war er nicht einmal das.

In unmittelbarer Nachbarschaft der H├Âhle zog ein Finkenpaar in ihr frischgebautes Nest ein, fest entschlossen, ebenfalls Nachwuchs in die Welt zu setzen. Der Finkenhahn unterhielt seine Gemahlin tags├╝ber mit den sch├Ânsten Liedern aus seinem reichhaltigen Repertoire. Hoch am blauen Himmel, manchmal kaum zu erkennen, flog der Adler seine ewigen Kreise. Bald w├╝rden die H├Ąnge im strahlenden Wei├č der Schneerose leuchten.

Die Sonne stand schon hoch und brauchte viel Zeit f├╝r ihren Tagesreigen. Ihre warmen Strahlen zehrten rasch den restlichen Schnee auf.
Die W├Âlfin brachte vier gesunde Welpen zur Welt. Schnell wuchsen die Kleinen heran. Einer fiel dem Betrachter besonders ins Auge. Kr├Ąftiger als seine Geschwister, dr├Ąngte er sich erster ans Ges├Ąuge und bestimmte, wann gespielt oder gerauft wurde. Er hatte dichtes, schwarzes Fell und nur ein Auge.
Ein neuer Rudelf├╝hrer war geboren.

Einauge wurde nicht mehr gesehen. Weder in diesem Teil des Landes, noch in den Nachbarregionen tauchte er je wieder auf. Sah es mit dem Tod des Hundes zuerst nach einem Sieg des B├Âsen aus, so war damit ein Unentschieden erreicht. Boris hatte seine Aufgabe erf├╝llt. Der Schwarze Wolf blieb verschwunden.

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flammarion
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eine

richtig gute geschichte.
lg
__________________
Old Icke

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