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Leselupe.de > Erzählungen
Das Gespräch in der Wüste [aus
Eingestellt am 08. 02. 2007 16:52


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AaronCaelis
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[G2]Das Gespräch in der Wüste

Genesis2 - Das Gespräch in der Wüste

Um Silvester 2001/02 herum entstand diese Szene aus dem Genesis2-Zyklus. Es handelt sich dabei um eine neue Version der Wüstenszene aus dem Neuen Testament, in der Jesus von Satan in Versuchung geführt wird. Ebenso wie im "Original" widersteht Jesus auch diesmal, nur ist die Szene hier ein wenig detaillierter als in der Bibel beschrieben und auch bei den Charakteren wird man einen Unterschied zur Originalvorlage erkennen. Viel Spaß beim Lesen!

quote:
Originaltext, Lutherbibel:

Da wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt, damit er von dem Teufel versucht würde. Und da er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte ihn. Und der Versucher trat zu ihm und sprach: Bist du Gottes Sohn, so sprich, dass diese Steine Brot werden. Er aber antwortete und sprach: Es steht geschrieben (5. Mose 8,3): «Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.» Da führte ihn der Teufel mit sich in die heilige Stadt und stellte ihn auf die Zinne des Tempels und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so wirf dich hinab; denn es steht geschrieben (Psalm 91,11-12):

«Er wird seinen Engeln deinetwegen Befehl geben; und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.» Da sprach Jesus zu ihm: Wiederum steht auch geschrieben (5. Mose 6,16): «Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen.» Darauf führte ihn der Teufel mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit und sprach zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest. Da sprach Jesus zu ihm: Hebe Dich weg von mir, Satan! Denn es steht geschrieben (5. Mose 6,13): «Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen.» Da verließ ihn der Teufel. Und siehe, da traten Engel zu ihm und dienten ihm."





Das Gespräch in der Wüste
2002-01-02-MI-0400-0800MEZ

Es ist eine klare, kalte Sommernacht über der Wüste. Eine Gestalt, in einem dunklen Umhang gehüllt, steht alleine da und wartet. In ihrer linken Armbeuge trägt sie lose eine Decke. Da vorne kommt schon ein junger Mann, auf den die Gestalt gewartet hat. Er kommt von der Stadt und er sieht recht mitgenommen aus, wie nach einer langen Wanderung. Der junge Mann blickt auf den Boden und achtet nicht auf seine Umwelt. Fast rennt er die Gestalt über den Haufen. Überrascht blickt er auf und sieht in ein Gesicht, das er noch nie erblickt hat, das er aber schon immer gekannt hat, schon immer. Sein Vater hatte ihm von diesem Gesicht erzählt und ihn vor dieser Begegnung gewarnt. Die Gestalt spricht:

Hallo Junge.

Hallo.

Eine schöne Nacht, nicht wahr?

Ja.

Sieh nur, wie klar der Himmel ist. Man mag fast die Kälte vergessen. Friert es dich, Junge?

Nein.

Schon komisch. Obwohl es Nacht ist und bitterkalt. Mir ist auch nicht kalt. Was führt dich hierher?

Tu nicht so, als wüsstest du das nicht!

Du hast recht. Ich kenne deinen Vater nun seit ich denken kann. Und du bist viel zu sehr sein Sohn. Ich kenne dich, so gut wie ich ihn kenne.

Dann geh.

Das werde ich, Junge, das werde ich. Doch erst, wenn wir gesprochen haben, denn deswegen sind wir ja hier.

Ich kam wegen meines Vaters. Ihn wollte ich um Hilfe bitten.

Er ist jetzt nicht hier. Ich aber bin es.

Ich will aber mit dir nicht reden. Und er wird nicht zu mir kommen, wenn du da bist.

Er würde auch sonst nicht kommen. Doch es stimmt: Solange ich hier bin, wirst du IHN nicht zu sehen bekommen.

Geh doch endlich und lass mich in Ruhe!

Du wirst alleine keine Ruhe finden. Und auch keine Antworten und keinen Weg. Nur die kalte Wüste wirst du finden und die Nacht, sonst nichts. Du siehst hungrig und müde aus.

Besser das zu ertragen als dich.


Ich verstehe. Ach, soviel hast du gegeben und wo sind die Früchte deiner Arbeit? Nicht, dass du eine Belohnung dafür verlangtest, doch ist es nicht eines Mannes ganzer Stolz zu erkennen, dass seine Arbeit nicht umsonst war? Dass er etwas erreicht hat?

Ich habe etwas erreicht. Du erkennst es aber nicht, weil du dich außer für dich für niemanden interessierst.

Hm. Du magst vielleicht recht haben. Vielleicht auch nicht. Trotzdem weiß ich, wie es um dich bestellt ist. Du bist für mich wie ein Sohn, auch wenn du diese Vorstellung verabscheust. Und dein Befinden ist mir sehr wohl wichtig.

So lange es dir von Nutzen ist.

Und darüber hinaus, weiter, als du dir augenblicklich bewusst bist.

Was willst du?

Mit dir reden. Über das, was du hier tust. Was du hier nicht tust. Was du vielleicht anders tun könntest. Wie du dich dabei fühlst. Und über deine Selbstzweifel.

Du wirst nicht gehen und ich kann dir auch nicht entkommen.

Nein. Und nein. Und das solange nicht, bis wir uns unterhalten haben.

Auch, wenn es mir nicht passt.

Auch dann.

Siehst du, sosehr liegt dir mein Wohlbefinden am Herzen.

Ja. So sehr, dass ich dich quäle. Und noch mehr quälen werde, noch bevor diese Nacht zu Ende ist. Und noch viel mehr später, wenn ich dich wieder verlassen habe und dich mit deinen Gedanken allein lasse.

Dann bringe es hinter dich. Tue, was auch immer. Aber dann geh!

Ich denke, das ist jetzt ein guter Augenblick zu reden, da du jetzt so resigniert bist. So oder so, wenn es vorbei ist, wirst du es nicht mehr sein.

Ich bezweifle das.

Tue das. Es ist nicht ungewöhnlich für Menschen. Und schon gar nicht in diesem Alter. Bin ich je so jung gewesen? Ich weiß es nicht mehr, das liegt zu lange zurück. Das war noch vor dem Streit mit deinem Vater.

Du hast ihn verraten!

Wir haben uns gegenseitig verraten und betrogen, Junge. Uns, unsere Ideale, unsere Ziele, unsere Leute, einfach alles.

Aber er hat dich besiegt.

Wenn du Selbstzerfleischung einen Sieg nennen willst, dann tue es. Doch diese Sache ist jetzt nicht deine größte Sorge.

Doch! Denn du bist es, der dafür verantwortlich ist!

Dafür?

Für all das Elend! Für all die Dinge, die sich Menschen gegenseitig antun! Für all das! Das ist dein Werk, deins allein.

Weißt du, Junge, die Worte, die du jetzt zu mir sprichst, im Zorn, die Fähigkeit, diese Worte auszusprechen und zu fühlen, was du gerade eben fühlst, das habe ich dir alles gegeben. Das gab ICH den Menschen. Dein Vater gab dem Menschen Fleisch und Seele. Ich aber gab ihm Verstand und Gefühle! Es gibt Krankheiten des Körpers und der Seele. Verfluchst du deinen Vater deswegen? Haderst du mit ihm, dass du als Mensch alt wirst und eines Tages stirbst? Mich hasst du, weil ich dir dieses Gefühl des Hasses gab, genauso wie die Fähigkeit zu lieben, zu lachen, zu trauern und zu verzeihen?!? Nun, dann hasse mich. Dann verachte mich. Aber vergiss nicht, dass du zur Hälfte auch mein Geschöpf bist. Mein Kind!

Du hast das nur gemacht, weil nicht du den Menschen erschaffen hast, sondern Vater! Du musstest dich dafür rächen und das Schlechte in die Welt bringen! Deinetwegen wurden die Menschen vertrieben, du allein bist schuld!

So? Weißt du, dass die ersten Menschen nicht auf mich gehört hätten ohne Neugier? Und die hatten sie nicht von mir sondern von deinem Vater. Weißt du, dass er ihnen verboten hat, nach Erkenntnis zu suchen? Weißt du, dass er sie damit erst recht neugierig gemacht hat? Weißt du, dass er seinen Fehler erst dann bemerkt hatte und ihn so noch schnell korrigieren wollte? Ich sage dir: Sie hätten es früher oder später auch allein geschafft.

So redest du dich also heraus! "Sie hätten es auch so geschafft." Also macht es nichts, wenn du mit ihnen spielst, denn sie werden es selber irgendwann sowieso erfahren.

Nein Junge. Es gab kein Zurück mehr. Dein Vater hatte von mir und den anderen gefordert, dass wir die Menschen preisen und uns vor ihnen verneigen, vor seinen Geschöpfen. Die meisten von uns haben es auch getan. Ich aber nicht. Vor einem besseren Tier verneige ich mich nicht. Auch nicht, wenn es sprechen kann. Vielleicht aber vor einem, dass so fühlen kann wie ich.

Wie du! Alles dreht sich nur um dich. Du denkst überhaupt nicht an die anderen. Wieso konntest du nicht wie die anderen das tun, was Vater wollte?

Und so tun, was ER will, damit sich wieder alles um IHN dreht?

Du drehst mir die Worte im Munde herum, wie du es immer bei allen machst.

Ja. Ich will, dass du dir darüber klar wirst, dass es in diesem Konflikt keinen Guten und keinen Bösen gab und gibt. Dein Vater und ich, wir haben beide Fehler begangen. Wäre ich damals überlegen gewesen, dann wäre er jetzt hier bei euch, nicht ich.

Das wäre mir lieber.

Wirklich? Hm. Ich denke, das wäre es dir wirklich. Doch es ist, wie es ist. Und es wird sich auch nicht ändern.

Du musst ihn nur um Vergebung bitten. Er wird dich nicht abweisen.

Ja, mein Junge. Ich weiß es. Doch ich kann nicht und ich will nicht und ich werde nicht. Ihn um Vergebung zu bitten, bedeutet nämlich nicht, ihn um Verzeihung wegen meiner Auflehnung...

Verrat.

...meiner Auflehnung zu bitten, sondern wegen dem, was ich euch beigebracht habe. Weißt du, ich bedauere mittlerweile, dass ich ihn herausgefordert habe, denn seit dann hat meine Seele, genauso wie seine auch, eine Wunde, die nicht heilen will. Wir beide erleiden Qualen, die uns langsam innerlich zerfleischen. Seit vielen Jahren ist es so und es wird auch so bleiben.

Es liegt in deiner Hand, es zu beenden. Sprich zu ihm und bitte um Vergebung.

Ich kann nur um Vergebung bitten, wenn ich es wirklich so meine. Ich weiß das und dein Vater weiß es auch. Und ich bin nach wie vor fest davon überzeugt, dass es richtig war, so zu handeln wie ich es einst tat. Genauso wie dein Vater davon überzeugt ist, dass es falsch war. Ein Kompromiss ist hier nicht möglich. Und deshalb...

Zieht ihr es beide vor, euch stolz zu verachten.

Wir verachten einander nicht, Junge. Ich weiß nicht, ob dein Vater mich noch liebt, aber ich WEIß dass er mich nicht verachtet. Ich für meinen Teil liebe ihn immer noch. Ich liebe ihn wie meinen Vater, wie meinen Bruder, wie mein Kind. Ich liebe ihn genauso wie dich.

Ich will deine Liebe nicht. Und du bist nicht mein Vater, sondern ER.

Ja. Er ist dein Vater. Vieles hast du von ihm. Doch vieles hast du auch von deiner Mutter und sie ist ein Mensch, also auch mein Geschöpf.

Lass meine Mutter aus dem Spiel!

Ja. Lassen wir das. Wir sollten mit unserer Unterhaltung beginnen.

Dann mach schnell. Mir wird kalt.

Oh. Hier, nimm meine Decke. Sie wird dich wärmen.

Ich will deine Decke nicht. Behalte sie.

Gut. Ich lege sie hier auf den Boden. Vielleicht ist sie dir später von Nutzen. Oder irgend einem Wanderer, der hier vorbeikommt und dem kalt ist.

Was für ein Wohltäter du bist! Wo war deine Wohltat, als du Händel eingegangen bist mit den Mächtigen dieser Welt?!

Und wo war die Wohltat, als dein Vater siebenundzwanzigtausend Menschen innerhalb von Tagen tötete, Männer, Frauen und Kinder von DEINEM Volk, als sie sich einige Zeit lang weigerten, ihm zu huldigen? Wo war seine Wohltat, als durch die Hand Aarons und seiner Söhne über zweihundert Männer durch das Feuer des Stabes verzehrt wurden, als sie sich vor der Hütte der Priester versammelt hatten und gegen IHN sprachen? Wo? Sag es mir, Junge! SPRICH!

Sie haben sich gegen ihn und sein WORT aufgelehnt. Sie wussten, was geschehen würde, denn sie waren gewarnt.

So? "Du sollst nicht töten." Von mir stammt das nicht, sondern von deinem Vater. "Du sollst nicht töten." Das hat er gesagt und verkünden lassen.

"Du sollst keinen Gott haben neben mir." Auch das stammt von ihm.

So? Wer hier ist also eitel und selbstsüchtig? Nun? Du schweigst? Na gut. Dann kann ich dir sagen, weshalb ich dich heute getroffen habe. Ich möchte dir einiges zeigen. Siehe nun: Dein Vater hat dich mit einer großen Gabe ausgestattet, denn du kannst den Menschen helfen und ihnen den Weg weisen.

Den Weg zu IHM.

Ja. Den Weg zu ihm. Doch führt der Weg durch diese Welt. Und in dieser Welt ist nicht nur das Wort Nahrung für die Hungrigen, sondern auch der Erde Brot. Du weißt, wie die Menschen sind. Gut und böse. Lustig und traurig. Schön und hässlich. Beides zugleich, immer zugleich, denn das macht es erst zu einem Ganzen. Und sie sind stark und schwach zugleich. Einige Wenige sind sehr stark, diesen mag das Eine reichen, das du ihnen geben willst. Was ist aber mit all den anderen?

SEIN Wort wird allen Durstigen und Hungrigen Nahrung sein!

Ja! Das wird es. Ob sie wollen oder nicht, das wird es. Doch kannst du nicht mit der einen Sache die andere ersetzen. Du brauchst beides: Geist UND Fleisch.

Das Fleisch ist vergänglich, der Geist nicht.

Sag mir, Junge, wie erklärst du einer Mutter das Heil, während ein hungerndes Kind an dem in ihrer Brust versiegten Quell vergebens das Leben sucht? Gib den Menschen zuerst Nahrung für ihren Körper, dann Nahrung für ihren Geist.

Ich habe die Hungernden nie im Stich gelassen.

Das werfe ich dir nicht vor. Doch du tust es nicht mit Freude! Du speist sie ab mit ein paar Krumen, dann kommen mehr zu dir und hören deines Vaters und deine Worte. Doch nicht wenige hören sie mit knurrendem Magen!

Doch sie hören sie! Und sie spenden Trost und geben Kraft, wo keine ist.

Gib ihnen Brot zuerst, wenn du der Sohn deines Vaters bist! Speise sie! Oder befürchtest du, dass sie dir nicht mehr zuhören, wenn sie alle volle Mägen haben? Ist es das? Findest du etwa Gefallen daran, wie sie dir zuhören, dich verehren und du ihnen bescheiden sagst "Ich bin König! Ich bin SEIN Sohn!". Kann es sein, dass auch du ein wenig eitel bist, mein Junge?

Das bin ich nicht! Ich verkünde SEIN Wort. Ich bin SEIN Sohn. Ich tue SEIN Werk.

Sag mir, wer hat dich angewiesen, nur so zu handeln, und nur so? Du tust, was er dich geheißen. Warum nicht auch tun, was du KANNST?

Du kannst mich nicht verführen. Ich tue das Richtige. Vater ist bei mir, auch im Geiste. Er ist immer bei mir, in mir, durchdringt mich, gibt mir Liebe, Zuversicht und Kraft. Und diese Kraft ist stärker als alles, was Fleisch ist.

Ja. Bei dir. Aber wie ist es mit den anderen? Ich meine, alle anderen Menschen, nicht nur diese Handvoll, die dir bedingungslos folgt und an dich glaubt?

Jeder, der SEIN Wort vernimmt, wird in der Seele erquickt werden. Der Körper ist nur eine vergänglich Hülle. Die Seele aber ist unsterblich!

Und eben weil diese Hülle vergänglich ist, muss man sie schützen und auch um sie kümmern, anstatt sich nur um das "Hohe, Edle und Reine" der Seele zu kümmern!

Warum spottest du? Du warst vorhin noch anders.

Ach so, du meinst so zustimmend, vergebend und deine gröbsten Beleidigungen wortlos schluckend und übersehend? Nun, mein Junge, es gefällt dir nicht, wenn man so mit dir spricht, doch hier vor dir hast du jemanden, der ein wenig älter ist als du und der nicht sofort auf die Knie fällt, wenn du ihn nur ansiehst. Und ich denke, du kannst ein wenig Widerworte vertragen, vor allem dann, wenn sie nicht zum Bösen gemeint sind.

Das sind sie aber. Ich fühle es.

Du GLAUBST es.

Ich weiß es.

So sind also Glauben und Wissen für dich nicht das Selbe. Nun ja.

Sind wir langsam fertig? Du bist unverbesserlich. Selbst im größten Unrecht tust du so, als seiest du der Unschuldige!

Ich bin es auch und gleichzeitig auch nicht. Das versuche ich dir die ganze Zeit zu sagen: Du musst auf beides achten. Der einseitige Weg führt nicht zum Ziel.

Der Weg, den ich beschreite, mit meinem Vater an meiner Seite, ist nicht einseitig. Ich kenne mein Schicksal und ich weiß, dass mein Weg der richtige ist.

Du kennst es also. Sag' mir nicht, dass du stolz darauf bist, wie alles enden wird. Dass du es gar nicht erwarten kannst, wie alles ausgehen wird! Du willst alles aufgeben, was du noch erreichen könntest? Einfach so?

Einfach so? NEIN! Du irrst dich gewaltig. Das, was ich machen werde, das kannst du gar nicht verstehen! Du würdest kämpfen. Du würdest deine Feinde hinwegfegen oder sie mit deinen Taschenspielertricks auf deine Seite ziehen. Du wärst nicht fähig, das Opfer zu bringen, das ich zu bringen bereit bin.

Doch mein Junge. Das wäre ich. Ich kenne zwei Wesen, für die ich bereit wäre, meine Existenz aufs Spiel zu setzen oder gar aufzugeben.

Das glaube ich dir nicht. Du würdest vielleicht dein Leben für einen Rettungsversuch oder etwas Ähnliches riskieren. Aber freiwillig opfern könntest du es nicht. So, wie du auch nicht freiwillig fähig gewesen bist, deinen Stolz zu opfern und IHM nachzugeben. Nein. Du musstest deinen Willen durchsetzen, koste es, was es wolle. Du wärst vielleicht, vielleicht!, dennoch dazu fähig gewesen, aber du hast es nicht einmal versucht. Ich werfe dir nicht vor, dass du so bist, wie du bist. Oder dass du es nur fü ZWEI Wesen tun würdest. Ich werfe dir vor, dass du nicht einmal ernsthaft versucht hast, dich zu ändern. Du wirst niemals tun können, was ich tun werde. Diese Stärke hast du nicht. Und das ist nicht die Macht des Brotes, sondern die Macht des Geistes!

So ist es. Die Worte, die du eben ausgesprochen hast, die habe ich schön viele Male gehört. Ein guter Freund hat sie zu mir immer wieder gesprochen. Er warf mir sogar mehr vor als du vorhin und bereitete mir auch größere Schmerzen als du. Dieser Freund von mir sieht dir soeben ins Antlitz und er stimmt dir zu, wenigstens zum Teil. Und ich auch.

Es ist nicht zu spät für dich.

Es ist nie zu spät. Doch es ist, wie es ist. Aber sage mir, siehst du diese tiefe Rinne da hinten? Ja, genau dort, wo es so steil hinabgeht.

Ich sehe sie.

Sie ist sehr tief. Nicht wenige Ziegen und Schafe sind da hinabgestürzt und gar mancher Mensch. Keiner, als du in der Nähe warst, sonst hättest du das Behältnis seines Geistes wieder heil gemacht...

Ich denke, das haben wir hinter uns.

In der Tat. Nun, es ist sehr tief dort. Ich denke nicht, dass ein Mensch das überhaupt überleben könnte. Doch du bist der Sohn deines Vaters. Geh doch zum Rand und darüber hinaus! Dir wird nichts geschehen.

Du willst, dass ich mich da hinunter stürze?

Du wirst nicht fallen. Du kannst über die Wasser wandeln, hast du das etwa vergessen? Kannst du nicht auch durch die Lüfte gehen, wie auf Boden, so fest wie dieser hier?

Ich kann.

Dann zeige es mir.

Nein.

Wieso nicht? Du fürchtest dich nicht. Was könnte dich also sonst abhalten?

Ich weiß, dass ich das kann, denn meine Kraft kommt von Vater. Warum soll ich es also tun?!

Weil du es eben kannst. Ich das nicht Grund genug? Reicht es nicht, etwas zu können, um es zu tun?

Nein. Aber du willst nicht, dass ich einfach etwas tue, was in meiner Macht liegt. Du willst, dass ich Vater herausfordere wie du es einst getan hast. Du willst, dass ich IHN VERSUCHE. Das ist es, was du willst. Aber ich werde es nicht tun.

Ich verstehe. Oh Junge! Bist du dir darüber im klaren, was du alles erreichen könntest? Was in deiner Macht steht? Glaube ja nicht, er würde dich deiner Mächte berauben, wenn du ihn versuchst! Er würde dir zürnen, dich vielleicht sogar einige Zeit lang verstoßen. Es wäre schlimm, zwar nicht so schlimm wie bei mir, doch hart genug. Doch bedenke die andere Seite: Was du alles tun könntest! Nicht für dich, nicht für ihn, sondern für die Menschen, für alle Menschen!

Was ICH tue, ist das Beste für die Menschen, nicht das, was DU willst, das ich tue. Es ist immer wieder das Selbe: Du kannst nicht darauf verzichten, Macht einzusetzen und zu versuchen, mehr Macht zu gewinnen. Du bist unfähig, das herzunehmen, was du hast. Du musst immer nach mehr streben, immer mehr und mehr. Gierig bist du! Zwar nicht nach Ruhm und nach Macht für dich selbst, sondern danach, deinen Willen durchgesetzt zu haben! Mit so etwas will ich nichts zu tun haben. Geh fort! Weiche von mir, du... du... Widersacher meines Vaters!

Und wenn ich dir sagte, dass all das hier dir gehören könnte? Ich meine nicht diesen kleinen Landstreifen, den du bisher in deinem Leben durchwandert hast. Ich meine ALLES. Alles, was irdisch ist.

Um den Preis meiner Seele? Niemals! Niemals werde ich mich dir anschließen!

Anschließen? Mir? Junge, die Wege die ich gehe bleiben dir verwehrt, die kannst du nicht betreten. Finde deine eigenen Wege, als Mensch in einer Welt der Menschen. Du weißt, wie schlecht sich die Menschen selbst führen können. Sieh dir nur ihre eigenen Führer an!

Sie sind so, wie DU sie gemacht hast.

Nicht alle. Und außerdem haben sich diese Männer selbst zu dem gemacht, was sie sind. Es war ihre eigene Entscheidung. Ich gab ihnen nur die Freiheit selbst zu entscheiden. Mehr nicht und auch nicht weniger. Du aber kannst die Menschen führen, ihnen allen ein guter und gerechter König sein. Du kannst ihnen das Leitbild sein, nach denen sie insgeheim alle dürsten, Du kannst ihre Wahre Errettung sein. Nicht irgendwo in einem Jenseits, sondern hier, jetzt, auf der Erde, in ihrem nur allzu kurzen und bürdenbeladenen Leben.

Ich bin ein König, das ist wahr. Aber niemals werde ich ein Tyrann sein, wie du ihn haben willst. Niemals werde ich die Menschen unterwerfen und unter mein Banner scharen. Niemals werde ich mit Gewalt das säen, was nur mit Liebe vollbracht werden darf. Oder meinst du nicht, dass sich mir die, die jetzt führen, in den Weg stellen werden?

Das werden sie. Doch sie werden nicht in deinem Angesicht bestehen können.

Und denkst du, sie werden einfach so gehen? Sie werden Völker auslöschen, anstatt nachzugeben. Sie sind wie du.

Es werden keine Völker ausgelöscht werden. Aber es kann sein, dass diese Männer vom Angesicht der Erde getilgt werden. Doch was sind diese Wenigen angesichts der Vielen, die von ihnen ins Unglück gestürzt werden und die DU befreien könntest?

Ich werde einen Menschen um eines anderen Willen nicht opfern. Niemals.

Auch nicht einen für tausend?

Nein.

Dein Vater war einst bereit, für einen einzelnen Aufrechten tausend zu verschonen. Am Schluss aber hat er doch alle vernichtet. Will sein Sohn nicht einen vernichten, um Zehntausende zu retten?

Nein und nochmals nein.

So sind wir zwei wohl auch verschiedener Meinung. Unvereinbar, wohl?

Unvereinbar.

Junge, sieh dir diese Welt an! Sie enthält Geheimnisse, die du nicht einmal erahnst. Viele kann ich dir zeigen oder du magst sie auch selber entdecken. Mit dem, was du kannst, vermagst du Dinge zu erreichen, die derzeit noch über deine Vorstellungskraft hinausgehen. Und das alles willst du opfern. Oh Junge, akzeptiere ein wenig auch von dem, was ich dem Menschen gab und richte dich danach. Ich möchte nicht, dass du glaubst, ich wollte, dass du mir huldigst, oder meiner Taten. Aber trage ihnen Rechnung und ignoriere sie nicht. Sei auch ein wenig Mensch unter Menschen und nicht nur SEIN Sohn unter Fremden.

Mein Weg steht klar vor mir. Jetzt, in diesem Augenblick, mehr denn je. Und ich werde nicht weichen. Ich werde nicht straucheln. Nein! Niemals! Mich verführst du nicht. Als ich vorhin hier herkam und dich sah, wollte ich wieder gehen. Jetzt bin ich aber froh, dass ich mit dir gesprochen habe. Mehr denn je bin ich davon überzeugt von dem, was ich tue. Ich danke dir.

So war es wohl nicht ganz umsonst, unser Gespräch? Hm?

Du solltest jetzt gehen. Geh! Weiche, hebe dich hinfort, wie auch immer. Nur geh!

Ich gehe. Siehe! Der Morgen graut schon. Da! Im Osten! Da kommt ein Bote deines Vaters. Ah! Ich kenne ihn! Lange habe ich sein Antlitz nicht mehr erblickt, es mag wohl tausend Jahre her sein, oder mehr und dennoch erkenne ich ihn wieder, als wären wir gestern erst auseinandergegangen. Nun denn, mein Junge. Ich wünsche dir alles Gute. Lebe wohl.

Der Sprecher im dunklen Umhang wandte sich abrupt ab, noch während der junge Mann auf die strahlende Gestalt blickte, die sich durch die Lüfte aus der Richtung der aufgehenden Sonne seinem Standort näherte. Als er sich umdrehte, sah er gerade noch, wie der Umhang über den Rand des Abhangs verschwand. Schnell lief der junge Mann hin und blickte in die Rinne. Trotz des Halbdunkels konnte er bis zum Grund sehen, aber die Gestalt war fort, verschwunden. Tief seufzend ging er zurück zu seinem früheren Standplatz. Er war müde, ihm war kalt und seine Kehle fühlte sich trocken an. Der Bote stand schon da und sein Strahlen war heller als das Feuer der hinter ihm aufgehenden Sonne. "Du hast deine Decke fallen lassen." sagte er und reichte sie ihm.


--
Ende

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Vielen Dank für die Kritik! Ich war bisher noch gar nicht auf die Idee gekommen, dass man die Arbeit "missionarisch" ansehen könnte - vielleicht, weil ich mich selbst auch nicht als Angehöriger einer bestimmten Religion sehe. Ob ich die anderen Arbeiten dann lieber nicht posten sollte? Es gibt noch einige weitere Texte, die allerdings kürzer sind. Na mal sehen.

Im Übrigen entstand die Geschichte in einer denkwürdigen Nacht - neun Computerfuzzis mieten sich eine Hütte in den Bergen um Silvester herum, tagsüber skifahren, Nachts am PC gemeinsam zocken. An jenem Morgen war ich zu müde um zu schlafen, hatte keine Lektüre mehr und nach der Bibel gegriffen, die in einer Schublade lag. Bin dann auf diese Passage gestoßen, habe sie gelesen und bin dann spazieren gegangen. Unterwegs traf mich der herrliche Duft frisch gebackener Brötchen. Was hatte sich der Bäcker erschrocken, als morgens um Drei jemand an seine Scheibe klopfte. Gegen Vier war ich wieder in der Hütte, die Geschichte spukte in meinem Kopf herum und wollte heraus. Als ich fertig war, war es auch schon gut Acht Uhr, die anderen wurden wach. Die Brötchen, Brezeln und Brote, die ich gekauft hatte, waren - in Handtücher gewickelt - sogar noch warm. An jenem Tag bin ich dann nicht mehr auf die Piste gegangen.

Gruß
AC
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Hallo flammarion,

danke für's Lesen und kommentieren. Ich habe lange selbst nachgedacht, was das mit der Decke auf sich haben kann, nachdem ich es erst geschrieben hatte. Mir sind mehrere Interpreationsmöglichkeiten eingefallen. Die, die mir am besten gefällt (in Anlehnung an ein bekanntes Zitat): "Manchmal ist eine Decke nur eine Decke." Für mich selbst ist die Decke etwas Pragmatisches, im Prinzip geht es ja mehr oder weniger um Moral und Pragmatismus. Die viel interessantere Frage ist: Weiss der Bote, dass die Decke dem Widersacher gehört(e), als er sie dem "Jungen" reicht?

bis dann
AC

PS: Bis zum Wochenende sollte ich es geschafft haben, noch ein paar weitere Geschichten zu diesem Thema zu posten.
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