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Leselupe.de > Erzählungen
Das Fächerspiel
Eingestellt am 28. 01. 2006 16:13


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Charlene
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Fächerspiel


Anstatt des Gedrängels und des Murrens, das sich sonst immer breit machte, wenn er schwerfällig in die Straßenbahn einstieg und sich mit langsamen, unsicheren Schritten einen freien Platz am Fenster suchte, herrschte heute eine eigenartige, dickflüssige Stille. Kein Rufen, das ihn aufforderte, sich doch mal ein bisschen zu beeilen oder – wie er sich manchmal teils amüsiert, teils gekränkt ins Gedächtnis rief – seine morschen Knochen lieber gleich auf den Friedhof karren lassen. Auch kein ungeduldiges Schieben und Drücken von hinten, sondern nur Menschen, die sich hinter ihm brav und erschöpft in Reih und Glied aufstellten und dumpf ausharrten., wie es sonst nur die Engländer freiwillig taten.
Der Sitz, auf den er sich setzte, war hart und unbequem und er wusste kaum, wohin er seine Füße stellen sollte, so dicht drängten sie die Leute in den Bus hinein, gerade als ob sie es nicht erwarten konnten, auszuprobieren, wie sich eine Sardine in der Dose fühlte und das, obwohl es so heiß und feucht heute war. Es schien, als ob allein der Gedanke bei diesen tropischen Temperaturen auch nur wenige Schritte zu Fuß gehen zu müssen, eine extravagante Unzumutbarkeit wäre.
Dicht an dicht standen und saßen sie, als sich die Straßenbahn in Bewegung setzte und wo sonst das Auf und Ab des Getuschels den Waggon erfüllte, war heute nur ein dicke, kokonartige Stille, die alles in sich aufsog. Ab und zu ein leises Stöhnen, dann und wann ein Seufzen, waren alle Laute, die die Menschen um ihn von sich gaben, während er kerzengerade auf seinem Sitz saß, so wie man es vielleicht von einer Primaballerina erwartet hätte, oder von einem Soldaten, der beim Exerzieren stramm stehen musste. Auf die Haltung kam es ihm an, denn es war wichtig eine gute Figur zu machen, auch wenn seine Zeit beim Militär schon längst vorüber war. Manchmal dachte er noch daran, nicht oft, aber zuverlässig und leise kamen sie immer, die Stunden, in denen seine Gedanken zurückwanderten, sich Erinnerungen einschlichen und dann wieder verblassten. Nicht der Drill und die Disziplin kamen ihm dann in den Sinn, das hatte er nie gemocht, nur die Kameradschaft, das Lachen und die Witze, die sie einander erzählt hatten, waren noch farbig und frisch, wie mit einer glänzenden Lackschicht überzogen in seiner Erinnerung, während der Rest verschwamm, ineinander überging und nur ein gräulicher Nebel und der Hauch einer Ahnung von den anderen, weniger teueren Erfahrungen zurückblieb. Denn meist streifte er nur die Oberfläche dieser Erinnerungen, aber in seltenen Momenten genügte das, um dennoch die anderen hervorzurufen. Wie die sachten Wellen, die ein strauchelnder Vogel verursacht, wenn er im Sturzflug mit einem Flügel das Wasser streift und sich erst im letzten Moment wieder fangen kann und wieder hoch in die Lüfte steigt, so wie diese Wellen irgendwann das Ufer erreichen, tauchte dann auch bei ihm das Bewusstsein auf, dass die meisten dieser Kameraden, die vor seinem inneren Auge lachten und strahlten, nicht wieder nach Hause zurückgekehrt waren und welches Glück er gehabt hatte. Glück, dass er jetzt in dieser Straßenbahn sitzen konnte, eingekeilt zwar, aber das machte ihm nichts aus. Genauso wie das Dröhnen der Autos auf den Straßen draußen, das Quietschen wenn die Straßenbahn hielt und auch das sanfte Stöhnen und Seufzen um ihn herum nur gedämpft, wie durch eine dicke Moosschicht, an sein Ohr drang und ihn nicht wirklich behelligte, weil es nicht bis in sein Bewusstsein gelangte.
Er saß einfach nur gerade da, mit seinem braunen Anzug, den geschlossenen, schwarzen auf Hochglanz polierten Lederschuhen, der eleganten Krawatte und dem braunen Hut, auf den er selbst bei einer Hitze wie der heutigen nie verzichten konnte. Abwesend drehte er den schmalen, goldenen Ring am Ringfinger seiner rechten Hand.
An jeder Station wurden die Statisten um ihn herum ausgetauscht, schlurften zu den Türen, flossen zähflüssig aus der Straßenbahn hinaus, bis ein Strom neuer Fahrgäste hineinschwappte. Kaum einer sprach ein Wort. Die, die das Glück gehabt hatten, einen Sitzplatz zu ergattern, saßen einfach nur matt da und starrten mit halboffenen Mündern gerade aus. Diejenigen, die stehen mussten, hielten sich an den Schlaufen fest, schwangen im Rhythmus der Straßenbahn hin und her und blickten mit leeren Augen auf den Rücken ihres Nachbarn. Selbst zum Reden fehlte die Kraft. Die Hitze, die sich um alles wie ein dicker Pelzmantel hüllte, forderte ihren Tribut von Allen – bildete er es sich nur ein, oder klang sogar die automatische Stimme, die jede Haltestelle ansagte, weniger kantig als sonst, verschwommener und schlaffer? Wirklich interessierte es ihn nicht, seine Gedanken stoben auseinander und sammelten sich dann doch wieder alle bei dem Gegenstand in seiner Jacketttasche, der ihm durch den Stoff auf der Haut zu brennen schien, um ihm sein Brandzeichen aufzudrücken. Gebrandmarkt für sein Leben. Steifer waren sie geworden, seine Finger, seit dem Tag, als er ihn das erste Mal aufgehoben hatte und jetzt bereitete es ihm immer mehr Mühe, den Fächer aus seiner Jacketttasche herauszuholen. Abwesend fuhr er mit den rauhen Fingerkuppen über die Holzschnitzereien an den Seiten, erkannte das Muster blind, so oft hatte er schon darüber gestrichen, so oft hatte er in diesen Momenten schon gemeint, die Sehnsucht nicht mehr ertragen zu können.
Nächster Halt, diesmal stiegen mehr Leute aus, als hinterher wieder hineinströmten. Er hatte mehr Platz, konnte seine Arme und Hände bewegen, ohne dabei andere zu berühren. Langsam, andächtig glitt sein Blick über den Fächer in seiner Hand, dann öffnete er ihn mit einer einzigen, plötzlichen Handbewegung. Sein ganzes Blickfeld verringerte sich auf das feine, blutrote Gewebe, mit seinem geschwungenen Muster, das sich in der Luft vor ihm ausgebreitet hatte, und sehr vorsichtig begann er, sich langsam Luft zuzufächern. Kein noch so kühles Wasser hätte seine glühende Haut besser abkühlen, seinen angespannten Nerven größere Linderung verschaffen können. Er schloss die Augen und genoss es, den sanften Luftzug auf seinem Gesicht zu spüren, der in jede einzelne Pore einzudringen schien, ihn von innen heraus erfrischte und für einen kurzen Augenblick jedes Gefühl von Selbst verschwinden ließ, um einen Moment lang nur zu sein. Fast widerwillig öffnete er wieder die Augen und ließ seinen Blick abwesend durch den dicht besetzten Waggon schweifen, doch der Fächer war das Einzige, was seine Aufmerksamkeit fesseln konnte. Das Rot des zarten Stoffes schnitt ihm jedes Mal, wenn er es sah, direkt ins Herz und drang immer tiefer in ihn ein, ein schmerzhafter Stachel, der sich so tief in sein Fleisch gebohrt hatte, dass er nicht mehr entfernt werden konnte, ohne das Herz selbst dabei zu zerstören. Ab und zu fragte er sich dann, ob es damals nicht doch ein Fehler gewesen war, den Fächer aufzuheben und erst recht, ihn zu behalten.
Noch drei Stationen. Er registrierte es nebenbei, ohne dem Gedanken wirkliche Beachtung zu schenken, denn er fragte sich, wie es möglich war, dass ein einziger Augenblick vor langer Zeit zum Inhalt seines gesamten Lebens hatte werden können, das Schwelgen in der Erinnerung daran zu seiner einzigen Freude und es nun nichts Köstlicheres gab, als das Holz des Fächerrahmens mit seinen rauhen Fingern ertasten zu können. Es war die Hitze heute gewesen, die ihn aus dem Haus gelockt, ihn dazu veranlasst hatte, sich auf den Weg zum Friedhof zu machen. Denn wenn es heiß war, brauchten die Blumen dort viel Wasser, damit sie nicht eingingen. So dünn wie ein feines Seidentuch war diese Erklärung und hielt einer näheren Betrachtung genauso tapfer stand wie ein Stück Papier einer frisch geschliffenen Schere. Wie eine unsichtbare Schnur hatte sich die Hitze um seine Handgelenke gewickelt, ihn aus dem Haus gezogen und gezerrt, stolpernd und taumelnd, aber er war nicht in der Lage gewesen ihr zu widerstehen. Das hatte er noch nie geschafft und auch wenn er es sich nicht eingestehen wollte, wusste er tief drinnen, dass er ihr eigentlich gar nicht widerstehen wollte.
Er sah mit leerem Blick durch die schlierige Scheibe, nahm nur ein Farbenmeer wahr, das an ihm vorbeizog. Keine scharfe Kontur, kein einziges Detail drang zu ihm vor, denn jede Faser seines Körpers klebte an dem Bild, das sich unversöhnlich in seinem Gedächtnis eingraviert hatte. Jede einzelne Falte ihres weißen Kleides mit den schwarzen Tupfen konnte er sehen, jeden einzelnen Punkt erkennen, die grazilen Beine, die schwarzen glänzenden Pumps... Ein Strahlen schien von ihr auszugehen, dass ihre Umgebung zu dunklen, ungenauen Schemen verkümmern ließ. Sie hatte die Augen auf die Tür gerichtet, erwartungsvoll und sehnsüchtig. Auch damals war es so unerträglich heiß gewesen. Ein Tag, an dem die Luft vor Hitze flirrte und die Umgebung wie ein Aquarell aussah, bei dem der Maler zu viel Wasser erwischt hatte. Es roch süßlich, nach Schweiß und nach Parfums in den verschiedensten Blumendüften, überlagert von schweren Aftershaves. Die Luft stand, bewegte sich nicht und fühlte sich an wie ein zähe Masse, die einen umgab und jede Bewegung zu einer Überwindung werden ließ. Ein schmieriger Film legte sich auf die Haut, bedeckte jeden Quadratzentimeter, drang in jede Pore ein. Alles schien zu erlahmen. Die Menschen auf den Straßen liefen langsamer, jeder Schritt war ein Kampf, der die Schweißschicht auf den Körpern nur noch dickflüssiger werden ließ. Selbst das Sehen war anstrengend und sogar das Nichtstun forderte die Kondition heraus. Auch damals war er in der Straßenbahn gesessen, aber in einem fremden Land, dessen Sprache gerade erst begann, ihm ihre Geheimnisse preis zu geben. Während draußen die Ewige Stadt an ihm vorbeigezogen war, hatte sein ganzes Wesen vor Aufregung vibriert, als er sie beobachtet hatte wie sie ihm gegenüber saß. In ihrem rabenschwarzen Haar hatte die Sonne gefunkelt und feurig glühende Lichtreflexe glitzern lassen. Ihr schmales Gesicht mit den dunklen Augen, den langen Wimpern und den leicht geöffneten, roten Lippen war ihm wie eine göttliche Verkündung erschienen. Und während alle Anderen der Hitze erlagen und zu bewusstseinslosen vegetierenden Geschöpfen wurden, hatte sie Kühle und Ruhe ausgestrahlt. Kein Schweißtropfen hatte auf ihrer Oberlippe gestanden, keine geröteten Wangen dem Rot ihrer Lippen Konkurrenz gemacht. Wie viele andere Frauen im Waggon hatte auch sie einen Fächer in der Hand gehalten und sich Luft zu gefächert, doch gegen ihre Grazie waren ihm die Bewegungen der anderen plump und abgehackt vorgekommen – eine Elfe umgeben von schwerfälligen Golems.
Er war nicht in der Lage gewesen, sich zu bewegen, kein sinnvolles Wort kam ihm in den Sinn, seine Augen waren fixiert auf sie. Es war eine Art Trance gewesen, die von ihm Besitz ergriffen hatte, die ihn nicht losließ, bis die Straßenbahn an der nächsten Station hielt und ein strahlendes Lächeln sie noch mehr einem Engel gleichen ließ. Er hatte geglaubt, sein Herz würde zuerst stillstehen und dann in Tausende von Splittern zerspringen und nur ein hohles Gefühl blieb zurück, als sie aufsprang, in ihrer Eile ihren Fächer fallen ließ und zu den Türen rannte. Der Mann, der sie dort auf der Straße in die Arme schloss, hatte für ihn weder ein Gesicht, noch hätte er sagen können, welche Haarfarbe, ob er groß oder klein gewesen war. Einzig der Klang seiner Stimme war ihm im Gedächtnis geblieben und rang ihm an diesem Tag unablässig im Ohr: „Renata!“ Nur dieses einzige Wort war es gewesen, bestimmt nicht für ihn, sondern für sie allein und doch war es neben dem Fächer sein wertvollster Besitz. Die Straßenbahn war weitergefahren und er hatte sich nicht bewegt, kein Gedanke war bis in sein Bewusstsein vorgedrungen. Er war allein von dem Gefühl erfüllt gewesen, soeben das Kostbarste verloren zu haben, das Heiligste, was es überhaupt gab. Ganz automatisch war er aufgestanden, mit unsicheren Schritten bis zu ihrem Sitz gelaufen und hatte den Fächer aufgehoben. Ganz automatisch hatte er ihn in seine Tasche eingesteckt, sich ganz automatisch auf ihren Platz gesetzt und mit starren Augen aus dem Fenster gesehen, während er deutlich spürte, dass sich etwas in ihm veränderte, ver-rückt wurde, sich tief in ihm verschob. Sie hatte ihn nicht gesehen, nicht einmal bemerkt und dennoch fühlte er, dass er sein Innerstes vor ihr bloß gelegt, ein immerwährendes Band zwischen ihnen geknüpft und so fest verknotet hatte, dass selbst der Gordische Knoten dagegen wie der ungeschickte Versuch eines Kindes wirken musste. Ein Knoten, den nicht einmal Alexanders Schwert zu trennen vermochte. Wenn er an heißen Tagen wie heute in der Straßenbahn fuhr, begann selbst die Zeit, all die Tage, an denen er nach ihr gesucht, die Wochen, in denen er sich nach ihr gesehnt und vor Sehnsucht krank im Bett gelegen hatte, die Monate, in denen er an nichts und niemand anderen als an Renata hatte denken können und schließlich die Jahre, die seit diesem Moment vergangen waren, sie alle begannen zu schmelzen und zu zerfließen und hörten schließlich auf zu existieren. Saß sie ihm denn nicht genau in diesem Augenblick gegenüber, hatte ihm ihr Profil zugewandt und strich sich mit der linken Hand ihr weißes Kleid glatt, während sie in der anderen ihren Fächer hielt?
Die Straßenbahn hielt. Er musste aussteigen. Vorsichtig faltete er den Fächer wieder zusammen, umklammerte ihn mit beiden Händen und fühlte sich Renata in diesem Moment so nah, dass er fast ihre Gegenwart, ihren kühlen Atem auf seinem Gesicht zu spüren glaubte. Aber allein die Gewissheit, die Nähe zu ihr immer noch empfinden zu können, war eine Erleichterung für ihn, die ihn vergessen ließ, wie unsicher seine Schritte mittlerweile waren, als er nun langsam auf seinen Stock gestützt die Straßenbahn verließ, wie runzlig seine Hände, mit denen er ihren Fächer liebkoste. Doch nur an solchen Tagen wie heute, wenn es so heiß war wie damals und die Luft zu Honig wurde, die alles mit einer goldenen Schicht überzog, war er dazu noch in der Lage und genau deswegen hatte er sich heute überhaupt erst auf den Weg gemacht und sein Haus verlassen, war hinausgegangen aus dem dunklen Zimmer mit den zahlreichen Fotos an der Wand – Fotos, die ihn noch mit vollem schwarzen Haar und zusammen mit seiner Frau zeigten, die früher als das schönste Mädchen der Gegend gegolten hatte und von allen Anderen um ihr schimmerndes blondes Haar beneidet worden war. Viele der Bilder hingen schief, aber er hatte nicht mehr die Kraft, sie gerade zu rücken. Der Beutel mit dem kleinen Rächen und der kleinen Schaufel hing immer fertig gepackt an der Garderobe, neben dem hölzernen Spazierstock, ohne den er den Weg zur Haltestelle nicht mehr schaffte und auf den er sich auch jetzt stütze, als er endlich ausstieg und langsam die Straße überquerte.
Das schmiedeeiserne Gitter der Friedhofspforte stand weit offen und da an Mariä Himmelfahrt die Gräber natürlich herausgeputzt und geschmückt sein sollten, herrschte ein reges Kommen und Gehen. Der gerade Kiesweg, der direkt zum Grab seiner Frau führte, lag jedoch verlassen und im Schatten der großen Eichen und Linden vor ihm. Der Kies knirschte laut unter seinen Schuhen, sein Ehering scheuerte leicht auf den Holzgriff seines Stockes, und jeder Schritt fiel ihm schwerer als der davor, denn der Fächer in seiner Tasche schien an Gewicht zuzunehmen und ihn in die Tiefe ziehen zu wollen. Er hielt einen kurzen Moment inne und versuchte, ruhig zu atmen und diese lähmenden Gedanken aus seinem Kopf zu verdrängen. Er dachte an die Blumen, die er gießen und an die schwarze Erde, die er ordentlich rechen wollte und der Druck, der auf ihm gelastet hatte, begann sich langsam aufzulösen und in kleinen durchsichtigen Bläschen aus ihm hinauszuströmen. Er gab es nicht zu, aber manchmal, so wie heute, schämte er sich, weil er das Grab seiner Frau nur besuchte, um einen Vorwand zu haben, mit der Straßenbahn fahren zu können und auf diese Weise Renata nahe zu sein. Doch meist, so wie heute, verschwand diese Scham genauso schnell wie der Tod seiner Kameraden aus seinem Bewusstsein - so wie die Wellen, die der taumelnde Vogel verursacht, das Ufer erreichen, ohne eine sichtbare Spur zu hinterlassen.



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Nieselregen
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Hi


Hallo Charlene,

Ich habe diese Geschichte, mit ihrer schwermütigen Stimmung, sehr genossen. Die bildhafte Sprache und die vielen originellen Metaphern gefielen mir sehr gut.
Den Anfang allerdings, bis dahin wo der rote Fächer ins Spiel kommt, empfand ich als zu lang. Ich würde hier etwas kürzen.
Von da an, als die Dame auftaucht wird die Geschichte spannend und wird durch den m.E. sehr gelungenen Schluss so richtig schön rund.
Was mir noch aufgefallen ist: Ab und zu sind deine Sätze recht lang und verzwickt.

Gruß
Nieselregen
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Wenn es einen Glauben gibt, der Berge versetzen kann, so ist es der Glaube an die eigene Kraft.

Marie von Ebner-Eschenbach

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Charlene
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Hallo Nieselregen!

Vielen Dank für deine Antwort - freut mich, dass dir meine Geschichte gefallen hat.
Das mit den langen, verzwickten Sätzen ist mir auch schon aufgefallen und ich habe - bevor ich die Geschichte hier veröffentlicht habe - auch schon ein paar zerstückelt. Den Rest habe ich drin gelassen, weil ich damit irgendwie die Stimmung und die "Zähigkeit" der Hitze unterstreichen wollte. Werde sie aber noch mal auf Verständnisschwierigkeiten durcharbeiten.
Dass der Anfang ein bisschen zu lange ist, habe ich mir auch schon gedacht. Aber ich weiß ehrlich gesagt nicht, was ich streichen sollte, da der Anfang vor allem dazu dient, die Grundstimmung - die Hitze, die Trägheit der Leute, die Schwerfälligkeit etc. - zu vermitteln. Aber vielleicht ist es ja ein bisschen zu viel des Guten.

Tschüs,

~Charlene~
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annaps
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Hallo Charlene,
eine schöne Liebesgeschichte! Ich stimme Nieselregen zu: Etwas zu ausführlich. Die vielen Menschen in der Straßenbahn spielen eigentlich keine so große Rolle in der Geschichte. Schon eher die Schwüle, die Hitze! Und was haben die Engländer in einer Geschichte mit !Renata! verloren? Oder war der alte Herr auf Gibraltar? Übrigens: An dem Wort Jackettasche habe ich mir die Zunge gestoßen. Jackentasche geht mir besser über Lippen. Ist aber nur mein Sprachenverständnis.
Ansonsten: Eine schöne Geschichte (betrügt seine Frau noch nach ihrem Tode, wirklich!)
Liebe Gruesse, Anna

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Charlene
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Hallo annaps,

schön, dass dir meine Geschichte gefallen hat und vielen Dank für deine Antwort!
Gibt es irgendwelche speziellen Stellen, von denen du meinst, dass ich sie kürzen könnte?

Tschüs,

~Charlene~
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HFleiss
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Das Fächerspiel

Ich versuche mal, die Handlung zusammenzukriegen: Ein alter Mann, schon gebrechlich, fährt mit der Straßenbahn auf den Friedhof, zum Grab seiner Frau. Es herrscht Gedrängel, es ist heiß in der Bahn. Plötzlich erinnert er sich einer anderen Straßenbahnfahrt. Während des Krieges war er als Soldat der Wehrmacht in Uniform durch Rom gefahren (wichtig, erwähne es). Er erinnert sich stereotyp und nostalgisch seiner Militärzeit in Italien, eben wie einer, der nichts verstanden hat, außer dass Soldaten im Krieg fallen können. Ihm war damals eine schöne Italienerin aufgefallen, die beim Aussteigen ihren Fächer verlor und von der er nur den Namen weiß: Renata – weil ein anderer Mann sie so angesprochen hatte. Er kann die Erinnerung an sie nicht vergessen, er trägt den Fächer seit Jahrzehnten bei sich, sie war ihm das Heiligste, das ihm jemals begegnet war. (Warum, erklärst du nicht) Nach dem Krieg hat er in Deutschland geheiratet. Die Straßenbahnfahrt ist zu Ende, er geht auf den Friedhof.

Du hast dich bemüht, die Geschichte in einem melancholischen Grundton zu erzählen, das finde ich gelungen. Aber dadurch, dass du vieles nicht beim Namen nennst, nämlich dass er ein ungeliebter, von der Bevölkerung nach all den Verbrechen der SS verhasster deutscher Soldat in Italien war, bleibt die ganze Geschichte im Allgemein-Menschlichen, das heißt im Vagen. Das finde ich schade, denn der Stoff eignet sich für weitaus mehr. Nun habe ich aber auch meine Schwierigkeiten mit der Glaubwürdigkeit der Geschichte. Nach Jahrzehnten noch (!) trägt er den Fächer einer Unbekannten mit sich herum wie eine Reliquie. Wenn ich das als gegeben nehme, dann erwarte ich aber auch das Motiv dafür. Und das kann nur darin bestehen, dass er sich in diesem Moment über Zusammenhänge klar geworden war, für deren reinstes Zeichen eben Renata stand. Aber dazu sagst du nichts. Sonst nämlich wäre mir die Sache mit dem Fächer, ehrlich gesagt, nicht erklärlich.

Ein wenig Schwierigkeiten habe ich auch mit deinen Vergleichen. Er fährt durch Rom, und da fällt ihm Alexander der Große mit dem Gordischen Knoten ein. Alexander war aber meines Wissens nie in Rom. Ein Problem muss nicht immer gleich der Gordische Knoten sein, siehst du das ein? Ein Vergleich muss also auch irgendwo einen Bezugspunkt haben, selbst wenn ich großmütig allgemein Antike zugrunde lege. Einige Vergleiche ufern zu sehr aus. Zum Beispiel: „Denn meist streifte er nur die Oberfläche dieser Erinnerungen, aber in seltenen Momenten genügte das, um dennoch die anderen hervorzurufen. Wie die sachten Wellen, die ein strauchelnder Vogel verursacht, wenn er im Sturzflug mit einem Flügel das Wasser streift und sich erst im letzten Moment wieder fangen kann und wieder hoch in die Lüfte steigt, so wie diese Wellen irgendwann das Ufer erreichen, tauchte dann auch bei ihm das Bewusstsein auf ...“
Das ist nicht nur überhaupt zu lang. Etwas muss sich auch nicht unversöhnlich ins Gedächtnis eingravieren, es reicht, wenn es sich einprägt. Schemen müssen auch nicht immer dunkel sein, finde was Anderes, Treffenderes. (Etwas) rang an diesem Tag unablässig im Ohr: Renata! Das ist, finde ich, ein bisschen komisch. Aber das hattest du doch nicht beabsichtigt. Solche klischeehaften Ausdrücke habe ich mehrmals in deinem Text gefunden.

Mach was aus der Geschichte, es ist ein guter Stoff, wenn du ihn richtig anpackst.

Hanna

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