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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Das Glasschach
Eingestellt am 22. 02. 2004 11:41


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parallelwelt
Festzeitungsschreiber
Registriert: Feb 2004

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Der Alarm trieb uns in die Bunker.
Obwohl ich nachdenken musste und deswegen keinen Kopf daf├╝r hatte zwischen Dutzenden, angstschwitzenden Menschen zu sterben, wurde ich von einem besorgt aussehenden Mann mitgezerrt. Die Bomben zerrissen unsere Trommelfelle und wir sp├╝rten jede einzelne Bewegung der schwankenden, alters- und kriegsschwachen H├Ąuser.
Die zitternde Alte, die neben mir kauerte, ordnete mit r├╝hrender Bestimmtheit und Sorgfalt ihre Rockfalten und fing dann an den mitgebrachten Rosenkranz zu beten. Ihre gichtgekr├╝mten Finger konnten kaum die Perlen festhalten und manchmal sank ihr vor Furcht der Kopf zur├╝ck und das panische Wei├č ihrer Augen leuchtete im Halbdunkel. Ich h├Ârte ihr Herz klopfen, doch dann merkte ich, dass ihre leise Stimme seltsam ruhig und friedlich klang, fast l├Ąchelnd.
\"Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte f├╝r uns S├╝nder jetzt und in der Stunde unseres Todes.\" Amen.
Ich f├╝hlte die Schachfiguren meines Vaters in meiner Manteltasche und tastete sie haltsuchend ab. Seit er verschollen war, trug ich sie ├╝berall mit mir herum, denn sie erinnerten mich an ihn, er hatte sie selbst aus buntem Glas angefertigt. Als er noch in der Glasbl├Ąserei gearbeitet hatte und kein Soldat gewesen war, bevor der Krieg ihn mir genommen hatte.
In dem Moment, als eine Bombe in das Geb├Ąude ├╝ber mir einschlug und ich die H├Ąnde aus den Taschen riss, um mich vor den zusammenbrechenden Gem├Ąuerbrocken zu sch├╝tzen, genau in diesem Moment lie├č ich den K├Ânig fallen und er zerschlug hell auf dem dreckverschmierten Steinboden. Und dieser Klang, dieser wundersch├Âne, t├╝ren├Âffnende Singen hing ├╝ber dem dumpfen Br├╝llen des verletzten Hauses.

Nachdem ich wieder zu mir gekommen war, herrschte nur erstickte Stille und Finsternis um mich herum und ich sp├╝rte k├Ârperlich, dass mir irgend etwas abhanden gekommen war. Kurze Zeit sp├Ąter bemerkte ich, dass es meine Freiheit war, die ich vermisste. Hustend versuchte ich mich zu r├╝hren und zuckte vor Qual zusammen, denn meine Rippen brannten, als st├Ąnden sie in Flammen. Ersch├Âpft sackte ich zur├╝ck und wartete. Auf was, wusste ich selber nicht. Vielleicht auf ein Wunder. Ich glaubte mich vage daran zu erinnern, dass heute Weihnachten war. Irgend etwas zwitscherte in meinem Ged├Ąchtnis, immer weiter, bis es sich formierte und zu der alten Melodie eines bekannten Chopins wurde.
Wahrscheinlich h├Ârten andere Menschen in solchen Situationen Texte wie \"DonÔÇÖt give up\", doch mein Lied spielte \"No man but a snowman\". Mein irres Lachen bef├Ârderte den Schmerz in meine Sinne zur├╝ck und ich wurde wohl wieder bewusstlos, denn sogar der kleine blinkende Stern, den ich durch ein Loch ├╝ber mir wahrnahm, verschwand in tiefe Dunkelheit.

\"Schlucken!\", befahl eine knurrende Stimme und ich erstickte fast an einem unglaublich scharfem Getr├Ąnk, das ich nach einigen Sekunden als reinen Wodka identifizierte.
\"Willst du mich umbringen?\", keuchte ich heiser und rang nach Atem, worauf der andere nur am├╝siert grinste. Darauf wartend, dass das belebende Brennen in meiner Kehle einer angenehmen W├Ąrme wich, setzte ich mich m├╝hsam auf und mir wurde klar, dass ich mich zusammen mit noch einem Heimatlosen vor einem ├╝berdachten Hauseingang befand.
\"Schei├če, tut das weh!\", zog ich zischend die Luft durch die Z├Ąhne. Der Fremde neben mir musterte mich gelassen.
\"Du hattest ÔÇśne Menge Scherben im Bauch und in der Brust stecken... Hat ganz sch├Ân geblutet. Was war das denn ? Eigentlich m├╝sstest du zu alt daf├╝r sein, Granatsplitter zu sammeln...\"
\"Das war ein Glasschach...\", murmelte ich niedergeschlagen und holte den Rest der Bruchst├╝cke aus den zerfetzten Manteltaschen. Schluckend betrachtete ich sie und unterdr├╝ckte ein unkontrolliertes Aufschluchzen.
\"Ich hei├če Luke. Hab dich aus dem Tr├╝mmerhaufen geholt.\" Der andere reichte mir die eiskalte Hand. Es fing an zu schneien, dicke, weiche Flocken, die die Oberfl├Ąche des Leides ├╝berdecken w├╝rden. Der Anblick des Schnees machte mich froh und ich genoss es, ihn einatmen zu k├Ânnen.
\"Pedro. Vielen Dank. Ich dachte schon, ich w├╝rde an Weihnachten zu einem Engel werden...\"
\"Das wollte ich dir noch nicht g├Ânnen, Kumpel... Hast du eine Zigarette ?\"
Wir teilten uns eine und w├Ąrmten uns an der kurzen Glut des Streichholzes. Es war wirklich bitterkalt. Der fahle Ausdruck auf Lukes hagerem Gesicht machte mir Sorgen, deswegen wandte ich den Blick ab und starrte auf die lichterverwehte, dunkel friedliche Stra├če vor uns.
\"Wei├čt du, ich hab mal irgendwo gelesen, dass der Schnee die einzige M├Âglichkeit ist, den Himmel der Erde nahezubringen. Die Grenzen verwischen und alles ist in die gleiche Helligkeit getaucht.\" Seine Stimme brach ab und ich starrte und starrte. Und fror, dachte an den zerbrochenen K├Ânig, den ich losgelassen hatte, ohne dass ich es wollte.
\"Vielleicht eher Finsternis\", sagte ich dann. \"Vielleicht ist der Erde im Moment, zu dieser Zeit die H├Âlle n├Ąher.\"
Er schwieg. Ich beobachtete den Rauch der Zigaretten, sah ihn sich mit unserem Atem vermischen. So kristallklar und durch die K├Ąlte vernebelt.
\"Es ist der Himmel\", fl├╝sterte Luke schlie├člich, so leise, dass ich ihn kaum verstand. \"Ich glaube, dass es gerade zu solchen Zeiten der Himmel ist. Heute ist die Heilige Nacht...\"
\"Ja.\" Mehr brachte ich nicht heraus. Stille Nacht, heilige Nacht. Uns ist ein Kind geboren. Ein Kind, das in einer Nacht wie dieser vielleicht umkommen w├╝rde. Und wenn sie ihm auch noch so geweiht w├Ąre.

Irgendwann im Morgengrauen bemerkte ich, dass Lukes ge├Âffnete Augen mit einer feinen Eisschicht ├╝berzogen waren. Ich versuchte sie zu schlie├čen, doch er war schon zu kalt und meine Finger zu steif, um sie bewegen zu k├Ânnen. Sein Leben f├╝r meines. Ganz sacht und leise.
Nachdem ich mich hochgezogen hatte, sah ich auf meinen neuen Freund nieder und mein Herz h├Ąmmerte wie verr├╝ckt, als wolle es schreien und konnte nicht. Mir entfuhr nur ein krampfhaftes \"Arrgh!\" zwischen zusammengebissenen Z├Ąhnen und ich wandte mich ab, schleppte mich davon, ohne mich umzudrehen. Meine Scherben lie├č ich bei ihm zur├╝ck.

In dem Augenblick w├╝nschte ich mir so sehr, dass es seinen Himmel wirklich gab, genauso wie ich wusste, dass es meine H├Âlle gab.

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viator_incomitatus
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Aug 2002

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Hallo parallelwelt!

Herzlich Willkommen in der Leselupe!

Deine Erz├Ąhlung hat mir sehr gut gefallen. Sowohl von der Handlung als auch sprachlich. Ich finde, man kann sich beim Lesen sehr gut in die Lage hineinversetzen und mitf├╝hlen.


Zwei Dinge sind mir aber aufgefallen:

Als er versch├╝ttet wird, hei├čt es, seine Rippen schmerzten ihm. Nach der Rettung ist jedoch nur von den Gassplitter im Bauch die Rede. Das passt nicht so ganz. Vielleicht k├Ânnte man die Erz├Ąhlung noch dahingehend erweitern, dass er sich auch noch etwas an der Brust verletzt hat.

Das Ende w├╝rde mir pers├Ânlich besser gefallen, wenn du den Teil weglassen w├╝rdest:

quote:
Mir entfuhr nur ein krampfhaftes \"Arrgh!\" zwischen zusammengebissenen Z├Ąhnen

Das ist alles, was mir aufgefallen ist. Aber das sind nur Kleinigkeiten. Ansonsten, wie gesagt, gut gelungen.

Gruss,
oliver

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parallelwelt
Festzeitungsschreiber
Registriert: Feb 2004

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Hallo Oliver,
Vielen Dank f├╝r deine Kritik! So viel Lob hab ich gar nicht erwartet...

Mit den Rippen und dann die Bauchverletzung: da hast du Recht. Ich glaube, beim Schreiben der Geschichte wollte ich sp├Ąter noch erkl├Ąrend mit einf├╝gen, dass er sich ein paar Rippen gebrochen hatte und hab das dann vergessen, weil mir dann wiederum das Glasschach eingefallen ist, dass ich noch mit reinbringen wollte.
Du siehst, ich war ziemlich vertieft. *g*



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