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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Das Sonntagsessen
Eingestellt am 05. 04. 2006 12:43


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animus
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Registriert: Mar 2006

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„Mama“, was ist ein Wandteller?
„Ein Wandteller?“
„Ein Wandteller ist ein......“, fĂ€ngt meine Mutter an, und sie hĂ€tte es mit bestimmt genau erklĂ€rt, wenn...
„Drago“, unser Hund, legt plötzlich vor der TĂŒr los. Er bellt wie besessen.
„Drago, sei still“ schreit meine Mutter dem Hund entgegen und ich mache es ihr nach.
Den Drago interessierten unsere Schreie nicht. Er bellt, als wenn ihn ein ganzer Wespenstaat angreifen wĂŒrde und er ganz alleine mit dem Angriff fertig sein muss.
Es hilft nichts, wir laufen vor die TĂŒr. „Au waia“, dass es schneit, haben wir völlig vergessen.
Wir stehen wie angewurzelt da, in Socken, mit langsam kalt werdenden FĂŒĂŸen, der Drago wĂ€lzt sich im Schnee und bellt immer noch.
Wir schauen uns gemeinsam unsere im Schnee versteckte FĂŒĂŸe an und fangen an zu lachen. „Komm schnell ins Haus, Joschi“,
„Der Drago wird sich schon beruhigen, ich glaube er hat gerade den ersten Schnee in seinem kurzen Hundeleben entdeckt“ jauchzt mir Mutter noch teils lachend zu, nimmt meine Hand und lĂ€uft mit mir auf den Zehenspitzen zurĂŒck ins Haus.
„Zieh die nassen Socken aus und hol dir oben trockene aus der Kommode“, ruft sie mir noch im Lauf zu und eilt zum Ofen, denn sie hat in der Aufregung völlig ihre Suppe, den Braten und das Sauerkraut vergessen.
Sie schiebt hastig die Töpfe von den heißen Stellen des Ofens weg, schaut unter jeden Deckel, steckt kurz ihre Nase hinein und freut sich laut: „Nichts ist angebrannt.“
Die Suppe duftet herrlich nach KrÀutern, der gespickte Schweinebraten, den es immer Sonntag gibt, ruht noch im Backofen.
„Ein Braten muss zum Schluss etwas ruhen, damit er saftig bleibt,“ sagt immer meine Mutter.
Die gedÀmpften Semmelknödel und das selbstgemachte Sauerkraut, nach OmaŽs Rezept, liegen nach altem Brauch im Schlafzimmer unter der Bettdecke, damit sie warm bleiben.
„Gut gemacht“ klatscht sich Meine Mutter symbolisch auf die Schulter und ruft selbstzufrieden in die Runde: „Das Sonntagsessen ist fertig.“
„Der Tisch ist gedeckt.“ breitet sie die Arme aus und schaut mich mit dem mir vertrauten
Blick an: „komm in meine Arme, Joschi“
Alles ist fertig, wir sind hungrig, nur einer fehlt; ER, mein Vater.
ER ist noch nicht von seinem SonntagsfrĂŒhschoppen zurĂŒckgekommen.
So saßen wir in der KĂŒche: Ich, meine Mutter und meine Oma - Vaters Mutter
Mutter wird zusehends nervöser. Schaut immer hÀufiger auf unsere Wanduhr, macht sich Sorgen, dass das mit viel Aufmerksamkeit zubereitete Essen wieder kalt wird.
Die ganze MĂŒhe, die sie sich beim Kochen, dem Tischdecken, eben allem was die GemĂŒtlichkeit eines Sonntagsessens ausmacht, wĂ€re umsonst.
Es passiert nicht zum ersten mal, dass ER nicht pĂŒnktlich zum Essen kommt.
Sie hasst es auf diese Weise sitzen gelassen zu werden. FrĂŒher hat sie es ihm auch gesagt, aber nach einigen sinnlosen Versuchen es zu Ă€ndern, hat sie sich zurĂŒckgezogen, denn es hat ihr und dem VerhĂ€ltnis zwischen ihr und ihm nichts Gutes gebracht
Sie hat aber ihre Kraft und Mut nicht verloren. Sie zeigt es mir jeden Tag.
Sie spielt mit mir, erklÀrt mit Begeisterung jede meine Frage, singt mir Lieder vor und geht sehr viel mit mir zum Spielplatz in den Park.
FrĂŒher hat sie es auch ihm gegenĂŒber getan. Auf ihn gewartet, das Essen warm gehalten, am Tisch gesessen, aus dem Fenster geschaut ob er endlich kommt. Sie hat ihm sehr viel Zeit gewidmet. Wenn er dann irgendwann nach Hause kam, meistens betrunken, nahm sie ihre ganze Kraft und Mut zusammen und versuchte ihn davon zu ĂŒberzeugen, dass es der falsche Weg sei, ein Familienleben auf seine egoistische Art und Weise zu fĂŒhren.
So war es frĂŒher.
Heute liegen ihre PrioritÀten wo anders.
Sie kĂŒmmert sich im Haus um Alles. Wenn ER Verabredungen nicht einhĂ€lt, dann nimmt sie sich Zeit fĂŒr sich, anstatt sie mit Warten zu verbringen.
Sie liest, schreibt Gedichte, hört gerne klassische Musik und verbringt sehr viel Zeit mit mir.
Heute kann sie es nicht machen. Meine Oma, seine Mutter ist bei uns zum Besuch.
Meine Mutter will nicht, dass ihre Schwiegermutter mitbekommt, dass die Ehe nicht so lÀuft wie Oma sich das vorstellt.
Die Oma kommt selten zum Besuch. Sie gehört nicht zu den Omas, die noch gerne reisen, was womöglich daran liegt, dass sie den Tag teilweise im Rollstuhl verbringen muss. Sie spricht nicht mehr viel, nur das notwendigste. Sie ist fĂŒr mich eine alte Frau, die nicht die Fröhlichkeit besitzt wie andere Omas, die ich kenne.
Ich mag sie aber trotzdem. Springe gerne auf ihren Rollstuhl und fahre mit, wenn wir spazieren gehen.
Meine Mutter und Oma akzeptieren sich, sprechen nur ĂŒber das Notwendigste miteinander. Noch nie habe ich erlebt, dass sie miteinander herzlich lachen, miteinander Spaß haben wie ich mit meiner Mutter.
Auch das hat meine Mutter nach einiger Zeit akzeptiert.
Ich habe auch noch nie erlebt, das ER und seine Mutter so miteinander umgehen wie ich mit meiner Mutter.
Die Oma hat Angst vor ihm. Angst vor seinem JĂ€hzorn, Angst ihm zu widersprechen.
ER kann nicht locker mit ihr umgehen. Ihr Umgang miteinander wirkt verkrampft, erzwungen, ohne Fröhlichkeit und Herzlichkeit.
ER hĂ€lt es nicht mal fĂŒr notwendig heute pĂŒnktlich zum Mittagessen zu kommen.
Seine Kumpane in der Kneipe sind ihm wichtiger als seine Familie und seine Mutter.
So warten wir in der KĂŒche auf den Kopf der Familie.
Die Oma in ihrem Rollstuhl, die HĂ€nde auf dem Schoss, schaut aus dem Fenster dem Schneetreiben zu und ruft alle paar Minuten; „Das ist wie in einem MĂ€rchen.“
Meine Mutter steht am Herd, schiebt die Töpfe hin und her um die Suppe und den Braten heiß zu halten. Ich spiele auf dem Fußboden mit meinem neuen Auto, dass ich von der Oma als BegrĂŒĂŸungsgeschenk bekam.
„Mama, bevor der Drago draußen begann verrĂŒckt zu spielen habe ich dir eine Frage gestellt.“
„Kannst du dich erinnern?“ fragte ich meine Mutter.
„Welche Frage, Joschi?“
„Ich wollte wissen, was ein Wand........“
Die HaustĂŒr geht auf und mit einem lauten Knall wurde sie wieder geschlossen.
Ein Getrampel von FĂŒĂŸen ist zu hören und ein dumpfes klopfen, als wenn man mit dem Teppichklopfer eine Decke ausklopft.
ER ist endlich gekommen.
ER betritt die KĂŒche mit einem leichten Grinsen im Gesicht, schaut kurz meine Mutter an, nickt ihr zu und die gleiche BegrĂŒĂŸungszeremonie widmet er seiner Mutter.
Meine Mutter hat es ihm sofort angemerkt.
Das Grinsen, dass ER immer in solcher Situation aufsetzt: „Was ist los, bin ich zu spĂ€t?“ verrĂ€t ihn, sowie seine geröteten Augen, die meiner Mutter schon öfters nichts gutes beschert haben. Es sind Zeichen, dass ER wieder getrunken hatte.
„Du hast wieder getrunken.“
„Musste das sein?“ sagt meine Mutter mit ruhiger Stimme, obwohl ich ihr die Anspannung ansehen kann.
Das Grinsen verschwand aus seinem Gesicht.
„Getrunken?“
„ Ja ich habe getrunken.“
„Ein paar Bier, ist doch nicht die Welt“, und ging langsam zum Tisch.
ER saß noch nicht ganz am Stuhl....
„Und ĂŒberhaupt, ich kann trinken was ich will und wann ich will, das habe ich dir schon mehrmals klargemacht“, seine Stimme war schon gereizt.
„Ja, ist schon gut, ich dachte nur...“, versucht meine Mutter das GesprĂ€ch auf ein anderes Thema zu bringen. Sie ahnt schon, dass es zu einem Streit kommt, wenn sie nicht versucht die ganze Spannung aus diesem GesprĂ€ch zu nehmen. „Nicht heute, bitte nicht heute, wenn seine Mutter da ist“, denkt sie.
„Können wir anfangen mit dem Essen?“, sagt ER, nimmt den Löffel und tut als ihm alles zu langsam ginge.
Die Oma steht von ihrem Rollstuhl auf, setzt sich an die Seite ihres Sohnes, breitet die Serviette in ihrem Schoß aus und wartet. Sie hat nicht mitbekommen was sich zwischen ihm und meiner Mutter gerade abspielte.
Meine Mutter stellt den Suppentopf auf den Tisch und sah mich an.
„Joschi, steh auf und geh dir die HĂ€nde waschen, bitte.“
„Du bleibst hier, das hĂ€ttest du schon vorher machen können. Jetzt wird gegessen.“
„Setzt dich hin.“ schreit ER mich an.
„Musst du den Jungen so anschreien?“, sagt meine Mutter.
„Lass den jungen seine HĂ€nde waschen, er ist doch die ganze Zeit auf dem Fußboden rumgekrochen“, sagt sie, als wenn nichts vorgefallen wĂ€re.
ER kochte vor Wut.
Mit einem Wink gibt sie mir zu verstehen, dass ich gehen soll.
„Beeile dich bitte.“ Ruft sie mir nach.
Als ich zurĂŒck kam sitzen schon alle drei am Tisch.
Die Mutter beugt sich vor und gießt zuerst IHM den Teller voll, dann der Oma, schaut kurz in den Topf und sucht die magersten FleischstĂŒcke sowie meine Lieblings GemĂŒsestĂŒcke mit der Kelle raus und legt sie auf meinen Teller. Zuletzt schöpft sie den Rest aus dem Top auf ihren Teller, stellt den leeren Topf und die Kelle zur Seite und setzt sich hin.
„Guten Appetit, hoffentlich schmeckt es euch.“ sagt sie.
„Guten Appetit“, antworten wir gleichzeitig und fangen an zu essen.
Die stÀhlenden Löffel klappern in den Porzellantellern, im Hintergrund spielt klassische Musik aus dem Radio.
Es wird nicht geredet, es wird gegessen.
„Musst du so schlĂŒrfen?“ in scherzhaftem Ton versucht meine Mutter dieses Übel abzustellen.
Die Oma schaut etwas verwundert von ihrem Teller hoch, als hÀtte sie sagen wollen:
„das hĂ€ttest du nicht sagen mĂŒssen“. Sie spricht es aber nicht aus, sie zieht ihren vorwurfsvollen Blick wieder zurĂŒck und isst weiter.
Seine GesichtszĂŒge werden hart. Sein Atem schwer und laut. Der letzte Versuch seine Wut zu unterdrĂŒcken.
ER schaut nicht hoch, ER spricht mit seinem Teller damit man ihn nicht seine Wut ansieht.
„Lass mich in Ruhe zu Ende essen“
„Es geht auch ohne, wir schlĂŒrfen auch nicht, nicht mal der Junge“ lĂ€sst sich meine Mutter nicht abfertigen.
ER spricht immer noch mit seinem Teller:
„Ja es geht ohne“ braust ER hoch
„Ich zeige es dir, wie es ohne geht?“
ER knallt den Löffel auf den Tisch, greift unter den Teller, so dass er auf seiner flachen Hand liegt, holt aus und wirft ihn mit seiner ganzen Kraft an die Wand. Ich höre wie der Teller an der Wand in viele kleine StĂŒcke zerbricht. Ich höre wie die Scherben klirrend zu Boden fallen.
Es wird ganz still um uns herum. Keiner rĂŒhrt sich.
Die Oma verharrt in ihrer letzten Bewegung, den Löffel in die Suppe getaucht, auf den Teller starrend.
Meine Mutter sitzt bewegungslos da, die Ellbogen auf dem Tisch, ihr Blick in irgendeine Ecke der KĂŒche gerichtet. Unbeteiligt, stumm, TrĂ€nen in den Augen.
ER, nach vorne gebeugt, mit beiden HĂ€nden auf dem Tisch abgestĂŒtzt schreit meine Mutter an:
„Ihr könnt mich doch mal Alle.“
Ich drehte mich um und sah, dass Drago der einzige ist, der von dem Wutausbruch was hat.
Er fraß hastig die FleischstĂŒcke und schlĂŒrfte eine Suppe, die so herrlich nach KrĂ€utern duftete.
Nun weiß ich auch, was ein Wandteller ist.
Ich bin mir bloß nicht sicher; ist es der, der an die Wand geworfen worden ist und jetzt in viele BruchstĂŒcke zerlegt, bekleckert mit der GemĂŒsesuppe auf dem Boden liegt oder ist es der, der als fettiger, mit GemĂŒse, KrĂ€utern, Salz und Pfeffer, als Abdruck an der weißen Wand sich abzeichnet.
„Mama, welcher von den Tellern ist jetzt der ein Wandteller?“
Diese Frage hebe ich mir fĂŒr spĂ€ter auf.

__________________
Die alten TrÀume waren gute TrÀume.
Sie gingen nicht in ErfĂŒllung, aber
ich bin froh sie gehabt zu haben.

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