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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Das Soldatenloch
Eingestellt am 02. 04. 2010 14:46


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Ati
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Das Soldatenloch
Eine Kurz(e)Geschichte
© Antje JĂŒrgens

30. Juni 2007


Ich nehme an, Sie kennen das. Man ringt mit sich, trifft dann eine Entscheidung, und kurz bevor dieser Entschluss FrĂŒchte trĂ€gt, stellt man ihn infrage. NatĂŒrlich kennen Sie das, so etwas erlebt jeder irgendwann. Ich gehöre allerdings zu denen, die sich ihr Leben lang so verhalten. FĂŒr einen Schritt nach vorne habe ich vermutlich stets zwei zurĂŒckgemacht. Deshalb bin ich auch nie ĂŒber Lehe bzw. der Umgebung in einem Radius von 200 km hinausgekommen. Sie wissen nicht, wo Lehe liegt? Keine Sorge damit sind sie garantiert nicht alleine. Das ist eine kleine Gemeinde in Schleswig-Holstein, genauer gesagt in Dithmarschen. Dort wurde ich, Anne Peters, vor exakt 26 Jahren geboren. Dort bin ich aufgewachsen. Und eigentlich dachte ich bis vor vier Monaten auch noch, dass ich dort heiraten, meine Kinder kriegen und alt werden wĂŒrde. Klingt schrecklich abgeklĂ€rt und langweilig, nicht wahr? Aber keine Sorge - wie heißt es so schön? Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt.
Vor vier Monaten entdeckte ich meinen (mittlerweilen Ex-) Freund in den Armen einer Frau – nackt, in Aktion, in unserem gemeinsamen Bett. Ich weiß nicht, wie Sie das sehen, aber fĂŒr mich ist das ein absolutes no-go. Deshalb zog ich noch am gleichen Tag aus seiner Wohnung aus und mietete ein möbliertes Zimmer (auch wenn der Tourismus meinen Heimatort eher streift als trifft, gibt es glĂŒcklicherweise Leute, die so was vermieten). Sascha nannte mich eine hysterische Zicke, schien mich ansonsten aber nicht sonderlich zu vermissen. Vielleicht war ich ihm zu klein, zu blond, zu sehr Kindfrau? Sein Seitensprung war jedenfalls das genaue Gegenteil von mir. Was auch immer - der Dorfklatsch blĂŒhte.
So sehr, dass ich mich nur noch zur Arbeit (nach Hamburg) aus dem Haus traute. FĂŒnf Wochen spĂ€ter kĂŒndigte ich diese Arbeit. Nicht sehr klug in der heutigen Zeit, ich weiß. Doch dummerweise war ich der Freundin meines Chefs, die fatalerweise gleichzeitig meine Abteilungsleiterin und Personalchefin war ein Dorn im Auge. Zu dem Dorn entwickelte ich mich, nachdem er und ich eine vollkommen harmlose Nacht zusammen verbrachten. Wir landeten freitags nach BĂŒroschluss in einem Aufzug und der wiederum weigerte sich uns wieder raus zu lassen. Wir steckten bis zum nĂ€chsten Mittag darin fest und unterhielten uns ĂŒber alles Mögliche. Schließlich springt nicht jede alleinstehende Frau jeden Mann an, sobald ein Aufzug stecken bleibt, oder? Seiner Freundin war unsere Geschichte trotzdem suspekt. Zum einen, weil sie grundsĂ€tzlich eifersĂŒchtig reagierte und weil Marc (mein Chef) sich, nachdem ich ihm in dem Aufzug mein persönliches Dilemma erzĂ€hlte, in der Folgewoche geradezu rĂŒhrend um mich kĂŒmmerte. Das ließ sie zu einer Frau mutieren, gegen die die fĂŒnf Harpyien und die Medusa (keine der Hesperiden sondern die Gorgone) vereint wie zahme LĂ€mmchen wirken. Sprich, sie machte mir das Leben innerhalb von zwei Wochen so zur Hölle, dass ich freiwillig ging.
Auf der RĂŒckseite meiner KĂŒndigungsbestĂ€tigung schrieb ich noch am selben Abend eine Liste. Das mache ich immer, wenn ich nicht weiter weiß. Und genau genommen stand ich mit meinen knapp 26 Jahren vor dem Nichts. Lehe ist klein und 
 sagen wir mal sehr lĂ€ndlich. Ich lebte, nachdem ich mit Sascha Schluss gemacht hatte, in einem möblierten Zimmer. Das einfach deshalb, weil vor etwas mehr als einem Jahr das reetgedeckte Haus abbrannte, in dem meine Familie und zuletzt ich schon seit 1600-irgendwas lebte. Mit allem was drin und was wert war. Aus den TrĂŒmmern konnte man nur eine uralte Kassette retten, die die Feuerwehr unter den verkohlten Bodendielen am nĂ€chsten Tag dort fand und mir ĂŒbergab. Die hĂŒtete ich seither wie einen Schatz. Da ich unterversichert und darĂŒber hinaus ja fĂŒr meine Begriffe eigentlich mit Sascha glĂŒcklich war, suchte ich mir keine eigene Wohnung sondern zog damals einfach zu ihm. Als Einzelkind von Einzelkindern (sowas scheint bei uns in der Familie zu liegen) gab es keine weiteren Angehörigen mehr, nachdem meine Eltern vor knapp drei Jahren bei einem Verkehrsunfall ums Leben kamen.
ZurĂŒck zu der Liste: Nachdem ich solche Dinge wie „von der EiderbrĂŒcke springen“, schnell wieder von meiner Liste strich, fanden sich so kluge EinfĂ€lle wie „neuen Job suchen“, „neue Wohnung suchen“, „neue Freunde suchen“ darauf. Leider gehöre ich zu dem Schlag Menschen, der eigene Freundschaften zugunsten des Partners aufgibt. Blöd, ich weiß.
Bereits einen Tag spĂ€ter begann ich akribisch meine kleine To-do-Liste abzuarbeiten. Ganz oben stand die Suche nach einem neuen Job. Wer Dithmarschen kennt, weiß, dass es ziemlich schwer ist, hier eine Arbeit zu finden. Wohnungen gibt es dagegen wie Sand am Meer. Da man Letztere aber bezahlen möchte und muss, wĂ€re es sinnvoll einen guten Job zu haben, was hier oben wiederum schwierig wird. Deshalb dehnte ich meine Suche nach Wohnung und Job gleich am ersten Tag bundesweit aus. Es verblĂŒffte mich völlig, als ich ausgerechnet in MĂŒnchen innerhalb einer Woche zu einem VorstellungsgesprĂ€ch eingeladen wurde und die Stelle auch noch bekam. Noch ĂŒberraschter war ich, als ich ebenfalls mehr durch Zufall als durch gezielte Suche eine bezahl- und annehmbare Wohnung fand. Womöglich meinte es das Schicksal tatsĂ€chlich gut mit mir?
Tja, wie gesagt, meine KĂŒndigung war das i-TĂŒpfelchen auf dem Scherbenhaufen meines bisherigen Lebens und die Idee mit dem Neuanfang war gleichermaßen erschreckend wie aufregend. Es war eigentlich alles okay, die neue Wohnung fertig eingerichtet, mein erster Arbeitstag rĂŒckte in greifbare NĂ€he. Sogar eine Einladung von meinen neuen Nachbarn fĂŒr eine Party lag bereits auf dem Garderobenschrank. Alles bestens – und dann kam dieses alte „soll ich wirklich“-GefĂŒhl. Und der Einfall noch einen letzten Abstecher nach Lehe zu machen. Ausgerechnet heute, an meinem Geburtstag. Dank der Billigfluglinien fand ich wider Erwarten sogar einen supergĂŒnstigen Hin- und RĂŒckflug und befand mich schneller in Hamburg als normale Leute „tu’s nicht“ sagen können.
Bereits auf der Fahrt vom Flughafen nach Lehe verdichtete sich das Gedankenkarussell in meinem Kopf mehr und mehr. Ich bekam Heimweh, sobald ich an den ersten WindrĂ€dern vorbeifuhr. Jetzt konnte ich nur hoffen, meinem Ex nicht zu begegnen. Vermutlich wĂŒrde ich losheulen, wenn wir uns tatsĂ€chlich ĂŒber den Weg liefen. Genau genommen beherrschte mich gerade nur ein einziger Wunsch. Ich wollte trotz allem eigentlich nur hier bleiben. Die Idee mit dem Neuanfang sah plötzlich ziemlich dumm aus, obwohl rein vom Verstand her alles dafĂŒr sprach.
Obgleich die Chance Sascha zu begegnen eher unwahrscheinlich war (er arbeitete in Flensburg), stellte ich den Mietwagen außerhalb von Lunden, dem Nachbarort von Lehe, ab und lief einfach drauflos. Was gut war, mein Kopf wurde langsam freier – der Abschiedsschmerz blieb allerdings unverĂ€ndert gleich. Dabei sollte ich jubeln, mich zumindest freuen oder einfach nur schrecklich neugierig sein. Ein Teil von mir riet, mich umgehend wieder in den Mietwagen zu setzen, nach Hamburg zurĂŒckzufahren und dort auf den Abflug zu warten. Idiotischerweise hatte ich die allerletzte RĂŒckflugmöglichkeit gebucht – das war um kurz vor neun abends. Da ich den frĂŒhestmöglichen Flug genommen hatte, war es gerade erst zehn vor neun am Morgen. Wie ich die Zeit herumbringen sollte, war mir absolut schleierhaft, denn das Heimweh nagte an mir wie eine gefrĂ€ĂŸige Raupe. Ich wĂŒrde – so viel war sicher - das nur ein paar Kilometer entfernte Meer, das Moor, die Deiche, die Weite und so ziemlich alles hier entsetzlich vermissen. Meine neue Wohnung in MĂŒnchen befand sich mitten in der Stadt. Altbau, fĂŒnfter Stock. In Lehe und Umgebung war nichts außer den WindrĂ€dern, was auch nur annĂ€hernd so hoch wie die HĂ€user in MĂŒnchen wĂ€re. Ein erschreckender Gedanke.
Außerdem schien es fast, als wollte die Natur alles tun, um eben jenes bereits erwĂ€hnte, deutlich spĂŒrbare Heimweh zu schĂŒren. Um mich an der Stelle zu halten, an der ich geboren und aufgewachsen war. Obwohl Dithmarschen nicht gerade als Costa del Sol bekannt ist, ist es besser als sein Ruf. Auch heute strahlte die Sonne von einem wolkenlosen, blauen Himmel. Genau wie in den vergangenen Wochen. Die Luft war warm, um nicht zu sagen heiß. Überall blĂŒhte es – es war einfach herrlich. Ich redete mir gut zu, dass ich hier immer noch Urlaub machen konnte. Jederzeit. Trotzdem fiel es mir schwer, mich einfach umzudrehen und zum Auto zu gehen. Stattdessen lief ich einfach weiter drauflos. Mein kleiner Spaziergang war mittlerweile zu einer bereits einstĂŒndigen Wanderung ausgeartet.
Das Flugticket knisterte leicht, als ich ein Bonbon aus der Brusttasche meiner Jacke fingerte. Warum ich das Ding bei mir trug, war mir ein RĂ€tsel, aber auf den Gedanken, es im Auto zu lassen, bin ich gar nicht erst gekommen. Ich spreche jetzt von der Jacke, nicht vom Ticket. WĂ€hrend ich von dem holprigen Fahrweg abbog und mich querfeldein anschickte auf den Deich zu klettern, um einen Blick ĂŒber die Eider zu werfen, packte ich das Bonbon aus und stopfte es in den Mund. Und verschluckte mich beinahe daran, weil ich im nĂ€chsten Moment fast ĂŒber einen Mann stolperte, der am Boden lag. Ein Bein war leicht angezogen und das andere lag ausgestreckt darĂŒber. Der rechte Arm lag leicht angewinkelt ĂŒber seinem Kopf. Seine Augen waren geschlossen. Ich musste vorher total abgelenkt gewesen sein, denn ich hĂ€tte schwören können, dass die Stelle an der er lag, kurz zuvor leer war. Und außerdem kam so etwas hier draußen nicht allzu oft vor.
Im ersten Moment dachte ich, der Mann sei tot – wie gesagt, hier lag man nicht einfach so herum, obwohl sich eine laut Touristeninformation „idyllische Badestelle“ in unmittelbarer NĂ€he befand. Idyllisch war allerdings ein dehnbarer Begriff. Genau betrachtet waren Touristeninfos auch nur Werbung und bekanntermaßen war Werbung in den meisten FĂ€llen gelinde gesagt leicht ĂŒbertrieben. Die besagte Badestelle befand sich an der alten Hafeneinfahrt. Der Hafen war lĂ€ngst verschwunden, die alten Strudel und Wirbel, von denen meine Großmutter frĂŒher immer erzĂ€hlte, waren jedoch geblieben. Wie viele Menschen letztlich in diesem StĂŒck der Eider ertranken, wusste ich nicht; aber nach dem was meine Großmutter erzĂ€hlte, kam das frĂŒher alljĂ€hrlich vor. Heute wagten sich hier meist nur die Kinder aus dem nahegelegenen Jugendheim ins Wasser und die waren fĂŒr meine Begriffe recht mutig. Außerdem befand sich die Badestelle bzw. die Liegewiese dahinter mitten auf einer momentan zugegebenermaßen leeren Schafweide. Leer allerdings nur im Sinne von „keine Schafe“. Ihre Hinterlassenschaften in Form von vermutlich Abertausenden Schafkötteln lagen ĂŒberall herum.
Wie gesagt, im ersten Moment nahm ich an, der Mann sei tot. Zumindest jedoch bewusstlos. Dann allerdings fiel mir auf, dass er seine Augen geöffnet hatte und ziemlich trĂ€ge auf einem Halm herum kaute, den er irgendwo (hoffentlich nicht auf dem Deich) gepflĂŒckt hatte. So was tun Tote oder Bewusstlose fĂŒr gewöhnlich dann doch nicht. Und das LĂ€cheln, das er mir schenkte, wirkte ebenfalls recht lebendig. Außerdem war seine Gesichtsfarbe viel zu gesund.
Puh – bei dem LĂ€cheln wurde mein Mund schlagartig staubtrocken und ich bekam Schluckbeschwerden. Kennen Sie das? Man begegnet jemandem, der sagt nicht mal viel sondern sieht einen nur an, lĂ€chelt und man hat das GefĂŒhl, einen Feuerball im Bauch zu haben? In meinem kribbelte es gerade zusĂ€tzlich so, als hĂ€tte es sich dort ein Ameisenvolk neben einer Horde Schmetterlinge gemĂŒtlich gemacht. Auch mein Sprachzentrum war betroffen. Mein „Moin-moin“ fiel recht krĂ€chzend aus. Obwohl ich normalerweise ĂŒber ein gut funktionierendes Hirn verfĂŒgte, schien es gerade außer Betrieb zu sein.
Lange Rede, kurzer Sinn: Der Typ sah gemeingefĂ€hrlich gut aus. Seine kurzen Haare waren dunkel, um nicht zu sagen schwarz, dicht und leicht gelockt. Obwohl er jung wirkte, war etwas an ihm, das darauf hindeutete, dass er nicht ganz so jung war. Auf den ersten Blick wirkte er wie Ende 20 – auf den Zweiten deutlich Ă€lter, auf den Dritten unbestimmbar. Seine Augen waren ungewöhnlich. In Romanen (jedenfalls in denen die ich gerne lese) wĂŒrde stehen, dass sie förmlich glĂŒhten und glĂ€nzten. Sie waren von einer unbestimmbaren Farbe, erinnerten mich irgendwie am HĂ€matit, glĂ€nzend aber doch viel dunkler als dieser eben fĂŒr gewöhnlich ist. Seine Augenbrauen waren genauso dunkel wie seine Kopfhaare, dicht gewachsen und leicht gebogen. Außerdem zierte ein Schurbart seine Oberlippe – etwas was ich normalerweise gar nicht abkann. Zu ihm passte es absolut. Ich ertappte mich dabei, dass ich ihn mit offenem Mund anstarrte, wĂ€hrend er mich genauso ungeniert musterte, wie ich ihn. Seine Haut war gebrĂ€unt; von der Sonne, denn sein Hosenbund ließ einen schmalen weißen Streifen erkennen. Er war nicht sehr groß, vielleicht so 1,75 Meter. Schlank aber muskulös. Das konnte ich deshalb sehen, weil sein Hemd zusammengeknĂŒllt unter seinem Kopf lag. Um seinen Hals lag ein altmodisches, silbernes Medaillon. Seine Beine steckten in schwarzen Hosen und Reitstiefeln, die schon mal bessere Tage gesehen hatten. Als er sich trĂ€ge ĂŒber die Brust strich, konnte ich erkennen, dass seine HĂ€nde krĂ€ftig, mit langen Fingern und sauber waren. Trotzdem konnte man ihnen deutlich ansehen, dass er viel damit arbeitete und zupacken konnte.
Ein Schnauben schreckte mich aus meiner Betrachtung. Zu meiner Überraschung stand ein Pferd in unmittelbarer NĂ€he. Es trug zwar Zaumzeug aber keinen Sattel. Überrascht war ich deshalb, weil hier auf dem Deich eigentlich keine Pferde erlaubt waren. Andererseits waren viele Dinge nicht erlaubt und genauso wie sich keiner daran hielt, störte es in den meisten FĂ€llen so gut wie niemanden.
Sein Aussehen alleine haute mich fast um; aber als er meine BegrĂŒĂŸung nach einiger Zeit schließlich erwiderte, musste ich feststellen, dass seine Stimme sprichwörtlich dafĂŒr sorgte, dass ich in die Knie ging. Sie war sehr tief, leicht rau, und ich spĂŒrte das Vibrieren förmlich in meinem Bauch. Ich bin normalerweise eine vorsichtige, eher scheue Vertreterin meiner Art, aber heute wollte ich nichts mehr, als mich neben diesen Mann setzen, besser noch legen und mit ihm sprechen. Weiß der Geier warum, aber es war so. Und gleich darauf ertappte ich mich dabei, dass ich genau das machte. Ich saß schneller neben ihm, als er sich aufsetzen konnte. Das Pferd schnaubte wieder vor sich hin. Er stieß einen leisen Pfiff aus und es kam ein paar Schritte nĂ€her. Nicht einmal das erschreckte mich jetzt sonderlich. Obwohl ich ziemlichen Respekt vor diesen Tieren habe, blieb ich einfach so sitzen, wĂ€hrend er dem Pferd ĂŒber die weichen NĂŒstern strich.
Seine Sprache war etwas altmodisch, aber das konnte daran liegen, dass er nicht von hier kam. Letzteres konnte man deutlich an dem Akzent hören, mit dem er sprach. Alexander Stephanowitsch – er stellte sich tatsĂ€chlich auf eine total altmodische aber sehr anrĂŒhrende Art vor - hörte sich irgendwie russisch fĂŒr mich an. Und gleich darauf verriet er mir auch, dass er aus einem kleinen Dorf am Don stammte. Seufz. Vermutlich könnte er mir den Beipackzettel einer HĂ€morrhidensalbe vorlesen, und ich fĂ€nde es geil, einfach weil er so eine fantastische Stimme hatte und ich seinen Mund und seine Augen - genau genommen den ganzen Kerl – einfach nur 
 anbetungswĂŒrdig 
 fand.
Tja, da lag ich nun auf dieser Deichwiese in Wollersum und unterhielt mich mit einem Wildfremden. Oder besser, ich quasselte ihn voll (dabei behaupteten die Leute immer, dass man mir jedes Wort aus der Nase ziehen mĂŒsste). Doch sein „du wirkst traurig“ sorgte dafĂŒr, dass ich zu erzĂ€hlen anfing und noch lange nicht damit aufhörte, ihm zu verraten, dass ich von hier wegging und in MĂŒnchen einen Neuanfang wagen wollte. Sogar wo ich dort wohnen wĂŒrde, kam einfach so ĂŒber meine Lippen. Kurz darauf hĂ€tte ich am liebsten geheult, weil mir wieder bewusst wurde, dass mir hier nur noch ein paar lĂ€ppische Stunden blieben. Und das ausgerechnet jetzt, wo ich jemanden wie 
 ihn? 
 getroffen hatte. Noch so ein unter normalen UmstĂ€nden völlig abwegiger Gedanke fĂŒr mich. Ich stand mit beiden Beinen (mehr oder weniger) fest im Leben. Ich warf mich nicht einfach einem Wildfremden an den Hals und heulte fast bei dem Gedanken, von ihm weg zu mĂŒssen. Das war irgendwie nicht ich, aber genau das war es, was ich in dem Moment fĂŒhlte.
Alexander (er meinte ich solle ihn Sascha nennen, aber in Anbetracht der Tatsache, dass mein Ex so hieß, brachte ich das einfach nicht ĂŒber meine Lippen) tröstete mich, indem er mich in den Arm nahm und vorsichtig wiegte. Und etwas sagte. Das meiste habe ich gar nicht mitbekommen. Dazu lenkte mich das GefĂŒhl in seinem Arm zu sehr ab. Und sein Geruch, der 
 schwer zu beschreiben war. Ich roch alles Mögliche, aber er roch nicht wie die MĂ€nner, an denen ich schon mal so geschnuppert habe, wie an ihm. Also sein Geruch war definitiv zum Anbeißen und nicht abstoßend. Da war nichts KĂŒnstliches. Klingt vielleicht dumm, aber er roch Ă€ußerst mĂ€nnlich, ein wenig nach Rauch (von Feuer nicht von Zigaretten), etwas nach seinem Pferd und ansonsten einfach nur 
 nur 
 frisch, nein, das war es nicht allein. Er roch irgendwie 
 wie 
 das Lundener Moor an einem feuchten Tag? Keine Ahnung. Ich jedenfalls hĂ€tte am liebsten meine Nase fĂŒr immer an seinem Hals vergraben.
WĂ€hrend ich noch seinen Geruch analysierte, bekam ich gerade noch mit, dass er heute Geburtstag hatte und dieser Tag doch deshalb eigentlich viel zu schade wĂ€re, um so traurig zu sein. Das drang irgendwie glasklar zu mir durch und ich lĂ€chelte ihn an. So ein Zufall: Nicht nur dass er wie ein Traummann wirkte, nein, er hatte auch noch am gleichen Tag Geburtstag wie ich. So was mĂŒsste man tatsĂ€chlich feiern. Doch um irgendwo was trinken zu gehen, war es leider eindeutig zu frĂŒh. Also blieben wir zunĂ€chst einfach, wo wir waren und redeten und redeten.
Irgendwann habe ich gemerkt, dass sein Blick immer wieder an meiner linken Hand hĂ€ngen blieb. Genauer gesagt, an dem Ring daran. Also habe ich ihn direkt vor sein Gesicht gehalten. „Schön, nicht?“
Okay, schön war ein relativer Begriff. Der Ring war eher fĂŒr einen Mann als fĂŒr eine Frau gemacht worden. Er war genauso schwer, wie er aussah. Selbst fĂŒr meinen Daumen war er eigentlich zu groß. Ich konnte ihn nur tragen, weil ich als Kind immer an meinem linken Daumen lutschte und der deshalb etwas breiter war. Trotzdem habe ich ihn bereits ein paar Mal fast verloren. Ich wollte ihn allerdings auch nicht Ă€ndern lassen und ihn nicht zu tragen, kam ebenfalls nicht infrage, denn ohne ihn fĂŒhlte ich mich schrecklich nackt.
Nach dem Fund damals konnte ich es mir nicht verkneifen, mich damit schnurstracks fĂŒr eine dieser Fernsehsendungen anzumelden, in denen unter anderem immer mal wieder alter, antiker Schmuck begutachtet und geschĂ€tzt wird. Dort wurde mir bestĂ€tigt, dass er aus Gold gearbeitet war. Auch die eingearbeiteten Steine waren echt. Der damals genannte Wert verschlug mir glatt die Sprache. Aber nicht er sondern die Geschichte dahinter machte ihn fĂŒr mich wertvoll und schön.
Alexanders Nicken fiel kaum wahrnehmbar aus. Und einen Moment wirkte sein Gesicht förmlich versteinert. Dann lĂ€chelte er mich wieder an. „Er ist alt!“
Ich nickte. Er war definitiv alt. Auch wenn man „nur“ davon ausging, dass er genauso alt war, wie das was sich noch in dem KĂ€stchen befunden hatte, welches der Feuerwehrmann mir nach dem Brand in die HĂ€nde drĂŒckte. Aber wie gesagt, ich hĂŒtete den Inhalt seither wie einen Schatz. Ich hatte noch niemandem wirklich erzĂ€hlt, was genau sich noch darin befand. Bei Alexander sprudelten jedoch auch jetzt die Worte einfach nur aus mir heraus.
„Er ist, soweit ich weiß, von einer Vorfahrin von mir. Sie hieß auch Anne Peters – genau wie ich und wir haben sogar am gleichen Tag Geburtstag. Und sie war meine - warte – Ur-ur-ur-ur-ur-ur-ur-ur-ur-ur-ur-Großmutter. Sie wurde 1694 in Lehe geboren. Der Ring war so eine Art 
 Liebesgabe. Wo genau er herkommt, weiß ich nicht, aber laut einem Gutachter muss er wohl im 17. Jahrhundert gefertigt worden sein. Jedenfalls gehörte er einem Soldaten, einem Kosaken, der ihn anscheinend fĂŒr besondere Verdienste von seinem Zaren bekommen hat. Und dieser Soldat hat ihn 
 Hier waren vielleicht mal Vorfahren von dir, wusstest du das?“
„Ja. Fast hier an der Stelle, an der wir jetzt sitzen, lagen 1713/1714 die Zelte von Zar Peter I.“
Seine Antwort ĂŒberraschte mich etwas. Abgesehen davon, das stimmte, was er sagte, verblĂŒffte mich, dass er es wusste. Ich selbst hatte bis vor dem Brand keine Ahnung davon und ich war hier aufgewachsen. Abgesehen von einer Person wusste vermutlich niemand aus meinem Bekanntenkreis viel darĂŒber. Und hier saß ein Fremder neben mir und erzĂ€hlte ganz selbstverstĂ€ndlich und in gewisser Weise stolz davon. Gerade deutete er mit dem Arm auf die andere Flussseite.
„Da drĂŒben, in Tönning, stand eine Festung. Die Schweden haben sich dort verschanzt und Zar Peter und seine Soldaten kamen ihnen hierher nach. Hier, in Wollersum, standen seine Zelte. Der Rest der Truppen lag zwischen Friedrichstadt und Lunden, der Generalquartierstab in Heide. 3.000 Mann. Kosaken vom Don und vom Djnepr, KalmĂŒcken aus der westlichen Mongolei und die russische Infanterie unter Bauer.“
Schwer vorstellbar. Ich meine, dass es so viele waren. Die Gegend um Lehe ist relativ dĂŒnn besiedelt. Da musste so eine Armee ziemlichen Staub aufgewirbelt haben. Allerdings zu wenig, um groß in den GeschichtsbĂŒchern vermerkt zu werden. Im Internet fand ich jedenfalls kaum etwas, als ich der Geschichte aus der kleinen Schatulle nachgehen wollte.
„Ich bin beeindruckt. Hast du was mit Geschichte zu tun?“
Er blinzelte einen Moment verwirrt und schien gedanklich meilenweit entfernt gewesen zu sein. „Geschichte? Nein, ich 
“ Sein LĂ€cheln lenkte fast von dem seltsamen Ausdruck seiner Augen ab. Er wirkte eindeutig schmerzlich.
Um ihn aufzumuntern, plapperte ich einfach weiter. „Willst du noch was ĂŒber den Ring wissen?“
Seine Kopfbewegung war unbestimmt und hĂ€tte auch ein „Nein“ ausdrĂŒcken können. Ich nahm sie jedoch einfach als „ja“ und redete weiter. Das GefĂŒhl, das mich durchzuckte, als er meine Hand in seine schwieligen Finger nahm und sanft streichelte, störte meine Konzentration jedoch ziemlich – nur so nebenbei bemerkt: Es war geradezu göttlich!
„Also: Es gibt da eine Geschichte, dass unweit von hier – hinter der Biegung da drĂŒben – im sogenannten Soldatenloch ein Soldat versenkt wurde. Allerdings 1814, da sind die Kosakentruppen sozusagen ĂŒber Nacht hier eingefallen. Angeblich soll er der Tochter eines Bauern ziemlich nachgestellt und sie vergewaltigt haben. Der Bauer hat ihn darauf erschlagen und im Soldatenloch versenkt.“
An der Stelle unterbrach Alexander mich ernst. „Und wie kommst du dann darauf, dass der Ring eine Liebesgabe war?“
Ich lĂ€chelte. „Weil es nicht ganz so war, wie erzĂ€hlt wird. Ich denke, dass es sich bei der Bauerntochter um Anne Peters gehandelt hat. Die beiden hatten tatsĂ€chlich was miteinander. Sonst wĂŒrde ich hier heute vermutlich gar nicht sitzen. Meine Vorfahrin wurde nĂ€mlich schwanger. Aber nicht weil er sie vergewaltigt hat. Die beiden haben sich, nach dem was ich gefunden habe, ineinander verliebt und er hat ihr den Ring gegeben.“
„Dann denkst du also, dass die Geschichte vom Soldatenloch erfunden ist?“
Jetzt schĂŒttelte ich den Kopf und wurde genauso ernst wie er. „Ja und nein. Die Jahreszahlen stimmen irgendwie nicht. Meine Vorfahrin wurde bereits 1694 geboren. Dann kann sie unmöglich 1814 mit diesem Kosaken liiert gewesen sein. Aber ich habe verschiedene Jahreszahlen gefunden, als ich nach irgendwelchen schriftlichen Aufzeichnungen von dem Vorfall gesucht habe. Einmal ist von 1814 die Rede, dann sogar von 1613 oder so. Ich glaube, dass der Vorfall sich tatsĂ€chlich im Sommer 1713 zugetragen hat. Der Soldat wurde ermordet und dort versenkt. Aber eben nicht, weil er sie vergewaltigt hat.
Er und Anne Peters sind sich nĂ€her gekommen, als ihrem Vater lieb war. Die Dithmarscher Bauern waren fĂŒr ihr – wie soll ich sagen – aufbrausendes Wesen? bekannt. Die haben anscheinend ziemlich schnell und ziemlich nachhaltig fĂŒr Abhilfe gesorgt. Jan Peters hat die Wahrheit aus Anne heraus geprĂŒgelt, auch den Ort an dem sie und der Soldat sich immer trafen. Er hat ihr verboten, ihn noch einmal zu treffen und geschworen, dass er ihn erschlĂ€gt, wenn sie es trotzdem tut. Da sie sich dem Verbot widersetzte, hat er die Drohung wahrgemacht und ihr hinterher erzĂ€hlt, was er und ein paar Knechte mit dem Soldaten gemacht und dass sie seine Leiche im Soldatenloch versenkt haben.
Anne hat 1714 eine Tochter bekommen. Nach dem, was ich in Erfahrung bringen konnte, soll sie nach dem Mord recht wirr im Kopf gewesen sein. Ihr Vater hat ihr danach so gut wie jeden Wunsch erfĂŒllt, wobei sie nicht mehr viele WĂŒnsche hatte. Abgeblich musste man sie lĂ€ngere Zeit einsperren, weil sie immer weglaufen wollte. Einzig ihrer Tochter gegenĂŒber soll sie sich normal verhalten und diese geradezu vergöttert haben. Zehn Jahre spĂ€ter verschwand sie dann tatsĂ€chlich. Einfach so. Ich denke, dass sie ihrem Leben im Soldatenloch ein Ende gesetzt hat, denn sie hat eine Art Abschiedsbrief und etwas wie ein Tagebuch hinterlassen – das bestand aus einem BĂŒndel Seiten, die mit einem dicken Faden mehr oder weniger zusammengeheftet waren. Zusammen mit dem Ring und dem KĂ€stchen, in dem alles versteckt lag. Allerdings weiß ich nicht, ob ihre Tochter oder irgendjemand vor mir ĂŒberhaupt etwas von dem KĂ€stchen wusste und es je zu Gesicht bekam.“
„Sie konnte schreiben?“
Etwas wie Ehrfurcht klang aus seiner Stimme heraus und ich musste unweigerlich wieder lĂ€cheln. „Ja, ungewöhnlich fĂŒr eine Frau ihrer Zeit. Soweit ich weiß, gab es zwar um 1700 schon eine Art Schulpflicht, aber erstens war sie ein MĂ€dchen und zweitens mussten die Kinder vermutlich eher auf dem Hof helfen, als lesen lernen. Außerdem war Papier kostbar. Aber wie gesagt, Ihr Vater hat ihr so gut wie jeden Wunsch erfĂŒllt. Vermutlich auch den nach Papier und Tinte.
Es war teilweise sehr schwer, die Schrift zu entziffern. Vieles konnte ich gar nicht lesen, weil es zu ungelenk oder auch verblasst war. Seinen Namen beispielsweise konnte ich nicht ein einziges Mal klar erkennen. Irgendetwas mit ‚oscha‘ hinten. Mehr habe ich nicht daraus lesen können. Leider, den Namen hĂ€tte ich gerne gewusst. Aber im Großen und Ganzen denke ich, dass sich die Geschichte so zugetragen hat, wie ich dir gerade erzĂ€hlt habe.“

Leider sorgte das, was ich da sagte, dafĂŒr, dass Alexanders LĂ€cheln wie weggewischt war. Er strahlte im Moment eine solche Traurigkeit und Verzweiflung aus, dass sie fast mit HĂ€nden greifbar war. Gerade stand er auf und klopfte sich ein paar Halme von seiner Hose, und reichte mir eine Hand, um mir aufzuhelfen.
„Musst du schon gehen?“ Es war etwas peinlich, weil meine Stimme bei dieser Frage geradezu entsetzt klang, aber ich konnte sie mir einfach nicht verkneifen. GlĂŒcklicherweise beruhigte sich mein bei der Aussicht rasend schnell klopfendes Herz wieder, sobald er mich ansah. Seine Stimme klang freundlich auffordernd.
„Nein, ich dachte, wir gehen ein paar Schritte. Vielleicht möchtest du mir das Soldatenloch zeigen? Ich wĂŒrde es gerne einmal sehen.“
„Oh, okay, ja klar. Wir mĂŒssen da lang.“
Eine Zeitlang gingen wir schweigend nebeneinander her, mussten ein paar der niedrigen ZĂ€une ĂŒberwinden und dem einen oder anderen Schaf ausweichen. Ich konnte schon immer gut mit jemandem schweigen, aber mit ihm war dieses Schweigen einfach fantastisch. Ich fĂŒhlte mich noch nie so wohl bei jemandem, in meinem ganzen Leben nicht. Obwohl er gedanklich garantiert nicht bei mir war und seit ich ihm die Sache mit meiner Vorfahrin erzĂ€hlt hatte, seltsam distanziert wirkte, hatte ich nicht das GefĂŒhl allein zu sein. Klingt total abgehoben, aber es war fast, als hĂ€tte ich einen SeelengefĂ€hrten gefunden. Mein Wunsch hier zu bleiben stand plötzlich mit mehreren Ausrufezeichen in meinem Gehirn, obwohl ich nichts von Alexander wusste. Nicht wo er wovon lebte, ob er verheiratet war, Kinder hatte. Nichts, ich wusste einfach gar nichts und wĂ€re trotzdem am liebsten bei ihm geblieben. Es war als wĂ€re ich 
 angekommen. Ja, genau so fĂŒhlte ich unerklĂ€rlicherweise in seiner Gegenwart. Dabei wollte ich nach Saschas Seitensprung eigentlich fĂŒrs Erste mit keinem Mann mehr was zu tun haben. Dazu hatte mich sein Verhalten einfach zu sehr verletzt.
Nach einiger Zeit waren wir am Soldatenloch angelangt. Alexander ließ die ZĂŒgel von Anouk los und ging, HĂ€ndchenhaltend mit mir, in Richtung Wasser. Das Soldatenloch war nicht sehr groß, es sah auch nicht wirklich bedrohlich aus. Und doch 
 Ich war, seit ich von der Geschichte wusste, sechs oder sieben Mal hier gewesen. Heute wirkte es allerdings zum ersten Mal auf mich, als ob es ein Geheimnis barg, das ich vielleicht lieber nicht wissen wollte. Leicht fröstelnd zog ich meine Schultern nach oben und griff fester nach Alexanders Hand. Meine Unruhe schien sich auf ihn zu ĂŒbertragen. Er wirkte angespannt, wĂ€hrend er am Wasser entlang ging.
„Es soll angeblich von einer Sturmflut ĂŒbrig geblieben sein. Bevor sie das Sperrwerk errichtet haben, wurde die Gegend jahrhundertelang und oft sehr stark ĂŒberschwemmt. Ich hab gelesen, dass das Soldatenloch unergrĂŒndlich tief sein soll. Schwer vorstellbar, wenn man es so sieht, nicht? Ich denke ja eher, dass eine unterirdische Verbindung zum Fluss seine und ihre Leiche mehr oder weniger rausgezogen hat. Wenn Ebbe ist, kommt da ein ziemlicher Sog zustande. Vielleicht war es damals auch tiefer und grĂ¶ĂŸer als heute, weil man beide, soweit ich in Erfahrung bringen konnte, nie gefunden hat.“
Was auch immer. Alexander war so fasziniert von dem GewÀsser, dass er mir gar nicht richtig zuzuhören schien. Zwischenzeitlich hielten wir uns nicht mehr an der Hand. Auf mich wirkte er verkrampft, wÀhrend er direkt an der Uferkante entlanglief. Ein paar Mal ging er in die Hocke und starrte auf die WasseroberflÀche; fast als erwarte er, dass im nÀchsten Moment etwas auftauchte.
Vielleicht war die eine Stelle besonders glitschig oder er war einfach etwas tollpatschig, denn plötzlich geriet er ins Straucheln und fiel beinahe ins Wasser. Da ich direkt neben ihm war, traf mich sein Arm und ich verlor das Gleichgewicht. Es war ein komisches GefĂŒhl, weil ich gleichzeitig zu dem Stoß in meinem RĂŒcken das GefĂŒhl hatte, dass etwas mich nach vorne zerrte.
Alexander konnte mich gerade noch zurĂŒckziehen und fluchte ausgiebig in seiner Muttersprache. Seine Arme umfingen mich wie ein Schraubstock und ich spĂŒrte, dass er zitterte und nach wie vor völlig verkrampft war. Ich fĂŒhlte, wie er ĂŒber meine Schulter aufs Wasser starrte.
Ganz ehrlich: Da ja eigentlich gar nichts passiert war, fand ich sein Verhalten etwas ĂŒbertrieben und gleichermaßen sĂŒĂŸ wie verwirrend. Auch wenn es nicht dazu passte, dass er vorher ja direkt an der GewĂ€sserkante entlanglief, ging ich davon aus, dass er vermutlich nicht schwimmen konnte. Das Wasser schien ihm jedenfalls eine Heidenangst einzujagen, obwohl wir vermutlich der LĂ€nge nach reinfallen könnten, ohne dass etwas passierte.
Es dauerte eine ganze Weile, bis ich mich endlich behutsam aus seiner Umklammerung lösen konnte. Mir schossen die unmöglichsten Gedanken durch den Kopf. Ich hoffte beispielsweise, dass er kein Epileptiker war, weil er nach wie vor fast schon gebannt auf die WasseroberflĂ€che starrte. Vor ein paar Jahren bekam ich in St. Peter einen solchen Anfall live mit. Der Mann stierte damals auch geradezu paralysiert auf die glitzernde WasseroberflĂ€che und – zack – im nĂ€chsten Augenblick lag er krampfend am Boden und biss sich die Zunge blutig.
Dann jedoch fiel mir etwas auf, was mich völlig verwirrte. Das Wasser hier glitzerte nicht – obwohl die Sonne gleißend hell schien. Es wirkte, ölig, fast schwarz, leblos. Jedenfalls auf den ersten Blick. Gleich darauf glaubte ich nĂ€mlich, eine leichte Bewegung darin gesehen zu haben. Und zwar eine, die von etwas GrĂ¶ĂŸerem herrĂŒhrte. Das dunkle Wasser krĂ€uselte sich und mich ĂŒberlief unerklĂ€rlicherweise eine GĂ€nsehaut. Ein Fisch war das garantiert nicht gewesen. Ein Antlitz tauchte auf und ich konnte gerade noch einen Aufschrei unterdrĂŒcken. Immerhin starrte mir mein eigenes Gesicht entgegen. Das wĂ€re zu peinlich gewesen, wenn ich, erschrocken ĂŒber mein eigenes Spiegelbild im Wasser, losgebrĂŒllt hĂ€tte, auch wenn die Frisur anders wirkte, als sie tatsĂ€chlich war.
Trotzdem verstĂ€rkte sich dieses unbehagliche GefĂŒhl in mir und ich wandte mich vom Wasser ab. Ein paar Tropfen bewirkten, dass wir beide aufsahen. Das Wetter hier oben konnte recht schnell umschlagen. Allerdings regnete es auch bei uns nicht von einem wolkenlosen Himmel. Und heute war weit und breit keine Wolke in Sicht. Gleich darauf spĂŒrte ich wieder etwas. Und zwar in meinem RĂŒcken. Ich wollte mich gerade umwenden, als Alexander mich mit einem Ruck vom Soldatenloch weg und zu Anouk hin zog. Wieder ĂŒberlief mich eine GĂ€nsehaut, denn abgesehen von seinem Gesichtsausdruck, der eindeutig beunruhigt wirkte, spĂŒrte ich eindeutig einen nassen Handabdruck in meinem RĂŒcken, zwischen den SchulterblĂ€ttern. Ein kleiner Blick ĂŒber meine Schulter zeigte mir, dass sich dort auch etwas befand. VerblĂŒfft blieb ich stehen, schlĂŒpfte aus den Ärmeln meines Shirts und drehte es nach vorne. Klar und deutlich leuchtete dort der schmutzig-feuchte Abdruck einer Hand.
„Sieh dir das an! Wo kommt das denn her?“
Meine Finger deuteten auf den Abdruck. Alexander zuckte die Schultern.
„Vielleicht 
 vorher, als ich ausgerutscht bin und dich dann in den Arm genommen habe 
“
Er beendete den Satz lahm, als ob er selbst nicht an das glaubte, was er da von sich gab. Seine Stimme wirkte auf den ersten Blick ruhig, aber ich glaubte, ein Zittern darin wahrzunehmen. Und genau wie ich, lief er eindeutig schneller zurĂŒck, als wir hergekommen waren. Ich brauchte schon allein 400 Meter, bevor ich das Shirt wieder richtig anhatte.
Mit jedem Schritt, den wir uns vom Soldatenloch entfernten, fĂŒhlte ich mich leichter und befreiter. So sehr, dass ich ĂŒber mich und meine komischen GefĂŒhle vorher lachen musste.
„Was ist so komisch?“
Obwohl seine Stirn gerunzelt war, sah ich auch sein LÀcheln wieder und mir wurde plötzlich bewusst, dass es mir vorher eindeutig gefehlt hatte.
„Ich lache ĂŒber mich. NatĂŒrlich muss der Abdruck von dir sein. Ich bin normalerweise nicht hysterisch. Aber ich glaube, ich habe mich da eben von dem Teil der Geschichte zu dem Ring beeinflussen lassen, den ich dir noch nicht erzĂ€hlt habe.“
Sein Blick wurde wieder ernst.
„Was hast du mir denn noch nicht erzĂ€hlt?“
Ich kicherte und nickte leicht.
„Nur eine Kleinigkeit. NatĂŒrlich ist da nichts dran, aber gerade da am Wasser, wirkte es gar nicht mehr so abwegig auf mich.“
Zwischenzeitlich waren wir wieder an unserem vorigen Platz an der Wollersumer Badestelle angelangt. Mit ziemlicher Erleichterung merkte ich, dass sowohl sein Hemd als auch meine Jacke - mit Geldbeutel, SchlĂŒsseln und Ticket - noch an der gleichen Stelle lag, an der wir sie vorher einfach vergessen hatten. Ein ruhiges, beschauliches Landleben hat durchaus seine Vorteile.
„Was hĂ€ltst du davon, wenn wir woanders hingehen und du mir diese Geschichte weiter erzĂ€hlst?“
Das klang in meinen Ohren nicht schlecht, auch wenn ich einen schnellen Blick auf die Uhr warf, um zu sehen, wie viel Zeit mir noch blieb.
„Hast du vielleicht Lust mich ins Moor zu begleiten? Ich bin gerne dort, es erinnert mich immer ein wenig an zuhause.“
„Das Moor? Klar! Sieht es denn am Don so aus? Irgendwie hĂ€tte ich mir die Gegend da anders vorgestellt. Bringst du mich nachher auf Anouk wieder her? Ich meine, wegen meinem Auto und zum Laufen ist es ja doch ein ganzes StĂŒck. Ich 
“, ich warf einen zögerlichen Blick auf die Uhr, „
 ich muss heute Abend so gegen sechs losfahren, weil ich doch zurĂŒck nach MĂŒnchen fliege.“
Offenbar schien mein letzter Satz Alexander ziemlich betroffen zu machen, denn sein Gesichtsausdruck wurde gerade mehr als fragend. „Du fliegst?“
Schlug er gerade ein Kreuz? Die Bewegung war so schnell gewesen, dass ich mir nicht sicher war. „Ja, das ist angenehmer als die lange Fahrt. Und geht auch schneller.“
Dass ich ungern flog, sagte ich nicht. Am liebsten wĂŒrde ich den Flug stornieren, die neue Wohnung kĂŒndigen, vom neuen Job ganz zu schweigen. Am liebsten wĂŒrde ich hier bei ihm bleiben. Aber das konnte man jemandem, den man gerade drei Stunden kannte, kaum sagen. Also hielt ich diesbezĂŒglich besser meine Klappe.
„Fliegen?“
Bis jetzt hatte er ziemlich intelligent auf mich gewirkt, aber bei der Frage oder vielmehr bei dem Tonfall der Frage, war ich mir nicht ganz sicher. „Mhm, fliegen – wie Vögel fliegen, Hubschrauber fliegen, DĂŒsenjets fliegen, Heißluftballone – nein halt die fahren.“
„Hexen fliegen.“
„Na ja, Bibi Blocksberg soll das schon können auf ihrem Kartoffelbrei. Aber ich nehme lieber ein Flugzeug, weil ich keine Hexe bin. Außerdem stelle ich mir einen Flug auf die Distanz auf einem Besen recht beschwerlich vor. Da hĂ€tte ich bestimmt Schnupfen, wenn ich ankomme.“
Okay, seine Frage hatte verblĂŒfft geklungen, sein Einwurf mit den Hexen etwas 
 kleinlaut? 
. Aber sein Blick jetzt ĂŒbertraf alles. Abgesehen davon, dass er an meinem Verstand zu zweifeln schien, wirkte er mehr als verwirrt.
„Wie bist du denn vom Don hierhergekommen?“
„Geritten und gelaufen.“
Die Antwort kam so prompt und ehrlich, dass ich keinen Zweifel daran hegte. Ich betrachtete sowohl Anouk als auch ihn mit neuen Augen. Mein lĂ€ngster Fußmarsch war mal von hier bis ÜlvesbĂŒll gewesen und danach war ich völlig k. o.
„Wow. Das wĂŒrde ich garantiert nicht hinbekommen.“
„BeschĂ€ftigst du dich mit Magie?“
Ich lachte und schĂŒttelte den Kopf. Magie? Wie kam er denn jetzt darauf?
„Ich – nein, lass das e hinten weg und bau ein zweites g in der Mitte ein. Klingt zwar immer noch Ă€hnlich, aber magisch ist das nicht, was man aus den Beuteln und TĂŒten zaubern kann. Von Magie habe ich ehrlich gesagt keine Ahnung und ich glaube auch nicht daran. Deshalb verblĂŒfft es mich ehrlich gesagt umso mehr, dass ich da drĂŒben fĂŒr einen Augenblick dachte, dass an dem Fluch tatsĂ€chlich etwas dran sein könnte.“
„Fluch?“
Seine Frage kam schnell und scharf und schien ihn völlig vom Thema fliegen abzubringen. Auch der Griff seiner Finger um mein Handgelenk wurde fast schmerzhaft. Er merkte mein Unbehagen sofort, denn er lockerte ihn wieder und drĂŒckte, sich entschuldigend, einen Kuss auf meinen Puls. Gleichzeitig hob er mich auf Anouk und schwang sich hinter mir auf den PferderĂŒcken. Sobald sein Pferd sich in Bewegung setzte, spĂŒrte ich seinen Atem an meinem Ohr und hörte ihn flĂŒstern.
„Entschuldige, das wollte ich eben nicht. ErzĂ€hlst du mir von dem Fluch?“
NatĂŒrlich erzĂ€hlte ich ihm davon. Das ging schnell. Himmel, es war schließlich nichts weiter als eine Geschichte. Aus einer Zeit, in der man vielleicht noch an so etwas glaubte. An Winterabenden, als es weder elektrisches Licht noch Fernsehen gab und man sich die Zeit bis zum Zubettgehen vertreiben wollte, kam so was bestimmt gut an. Vor allem wenn der Wind ums Haus pfiff oder der Nebel schwer ĂŒberm Land hing. Und wer so etwas glaubte, könnte durchaus auf den Gedanken kommen, das zu tun, was meine namensgleiche Vorfahrin getan hatte. Sie hatte ihren Vater und seine Helfer fĂŒr den Mord an ihrem Freund verflucht. Und geschworen, dass sie ihn suchen und finden wĂŒrde. Und bis sie wieder vereint waren, sollte sein Geist sich die Töchter der Mörder holen.
Das war der ganze Fluch. Soweit ich in Erfahrung bringen konnte, war er in meiner Familie schon mal unmöglich wahr geworden, weil sie die einzige Tochter war. Die Nachkommen der Helfer konnte ich nicht herausfinden. Insoweit wusste ich nicht, ob sich der Fluch ĂŒberhaupt einmal erfĂŒllte. Das Einzige, was ich in dem Zusammenhang auffĂ€llig fand, war das abgesehen von Annike, der Tochter meiner Vorfahrin, und mir nur Jungen in meiner Familie geboren wurden. Aber das konnte ja unmöglich etwas mit dem Fluch zu tun haben. Und Annike verstarb zwar bereits mit 22, aber soweit ich wusste am Kindbettfieber und nichts anderem. Dennoch vorher am Soldatenloch 
 wie gesagt, kurz hatte ich den Eindruck, dass da etwas war, was dort so nicht sein sollte.
Alexander sagte eine Weile gar nichts. Dann lĂ€chelte er plötzlich. Ich spĂŒrte die Bewegung seiner Lippen an meinem Hals.
„Ich kenne auch eine Geschichte, die von einem jungen Paar handelt. Sie ging allerdings genauso traurig aus, wie deine. Willst du sie trotzdem hören?“
WĂ€hrend ich nickte, spĂŒrte ich seine Nase in meinem Haar.
Seine Stimme lullte mich gleich darauf ein. Ich spĂŒrte Anouks Bewegungen unter, seinen Körper hinter und seine Worte in mir. Seine Art zu erzĂ€hlen hatte etwas Faszinierendes an sich. Er beschrieb bestimmte Szenen so eindeutig, als wĂ€re er selbst dabei gewesen.
Seine Geschichte handelte von einem KosakenfĂŒhrer, der seit Jahren mit seiner Truppe und seinem Zaren unterwegs war. Als Kosak war ihm der Tod nicht fremd und doch war er ĂŒber vieles, was er auf diesem Feldzug sah, entsetzt. Mir lief es kalt den RĂŒcken hinunter, als er beschrieb, wie MĂ€dchen mit zusammengebundenen Knöcheln hinter den Pferden der Kosaken ĂŒbers Pflaster geschleift, wie Ratsherren an Balken aufgeknĂŒpft, wie Kinder erschlagen wurden, wenn die Soldaten siegreich waren.
„Schwer vorstellbar, dass man sich in so jemanden verlieben kann. So wie sich das anhört, haben die ja alles gebrandmarkt, vergewaltigt oder ermordet, was ihnen in den Weg kam, oder?“
„Nicht alle benahmen sich wie die Tiere. Und oft schritten die Offiziere ein. Einmal, in Narwa, gar der Zar selbst.“
WĂ€hrend ich sicher vor ihm auf dem PferderĂŒcken saß, erzĂ€hlte er von einem Peitschenduell, das sich der Zar anscheinend mit einem KosakenfĂŒhrer, der sonst zu seinem Stab gehörte, geliefert hatte, weil dieser ihm vorwarf, verweichlicht zu sein. Der KosakenfĂŒhrer unterlag in dem Duell und der Zar befahl daraufhin, ihn zu töten. Sein Mund wurde mit Schießpulver gefĂŒllt und das wurde angezĂŒndet. Dieses Erlebnis hatte der Soldat gerade in dem Jahr miterlebt, in dem er zu der Truppe gekommen war, fast noch ein Kind.
Jahre spĂ€ter lernte er dann hier in Dithmarschen eine junge Bauerntochter kennen und plötzlich traten der Krieg und die damit verbundenen GrĂ€ueltaten in den Hintergrund. In den gestohlenen Momenten mit ihr, wuchs der Wunsch nach einem ruhigen Leben, obwohl ihn der Gedanke auf Dauer an einem Ort, in einem festen Haus zu leben maßlos erschreckte. Die beiden trafen sich so oft es möglich war. Ihr Treffpunkt war immer ein kleines GewĂ€sser nahe der Eider. Vielleicht das Soldatenloch, vielleicht auch nicht. Bald tauschten sie im Schatten der beiden dort stehenden, kleinen BĂ€ume ZĂ€rtlichkeiten aus, trĂ€umten von einer gemeinsamen Zukunft – obwohl die real gar nicht so rosig fĂŒr die beiden aussah. Er war immerhin ein Soldat, wusste nicht, wann es wohin ging oder ob er jemals an den Don zurĂŒckkehrte. Und hierbleiben konnte er auch nicht einfach so. WĂ€hrend die Bauerntochter ihm ein Medaillon mit ihrem Bild schenkte, schenkte ihr der Soldat einen Ring.
Ich musste in mich hinein grinsen, das hier hörte sich doch verdÀchtig wie meine Geschichte an, auch wenn er sie weitaus besser erzÀhlen konnte als ich. Dennoch lauschte ich gebannt, als Alexander weitersprach.
Irgendwann beschlossen die beiden gemeinsam aus Dithmarschen wegzugehen, um in Hamburg oder gar Hannover einen Neuanfang zu wagen. Er unerlaubt von seiner Truppe, sie unerlaubt von ihrer Familie. Doch exakt an dem Tag, an dem die beiden ihren Plan in die Tat umsetzen wollten, kam seine Freundin nicht. Stattdessen ĂŒberraschten ihn der wĂŒtende Vater und ein paar seiner Knechte am verabredeten Treffpunkt.
Durch die Geschichte kam mir der Weg ins Moor ungeheuer kurz vor, obwohl wir dazu erst einmal nach Lunden, dort quer durch den Ort und außerhalb des Ortes noch etwa einen Kilometer reiten mussten, bevor wir die ersten BĂ€ume erreichten. Ich glaube, wir begegneten nicht einmal jemandem.
Das Moor ist nicht mehr sehr groß. Zwar gibt es WasserflĂ€chen mit insgesamt 7.400 mÂČ, aber na ja, viel ist vom ursprĂŒnglichen Gebiet vermutlich nicht mehr da. Wir kamen an eine kleine Lichtung und setzten uns an einen der Miniseen.
„Was ist aus dem Soldaten geworden?“
Einen Moment wirkte Alexander verwirrt. „Er hat irgendwie ĂŒberlebt. Aber er hat das MĂ€dchen nie wieder gesehen, obwohl er noch lange, lange Zeit auf sie gewartet, sie oft gesucht und die Hoffnung nie aufgegeben hat.“
In dem Moment hĂ€tte ich heulen können, weil mir der Soldat leidtat. Und das MĂ€dchen. Trotz allem hĂ€tte ich vermutlich jeden anderen Mann als Weichei betrachtet, wenn er bei so einer Geschichte ebenfalls TrĂ€nen in den Augen gehabt hĂ€tte. Alexander, der gerade mit verdĂ€chtig glitzernden Augen in den Himmel sah und sich auf die Lippen biss, wollte ich stattdessen lieber in die Arme nehmen und trösten – was ich auch machte.
Die BlĂ€tter der Birken raschelten, die Luft roch nach Wildrosen und Gras. Die Schilfhalme bewegten sich leicht im Wind. Insekten summten um uns herum. Habe ich schon erwĂ€hnt, dass die Ausrufezeichen hinter meinem Wunsch hierzubleiben immer grĂ¶ĂŸer wurden? SpĂ€testens als Alexander und ich uns das erste Mal kĂŒssten. Anfangs scheu, dann jedoch zunehmend leidenschaftlicher. Himmlisch aufregend und trotzdem ungeheuer zĂ€rtlich. Ich hĂ€tte stundenlang so weitermachen können. Alles in und um mich herum rĂŒckte absolut in den Hintergrund. Nur Alexander war in diesem Moment wichtig. Die Gedanken an den Vorfall am Soldatenloch und seine verstörend detaillierte Geschichte auf dem Weg hierher, alles andere, was mir sonst so durch den Kopf ging, lösten sich dabei ins Nichts auf. Ich stand von der ersten Haarspitze bis runter zu den Zehen völlig unter Strom. In dem Moment war ich wirklich zu allem bereit und das zeigte sich daran, dass ich ihm sagte, was mir vorher durch den Kopf gegangen war.
„Ich wĂŒnschte, ich könnte bei dir bleiben. Ich wĂŒnschte, ich mĂŒsste nicht nach MĂŒnchen fliegen. Ich wĂŒnschte, wir könnten fĂŒr immer zusammen sein.“
Den Atem musste ich danach nicht anhalten. Alexander wirkte von meinen Worten in keinster Weise erschreckt. Vielmehr strahlten seine Augen und gaben mir erneut das GefĂŒhl, genau am richtigen Ort zu sein; einen – nein meinen - SeelengefĂ€hrten gefunden zu haben. Seine Stimme klang rau, wĂ€hrend er mir ĂŒber meine Wange streichelnd antwortete.
„Du ahnst gar nicht, wie sehr auch ich mir das wĂŒnsche. FĂŒr immer wĂŒnsche. Ich habe schon ewig darauf gewartet.“
Okay, das klang jetzt etwas ĂŒbertrieben, aber das war mir absolut egal. Ich war in diesem Moment einfach nur glĂŒcklich.
Dummerweise wurden wir unterbrochen. Von ein paar unterdrĂŒckten, aber ziemlich wĂŒtend klingenden Stimmen. WĂ€hrend ich mich verlegen aufsetzte, zog Alexander eine altmodische, angelaufene Taschenuhr aus seiner Hose und starrte auf das gesprungene Zifferblatt. Keine Ahnung, was er da ablesen wollte; das Ding sah nicht aus, als wĂ€re es die Zeit sonderlich aufgezogen worden. Die Uhr ging außerdem vor, soweit ich das sehen konnte. Sie zeigte bereits 18.00 Uhr an.
Alexanders Gesichtsausdruck wirkte schlagartig wachsam und besorgt. Die Stimmen wurden lauter. Einheimische, wenn ich mal vom Dialekt ausging. Ich stand vorsichtig auf und spĂ€hte ĂŒber die hochgewachsenen Schilfhalme.
Doch da war nichts. Nicht mal ein Reh war zu sehen. Die Stimmen verstummten schlagartig, genauso wie das Rascheln der BlĂ€tter oder Schilfhalme, das Summen der Insekten. Ein Schatten fiel ĂŒber mich und ich merkte aufblickend, wie der Himmel sich rasch mit dunklen Wolken zuzog. Wind kam auf. Trotzdem blieb um uns herum alles unnatĂŒrlich still. Totenstill. Gleichzeitig schien alle Farbe aus meiner Umgebung gewichen zu sein. Noch nicht einmal riechen konnte ich gerade etwas.
Nur unbewusst nahm ich wahr, dass Alexander unterdrĂŒckt in meine Richtung flĂŒsterte. Es klang, wie „oh Gott, ich dachte 
 ich muss weg“, aber sicher war ich mir nicht. HĂ€tte ich nur aufmerksamer zugehört, wĂ€re ich nur mit ihm gegangen. Vielleicht wĂ€re dann alles anders gekommen. Aber in dem Moment stand ich wie paralysiert da und konnte mich nicht bewegen. Ich hörte nicht einmal, dass er ging.
Die Stimmen waren wieder zu hören. Laut, wĂŒtend, Ă€ußerst bedrohlich. Sie fielen in der eigentlichen Stille noch viel mehr auf. Dumpfe SchlĂ€ge erklangen und sorgten dafĂŒr, dass ich mich verĂ€ngstigt umsah. Alexander war wirklich weg. Hatte mich hier einfach alleine gelassen. Die unheimliche Stimmung nahm zu und ich drehte mich hilflos mehrmals im Kreis, weil ich nicht wusste, was hier geschah.
Als meine Eltern vor ein paar Jahren bei dem Unfall ums Leben kamen, saß ich hinten im Wagen. Ich habe gespĂŒrt, wie sie gestorben sind, habe ihre Todesangst gefĂŒhlt, ihre Schmerzen. Jeder, dem ich spĂ€ter davon erzĂ€hlte, meinte, dass diese GefĂŒhle von meinen eigenen Verletzungen kamen. Jetzt, hier und heute, fĂŒhlte ich es wieder. Schmerzen und Todesangst. Doch jetzt war ich nicht verletzt.
Der Himmel hatte sich zwischenzeitlich ganz zugezogen. Violett-schwarze Wolken ballten sich drohend ĂŒber mir zusammen und ein Grollen war zu hören. Ein Blitz schlug in einen Baum in der NĂ€he ein. Das Krachen und Splittern des Holzes und löste mich aus meiner Erstarrung. Ich rannte blindlings los und der einzige Gedanke, der mich beherrschte war „raus hier!!!!!“.
Allzu weit kam ich nicht, denn ich blieb mit meinem Fuß in etwas hĂ€ngen. Zu Boden stĂŒrzend, verdrehte mir den Knöchel so, dass ich ganz deutlich spĂŒrte, wie er brach. Ich schrie nach Alexander. Ich schrie genau genommen nach allem Möglichen, am meisten jedoch nach ihm; aber mittlerweile hatte sich wieder die Stille ĂŒber das Moor gesenkt. Meine Schreie wurden irgendwie von der dunklen Stimmung um mich herum verschluckt. Jetzt hĂ€tte es genau genommen nur noch gefehlt, dass sich Nebel ĂŒber alles legte. Aber davon blieb ich glĂŒcklicherweise verschont.
Die unheimliche Stille hielt noch ein paar Minuten. Dann verschwand sie genauso plötzlich wie die dunklen Wolken ĂŒber mir. Das Einsetzen der normalen GerĂ€usche – das Summen der Insekten, das Rascheln von BlĂ€ttern und Schilfhalmen kam mir ĂŒbernatĂŒrlich laut vor. Der Geruch der Heckenrosen war betĂ€ubend sĂŒĂŸ. Zu sĂŒĂŸ, um keinen WĂŒrgereiz in mir auszulösen. Ich atmete mehrmals tief durch und versuchte dann meinen Knöchel zu befreien. Super, irgendjemand hatte hier etwas entsorgt und ich musste natĂŒrlich prompt darin hĂ€ngenbleiben.
Mein Fuß war gerade frei, als mir auffiel, was genau ich da in den HĂ€nden hielt und was teilweise noch im Boden steckte. Das Leder war alt und brĂŒchig, das wenige Metall verrostet. Irgendwie erinnerte es mich an Anouks Zaumzeug. Meine Kehle war so eng, dass ich nicht mehr schlucken konnte. Wider besseres Wissen rief ich nach Alexander. Doch natĂŒrlich kam auch jetzt keine Antwort. Noch immer konnte ich nicht schlucken und mein Herz raste wie verrĂŒckt. Mit schmerzverzerrtem Mund kĂ€mpfte ich mich auf die Beine und machte ein paar zaghafte Schritte. Mein Knöchel fĂŒhlte sich seltsam taub an und schmerzte doch so sehr, dass jeder Schritt die Hölle war.
Nach ein paar Metern, fĂŒr die ich ĂŒber eine halbe Stunde brauchte, fiel mir ein Ast etwas abseits des Weges ins Auge, auf den ich so schnell als möglich zu humpelte. Immerhin schien er hervorragend als KrĂŒcke geeignet zu sein; und wenn ich je aus dem Moor, das angesichts meines verletzten Knöchels, plötzlich erschreckend groß auf mich wirkte, herauskommen wollte, brauchte ich definitiv etwas, worauf ich mich stĂŒtzen konnte. Blieb nur zu hoffen, dass das Ding nicht morsch war.
Leider bestĂ€tigte sich jedoch meine BefĂŒrchtung und ich sah mich frustriert nach eventuellem Ersatz um. Hier lag haufenweise Holz, aber das meiste war zu kurz oder auf den ersten Blick zu brĂŒchig. Nach einer Weile entdeckte ich allerdings etwas Passendes und ich hob den Ast erleichtert auf. Dadurch wurde das Laufen zwar nicht gut, aber besser.
Ich fluchte halblaut vor mich hin, dass ich zwar liebend gerne hier bleiben wollte, aber nicht unbedingt, weil ich mir die Knochen brach. Ich fluchte, weil Alexander einfach so verschwunden war. Ich fluchte, weil ich trotz allem einfach bei ihm sein wollte. Ich fluchte, weil die Schmerzen kaum auszuhalten waren. Ich fluchte, weil der Boden unter mir sich etwas wackelig anfĂŒhlte und ich in meiner Verzweiflung auf so was ĂŒberhaupt nicht aufgepasst hatte. Himmel, ich war hier im Moor! Ich fluchte, was das Zeug hielt.
Direkt neben meinem Fuß, reflektierte etwas die Sonnenstrahlen. Ich hörte auf zu fluchen und bĂŒckte mich automatisch. Warum weiß ich selbst nicht, im Moment hatte ich weiß Gott andere Sorgen. Meine eiskalten Finger schlossen sich um etwas Metallisches. Aufheben konnte ich es jedoch nicht, denn es steckte im Boden. Ohne wirklich auf meinen schmerzenden Knöchel zu achten, ließ ich mich auf die Knie nieder und zog etwas fester daran. Der Boden gab ein leicht schmatzendes GerĂ€usch von sich, als er endlich losließ.
Vorsichtig rieb ich ĂŒber meinen Fund. Es war eine Kette mit einem Medaillon. Ein eisiger Hauch streifte mich, als ich merkte, dass es das Medaillon war, das Alexander vorher um den Hals hatte. Ich rief nach ihm und sah mich suchend um. Die Kette war gerissen. Womöglich war Alexander etwas passiert. Womöglich hatte er genau gewusst, wer da vorher im Wald auftauchte und war vor ihnen geflohen. Womöglich hatten die ihn erwischt, anders konnte ich mir die zerrissene Kette nicht erklĂ€ren. Schauergeschichten fielen mir ein. Obwohl ich in meinem ganzen Leben nicht mitbekommen hatte, dass jemand hier versunken war, konnte das vermutlich durchaus passieren. Erneut rief ich nach Alexander und erneut antworteten mir nur die GerĂ€usche der Natur um mich herum.
Meine linke Hand umklammerte fest das Medaillon, meine Rechte den Ast und ich kam mit einem Wimmern auf die Beine. Ich musste Hilfe holen. Das alles war einfach mehr als ich alleine bewĂ€ltigen konnte. Ich stĂŒtzte mich schwer auf den Stock, um meinen Knöchel nicht unnötig zu belasten.
Im nĂ€chsten Moment gab der Boden unter meinen FĂŒĂŸen nach und ich fiel. Der Sturz war nicht bodenlos. Es ging vielleicht drei, allerhöchstens vier Meter nach unten und es ging so schnell, dass ich nicht mal schreien konnte. Zu meiner Überraschung landete ich nicht im Wasser, dafĂŒr aber ĂŒberraschend weich. Bislang war ich immer davon ausgegangen, dass zugewachsene Torflöcher – in einem solchen musste ich grade eingebrochen sein - sich wieder mit Wasser befĂŒllten. Schlammigem, morastigem Wasser, das einen unnachgiebig in die Tiefe zog. WĂ€hrend ich vorsichtig meine Glieder sortierte, musste ich feststellen, dass der Boden unter mir mehr oder weniger trocken und einigermaßen fest war. Ich war ungeheuer erleichtert, dass das so war. Doch wie ich hier wieder herauskommen sollte, war mir absolut schleierhaft.
Ein stechender Schmerz in meiner linken Hand lenkte mich von meinen Überlegungen ab. Das Medaillon war aufgesprungen und der Verschluss bohrte sich in meine Haut. Ein Sonnenstrahl fiel auf das Bild darin und ich keuchte entsetzt auf. Es war fast, als ob ich in einen Miniaturspiegel sah. Dieselben Augen, derselbe Mund. Lediglich die Frisur war anders als meine. Atemlos fiel mir auf, dass sie der Frisur Ă€hnelte, die ich vorher im Soldatenloch glaubte, gesehen zu haben. Auf der linken Seite war eine Gravur. Im schwĂ€cher werdenden Licht konnte ich gerade noch entziffern, was dort stand: „Anne Peters, geboren 30.06.1694.“
Das Licht ließ mehr und mehr nach. So schnell konnte die Sonne nicht untergehen, dazu war es noch viel zu frĂŒh. Ein panisches Wimmern stieg in meiner Kehle auf, als ich nach oben blickte und zusehen musste, wie das etwa einen Meter große Loch ĂŒber mir wie von Geisterhand wieder zu wuchs.
Bevor mich die Dunkelheit endgĂŒltig umhĂŒllte, bemerkte ich eine kleine Bewegung rechts von mir. Ich drehte mich um und sah ein Paar Beine, in schwarze Hosen und Reitstiefel gehĂŒllt war, die schon einmal bessere Tage gesehen hatten. Alexanders Gesicht war bleich, eine HĂ€lfte blutĂŒberströmt. Sein Oberkörper war voller Verletzungen und er streckte die Hand nach mir aus. Über seine Lippen kam ein fast tonloses FlĂŒstern.
„Du bist gekommen, du bist endlich gekommen. Lass mich nicht allein.“
Wimmernd glitt ich auf ihn zu und griff nach seiner Hand. Fassungslos ĂŒber das, was hier gerade passierte, fĂŒhlte ich erneut seinen Schmerz und seine Todesangst und doch auch unendliche Erleichterung, mich zu sehen. WĂ€hrend das letzte Licht schwand, weil das Loch ĂŒber uns komplett zugewachsen war, schmiegte ich mich an ihn und nahm ihn in die Arme. Ich streichelte ihn unablĂ€ssig, wĂ€hrend ich fĂŒhlte, wie sich das alte Torfloch mit morastigem Wasser fĂŒllte. Mein Handy piepste. Ich hatte morgens noch den Wecker daran gestellt, weil ich spĂ€testens um 18.00 Uhr wieder nach Hamburg zurĂŒckfahren wollte.
Die Panik fiel von mir ab und ich wurde völlig ruhig. Ein LĂ€cheln schlich sich in meine Mundwinkel, wĂ€hrend ich mit beruhigenden Worten auf Alexander einredete, dessen AtemzĂŒge zunehmend schwĂ€cher wurden. Ich wĂŒrde sterben, aber das war nicht schlimm, denn mein Wunsch hierzubleiben hatte sich erfĂŒllt. Ich war bei Alexander. FĂŒr immer.

[Edit Zeder: Einleitende persönliche ErklÀrung entfernt]

Version vom 02. 04. 2010 14:46


Mir gefĂ€llt die Leselupe, deshalb unterstĂŒtze ich sie... ... indem ich bereits regelmĂ€ĂŸig die Leselupen-Shop-Links nutze.
... indem ich die Leselupen-Shop-Links in Zukunft nutzen werde.

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Dominik Klama
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Ja, herzlich willkommen bei der Leselupe, wo du, wenn du so weitermachst, bald zu höheren RĂ€ngen als nur „Festzeitungsschreiber“ aufsteigen wirst! Der Laden kann Leute gebrauchen, die es schaffen, Seite fĂŒr Seite Prosa abzuliefern, die sich einfach nur flĂŒssig, angenehm und problemlos liest und nicht mit sprachlichen und stilistischen Fehlern quĂ€lt. „Einfach anstĂ€ndig schreiben“ ist keineswegs so selbstverstĂ€ndlich, wie man meinen könnte, sondern bereits ein Können, das Achtung gebietet. Der „Laden“ vertrĂ€gt auch bestimmt noch ein paar Kollegen, die bei langen Texten nicht die Geduld verlieren, bevor sie ĂŒberhaupt kapiert haben, worum es dem Autor geht. Wer aber so viel schreibt wie Ati, dies dann offenbar so oft und so genau wiederlesen kann, bis die allermeisten Schnitzer aufgespĂŒrt und ausgemerzt sind, der ist vielleicht ja in der Lage, diese Leseraufmerksamkeit auch fĂŒr die Werke Anderer aufzuwenden.

Gleich vorweg aber auch Warnungen. Obwohl du dich momentan schon mit deiner ersten Veröffentlichung auf dem Podest des „besten Prosawerks der vergangenen Wochen“ gehoben siehst, welches jeglichen LL-Besucher auf der Startseite empfĂ€ngt, solltest du nicht erwarten, dass mit noch ein paar Werken ein großer Freundeskreis von zugeneigten Schreiberkollegen sich sammeln wird um dich. Vielmehr wird eher Folgendes passieren: Man schaut mal rein, erschrickt aber vor der gewaltigen und hierorts ziemlich unĂŒblichen LĂ€nge, - „Ich, das alles lesen? Jetzt? Hier? Im Internet? Na, hab ich keine Zeit, hab ich keinen Nerv zu!“ -, und dann bist du zwar vielleicht oft angeklickt worden, aber tatsĂ€chlich gelesen nicht. Du wirst das mit der Zeit merken, wenn du nicht gar so viele Bewertungen (Noten) bekommst, wenn dieser QuantitĂ€tsbalken da bei deinen Texten einfach nie so dick wird wie bei manch anderem Autor. Und wenn du mal 10 oder 20 Werke im Verzeichnis stehen hast, dahinter aber durchweg etwas wie „2 replies“, „0 replies“, „0 replies“, „1 reply“, „0 replies“. Quasi naturgegeben, dass so ausfĂŒhrliche Texte unter „ErzĂ€hlungen“ eingestellt werden mĂŒssen. Die werden aber nicht so oft geschrieben und lĂ€ngst nicht so oft gelesen wie „Kurzgeschichten“ oder „Kurzprosa“.

Warnung auch vor mir. Zu den „reprĂ€sentativen“ LL-Kollegen dĂŒrfte ich kaum zĂ€hlen. Und ich bin auch nicht von deinem Fach. Deutlich gesagt, ich mag dieses Genre ĂŒberhaupt nicht und kaufe mir im Laden keine BĂŒcher vergleichbarer Art und lese fast nie dergleichen. (Habe also die VergleichsmaßstĂ€be auch nicht.)

Wenn du dir tatsĂ€chlich unsicher sein solltest, zu welcher Art Prosagenre du gehörst, nicht nur mit diesem Text, ganz allgemein, dann ist meine EinschĂ€tzung vielleicht nicht uninteressant. FĂŒr mich gibt es ĂŒberhaupt keinen Zweifel, dass du Romane schreiben musst. (Also die große Form, welche das LL-Format sprengt.) Dort dann sehe ich dich in jenem Bereich, wo sich Historischer, Liebes- und Horrorroman kreuzen und ĂŒberschneiden. Da du einen unbĂ€ndigen ErzĂ€hldrang hast, da du handwerklich solide bist und fleißig zu sein scheinst, da andererseits die genannten Genres sich seit Jahren regen Zuspruches (gerade auch vieler weiblicher Fans) auf dem Buchmarkt erfreuen, halte ich in deinem Fall (schon nach nur dieser einen Kostprobe) fĂŒr möglich, wovon so viele trĂ€umen, aber was nur wenige je erreichen: Dass du einen Verlag findest, dass von dir im Lauf von Jahren zahlreiche dicke BĂŒcher erscheinen werden, die rege gekauft und gelesen werden. Dass du also bekannt und beliebt und geachtet wirst und dabei noch nicht mal ĂŒbel leben kannst mit und von deiner „Berufung“. Toi, toi, toi! (Aber, wie gesagt: Ich gehöre nicht zu den AnhĂ€ngern solcher Werke. Ich werde das dann nie kaufen und lesen. Kann dir aber egal sein, wenn ansonsten der Erfolg dir Recht gibt.)

( Kurzer Digest, den ich anfangs meist mache, weil ich meine „Antworten“ in einem Word-Dokument aufbewahre, das, sollte ich es jemals wieder anschauen, mir den Grundcharakter des Textes knapp vor Augen fĂŒhren sollte, ohne dass ich ihn komplett nachschlagen mĂŒsste: )
Eine junge Frau aus Dithmarschen ist - nach einer EnttĂ€uschung mit einem Mann – dabei, nach MĂŒnchen umzuziehen. Heimweh ĂŒberkommt sie auf ihrem Abschiedsbesuch, als sie durchs Moor geht und auf einen Russen mit Pferd trifft, der sie in seinen Bann zieht mit intensiver Ausstrahlung. Verschiedene alte Geschichten und ErinnerungsstĂŒcke bezeugen, dass sich in dieser wilden Landschaft schon einmal eine Liebesgeschichte zwischen einer jungen Einheimischen und einem russischen Soldaten ereignet hat, vielleicht sogar mehrfach dieselbe Geschichte, da die Jahresangaben nicht eindeutig ĂŒberliefert sind. Seinerzeit hatte man den Russen erschlagen und in einem Moorloch verschwinden lassen. Jedoch hatte das MĂ€dchen ein Kind von ihm empfangen und es ist möglich, dass die Ich-ErzĂ€hlerin eine Nachkommin davon ist. Oder gar die WiedergĂ€ngerin der historischen Geliebten, der neue Russe Alexander ĂŒber alle Zeiten hinweg ihr ewiger Geliebter. WĂ€hrend die AtmosphĂ€re immer bedrohlicher wird, wĂ€hrend beide Menschen von UnfĂ€llen und Verletzungen behindert werden, verschwindet der Russe zeitweise auf unerklĂ€rliche Weise von der Seite der Frau. Es ist, als gebe es einen Zeittunnel, an dessem anderen Ende er einen mörderischen Kampf bestehen muss. Am Ende gibt sich die ErzĂ€hlerin ganz dieser Geschichte und dem Geliebten hin und ist bereit, an seiner Seite in den Tod zu gehen.

FĂŒr meinen Geschmack (ich habe gewarnt) ist das eskapistisches Schreiben. NĂ€mlich eines, das uns ĂŒber die uns aktuell umgebende Welt an sich gar nichts mitteilen will. Das sich einfach nicht drum schert, was das fĂŒr eine Gesellschaft ist, in der wir leben. Das sich nicht drum kĂŒmmert, welche Menschen uns real auf der Straße oder bei der Arbeit begegnen, was die tun und sagen und warum sie es tun und sagen. Sondern die schlicht in Bann schlagen will mit dem großen Atem des ErzĂ€hlers von sozusagen „ewigem Schicksal“. Geboren werden, Kind sein, Freundschaft und Liebe erfahren, kĂ€mpfen, retten und hegen, opfern, leiden und sterben. So diese Art von Dingen. Um die es beim Menschsein natĂŒrlich immer schon gegangen ist, weshalb sie selbstverstĂ€ndlich stĂ€ndig von der Kunst behandelt wurden. Und da es in einer Geschichte nicht um alles gehen kann und da im Mittelpunkt eine junge Frau und ein faszinierender Mann stehen und da die Autorin wohl selbst eine junge Frau ist, die faszinierende MĂ€nner wirklich faszinierend findet, wenn sie ihr begegnen, ist das nun halt etwas wie der „klassische Liebesroman“, dabei eher die „Schauerromanseite“ dessen. Ich wĂŒrde jetzt Emily Bronte sagen, wenn ich sie je gelesen hĂ€tte (peinlich, peinlich). Das darf man selbstverstĂ€ndlich machen. Das verschlingen zahllose Leser, gerade weibliche, mit wahrer Inbrunst – und werden nie aufhören, es zu tun. Es ist, das darf ich mir wohl rausnehmen, aber etwas, was mich, den einzigen Individualfall, der ich bin, nicht die Bohne interessiert. Wie mich ĂŒberhaupt niemand interessiert, der heute ein weiteres Mal wie die Brontes oder wie Alexandre Dumas oder wie Charles Dickens oder wie Jules Verne oder wie Conan Doyle oder wie Bram Stoker schreiben will.

Ich finde Sachen einfach spannender, die vorher noch nicht oder nicht so oft gemacht worden sind. Sachen, die mit der Zeit, in der sie entstanden, mehr zu tun haben als dies. Ich meine ja: Wenn du etwas machst, was alle loben (wie es dieser Autorin von nun an öfter begegnen wird), dann liegt das vielleicht daran, weil du etwas machst, was alle schon kennen. Irgendwie haben sie das ja immer am liebsten. Wenn du etwas machst, mit dem du alle befremdest, dann machst du vielleicht eher das, was ihren Nerv tatsÀchlich trifft.

Letztlich macht aber jeder am besten das, was in ihm steckt und raus muss. In manchen Leuten steckt dann eben ein Stephen King, eine Isabel Allende, eine Anna Gavalda, ein Nicholas Sparks, ein Jan Weiler, eine Rebecca GablĂ©, eine Jodi Picoult oder ein Carlos Ruiz ZafĂłn. Und kein Bohumil Hrabal oder Michail Bulgakow oder Raymond Carver. Deren BĂŒcher ich lesen wĂŒrde, im Gegensatz zu denen der Vorgenannten. (Aber gibt ja genĂŒgend Leser, die es genau umgekehrt halten.) Was in Atis Genen zu liegen scheint, ist der Beruf der ganz traditionellen ErzĂ€hlerin fĂŒr lange Winterabende. Jene scheinbar völlig mĂŒhelos ihr Gern spinnende Gestalt, an deren Lippen ganze Dorfgemeinschaften hĂ€ngen und nie genug bekommen von all den Schicksalen und Begebenheiten, wie sie sich nur ein sprachverliebter Fiktionalist auszumalen vermag. GĂ€be es nicht Fernsehen, Film, Internet, Fernreisen, Shopping Malls und YouTube, Atis Segen bringender Zukunft an Dithmarschens knackenden Torffeuern stĂŒnde ĂŒberhaupt nichts mehr im Wege.

Allerdings, machte ich mich zu einem Freunde dieser Art Literatur, dann, zwar wĂ€re ich anfangs wohl bezaubert von der ProfessionalitĂ€t so einer DebĂŒtantin, wĂŒrde ich bei genauerem Hinschauen einiges optimal am Ende dann aber doch nicht finden. Ati, meiner Ansicht nach erzĂ€hlst (bzw. schreibst) du zu gern und es fĂ€llt dir zu leicht. Genau in deiner Gabe liegt fĂŒr dich die grĂ¶ĂŸte Gefahr. Ich kann gar nicht sagen, dass hier etwas „langweilig“ wĂ€re oder „zu viel“. Als Einzelner gesehen enthĂ€lt kaum ein Satz vollkommen unnötige Informationen oder leeres WorthĂŒlsengeklingel, wie man es bei schlechteren Autoren oft hat. Man liest schon immer weiter. Aber man hat doch ĂŒber weite Strecken das GefĂŒhl, dass man hier hĂ€tte enorm, ganz enorm kĂŒrzen können. So vieles wird berichtet, was da nur steht, weil du gerne schreibst, aber nicht, weil es NOTWENDIG wĂ€re, damit die Geschichte in ihrem Kern funktioniert. Letztlich gehe ich so weit zu sagen: Selbst diese Story von dem Verflossenen nackt im Bett mit der anderen Frau, ist unnötige Zutat. Wenn sie wirklich was tun soll in diesem Werk, dann mĂŒsste da noch mehr Fleisch dran, mĂŒsste dieser Ex-Freund einen Charakter gewinnen, mĂŒsste die Art Liebe, die die Protagonistin bisher erfahren hat, dem Leser anschaulich gemacht werden. Wenn es nur darum geht mitzuteilen, sie ist jung und heterosexuell, sie ist momentan ohne Freund, sie ist nicht ohne Erfahrung und EnttĂ€uschung, dann kann man das knapper und besser wohl auch an anderer Stelle vermitteln. NĂ€mlich zum Beispiel viel weiter unten erst, in Form kleiner NebensĂ€tze, die das Vergangene nur ahnen lassen, statt es erst lange auszumalen, bevor endlich die eigentliche Sache losgehen kann.

Das ist ein echtes Problem: Dass der Leser doch eigentlich viel frĂŒher wissen möchte, in was fĂŒr einer Art von Geschichte er sich befindet, worum es hier noch gehen wird – und was ĂŒberhaupt Soldatenlöcher sind! Man sollte ihm das viel frĂŒher und zwar eher „by the way“, in Andeutungen, die stehen, als wĂŒrden sie nicht viel besagen wollen, einflĂ¶ĂŸen: dass es ein Liebespaar geben könnte (es also zum Beispiel nicht um den Unterschied zwischen Nord- und SĂŒddeutschen gehen wird), dass Blut und Tod eine Rolle spielen könnten (es also eher nicht um die Eifersucht auf andere junge Frauen geht), dass die Historie eine Rolle spielen wird, dass es diesen Zug ins Reich der Fantastik geben wird (also zum Beispiel nicht eine ganz rational erklĂ€rbare Naturkatastrophe, beispielsweise eine Sturmflut in der Art von Theodor Storms „Der Schimmelreiter“. (Das ĂŒbrigens ein Buch, das du unbedingt mal lesen solltest, wenn du es noch nicht getan hast. DĂŒrfte dir gefallen. Mir hat’s ja nicht so gefallen, aber, wir beide ticken nun mal anders.)
Was einfach nicht stimmt, ist, dass du mit solcher Seelenruhe allerhand reichlich Unwichtiges aufschreibst, dann aber die wirklich interessanten Wende-, bzw. Erkenntnispunkte deiner Geschichte immer wieder eher referierst, berichtest - statt sie zu erzÀhlen.

„Puh – bei dem LĂ€cheln wurde mein Mund schlagartig staubtrocken und ich bekam Schluckbeschwerden. Kennen Sie das? Man begegnet jemandem, der sagt nicht mal viel sondern sieht einen nur an, lĂ€chelt und man hat das GefĂŒhl, einen Feuerball im Bauch zu haben? ... Obwohl ich normalerweise ĂŒber ein gut funktionierendes Hirn verfĂŒgte, schien es gerade außer Betrieb zu sein. ... Der Typ sah gemeingefĂ€hrlich gut aus. Seine kurzen Haare waren dunkel, um nicht zu sagen schwarz, dicht und leicht gelockt. ... Sein Aussehen alleine haute mich fast um. Als er meine BegrĂŒĂŸung nach einiger Zeit schließlich erwiderte, musste ich feststellen, dass seine Stimme dafĂŒr sorgte, dass ich in die Knie ging. Sie war sehr tief, leicht rau, und ich spĂŒrte das Vibrieren förmlich in meinem Bauch. Ich bin normalerweise eine vorsichtige, eher scheue Vertreterin meiner Art, aber heute wollte ich nichts mehr, als mich neben diesen Mann setzen, besser noch legen und mit ihm sprechen.“

Weißt du, da sieht der Leser noch ĂŒberhaupt keinen vor sich, keinen Bestimmten. Und schon mal gar nicht den Einen, den ganz großen Liebhaber fĂŒr die Person, aus deren Sicht wir die ganze Geschichte erleben. Und dennoch sagst du uns bereits hier, dass sie ihm verfallen ist. Aber wieso? Du behauptest das einfach, du lĂ€sst es uns nicht fĂŒhlen. Es ist bis zu diesem Punkt schon viel zu viel Unwichtiges gesagt worden angesichts der Tatsache, dass es in der Geschichte doch um diesen Menschen gehen soll. Jetzt ist er endlich da, aber du lĂ€sst ihn nicht sprechen. Dauernd spricht ja nur deine ErzĂ€hlerin. Sie hat die ganze Zeit schon auf uns eingeredet (finde ich ĂŒbrigens nicht glĂŒcklich, diese direkte Leseransprache, zumal es sich am Ende als Betrug entlarvt, denn eine Tote kann uns wohl kaum so jugendlich-zeitgemĂ€ĂŸ angeredet haben, vorher), jetzt redet sie ÜBER ihn, statt dass endlich ER mal was sagen darf. Und wenn dann endlich, endlich wörtliche Rede beginnt, spricht wer? Sie zuerst, natĂŒrlich!

Und er riecht ein bisschen, sieht ein wenig aus, sagt auch was. Aber er tut ja nichts. Er geht nicht kurz pinkeln oder starrt ihr pausenlos ins Auge ohne was zu sagen oder springt auf, als sie kommt, rempelt sie versehentlich an, kommt, ohne es zu wollen an ihren Busen und ist dann, na ja, irgendwie: total konfus und verlegen, zum Beispiel. Er ist immer nur halb anwesend. Sie ist von Anfang bis Ende zu viel da. Klar, du bist eine Frau. Du guckst dir MÀnner an. Aber wenn du Geschichten schreibst, in denen sich MÀnner verlieben, dann musst du aus MÀnnern auch rausgucken können auf die Frauen.

„Ich bin normalerweise eine vorsichtige, eher scheue Vertreterin meiner Art...“
So etwas lĂ€sst du sie nicht sagen! Sie sagt dem Leser nicht, was er von ihr denken soll! Das tut keine Figur. Sie verhĂ€lt sich irgendwie oder erinnert sich an was oder sagt was und dann spĂ€ter noch mal was, damit der Leser sich zusammenreimt: „Na, das ist ja eine ziemlich Ängstliche. Aber das da, was sie jetzt macht, das ist gar nicht, was sie dann ja eigentlich machen mĂŒsste. Interessant.“ Du lĂ€sst sie das, sie sei normal und scheu und Geschlechtsvertreterin, nur sprechen, wenn es nicht stimmt oder nicht ganz oder noch nicht oder nicht mehr. Weil das ist dann sowohl glaubhaft wie unterhaltsam.

Nimm mal an, du gehst samstagbends einen trinken mit deinen Freundinnen und da sagt die eine: „Also, wisst ihr, ich find das ja total dĂ€mlich, wie die Tussis das immer machen, wenn sie einen haben, sich von allem zurĂŒckziehen und ihn bekochen und betĂŒtteln und so. Jetzt die Mareike wieder. Die drĂ€ngen sich den Kerlen doch richtig auf, dazu, wie ein Bettvorleger behandelt zu werden! Ich bin da ja ganz anders. Ihr wisst das. Gut, ich bin vielleicht ein wenig zu sehr Verstandesmensch, vielleicht ja auch kĂŒhl sogar. Mag sein. Aber ich hab’s einfach kapiert, dass ich schon ganz allein ein vollwertiger Mensch bin. Ich brauch da gar keinen Mann dazu. Gut, ist nett, wenn man einen hat... Aber deswegen schmeiß ich doch nicht ein ganzes Leben fĂŒr so einen weg als wĂ€r dem sein Leben irgendwie wichtiger als mein eigenes nur weil er ein Mann ist. Oder?“ Glaubst du dann das, was die ĂŒber sich gesagt hat? Oder denkst du: „Mein Gott, das sagt ja grade die Richtige! Wie sie sich weggeschmissen hat fĂŒr diesen hohlköpfigen Außendienstler!“ Oder: „Na, so hört sich’s an, wenn man neidisch ist, weil die immer die Mareike zuerst anglotzen und dich zuletzt.“ Will sagen: Wir sind nicht unbedingt in der Lage, objektive Statements ĂŒber den eigenen Charakter von uns zu geben. Und das wissen auch alle anderen außer uns, darum nehmen sie auch nie ganz fĂŒr bare MĂŒnze, wenn wir so etwas sagen. Du willst aber, dass dieser Charakter vom Leser so verstanden wird. Also musst du ihn demonstrieren, du musst ihn erzĂ€hlen. Du darfst ihn nicht behaupten.

Oje, Dominik kann ja auch nicht kurz. Das wird schon wieder viel zu lang. Darum muss ich Schluss machen. Aber noch: Stephanowitsch (mit ph) kann im Russischen niemand heißen, da es im Russischen keine Buchstaben fĂŒr v und auch nicht fĂŒr h und auch nicht fĂŒr ph gibt. Es gibt nur welche fĂŒr f und fĂŒr w. Er heißt also Stefanowitsch, wenn du ihn so schreibst, wie man das frĂŒher in Deutschland immer gehalten hat - und wie ich es auch fĂŒr gut halte. Da man weltweit mittlerweile zwecks Einheitlichkeit (die Amerikaner können mit tsch nicht viel anfangen) dazu ĂŒbergegangen ist, russische Namen wie Angelsachsen zu schreiben, könnte er sich auch Stefanovich oder Stefanovič schreiben. Und, ich gehe mal davon aus, dass dein Alexander den gleichen Namen wie der Soldat Peter des Großen tragen soll, fĂŒr Alexander gibt es im Russischen ganz viele Koseformen, AbkĂŒrzungen, Großmach- und Kleinmach-Namen. Die GĂ€ngigste ist natĂŒrlich Sascha. Aber mir kommt vor, eine mit –joscha am Schluss gibt es nicht. Das passte eher zu Sergej: Serjoscha. Auch finde ich es dann ja nicht so gelungen, dass der Russe und der Verflossene denselben Namen bekommen haben. Ja, ja, ist mir klar, das könnte ja hoch-bedeutsam gemeint sein, da könnte man ja nun ins Interpretieren kommen: Die ganze Geschichte als Vision, die zeigt, dass sie ĂŒber ihren Ex noch kein StĂŒck weg ist. Dass er vielleicht ja auch der sei, zu dem sie besser wieder zurĂŒckginge. Aber ich glaube nun mal einfach nicht, dass du das so wolltest. Nöö, der vergangene Reale sollte schon reichlich mies und der neue Irreale sollte schon ĂŒbernatĂŒrlich wunderbar sein, denke ich. (Was er irgendwie vielleicht auch noch mehr demonstrieren sollte, dass er so wunderbar ist. Reicht fĂŒr mich nicht, dass er historisch ist und schon paar Mal da war und sie sich da auch schon geliebt haben. Ich glaub’s nur, wenn du mir zeigst, dass er jetzt und hier liebenswert wirklich ist.)
__________________
14.11.2015 Forum Lupanum Threads Höhe Zeit AufklÀrung Verteidiger: Es ist genug.

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Ati
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Hallo Dominik,

erst einmal vielen Dank fĂŒr deinen Kommentar. Allerdings bin ich immer noch am ĂŒberlegen, wie ich ihn werten soll. Der erste Absatz liest sich ja ganz nett. Der Zweite zaubert bereits ein Fragezeichen in meinen Kopf. Und je weiter ich lese, desto mehr regt sich ein gewisser Widerspruchsgeist. Das Dumme ist, auch mein Antwortkommentar wird vermutlich zu lang 
 Sei’s drum.

Zitatanfang <<Obwohl du dich momentan schon mit deiner ersten Veröffentlichung auf dem Podest des „besten Prosawerks der vergangenen Wochen“ gehoben siehst solltest du nicht erwarten, dass mit noch ein paar Werken ein großer Freundeskreis von zugeneigten Schreiberkollegen sich sammeln wird um dich>> Zitatende.
Vielleicht verstehe ich ja etwas falsch, aber wie kommst du darauf, dass ich mich dank ein paar Lesern auf ein Podest gehoben fĂŒhle. Oder meinst du, das geschieht, weil du mir zunĂ€chst mehr oder weniger attestierst, dass es mir gelungen ist, mich einigermaßen auszudrĂŒcken? Ich hasse Podeste (allein schon, weil ich nicht schwindelfrei bin), also in die Richtung sehe ich mich absolut nicht gehoben.

Die Fragezeichen hÀufen sich, wenn ich weiterlese.

Zitatanfang <<FĂŒr mich gibt es ĂŒberhaupt keinen Zweifel, dass du Romane schreiben musst. (Also die große Form, welche das LL-Format sprengt.) Dort dann sehe ich dich in jenem Bereich, wo sich Historischer, Liebes- und Horrorroman kreuzen und ĂŒberschneiden. Da du einen unbĂ€ndigen ErzĂ€hldrang hast, da du handwerklich solide bist und fleißig zu sein scheinst, da andererseits die genannten Genres sich seit Jahren regen Zuspruches (gerade auch vieler weiblicher Fans) auf dem Buchmarkt erfreuen, halte ich in deinem Fall (schon nach nur dieser einen Kostprobe) fĂŒr möglich, wovon so viele trĂ€umen, aber was nur wenige je erreichen: Dass du einen Verlag findest, dass von dir im Lauf von Jahren zahlreiche dicke BĂŒcher erscheinen werden, die rege gekauft und gelesen werden. Dass du also bekannt und beliebt und geachtet wirst und dabei noch nicht mal ĂŒbel leben kannst mit und von deiner „Berufung“. Toi, toi, toi!>> Zitatende
Auch das klingt ja zunÀchst ganz nett, wird aber durch einen Satz etwas weiter hinten in deinem Kommentar völlig ausgehebelt.
Zitatanfang << Was in Atis Genen zu liegen scheint, ist der Beruf der ganz traditionellen ErzĂ€hlerin fĂŒr lange Winterabende. Jene scheinbar völlig mĂŒhelos ihr Gern spinnende Gestalt, an deren Lippen ganze Dorfgemeinschaften hĂ€ngen und nie genug bekommen von all den Schicksalen und Begebenheiten, wie sie sich nur ein sprachverliebter Fiktionalist auszumalen vermag. GĂ€be es nicht Fernsehen, Film, Internet, Fernreisen, Shopping Malls und YouTube, Atis Segen bringender Zukunft an Dithmarschens knackenden Torffeuern stĂŒnde ĂŒberhaupt nichts mehr im Wege.>> Zitatende
Das klingt fĂŒr mich und noch zwei, drei Leute aus meinem persönlichen Umfeld so wie 
. „wenn wir gar nichts besseres mehr zu tun haben, könnten wir vielleicht als allerletztes in ErwĂ€gung ziehen, die Geschichten von Ati zu lesen.“ Aber vielleicht interpretiere ich das ja auch falsch.

Wenn ich dich allerdings richtig lese, dann schreibe ich, um aus der realen Welt zu flĂŒchten. Da musste ich etwas schlucken. Weil getroffene Hunde bellen? Mitnichten. Nur weil ich eine Geschichte schreibe, die nicht von Drogenproblemen, zerfallenden Gesellschaftsstrukturen, Krieg, etc. handelt, muss ich noch lange nicht gesellschaftlich allgemein anerkannte Ziele und Handlungsvorstellungen verweigern. Sei es nun bewusst oder unbewusst.

Gut, du hast erwĂ€hnt, dass du das Genre nicht magst. Aber genau genommen muss sich ja auch nicht jedes Buch, jede ErzĂ€hlung, jede Kurzgeschichte um reales Geschehen drehen. Und der Autor sich gleich in eine Scheinwelt flĂŒchten. Ich muss dich leider auch enttĂ€uschen, weil ich keine junge Frau bin, die faszinierende MĂ€nner wirklich faszinierend findet, wenn sie mir mal ĂŒber den Weg laufen. Es gibt in meinem Bekanntenkreis Leute, die denken, dass ich schon als Nonkonformistin auf die Welt gekommen bin und mich sofort mit einem ‚ja aber‘ an die Hebamme gewandt habe. Und das schon vor ĂŒber 40 Jahren.

Wie du selbst schreibst, darf man ja so was machen - einen Schauerroman schreiben (klingt großzĂŒgig, weißt du das?). Was jedoch ist falsch daran, wenn man gerne schreibt und es einem leicht fĂ€llt. Bedeutet das etwa, das man nicht dazu lernen kann? Ich gebe es zu, ich schreibe tatsĂ€chlich supergerne und es fĂ€llt mir ĂŒberraschend leicht. Deswegen gehe ich noch lange nicht davon aus, dass das, was ich so zu Papier bzw. in eine Datei bringe, unbedingt gut sein muss oder perfekt ist. WĂ€re der Minderwertigkeitskomplex noch nicht erfunden worden, könnte er glatt nach mir benannt werden. Wie eingangs erwĂ€hnt, habe ich meine erste (kĂŒrzere) Geschichte um viele, viele, viele Seiten gestrichen und vermutlich genau das Falsche herausgenommen. Gut, ich hĂ€tte noch weiter streichen können, das ist mir anhand deines Kommentars klar geworden. Ich kann gar nicht sagen, dass hier etwas „langweilig“ wĂ€re oder „zu viel“ (deine Worte). Was denn nun? Wenn nichts zu viel ist, was soll ich dann streichen? Woanders unterbringen ja, aber warum etwas streichen, was nicht zu viel ist? Wie kann ich andererseits in eine Geschichte (die fast schon das LL-Format sprengt und, soweit ich dich richtig verstanden habe, sowieso kaum Leser dort finden wird) das einbauen, was du sonst noch angesprochen hast?


Zitatanfang <<Dass der Leser doch eigentlich viel frĂŒher wissen möchte, in was fĂŒr einer Art von Geschichte er sich befindet, worum es hier noch gehen wird – und was ĂŒberhaupt Soldatenlöcher sind! >> Zitatende
Anmerkung: Soldatenlöcher? Es geht darin nur um ein einziges Soldatenloch. Das wird eigentlich doch erklĂ€rt, oder? Ansonsten könnte man es in einer bestimmten Rubrik veröffentlichen oder es Fantasy/Schauerroman/Liebesroman/oder-was-auch-immer-Lesern einfach in die Hand drĂŒcken. Die wĂŒrden dann vermutlich keinen Umweltreport erwarten.
Zitatanfang <<
 dass es ein Liebespaar geben könnte (es also zum Beispiel nicht um den Unterschied zwischen Nord- und SĂŒddeutschen gehen wird) >> Zitatende
Anmerkung: Es geht in der Geschichte gar nicht um einen Unterschied zwischen Nord- und SĂŒddeutschen. Einfach, weil ich da gar keinen Unterschied sehe. FĂŒr mich gehören sie beide der gleichen Spezies an :-D. Wie kommst du darauf? Nur weil sie eine neue Arbeitsstelle in Bayern anzutreten plant und deshalb umzieht?
Zitatanfang <<
 dass Blut und Tod eine Rolle spielen könnten (es also eher nicht um die Eifersucht auf andere junge Frauen geht)>>Zitatende
Blut und Tod - Klingt vielleicht dumm, weil ich es damit begrĂŒnde, dass es eben als Schlusspunkt gedacht war, wĂ€hrend die von dir erwĂ€hnte Eifersucht eingangs kurz erwĂ€hnt wird, um Annes Vergangenheit etwas auszuleuchten.
Zitatanfang <<
 dass die Historie eine Rolle spielen wird, dass es diesen Zug ins Reich der Fantastik geben wird 
 >> Zitatende
Anmerkung: Wenn ich das alles anfangs bringe, wo bleibt denn dann er leichte Überraschungseffekt am Ende?

Auch was du ĂŒber Alexander schreibst, fordert meinen Widerspruch etwas heraus. In der Geschichte geht es zwar auch um ihn, aber im Vordergrund steht Anne, nicht er. Und die ist ĂŒbrigens im 20. Jahrhundert geboren, warum also sollte sie nicht so sprechen? Gut, das mit dem demonstrieren und nicht behaupten, was ihre eigene Sichtweise von sich angeht, klingt plausibel. Übrigens, danke fĂŒr den Tipp, was Alexanders Nachnamen angeht. Über das ph habe ich mir zugegebenermaßen keinerlei Gedanken gemacht. Ich kenne nur einen Alexander Stephanowitsch, der sich so schreibt. Der wird ĂŒbrigens mit Aljoscha angesprochen (von seiner Oma, Mutter, etc.) und fand es okay, dass ich seinen Namen nehme.

Abgesehen davon wollte ich weder Sascha (den Ex) reichlich mies noch Alexander ĂŒbernatĂŒrlich wunderbar sein lassen. Genau genommen sollte Alexander einfach jemand sein, der Anne sehr gut gefĂ€llt, obwohl sie nach der Sache mit ihrem Ex nicht so schnell damit gerechnet hat, dass sie sich wieder verlieben kann. So wie es jeden Tag vorkommt, das sich jemand in jemanden verliebt – nicht verfĂ€llt – aber verliebt. Ich weiß nicht, ob du das schon mal erlebt hast. Verliebtsein, Schmetterlinge im Bauch, das ist nichts Rationales in meinen Augen. Sobald der gute alte Ratio dazukommt, verflĂŒchtigt sich bei den meisten die Verliebtheit. Verliebtheit ist ein GefĂŒhl, das man sich nicht erklĂ€ren kann und trotzdem da ist. Und wie gesagt, vermutlich habe ich bei meinem ersten Versuch genau das Falsche herausgestrichen. Er hat zwar nicht versehentlich ihren Busen berĂŒhrt, wie du angeregt hast, aber da war durchaus mehr, was Anne faszinierend an ihm gefunden hat. All das fiel dem Versuch zum Opfer, eine Kurzgeschichte aus dem Soldatenloch zu machen. Etwas, woran ich – auch das habe ich glaube ich schon erwĂ€hnt – klĂ€glich gescheitert bin. Was – das gebe ich offen zu – vermutlich daher kommt, dass ich einfach aus dem Bauch heraus schreibe, ohne je einen entsprechenden Kurs besucht zu haben.

Ach ja, neben Theodor Storm habe ich noch viel mehr gelesen. Klassiker, der eine oder andere Philosoph war auch dabei. Aber wir haben tatsĂ€chlich etwas gemeinsam. Emily Bronte habe auch ich nicht gelesen. DafĂŒr reihen sich ‚Ich dachte an die goldenen Zeiten‘, „Die Schur“,„Allzu laute Einsamkeit“, „Der Meister und Margarita“, „Hundeherz“, „Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden“, „WĂŒrdest du bitte endlich still sein, bitte“ und „Kathedrale“ ganz harmonisch unter anderem neben Autoren wie Kishon, Wisnewski, Mann oder Hesse ein. Mag sein, dass der eine oder andere als Fauxpas betrachtet, aber in meinen BĂŒcherregalen leben sie alle tatsĂ€chlich in friedlicher Ko-Existenz mit Nackenbeiser-Autor(inn)en und Liebesromanen, mit Jules Verne und Karl May, und, und, und.

So, das war es jetzt. Ich werde jetzt erst mal versuchen, meine Geschichte umzuarbeiten. Danke nochmals fĂŒr die Tipps.

Viele GrĂŒĂŸe
Ati

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Dominik Klama
???
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"Die anderen Texte sind genau genommen ein Fortsetzungsroman mit acht BĂ€nden, der mit Verlagsformatierung immer noch etwa 300 Seiten pro Band umfasst." Das wĂ€ren dann also 3.200 Buchseiten. Uff! Kann ich mir, von mir ausgehend, gar nicht vorstellen, wie das so mĂŒhelos fließt. Nach ein paar Stunden Schreiben befinde ich mich in einer geistigen und auch körperlichen Extremsituation der Überarbeitung in der ich nicht mehr klar denken, sicher formulieren kann und mich wie ein tapsiger Greis durch die Welt bewege. Ich muss dann leider aufhören, obwohl ich nie aufhören will, bevor ich ein Ende, zumindest eine Zwischenstation erreicht habe. Dabei habe ich immer das, nicht ganz unbegrĂŒndete, GefĂŒhl, spĂ€ter, wenn mindestens eine Nacht drĂŒber geschlafen wurde, nicht mehr richtig in die Sache reinkommen zu können, bzw. plötzlich auch gar keine Lust mehr zu haben, es zu versuchen. Alles, was ich je geschrieben habe, ob nun Fiktion oder Essay, hatte immer den Umfang von etwas, das man (zumindest theoretisch) innerhalb eines Tages fertig bekommen hĂ€tte können.

Marcel Reich-Ranicki aber (von dem ich ĂŒbrigens gar nicht viel halte!) sagt: "Jeder Roman, der heute geschrieben wird und ĂŒber 500 Seiten lang ist, ist ein schlechter Roman." Wobei ich nicht genau weiß, wie er das begrĂŒndet. Sein Lieblingsbuch "Buddenbrooks" ist ja wohl auch ĂŒber 500 Seiten lang. Wurde aber schon vor ĂŒber 100 Jahren geschrieben.

Was ich mit VergnĂŒgen gelesen habe, waren die Harry-Potter-BĂŒcher von J. K. Rowling, welche man ja durchaus als ein einziges Buch sehen kann, das man nicht wirklich kennt, wenn man es nicht ganz kennt. Das sind dann natĂŒrlich weit ĂŒber 3.200 Seiten. (Weiß nicht, was Ranicki dazu meint.) Ich glaube allerdings, dass Rowling im Grunde keinen Roman geschrieben hat, sondern eine auf tendenzielle Unendlichkeit angelegte Fernsehserie. Nun, wie auch immer, in Potter kann ich an jeder Stelle einsteigen und fĂŒhle mich nach wenigen Seiten ganz zu Hause und erlebe dann immer diesen Zwiespalt:
1. Ich fĂŒhle mich so wohl. Es sollte immer so weiter gehen und nie aufhören!
2. Mein Gott, die Frau sollte jetzt endlich mal zu Potte kommen und nicht stÀndig so viel Zeit und Seiten schinden!

Dieses, was da oben steht, dass meine Überlegungen zwar nicht schlecht, aber viel zu weitschweifig seien, man theoretisch zwar geneigt sei, sich drauf einzulassen, aber nicht in dieser barocken FĂŒlle, die Zeit habe man einfach nicht, das ist nun wirklich was, was ich schon tausend Mal gesagt bekommen habe. Eine Zeitlang habe ich mich in einer Situation befunden, wo ich wĂ€hlen konnte: A) Ich richte mich nach dieser Lesererwartung, kĂŒrze, straffe, konzentriere - und werde gelesen und gemocht. Oder: B) Ich mache, was mir Lust macht - und mache es alleine, mehr oder weniger ungelesen. Ich habe dann versucht, nach und nach eher A) zu machen.

Leselupe ist aber Internet und darum recht anonym. Niemand gibt mir hier einen Auftrag fĂŒr irgendwas. Ich weiß im Allgemeinen nicht, wer liest, ob ĂŒberhaupt wer liest und falls ja, mit welchem Ergebnis. Vielleicht wird ja ein Text von mir 11.000 mal geklickt. Dennoch weiß ich immer noch nicht, ob er auch nur acht Mal tatsĂ€chlich gelesen wurde. Das fĂŒhrt dazu, dass ich nicht erwarte, dass mir dieses Leserpublikum irgendetwas gibt. (Lob, Achtung, Anerkennung, konstruktive Kritik, Anregungen, Geld...) Deswegen nehme ich mir nun, das ganz bewusst und kalkuliert, die Freiheit obiges B) zu machen, das mir ganz privat einfach mehr Spaß macht. Der Umfang hat immer eine Obergrenze, wie gesagt, da ich ĂŒber einen einzigen Tag nicht hinaus arbeite.

Ich meine aber, dass, wer ins Buch will, also will, dass die Leute freiwillig ihr Portemonnaie auftun, um "ihn" zu kaufen, schlagartig in einem ganz anderen VerhĂ€ltnis zum Publikum steht. Er wird nicht umhin können, eine gewisse Höflichkeit dem "durchschnittlichen" Leser gegenĂŒber walten zu lassen. Dass mein Sprachfluss unendlich fließt, dass meine Freude immer mehr wird, je mehr ich Satz auf Satz tĂŒrme, heißt ja nun nicht, dass es dem Leser exakt genauso geht bei so etwas.

Dass ich etwas hinschreiben kann, mir irgendein Hintergrunddetail (diese Machenschaften in der Firma, in der sie arbeitet, zum Beispiel) vorstellen kann, heißt nicht, dass dieses Detail fĂŒr die eigentliche Sache der Story (oder des Romans) groß von Belang wĂ€re. Darum meine ich, man sollte, wenn man so etwas fertig hat, es erst einmal einige Zeit ruhen lassen, bevor man es herausgibt, und es dann mit neuer Distanz, die man nach dieser Pause hat, sehr selbstkritisch mit genau dieser Frage durchgehen: "Was könnte ich alles wegstreichen, wenn man mich dazu zwingen wĂŒrde?" (Ich habe eine Zeitlang in der Werbung gearbeitet. Da muss man notfalls alles, wirklich alles wieder wegstreichen können, auf das man mal so stolz gewesen ist. Das ist das tĂ€gliche Brot dort.) Das soll nicht heißen, dass man es dann auch tatsĂ€chlich macht. Ich bin eine großer Fan von Autoren, die ihrer Leser Erwartungen klar analysieren und sie dann unverschĂ€mterweise durchkreuzen oder unterlaufen. Aber man sollte schon dieses Wissen erst mal gewinnen: Was muss da tatsĂ€chlich drin sein und was ist da nur drin, weil es mir Laune macht?

Ich halte Marcel Reich-Ranicki fĂŒr eine stark ĂŒberschĂ€tzte Figur im deutschen Literaturbetrieb der vergangenen Jahrzehnte, nicht, was seine Macht angeht, sondern, was die Berechtigung dieser Macht angeht. Dennoch halte ich ihn fĂŒr alles andere als einen Trottel. Wenn so einer sagt, Romane ĂŒber 500 Seiten gehen nicht mehr, dann sollte man darĂŒber schon mal eine Weile nachsinnen.

Gut, wie wir alle wissen, sie gehen sehr wohl im Sektor der historischen Romane, von Fantasy, Science Fiction, Thrillern und Horror. (Und da passt ja dann auch Rowling irgendwie rein.) Könnte ich mir gut vorstellen, dass Atis kommende Laufbahn sich irgendwo in diesen Sektoren abspielen wird. Ich sagte allerdings schon, dass ich sie dann nicht lesen werde.

Vor einigen Jahren stand ich mal in Verhandlung mit einem Verlag zwecks Veröffentlichung eines Story-Bandes. Die sagten: "Storys nett und schön. Das können wir machen, wenn wir die RĂŒcklagen durch andere BĂŒcher von anderen Autoren haben. Aber StorybĂ€nde will der Deutsche im Allgemeinen nun mal nicht kaufen. Darum wollen wir einen Roman von dir." Daraufhin schickte ich ihnen die erste belletristische Sache, die ich je geschrieben hatte, also vor den Storys, ein Manuskript noch ohne PC, mit Schreibmaschine getippt. Sie waren es dann, die mich darauf aufmerksam machen mussten, dass das in ihrem Satzspiegel ja ĂŒber 300 Seiten wĂ€ren. Das ginge nun aber auch nicht. Was der deutsche Leser kaufe, wĂ€ren BĂŒcher, die etwa 200 bis 260 Seiten dick wĂ€ren, sagten sie.

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