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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Das Klavier im Garten
Eingestellt am 18. 02. 2012 03:36


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Hagen
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Aus dem Zug am Bahnsteig 2 flog ein Seesack, und dann folgte ihm ein Mann. BehÀbig stieg er aus, breitbeinig stand er auf dem Bahnsteig, blond und blauÀugig, und langsam lud er sich den Seesack auf die breiten Schultern.
Kurt Dengelmann war heimgekehrt.
Aber keiner war da, auf dem kleinen Bahnhof zu Darenwede, um ihn zu begrĂŒĂŸen. Der Stationsvorsteher hob die Kelle, gab das Abfahrtssignal und die Lokomotive des Vorortzuges ging schwer in die Treibstangen der Kropfachse.
Kurt sah dem Zug lange nach, bis der Dampf aus dem Schlot der Lokomotive verweht und das Rollen der RÀder auf den StahlbÀndern verklungen war.
Eine Lerche schwang sich jubilierend in den Himmel und aus der BahnhofsgaststĂ€tte ertönte ‘Save Your Kisses For Me‘ von ‘Brotherhood of Man‘.
Kurt summte eine Strophe mit und beschloss noch schnell ein Bier zu trinken, bevor er seine Mutter ĂŒberraschen wĂŒrde, wie es sich fĂŒr einen Jungen, der mit fĂŒnfzehn von zuhause abhaut, zur See geht, die Welt gesehen hat und dann kurz vor seinem dreißigsten Geburtstag als gestandener Seemann heimkehrt, um endlich in seinem Heimatort sesshaft zu werden. Er hatte viel Geld gespart, all die Jahre, das sollte fĂŒr eine ExistenzgrĂŒndung reichen.
Da viele MĂŒnzen in seinen Taschen klimperten, legte er seine Brieftasche mit dem Ausweis, Sparbuch und allen Papieren in den Seesack, diesen in ein Schließfach, zog den SchlĂŒssel ab und steckte ihn sorgsam ein. Es sollte ihm nicht so ergehen, wie dem Leichtmatrosen KĂŒpers, dem damals in Shanghai sein Geld und alle Papiere abhanden gekommen waren.
Kurt Dengelmann ging in die BahnhofsgaststĂ€tte und trank ein Bier, und noch eins. Obwohl kein bekanntes Gesicht da war, kam er erst mit einem Gast ins GesprĂ€ch und gab dem ein Bier aus, und alle andern kamen auch an die Theke, und Kurt spendierte jedem Bier und erzĂ€hlte von dem Kaventsmann im Indischen Ozean „
wir waren mindestens fĂŒnf Minuten unter Wasser! Ein GlĂŒck, dass der Kessel nicht explodiert ist, denn die See ist sogar in den Schornstein geschwappt
“ und sie waren ganz schnell beim ‘Du‘ und bei ‘Kuddel‘ anstatt Kurt, und der gab noch eine Runde aus, „
 ob ihr’s glaubt oder nicht, aber in der Sargassosee ist uns eine Seeschlange gefolgt! Sie hat sogar mit gloinigen Augen in die Bullaugen geguckt
“
Es wurde spĂ€t den Abend, Kuddel erzĂ€hlte von dem Sturm in der Biskaya „
 und wer mit dem Gesicht in Luv stand und den Mund öffnete oder gĂ€hnen musste, dem wurden die ZĂ€hne raus gebrochen und in den Schlund geweht, so ein Sturm war das
“, die Riesenwellen wurden grĂ¶ĂŸer und höher und die Seeschlangen lĂ€nger und dicker, und als die Polizeistunde nahte, waren auf einmal alle verschwunden und der Wirt wollte kassieren und schließen. Polizeistunde.
„‘tĂŒrlich! Wenn Kuddel Dengelmann einen ausgibt, dann zahlt er auch!“
Und er griff in seine Taschen und holte sein Geld raus. Aber MarkstĂŒcke waren nicht dabei; - Cruzeiro aus Brasilien, Gourde aus Haiti, Ngultrum aus Bhutan, Malawi-Kwacha, Maledivische Rupien, Tunesische Dinar, das alles rollte auf die Theke, „guck an, das’n Bolivar aus Venezuela, wir ham da mal Schnappgut genommen – aber was das denn fĂŒr einen? Wo kommt der denn her?“ Kuddel tippte auf eine MĂŒnze von etwa 4 cm Durchmesser und einem Loch in der Mitte.
Der Wirt zuckte die Achseln. Überhaupt wollte er so ein Zeug nicht haben, denn die zwanzig verschiedene WĂ€hrungen lagen auf der Theke, sowas hatte er noch nie gesehen.
Kuddel wollte dem Wirt alles geben und die Sache wĂ€re durch, aber der Wirt wollte erstmal wissen, was die MĂŒnzen denn alle wert wĂ€ren.
Das wusste Kuddel auch nicht, denn wenn er das wĂŒsste, wĂ€re er die Deutsche Bank! Isser die Deutsche Bank? Isser nich! Also brauch er das nicht zu wissen! – Aber er könnte ja mal eben seinen Seesack holen, da sind Scheckbuch, Sparbuch und das andere Zeug drin, und dann wollte er die Sache mal eben regeln und seine Mutter ĂŒberraschen.
Kuddel strich die MĂŒnzen wieder ein, nahm den SchlĂŒssel fĂŒr das Schließfach, ging leicht schlingernd, etwa wie bei WindstĂ€rke acht wie damals vor Port international de Port-au-Prince, als der EnglĂ€nder sie fast gerammt hĂ€tte - dorthin und wollte seinen Seesack aus dem Fach befreien. Der Wirt folgte ihm, weil man kann ja nicht wissen bei diesen Seeleuten; - machen eine Mordszeche, schmeißen ein paar alte MĂŒnzen auf die Theke und sind auf einmal weg wie Schmidts Katze.
Sei es, dass Kuddels HĂ€nde derbe Arbeit gewohnt waren - Ankertrossen spleißen oder beim Schiffsdiesel Kolben ziehen; - möglicherweise spielte auch der Alkoholspiegel in Kuddels Blutbahn eine Rolle, jedenfalls ging nichts auf.
„Na, lass mich mal!“ grummelte der Wirt, murkste eine Weile rum, und dann brach der filigrane SchlĂŒssel bei dem Versuch, das Schließfach zu öffnen ab, und Kuddel guckte total verbiestert, wie damals vor Kap Horn, als sich das kleine Echo auf dem Radar als FlugzeugtrĂ€ger in voller Fahrt auf querab herausstellte
 verdammt, und diese Geschichte hatte er noch gar nicht erzĂ€hlt. Der KapitĂ€n war besoffen, und er, Kurt Dengelmann hatte geistesgegenwĂ€rtig das Ruder rumgerissen

Es nĂŒtzte alles nix, der Polizeiobermeister Hinrich Ohlsen kam und wollte Kuddel mit auf die Wache nehmen, und da war Kuddel vergnatzt, „gib mal ne Spiere oder eine Spillspake oder sowas und ich mach‘ die Kiste mal eben auf! WĂ€re doch gelacht! Damals vor Singapur hatte er ganz andere Sachen aufgemacht! Da hatten sie Wassereinbruch im Kettenkasten, weil sie auf eine Mine aus dem Krieg gelaufen waren – funktionieren ja heute noch die Dinger – und die Schotten zum Vorschiff klemmten, das ist schließlich einen ganz anderen Schnack! Habbich auch mal eben aufgemacht, mit‘n simplen Schwengel vonne Bilgepump‘, damit wir ans Leck kamen, ‘wĂ€ren ja sonst alle abgesoffen
“
Aber egal, und bezahlen wollte er die Sache ja, weil er wollte keinen Ärger machen, nur mal eben seine Mutter besuchen, schließlich wĂ€re er ja hier geboren.
„Das kann jeder sagen“, meinte Polizeiobermeister Hinrich Ohlsen, und er sollte sich doch mal eben ausweisen. Das konnte Kuddel nicht, weil seine Papiere waren ja alle im Seesack, und der war im Schließfach, und davon war der SchlĂŒssel ab. Nicht seine Schuld, aber er wollte die BĂŒchse gern mal eben so aufmachen.
Mal eben so aufmachen, das ging gar nicht, weil Eigentum der Bundesbahn, und der Stationsvorsteher konnte erst morgen frĂŒh einen Schlosser der Bundesbahn aus der Stadt kommen lassen, der die Berechtigung zur Notöffnung besaß und bis dahin mĂŒsse er Polizeiobermeister Hinrich Ohlsen ‘die angetrunkene, mittellose Person ohne festen Wohnsitz, die sich nicht ausweisen konnte‘ in Gewahrsam nehmen. MĂŒsse schließlich alles seine Ordnung haben in Darenwede.
Und auf dieser Ordnung bestand Kuddel auch, als der Polizeiobermeister Hinrich Ohlsen Kuddel auf der Wache alles abnehmen wollte, was er bei sich trug, bevor er ihn in die einzige AusnĂŒchterungszelle Darenwedes steckte. Von wegen ‘mittellos‘! Kuddel wollte gerne fĂŒr sein gesamtes Bargeld unterschreiben, aber ‘dreiundneunzig MĂŒnzen unterschiedlicher WĂ€hrung‘ akzeptierte er nicht!
Musste er das? Musste er nicht! Von wegen Mittellos!
Mit soviel Geld in der Tasche könnte er sogar noch einen Kameradschaftsabend der hiesigen Polizei finanzieren!
So einfach ließ Kurt Dengelmann sich nicht in den Bau stecken, das hier war schließlich was anderes, als damals in Paramaribo, als die EnglĂ€nder von so einem aufgemuckelten Liberty-Schiff behauptet hatten, Großbritannien wĂ€re eine Seemacht und ‘Britannia rule the waves‘ gegrölt hatten; - ausgerechnet am 25. November, dem Nationalfeiertag der UnabhĂ€ngigkeit von den Niederlanden. Wir und die HollĂ€nder von dem andern Frachter haben den Zitronenlutschern dann mal eben gezeigt, wer denn nun was regiert! Leider hat die Hafenpolizei dort das etwas anders gesehen, aber damals in Suriname hatte die Sache doch ganz andere Dimensionen, die hatten da noch eine MilitĂ€rregierung und es wĂ€re fast zum Putsch gekommen deswegen - als das hier in Darenwede, und ist auch eine andere Geschichte!
Es wĂ€re ja noch schöner, wenn er die Sache nicht mal eben klar machen könnte, wo sein ganzes Erspartes auf dem Bahnhof im Schließfach lag!
Hatte er den SchlĂŒssel etwa abgebrochen? Hatte er nich! Geradeziehen wollte er die Sache, aber keiner ließ ihn!
Er verlangte eine genaue Liste seiner Barschaft, mĂŒsse schließlich alles seine Ordnung haben in Darenwede.
Da hatte er recht und der Polizeiobermeister Hinrich Ohlsen ein Problem; - genau gesagt zwei, denn wenn Kuddel Dengelmann weitere Geschichten von der christlichen Seefahrt erzĂ€hlen wĂŒrde, könnte er nicht nachdenken, schließlich hatte er ein Problem zu lösen. Kuddel versprach, in Darenwede keine weitere Geschichten von der christlichen Seefahrt zu erzĂ€hlen, „
aber da war noch die Sache in Abidjan! Wir sollten eigentlich Kakao laden, aber in den Kisten waren StoßzĂ€hne von Elefanten! Ich saß gerade mit General Robert GuĂ©ĂŻ, du weißt, der Robert GuĂ©ĂŻ, in einer Hafenkneipe
“
„Halt’s Maul!“ brĂŒllte Polizeiobermeister Hinrich Ohlsen, wĂŒhlte in der untersten Schublade seines Schreibtisches und holte die Diensthandschellen der Darenweder Polizei hervor, „wir sind hier nicht in Abidjan und ich habe ein Problem zu lösen! Das Problem bist du!“
Angesichts der Diensthandschellen brĂŒteten die beiden Herren in der Polizeiwache zu Darenwede ĂŒber diesem Problem, erzĂ€hlten sich gegenseitig Anekdoten aus ihrem Leben, fanden, dass jeder in Grunde ein netter Kerl sei, aber es gibt da Vorschriften - und dass Kuddel seine Mutter ĂŒberraschen wollte, die wird die Sache schon klĂ€ren - bis draußen die kleinen Vögel anfingen zu singen, der BĂ€cker seinen Laden aufschloss und der Stationsvorsteher anrief, dass vor Montag nichts zu machen sei, mit der Notöffnung des Schließfachs, und heute wĂ€re ja schon Freitag, und die paar Tage wĂŒrde man schon rumkriegen.
Noch ein Problem!
Polizeiobermeister Hinrich Ohlsen kochte Kaffee und wartete auf die Ablösung. Als Polizeimeister Peter Petersen ablösen kam, erzÀhlte der beilÀufig, dass er Frau Annegret Dengelmann soeben am Bahnhof getroffen hatte, sie war auf dem Weg in die Stadt, zu Tante Annegret, bei ihr wollte sie das Wochenende verbringen.
„Das ist meine Mutter“, sagte Kuddel.
„Dann is bis Montag nix mit besuchen“, stellte Polizeiobermeister Hinrich Ohlsen lakonisch fest, „Der Zug ist gerade weg. - Was machen wir denn jetzt mit dir, der ‘Person ohne festen Wohnsitz, die sich nicht ausweisen kann‘?“
Allgemeines Achselzucken, Polizeimeister Peter Petersen holte Brötchen und Hackepeter, man frĂŒhstĂŒckte, bis die Bank zu Darenwede öffnete. Polizeimeister Peter Petersen rief da an und verknuckfiedelte dem Direktor höchstpersönlich die ganze verfahrene Geschichte. Der Direktor versprach FrĂ€ulein Oetjen mal rĂŒber zu schicken, weil ihr Opa sammelt MĂŒnzen und sie versteht da auch was von. Ansonsten mĂŒsse man mit den ‘dreiundneunzig MĂŒnzen unterschiedlicher WĂ€hrung‘ am Montag zur Hauptstelle in der Stadt.
Polizeiobermeister Hinrich Ohlsen ging nach Hause, schlafen, Polizeimeister Peter Petersen versah seinen Dienst in der Amtsstube der Polizeiwache und war unabkömmlich wegen einer ‘mittellosen Person ohne festen Wohnsitz in der Amtsstube‘, als ein BĂŒrger anrief und einen Eierdiebstahl meldete.
Kuddel saß derweil mit bleischweren Lidern auf dem Besucherstuhl, blĂ€tterte in dem Polizeimagazin, dachte trĂŒbe Gedanken und ließ seinen Blick hin und wieder ĂŒber seine ‘MĂŒnzen unterschiedlicher WĂ€hrung‘ auf dem Nussbaumschreibtisch gleiten.
Und dann kam FrĂ€ulein Oetjen, sah Kuddel, stutzte und hauchte: „Kurt? Kurt Dengelmann?“
Kuddel stutzte auch, hob seine bleischweren Lider und murmelte: „Rike? Rike Oetjen?“
Sie fielen sich in die Arme und hielten sich fest, bis sich der Polizeimeister Peter Petersen rĂ€usperte und darauf verwies, dass man sich auf der Darenweder Polizeiwache befand und nicht in Abidjan in einer Hafenkneipe. - Außerdem mĂŒsse er gleich los, wegen dem Eierdiebstahl, und FrĂ€ulein Oetjen sollte mal eben sagen, was die ‘dreiundneunzig MĂŒnzen unterschiedlicher WĂ€hrung‘ wert seien und das beglaubigen, oder noch besser, sie mal eben in der Bank gegen D-Mark eintauschen, dem Bahnhofswirt sein Geld geben und die ‘Person ohne festen Wohnsitz‘ mitnehmen, schließlich war sie eine unbescholtene BĂŒrgerin Darenwedes und könnte fĂŒr ‘die Person ohne festen Wohnsitz‘ bĂŒrgen.
Das mit den dreiundneunzig MĂŒnzen unterschiedlicher WĂ€hrung ging gar nicht, aber mitnehmen konnte sie Herrn Dengelmann und seine MĂŒnzen schon. Nach einigen Telefonaten - FrĂ€ulein Oetjen nahm sich in der Bank zwei Stunden frei - und dem AusfĂŒllen etlicher Formulare standen die beiden dann auf der Straße und erzĂ€hlten sich, wie sie in der Schule nebeneinander gesessen und von einander abgeschrieben hatten. Sie von ihm in Mathe und er von ihr bei den AufsĂ€tzen, oder war es umgekehrt?
Egal, jedenfalls hatten sie in der Scheune von Bauer Reimers die ersten zarten KĂŒsse getauscht und sich heimlich verlobt.
FrĂ€ulein Oetjen kaufte noch schnell eine ZahnbĂŒrste und zwei Garnituren UnterwĂ€sche, sie brachte Kuddel zu sich nach Hause, befahl ihm, sich auszuschlafen und begab sich wieder in die Bank.
Geweckt wurde Kuddel von den lieblichen DĂŒften aus der KĂŒche. FrĂ€ulein Oetjen hatte Koteletts zubereitet, dazu Bratkartoffeln mit Speck und Zwiebeln. Nicht nur davon war er begeistert, auch von dem Liebreiz seiner ehemaligen Klassenkameradin; - er konnte sich nicht erklĂ€ren, wieso er damals abgehauen und zur See gegangen war.
In dem Lichtspieltheater Darenwedes war gerade "Zwei außer Rand und Band" angelaufen, da gingen sie hin, aber sie bekamen nicht viel davon mit, wie sich Bud Spencer und Terence Hill durch den Film kloppten. Außer Rand und Band waren auch Rike und Kurt in der folgenden Nacht; - aber auf eine ganz andere Weise

Am nĂ€chsten Morgen fuhren die beiden in die Stadt und Rike kaufte fĂŒr ihren Kurt einen neuen Anzug, einen schönen Anzug aus feinem Zwirn, und glatte, schwarze, wasserpolierte Oxfordschuhe, Socken, zwei Hemden und eine Krawatte aus Seide.
Man schlenderte auch beim Juwelier vorbei und besah sich Ringe im Schaufenster.
Rike hatte in zwei Wochen Geburtstag, ihren Dreißigsten, da wĂ€re es doch ganz angebracht, die Feier mit einem Verlobungsring am Finger zu beenden.
Das fand Kuddel auch und bis dahin wĂŒrde sich die Sache mit Kuddels Seesack geklĂ€rt haben, denn lumpen lassen, das hatte er sich noch nie.
Des Abends im ‘GrĂŒnen JĂ€ger‘ tanzten sie festlich gewandet eng umschlungen und Wange an Wange. Sie bekamen nicht mit, wie sich das GerĂŒcht, das Kurt Dengelmann wegen FrĂ€ulein Oetjen endlich heimgekehrt sei von See, ausbreitete wie ein Steppenbrand im Hochsommer. Man konnte das FrĂ€ulein von der Bank gut verstehen, dass es so lange auf ihren Seemann gewartet hatte, bei der stattlichen Erscheinung, und diese Ähnlichkeit! So ein schönes Paar! - Obwohl FrĂ€ulein Oetjen den Arzt aus dem Nachbarort hĂ€tte haben können, oder zumindest den Sohn vom Apotheker. Naja, wo die Liebe hinfĂ€llt.
Gar mancher Junggeselle disponierte seine ZukunftsplÀne um.
Am folgenden Sonntag war es soweit, dass Rike ihrer Mutter ihren ZukĂŒnftigen vorstellte.
Frau Oetjen hatte den Kaffeetisch liebevoll gedeckt und sogar eine Brandteigtorte mit AprikosenfĂŒllung gebacken. Aber ihr Blick war trĂŒbe und meistens in eine unergrĂŒndliche Ferne gerichtet. Das fiel der Tochter auf; - war ihre Mutter doch ansonsten sehr lebensfroh und hatte stets ein SpĂ€ĂŸchen oder ein nettes Wort parat. Als die Torte zur HĂ€lfte gegessen war und sich Rikes und Kurts Blicke wieder leidenschaftlich ineinander zu verflechten begannen, hub sie an, die Geschichte von dem Klavier - eigentlich war es ja ein FlĂŒgel, ein richtiger KonzertflĂŒgel der Marke ‘Steinway‘ - der da vor dem GartenhĂ€uschen unter der Linde in einem der GĂ€rten gestanden hatte, zu erzĂ€hlen:
„Wisst ihr,“ begann Frau Oetjen und tat jedem noch ein StĂŒck Torte auf, „damals im Krieg, als die Bombenangriffe immer schlimmer wurden, haben die wohlhabenden StĂ€dter ihre wertvollen Sachen zu Freunden oder Verwandten - wenn sie welche hatten - aufs Land gebracht. Da wo die das Einkaufszentrum gebaut haben, waren damals GĂ€rten, so SchrebergĂ€rten mit GartenhĂ€uschen. Wahrscheinlich sollte der FlĂŒgel darein, ging aber nicht. So blieb er dann unter dem Baum stehen. Ein Bein war ab, aber man hatte ein paar Kisten darunter gestellt.“
Frau Oetjens Blick richtete sich auf einen imaginĂ€ren Punkt irgendwo in der Ferne und sie erzĂ€hlte vom Bund Deutscher MĂ€dels, von dem sie als Landhelferin in Darenwede eingesetzt worden war. Zum GlĂŒck, denn fast hĂ€tte man sie nach Bergen-Belsen geschickt, als Aufsicht im KZ.
„Als der Krieg dann aus war“, fuhr Frau Oetjen fort, „wurde jeder Fußbreit Boden zum Anbau von Nahrungsmitteln genutzt, war ja knapp damals, alles war knapp, obwohl der Ami laufend sogenannte Care-Pakete schickte. In den GĂ€rten haben die Frauen dann Bohnen, Möhren, Kartoffeln und sowas angebaut, alles, was man essen konnte. Das haben Frauen gemacht, ich auch, denn die MĂ€nner waren ja nicht da. Entweder noch in Gefangenschaft oder im Krieg gefallen. Wir haben schwer gearbeitet damals, die einzige Abwechslung war ein junger Mann, der nachmittags kam und auf dem Klavier spielte. Wunderschöne Melodien. Die Frauen sind alle gekommen und haben zugehört. Ich erinnere mich noch genau an den Walzer aus ‘Carousel‘ von Richard Rodgers, das Musical war gerade am Broadway uraufgefĂŒhrt worden
“
Den ‘Carousel Waltz‘ summend schenkte Frau Oetjen nochmal Kaffee nach.
„Tja, und dann kam er auf einmal nicht mehr. – Aber zwei von uns Frauen waren schwanger
“ Frau Oetjen sah Kurt fest in die Augen, „deine Mutter und ich
“

Epilog: Kurt besuchte am folgenden Montag seine Mutter, aber er erzĂ€hlte nicht, dass er ĂŒber die Sache mit dem Klavier Bescheid wusste. Am Montag wurde auch das Schließfach geöffnet und Kurt zahlte die Rechnung beim Bahnhofswirt, er legte sogar noch ein Scheinchen oben drauf, wegen der Unannehmlichkeiten.
Das war gegen 17 Uhr 55, und um 18 Uhr 01 stellte der Wirt zwei große BierglĂ€ser unter den Zapfhahn, eins fĂŒr Kuddel und eins fĂŒr den Polizeimeister Peter Petersen, der mitgekommen war, um die Transaktion zu ĂŒberwachen.
Bemerkenswert ist noch, das Polizeimeister Peter Petersen, der um 18 Uhr Dienstschluss hatte, gegen 22 Uhr 17 von dem Polizeiobermeister Hinrich Ohlsen in die einzige AusnĂŒchterungszelle Darenwedes eingeliefert wurde.
Nach altem Brauch musste FrĂ€ulein Rike Oetjen an ihrem Dreißigsten Geburtstag an der Kirche Darenwedes ‘Klinken putzen‘*.
Sie wurde von Claas Thiedeke, der zu diesem Zeitpunkt die Darenweder Metzgerei unter Konkursverwaltung betrieb, zwei Monate spÀter geehelicht.
Sie brachte sieben Monate spÀter einen gesunden Jungen zur Welt; - von krÀftiger Statur, blond und blauÀugig.
Aber da war Kurt Dengelmann lÀngst wieder auf See, und die Metzgerei schrieb schwarze Zahlen.
Zu denken gibt allerdings, das jedes Mal nach dem Besuch der Eheleute Thiedeke zur heiligen Messe eine mehr oder weniger exotische MĂŒnze im Klingelbeutel zu finden ist





*Aus dem Brauch des Domtreppenfegens zum 30. Geburtstag eines Manns entwickelt sich spĂ€ter die weibliche Variante, das sogenannte ‘Klinkenputzen‘, bei dem eine ledige Frau an ihrem dreißigsten Geburtstag die Klinken der DomtĂŒren zu putzen hat. Die ledige Frau hat solange zu putzen, bis sie ein Junggeselle ‘freikĂŒsst‘. Sollte sie diesen Junggesellen nicht ehelichen, wird sie ihr Leben lang unverheiratet bleiben.
Seit Ende der 1950er Jahre wird der Brauch zunehmend ausgeĂŒbt. Inzwischen wurde der ursprĂŒnglich bremische Brauch von anderen StĂ€dten ĂŒbernommen und ist mittlerweile in Norddeutschland weit verbreitet als “Treppe(n)fegen“ oder “Klinkenputzen“ anzutreffen, wobei nicht zwangslĂ€ufig die Treppen oder Klinken eines Doms zu fegen oder zu putzen sind. In OsnabrĂŒck etwa fegen die ledigen 30-JĂ€hrigen die Treppen des Stadttheaters. In kleineren Ortschaften, wie etwa Darenwede, dient auch die Kirche als ‘BĂŒhne‘ fĂŒr den althergebrachten Brauch. Durch derartige Anpassungen konnte sich der Brauch von Bremen aus inzwischen in eine Vielzahl weiterer StĂ€dte verbreiten.

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