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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Das Meer-Prinzip
Eingestellt am 25. 02. 2003 16:31


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peaches
???
Registriert: Apr 2001

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Krachend f├Ąllt die T├╝r hinter ihm ins Schloss, wie schon so viele Male davor, aber diesmal hat es etwas endg├╝ltiges.
Sie sitzt regungslos am K├╝chentisch und starrt blicklos immer noch Richtung Wohnungst├╝r, so als k├Ânne sie durch reine Gedankenkraft wieder r├╝ckg├Ąngig machen, was gerade geschah. So richtig verstehen kann sie es sowieso noch nicht, daf├╝r ging es jetzt zum Schluss einfach viel zu schnell.
Er hat einfach seine paar Sachen zusammengepackt und schon ist er weg, nat├╝rlich hat es noch die ├╝blichen Betteleien ihrerseits gegeben und die Versprechen, dass sie sich ├Ąndern w├╝rde und das doch alles wieder gut werde und das sie ihn noch immer liebe, aber er hat darauf ├╝berhaupt nicht mehr reagiert. Er hat nur gesagt, dass er das alles nicht mehr h├Âren k├Ânne und ob ihr nicht auch mal was Neues einfallen w├╝rde und dann ist er raus, raus aus der T├╝r und damit wohl auch aus ihrem Leben.
Tr├Ąnen laufen ihr ├╝bers Gesicht, aber sie bemerkt es gar nicht, als sie mit hochgezogenen Knien, die H├Ąnde davor verschr├Ąnkt, auf dem K├╝chenstuhl sitzt und sich daran erinnert, wie alles begann, damals...

Es war fast wie in einem dieser kitschigen Liebesfilme, wo die Leute sich rein zuf├Ąllig ├╝ber den Weg oder noch besser ├╝ber den Haufen laufen. So ├Ąhnlich fing es auch bei ihnen an.
Es war letztes Jahr im Mai wieder einmal dieser Tage, wie sie sich so endloslang aneinandergereiht hatten in ihrem Leben, einer so ereignislos wie der andere. Sie war auf dem Nachhauseweg aus dem B├╝ro und hatte schnell noch beim Supermarkt um die Ecke einen kleinen Einkauf get├Ątigt und bog mit der Einkaufst├╝te unterm Arm um die Stra├čenecke, als dieser Typ aus dem kleinen Blumenladen st├╝rmte und geradewegs in sie hineinlief. Ehe sie sich versah, lag sie auf dem Boden und ein sehr verlegenes, etwas sorgenvolles, aber genauso auch attraktives M├Ąnnergesicht geriet in ihr Blickfeld.
„Oh Mann, das tut mir schrecklich leid, geht`s ihnen gut? Alles in Ordnung mit ihnen?“
Sie hatte die Fragen gar nicht richtig wahrgenommen, sondern war immer noch von diesen Augen wie hypnotisiert. Sie erinnerte sich, seine Augen waren das erste gewesen, was ihr an ihm aufgefallen war, gro├č, dunkel, irgendwie geheimnisvoll und in diesem Augenblick fragend und voller Mitgef├╝hl.
Erst mit ein paar Sekunden Verz├Âgerung nahm sie die ihr hilfreich entgegengestreckte Hand wahr, die sie etwas z├Âgerlich ergriff und die ihr dann kraftvoll wieder auf die Beine half. In der anderen Hand hielt er einen dieser kleinen, bunten Fr├╝hlingsstr├Ąu├če, wie es sie so eben nur im Fr├╝hling zu kaufen gibt.
„Tut mir leid, ist sonst eigentlich nicht meine Art, sch├Âne Frauen einfach ├╝ber den Haufen zu laufen“, sagte er mit einem etwas spitzb├╝bischen L├Ącheln auf den Lippen und musterte sie interessiert von oben bis unten.
„Darf ich sie als Wiedergutmachung zu einem Kaffe einladen,“ fragte er und wies auf das kleine Caf├ę nur zwei H├Ąuser weiter.
„Danke, aber das ist wirklich nicht n├Âtig, war ja halb so schlimm und mir fehlt ja auch nichts“, erwiderte sie, ganz entgegen der Gef├╝hle in ihrem Bauch und so beeilte sie sich ein, „aber warum nicht“, dranzuh├Ąngen und versuchte ihr sch├Ânstes Perlwei├čl├Ącheln hervorzuzaubern
So nahm damals alles seinen Anfang.
Aus dem einen Kaffee wurden drei Cappuccino und ehe sie sich versahen, sa├čen sie fast zwei Stunden zusammen und redeten. Es war schon irgendwie komisch, eigentlich war sie der eher zur├╝ckhaltende Typ und brauchte immer eine Weile um mit jemandem warm zu werden, aber bei ihm war das ganz anders. Von Anfang an verstanden sie sich richtig gut und konnten ├╝ber so vieles reden, weil sie eben viele gemeinsame Interessen hatten, wie sie schnell feststellten.
Am Ende verabredeten sie sich f├╝rs Wochenende und dann dr├╝ckte er ihr noch den Blumenstrau├č in die Hand, „als Entschuldigung f├╝r meinen st├╝rmischen Auftritt vorhin“.
Erst viel sp├Ąter erfuhr sie, dass der Strau├č eigentlich f├╝r seine Mutter zum Hochzeitstag gedacht war, aber so war er halt, spontan und immer f├╝r etwas ├ťberraschendes gut, das sollte sie dann auch noch h├Ąufiger erfahren.

Von nun an sahen sie sich ├Âfter und regelm├Ą├čiger und bei ihr machte sich ganz allm├Ąhlich dieses Gef├╝hl breit, das sie schon so lange Zeit vermisst hatte. Da war wieder dieses Kribbeln im Bauch, immer wenn sie an ihn dachte und dieses Gef├╝hl, dass alles was sie ihm sagte irgendwie eine besondere Bedeutung haben k├Ânnte. Zwischen ihnen entwickelte sich diese Vertrautheit, die sie schon so lange vermisst hatte. Irgendwann waren sie einfach zusammen und keiner von ihnen konnte genau sagen, wie und wann es dazu gekommen war. Es hatte sich eben so ergeben, ohne dass sie dar├╝ber gro├č nachgedacht hatten, so, als w├Ąre es vorherbestimmt gewesen.
Er hatte diese jungenhafte Art an sich und sie konnte ihm auch nie wirklich lange b├Âse sein, wenn er mal wieder etwas verbockt oder vergessen hatte. Denn eines stellte sie dann doch sehr schnell fest, trotz vieler Gemeinsamkeiten waren sie total unterschiedliche Typen und manchmal zweifelte sie schon daran, ob diese Beziehung wohl Zukunft h├Ątte. Aber nicht umsonst sagt man ja auch, Gegens├Ątze ziehen sich an und wahrscheinlich ist es einfach so, dass man und frau von diesen Gegens├Ątzen irgendwie fasziniert ist. Entscheidend dabei ist wohl nur, wie lange diese Faszination anh├Ąlt und ob der Partner auch noch interessant ist, wenn die Anfangseuphorie verflogen ist.

Aber bei ihnen waren nun letztlich die Unterschiede wohl doch zu gro├č gewesen. Sie war eben mehr der h├Ąusliche Typ, sie brauchte sich nicht unbedingt st├Ąndig auf Partys und Feiern auszutoben, ihr war meistens eher nach einem gem├╝tlichen Abend zu Hause, allein zu zweit. Er dagegen brauchte immer in irgendeiner Weise „Action“, wie er sagte. Er war fast immer unterwegs und brauchte st├Ąndig Leute um sich, brauchte ihre Best├Ątigung und das Gef├╝hl gemocht zu werden und hielt es alleine nie sehr lange aus. Und er flirtete f├╝r sein Leben gern, leider oft nicht mit ihr, sondern mit anderen weiblichen Wesen. Obwohl er immer wieder beteuerte, dass das Ganze f├╝r ihn nur ein Spiel sei und er nur sie liebe, war das eine seiner Eigenarten, mit der sie ├╝berhaupt nicht zurechtkam. Flirten war auch einfach nicht so ihr Ding, daf├╝r war sie zu sch├╝chtern und zu ├Ąngstlich, au├čerdem sah sie das nicht als Spiel an, sondern f├╝r sie war das eine sehr ernste Angelegenheit und kein blo├čer Zeitvertreib oder Spa├č. Und obwohl sie wusste, dass er diese kleinen Flirts nicht ernst nahm und meinte, war das ein Punkt, ├╝ber den sie sich immer wieder aufregte und ihm dann deswegen auch h├Ąufig Vorw├╝rfe machte.
Leider waren es eben gerade diese „Kleinigkeiten“, die immer wieder f├╝r Missstimmungen in ihrer Beziehung sorgten, denn im selbem Ma├če, wie er spontan und ├╝berraschend war, war er auch unp├╝nktlich und unzuverl├Ąssig, manchmal eben unberechenbar. F├╝r sie war so ein Verhalten in einer Partnerschaft aber auf Dauer nicht tragbar, weil sie Zuverl├Ąssigkeit f├╝r sehr wichtig hielt. Au├čerdem war da immer eine unterschwellige Angst bei ihr vorhanden, dass er, wenn er so unzuverl├Ąssig war, es vielleicht auch mit der Treue nicht so genau nehme.
Er dagegen regte sich oft ├╝ber ihre konservative und spie├čige Einstellung auf, schlie├člich sei man nur einmal jung und ├╝berhaupt, keiner wisse, was morgen sei und so lebe er eben auch. Und seinen Spa├č und seine Freiheit wolle er sich auf keinen Fall nehmen lassen, das m├╝sse sie halt verstehen oder wenigstens akzeptieren.
So zog sich das Ganze nun schon ├╝ber ein Jahr hin und bisher hatte es nie lange gedauert, bis sie sich nach einem Streit auch wieder vers├Âhnten, denn ohne den anderen hielten sie es h├Âchstens zwei oder drei Tage aus. Aber heute ist es anders als sonst, heute ist es irgendwie endg├╝ltig, heute hat er all seine Sachen eingepackt und dabei nicht einmal seine Zahnb├╝rste vergessen.

Sie erhebt sich vom K├╝chenstuhl und geht langsam zum Fenster. Dort bleibt sie stehen und schaut hinaus in den Park auf der anderen Stra├čenseite, wo sie so viele Male zusammen im Gras gelegen und ├╝ber Gott und die Welt philosophiert haben. Wehm├╝tig erinnert sie sich daran, wie ausgelassen sie miteinander gelacht haben und daran, wie er ihr immer den Nacken gek├╝sst hat, so sanft, dass sie jedesmal einen wohligen Schauer versp├╝rt hat.
Als ihr Blick so ziellos in die Ferne schweift, ohne dass sie wirklich etwas sieht, muss sie an ihre beste Freundin denken und daran, was sie immer ├╝ber die Liebe sagt. Und in diesem Moment huscht zum ersten Mal an diesem Tag ein L├Ącheln ├╝ber ihr Gesicht, ein kleines, schwaches, etwas leidendes L├Ącheln zwar, aber immerhin.

Ihre Freundin ist auch ein sehr lebensfroher und lebendiger Typ und sie sagt immer, mit der Liebe ist es wie mit dem Meer. Das einzig gleichbleibende und immer wiederkehrende sind Ebbe und Flut, ein best├Ąndiges sich entfernen und wiederkommen. Genauso sei es eben auch bei der Liebe.
Zu Beginn ist es wie mit der Flut, sie steigt immer h├Âher und ├╝bersp├╝lt alles, was so am Meeresboden liegt, bis man nur noch Wasser sieht, soweit das Auge reicht.
Am Anfang der Liebe ist es ganz ├Ąhnlich, dieses Gef├╝hl bricht wie die Flut ├╝ber einen herein, ohne dass man sich dagegen wehren kann. Sie ├╝berspielt alles, was man sonst vielleicht wahrnehmen w├╝rde, aber wie sagt man ja so sch├Ân, Liebe macht blind. Deshalb sieht man zuerst immer nur die guten Seiten eines Menschen und die weniger guten fallen einem erst gar nicht auf, man ├╝bersieht sie einfach.
Doch nach und nach fallen einem auch diese nicht immer sch├Ânen Seiten an einem Menschen auf, seine Macken und Eigenarten, seine Probleme und Schwachstellen, all das, was einen Menschen manchmal so liebenswert macht, aber leider oft auch einfach unausstehlich.
So wie mit der Ebbe nach und nach das Wasser zur├╝ckweicht und mehr und mehr von dem offenlegt, was die Flut verdeckt, so offenbart die Zeit in der Liebe nach und nach immer mehr von dem, was wir an unseren Partnern weniger m├Âgen und weswegen wir dann auch unsere Partner weniger m├Âgen.
Manchmal gelingt es uns ├╝ber diese Ebbezeiten hinwegkommen oder hinwegzusehen und dann kehrt die Liebe zur├╝ck, so wie die Flut und alles erscheint wieder so, wie man es sich immer w├╝nscht und vorstellt. Manche Menschen finden gerade dieses st├Ąndige Wechselspiel besonders reizvoll und sagen dann, dass es doch nichts Sch├Âneres g├Ąbe, als sich nach einem Streit auch immer wieder zu vers├Âhnen.
Oft aber sorgt dieses Wechselspiel von Ebbe und Flut daf├╝r, dass die Liebe die Zeit nicht ├╝berdauert und daran zerbricht.
So ist es ihnen nun ergangen, oft schon ist die Flut zur├╝ckgekommen und hat allen Streit hinweggesp├╝lt, aber fr├╝her oder sp├Ąter hat es dann immer wieder Zeiten der Ebbe gegeben und letztlich hat die Ebbe in ihrer Beziehung gesiegt.

Aber ihre Freundin ist der Meinung, dass es sich mit der Liebe eben wie mit Ebbe und Flut verh├Ąlt. Auch wenn Ebbe herrsche und die Liebe in fast unerreichbarer Ferne liege und nichts daraufhin deute, dass sie noch einmal zur├╝ckkomme, so k├Ânne man sich doch darauf verlassen, dass sie wiederkehre, so wie die Flut immer wiederkehre.
Jetzt im Moment ist nun mal Ebbe angesagt, aber fr├╝her oder sp├Ąter wird es auch wieder eine Flut geben, so ist das halt, sowas nennt man wohl ein Naturgesetz.
Oder so wie ihre Freundin immer wieder sagt, „das ist halt das Meer-Prinzip!“
Der einzige wirkliche Unterschied zwischen der Liebe und dem Meer ist, dass man beim Meer Ebbe und Flut sehr genau vorhersagen kann, nur bei der Liebe klappt das eben nicht ganz so gut.

Aber in diesem Augenblick ist ihr das auch v├Âllig egal, denn was z├Ąhlt war ganz allein dieser, wenn auch im Moment, schwache Trost:
Die n├Ąchste Flut ist praktisch schon auf dem Weg zu ihr, auch wenn sie sie jetzt noch nicht sehen kann, aber sie wird kommen, fr├╝her oder sp├Ąter, ganz sicher...

__________________
Phantasie ist wichtiger als Wissen!
(Albert Einstein)

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Zefira
???
Registriert: Jan 2001

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Lieber peaches,

ein sch├Ânes Pers├Ânlichkeitsbild und auch der Vergleich mit dem Meer ist gut ausgedacht und sehr sch├Ân ausgebaut.

Was ich als zu lang und eher wenig bis nichts-sagend empfunden habe, ist der Absatz, der mit

>Von diesem Tag an sahen sie sich dann immer ├Âfter und regelm├Ą├čiger ...< beginnt. Das ist die Schilderung einer beginnenden Liebe mit - sei mir nicht b├Âse - Allgemeinpl├Ątzen. Eine Vertrautheit, als w├╝rden sie sich schon lange kennen.... er konnte sie zum Lachen bringen... ich finde diesen ganzen Absatz eigentlich ├╝berfl├╝ssig.

Viel sprechender sind Situationsschilderungen, wie z.B. die mit dem Blumenstrau├č. Da hat man sofort ein Bild vor sich.

>ÔÇ×Danke, aber das ist wirklich nicht n├Âtig, war ja halb so schlimm und mir fehlt ja auch nichtsÔÇť, erwiderte sie, ganz entgegen der Gef├╝hle in ihrem Bauch und so schob sie m├Âglichst schnell ein, ÔÇ×aber warum nichtÔÇť, nach und versuchte ihr sch├Ânstes Perlwei├čl├Ącheln hervorzuzaubern <

... den Satz w├╝rde ich noch etwas vereinfachen. Bei dem Satzteil "... in ihrem Bauch und so schob sie m├Âglichst schnell ein..." dachte ich unwillk├╝rlich an Essen ("Bauch" und "einschieben") und kam von diesem Bild nicht mehr los...

lieben Gru├č,
Zefira


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