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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Das Opfer
Eingestellt am 07. 09. 2007 17:08


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Karl Feldkamp
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2006

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Er vermeidet jedes ├╝berfl├╝ssige Wort, will damit aber nicht philosophische Weisheit demonstrieren. Eine Angewohnheit ist es, eine einfache Angewohnheit. Auch heute Morgen um 7.00 Uhr stieg er mit zusammengebissenen Z├Ąhnen, Aktentasche und gebeugtem Nacken in den Bus, der ihn jeden Werktag au├čer samstags zur Arbeit bringt. Auf dem Weg zur Haltestelle roch die Herbstluft irgendwie intensiver, kein Kopfschmerz plagte ihn und seine Beine folgten wie von selbst einer wesentlich entschlosseneren Gangart.
Der Busfahrer, unausgeschlafen, einer, den Dietrich noch nicht kannte, forderte ihn unwirsch auf, sein Job-Ticket vorzuzeigen. Dietrich, sonst eher eilfertig, nahm sich Zeit, kramte in aller Ruhe zun├Ąchst sein Portemonnaie und daraus das Ticket hervor, grinste absichtsvoll unversch├Ąmt und hielt es dem Fahrer unter die Nase. Guten Morgen, erst einmal! Und im ├╝brigen geht es doch wohl auch freundlicher, Herr Busfahrer! Oder?
Aber selbstverst├Ąndlich . Herzlichen Dank, der Herr! W├╝nsche eine gute Fahrt!
Danke, knurrte Dietrich, wankte, da der rachs├╝chtige Fahrer rasant anfuhr, zu seinem Platz, fiel in den Sitz und rutschte, nachdem er sich die Knie heftig am Vordersitz stie├č, ans Fenster.
Die meisten, nein, eigentlich alle seiner wenigen Bekannten und umso zahlreicheren Kollegen, halten Dietrich f├╝r bedauernswert. Er wei├č das. Dennoch versp├╝rt er manchmal urpl├Âtzlich diesen ungeheueren Drang loszubr├╝llen, absch├Ątzig, ehrverletzend, ausf├Ąllig zu werden, alles auf einmal und in b├Âsester Absicht.
Beim Sex schweigt er auch, steht dabei aber weder auf Schmerz noch auf Erniedrigung oder gar darauf, ans Bett gekettet zu werden. Schon leichteste Schmerzen machen ihn f├╝r Stunden impotent. Und Marions Lustbisse, sie bei├čt mit gespielter Leidenschaft in seine Arme, Schultern und Oberschenkel, lassen das nicht gerade ├╝bergro├če und m├Ąnnlichste seiner Glieder schlagartig erschlaffen. Dein kleiner Indianer kennt wohl keinen Schmerz, h├Âhnt Marion und er hat sie im Verdacht, sie bei├če nur dann, wenn sie keine Lust auf mehr habe.
Im B├╝ro des Jugendamtes ist Stadtoberinspektor Dietrich Hohlmann Opfer - bedingungslos und vor allem das von Hugo Hastrich, seinem B├╝ronachbarn und Gruppenleiter. Die Kollegen sind froh, dass der sich Dietrich ausw├Ąhlte. Daf├╝r hat er in der Gruppe das alleinige Recht Hugo Hastrich seit ihrer gemeinsamen Geburtstagsfeier zu duzen.
Guck mich an, raunte Hastrich an jenem Donnerstag vor zwei Jahren. Und Dietrich starrte in die blauger├Ąnderten Triefaugen seines Abteilungsleiters. Beide wurden sie in derselben Woche f├╝nfundf├╝nfzig - Hastrich am Montag, Dietrich donnerstags. Sie feierten donnerstags in Hastrichs B├╝ro. Dietrich sorgte f├╝r ein ├╝ppiges kaltes Buffet mit Lachs, H├╝ttenk├Ąse und G├Ąnseleber. Hastrich spendierte zwei Flaschen Aldi-Sekt. Der reichte nicht einmal, um allen Kollegen ein halbes Glas einzuschenken. Mit einem viertelvollen trank Dietrich Bruderschaft. Hastrich prostete ihm mit einem randvollen zu.
Wenn Hastrich, wie immer ziemlich unvermittelt aus seiner depressiven in die manische Phase wechselt, sagt Dietrich bereitwillig und erleichtert wieder Sie und, aber selbstverst├Ąndlich, Herr Hastrich, bin nat├╝rlich ganz Ihrer Meinung. Des Herrn Abteilungsleiters ansonsten tr├╝be Augen funkeln nach jedem der in scharfem Befehlston vorgetragenen Auftr├Ąge gieriger. Sein Mund verstr├Âmt den Geruch gerauchter Zigarillos und verspr├╝ht feinsten Speichelregen. Das rechte Auge, nicht, wie das linke durch dessen Lid halb verhangen, strahlt wie eine blendenden Verh├Ârlampe.
Als er heute Morgen am Hauptbahnhof vorn beim Busfahrer ausstieg, verabschiedete der sich, ÔÇ×und, mein Herr, beehren Sie meinen Bus bitte recht bald wieder.ÔÇť
Als Dietrich sein B├╝ro betrat, roch es wie immer nach abgestandenem Kaffee, Staub und vor allem nach Rauch. Trotz strikten Rauchverbots in st├Ądtischen B├╝ror├Ąumen hinterl├Ą├čt Hastrich w├Ąhrend seiner manischen Hochphasen t├Ąglich einen bis an den Rand mit Zigarillostummeln gef├╝llten Aschenbecher. Dietrich rei├čt das Fenster auf, wirft die T├╝r zu Hastrich B├╝ro ins Schloss, stellt sein kleines Transistorradio ein und regelt die Lautst├Ąrke so, dass es alle sonstigen B├╝roger├Ąusche ├╝bert├Ânt - das Gluckern der Heizung, das Rauschen des Computers und vor allem die schrille Telefonstimme der Schmittke, seiner anderen B├╝ronachbarin. Vor wenigen Tagen hat die eine Schulung f├╝r Telefonkommunikation absolviert und will nun alle B├╝ronachbarn und ihren Abteilungsleiter davon ├╝berzeugen, wie treffsicher sie den richtigen Ton im Umgang mit anrufenden B├╝rgern zu finden wei├č. ÔÇ×Guten Morgen, Frau Qualmann, Schmittke ist mein Name. Ich bin Mitarbeiterin des Jugendamtes, Abteilung Familienfragen. Was kann ich f├╝r Sie tun...? Das mache ich doch sehr gern. Selbstverst├Ąndlich w├╝rde ich mich freuen, wenn Sie mich bald wieder anrufen. Danke sch├Ân und ich hoffe, Sie waren zufrieden... . Auf Wiederh├Âren, Frau Qualmann.ÔÇť
B├╝ronachbar Hastrich unterbricht das n├Ąchste musterhaft gef├╝hrte Telefonat der Schmittke mit bellendem Raucherhusten, der, einem lebensbedrohlichen Asthmaanfall gleichend, in lautem R├Âcheln erstickt.
Fr├╝her st├╝rzte Dietrich bei derartigen Anf├Ąllen in Hastrichs B├╝ro. Doch stets fand er einen Abteilungsleiter vor, der mit hochrotem Glatzkopf versicherte, er sei gerade in der Lage besonders gut durchzuatmen. Aber weil Dietrich nun mal da sei, k├Ânne er gleich noch einige wichtige Vorg├Ąnge zur Erledigung mitnehmen.
Dietrich dreht den Lautst├Ąrkeregler seines Radios bis zum Anschlag.
Hastrich rei├čt die T├╝r auf, die ihrer beider B├╝ros nur, so lange sie abgeschlossen ist, voneinander trennt. Den Schl├╝ssel hat Hastrich.
Br├╝llend versucht der den Radiol├Ąrm zu ├╝bert├Ânen. Dietrich zuckt mit den Schultern, um seinem Abteilungsleiter anzudeuten, er verstehe bei der lauten Musik nicht das Geringste.
Hastrich, eher dem blassen Hauttyp zuzurechnen, l├Ąuft blaurot an. ÔÇ×Dann stell das Ding doch aus!ÔÇť Dietrich zuckt erneut mit den Schultern.
Hastrich st├╝rzt zur Fensterbank, greift sich das kleine Radio, findet den Aus-Knopf, dr├╝ckt ihn. - Stille. - Bekommt seinen n├Ąchsten Hustenanfall. Dabei f├Ąllt ihm das Radio aus der Hand, schl├Ągt auf dem Boden auf. Schaltet sich dabei wieder ein. Hugo Hastrich hustet weiter, tritt nach dem Radio. Es landet unter dem Heizk├Ârper am Fenster, ohne Lautst├Ąrke einzub├╝├čen. Dietrich setzt seinen unterw├╝rfigsten Blick auf und richtet diesen so sanft wie m├Âglich auf den noch immer Hustenden. Der baut sich vor Dietrichs Schreibtisch auf mit hocherhobenen F├Ąusten, l├Ąsst diese unvermittelt fallen. Einen Moment lang schlenkern die Arme neben dem dicklichen Abteilungsleiterk├Ârper, wie die einer Marionette unmittelbar nach einem dramatischem Auftritt. Hastrich dreht sich auf den Hacken um, verschwindet in seinem B├╝ro, schlie├čt die T├╝r hinter sich und das auch noch unerwartet leise.
Auf allen Vieren krabbelt Dietrich unter den Schreibtisch und holt das Radio unter dem Heizk├Ârper hervor. Der Verkehrsfunksprecher z├Ąhlt gerade die Staus auf den Autobahnen Nordrhein-Westfalens auf. Behutsam dr├╝ckt Dietrich den Aus-Knopf.
Die Schmittke beendet ihr n├Ąchstes gewohnt lautstark gef├╝hrtes Telefonat.
Dietrich kriecht unter dem Schreibtisch hervor, setzt sich in seinen B├╝rostuhl, tippt seinen Namen in die Computertastatur und sieht am Monitor vorbei aus dem Fenster. Die Herbstsonne lugt ├╝ber das Dach des Nebengeb├Ąudes. Im B├╝ro gegen├╝ber schminkt eine neue Kollegin ihre Lippen und zupft anschlie├čend an ihren blonden Haaren, offenbar um sich ein verwegenes Aussehen zu geben. Sie blickt aus dem Fenster, entdeckt Dietrich und streckt ihm die Zunge heraus. Dietrich winkt. Sie winkt zur├╝ck.
Langsam steht er auf und ├Âffnet lautlos die T├╝r zu Hastrichs B├╝ro. Der steht an seinem Fenster und versucht der Blonden gegen├╝ber zur├╝ck zu winken. Die aber wendet sich abrupt ihrem Computer zu.
Leise schlie├čt Dietrich die T├╝r wieder, klopft an, wartet, klopft noch einmal.
Hugo Hastrich sitzt inzwischen, den Kopf in beide H├Ąnden gest├╝tzt an seinem breiten Schreibtisch.
Na, was gibts?
Nichts, eigentlich.
Soll das hei├čen, du hast nichts zu tun?
Dietrich lacht und nickt.
Schmittkes Telefon klingelt. Jugendamt, Sie sprechen mit Inge Schmittke. Guten Morgen, Frau Hansen, was kann ich f├╝r Sie tun?"
Nichts, br├╝llt Hastrich und bittet Dietrich, die T├╝r von au├čen zuzumachen. Bevor der sie ganz schlie├čen kann, winkt Hastrich ihn zu sich. Mach einen Tag frei, h├Ârst du, mach einfach einen Tag frei!
Dietrich sch├╝ttelt den Kopf und grinst. Hugo Hastrich stemmt sich mit beiden H├Ąnden von seinem Schreibtisch hoch, sinkt zur├╝ck und blickt gequ├Ąlt zu Dietrich auf.
Der stellt sich breitbeinig vor Hastrichs Schreibtisch, blickt seinem Abteilungsleiter in die tr├╝ben, blauger├Ąnderten Augen, greift nach dem von Zigarillo-Kippen ├╝berquellenden Aschenbecher und sch├╝ttet dessen Inhalt ganz langsam ├╝ber Hastrichs Glatzkopf.

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Bei jedem Irrtum hat die Wahrheit eine neue Chance.

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