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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Das Karussel (2. Runde)
Eingestellt am 17. 05. 2001 22:42


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Markus Veith
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2000

Werke: 115
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Das Karussell

Wieder saust meine K├╝rbiskutsche am Ufer des Gedr├Ąngestroms vor├╝ber. In einer Sekunde sehe ich ihn wieder. Und in der n├Ąchsten. Und in der n├Ąchsten. Seit unendlich vielen Sekunden und Gedr├Ąngestromausfl├╝gen. So lange sitze ich schon hier drin. Und immer geht es rund und rund. Und schnell. Und schneller. Immer noch schneller.
Dieses Karussell hat Hunderte Sachen drauf. Die vielen buntbemalten Pferdchen, die, auf Stangen mit Haltegriffen gespie├čt auf und ab traben und dabei noch zu l├Ącheln scheinen. Die in ewiger Harmonie und artistischem Gleichmut nebeneinander fahrenden Motorr├Ąder. Die verkleinerten und statt aus Chrom und Lack aus Plastik bestehenden Cabriolets. Das Feuerwehrauto mit dem kleinen, wackeligen Feuerwehrmann auf der Leiter. Der Schlauch in seiner Hand ist kaputt, seine Uniform vom Fahrtwind zerfetzt. Manchmal habe ich den Eindruck, die Figur ist ein bi├čchen gr├╝n im Gesicht. Die Fl├Ąchen, die den inneren Kreis zum Podest in der Mitte ├╝berspannen, lassen ihre ehemals schwarze und rote Farbe h├Âchstens noch erahnen. Letzte breite Lappen rissigen Lacks flattern wie schmutziges Herbstlaub auf ihnen. Die zahlreichen Zahlen-Aufkleber sind nur noch vereinzelt vorhanden und die plumpe H├╝lle eines luftarmen Balls k├Ąmpft sich wie ein z├Ąher Gugelhupf durch die Runde. Die Tiere - ich glaube, es sollen Tiere sein - die aus einem Trickfilm entsprungen zu sein scheinen, die stetig und schweigend jauchzend voranpreschen mit ihren gigantischen Ohren, ihren riesenhaften Nasen, ihren h├Âchst albernen, quietschbunten Plastikkleidern und dem Gegrinse auf ihren abbl├Ątternden Akrylfratzen, das so breit ist, da├č es droht, die K├Âpfe umzuknicken.
Mir ist, als dr├╝cke mich das Schweigen an die faulende Wand meiner K├╝rbiskutsche. Unten, wo der Gedr├Ąngeflu├č dahinflie├čt und sich zu Tode am├╝siert, dr├Âhnen die Highlights der Vergangenheit in die Welt. Es ist, als schrien sie unter der Folter nach Freiheit. Drau├čen rast das Kreischen im Wettgesang mit sich selbst, so, als versuche es, in das Ende eines Kreises zu bei├čen. Es zieht seine Konturen um mich herum, wickelt das Karussell und mich in bunte Schlieren ein. Meine sch├Ânen Augen falten sich gelangweilt ineinander. Meine sch├Ânen Augen sehen nichts Besonderes mehr. Meine sch├Ânen Augen ├╝berziehen sich von innen mit Moos. Ich stopfe sie mit feuchten Handt├╝chern aus.
Der Gedr├Ąngestrom rauscht vorbei. Noch mal. Und noch mal.
Doch hier drin ist es seltsam still. Unwirkliches Schweigen. Es gibt hier eine Stille, die man nur deshalb nicht h├Ârt, weil sie zu st├Ąndig und zu laut ist.
Die K├╝rbiskutsche hat nur eine Bank. Mit roten Pl├╝schbez├╝gen. Sie ist nicht hart, aber sehr schmal. Es ist sehr eng hier drin. Ich passe eigentlich nicht mehr hier hinein. Oder besser: Ich k├Ânnte hier nun nicht mehr hineinpassen. Denn ich bin ja hier drin. In den faulenden W├Ąnden meiner K├╝rbiskutsche sitze ich zusammengesunken in der Ecke. Blo├č meine sch├Ânen Augen kann ich bewegen. Mit gro├čer M├╝he auch den Kopf. Seit unendlichen Zeiten sitze ich in zentrifugal gepre├čter Schr├Ąglage, schaue aus dem braun zerfransten K├╝rbisschalenfenster und versuche mich zu erinnern, wie ich hier hineingekommen bin. Wie lange ist es schon her, da├č ich zugestiegen bin. Monate? Oder sind es bereits Jahre? Oder sind es Zeiten, die mit ihresgleichen nicht zu berechnen sind?
Wir waren noch Kinder, als ich sie in der Menge verlor. Ich hatte ihr eine Kunststoffrose geschossen. Sie hatte mir ein Lebkuchenherz geschenkt, auf dem
Ich liebe
dich
stand. In geschwungener Zuckergu├čschrift. In Plastikfolie verpackt. Verziert mit den Farben des hiesigen Fu├čballvereins. Ich habe ihr auch eins geschenkt. An einem gelben Geschenkband baumelte es um ihren Hals. Sie sagte, ich h├Ątte sch├Âne Augen. Ich sagte, sie seien besch├Ąmt unter ihren Wunderblicken. Mir kommt es vor, als sei es gestern gewesen.
Sie war hinrei├čend. Sie hatte sich ihre Lippen mit roter Paradiesapfelglasur verziert. Dann haben wir uns wie wild zwischen den M├╝lltonnen eines Fre├čstandes geliebt. Es war toll. In dem L├Ąrm h├Ârte man uns nicht. Ich kam auf den Resten eines Seelachsfilets im Biermantel zu liegen und zerquetschte es knuspernd und die S├Ąume ihres hochgezogenen Fr├╝hlingskleides wurden mit fortgeworfenen Zuckerwatter├╝schen geschm├╝ckt.
Doch dann habe ich sie in der Menge verloren. Und wir waren doch noch so klein. Ich hatte keinerlei Chance, sie zu finden. - Welch Ironie des Schicksals! Ihre Einfachheit, ihre Nat├╝rlichkeit, gerade das, was ich immer so sehr an ihr geliebt habe, wurde nun zum Verh├Ąngnis. Sie war in der Menge kaum zu erkennen. Sie fiel kaum auf. Ich stemmte meine sch├Ânen Augen in den Gedr├Ąngestrom. Warf sie aus, um nach ihren Wunderblicken zu angeln. Weinend rief ich ihren Namen, ich pfiff und sang laut unser Lied. Aber so sehr ich auch suchte - finden konnte ich sie nicht.
Da entdeckte ich nach Tagen der Suche dieses Karussell. Es war herrlich anzusehen. Die leuchtend neuen Figuren und Reittiere jauchzten w├Ąhrend der Fahrt vor Freude. Die gl├Ąnzend polierten Fahrzeuge hupten und ihre Sirenen schrien wie ein Hochzeitszug. Der kleine, prunkvoll uniformierte Feuerwehrmann auf dem strahlend roten Leiterwagen spritzte mit seinem Schlauch Wasser in die erhitzte Menge. Das Dach und die W├Ąnde gl├╝hten in st├Ąndig wechselnden Lichtmustern und Schriftz├╝gen. Das flache Zentrum des Karussels war abwechselnd mit gr├╝nen und roten, durcheinander nummerierten Feldern bespannt, zwischen denen ein wei├čer Ball lustig hin und her sprang, um gerade hier auf schwarzer 36, ungerade dort auf roter 1 kurz zu rasten, um aber gleich darauf fidel weiterzuh├╝pfen. In der Mitte befand sich ein hohes, reich verziertes Podest, auf dem eine wundersch├Âne Frau stand und auf einem immerzu sprudelnden F├╝llhorn jazzige Melodien spielte.
Mir blieb vor Freude beinahe das Herz stehen, so wundersch├Ân war sie. Ihr langes, eisern silbernes Haar fiel ihr um die nackte, im Takt ihres Liedes wiegende Schulter. ├ťber der anderen Schulter wallte eine schneewei├če Toga.
Das Karussell rief mich zu sich. Es war von Anfang an sehr freundlich zu mir. Ich solle n├Ąher kommen, es sei hier die Attraktion.
"NOCH EINMAL SPASS! NOCH EINMAL HIER MIT DABEI!" rief das Karussel in die Menge.
"UND JETZT GEHT'S NOCH EINMAL AB HIER!" sang Euphorie aus den Boxen.
"FESTHALTEN BITTE! JETZT GEBEN WIR HIER NOCH EINMAL RICHTIG GAS!" lockte es fr├Âhlich.
"SPASS! SPASS! JEDE MENGE SPASS!"
Es versprach mir, mich zu tr├Âsten. Es redete mir ein, es wolle f├╝r Herzen gern mein Leben sein. Und da ich sehr viel geweint hatte und sehr m├╝de war, nahm ich seine Einladung an. An der Kasse gab ich alles was ich hatte her. Alles, bis auf das Lebkuchenherz. Der grinsende Orang-Utan mit den roten Leuchtbirnenaugen, der in dem Kassenh├Ąuschen sa├č, quittiert es nur mit einem gleichg├╝ltigen Nicken. Er trug eine rote, viel zu kleine Jacke, auf deren Namensschild am Revers Jack Pott geschrieben stand.
Auf diesem Karussell, so merkte ich, liegt zwischen den Fahrten ein Niemandsland. Hier h├Ąlt das Leben die Luft an. Die Zeit wird komprimiert. Man hat unendlich viel von ihr.
Wie benommen vor Gl├╝ck, endlich einen Trost gefunden zu haben, glitt ich wie auf Wolken zu der reich verzierten K├╝rbiskutsche. Frisch und prall sah sie aus, wie gerade erst gepfl├╝ckt und f├╝r mich zurechtgeschnitzt. Sie roch nach Gold und schmeckte nach Edelsteinen. Ich nahm auf der roten Polsterbank Platz, versank gen├╝├člich in den breiten Kissen und seufzte behaglich. Und dann, als sei es noch nicht Gl├╝ckes genug, erschien das sch├Âne, junge M├Ądchen.
Sie setzte sich einfach zu mir in die Kutsche und sah mich lange schweigend und stetig l├Ąchelnd an. Als meine Blicke bereits hoffnungslos in ihren Augen verankert waren, da streckte sie mir die Hand entgegen und hielt sie auf.
Unsicher fragte ich: "Was willst du von mir?"
"Alles was Recht ist", antwortete sie freundlich. "Hab keine Angst. Hab nur Gl├╝ck. Man hat sich von dem ordnungsgem├Ą├čen Zustand des Karussels ├╝berzeugt. Diese Angaben sind wie immer ohne Gew├Ąhr. Alles was Recht ist." Ich z├Âgerte. Da nahm sie mir ohne ein weiteres Wort mein Lebkuchenherz ab. Ich zitterte vor Erregung. Mein Verlangen nach ihr kochte ├╝ber und verbrannte mich beinahe.
"Was kann ich dir noch geben? Bitte sag' es mir!" schrie ich.
"Alles - wenn's Recht ist", sagte sie ruhig l├Ąchelnd. "Diese Angaben sind wie immer -" Dann ├Âffnete sie die K├╝rbist├╝r, die in den inneren Bereich des Karussells f├╝hrte und stieg aus. Langsam setzte sich das Karussell in Bewegung. Ich lachte vor Freude und wollte ihr gerade folgen - da knallte sie die Kutschent├╝r vor meiner Nase ins Schlo├č. Die Leuchtschriftz├╝ge an der hinteren Wand funkelten in hellen Intervallen auf. "Rien ne va plus! Rien ne vas plus!"
Verwirrt schaute ich sie durch das Kutschenfenster an. "Was soll das?" fragte ich. "Warum l├Ą├čt du mich nicht mit dir gehen?"
Das M├Ądchen sch├╝ttelte bedauernd und doch unendlich freundlich den Kopf und wies auf ein Schild, da├č auf dieser Seite des Karussells hinter einer breiten roten Linie auf dem Boden befestigt war.

Fahrg├Ąste bitte
nur auf der anderen Seite aussteigen!!


Das Karussell wurde schneller. Erschrocken wandte ich mich um. Ich wollte hier raus, runter von dieser immer rasanter rotierenden Ebene. Doch auf der anderen Seite stand der Orang Utan aus dem Kassenh├Ąuschen an der T├╝r. Seine Leuchtbirnenaugen grinsten mich an, als er ebenfalls auf ein Schild wies, das auf dieser Seite auf den sch├Ąbigen, von Fu├čtritten verschmutzten Holzboden genagelt war.


Das Aufstehen
oder Aussteigen w├Ąhrend der Fahrt ist verboten!!


Ich glaube, ich erbleichte, w├Ąhrend die Schrecksekunde Tage verstreichen lie├č und mir meinen Verstand wundzuscheuern schien. Mit ├Ąu├čerster Anstrengung, denn das Karussell hatte inzwischen enorm an Geschwindigkeit zugenommen und machte meine kr├Ąftigen Fliehbewegungen z├Ąh wie Teer, drehte ich mich zu der Sch├Ânen in der Toga um. Sie schaute mich weiterhin wie eingefroren l├Ąchelnd an und band sich eine schneewei├če Binde um die Augen, die ihr hervorragend stand. Mit sicheren Schritten stieg sie daraufhin wieder auf das Podest in der regungslosen Mitte des Karussells. Ihr F├╝llhorn war verschwunden. Statt dessen nahm sie eine Waage in die Hand. Auch diese stand ihr wundervoll.
Also, alles was Recht ist - sie sah g├Âttlich aus.

Ich schaue auf meine Schuhe, um die ├ťbelkeit zu unterdr├╝cken, die seit ewigen Zeiten in meinem Magen w├╝tet wie ein Teigr├╝hrger├Ąt.
Das Holzpferdchen, das meine K├╝rbiskutsche zieht, blinzelt mir h├Âlzern und traurig wissend zu. Die Messinggl├Âckchen, mit denen sein Zaumzeug verziert ist, geben im Fahrtwind schrille Kl├Ąnge von sich. Das Holzpferdchen wiehert stumm. Seit ich mit ihm fahre, hat es nichts zu Fressen gekriegt.
Die gro├če Taube mit dem breiten Loch im R├╝cken, in dem man unbequem mit mehreren Personen sitzen kann, schwebt seit all den Jahren einige Meter vor mir her. Ihre Fl├╝gel sind angekettet. Man kann an den rostigen Str├Ąngen nach Bedarf ziehen und die Fl├╝gel bewegen. Aber das macht niemand. Seit ich hier fahre, hat die Taube nie eine Chance zum Fliegen bekommen. Ebenso der gr├╝ne Drache mit den gezackten Schwingen und den abgetretenen Pfotenstufen. Alles ist leer. Denn - und das habe ich beim Einsteigen nicht bemerkt:
Ich bin der einzige Fahrgast.

Die Frau mit der Waage in der Hand zieht immer wieder meine Blick auf sich. Majest├Ątisch golden und regungslos steht sie immer noch in der Mitte des Karussells, den verbundenen Blick dem Gedr├Ąngestrom zugewandt, still und stolz und eisern. Ihre blendend wei├če Toga wird von dem Fahrtsturm der ihr zu F├╝├čen kreisenden Objekte wie in Zeitlupe aufgewirbelt.
Meine K├╝rbiskutsche saust am Ufer des Gedr├Ąngestroms vor├╝ber. In der n├Ąchsten Sekunde sehe ich ihn wieder. In der n├Ąchsten wieder. Und immer wieder in der n├Ąchsten wieder und wieder und wieder. Immer geht es rund und rund und immer noch einmal rund. Jede Runde schneller. Jetzt geht's noch einmal ab hier. Noch einmal Spa├č und noch einmal mit dabei. Jetzt geben wir noch einmal richtig Gas hier.
Ich werfe einen Blick meiner sch├Ânen, gelangweilten Augen in den Gedr├Ąngestrom. Der Blick ist flach und glatt und h├╝pft mehrere Male ├╝ber die bunten Wogen hinweg. Aber er trifft ...
Ich traue meinen sch├Ânen Augen nicht. Ein umtostes Riff in der Brandung. An einem gelben Geschenkband baumelt ein Herz um einen Hals. Der Kragen des Fr├╝hlingskleides ist mit Zuckerwatter├╝schen verziert. Kurz und hart trifft mein Blick und wirft beim Aufprall Funken. Feuer f├Ąngt. Ihr Wunderblick flammt wie eine Wunderkerze in meinen Augen auf. Doch dann versinkt er in den Fluten.
Ich bin wie versteinert. Aber nureine Runde. In der n├Ąchsten Runde werfe ich das Handtuch aus meinen Augen. Ich entdecke ihren fl├╝chtigenden Zuckergu├čku├č, der wie ein Schmetterling aus dem Gedr├Ąngestrom aufflattert und sehns├╝chtig nach mir Ausschau h├Ąlt.
"N├Ąchste Runde", jagt mir durch den Kopf.
"Ich habe nur eine Sekunde", rei├če ich die Arme hoch, da├č meine so lange nicht gebrauchten Gelenke knirschen.
"Nur eine Sekunde", zermatscht meine fangende Hand mit einem Klatschen die faulende Wand der K├╝rbiskutsche. Angewidert ziehe ich den Arm zur├╝ck, sto├če ihn durch die weiche T├╝r.
"Mehr nicht", geb├Ąrt sich mein Herz wie ein Hammerwerk. "Nur!" Durch die Decke. "Nur!" Mit den Ellenbogen in die R├╝ckwand. "Nur!" Der Fu├č l├Ą├čt die Pl├╝schbank explodieren. Es knallt wie am Schie├čstand. "Nur! Nur! Nur! Nur! Nur! Nur! Nur! Nur! Nur! Nur!" Jeder Schu├č ein Treffer! Der rasante Fahrtsturm tut sein ├╝briges. Er zerrt an den zersto├čenen, matschigen L├Âchern, rei├čt sie auseinander. Das Verdeck meiner K├╝rbiskutsche wird zerfetzt.
Klatscht der bl├Âde grinsenden Trickfilmfigur gegen die marode Wurmlochnase. Ich stehe mich unter und setze mich wider.
Ich bin frei!! Frei bin ich!! OH, HIMMEL, BIN ICH FREI!! ├ťber mir erblicke ich den bunten Blinkleuchtenhimmel.
Ich sehe den Gedr├Ąngestrom, sehe ihn branden und wuseln und strudeln.
Da flattert der Zuckergu├čku├č, zappelt ├╝ber den unter ihm hinwegrauschenden Gef├Ąhrten wie ein kleiner Vogel im Orkan.
Ich schnappe ihn mit den Lippen. Er schmeckt wie ein allererster Schluck Muttermilch. Erinnerungen preschen mir wie Feuerwerksraketen in den Kopf. Entz├╝nden ein Furioso von lang vermi├čten Bildern. Ich halte Ausschau nach ihr. Nach dem Fr├╝hlingskleid. Nach den Zuckerwattenr├╝schen. Nach dem Lebkuchenherz in den Farben des Fu├čballvereins. Und ich entdecke es. Es pocht mir s├╝├č und breit wie eine braun-bunte Boje in dem am Alltag erkrankten Strom entgegen. Aber was nun. Das Karussell rast immer noch in der Runde. Unerbittlich jagt es im Kreis und kreischt mir entsetzt zu:
"Undjetztgehtsnocheinmalrichtigabhieraussteigenoderaufstehenw├Ąhrendderfahrtverbotennocheinmalspa├čnocheinmalmitdabeifahrg├ĄstebittenuraufderanderenSeiteaussteigenspa├čspa├čjedemengespa├čfesthaltenbittebittebittefesthalten!!!!!!!!"

Wenn man sich im Kreise dreht, habe ich mal geh├Ârt, soll man einen bestimmten Punkt fixieren und der Schwindel h├Ąlt sich in Grenzen.

Ich halte sie mit meinen Augen fest. Sie kerkert mich in ihre Blicke. Ihre Paradiesaug├Ąpfel kleben meine in sich fest. Meine Wimpern wollen Anker sein. Sie krallen sich in ihr Lebkuchenherz und lassen nicht mehr los.
Ich merke erste Ersch├╝tterungen in der Maschinerie des Karussells. Es knarrt und st├Âhnt unter mir. Doch ich halte unseren Blick stand. Meine sch├Ânen Augen und ihre Wunderblicke werden zu wundersch├Ânen Augenblicken.
Das Karussell wird krank. Erst n├Ârgelt es nur. Dann beschwert es sich massiv. Dann aggressiv. Ruckelt und bockt wie ein Esel. Ich kann mich kaum halten. Ich drohe zu st├╝rzen, ihren Wunderblick loszulassen. Doch der hat mich fest im sch├Ânen Auge. Da wirft mich das Holzpferdchen mit einem befreit wiehernden Blinzeln aus seinen aufgemalten Farbaugen in seinen Sattel. Verzweifelt heult der Fahrtsturm und verweht sich immer langsamer zu einer B├Âe.
L├Ąchelnd steige ich von dem Holzpferdchen und gehe von der nun abgrundtief schweigenden Plattform herunter. Hinter mir kippt die Frau mit der Waage in der Hand wie von Zeitlupe geschubst nach vorne und zerklirrt auf dem grinsenden Drachen in tausend Scherben. Applaudierende Gischt braust aus dem Gedr├Ąngestrom auf. Begeisterung schwappt in die umstehenden St├Ąnde und wirft alle Dosen um. Doch ich h├Âre von all dem kaum etwas. All meine Sinne sind bei ihr eingesperrt.
Ich gehe auf sie zu. Sie hat ihr Lebkuchenherz ausgepackt.
Ich liebe
dich
noch
steht darauf. Sie l├Ą├čt mich davon abbei├čen. Unsere Paradieaug├Ąpfel glei├čen dabei vor Gl├╝ck. Dann fragt sie mich und ihre Worte klingen dabei so leicht und s├╝├č wie Zuckerwatte:
"Na, wie war's?"

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