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Leselupe.de > Erzählungen
Das Flöz - Folge 4
Eingestellt am 28. 10. 2002 21:01


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doktordigitalis
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Nach einer Vorlesung hatte Sebastian den Professor kurz über seine Idee informiert und um einen Termin gebeten. Der Professor war interessiert und kam zur verabredeten Zeit ins Ärmel hoch, einem Lokal in der Bannmeile des Hauptbahnhofs. Sebastian winkte den Professor an seinen Tisch und bestellte zwei Kölsch. „Na, dann erzählen Sie mal“, begann der Professor. „Ich hatte die Idee, aus einem stillgelegten Bergwerk einen Unterhaltungs- und Freizeitpark aufzubauen, mit integrierten Bars, Bühnen, virtuellen Räumen, und Rennstrecken. Gefälle gibt es ja satt und genug.“ Der Professor nickte automatisch: „Ja, und?“ „ Ich plane z.B. in bestimmten Räumen Sitzgruppen, die von innen her leuchten. Oder besser gesagt, sie fluoreszieren unter einer virtuellen Wasserfontäne. Musik aller Stilepochen wird in den Stollen abgespielt. In den alten Loren und Arbeitsbahnen werden Lautsprecher eingebaut, die vom Flüstern bis hin zum Orchester-Tutti alle Klang-Events bieten, die Festplatten in der Lage sind aufzunehmen.“ Der Professor prustete in sein Altbier: „Na, Sie haben ja tolle Ideen! Wenn ich Ihnen da mit der einen oder anderen Berechnung helfend unter die verschwitzten Unternehmerarme greifen darf, lassen Sie es mich wissen.“

„Also, hören Sie, Proff! Darauf einen Bulgakow!“ Die hemdsärmelige Bemerkung stach wie eine Lanze in den Stolz des Professors. Er zupfte am Ärmel seines dünnen Tweedjackets. „Wie haben Sie sich das alles gedacht?“ In seine Skepsis mischte sich allerdings die Ahnung, dass in dem Bergwerk auch für ihn eine Chance lag. „Was glauben Sie, ist die Gesamtlänge der Schachtstrecken im Berg?“, fragte er tastend. Sebastian schaute nach links oben rechnete still. „Ich schätze so 15 bis 18 Kilometer kriegen wir zusammen!“ Der Professor murmelte etwas von exponieren. Nachdenklich gelöst gab er zu: „Ja, das Projekt könnte mich interessieren.“

Zur Bekräftigung schnupfte er elegant mit perfekt abgestelltem Ellbogen eine duftige Prise aus seinem Döschen. „Hhhhhaaattschiii..... bummm“ machte Sebastian eine Explosion nach. Er lachte. „Das war ein Gag aus der Zeit vor der Methangasgehaltmessung untertage“. „Ach ja“ grinste der Professor, „die Messungen waren eingeführt worden, nachdem beim Schnupftabakschniefen ein Kumpel zu heftig genießt hatte. Das gab eine Schlagexplosion, die kilometerweit zu hören war.“

„Das bringt mich auf eine Idee“, sagte Sebastian und löste seinen Blick von den figürlichen Vorzügen der Kellnerin. „ Man könnte ja solche künstlichen Wetter planen. Dazu müsste man kontrollierte Magnesium-Explosionen auslösen, wobei dann noch Duftstoffe in verschiedenen Farben und anregende Substanzen mit ausgestoßen werden könnten.“ „Klingt knifflig“, warf der Professor ein. „Aber wozu haben wir denn die Wissenschaft! Schafft sie mir herbei die Fachmänner!“ grinste Sebastian und schnallzte die Bedienung herbei, bei der er noch eine Lage Bulgakov und Bier bestellte und dann tranken sie auf das Du.

Sebastian kam in Fahrt: „Wir könnten besonders hübsche Kellnerinnen und knackige Aufwarteboys klonen“. „Die dürften dann allerdings die Quittungen nicht mit der Originalsignatur versehen“, schmunzelte der Professor. Sebastian klopfte mit dem Bierdeckel auf den Tisch. „In Klon-Bars könnten wir Gäste erschrecken, indem sie von identischen Kellnern umringt, sich Fragen stellen lassen müssten wie: Geht es ihnen gut? Wie heißen Sie? Wohin wollen Sie? usw.“ Der Professor nickte bedenklich: „Ob wir das durchkriegen?“

Sebastian schwärmte unbeirrt weiter. „In galaktisch ausgeleuchteten Ruhezonen in mildem Blau werden wir die Kandidaten in die Lage versetzen, sich von ihren eigenen Wünschen foppen zu lassen. Wie finden Sie ....äh wie findest du das?“ Der Professor trocken: „Ja, die Kandidaten können sich ohne die behindernden Apparaturen des frühen Cyber-Space ausagieren.“ Begeistert nickte der Student: „In grünlich beleuchteten Arealen werden wir dann direkt in die Gehirne anderer Personen eindringen, seien sie Zeitgenossen oder Personen der Zeitgeschichte.“ Der Professor lachte: „Bis jetzt waren ja nur Dschingis-Khan, Napoleon und der Oberbürgermeister von Frankfurt zugänglich, gell!“ „Die Programmierer werden Tag und Nacht beschäftigt sein, wie die Schreiber von Soaps. Na, ist doch eine tolle ABM-Maßnahme“, schwadronierte Sebastian. „Wöchentlich werden Rätsel gelöst, Preise verliehen, und die besten interaktiven Spielzüge prämiert. Und für Grufties machen wir Themenparties.“ „Dazu lassen wir das Wort Fernziel ab und zu an den Wänden auftauchen, und keiner wird wissen, was gemeint ist.“

Der Professor schaute auf die Uhr und griff nach seinem Mantel. Im Aufstehen sagte er: „Ja, niemand geht mehr in irgendein Nagel-, Fitness- oder Tennisstudio, weil man dies alles im Flöz - all inclusive - erledigen kann. Du, ich muss los. Die Rechnung geht auf mich. Komm morgen zur Vorlesung, und danach will ich Dir was zeigen.“ Sebastian schlug in die gegerbt-ledrige Wissenschaftlerhand. „Also, bis morgen.“

*

Gourmeuse
Mercola Gentilini hangelte sich von einem Fortbildungsseminar zum nächsten. Sie flirtete gerne mit dem Wissen. Aber sie ließ auch keine Party aus. Unterstützt vom prismatisch aufglitzernden Wurf ihrer kupferfarbenen Haare, der seinerseits verschämt die Frage nach ihrer Sekundärbehaarung aufkommen ließ, war sie darauf verfallen, bei Bedarf luderig zu sein. Der Blick ihrer grünblauen Augen konnte Sebastian ins Bodenlose fallen lassen.

Einerseits war sie so etwas wie die wissenschaftliche Prinzessin auf der Erbse, andererseits hatte sie stets einen Schlafsack im Kofferraum, einen kombinierten Gleitfallschirm-Zelt-Luftmatratzen-Hängematten-lagerfeuergeprüften Schlafsack mit eingenähter Vorwärmflasche dabei. Das Problem war nur: ihre Wirkung auf Männer. Mehrere Selbstmordandrohungen mussten ausgehöhlt und Heiratsvermittlungsversprechungen gebrochen werden.

Als Sebastian sie das erste Mal traf, scheuerte er über das rauhe Tuch der Distanz, doch fand er bald ihr Interesse und während Sätze hin und her flogen studierte er ausgiebig ihr Gesicht. Sie hatte den Teint der Rothaarigen. Wenn sie die aufglitzernde Kupferflut über die Schulter warf, und mit den sich unter dem Pulli abzeichnenden Brüsten wieder auffing, klatschten sämtliche Hormone in Sebastian Beifall. Ihre glossig roten Lippen hoben die kleine Warze an der Oberlippe zu stark hervor. Für das Annähern der Hände hatte sie keine Sensoren.

In einem unachtsamen Moment hatte sich Ungeduld in Sebastians Blick geschlichen, der plötzlich offen ausdrückte, was er begehrte. Erschrocken kostete sie diesen Blick mit der Spitze ihrer Sehnerven. Unwillig kaute sie auf dem Bissen. Sie zuckte mit dem Mantel, und ließ es nicht zu, dass seine Hand ihre Haarkonturen nachzeichnete. Es galt herauszufinden, ob sie bemannt oder beweibt war. „Hey, umschwärmt werden, umschwirrt.....“ ihr Lachen gurrte durch den Raum, “geneckt, begagt, beleckt und befleckt werden. Das ist es ! Den Hof und den Vorhof gemacht bekommen...“ Sebastian wartete gespannt auf die Fortsetzung. „Und weißt du, sich die Rosinen rauspicken zu können, das ist schon was für Gourmets!“ Er schaute ihr frech ins Auge: „Du meinst wohl Gourmeusen“. Über diesen Witz hinwegstolpernd, suchte sie ihren Weg ins nächtliche Ruhrgebiet.

*
Nach diesem Treffen baggerte Sebastian sie nicht mehr an. Er ließ nur seinen Vulkan höher köcheln, wenn sie in der Nähe war. Und wenn sie wegging, rief er ihr manchmal etwas hinterher. Etwas, das sie schmunzeln machte. Dann schwang sie noch leichtfüßiger davon. Er wusste, dass er Geduld aufwenden musste. Außerdem verriet ihm der Blick in den Spiegel, das er sich mal wieder zur Retousche bei Alfred begeben müsste, einem befreundeten Visagisten, der Haare zum Stehen und Gäste zum Gehen bewegen konnte.

*

Der Professor zog den Studenten in sein Arbeitszimmer. „Komm, ich muss dir was zeigen.“ Er öffnete die vor Büchern ächzende Schrankwand, und geduckt gelangten sie in den angrenzenden Raum, seinem Laboratorium. Der Professor schaltete einen Monitor ein und klickte ein paar Befehle in den Rechner. Sebastian zog sich einen Stuhl heran, und starrte auf die simulierten Vorgänge des Teilchenbeschleunigers. Der Zoom auf einen Protonencrash löste widerstreitende Gefühle in ihm aus. „Und nun schau hin“, lehnte der Professor sich zurück.

Der spiralige Wirbel um einen Zusammenstoß beschleunigte sich zusehends. „Jetzt hat er gleich 9/10 Lichtgeschwindigkeit erreicht. Achtung, jetzt!“ „ Ja, aber wo .........wo sind sie .....?“ Die Teilchen hatten sich aufgelöst! Er drehte sich zum Professor: „Neh, nä! Das ist nicht wahr!“ „Doch! Jetzt weißt Du´s, Sebastian“ Er schaltete den PC ab. „Ich muss dieses Modell nur noch in real bauen, und weißt du wo: in unserem Bergwerk!“ Sebastian sagte leise „Danke Mercola!“ „Was sagst du?“ „Ach nichts. Ich bin nur froh, dich gefragt zu haben, ob du mitmachst! Aber sag: Werden wir es schaffen?“ „Werden wir es beginnen wäre die richtigere Frage“, gluckste der Professor.


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