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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Das Vakuum
Eingestellt am 13. 03. 2009 12:37


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Raniero
Textablader
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Das Vakuum

Gebannt ruhten die Augen der unzĂ€hligen Teilnehmer der Zeremonie, und nicht nur diese, auf dem kleinen Musiker auf der TribĂŒne.
Daheim an den Fernsehschirmen verfolgte quasi die ganze Nation das Geschehen, und darĂŒber hinaus nahm praktisch mehr als der halbe Erdball teil an diesem herausragenden Moment der Geschichte.
Ein neuer PrÀsident wurde vereidigt, in den Vereinigten Staaten von Amerika, und dieses Mal gab es ein Novum in der Geschichte dieser ungemein traditionsreichen Feierlichkeit.
Zum ersten Mal war es ein Schwarzer, der die Eidesformel sprechen wĂŒrde, ein Umstand, den viele Zeitgenossen noch vor weniger als einem Jahrzehnt fĂŒr undenkbar gehalten hĂ€tten.
Durch seine begeisternde, mitreißende Art war es ihm nicht nur gelungen, als erster schwarzer PrĂ€sident der USA in die Geschichte einzuziehen, sondern nebenbei hatte er dafĂŒr gesorgt, dass ein anderes Novum bei dieser Wahl nicht zum tragen kam, indem er gleichzeitig die erste Frau als amerikanische PrĂ€sidentin verhinderte. Diese Dame hatte er in einem ungemein spannenden parteiinternen Wettkampf im Vorfeld nach und nach all dieser Hoffnungen beraubt und anschließend im finalen Kampf gegen den Kandidaten der Partei des Amtsinhabers schließlich gesiegt, mit seinem alles und alle mitreißenden Slogan:
Yes, we can.
Ja, wir können es, jubelten ihm seine AnhĂ€nger zu, und in kĂŒrzester Zeit hatte dieser Ausspruch als so genanntes geflĂŒgeltes Wort die ganzen Welt erobert.
Nun aber stand er unmittelbar vor seinem grĂ¶ĂŸten Triumph, als gewĂ€hlter PrĂ€sident der Vereinigten Staaten, und die Spannung nĂ€herte sich dem Höhepunkt.

Zuerst aber wurde in einer feierlichen Zeremonie den noch lebenden ehemaligen PrĂ€sidenten sowie dem scheidenden Amtsinhaber ein wĂŒrdiger Empfang zuteil, bevor man nach einem kurzen musikalischen Intermezzo zuerst zur Vereidigung des neuen VizeprĂ€sidenten schritt.
Dann aber hielt die Welt den Atem an, denn in diesem Augenblick war die stĂ€rkste Macht auf Erden, die einzige noch verbliebene Weltmacht, ohne FĂŒhrung, wenn auch nur fĂŒr eine ganz kurze Zeitspanne.
Diese Zeitspanne wurde wiederum, so sah es das Protokoll vor, von einer musikalischen Einlage ausgefĂŒllt.
Ein einziger Musiker, ein junger Gitarrist aus Kenia, dem Heimatland des neuen PrÀsidenten, war hierzu auserkoren; ihn hatte der neue schwarze HoffnungstrÀger selbst mit ausgesucht, und er hatte das unbedingte Vertrauen desselben.
Ein einziges kurzes StĂŒck wĂŒrde er spielen, instrumental, ein StĂŒck, maßgeschneidert zu dieser Vereidigung des ersten schwarzen PrĂ€sidenten der USA, den Song Ebony and Ivory
Ein absolut gelungener Beitrag, dieser Welthit; vor Jahren von zwei weltberĂŒhmten Zeitgenossen der Popmusik, einem schwarzen und einem weißen SĂ€nger komponiert und gesungen, hatte er innerhalb kĂŒrzester Zeit seinen Siegeszug rund um den Erdball angetreten und war als symbolisches Versöhnungslied zwischen Schwarz und Weiß in die Geschichte eingegangen.

Die Augen der gesamten Weltöffentlichkeit ruhten auf dem jungen Gitarristen aus Kenia; er war sich dessen mehr als bewusst, und er hatte, obwohl er viele Auftritte als Solospieler zu absolvieren pflegte, ein nie zuvor erlebtes Lampenfieber.
Bei der Vereidigung eines PrĂ€sidenten der USA zu spielen, ganz allein, etwas, was nur alle vier Jahre geschah, dazu noch beim Amtsantritt des ersten PrĂ€sidenten, der die gleiche Hautfarbe besaß wie er selbst, das war in der Tat ein nicht gerade alltĂ€gliches VergnĂŒgen.
DarĂŒber hinaus wurde der junge Gitarrist noch von einer anderen, fast panischen NervositĂ€t heimgesucht; nicht nur, dass er allein auf weiter Flur vor den Augen der gesamten Weltöffentlichkeit aufspielen wĂŒrde, sondern dass er dieses genau in diesem historischen Moment des Vakuums in der FĂŒhrung der Vereinigten Staaten von Amerika tĂ€te, des kleinen aber feinen Zeitraums, in welchem die große Weltmacht ohne FĂŒhrung wĂ€re.
Mein Gott, nicht auszudenken, was in dieser Zeitspanne alles passieren könnte.
Trotz aller Sicherheitsvorkehrungen, der grĂ¶ĂŸten, die das Land jemals gesehen hatte.
Attentate, Akte der Gewalt, was alles passieren konnte, in einem solch Augenblick.
Er durfte gar nicht darĂŒber nachdenken.
Leider aber hatte er genau das getan, der junge Musiker, darĂŒber nachgedacht, die letzte Woche, und seitdem praktisch kein Auge mehr zugemacht.
Doch was hilft's, sagte er sich, ‚da muss ich durch’

Der Augenblick war gekommen, nun gab es kein ZurĂŒck mehr.
Äußerlich ruhig, nahm er sein Instrument zur Hand, die innere Anspannung merkte man ihm, so schien es, nicht an.
Mit leichtem Zittern begann er das StĂŒck, dieses StĂŒck, das er in- und auswendig kannte, das er in der letzten Zeit hĂ€ufiger gespielt hatte als alles andere in seinem bisherigen Musikerleben.
Der PrÀsident in spe lÀchelte ihm aufmunternd zu.
Du spielst es fĂŒr mich, Junge, nur fĂŒr mich, schien er ihm zu sagen.
Über riesige BildschirmwĂ€nde wurde das Spiel des Gitarrensolisten weithin sichtbar ĂŒbertragen.
Plötzlich, mitten im StĂŒck, mitten im Vakuum der FĂŒhrung der verbliebenen Weltmacht geschah es, ereignete sich das Unfassbare, nicht vorhergesehene!
Ein lauter Knall, alle hörten ihn, einige duckten sich, die Sicherheitsleute griffen zu ihren Waffen, steckten sie wieder weg.
Eine Saite der Gitarre war gerissen, und der junge Musiker wÀre am liebsten im Erdboden versunken.
Hatte er doch das StĂŒck mit mehr oder weniger leichter Hand ĂŒber die Runden gebracht, die Passage des Vakuums fast ĂŒberstanden, und nun so etwas.
Doch nicht nur er zeigte sich fassungslos; die gesamte NĂ€he des neuen PrĂ€sidenten, Honoratioren ĂŒber Honoratioren, gesegnete und ungesegnete HĂ€upter, wussten nicht, wie sie sich verhalten sollten. Dem Adjutanten des Obersten Richters des Staates fiel die Bibel aus der Hand, die Bibel, auf welche der neue PrĂ€sident zu schwören hatte. Überall, wo hin man schaute, nur entsetzte Gesichter, keiner wagte zu atmen.
Nicht so der neue HoffnungstrÀger der Menschen des Landes der unbegrenzten Möglichkeiten, der erste schwarze PrÀsident.
„What is it for a string?“ rief er dem verdutzten Musiker zu.
Dieser wusste zuerst nicht, was er sagen sollte. Der kĂŒnftige PrĂ€sident der USA fragte ihn, welche Saite an der Gitarre gerissen sei.
„It's the D“, antwortete er nach kurzem Zögern.
„It's always the same, always the D“, sprach der kĂŒnftige neue Mann im weißen Haus und griff zur Überraschung des gesamten Hofstaates in die die Hosentasche und hielt sie dem verblĂŒfften Gitarristen hin.
„Let me help you, I see, you're a little bit nervous.”
Gemeinsam zogen sie die neue D Saite auf, die beiden Farbigen aus Kenia, und die Massen waren nicht mehr zu halten.
„Yes, he can“, skandierten sie in Abwandlung des berĂŒhmten Slogans, „yes, he can do that also!“

Sodann aber spielte der junge Gitarrist auf ausdrĂŒcklichen Wunsch des neuen AmtstrĂ€gers das schöne Lied noch einmal von Anbeginn bis zu Ende, ungeachtet der weiteren VerlĂ€ngerung des Machtvakuums.
Die letzten Takte der Musik waren kaum verklungen, da brach ein derart lang anhaltender Jubel aus, dass er sogar die gesamte Vereidigungszeremonie ĂŒbertönte, doch das macht niemandem mehr etwas aus, am wenigsten dem neuen Staatsoberhaupt.
Der junge Musiker aber legte ebenfalls einen Eid ab; er schwor sich, bei der erneuten Vereidigung dieses PrÀsidenten in vier Jahren eine elektrische Gitarre zu verwenden;
die hat bekanntlich Stahlsaiten.

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bluefin
Guest
Registriert: Not Yet

hallo @raniero, nach

quote:
Gebannt ruhten die Augen der unzĂ€hligen Teilnehmer der Zeremonie, und nicht nur diese, auf dem kleinen Musiker auf der TribĂŒne.
hab ich schon fast nicht mehr weiter gelesen.

was ausser den augen der unzÀhligen teilnehmer ruhte denn sonst noch auf dem "kleinen musiker"? arme, beine, hÀnde? lÀuse? hoffnungen?

mit so einem einstieg ruinierst du alles, ganz egal, welche botschaft noch kommen mag.

kenia ist nicht das heimtland obamas, sondern das seines vaters. seine mutter ist amerikanerin, geboren wurde er in hawaii. das stĂŒck, das unmittelbar vor der (missglĂŒckten) vereidigung geplaybackt wurde, hieß "air and simple gifts" (und wurde von einem komponisten namens williams x-tra fĂŒr diesen anlass aus vierschiedenen stĂŒcken zusammengeklaut). die d-saite einer gitarre ist immer eine stahlsaite, elektrisch oder nicht.

tipp: fehler ausbessern und das langatmige mĂ€rchen auf max. zehn prozent eindampfen - dann könnt's vielleicht wirklich wie ein rĂŒhrender witz wirken.

liebe grĂŒĂŸe aus mĂŒnchen

bluefin

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