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Leselupe.de > Erzählungen
Das Museum (ziemlich langer Text)
Eingestellt am 04. 06. 2005 15:06


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axel
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Enttäuscht verließ Holger Wertheim das Museum. Sonderlich beeindruckt hatte es ihn nicht.
Er war nicht einmal sicher, ob er √ľberhaupt damit einverstanden war, das Geb√§ude, aus dem er gerade kam, als Museum zu bezeichnen.
Soweit er wusste, war der Begriff nicht gesch√ľtzt und gab es keine klaren Kategorien, die erf√ľllt sein mussten, ehe man von einem Museum sprechen durfte. In den vergangenen Tagen hatte er oft genug erlebt, dass mancher Andenkenladen den eigenen Verkaufsraum als Museum deklariert hatte, dessen Besichtigung gro√üz√ľgigerweise bei freiem Eintritt gestattet war.
Wenn die Ladenbesitzer das durften, sollte es Holger Wertheim auch erlaubt sein, selbst ein Urteil dar√ľber zu f√§llen, ob ein angebliches Museum diesen Titel zu Recht trug oder nicht.
Wie immer in solchen Situationen erinnerte er sich unwillk√ľrlich an seinen allerersten Museumsbesuch, den er vor bald drei Jahrzehnten mit seiner Grundschulklasse unternommen hatte. Das bescheidene Heimatmuseum war nicht bedeutender als die Kleinstadt, in der es stand, doch es beherbergte eine stattliche Anzahl von Ritterr√ľstungen, mittelalterlichen Folterinstrumenten und anderen Dingen, an die Holger Wertheim sich kaum noch erinnerte. Immerhin waren sie alle alt und historisch und frei von dem Verdacht, einfache Gebrauchsgegenst√§nde der heutigen Zeit zu sein. Die ganze Klasse war ergriffen und beeindruckt gewesen, alle hatten sich gef√ľhlt, als w√§ren sie mit einer Zeitmaschine in die Welt der Ritter und Burgfr√§ulein gereist.
Etwas Vergleichbares konnte dieses Museum nicht bewirken. Das Gebäude war erst im letzten Jahr fertig worden, die Exponate wahrscheinlich nicht wesentlich älter. Holger Wertheim wusste, dass der Vergleich hinkte und eigentlich unzulässig war. Seit seiner Schulzeit hatte er etliche zeitgenössische Museen besucht und deren Besichtigung zum Teil sehr genossen, ohne sich mit Definitionsfragen zu beschäftigen.
Auch am heutigen Tag hatte er das Geb√§ude ohne Vorurteile oder falsche Erwartungen betreten, doch dann hatte ihm das Gesehene eben nicht gefallen. Holger Wertheim konnte keinen Grund erkennen, der ihm verboten h√§tte, dieses Urteil zu f√§llen. Je l√§nger er nachdachte, desto sicherer wurde er, dass er seine Entscheidung nicht einmal begr√ľnden oder sich daf√ľr rechtfertigen musste.
Birgit war bestimmt anderer Ansicht.
Sie hatte ihm lange vor dem Urlaub einen Artikel in einer Kunstzeitschrift gezeigt und dann extra diese Stadt ansteuern wollen, die au√üer dem hoch gelobten Museum nicht viel zu bieten hatte. Sie war noch im Innern des Geb√§udes und w√ľrde ihren Rundgang bis zum Ende der √Ėffnungszeit ausdehnen, um Holger Wertheim f√ľr seine mangelnde Bereitschaft zu bestrafen, der Kunst die angemessene W√ľrdigung zukommen zu lassen oder sich wenigstens ihren W√ľnschen zu unterwerfen.
In den letzten Tagen hatte sie immer wieder behauptet, dass die Gestaltung des gemeinsamen Urlaubs bisher weitgehend seinen Vorstellungen gefolgt sei, doch das stimmte definitiv nicht!

An einem einzigen Abend der vergangenen Woche hatte er in einer verrauchten Bar ein Spiel der Bayern sehen wollen, aber das war immerhin das Halbfinale gewesen, ohne jeden Zweifel eine au√üerordentlich wichtige Partie. Holger Wertheim war kein Fanatiker, der reflexartig den Fernseher einschaltete, sobald ein noch so unbedeutendes Spiel gezeigt wurde. In den vergangenen Jahren hatte er seiner Freundin zuliebe oft genug auf Fu√üball√ľbertragungen verzichtet und in der letzten Woche auch nicht verlangt, dass sie das Spiel mit ihm gucken sollte.
Die Bayern hatten verloren, Birgits Kommentare die Lust am Zuschauen zusätzlich geschmälert, danach hatte sie ihm stundenlang seine schlechte Laune vorgeworfen, die dadurch immer neue Nahrung erhalten hatte.
Mittlerweile wusste Holger Wertheim, warum Birgit mitgekommen war: Das Fu√üballspiel war f√ľr den Rest des Urlaubs ein vortreffliches Argument, das auch nach der hundertsten Wiederholung nichts von seinem Gewicht eingeb√ľ√üt hatte.
Die arme Birgit hatte nicht nur dieses d√§mliche Spiel ansehen m√ľssen, sondern dabei quasi Redeverbot gehabt, nicht einmal kundtun d√ľrfen, dass die Trikots der gegnerischen Mannschaft ebenso wie die meisten ihrer Spieler besser aussahen als die der Bayern. In ihrer Langeweile hatte sie die Einheimischen in der Bar beobachtet und deren Lebensfreude bewundert, die sich bei jedem Tor ihren Weg bahnte.
Holger Wertheim hatte in den Tagen nach jenem Abend gesp√ľrt, dass ihm die Z√ľgel aus den H√§nden glitten, allerdings nie gewusst, was er dagegen h√§tte unternehmen sollen. Mittlerweile war er nicht mehr sicher, ob er Birgit in seiner Ver√§rgerung nicht vielleicht doch vorgeworfen hatte, mit einem der Einheimischen geflirtet zu haben. Wenn er das getan hatte, w√§re zumindest Birgits Behauptung widerlegt, er interessiere sich mehr f√ľr den Fu√üball als f√ľr sie.
So konnte es nicht weitergehen.
Holger Wertheim nahm sich vor, es in Zukunft nicht mehr hinzunehmen, dass Birgit ihn immer wieder mit fadenscheinigen Begr√ľndungen ins Unrecht setzte, um ihren Willen durchzusetzen. Er setzte sich auf eine der B√§nke auf dem Vorplatz des Museums und z√ľndete eine Zigarette an. Auch das mochte sie nicht, dabei hatte er seinen Konsum bereits deutlich reduziert und sich seit dem Einzug in die gemeinsame Wohnung an sein Versprechen gehalten, dort nicht zu rauchen.

Von au√üen betrachtet war das Geb√§ude durchaus sehenswert, die ausgefallene Architektur war ein nicht unbedeutender Grund f√ľr die Ber√ľhmtheit, die das Museum mittlerweile erlangt hatte. An diesem Punkt sah Holger Wertheim keinen Grund, den vielen Lobeshymnen auf den noch jungen Kulturtempel zu widersprechen, und da die Sonne ihren heutigen Weg √ľber den Himmel weitgehend absolviert hatte und die Mauern mit ihren letzten Strahlen in ein angenehm warmes Licht tauchte, war der Anblick umso reizvoller.
Holger Wertheim holte seine Kamera aus der Tasche und begann zu fotografieren. Er konnte leider nur Detailaufnahmen machen, f√ľr eine Gesamtansicht war er dem Geb√§ude viel zu nah. Das Weitwinkelobjektiv brauchte er gar nicht erst aufzusetzen, sein Kennerblick reichte f√ľr die Ahnung, dass es nicht ausreichen w√ľrde, um das gesamte Geb√§ude aus so geringer Distanz zu erfassen, au√üerdem war ein Weitwinkel zur Ablichtung eines Bauwerks g√§nzlich ungeeignet.
Im Westen waren zwei H√ľgel auszumachen, einer der beiden w√§re bestimmt ein guter Standort, um das Museum in all seinen Facetten abzulichten. Die H√ľgel waren aber zu weit entfernt, um sie jetzt noch zu erreichen.
Wenn Holger Wertheim sich ans Steuer des Mietwagens setzen w√ľrde, riskierte er einen heftigen Streit mit Birgit, falls die zwischenzeitlich aus dem Geb√§ude k√§me und merken m√ľsste, dass er nicht auf sie gewartet hatte. Er hatte sich gerade erst vorgenommen, nicht mehr so viel R√ľcksicht auf Birgits W√ľnsche zu nehmen, doch jetzt sagte er sich, dass er, so schnell er auch fahren w√ľrde, trotzdem keine Chance h√§tte, die H√ľgel rechtzeitig zu erreichen, um jenen Augenblick festzuhalten, da die letzten Sonnenstrahlen das Geb√§ude bescheinen w√ľrden.
Die Fotografie war Holger Wertheims gro√üe Leidenschaft, viel wichtiger als jedes Fu√üballspiel. Birgit hatte schon viele Ergebnisse seiner Kunst bewundert und selbst die Portraitaufnahmen, die er von ihr gemacht hatte, gerne im Freundeskreis gezeigt. Das Vertrauen in seine F√§higkeiten hatte ihre anf√§ngliche Zickereien, die sie immer an den Tag gelegt hatte, wenn er sie fotografieren wollte, inzwischen beseitigen k√∂nnen, doch noch immer reagierte sie bestenfalls mit Spott, zumeist aber verst√§ndnislos und w√ľtend, wenn ein Foto vorbereitende Ma√ünahmen erforderte.
Am fr√ľhen Nachmittag hatte er erkannt, dass er die ganze Pracht der ber√ľhmtesten Stra√üe der Stadt nur dann richtig zur Geltung bringen konnte, wenn er sich auf den Mittelstreifen zwischen den stark befahrenen Fahrspuren begab. Das wilde Hupen der heranbrausenden Autos, die seinetwegen keinen Millimeter zur Seite wichen, w√§re auf dem Foto nicht zu sehen. Auf dem Mittelstreifen angelangt, konnte er in aller Ruhe mehrere Fotos mit symmetrischer und harmonischer Linienf√ľhrung machen, was vom Rand der Stra√üe aus nicht m√∂glich gewesen w√§re.
Holger Wertheim war beinahe sicher, dass Birgit einen Abzug im Posterformat in der heimischen Wohnung aufh√§ngen w√ľrde, doch am Nachmittag hatte sie nur geschimpft und ihn auch dann noch einen Verr√ľckten genannt, als er lange schon wieder unverletzt und wohlbehalten neben sie auf den sicheren B√ľrgersteig gelangt war.

Die Sonne hatte ihren Abstieg zwischen die beiden H√ľgel inzwischen fortgesetzt, die Lichteffekte auf den W√§nden und den zahlreichen Vorspr√ľngen und Erkern des Museums wurden immer grandioser. Holger Wertheim erkannte, dass der Standort des Geb√§udes mit Bedacht gew√§hlt worden war, denn es strahlte noch immer in nicht mehr ganz so hellem Sonnenlicht, w√§hrend die n√§here Umgebung mehr und mehr in den Schatten fiel. Weil es auf der Terasse eines nach Westen zeigenden Hanges stand, warf das Geb√§ude kaum einen Schatten, der die Komposition einer Fotografie h√§tte st√∂ren k√∂nnen.
Die Szenerie wirkte beinahe unwirklich, besaß aber eine geradezu magische Ausstrahlung.
‚ÄěJetzt auf einem der beiden H√ľgel sein!‚Äú, w√ľnschte sich Holger Wertheim voller Sehnsucht.
Er war nicht der einzige Mensch auf dem Platz, der die Sch√∂nheit des Augenblicks erkannte. Manche gerieten regelrecht in Verz√ľckung und beeilten sich, ihre einfachen Automatikkameras auf das Geb√§ude zu richten und wahllos abzudr√ľcken.
Sie hatten keine Chance, die Stimmung dieses Ortes einzufangen.
Zu Hause s√§hen sie nur einen kleinen Ausschnitt eines von der Sonne beschienenen Geb√§udes und w√ľrden sich wahrscheinlich fragen, warum sie √ľberhaupt auf den Ausl√∂ser gedr√ľckt hatten. Holger Wertheim hatte keine Lust zu diskutieren, nahm bereitwillig alle Kameras, die ihm gereicht wurden und erf√ľllte die W√ľnsche der Besitzer nach einem Erinnerungsfoto, das allerdings weder die abgelichteten Personen noch das Museum im Hintergrund des Bildes zur Geltung bringen w√ľrde.
Er hatte sich lange schon angew√∂hnt, auf wertlose Aufnahmen zu verzichten. So war es auch am fr√ľhen Nachmittag gewesen. Birgit hatte ihn sogar gebeten, ein Foto von der ber√ľhmten Stra√üe zu schie√üen, sie h√§tte wissen m√ľssen, dass er keine halben Sachen machte.
Das Museum m√ľsste man aus der Ferne mit einem starken Teleobjektiv fotografieren, den Ausschnitt dabei sorgf√§ltig w√§hlen, so dass das Geb√§ude im Zentrum des Bildes st√§nde, der auff√§llige Kontrast zu der schon weitgehend dunklen Umgebung aber trotzdem deutlich w√ľrde.
Holger Wertheim registrierte, dass die Sonne langsamer hinter den H√ľgeln verschwand, als er urspr√ľnglich vermutet hatte und fragte sich, ob er es nicht doch noch geschafft h√§tte, wenn er sich gleich ans Steuer gesetzt h√§tte.
Man m√ľsste die kleinste Blende w√§hlen und die Belichtungszeit manuell einstellen, sich dabei auf das eigene Gesp√ľr und nicht auf die Angaben des Belichtungsmessers verlassen, der sich nat√ľrlich nur nach dem Licht richtete, das von dem Geb√§ude reflektiert wurde.
W√§hlte man eine zu lange Belichtungszeit, w√ľrde das Museum auf dem Foto unnat√ľrlich aufgehellt, w√§hrend im Fall einer zu kurzen Belichtung die verschiedenen Farbnuancen der Umgebung nur noch einheitlich dunkel w√§ren.
Von einem der beiden H√ľgel k√∂nnte man ganze Serien schie√üen und dabei mit allen M√∂glichkeiten experimentieren, die die beiden Kameras boten. Die Ergebnisse w√§ren ganz unterschiedlich, auf ihre jeweilige Art vielleicht samt und sonders beeindruckend, und das eine, absolut perfekte Foto, w√§re bestimmt dabei.
Holger Wertheim √§rgerte sich, dass er es nicht versucht hatte. Er h√§tte in Kauf nehmen sollen, dass Birgit auf seine R√ľckkehr h√§tte warten m√ľssen, schlie√ülich wartete er oft genug auf sie, und jetzt, da die Sonne endg√ľltig verschwunden war, wurde es au√üerdem unangenehm k√ľhl.

Birgit kam genau in dem Augenblick, als Holger Wertheim den Wagen aufschloss, um seine Jacke zu holen. Ihre Worte waren bestimmt nicht sorgf√§ltig gew√§hlt und hatten keine tiefere Bedeutung, doch Holger Wertheim sp√ľrte einen schmerzhaften Stich, als Birgit fragte, ob er etwa ohne sie losfahren wolle.
Sie kam nicht allein, denn sie hatte, nachdem Holger Wertheim das Museum verlassen hatte, Christiane und Klaus kennen gelernt, und wie der Zufall es wollte, wohnten die beiden in einer Pension unweit des Hotels, in dem Holger und sie sich einquartiert hatten. Am Nachmittag waren Christiane und Klaus mit einem Taxi aus der Stadt zum Museum gefahren, jetzt k√∂nnten sie auf der R√ľckbank des Mietwagens Platz nehmen. Beide waren nicht nur ausgesprochen nett und sympathisch, sondern dar√ľber hinaus ideale Verb√ľndete f√ľr Birgits Beteuerungen, dass Holger Wertheim durch seinen vorzeitigen Abbruch der Besichtigung des Museums viel verpasst hatte.
Schon auf der R√ľckfahrt in die Stadt musste Holger Wertheim merken, dass das Gespr√§ch seiner Verlobten mit dem unbekannten Paar nicht bei den ausgestellten Objekten stehen geblieben war.
Christiane und Klaus weilten bereits seit ein paar Tagen in der Stadt und hatten ein exzellentes Restaurant entdeckt, dass sie, nach einer bereits festgesetzten Pause, die beiden Paaren zur Erfrischung in ihren Zimmern einger√§umt war, zu viert besuchen w√ľrden.

Auf der Speisekarte, zumindest auf deren deutscher √úbersetzung, war das Gericht als Schweinefilet bezeichnet worden, doch daf√ľr war das Fleisch nach Holger Wertheims Ansicht zu d√ľnn und zu z√§h.
Er war selbst Schuld, schlie√ülich hatten Christiane und Klaus das Restaurant f√ľr seine ber√ľhmten Fischgerichte gepriesen, und Birgit, die den Ratschl√§gen der beiden gefolgt war, war hellauf begeistert.
Warum hatte das Museum Holger Wertheim so enttäuscht?
Christiane und Klaus waren bem√ľht, ihn in das Gespr√§ch einzubinden, doch Holger Wertheim war nicht sicher, ob er √ľberhaupt Lust hatte, viele Worte zu verlieren.
Der vermeintliche Leckerbissen war keiner, die Chance f√ľr meisterhafte Fotos hatte er verpasst, weil er die Konfrontation mit Birgit gegen alle Vors√§tze gescheut hatte, und was immer er jetzt sagen w√ľrde, w√ľrde ihm nach aller Erfahrung im Mund herumgedreht und verf√§lscht, noch bevor er es g√§nzlich ausgesprochen h√§tte.
Die gezeigten Exponate waren wertlos.
Die Bezeichnung ‚ÄěGebrauchsgegenst√§nde‚Äú wollte Holger Wertheim urspr√ľnglich vermeiden, doch dann rutschte sie ihm heraus, als er nach anderen Worten suchte.
Klaus hatte Unrecht.
Keinesfalls hatte Holger Wertheim seinen Rundgang zu fr√ľh abgebrochen.
Er hatte durchaus registriert, dass nicht nur Vasen und Keramik ausgestellt wurden, trotzdem war es keine große Kunst, eine nur in ihren Ausmaßen beeindruckende Holzplatte in verschiedenen Rottönen zu bemalen.
Klaus wollte an dieser Stelle keinen Streit beginnen, aber musste Holger Wertheim nicht zugeben, dass die Präsentation der ausgestellten Objekte, seien sie nun Kunstwerke oder auch nicht, in diesem Museum ganz und gar außerordentlich war?
Wo sonst wurden von der Decke h√§ngende Gardinen so raffiniert als optische Raumteiler eingesetzt, die die Blicke der Besucher verf√ľhrten und in die gew√ľnschten Richtungen lenkten?
An welchem anderen Ort hatte man sich so viele Gedanken √ľber die richtige Illumination der einzelnen R√§ume gemacht, deren Effekte beim Betrachter doch selbst dann Begeisterung erzeugen konnten, wenn die eigentlichen Ausstellungst√ľcke ihn v√∂llig kalt lie√üen?
Damit hatte Klaus den wunden Punkt erwischt, denn Holger Wertheim musste zugeben, dass Profis am Werk gewesen waren, deren Taten auch ihn beeindruckt hatten. Sogar die rot bemalte Holzplatte gewann durch das bl√§uliche Licht und die an einigen Stellen im Raum aufgespannten Gazet√ľcher an Attraktivit√§t, der Raum bekam eine Atmosph√§re, die durchaus Wirkung hatte.
Holger Wertheim hatte die Szenerie fotografieren wollen, doch das war ja nicht erlaubt, und dieser Umstand war ohne Zweifel verantwortlich daf√ľr, dass an einen ungetr√ľbten Genuss der Darbietungen nicht zu denken gewesen war.
Holger Wertheim war es gew√∂hnt, dass das Fotografieren in Museen Beschr√§nkungen unterlag und hatte volles Verst√§ndnis daf√ľr. Die Verwendung eines Blitzlichts konnte andere Besucher st√∂ren und wertvolle, alte Kunstwerke auf Dauer besch√§digen. Mit einem Stativ w√§re es m√∂glich, gestochen scharfe Aufnahmen von Gem√§lden zu machen, die man anschlie√üend als illegale Kunstdrucke auf den Markt bringen k√∂nnte.
In dem Museum, das man am Nachmittag besichtigt hatte, versprach wohl keines der Exponate die Aussicht auf lohnenden Gewinn, doch das Verbot von Blitzlicht und Stativ war internationaler Standard und als solcher ohne weiteres zu akzeptieren.
Dass das Fotografieren ganz verboten war, hatte Holger Wertheim bisher nicht erlebt, und wollte nicht bestreiten, dass ihm jegliches Verst√§ndnis f√ľr diese Ma√ünahme fehlte. Entweder war den Betreibern die wohlwollende Berichterstattung mancher Medien zu Kopf gestiegen und hatte dazu gef√ľhrt, dass man die eigene Bedeutung ma√ülos √ľbersch√§tzte, oder es war eine willk√ľrliche Schikanierung der Besucher, die sich jedem Versuch einer plausiblen Erkl√§rung entzog.
Klaus zwinkerte mit dem Auge und wusste zu berichten, dass das absolute Fotografierverbot nicht so streng gehandhabt wurde, wie man am Eingang vielleicht denken konnte. Einer Leibesvisitation hatte man ihn nicht unterzogen, die kleine Digitalkamera in einer der zahlreichen Taschen seiner Outdoor-Hose also nicht entdeckt.
Klaus hatte sie nicht bewusst hineingeschmuggelt, sich erst im Innern des Geb√§udes daran erinnert, dass sie in jener Hosentasche steckte, dann aber gemerkt, dass die gelangweilten Wachleute in den einzelnen R√§umen sich kaum daf√ľr interessierten, wenn er die Kamera benutzte, und selbst das Aufleuchten des Blitzes (aus Versehen, weil er nicht daran gedacht hatte, die Automatik auszuschalten) zwar einen missbilligenden Blick zur Folge, ansonsten aber keine Auswirkungen hatte.
Birgit sah sich in ihren Auffassungen best√§tigt: Hatte sie nicht ein ums andere Mal gesagt, dass die riesengro√üe Fototasche, die Holger Wertheim stets mit sich rumschleppte, nicht nur ausgesprochen h√§sslich, sondern auch viel zu schwer und au√üerdem unpraktisch war? Kein Wunder, dass man ihm nicht gestattet hatte, das Unget√ľm mit in das Museum zu nehmen. H√§tte er auf sie geh√∂rt und sich beizeiten eine moderne und handliche Kamera gekauft, h√§tte er jetzt keinen Grund zur Klage.
Klaus und Christiane bemerkten die drohende Vergiftung der lauen Abendluft und wollten den aufkommenden Streit schlichten, bevor er sich entfalten konnte: Wenn Holger Wertheim seine E-Mail-Adresse aufschreiben w√ľrde, bek√§me er s√§mtliche Fotos, die Klaus in dem Museum gemacht hatte, unmittelbar nach ihrer R√ľckkehr nach Deutschland zugeschickt.
Holger Wertheim wusste, dass das Angebot gut gemeint war, doch was sollte er mit Fotos anfangen, die ein anderer gemacht hatte, noch dazu, wenn dieser andere es der Automatik seiner Kamera √ľberlie√ü, ob der Blitz ausgel√∂st wurde oder nicht?
Die Katastrophe bestand nicht darin, dass er keine Fotos aus dem Innern des Museums besa√ü, die Katastrophe war gewesen, dass er keine hatte machen d√ľrfen. Seine Erfahrungen mit Birgit reichten Holger Wertheim f√ľr die Gewissheit, dass es zwecklos w√§re, Klaus und Christiane diesen Unterschied zu erkl√§ren.

Im Hotelzimmer musste er sich später anhören, dass sein Verhalten unmöglich gewesen sei. Demonstrativer hätte er seine schlechte Laune nicht unter Beweis stellen können.
Birgit hatte sich seinetwegen beinahe gesch√§mt und ihm Gegensatz zu ihm auch die verst√§ndnislos fragenden Blicke von Christiane und Klaus wahrgenommen, die die beiden ihr jedes Mal zugeworfen hatten, wenn sie sich in bester freundschaftlicher Absicht an Holger Wertheim gewandt hatten und wieder einmal br√ľsk abgefertigt worden waren.
Holger Wertheim hatte keine Lust mehr zu reden.
Er f√ľhlte keine Verpflichtung zur Freundlichkeit gegen√ľber Menschen, deren Bekanntschaft er nicht gesucht hatte. Birgits Hinweis am Anfang des Abends, dass Klaus auch ein gro√üer Fu√üballfan sei, hatte Holger Wertheim als √ľberfl√ľssig und albern empfunden, es war ihm vorgekommen wie das Verhalten mancher Eltern, die es nicht ertragen k√∂nnen, wenn ihre Kinder sich nicht innerhalb von zwei Minuten mit denen der Nachbarn angefreundet haben.
Abgesehen davon, dass Klaus keine Bedenken gehabt hatte, das von Birgit hingeworfene Stichwort wie ein dressierter Papagei aufzunehmen, hatte er seine Ausf√ľhrungen auch noch mit der Behauptung begonnen, dass die Niederlage der Bayern ‚Äěobjektiv gesehen‚Äú verdient gewesen sei.
Nach dem Ausscheiden der Bayern hatte Holger Wertheim sich nicht mehr f√ľr den Ausgang des zweiten Halbfinalspiels interessiert. Dass Klaus auch diese Partie mit sportlichem Interesse als neutraler Zuschauer verfolgt hatte, war Holger Wertheim ziemlich egal, doch es √§rgerte ihn ma√ülos, dass Klaus damit in Birgits Augen zu einem weltoffenen Menschen wurde, der nicht so verbohrt und engstirnig war wie Holger Wertheim.
Er brauchte nicht viel Phantasie, um sich auszumalen, wie Birgit reagiert hätte, wenn er am Tag nach dem Bayern-Spiel gesagt hätte, dass er am Abend erneut Fußball gucken wollte.
Er sp√ľrte, dass sich etwas √§ndern musste.

Birgits Zerren an seinem K√∂rper war nicht gerade sanft. Der Reisewecker zeigte gerade mal acht Uhr an, was sollte diese Hektik am fr√ľhen Morgen?
‚ÄěSo wach doch endlich auf!‚Äú, drang Birgits Stimme immer lauter, aber nicht eben angenehmer in sein erwachendes Bewusstsein, ‚ÄěWir m√ľssen los!‚Äú
Holger Wertheim versuchte, sich zu sortieren. Der Urlaub war noch nicht zu Ende, es galt nicht, den Flieger f√ľr den R√ľckflug zu erreichen, welche dringenden Termine sollten an einem Tag wie dem heutigen auf ihn warten? Am Abend wollte er auf einem der beiden H√ľgel sein, um von dort das Museum zu fotografieren, aber bis dahin war noch unendlich viel Zeit.
Bisher hatte es keine Notwendigkeit gegeben, seinen Wunsch zu artikulieren, daran √§nderte auch Birgits Hektik am fr√ľhen Morgen nichts, doch seine verst√§ndnislosen Fragen nach dem Grund f√ľr Birgits Eile brachten sie um jede Fassung, weil Holger Wertheim damit offenbarte, dass er am Abend keine Minute lang zugeh√∂rt hatte.
Sie waren mit Christiane und Klaus zum Fr√ľhst√ľck verabredet, das hatte sie ihm sehr wohl und in aller Deutlichkeit gesagt, und der fr√ľhe Zeitpunkt war notwendig, weil man anschlie√üend aufbrechen wollte, in jenes schnuckelige kleine Nest am Meer, das Christiane von einer Freundin empfohlen worden war.
Es hatte so vielversprechend geklungen, und Birgit hatte vor dem Urlaub gesagt, dass sie auf jeden Fall auch an den Strand wolle. Holger Wertheim war einverstanden gewesen, also sollte er sich jetzt bitte nicht so anstellen und endlich aus den Federn kommen.
Holger Wertheims Motivation f√ľr diesen Schritt war nach den Ausf√ľhrungen seiner Freundin noch um keinen Deut gewachsen. Schon m√∂glich, dass er das Gespr√§ch am Abend nicht immer verfolgt hatte, es hatte ihn schlie√ülich nicht sonderlich interessiert. An Birgits Wunsch nach ein paar Tagen am Meer erinnerte er sich gut und wollte auch nicht bestreiten, dass er zugestimmt hatte, aber warum musste das heute sein, und warum in aller Fr√ľhe?
Holger Wertheim registrierte, dass Birgit im Begriff war, ihre st√§rkste Waffe aufzufahren, denn gegen ihre Tr√§nen war er machtlos. Sie √ľberlegte offensichtlich, entschied sich dann aber daf√ľr, noch einmal geduldig, wenn auch mit zitternder Stimme, alles zu erkl√§ren: Christiane und Klaus hatten keinen Wagen. Mit allem Gep√§ck w√ľrden sie zu viert nicht in den kleinen Mietwagen passen. Christiane und Klaus m√ľssten also mit dem Linienbus fahren und unterwegs zwei Mal umsteigen. Um ihnen diese Prozedur zu erleichtern, w√ľrden Holger und sie das Gep√§ck der beiden im Auto mitnehmen.
So war es vereinbart. War das zuviel verlangt?
Den Fahrplan der Busse konnte man nicht beeinflussen, also musste man ausnahmsweise einmal fr√ľh aufstehen. War es jetzt verst√§ndlich?
Holger Wertheim nickte, doch diese Geste signalisierte nur, dass er den Sachverhalt begriffen hatte, sie sollte keine Zustimmung ausdr√ľcken. Er versp√ľrte keine Neigung, sich den Bed√ľrfnissen von Birgits neuen Freunden unterzuordnen und musste sich nach keinem Busfahrplan richten. Christiane und Klaus konnten den Bus auch ohne seine Hilfe besteigen, und wenn sie Gep√§ckst√ľcke aufzugeben hatten, k√∂nnten sie die vor die T√ľr des Zimmers stellen. Wenn Birgit ihnen beim Packen helfen wollte, hatte sie seinen Segen, es war ihm egal, sofern sie ihn blo√ü in Ruhe lie√ü.
Birgit hatte das Zimmer beinahe schon verlassen, als Holger Wertheim sich an das Museum erinnerte, das er am Abend fotografieren wollte.
‚ÄěIch m√∂chte noch einen Tag in dieser Stadt bleiben.‚Äú, rief er ihr nach. Sie drehte sich in der T√ľr zu ihm um. ‚ÄěWir k√∂nnen morgen ans Meer fahren, von mir aus den ganzen Rest der Zeit dort bleiben, wenn du willst. Morgen, aber nicht heute. Heute fahre ich nicht. Nicht jetzt, und auch nicht sp√§ter. Definitiv. Was Klaus und Christiane machen, ist mir egal, ihr Gep√§ck k√∂nnen wir mitnehmen, aber erst morgen. Heute bleibe ich hier.‚Äú

An Schlaf war nicht mehr zu denken, als Birgit das Zimmer ohne ein weiteres Wort verlassen hatte. Holger Wertheims √Ąrger hielt sich aber in engen Grenzen und wich bald einer gro√üen Zufriedenheit, weil er es endlich geschafft hatte, gegen Birgits dauernde Bevormundungen zu protestieren.
Wir haben beschlossen, in dieses Restaurant zu gehen, haben sogar schon ein leckeres Gericht f√ľr dich ausgew√§hlt, wir wollen in das Nest am Meer, wir haben die Zeit f√ľr das Fr√ľhst√ľck festgelegt; ohne seine Rebellion w√§re das immer so weiter gegangen, im Zweifelsfall w√§ren alle Entscheidungen mit einem Abstimmungsergebnis von drei zu eins getroffen worden.
Es war gut, dass er dieser Entwicklung einen Riegel vorgeschoben hatte, bevor sie vielleicht nicht mehr zu stoppen gewesen wäre.
Zum Zeitpunkt seines Aufstands waren solch grundlegende √úberlegungen ihm allerdings fremd gewesen, da hatte er nur an sein Vorhaben f√ľr den Abend gedacht, und das lag ihm jetzt sehr am Herzen.
Als Holger Wertheim zum Fenster des Zimmers ging, war der Himmel wolkenlos wie am Tag zuvor. Es gab keine Garantie, dass das bis zum Abend so bleiben w√ľrde, doch es wirkte stabil.
Wenn er seine Fotos gemacht hätte, wäre seine rebellische Energie wieder erloschen. Holger Wertheim kannte sich gut genug, um das beurteilen zu können, und war durchaus zufrieden mit sich.
Er hatte nichts dagegen, morgen den Spuren von Christiane und Klaus zu folgen, hatte doch sogar schon an die M√∂glichkeit gedacht, Birgit und den beiden den Wagen zu geben. Dann k√∂nnten sie heute schon in dieses Kaff fahren, Holger Wertheim w√ľrde mit seiner Fotoausr√ľstung und seiner Zahnb√ľrste mit dem morgigen Bus hinterherfahren.
Der Gedanke war absurd, denn Holger Wertheim brauchte den Wagen f√ľr seinen Plan. Zu den H√ľgeln fuhr wahrscheinlich kein Bus, und er musste nicht nur hinkommen, sondern dort auch beweglich sein. In der Stadt waren die H√ľgel nicht zu sehen, und Holger Wertheim √ľberlegte, ob er die Stra√üe zum Museum nehmen und nach einem Abzweig suchen m√ľsste. Vielleicht gab es von der Stadt aus einen anderen Weg zu den H√ľgeln.
Holger Wertheim hatte den ganzen Tag Zeit, um das herauszufinden, und w√ľrde anschlie√üend zeitig aufbrechen. Es ging ihm nicht nur um die Suche des besten Standorts, er freute sich auch auf die Perspektive, die letzte Stunde vor dem Sonnenuntergang bereits dort zu verweilen. Er w√ľrde die Stative in Stellung bringen, sich auf das Ereignis einstimmen und bis dahin bestimmt bereits etliche reizvolle Momente erleben, die einen Druck auf den Ausl√∂ser wert w√§ren.
Der Tag fing gut an.

Nat√ľrlich hatte Birgit geweint, das konnte Holger Wertheim schon von weitem erkennen. Christiane hatte tr√∂stend ihre H√§nde um Birgits Kopf gelegt. Klaus war auch da, aber der erwiderte den Morgengru√ü von Holger Wertheim ebenso wenig wie die beiden Frauen.
Was war so schlimm daran, dass er noch einen Tag bleiben wollte? Er h√§tte es nat√ľrlich auch am Abend sagen k√∂nnen, aber er hatte eben nicht richtig zugeh√∂rt, hatte also nicht mitbekommen, dass Birgit andere Pl√§ne geschmiedet hatte, daf√ľr wollte Holger Wertheim sich gerne entschuldigen, auch bei Klaus und Christiane.
Holger Wertheim wollte auch nicht, dass irgendwer sich nach ihm richten musste. Eine L√∂sung lie√üe sich bestimmt finden, man k√∂nnte doch f√ľr einen Tag einen zweiten Wagen mieten, um an das neue Ziel zu kommen. Wenn das an den Kosten scheiterte, war Holger Wertheim bereit, sie zu begleichen.
Birgit sch√ľttelte die ganze Zeit nur den Kopf. Sie wollte Holger Wertheim vielleicht alles M√∂gliche an den Kopf werfen, doch das schlimmste war, dass ihr v√∂llig unbegreiflich war, warum Holger Wertheim auf einmal in dieser Stadt bleiben wollte.
Am Morgen war er nur mäßig begeistert gewesen, am Abend hatte er eher negativ geredet.
Holger Wertheim wies den Vorwurf, er habe seine Schandtaten nur begangen, um Birgit zu verletzen, weit von sich. Das war nie seine Absicht gewesen, und dass es nun passiert war, tat ihm Leid.
Er liebte sie doch und meinte das auch so.
Dann erkl√§rte er seinen Plan, unterstrich die Bedeutung seines Vorhabens und erw√§hnte die M√∂glichkeit eines Fotos, das die Fachwelt beeindrucken w√ľrde. Ein sicheres Auftreten mit gro√üer Entschlossenheit war jetzt wichtig, er musste jeden Widerstand im Keim ersticken, bevor ihm am Ende wieder die Argumente ausgingen.
Klaus erinnerte sich daran, dass Holger Wertheim von dem Museum enttäuscht gewesen war. Er sprach sehr vorsichtig, schlug immerhin nicht vor, nach einer schönen Postkarte zu suchen, da wollte Holger Wertheim ihm gerne erklären, dass das Gebäude ihn fasziniert hatte, und dass er es auch ablichten wollte, wenn es ein Hotel oder etwas anderes wäre.
Klaus schien begriffen zu haben, auf jeden Fall sagte er nichts mehr.
Bis Holger Wertheim dazu kam, Birgit in den Arm nehmen und ihr versprechen zu d√ľrfen, dass er in Zukunft seinen Mund aufmachen und vor allem besser zuh√∂ren w√ľrde, war es bereits Mittag geworden.

Bald darauf begann Holger Wertheim mit seiner Suche nach einer Stra√üe zu den H√ľgeln. Er versuchte es mit einer ‚Äěcalle para las dos colinas, que se puede ver del museo‚Äú.
Der Angesprochene schien nicht zu verstehen. Er blieb verst√§ndnislos, bis Holger Wertheim das Museum erw√§hnte, dann nickte er, machte eine ausladende Handbewegung und rief: ‚ÄěMuseo! S√≠, s√≠, museo! Lejos! Muy lejos!‚ÄĚ
‚ÄúCoche‚ÄĚ rief er weiter und hielt dabei ein imagin√§res Lenkrad in der Hand, ‚ÄúTaxi!‚ÄĚ
Holger Wertheim wusste, dass das Museum weit au√üerhalb der Stadt lag und ohne Auto kaum zu erreichen war, doch er wollte ja gar nicht dorthin. Er versuchte es bei anderen Passanten und bem√ľhte sich, nach den H√ľgeln zu fragen, ohne das Museum zu erw√§hnen. Seine Sprachkenntnisse waren vielleicht nicht die allerbesten, doch sie h√§tten gereicht, Antworten in ganzen S√§tzen zu verstehen, die aber selten kamen.
Vielleicht waren seine Versuche fehlerhaft, auf jeden Fall ungeeignet, sein Anliegen zu erkl√§ren, denn als Holger Wertheim einmal dachte, dass ihn jemand verstanden h√§tte, befolgte er die pr√§zise Wegbeschreibung und befand sich bald in einer ‚ÄěCalle Colina‚Äú, die aber nur eine kleine innerst√§dtische Gasse war und ihren Namen im Andenken an eine bereits verstorbene Person trug.
Der Verkäufer brachte Holger Wertheim zunächst eine Straßenkarte des gesamten Landes, hatte dann aber auch eine Detailkarte der Stadt und ihrer Umgebung im Angebot. Nachdem Holger Wertheim versichert hatte, die Karte auf jeden Fall zu kaufen und sie umgehend bezahlte, war der Verkäufer hilfsbereit.
Auf der Stra√üe zum Museum gab es nach wenigen Kilometern keine M√∂glichkeit mehr, in westliche Richtung abzubiegen. Die H√ľgel waren dem Verk√§ufer unbekannt und auf der Karte nur anhand den eingetragenen H√∂henlinien zu erahnen, da wollte der Verk√§ufer nicht beschw√∂ren, ob es die gesuchten waren. Von der groben Richtung her musste es stimmen, und wenn sie es waren, dann f√ľhrte auch eine Stra√üe dorthin.
Diese Straße war nicht einfach zu finden.
Holger Wertheim dachte bald, alle Stra√üen der n√∂rdlichen Au√üenbezirke abgefahren zu haben, doch wenn er eine Piste gefunden hatte, die scheinbar aus der Stadt herausf√ľhrte, endete sie wenige hundert Meter nach den letzten H√§usern an irgendwelchen Feldern oder im Nichts.
Leider war niemand da, den er nach dem Weg h√§tte fragen k√∂nnen. Er schmunzelte, als er sich an seine Versuche in der Innenstadt erinnerte, wahrscheinlich w√§re das Ergebnis hier drau√üen nicht viel anders gewesen. Die Einheimischen h√§tten ihn samt und sonders als verirrten Touristen eingestuft, der das Museum suchte, h√§tten ihn zur√ľck in die Stadt geschickt, damit er die Hauptstra√üe n√§hme.
Den Angaben in der Karte zufolge endete die Stra√üe, die er suchte, nicht bei den beiden H√ľgeln, sie f√ľhrte weiter und erreichte irgendwann sogar winzig kleine Ansiedlungen, die aber bestimmt nur von den dort lebenden Menschen angesteuert wurden und nirgendwo ausgeschildert w√§ren.
Holger Wertheim konnte nicht mehr sagen, wie lange er bereits vergeblich suchte, doch er f√ľhlte sich ruhig und entspannt. Bis die Sonne untergehen w√ľrde, blieben noch ein paar Stunden, und wenn er die Stra√üe erst gefunden h√§tte, w√§re der Weg nicht allzu weit.
Er dachte an Birgit, die sich den Nachmittag mit Klaus und Christiane in der Stadt vertrieb. Warum es Holger Wertheim so wichtig war, diese Fotos zu machen, hatte wohl niemand von ihnen verstanden; immerhin hatten sie seinen Wunsch am Ende respektiert und nicht mehr versucht, ihn davon abzubringen.
Dass Klaus und Christiane ihren Bus verpasst hatten, wollte Holger Wertheim nicht unbedingt auf seine Schultern nehmen, obwohl er eine gewisse Verantwortung f√ľr diesen Umstand nicht bestreiten konnte. Die beiden hatten ihm keinen Vorwurf gemacht, hatten nur durch die Blume zu erkennen gegeben, dass sie die v√∂llig aufgel√∂ste und verst√∂rte Birgit unm√∂glich hatten alleine zur√ľcklassen wollen.
In einem vergleichbaren Fall hätte Holger Wertheim sich selbstverständlich genauso verhalten und nahm sich vor, in den nächsten Tagen umgänglicher zu sein als am gestrigen Abend. Vielleicht wäre es wirklich zu keinem Problem gekommen, wenn er gleich gesagt hätte, dass er in dieser Stadt noch etwas vorhatte.
Jetzt war er seinem Ziel nahe, denn Häuser standen keine mehr an den Rändern der Straße, und die Straße hörte trotzdem nicht auf. Sie war sehr kurvenreich, außer der Fahrbahn und den Böschungen oder Mauern an ihren Seiten konnte man nichts sehen.
Holger Wertheim hielt am Straßenrand, um noch einmal seine Karte zu konsultieren. Eine andere Straße gab es nicht, es musste die richtige sein.
Die Gewissheit kam, als er eine kleine Anh√∂he erreichte, hinter der die Sicht frei war, und die beiden H√ľgel, die es auch wirklich waren, nicht mehr weit weg waren. Die Stra√üe wurde immer schmaler, war aber asphaltiert und gut befahrbar. Gegenverkehr gab es nicht, also gab es auch keine Probleme, einem anderen Fahrzeug auszuweichen. Die H√ľgel verschwanden immer wieder aus dem Blickfeld, aber die Stra√üe war ohne Zweifel auf dem Weg zu ihnen.

Der Erdrutsch setzte aller Hoffnung ein jähes Ende.
Holger Wertheim hatte ihn rechtzeitig gesehen und gebremst, doch jetzt ging es nicht weiter.
Er stieg aus dem Auto und schaute sich das Schlammassel an, konnte es aber weder beiseite räumen noch mit dem Auto daran vorbeikommen.
Er war bereits am Fu√ü des ersten H√ľgels angekommen und entschied, an dem abgerutschten Hang entlang nach oben zu gehen. Der Boden wirkte fest, und die Alternative w√§re gewesen, √ľber das Hindernis zu klettern und weiter der Stra√üe zu folgen. Das h√§tte zu lange gedauert.
Nachdem Holger Wertheim unfreiwillig zum Fußgänger geworden war, sah er sein Zeitbudget deutlich geschrumpft.
W√§re Birgit anwesend, w√§re ihr Wohlwollen an dieser Stelle aufgebraucht. Sie w√§re hysterisch geworden, dachte Holger Wertheim. Sie h√§tte ihm kategorisch verbieten wollen, den H√ľgel zu Fu√ü zu erklimmen, und wenn Klaus und Christiane ebenfalls zugegen w√§ren, w√ľrde Birgit die beiden auffordern, zusammen mit ihr Holger Wertheim von seinem Vorhaben abzubringen, notfalls mit k√∂rperlicher Gewalt.
Holger Wertheim war weder leichtsinnig noch lebensm√ľde. Die ersten Schritte best√§tigten seinen Eindruck, dass der Boden fest und sicher war. Unweit der Stelle, an der der Hang abgerutscht war, gab es einen nicht allzu steilen Aufstieg. Ein richtiger Weg war das nicht, Ansammlungen von Kakteen und dorniges Gestr√ľpp verlangten an vielen Stellen eine √Ąnderung der eingeschlagenen Richtung, doch Holger Wertheim konnte die ganze Zeit aufrecht gehen und musste nichts riskieren.
Er hätte seine Wanderschuhe anziehen sollen, die hätten seinen Schritten einen festeren Halt gegeben, doch er hatte ja nicht ahnen können, welche Schwierigkeiten er bewerkstelligen musste, bevor er endlich seine Photos machen konnte.
Die Tasche mit der Ausr√ľstung wurde nach wenigen Minuten schwer, der Trageriemen rutschte zudem immer wieder von der Schulter. Der Riemen lie√ü sich verl√§ngern, so dass Holger Wertheim die Tasche um seinen Hals h√§ngen konnte, doch jetzt rutschte sie manchmal auf seinen R√ľcken, wenn Holger Wertheim seine Arme brauchte, um eine schwierige Stelle zu passieren, dann schn√ľrte der Riemen seinen Hals ein. Er h√§tte eine Flasche Wasser mitnehmen sollen, h√§tte dann zwar noch mehr Gewicht zu tragen, zumindest aber die M√∂glichkeit, hin und wieder seine trockene Kehle zu befeuchten.
Die Sonne erzeugte noch immer eine ziemliche Hitze, doch es war gut, dass sie noch nicht weiter gesunken war, so hatte er zumindest noch eine Chance.
Holger Wertheim begann zu √ľberlegen, ob man den H√ľgel, den er gerade zu erklimmen versuchte, nicht vielleicht doch als Berg bezeichnen sollte. Aus der Ferne hatte er wie ein H√ľgel gewirkt, im Vergleich zu den Gipfeln des Gebirges, das hinter dem Museum begann, war er wohl auch nicht mehr als ein kleiner H√ľgel, doch in einem flacheren Gel√§nde h√§tten alle von einem Berg geredet.
Vielleicht gab es eine Definition zur Beantwortung dieser Frage, feste Bestimmungen f√ľr die Mindesth√∂he √ľber dem Meeresspiegel oder den geforderten H√∂henunterschied zu der umliegenden Landschaft. Zu Hause lie√üe sich das recherchieren, jetzt aber war es nicht zu kl√§ren.
Holger Wertheim war bewusst, dass er, nachdem er seine Fotos gemacht h√§tte, denselben Weg zur√ľckgehen musste. Es gab keinen Weg, er suchte nur den des geringsten Widerstandes und strebte weiter nach oben. Auf dem R√ľckweg w√§re die Anwendung dieser Methode unter umgekehrten Vorzeichen nicht m√∂glich, schlie√ülich musste er das Auto wiederfinden.
Nach dem Untergang der Sonne wäre es bald dunkel, das ging hier viel schneller als in Deutschland.
Er hielt inne und drehte sich zur√ľck, sp√ľrte die Ersch√∂pfung und versuchte sich einzupr√§gen, aus welcher Richtung er gekommen war. Er ahnte, welche T√ľcken auf dem R√ľckweg lauern w√ľrden: Von seinem Standort sah es aus, als w√§re der Weg hinab einfacher zu bew√§ltigen, wenn man es linker Hand versuchte, doch Holger Wertheim war von rechts gekommen.
Das Auto war lange schon nicht mehr zu sehen. Wenn er die Beleuchtung des Innenraums eingeschaltet h√§tte, h√§tte es trotzdem ein Orientierungspunkt sein k√∂nnen. Ein noch so fahler Lichtschimmer w√§re in dieser Ein√∂de nach Anbruch der Dunkelheit bestimmt auch ohne direkten Sichtkontakt auszumachen. Den Autoschl√ľssel brauchte Holger Wertheim jetzt nicht, doch der Gedanke an sein Fahrzeug lie√ü ihn alle Hosentaschen und die F√§cher der Fototasche absuchen, leider ohne Erfolg.
Er h√§tte umkehren m√ľssen, um sich davon zu √ľberzeugen, dass der Schl√ľssel noch im Z√ľndschloss steckte, doch eine vorzeitige Umkehr w√§re das Eingest√§ndnis seines Scheiterns.
Holger Wertheim hätte Birgit, Klaus und Christiane einen Tag am Meer gestohlen und nichts erreicht.
Verbissen machte er sich weiter an den Aufstieg.
Es war gut, dass er allein gefahren war. Christiane, die zuvor kaum einmal das Wort an Holger Wertheim gewandt hatte, hatte zum Schluss, als die Zeichen auf allgemeine Vers√∂hnung standen, die Idee vorgebracht, dass man den Ausflug zu den beiden H√ľgeln, die doch eher Berge waren, auch zu viert unternehmen k√∂nnte.
Wenn die Aussicht so grandios war, könnten Birgit, Klaus und sie ein Picknick veranstalten, während Holger Wertheim in aller Ruhe seine Fotos machte. Seine Abneigung gegen diesen Vorschlag war rein instinktiv gewesen.
Das Picknick h√§tte Vorbereitungen erfordert, an einen Aufbruch w√§re nicht zu denken gewesen, ehe die Lebensmittelgesch√§fte in der Stadt ihre Mittagspause beendet h√§tten, und bis dahin w√§ren Birgit unz√§hlige Gr√ľnde f√ľr weitere Verz√∂gerungen eingefallen, die das gesamte Vorhaben am Ende zum Scheitern gebracht h√§tten.
Die aufkeimende Aggression beschleunigte Holger Wertheims Schritte und brachte ihn seinem Ziel n√§her. Birgit w√ľrde schimpfen und ihr Schicksal beklagen, wenn sie jetzt an diesem Ort w√§re. Christiane und Klaus w√ľrden vielleicht schweigen, ihre stummen Blicke w√ľrden Birgit aber signalisieren, dass sie voll und ganz Recht hatte, und darum ging es ihr doch, immer und immer wieder.
Holger Wertheim musste den Gipfel erreichen und von dort Fotos schießen, die die Welt noch nicht gesehen hatte, das war die einzige Möglichkeit, Birgits Triumph auf ganzer Linie zu verhindern.
Die Felsen, √ľber die er gerade kletterte, w√§ren ein markanter Punkt f√ľr den R√ľckweg, die w√ľrde er wiederfinden, sogar im Dunkeln. Sie waren das letzte ernste Hindernis auf dem Weg zur Spitze und gaben Holger Wertheim die Gewissheit, einen Berg, und keinesfalls blo√ü einen H√ľgel bezwungen zu haben.
W√§hrend seines Aufstiegs hatte er den Gipfel zumeist nicht sehen k√∂nnen, und wenn das der Fall war, konnte man mit Sicherheit von einem Berg sprechen. Wenn seine Recherchen erg√§ben, dass es bisher keine klare Unterscheidung zwischen Bergen und H√ľgeln gab, w√ľrde er seine Erfahrungen als Vorschlag f√ľr eine eindeutige Kategorisierung einbringen.
Holger Wertheim bemerkte die Salzkrusten, die sich an verschiedenen Stellen seines T-Shirts gebildet hatten. Gerne h√§tte er in eine reife Frucht aus einem Picknickkorb gebissen oder zumindest seine Lippen mit einem Schluck aus einer Wasserflasche benetzt, doch er war allein und trug nur seine Fotoausr√ľstung.

Die lag bald ausgebreitet vor ihm, konnte ihm aber nicht helfen.
Der Berg war vielleicht doch nur ein H√ľgel, auf jeden Fall zu niedrig. Das Museum war zu sehen, lag aber h√∂her als der Ort, an dem Holger Wertheim sich befand. Da fehlten, grob gesch√§tzt, drei√üig H√∂henmeter.
Aus dieser Perspektive w√ľrde es ein Foto, bei dessen Anblick man immer d√§chte, der Fotograf w√§re in die Knie gegangen, wo er sich h√§tte aufrichten m√ľssen.
Zumindest konnte Holger Wertheim genug Brennweite auffahren, um den Vorplatz des Museums aus dem Blickfeld zu verbannen. Seine Begrenzung zum Tal w√§re ein dicker, schwarzer Balken auf dem Bild, der alles zerst√∂ren w√ľrde.
Die Schattierungen des Hintergrunds zur Geltung zu bringen, war mit dieser Einstellung nicht möglich. Der Focus galt ganz dem Gebäude und war nicht einmal sonderlich schön.
Es wäre eines der Fotos, auf die Holger Wertheim eigentlich gerne verzichtete.
Die ber√ľhmte Stra√üe musste von der Mitte fotografiert werden, doch wenn der Fotograf hasenf√ľ√üig auf dem B√ľrgersteig geblieben w√§re, w√§ren seine Ergebnisse am Ende besser als die, die Holger Wertheim in diesem Augenblick erzielen konnte.
Was ihm noch blieb, war die Möglichkeit eines Beweisfotos.
Holger Wertheim hat es geschafft, wäre seine Botschaft.
Birgit w√ľrde es mit bei√üendem Spott kommentieren und h√§tte unbestreitbar Recht.
Holger Wertheim musste lachen, als er sich ihre Reaktion ausmalte.
Er liebte seine Birgit und brauchte offensichtlich jemandem, der ihm von Zeit zu Zeit gr√ľndlich den verworrenen Kopf wusch. Er w√ľrde ein Foto machen, es mit der gebotenen Selbstironie pr√§sentieren und Birgit jede noch so b√∂se L√§sterei ausdr√ľcklich erlauben.
Holger Wertheim schaute wieder durch den Sucher der Kamera. Es machte nicht viel Sinn, nach einer Einstellung zu suchen, die aus den widrigen Umst√§nden das Beste machen w√ľrde. Er brauchte nicht lange zu √ľberlegen und konnte einfach abdr√ľcken.
Leider war es ihm dann doch nicht vergönnt, das Foto zu machen.
Die Filme waren gespannt, die Batterien der beiden Kameras ausreichend geladen. Die Ausl√∂ser h√§tten reagieren m√ľssen, verweigerten aber aus unerkl√§rlichen Gr√ľnden ihren Dienst. Holger Wertheim wurde ungeduldig und versuchte wider besseres Wissen und gegen alle Gewohnheiten mit roher Gewalt, die Kameras seinem Willen zu unterwerfen.
Was dann passierte, konnte er nicht begreifen: Als er zum wiederholten Mal versuchte, den Auslöser seiner Kamera zu betätigen, zerfiel sie zu Staub, und als er die zweite zur Hand nahm, tat sie es ihrer Vorgängerin gleich.

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Bis hierhin vielen Dank!
(Friedrich K√ľppersbusch)

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Josie
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Hallo Axel

Ich finde es sehr, sehr schade, dass du in dieser Erz√§hlung √ľber lange Strecken so weit ausschweifend geschrieben hast. Denn du hast eine tolle Schreibe! Dein Text liest sich sehr gut. Nur habe ich immer wieder den Faden verloren, weil du so viel Nebens√§chliches eingebaut hast, das mit dem Kern der Erz√§hlung,
- den Beziehungsproblemen von Holger und Birgit - nur im Ansatz etwas zu tun hat.
Seine Gedanken, die er sich draußen vor dem Museum macht, z.B.,sind zwar schön geschrieben, aber wirken etwas langatmig auf mich. Ebenso die ausgedehnte Passage zum Thema Fußball, oder sein breit erklärtes fotographisches Fachwissen...u.a.
Vermisst habe ich auch die direkte Rede, den Dialog. Weil du √ľberwiegend nur indirekte Rede gebrauchst wirkt die Handlung eher steif als lebendig.
Enorm beim Lesen gest√∂rt hat mich, dass du Holger Wertheim immer nur bei seinem vollen Namen : HOLGER WERTHEIM genannt hast. Bei der ersten Erw√§hnung ist das okay, aber im nachfolgenden Text nervt das nicht nur beim Lesen sondern baut auch eine Distanz zur Hauptfigur auf. Wenn du ihn aber nur bei seinem Vornamen HOLGER nennen w√ľrdest, dann ergibt sich so f√ľr den Leser mehr N√§he zur Hauptfigur, mehr N√§he zu seinen Gedanken ebenso wie zu seinen Problemen.

Sehr gelungen finde ich deine Schlu√üs√§tze! Das hat was Mystisches an sich. Ohne erkennbaren Grund funktioniert die Kamera nicht, dann zerfallen beide Kameras zu Staub...Da hast du eine tolle Spannung als Schlu√üakkord aufgebaut! Und ich w√ľrde sehr gerne erfahren, wie es weitergeht.
Die Geschichte hinter deiner Story klingt auf jeden Fall sehr vielversprechend, aber du solltest dir alle Abs√§tze noch einmal gr√ľndlich vornehmen und auf das Wesentliche, das was f√ľr die weitere Erz√§hlung wichtig ist, k√ľrzen. Dann kommt der Kern der Erz√§hlung viel besser zur Geltung und der mystische Abschlu√ü wirkt dann noch spannender.

Kurz gesagt: Weniger, wäre hier mehr! Aber deinen Schreibstil finde ich echt klasse!

Gruß Josie

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axel
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Hallo Josie.
Vielen Dank f√ľr deine Reaktion, vor allem nat√ľrlich (wer wollte ein gewisses Ma√ü an Eitelkeit bestreiten?) f√ľr das darin enthaltene Lob.
Aus Erfahrung wei√ü ich, dass auch ich bei vielen meiner Texte mit einem gewissen zeitlichen Abstand etliches entdecke, das gek√ľrzt oder ersatzlos gestrichen werden kann.
Bei dem vorliegenden Text ist das (bisher?) nicht der Fall, was aber daran liegen mag, dass es noch nicht allzu lange her ist, dass ich ihn geschrieben habe.
Ein anderer möglicher Grund könnte sein, dass ich den Beziehungsproblemen von Holger und Birgit zwar auch eine ganz zentrale Rolle in der Geschichte einräume, dabei aber nicht so weit gehe, wie du das tust.
In jedem Fall nehme ich Anregungen zu und Kritik an meinen Texten immer sehr ernst und ber√ľcksichtige sie bei einer √úberarbeitung, so dass ich dir versichern kann, dass deine M√ľhen mit der Geschichte nicht vergeblich waren.
Einige der Dinge, die dich besonders gest√∂rt haben, stehen ganz bewusst so und nicht anders in dem Text, wobei sie nat√ľrlich nicht die Wirkung haben sollten, die sie bei dir erzeugt haben.
Die wiederholte Nennung des vollst√§ndigen Namens ist nur ein Detail, die indirekte Rede anstelle von Dialogen allerdings nicht. Seit geraumer Zeit diskutiere ich mit einem Freund, der im √úbrigen deine Ansichten zu dieser Frage teilt, bin aber nach wie vor der Ansicht, dass die Verwendung der indirekten Rede den LeserInnen vielleicht mehr abverlangt, daf√ľr aber ungleich ausdrucksst√§rker sein kann als Dialoge.
Vielleicht muss ich irgendwann erkennen, dass ich damit ganz und gar auf dem Holzweg bin, zumindest aber scheint es n√∂tig zu sein, mehr an meiner Technik zu feilen, denn steif wirken soll und darf es nat√ľrlich nicht. Ich denke weiter dar√ľber nach und danke dir noch einmal f√ľr deine Antwort.
Schönen Gruß von Axel.
__________________
Bis hierhin vielen Dank!
(Friedrich K√ľppersbusch)

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