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Leselupe.de > Erzählungen
Das Foto
Eingestellt am 26. 07. 2006 10:53


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Das kleine k
Hobbydichter
Registriert: Jul 2006

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Das Foto

Mein Vater starb vor meiner Geburt. Daher wohnte ich mit meiner Mutter alleine in einer kleinen Wohnung in einer großen Stadt.
Urspr√ľnglich stammte meine Mutter aus einem weit entfernten Dorf, wo ihre Familie auch immer noch lebte und die ich kaum je sah. Meine ganze Welt bestand, bis ich in die Schule kam, haupts√§chlich aus meiner Mutter und mir.

Meine Mutter ‚Äď oder besser gesagt, meine Mutter und ich, denn ich wuchs damals bereits in ihrem Bauch heran ‚Äď waren aus dem entlegenen Dorf in die gro√üe Stadt gezogen, weil meine Mutter ‚Äěwegen der Schande‚Äú, wie sie sagte, nicht dort bleiben konnte. Mein Vater starb n√§mlich nicht nur vor meiner Geburt, sondern auch vor der Hochzeit mit meiner Mutter. Und sobald sich abzuzeichnen begann, dass meine Mutter mit mir schwanger war, fing das Getuschel an. Mit ihrer Schwangerschaft wurde klar, dass meine Mutter zu den Frauen geh√∂rte, die ‚Äěihre Beine nicht zusammenhalten‚Äú konnten, so dr√ľckte meine Mutter das aus. Die Menschen hatten nicht viel f√ľr solche Frauen √ľbrig, und am wenigsten hatten die Menschen in dem Dorf, aus dem meine Mutter stammte, f√ľr solche Frauen √ľbrig. In der Stadt war die Meinung dazu zwar keineswegs gro√üartig anders, doch dort kannte zumindest nicht jeder jeden.

Wenn in der Stadt Leute fragten, wo denn mein Vater sei, erzählte meine Mutter bloß, dass er vor meiner Geburt gestorben sei. Dass er auch vor ihrer Hochzeit mit ihr gestorben war, erwähnte sie nicht, so dass die Leute automatisch annahmen, sie sei verwitwet. Es war kurz nach dem Krieg, daher war daran nichts besonderes. Niemand bohrte nach, wie mein Vater gestorben war. Und meine Mutter offenbarte nichts weiter, als dass er tot war.

Nur mir gegen√ľber erz√§hlte sie oft Geschichten √ľber meinen Vater. Meine Lieblingsgeschichte war die, wie meine Eltern sich kennengelernt hatten. ‚ÄěEs war an einem Tag im Winter‚Äú, pflegte meine Mutter die Geschichte zu beginnen. ‚ÄěIn den Wochen zuvor war es bitterkalt gewesen, doch an diesem Tag ‚Äď und auch schon an einigen Tagen zuvor ‚Äď war es w√§rmer. So warm, dass der Schnee zu einem ekligen Matsch zusammenschmolz und das Eis auf dem Bach, der am Dorf vorbeifloss, zu tauen begann. Ich ging am Bach entlang spazieren, aus dem Dorf heraus und in den nahe gelegenen Wald hinein. Zuvor hatte ich mich mit meiner Schwester gestritten. Es war bestimmt ein ganz alberner Streit; ich kann mich nicht erinnern, worum es ging.‚Äú
An dieser Stelle hielt sie immer nachdenklich inne, und auch ich wurde nachdenklich - allerdings aus anderen Gr√ľnden. W√§hrend meine Mutter dar√ľber nachzugr√ľbeln schien, √ľber was sie blo√ü mit ihrer Schwester gestritten haben k√∂nnte, dachte ich dar√ľber nach, wie es wohl w√§re, √ľberhaupt eine Schwester zu haben, mit der man streiten konnte. Oder einen Bruder; ich war nicht w√§hlerisch, was das betraf. Gleichwohl ich mich nicht ernsthaft irgendwelchen Illusionen hingab, ich k√∂nnte irgendwann einen Bruder oder eine Schwester haben, besch√§ftigte mich der Gedanke, wie es w√§re, wenn ich doch kein Einzelkind w√§re, oft sehr stark. Was die M√∂glichkeit betraf, meine Mutter k√∂nne ein weiteres Kind zur Welt bringen: Sie hatte mir gegen√ľber oft genug klar gemacht, dass ein Kind f√ľr sie vollkommen ausreichend war. Ich kann gar nicht z√§hlen, wie oft sie zu mir gesagt hat: ‚ÄěEs gibt M√ľtter, die sind f√ľr f√ľnf Kinder gemacht, und welche, die sind f√ľr zehn Kinder gemacht. Ich bin eben nur f√ľr ein Kind gemacht.‚Äú Das war eine unab√§nderliche Tatsache in unser beider Leben. Als ich √§lter wurde, ging mir schlie√ülich auch auf, dass mein Einzelkind-Dasein nicht nur in der Theorie meiner Mutter begr√ľndet lag, sie sei daf√ľr geschaffen, die Mutterschaft f√ľr ein Kind, und nur ein Kind, zu √ľbernehmen, sondern auch schlicht und ergreifend im Mangel an einem potentiellen Vater f√ľr weitere Kinder. Und als ich noch √§lter wurde, wurde mir ebenfalls bewusst, dass meine Mutter bestimmt einen Mann f√ľr diese Rolle h√§tte finden k√∂nnen, wenn sie nur gewollte h√§tte. Sie war sehr jung gewesen, als ich geboren wurde, und sie war wirklich eine h√ľbsche Frau; das sah man sogar noch, als sie langsam alt wurde. Aber sie wollte eben nicht, und somit waren meine Gr√ľbeleien, wie es wohl w√§re, mit Geschwistern aufzuwachsen, m√ľ√üig.

Wenn meine Mutter dann genug erfolglos dar√ľber nachgesonnen hatte, worum es in dem Streit mit ihrer Schwester gegangen war, setzte sie ihre Geschichte fort. Falls ich es dann noch nicht geschafft hatte, mich aus meinen eigenen Gedankengespinnsten zu befreien, machte das auch nicht viel aus, denn meine Mutter erz√§hlte die Geschichte immer gleich, so dass ich mich leicht an jeder beliebigen Stelle wieder hineinfinden konnte. ‚ÄěWoran ich mich aber gut erinnern kann, ist, dass ich sehr w√ľtend auf meine Schwester war, und in meiner Wut kaum auf meine Umgebung achtete. Ich stapfte einfach nur vor mich hin, dachte √ľber den Streit und meine Wut nach und steigerte mich immer mehr hinein. Als ich endlich aufblickte, stellte ich fest, dass ich schon sehr weit gegangen war. Viel weiter, als ich gedacht und auch eigentlich beabsichtigt hatte; so weit, dass ich gar nicht mehr so recht wusste, wo ich war. Wei√üt du, damals waren die W√§lder noch sehr viel dichter als heute, und besonders in der Gegend, wo ich aufgewachsen bin, gab es sehr viele dunkle, tiefe und dichte W√§lder. Wenn man nicht aufpasste, konnte man sich in so einem Wald glatt verlaufen, so wie in dem M√§rchen von H√§nsel und Gretel. Au√üerdem gab es damals auch noch sehr viel mehr Tiere in den W√§ldern, nicht blo√ü ein paar Kaninchen und hier und da ein Wildschwein oder einen Fuchs. Es gab auch W√∂lfe und B√§ren und Luchse; Tiere, vor denen man sich schon ein bisschen in Acht nehmen musste.
Jedenfalls war ich ziemlich weit in den Wald eingedrungen, und die Dunkelheit schlich sich schon langsam heran. Allerdings merkte ich bald, dass es nicht nur die Dunkelheit war, die sich heranschlich. Ich h√∂rte ein Knacken und Rascheln im Wald; ich h√∂rte, dass da irgendein Tier war, dass ich nicht allein war. Doch so sehr ich meine Augen auch anstrengte, ich konnte das Tier nicht sehen. Bis dahin war mir noch nicht besonders mulmig zumute gewesen. Ich war ja die ganze Zeit dem Bach gefolgt, so dass ich leicht wieder zur√ľck nach Hause finden konnte, indem ich einfach umdrehte und am Bach entlang zur√ľckging. Das mit dem Tier jedoch war eine andere Sache. Zwar hielten die meisten Tiere sich von Menschen eher fern und waren recht scheu, doch gerade in einem langen, bitteren Winter, wenn sie Schwierigkeiten hatten, Futter zu finden, kam es durchaus vor, dass zum Beispiel ein B√§r auch mal einen Menschen anfiel. Die Leute im Dorf erz√§hlten immer wieder davon, wer alles bei Angriffen von Wildtieren in den W√§ldern schwer verletzt oder gar get√∂tet worden war. Kein Wunder, dass mir jetzt Angst und Bange wurde! Ich wusste gar nicht so richtig, was ich jetzt tun sollte. Ein bisschen albern kam ich mir auch vor. Blo√ü, weil ich im Wald ein paar Ger√§usche h√∂rte, nahm ich gleich das Schlimmste an und machte mir vor Angst fast in die Hose. Es konnte schlie√ülich genau so gut nur ein Kaninchen sein, dass da herumhoppelte, oder der Wind, der die Ger√§usche verursachte. Beinahe hatte ich mir das schon selbst eingeredet und mich wieder beruhigt, da sah ich auf einmal, was die Ger√§usche verursacht hatte. Es war nicht der Wind gewesen, und auch kein Kaninchen. Es war nicht einmal nur ein einziges Tier gewesen. Auf einmal sah ich mich umkreist von einem ganzen Rudel W√∂lfe!‚Äú

So oft ich die Geschichte auch schon geh√∂rt hatte, an dieser Stelle lief es mir doch immer kalt den R√ľcken hinunter. Wahrscheinlich lag das auch an der faszinierenden Vorstellung, der Gefahr in Gestalt von wilden, hungrigen Tieren zu begegnen. Als Stadtkind wusste ich, dass man sich vor Autos, Bussen und Stra√üenbahnen in Acht nehmen musste, und dass auch unter den Menschen allerlei Gesindel war, das Schlechtes im Sinn hatte und dass man sich daher tunlichst von Fremden fernhielt und einsame Gegenden, besonders in der Dunkelheit, mied. Die einzigen gef√§hrlichen Tiere, die ich je gesehen hatte, waren jedoch die L√∂wen und Tiger und Eisb√§ren im Zoo, und die waren gut eingesperrt, so dass die Gefahr, die von ihnen ausging, eher derjenigen von einem unheimlichen Buch glich: Man hatte zwar immer ein bisschen Angst, doch man hatte auch stets die beruhigende Gewissheit, dass einem nichts passieren konnte. Ganz anders war das, wenn man so einer Gefahr auf einmal von Angesicht zu Angesicht gegen√ľberstand! Ich klammerte mich an die Hand meiner Mutter, die an dieser Stelle des Effektes wegen gern eine weitere Pause einlegte, und hoffte, dass es bald endlich weitergehen w√ľrde, auch wenn ich schon wusste, was geschehen w√ľrde.

‚ÄěZwar hatte mein Vater mir immer wieder erkl√§rt, wie man sich in einer solchen Situation verhalten sollte‚Äú, fuhr meine Mutter fort. ‚ÄěIn diesem Moment jedoch war ich einfach nur wie gel√§hmt vor Schreck, mein Kopf war wie leergefegt. Das einzige, was mir in den Sinn kam, war, die Beine in die Hand zu nehmen und wegzulaufen. Gleichzeitg war mir aber auch klar, dass mir das wohl nicht viel helfen w√ľrde. Die W√∂lfe waren ganz bestimmt schneller als ich, und sie waren, im Gegensatz zu mir, nicht allein. Zudem hatten sie sich so um mich herum verteilt, dass mir jeder Fluchtweg versperrt war. Ich konnte nur zum Bach, und das traute ich mich wiederum nicht, da das Eis durch das pl√∂tzliche Tauwetter so d√ľnn geworden war, dass ich nicht sicher war, ob ich nicht einbrechen w√ľrde. Und au√üerdem, was sollte die W√∂lfe hindern, mir auf das Eis zu folgen? Sie w√ľrden sich dort zwar vielleicht etwas schwieriger bewegen k√∂nnen als auf festem Boden, aber das gleiche galt schlie√ülich auch f√ľr mich; es w√§re also kein Vorteil f√ľr mich, sondern w√ľrde die Situation, wenn √ľberhaupt, eher zu meinem Nachteil ver√§ndern. Ich war wirklich ratlos und sicher, dass es jetzt zu Ende war mit mir. Es kam mir in den Sinn, wie traurig es war, dass ich mich jetzt nicht wieder mit meiner Schwester auss√∂hnen konnte, und auch sonst fielen mir auf einmal jede Menge Sachen ein, die ich unbedingt noch tun wollte.
Die W√∂lfe sahen wirklich gef√§hrlich aus, und auch hungrig, wie ich fand. Ich konnte f√∂rmlich sehen, wie ihnen das Wasser im Maul zusammenlief bei dem Gedanken an die gro√üartige Mahlzeit, die ich abgeben w√ľrde. Mittlerweile zitterte ich vor Angst, ich wusst nicht aus noch ein. Doch pl√∂tzlich, als ich die Hoffnung, ich k√∂nnte irgendwie heil aus dieser Situation herauskommen, schon vollst√§ndig aufgegeben hatte, peitschte ein Schuss durch die Dunkelheit. Die W√∂lfe sahen sich beunruhigt um. Es gab gen√ľgend J√§ger in den W√§ldern, dass sie wussten, was dieses Ger√§usch bedeutete. Und auch wenn keiner von ihnen getroffen worden war, packte sie nun ihrerseits die Angst. Sie hielten noch einen kurzen Augenblick inne, √ľberdachten wohl die Lage. Dann begannen sie klugerweise ihren R√ľckzug.‚Äú

Hier g√∂nnte meine Mutter dem geneigten Zuh√∂rer ‚Äď also mir ‚Äď eine weitere Pause. Die unmittelbare Gefahr war vorbei, die Anspannung fiel von mir ab. Gleichzeitig wollte ich unbedingt, dass sie weitererz√§hlte; dass sie endlich aufdeckte, woher der Schuss gekommen war und was weiter geschah. Nicht, dass ich nicht auch das bereits gewusst h√§tte. Aber mir war aus unerkl√§rlichen Gr√ľnden immer, als k√∂nne die Geschichte ausgerechnet dieses Mal eine andere Wendung nehmen. Daher war dies auch die einzige Stelle, an der ich meinerseits etwas sagte. ‚ÄěErz√§hl weiter!‚Äú, dr√§ngte ich meine Mutter und wackelte nerv√∂s mit den F√ľ√üen.

Und meine Mutter erbarmte sich nat√ľrlich. ‚ÄěAls die W√∂lfe nicht mehr zu sehen waren, sp√ľrte ich, wie mein Herzschlag sich wieder beruhigte, wie ich langsam wieder klar denken konnte. Ich sah mich um, wo der Schuss wohl hergekommen war. Lange brauchte ich nicht zu suchen, denn ein junger Mann, etwa in meinem Alter, kam hinter den B√§umen hervor. In diesem Moment war ich fest davon √ľberzeugt, niemals einen sch√∂neren Menschen gesehen zu haben. Wie sich mit der Zeit herausstellte, blieb diese √úberzeugung, war nicht nur durch die Tatsache begr√ľndet gewesen, dass dieser junge Mann mir gerade das Leben gerettet hatte. Denn von nun an sollten wir uns √∂fter sehen.‚Äú Noch eine Pause, winzig, fast unmerklich. Dann, mit einer Stimme, in der eine unglaubliche Bedeutsamkeit mitschwang: ‚ÄěDieser junge Mann war dein Vater.‚Äú

Oh, wie ich diese Geschichte liebte! Sie pr√§gte meine Vorstellung davon, wie ich einmal in ferner Zukunft die Frau f√ľrs Leben finden w√ľrde. Nicht schn√∂de auf einem Fest, bei der Arbeit, gar in der Schlange beim Einkaufen ‚Äď nein, nichts geringeres konnte geschehen, als dass ich ihr das Leben retten w√ľrde. Oder, schr√§nkte ich mit der Zeit ein, ihr zumindest in einer schwierigen Lage beistehen und helfen w√ľrde. Die M√∂glichkeiten, hier, mitten in der Stadt, in die Situation zu geraten, einem anderen Menschen das Leben zu retten, schienen mir doch sehr eingeschr√§nkt, so dass ich mich wahrscheinlich damit w√ľrde zufrieden geben m√ľssen. (Passiert ist es dann nat√ľrlich ganz anders, aber das hat mit dem, was ich erz√§hlen will, nichts zu tun.)

Meine Mutter hatte nicht nur eine Menge Geschichten √ľber meinen Vater, mit denen sie mir zeigen konnte, was f√ľr ein wundervoller Mensch er gewesen war ‚Äď und das belegten alle Geschichte, wenn auch keine so dramatisch war wie die Geschichte des Kennenlernens meiner Eltern ‚Äď, es gab auch ein Foto von ihm, das meine Vorstellung von ihm vervollst√§ndigte. Das Bild stand auf dem Nachttisch meiner Mutter, und ich sa√ü oft auf ihrem Bett und sah es mir gedankenversunken an. Stellte mir vor, wie es wohl w√§re, wenn er noch bei uns w√§re. Oder wenn er wenigstens nicht vor, sondern erst einige Zeit nach meiner Geburt gestorben w√§re, so dass ich zumindest eine eigene Erinnerung an ihn h√§tte, statt nur der Erz√§hlungen meiner Mutter.

Das war auch die einzige Sache √ľber meinen Vater, zu der meiner Mutter nicht einmal mir gegen√ľber etwas sagte: Seinen Tod. Ein einziges Mal hatte ich es gewagt, sie danach zu fragen. Sie hatte mich angeschaut mit einem Blick, der mir deutlich machte, dass es nicht ratsam w√§re, diese Frage noch ein weiteres Mal zu stellen, und nur einen einzigen Satz gesagt: ‚ÄěEr ist verblichen, und das ist alles, was du wissen musst.‚Äú √úberhaupt kann ich mich nicht erinnern, dass sie, auch anderen Leuten gegen√ľber, den Tod meines Vaters jemals mit anderen Worten ausgedr√ľckt h√§tte. Immer nur: ‚ÄěSein Vater ist vor seiner Geburt verblichen.‚Äú Oder: ‚ÄěDer Junge hat keinen Vater; er ist schon vor langer Zeit verblichen.‚Äú Und so sehr es mich auch √§rgerte, dass nichts n√§heres √ľber die Umst√§nde zu erfahren war, unter denen mein Vater zu Tode gekommen war, finde ich doch bis heute, dass diese Beschreibung die allerbeste ist, die es gibt, wenn jemand gestorben ist. Denn ist es nicht ein Wort, das genau auszudr√ľcken vermag, was passiert, wenn jemand stirbt: verblichen? Am Anfang sind die Erinnerungen daran, wie der Verstorbene war, wie er aussah, noch frisch und lebendig. Wie ein gerade entwickeltes Foto, das nur so gl√§nzt und schillert vor lauter Farben. Doch wenn die Zeit vergeht, verblassen die Erinnerungen langsam und tauchen immer seltener in den Gedanken auf. Sie verbleichen, genau wie das Foto, wenn es √§lter wird und man es nur noch selten hervorkramt, um es zu betrachten. Irgendwann wei√ü mann vielleicht nicht einmal mehr genau, wer all die Leute auf dem Foto sind. Und man ist sich auch mit seiner Erinnerung an den Verblichenen nicht mehr sicher. Wie war das noch, als diese und jenes passierte? Und welche Augenfarbe hatte er noch mal? Sie verschwindet nicht ganz, die Erinnerung, doch sie wird immer blasser und blasser.

Unvermeidlich kam dann schlie√ülich der Moment, in dem die traute Zweisamkeit, in der meine Mutter und ich lebten, zerst√∂rt wurde. Ich musste zur Schule, und wurde damit zum ersten Mal in meinem Leben von ihr getrennt. Es fiel mir anf√§nglich sehr schwer, die schier endlosen Stunden ohne sie durchzustehen. Mit der Zeit gew√∂hnte ich mich jedoch daran, fand ein paar Freunde in der Schule, ging schlie√ülich, wenn auch nie gerne, so doch zumindest gleichm√ľtig hin.

Und einer dieser Freunde sollte es schlie√ülich sein, der mir zu Erkenntnissen √ľber meinen Vater verhalf, wie es meine Mutter mit all ihren Geschichten √ľber ihn nie getan hatte. Er fand es nicht nur ungemein faszinierend, dass ich keinen Vater mehr hatte ‚Äď das war, wie gesagt, nicht unbedingt ungew√∂hnlich zu der Zeit und traf auf einige andere Jungen auch zu ‚Äď, sondern viel mehr noch faszinierte ihn die Tatsache, dass ich auch noch nie einen Vater gehabt hatte. Gebannt lauschte er den Geschichten √ľber meinen Vater, die ich mich bem√ľhte, auf dieselbe Art und Weise weiterzuerz√§hlen, wie ich sie unz√§hlige Male von meiner Mutter geh√∂rt hatte. Und eines Tages reichten ihm die Geschichten nicht mehr. ‚ÄěHast du nicht ein Foto von deinem Vater?‚Äú, fragte er. Als ich nickte, bedr√§ngte er mich, das Foto doch einmal mitzubringen, damit er es sich ansehen konnte. Er best√ľrmte mich so lange, bis ich schlie√ülich nachgab und versprach, zu versuchen, das Foto von meiner Mutter unbemerkt mit in die Schule und danach wieder zur√ľck auf den Nachttisch zu schmuggeln.

Und eines Morgens gelang es mir tats√§chlich, es mitzunehmen. An diesem Tag wollte meine Mutter, w√§hrend ich in der Schule war, einige Dinge in der Innenstadt erledigen. Sie hatte einzukaufen, musste zum Arzt ‚Äď es w√ľrde den ganzen Vormittag dauern. Daher verlie√üen wir gemeinsam das Haus und sie versprach mir, mich sp√§ter von der Schule abzuholen, damit wir zusammen wieder nach Hause gehen konnten. Als wir schon vor der T√ľr standen, sagte ich meiner Mutter, ich h√§tte ein Buch vergessen. ‚ÄěDann lauf schnell und hol es. Ich warte hier auf dich‚Äú, sagte sie, genau, wie ich es erwartet hatte. In Wirklichkeit hatte ich nat√ľrlich all meine B√ľcher bei mir. Ich flitzte rasch in das Schlafzimmer meiner Mutter, nahm dort das Foto vom Nachttisch und legte es vorsichtig in meine Schultasche.

In der gro√üen Pause in der Schule schaute ich das Bild lange an, bevor ich es an meinen Freund weiterreichte. Es zeigte einen wirklich au√üergew√∂hnlich sch√∂nen jungen Mann, der in die Kamera l√§chelte, dass seine Z√§hne nur so blitzten ‚Äď das konnte man sogar auf der Schwarz-Wei√ü-Fotografie erkennen.
Nachdem ich meinem Freund das Foto gegeben hatte, warf der nur einen fl√ľchtigen Blick darauf, bevor er meinte: ‚ÄěAnton, das ist nicht dein Vater.‚Äú Ungl√§ubig starrte ich ihn an. ‚ÄěWie meinst du das?‚Äú, presste ich hervor. ‚ÄěSiehst du dir nie Filme im Kino an?‚Äú Stumm sch√ľttelte ich den Kopf. Meine Mutter sagte immer wieder, dass die Filme im Kino die Menschen nur dumm und tr√§ge machten und dass sie mir deshalb nicht erlaubte, mir welche anzusehen; ich vermutete allerdings, dass uns auch das Geld dazu fehlte. Mein Freund erkl√§rte mir, dass der Mann auf dem Foto ein ber√ľhmter Schauspieler sei, von dem ich bis dahin allerdings noch nichts geh√∂rt hatte. Und dieser Schauspieler war keineswegs tot, und ganz sicher war er nie in dem kleinen Dorf meiner Mutter gewesen und hatte ihr dort das Leben gerettet. Er war Amerikaner, und er war, wie mein Freund zu berichten hatte, auch immer nur in Amerika gewesen.

Bevor meine Mutter mich an diesem Mittag von der Schule abholte, warf ich das Foto in eine der M√ľlltonnen an der Schule. Befriedigt sah ich, wie das Glas splitterte. Ich wusste nun, dass meine Mutter mich angelogen hatte, was meinen Vater betraf, und war tief entt√§uscht.

Ich habe nie mit meiner Mutter dar√ľber gesprochen, was an diesem Tag geschehen war. Allerdings bin ich sicher, dass sie es wusste. Das Foto war weg, und ich bat sie nie wieder, eine Geschichte √ľber meinen Vater zu erz√§hlen. Sie hat keine dieser beiden Tatsachen je auch nur mit einem Wort erw√§hnt. Ich wei√ü nicht, ob sie darauf gewartet hat, dass ich sie fragte, wer denn nun wirklich mein Vater gewesen war. Ob er vielleicht noch lebte. Warum sie mir nicht die Wahrheit erz√§hlt hatte. Keine dieser Fragen habe ich ihr je gestellt.

Inzwischen frage ich mich all diese Dinge auch selbst nicht mehr. Meine Mutter ist schon seit Jahren tot, ich habe selbst eine Familie. Es ist nicht mehr wichtig, wer mein Vater war. Wenn mich jemand nach meinen Eltern fragt, sage ich, dass sie beide tot sind. Und vor dem Tod meiner Mutter erw√§hnte ich nur, dass mein Vater vor meiner Geburt gestorben war. Das reicht den Leuten vollkommen, sie fragen nicht weiter nach. Nicht einmal meine Frau hat weiter nachgefragt; bestimmt hat sie meinen Unwillen gesp√ľrt, mehr zu erz√§hlen.

Manchmal jedoch, wenn ich in der Nacht im Bett liege und nicht schlafen kann, denke ich dar√ľber nach, ob meine Mutter wirklich geglaubt hat, was sie mir √ľber meinen Vater erz√§hlt hat. Ich werde es nie erfahren, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass sie tats√§chlich daran glaubte.

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nobody
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Hallo kleines k,
wenn Du so weiter schreibst, wird wohl bald ein gr√∂√üeres K aus Dir werden. Gut fand ich den ersten Satz, weil er mich neugierig machte; gut fand ich auch die gewisse Distanz, mit der der Ich-Erz√§hler die Sache r√ľber bringt, und gut finde ich auch, wie anschaulich (und ohne Larmoyanz) die Situation der ledigen M√ľtter und unehelichen Kinder in der damaligen Zeit geschildert wurde.
Manche Passagen erschienen mir ein wenig sehr ausf√ľhrlich, zum Beispiel diese Reflexionen zur Frage "Einzelkind oder mehrere Kinder?" und die "Wolfsgeschichte". Aus eigener Erfahrung wei√ü ich, wie schwer das K√ľrzen und Streichen liebgewordener Formulierungen sein kann - aber meistens lohnt es sich.
Gruß und Willkommen in der Leselupe
Franz

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Das kleine k
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Vielen Dank! Ich werde mir deine K√ľrzungsvorschl√§ge auf jeden Fall zu Herzen nehmen und mal schauen, wovon ich mich so trennen kann... ;-))

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