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Leselupe.de > Erzählungen
Das Fenster zum Hof
Eingestellt am 10. 03. 2003 13:42


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Silke_Honert
Routinierter Autor
Registriert: Feb 2003

Werke: 8
Kommentare: 1
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Das Fenster zum Hof

Er hatte das Bild zuerst im Tr√∂delladen an der Ecke gesehen. Immer wenn er bei seinem t√§glichen Spaziergang am Laden vorbeigekommen war, hatte er innegehalten, um fasziniert den wunderbaren Ausblick zu genie√üen, den das gemalte Fenster auf den gemalten Hof bot. Nat√ľrlich hatte er das Bild nicht gekauft‚Äď wie h√§tte er so etwas Wunderbares auch in seiner d√ľsteren Wohnung aufh√§ngen k√∂nnen? Doch wie bitter war die Entt√§uschung f√ľr ihn gewesen, als das Gem√§lde pl√∂tzlich verschwunden war. Verkauft an einen anderen, der von nun an die traumhafte Aussicht genie√üen w√ľrde. Doch nichts geht f√ľr immer verloren und als das Bild ein halbes Jahr sp√§ter im Antiquariat, in dem er ab und zu nach neuem Lesestoff st√∂berte, wieder auftauchte, hatte er es spontan gekauft. Der neue Verk√§ufer hatte ihn mit seinen kohlschwarzen Augen intensiv angesehen und ihn gefragt, ob er sicher sei, dass er unbedingt dieses Bild kaufen wolle. Der merkw√ľrdige, stechende Blick des Mannes war ihm unangenehm gewesen, doch jetzt hing das Fenster zum Hof in seinem Wohnzimmer an der Wand und ersetzte ihm das echte Fenster, mit dem Blick auf den sch√§bigen Hinterhof.

Er hatte nicht lange gebraucht, um herauszufinden, dass das Gem√§lde in jeder Hinsicht etwas Besonderes war. Vielleicht brauchte es erst einen alten Mann wie ihn, der stundenlang die sch√∂ne Aussicht bewunderte, um sein Geheimnis zu offenbaren. Jeden Tag ver√§nderte sich die Sicht auf den Hof. Zuerst hatte man im linken Bildausschnitt den Springbrunnen mit den tanzenden Elfen gesehen und rechterhand die Bank aus silbrig schimmerndem Marmor, umgeben von einer Wolke aus herrlich bl√ľhenden Pflanzen in Farben, die er so nie zuvor gesehen hatte. Doch mittlerweile hatte das Bild den Blick auf einen verzauberten Garten preisgegeben, in dem ein Bach floss und Kolibris durch die Luft tanzten. Und auch die Traumwelt selbst ver√§nderte sich. Blumen bl√ľhten auf und verbl√ľhten wieder um von anderen ihrer Art ersetzt zu werden. Wolken zogen √ľber den azurblauen Himmel und mit ihnen phantastische V√∂gel, die seine Vorstellungskraft bei Weitem √ľbertrafen.

Einem j√ľngeren Mann w√§ren die Vorg√§nge im Bild vielleicht unheimlich vorgekommen, doch wenn man erst ein bestimmtes Alter erreicht hatte, h√∂rte man auf sich zu wundern und lernte, dankbar f√ľr die Magie des Lebens zu sein. Nat√ľrlich machte er immer noch jeden Tag seinem gewohnten Spaziergang durch die Stadt, traf sich hin und wieder zum Boule spielen mit einigen Bekannten im Park und suchte im Antiquariat nach neuen Geschichten, doch das Bed√ľrfnis seiner Wohnung zu entkommen, hatte nachgelassen, zumal es f√ľr ihn immer beschwerlicher wurde, am Leben au√üerhalb seiner vier W√§nde teilzunehmen. Manchmal beschlich ihn ein ungutes Gef√ľhl. Wenn im Park aus dem lauen L√ľftchen pl√∂tzlich ein eisiger Wind zu werden schien, der ihm in die Knochen fuhr und ihm eine Botschaft √ľbermittelte, die er nicht entschl√ľsseln konnte. Wenn er pl√∂tzlich aus den Augenwinkeln eine dunkle Gestalt wahrzunehmen glaubte, die sich ihm einfach nicht zeigen wollte. Dann glaubte er zu sp√ľren, dass etwas Unausweichliches auf ihn zukam und empfand Angst.

Nicht jedoch, wenn er die Aussicht aus dem Fenster zum Hof, der jetzt ein Garten geworden war, genoss. Er war nicht √ľberrascht, als er pl√∂tzlich auch Ger√§usche aus dem Bild wahrnehmen konnte. Und was waren das f√ľr Ger√§usche! Das lustige Pl√§tschern des Baches, der phantastische Gesang der V√∂gel und der Wind, der √ľber diesen wunderbaren Ort strich. Neuerdings bewegte sich, Tag f√ľr Tag ein bisschen mehr, ein herrlicher t√ľrkisfarbener See in den Bildausschnitt. Auf diesem See, der von riesigen alten Weiden umgeben war, konnte er ein Boot ausmachen, in dem eine einzelne Person sa√ü. Er konnte nicht erkennen, ob sie vielleicht angelte, oder sich einfach nur ausruhte, doch er zweifelte nicht daran, dass er es erfahren w√ľrde.

So traumhaft das Gem√§lde war, so wenig verwunderlich war es, dass er sich sehns√ľchtig zu w√ľnschen begann, auch ein Teil dieses Bildes zu werden, einfach die Hand auszustrecken, in die Farben einzutauchen und die Welt, die ihm schon lange nichts mehr bedeutete gegen die einzutauschen, die sich innerhalb des Bilderrahmens befand. Wenn er vorsichtig die Leinwand ber√ľhrte, √ľberkam ihn ein merkw√ľrdiger Schwindel und er war sich sicher, dass seine Finger tats√§chlich ein wenig im Bild verschwanden.

Manchmal warf er dann einen langen, traurigen Blick auf die Photos, die auf dem alten Eichenschrank standen und die geliebte Menschen zeigten, die lange nicht mehr lebten, und auf denen gl√ľckliche Augenblicke aus l√§ngst vergangenen Zeiten eingefangen waren. Dann w√ľnschte er sich, dass diese Bilder genauso lebendig w√§ren, wie das Gem√§lde. Schlie√ülich bem√ľhte er sich, die Photos nicht mehr anzusehen, da er in diesen Momenten h√§ufig das unheimliche Gef√ľhl hatte, dass ihm jemand √ľber die Schulter sah und er zu sp√ľren meinte, dass ein kalter Hauch √ľber seine Haut strich.

Stattdessen konzentrierte er sich lieber auf das Gem√§lde, so als k√∂nne seine Vorstellungskraft bewirken, dass sich die Szenerie schneller ver√§nderte. Nach einigen Tagen, war der See bereits so nahe, dass er die wilden Schw√§ne darauf erkennen konnte. Auch das Boot war n√§her herangekommen, doch er konnte die Person darin immer noch nicht erkennen. Dennoch kam sie ihm merkw√ľrdig vertraut vor. Am darauf folgenden Tag machte er seinen letzten Spaziergang. Im Park, der immer sein Lieblingsort gewesen war, kamen ihm alle Farben tr√ľbe vor, die Stimmen der Menschen zu schrill und obwohl es fast schon zu warm war, fror er erb√§rmlich. Es machte ihm nichts aus, seine Wohnung so gut wie nicht mehr zu verlassen. Er hatte ja das Bild.

Dann kam der Tag, an dem er die Person im Boot erkennen konnte. Lautlos weinend stand er vor dem Gem√§lde und konnte vor lauter Tr√§nen das Gesicht seiner geliebten Frau kaum erkennen. Doch das machte nichts, hatten sich ihre Z√ľge doch schon vor langer Zeit f√ľr immer tief in seine Erinnerung eingegraben. Sie trug das wei√üe Kleid, das er immer so an ihr gemocht hatte und den alten zerfransten Strohhut. Selbst die r√∂tlichen Locken, die vorwitzig unter dem Hut hervorlugten, waren genauso, wie er sie in Erinnerung hatte. Er war froh, dass sie an so einem sch√∂nen Ort war und bedauerte mehr denn je, ihr nicht in das Bild folgen zu k√∂nnen. Er lie√ü das magische Bild jetzt kaum noch aus den Augen, konnte sich nicht satt sehen. Wenn er ganz nahe davor stand, sp√ľrte er einen sanften, warmen Wind, der ihm √ľber das Gesicht strich.

Wie an jedem Tag, genoss er auch am n√§chsten Morgen den wunderbaren Ausblick auf den See und wieder glaubte er wahrzunehmen, dass er nicht allein war und er schlang die Arme um seinen d√ľnnen Oberk√∂rper um die K√§lte zu vertreiben. Pl√∂tzlich bemerkte er Bewegungen am gegen√ľber liegenden Ufer des Sees. Dort waren Menschen, die ihm zuwinkten! Er lie√ü seine Augen zwischen diesen Menschen und der zierlichen Frau im Boot hin und herwandern und pl√∂tzlich kannte er die Antwort auf die Frage, die er im Geiste schon lange formuliert hatte, ohne es sich einzugestehen.

Er wusste jetzt, wer die Menschen am anderen Ufer waren. So wie er wusste, wer die Person war, die sich seit geraumer Zeit in seiner N√§he aufhielt und ihm √ľber die Schulter schaute, die ihm jetzt jedoch keine Angst mehr machte. Er drehte sich nicht um. Stattdessen streckte er ein letztes Mal die Hand aus, um das Bild zu ber√ľhren und diesmal sp√ľrte er keinen Widerstand.

‚ÄěSchmitz & T√∂rz ‚Äď Haushaltsaufl√∂sungen und Entr√ľmpelungen‚Äú stand auf dem schmutzigen, wei√üen Lieferwagen in der Hofeinfahrt. Mehrere M√§nner trugen den gesamten Hausrat aus einer der Wohnungen im vierten Stock, in der k√ľrzlich ein alter Herr verstorben war, von dem die meisten Mieter nicht einmal den Namen gekannt hatten. Schon merkw√ľrdig, woran alte Leute so h√§ngen, dachte eine Frau die am Fenster ihrer Wohnung im Erdgeschoss stand und das h√§ssliche, verblichene Bild betrachtete, das ein Fenster mit Blick auf einen schmutzig-grauen See zeigte, und das zur Verladung an den Lieferwagen gelehnt stand. Noch merkw√ľrdiger war allerdings der junge Mann mit den Kohleaugen und dem traurigen L√§cheln, der pl√∂tzlich aus dem Nichts aufgetaucht war und darum bat, das Bild mitnehmen zu d√ľrfen.


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Waldemar Hammel
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Ich bin von dieser Geschichte sehr angetan, denn sie hat "etwas" von Hans-Christian Andersen...(z.B. "Das Mädchen mit den Schwefelhölzern")
Sensibel in der Wortwahl, nirgends zu dick aufgetragen und mit dem gelungenen Hauch des Magischen, weil sie zwei Erklärungen offenhält: (1) Es gibt diesen Mann mit den Kohleaugen wirklich/ (2) Der Protagonist erlebt, ohne es zu bemerken, die häufige Alterkrankheit der Dehydration, welche in Halluzinationen (im Text zuerst optischen, dann auch akustischen) und einem schnellen Tod endet.

Ich w√ľrde mich auf weitere Texte dieser Art freuen.

(Frage: Gibt es den Titel "Das Fenster zum Hof" nicht bereits?)

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Parsifal
Guest
Registriert: Not Yet

Das Fenster zum Hof

Hallo Silke,

großartig - solche Geschichten möchte ich öfter lesen!
Genau wie Waldemar habe ich zuerst an Andersen gedacht, aber nicht an das M√§dchen mit den Schwefelh√∂lzern, sondern an "Ole Luk-Oie", der den kleinen Hjalmar in ein Bild hineinf√ľhrt und ihn wundersame Geschichten erleben l√§√üt.

Danke!
Parsifal

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