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Leselupe.de > Erzählungen
Das Wesentliche
Eingestellt am 21. 11. 2001 18:11


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der.igel
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Oct 2001

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Zwei Krankenwagen, ein VW-Passat, ein Daewo, ein Opel, ein Kinderwagen, ein Mensch. Menschen. Menschen reden, Autos fahren. Straße von Sonne angestrahlt.
H√§user: eins mit spitzem Glasdach (modern), eins mit Kopf √ľber Fenstern (Kopf hat Fl√ľgel statt Ohren). Kind schreit. An den Fenstern Telefonnummer. Zu vermieten. Sicherheitswagen, Motorrad. St√ľhle vom Stra√üencaf√© zusammengeklappt aneinander gelehnt. Vorne Wiese mit Denkmal (schlecht erkennbar, Baum davor). Ein Smart, so ein Mini - klein. Frisiersalon mit Frauengesichtsfoto, mit Frisur. Buchhandlung. Ein VW Beatle. Parkb√§nke, Fu√üweg mit Menschen und mit Fahrr√§dern...
Die Frau sitzt auf der Parkbank. Du √ľberlegst, wo du eine Motivation finden kannst. Ich m√∂chte eine kleine Prosa verfassen. Mann (Arbeiter) an Lieferwagen, der sich jetzt Schwei√ü von der Stirn wischt, der jetzt einsteigt und die Zeitung liest und raucht. Frau (Kellnerin), die jetzt Caf√©st√ľhle auseinander klappt, die sie auf den Fu√üweg stellt und dann die Zeitung liest und raucht. Kaffee? Zu teuer! Abschleppwagen, Kindergartengruppe mit Erzieherin, Fahrradfahrer. Kind schreit.
Welches? Eine Idee?! Ich habe keine Idee, ich finde, das ist keine Idee, das ist mehr ein Klischee. Keine Idee, das Kind m√ľsste still sein. Welches? Du meinst, so ganz automatisch still sein? Vergessen. Der Mann vergisst, dass er trinkt, dass er am fr√ľhen Morgen trinkt. Caf√©kellnerin hat erste G√§ste, der Mann telefoniert mit Handy. Kaffee? Eine Frau mit steril wei√üer Kleidung (√Ąrztin). Da ist es zu teuer. Dass sie Bier servieren muss, dass sie am fr√ľhen Morgen Bier servieren muss. M√ľlltonnen sind gr√ľn, mit Igel darauf. Zigarette.
Da kommt ein Kind, das gezielt auf die Frau hinzu geht. Es hat schwarzes Haar, tr√§gt eine Jeanshose und einen roten Pullover, welcher aber so d√ľnn ist, dass das Kind darin nicht schwitzt.
"Warum hast du mich nicht gesehen, ich habe geschrien", sagt das Kind mit einer kaum still zu haltenden Wut dahinter.
"Ich dachte nur, ich dachte, die Idee sei vielleicht zu ausgelutscht"
"Ist sie nie!", schreit es, "du hast mich ja nur gehört, aber nicht gesehen." Dabei fällt es in ein von Schmerzen zerstochenem Weinen aus, dass es die Frau trösten muss, damit es weiterredet.
"Es tut mir leid", sagt sie und streichelt ihm z√§rtlich √ľber den Kopf, "nur kann ich eben nicht alles erkennen."
"Aber das Wichtige - mich! - hättest du erkennen sollen! Du weißt ja gar nicht, was...", da verstummt es plötzlich und sagt nur noch im Fortgehen: "Komm mit!"
Und die Frau folgt dem Kinde bis zur Straße hinunter, auf welcher ein Krankenwagen steht und darunter ein Fahrrad liegt. Das Kind legt sich jetzt unter das Fahrrad, fängt an zu bluten und hört auf zu atmen.
Drum herum: Passanten, ein Sanitäter sagt: "Zwecklos!". Die Straße ist schon eine ganze Weile abgesperrt. Warum hast du das nicht gesehen, fragt sich die Frau.
"Was gesehen?", fragt die Notärztin.
Die Zigarette angez√ľndet, den Teebeutel ausgedr√ľckt, zerrissen. Die Bilder angeguckt. Weggeguckt. Kalender angeguckt. Der j√ľngere Sanit√§ter und die √Ąrztin sitzen in der Notaufnahme und unterhalten sich.
"Na, im Fernseher."
"Was? Welche Sendung?"
"Explosiv! - √Ąrztepfusch"
"Ach so", sie lächelt, er möchte sie nur ärgern, nur ein wenig.
Das Funkgerät spricht: "Unfall! bitte sofort am Pfalzplatz - Unfall, ich wiederhole..."
"Wir m√ľssen jetzt wohl los", meint der Sanit√§ter und zieht sich seine Jacke √ľber.
"Ein Unfall.", nickt die Notärztin ernst und sie verlassen die Station.
"Ein U hab ich schon", und sie steigen in den Rettungswagen.
"Warte mal! - Fall. Den Fall hab ich zusammen, ja", motiviert sich die Not√§rztin. Und sie fahren auf eine Br√ľcke zu.
"Fehlt nur noch das N"
"Woher bekommen wir eins?"
"Weiß nicht."
Und ein kleines Kind auf dem Fahrrad f√§hrt in eine Hauptstra√üe, es hat schwarzes Haar, tr√§gt eine Jeanshose und einen roten Pullover, welcher aber so d√ľnn ist, dass das Kind darin nicht schwitzt.
"Ich sehe schon, wir kommen nicht weiter.", meint der Sanitäter
"Nach der Br√ľcke kommt die Kreuzung"
"Ein D und ein E"
"N - DE, Ich hab's: ENDE", freut sich die √Ąrztin.
Und sie √ľberfahren das Kind auf der Stra√üe. Dort ist ein Friseursalon mit einem Frauengesichtsfoto, mit Frisur. Das Fahrrad liegt unter ihrem Wagen. Das Kind schreit.
"Es ist ein Mädchen.", sagt der Entbindungsarzt im Kreissaal. Lichter angemacht, ausgemacht. Hebamme kommt, Hebamme geht. Licht stark. Die Mutter hat ein Kind geboren.
"Moment mal!", wundert sich die Mutter: "Nach den Ultraschalluntersuchungen sollte es doch ein Junge werden."
"Das kommt nicht -", verstummt der Arzt, als er pl√∂tzlich feststellt, dass er statt der Nabelschnur, den Penis des Kindes abgeschnitten hat. Um sich vor seinem Missgriff zu sch√ľtzen: "Nein, nein: es ist ein Junge...√§hm M√§dchen! Ein M√§dchen."
"Hatte sich da mein Arzt getäuscht?", fragt die Mutter.
"Ist doch egal!", meint der Entbindungsarzt: "Ob Junge oder Mädchen - ist doch wirklich egal!"
"Nein! Das ist es nicht.", schreit der junge Sanitäter: "Das hätte nicht passieren sollen!" Das Kind schreit, Leute kommen und schauen es sich an.
"Manchmal passieren Dinge, die wir nicht beeinflussen können, weil sie uns nichts angehen - das ist das Egale." und das Kind schreit und fängt an zu bluten.
"Nur - du hast ja Recht - es macht mich traurig, sehr traurig!" Und das Kind schreit, es kommen immer mehr Passanten, um es mit ihren Scharfsinn zu beobachten.
"Du l√§sst es zu nahe an dich heran, doch wir m√ľssen es einsehen, dass solche Dinge eben passieren.", tr√∂stet ihn die √Ąrztin. Das Kind h√∂rt auf zu schreien und zu atmen. Es sieht aus, als h√§tte es sich eben erst hingelegt und sich mit seinem Fahrrad zugedeckt. Seine Augen sind noch starr ge√∂ffnet. Die beiden Helfer schauen sich an, als w√ľssten sie, was jetzt zu tun w√§re.
Die Leiche des Kindes wird auf einer Trage in den Krankenwagen gestellt. Die Frau, die noch eben mit dem Kind gesprochen hat, fragt den Sanitäter: "Wie konnte das passieren, ich hab es nicht gesehen?"
Doch dieser steigt in den Krankenwagen ein, wischt seine Tränen und fährt los.
Die Frau geht zu dem Manne in das Café hin und fragt ihn: "Haben Sie das gesehen?"
"Was?"
"Das Kind, den Unfall."
"Und?"
"Ich nämlich nicht!"
"Und?"
"Das ist schlimm, dass ich es nicht... sagen Sie mal: Trinken Sie da Bier?"
"Und?"
"Es ist doch erst halb zehn?!"
"Und?"
"Was sind Sie von Beruf?", fragt der Polizist, welcher bei der Frau zu Hause ist und sie verhört.
"Ich bin freie Redakteurin."
"Welche Lieblingsfarbe haben Sie?"
"Gelb?!"
"Wer ist Ihr Lieblingsdarsteller von ,Gute Zeiten Schlechte Zeiten'?"
"Ich sehe die Sendung nicht."
"Aha! - Und schon wieder etwas nicht gesehen!" und er notiert sich diese f√ľr ihn scheinbar wichtige Information, "Und sie sind Redakteurin?!"
"Freie Redakteurin!", korrigiert sie ihn.
"Soso, und Sie haben keinen Kaffee gekocht?!"
Warum Kaffee kochen?! Was will der nur von mir? Da öffnet er einfach eine Schublade aus dem Schreibtisch der Frau, holt einen Zettel heraus und liest daraus vor: "Hiermit verhafte ich sie wegen Kurzsichtigkeit und des Mordes eines 9jährigen Kindes. Zudem werde ich sie noch von ihrem journalistischen Status degradieren."
Dann habe ich beschlossen, die Geschichte einfach zu vergessen. Doch auch das wird mir zum Vorwurf gemacht. Die Zeit aber gibt mir gen√ľgend Raum, alles zu √ľberdenken und aufzuschreiben. Wenn ich drau√üen bin, habe ich einen Roman fertig geschrieben.
Nur wirst du nicht ganz vergessen. Du musst dann eine Therapie machen. Du musst die Augen aufmachen. Es war dein Sohn und du hattest ihn nicht wieder erkannt. Nein, du hattest ihn nie erkannt, sondern in Mädchenkleidung gesteckt, nur, weil dein Arzt gesagt hat, dass es ein Mädchen ist. Du wusstest nichts - gar nichts von der spontanen Entscheidung.

[09 2001]
__________________
der.igel

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