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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Das Republikanische Kind
Eingestellt am 29. 08. 2001 15:32


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bientexter
HĂ€ufig gelesener Autor
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Das republikanische Kind ist genau so alt wie
die Republik. Und die denkt in diesen Tagen zurĂŒck.
Kein Wunder, dass das Kind das auch tut.
So denkt es:

Ob Du ein interessantes Leben gefĂŒhrt hast,
erkennst Du immer erst, wenn's vorbei ist.

Hm, keine Sorge, statistisch hast du noch ein
Vierteljahrhundert. Als Mann. Als Frau 6 Jahre
lÀnger. Als Mann aber nur die Chance 50:50,
ĂŒberhaupt 70 zu werden. Naja, als Kind bist
Du erstmal ein Neutrum.

Welchen Geschlechts oder wie lange auch immer,
das Leben wird nicht mehr sein als das:
Die erste Probe fĂŒr ein TheaterstĂŒck,
und das wird nach dieser Probe nur einmal aufgefĂŒhrt.

Du glaubst an Reinkarnation?
Na schön, Du hast fĂŒr jedes Leben nur eine Probe.
Und es wird jedes nur einmal aufgefĂŒhrt.
Wenn Du Dich danach besser fĂŒhlst...

Dies ist die vierte Republik, republikanisches Kind.
Reinkarnation?

Hier Dein Leben, republikanisches Kind:

7 Jahre Kindheit in einem oberbayrischen Dorf
in den FĂŒnfzigern des vorigen Jahrhunderts.
Lieblingsfahrzeug: Lantz Bulldog und amerikanische
Panzer bei Manövern. Verschleppung in den Norden
durch die Eltern. Lehrer, die schon in Nazi-
Deutschland unterrichteten oder damals erzogen
wurden. Vermischt mit Ausnahmen, die einfach
gerecht sein wollten. Messdiener in der einzig
seligmachenden Sekte, die staatlich gefördert
wird. Lehre in einem Verlag- eine Verlegenheitslösung.
Jahre, die keine Herrenjahre waren.

Wehrdienst verweigert, durchgefallen: das Kind
(aha, ein Junge, natĂŒrlich, mĂ€nnlich wie die
Republik) hÀtte kein Gewissen.
Idiotentest bei der Bundeswehr:
Note 1 fĂŒr einen Aufsatz, der erklĂ€rt,
was das Kind von dieser Institution hÀlt.

Zweifel an der Republik von einem Kind,
das so alt ist wie sie?

Weiter ins Leben gestĂŒrzt:
Sachbearbeiter unter Leitung von ErbsenzÀhlern.
Kein Gehalt, sondern Schmerzensgeld.
Vier Jahre Pressefotografie fĂŒr die Zeitungskrake im
Ruhrgebiet. Selbst so gewollt.
Bis die Tage sich zu Àhnlich wurden.

Ruhr-Kolleg in der Hauptstadt des Ruhrreviers.
Wieder zum SchĂŒler erniedrigt. Zum Lohn Abitur.
Studium und beinahe Lehrer. Literaturzeitschrift
gegrĂŒndet, die gibt's heute noch.
Drei BĂŒcher geschrieben,die heute
(Gott sei Dank?) nicht mehr aufgelegt werden.

Ist das typisch fĂŒr die Generation der
republikanischen Kindern?

Vater gestorben, Vater geworden.
Aus heiterem Himmel gelernt,wie man Marketing,
PR- und Werbetexte/Konzeptionen macht.
Und dann auf so unterschiedlichen Etats
gearbeitet wie AOK, Telekom, Schlaraffia,
SPD, Verlagsgruppe LĂŒbbe.

Zum Spaß eine Handvoll satirischer KurzbeitrĂ€ge
geschrieben fĂŒr Funk und Fernsehen.
Mutter gestorben. Jogger geworden. Boule-Spieler.
Zum Spaß.

Politisch? Pazifist. Ein Pazifist ist einer, der
Soldaten mag. Wie? Andere republikanische Kinder
denken, ein Pazifist hasst Soldaten? Wer hasst
jemanden mehr: der, der Soldaten dnicht in einen
Krieg schickt, weil er nie einen fĂŒhren wĂŒrde?
Oder der, der Soldaten in einen Krieg schickt.

Ehrenvoll ist es, fĂŒr's Vaterland zu sterben?
Das galt in den Republiken davor.

Und jetzt sind sie bald 52, das Kind und die Republik,
das Kind und das gleichalte Vaterland.

Wie singt Frau Knef?
Das kann doch nicht alles gewesen sein.
Immerhin: fĂŒr die wird's rote Rosen regnen.

Das republikanische Kind dagegen, nur eines von
vielen, von dem hier die Rede ist, schieb ab.
Und zu eine ruhige Kugel am Boule-Platz.

Die Republik lĂ€ĂŸt sich inzwischen einiges durch
den Kopf gehen. Eine Kugel zum Beispiel -
in Mazedonien.

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loona
Wird mal Schriftsteller
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Hallo Bientexter...

wieder bin ich in einen Deiner Texte gestolpert und gebe mich dem Genuß hin, sie imaginĂ€r vom SWF3-Sonntags-Europas-LĂ€nder-wortspielerisch-Darsteller vorlesen zu lassen. (Hatten wir's nicht schon mal davon... in mir keimt eine Erinnerung auf...)

Ich finde Deine Sichtweise, ebenso wie die Art, sie rĂŒberzubringen sehr interessant. Mein Dad ist ein Kind des Kriegsendes, er liest gerne Tucholsky laut (und gut), aber seine Zeitschriftenartikel drehen sich (leider) nur um Teesorten und Dampfloks - oder Vogelschutzgebiete. Verschenktes Potential, wenn ich mir da Deine Zeilen anschaue. Möglicherweise mangelnde Selbstreflektion. Aber dafĂŒr muß man auch ein wenig mutig sein...

Deinem Mut applaudierend...

loona

PS: wenn ich darf, werde ich ihm mal ein, zwei Texte von Dir ausdrucken und schenken... Dies sei eine Anfrage.

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bientexter
HĂ€ufig gelesener Autor
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Danke, loona. Ja, druck ihm was aus. Bis bald!

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