Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, müssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5284
Themen:   87720
Momentan online:
491 Gäste und 9 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Erzählungen
Das Wochenende mit Irene
Eingestellt am 15. 01. 2012 13:16


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Hagen
Routinierter Autor
Registriert: May 2011

Werke: 174
Kommentare: 640
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Hagen eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Das Wochenende mit Irene

Nach dem Genuss des Kabeljaufilets in unserer Firmenkantine hatte sich bei fast allen Beteiligten am Donnerstag umgehend Brechdurchfall und massive Gleichgewichtsstörungen eingestellt, was den Besuch des von unserem ‘exklusiven Club‘ bereits fest gemieteten Ferienhauses am Wochenende aus gesundheitlichen Gründen verhinderte. Als ärgerlich für uns erwies sich zudem, dass das Häuschen bereits bezahlt und ein Rücktritt unmöglich war.
Am Freitag saß Frau Zühlke dann in der Kantine neben mir.
Beim Essen, sie hatte Curryreis mit Mango, Cashewkernen und Rosinen auf ihrem Teller, während ich mich über die klassischen Bockwürstchen hermachte, smalltalkten wir ein wenig und sie wollte wissen, ob wir Fertigungsplaner denn soviel verdienen, dass ich eine Rolex am Handgelenk tragen könnte.
Ich lachte.
„Das ist eine Rolex Cosmograph Daytona 116505 made in Taiwan! Die habe ich mal beim Billard im hiesigen Billardcafé gewonnen, aber die sieht täuschend echt aus, nicht wahr? ‘ist nur leichter als das Original. Ich bin im ersten Moment auch drauf reingefallen. Vielleicht kann ich später mal sowas in Echt tragen. – Kostet allerdings um die 20 000 Euro solch ein Teil, aber es ist ein Herzenswunsch von mir.“
„Das wird schon“, sagte Frau Zühlke, „früher als sie denken!“, nahm eine Gabel voll Reis und erwähnte, dass Günter, der Cheforganisator unseres exklusiven Clubs, sie angerufen und von der Sache mit dem Ferienhaus erzählt hatte. Sie würde dieser Einladung mit Vergnügen ganz spontan folgen und das Wochenende gerne mit mir in der Lüneburger Heide verbringen; - selbstverständlich an Stelle der anderen Kollegen und in allen Ehren.
Frau Zühlke arbeitete im Sekretariat unserer Firma, ist geschieden und dafür bekannt, seit dem das Leben mit allen Sinnen zu genießen.
„Ansonsten wollen wir genau das machen, was sie und ihre Kollegen an euren ‘Herrenwochenenden‘ sonst auch tun“, lächelte Frau Zühlke und fächelte sich mit ihren langen Wimpern Kühlung auf die Wangen, „ich könnte auch mal ein wenig Entspannung gebrauchen. Ich werde sie auch nicht stören, - im Gegenteil.“
Das hörte sich sehr gut an, und Angesichts der beiden Vorteile in ihrer Bluse sogar hervorragend; - somit sah ich kein Problem darin, das Ferienhaus für das folgende Wochenende mit Frau Zühlke zu teilen, und gegen Störungen im erotischen Bereich hatte ich auch nichts einzuwenden.
„Ich denke, wir werden uns gut vertragen“, sagte ich.
„Ich heiße übrigens Irene“, sagte Frau Zühlke, „wollen wir uns nicht duzen?“
Auch darin sah ich kein Problem.
Wir einigten uns darauf, dass ich sie um fünf von zuhause abholen wollte.
Kurz nach meiner Scheidung vor knapp drei Jahren war ich in den exklusiven Club meiner geschiedenen Kollegen aufgenommen worden, der sich mindestens alle vier Wochen zur Entspannung von unserem stressigen Job ein ‘Herrenwochenende‘ in einem Ferienhaus am Rand der Lüneburger Heide gönnte. Seit Kurzem suchten wir stets das gleiche Haus auf, weil es ein geräumiges Wohnzimmer mit rundem Tisch, etlichen bequemen Stühlen, einer Schlafcouch und einen Fernseher mit badelakengroßem Bildschirm sowie einem DVD-Player beinhaltete. Zudem empfanden wir die beiden Schlafzimmer und die separate Küche als ausgesprochen vorteilhaft für unsere Herrenwochenenden. Ein gut sortierter Getränkemarkt, ein redlicher Landschlachter, eine gemütliche Kneipe, in der das Rauchverbot gewissenhaft ignoriert wurde und einem wunderbaren, historischen Flipper, in dem knallende Bumper die Kugel über das Spielfeld jagten, sowie ein untadeliges Restaurant mit wunderbarer Grillplatte auf der Karte und im Nebenraum einen exquisiten Billardtisch in zu Fuß erreichbarer Nähe, stellten das Sahnehäubchen auf diesem Bukett der Vorteile gegenüber einer unserer Behausungen oder einer Ferienwohnung dar.
Als weiterer Vorteil hatte sich erwiesen, dass sich ein Funkloch über besagtem Häuschen ausgebreitet hatte, wie Ahornsirup auf einem Buchweizenpfannkuchen. Wir waren für niemanden erreichbar, weder für unseren Boss noch für Claudia Schiffer.
„Das Leben ist hart aber gerecht“, sagte Frau Zühlke als wir unterwegs zu dem Ferienhaus in der Lüneburger Heide waren, „wenn dir etwas Schlimmes zustößt, wird sich kurze Zeit darauf etwas Schönes ereignen, was das Schlimme wieder aufhebt!“
„Tatsächlich? Na, da bin ich aber gespannt! – Meiner Erfahrung nach endet nichts so, wie geplant.“
„Du wirst schon sehen“, lächelte Frau Zühlke und räkelte sich verheißungsvoll in ihrem Sitz, als wolle sie damit andeuten, dass sich das Schlimme unlängst ereignet hatte, und sich das Schöne bereits dynamisch abzeichnete.
Ich war so gespannt auf das Wochenende mit Frau Zühlke wie der bekannte Fiedelbogen, als ich den Schlüssel zum Ferienhaus im Hotelrestaurant ‘Zum Karrenbauer‘ abholte, doch als ich das Ferienhaus aufschloss, stieß Frau Zühlke einen Schrei des Entsetzens aus:
„Mein Gott, das ist ja grauenvoll! Sieh dir doch bloß diesen Saustall an!“
Für meine Begriffe hatte der Vormieter das Haus sauber verlassen, zwar nicht piecksauber aber immerhin sauber und aufgeräumt, sogar die Sofakissen hatten jeweils einen scharfen Knick in der Mitte.
„Ich denke, für ein Wochenende wird’s gehen, schließlich haben wir eigene Bettwäsche und Handtücher mit. Wir können am Sonntag, kurz bevor wir abhauen, schnell sauber machen, damit die Hütte wieder so aussieht, wie wir sie vorgefunden haben. So haben wir es bisher immer gehalten.“
„Nee nee nee, hier muss erstmal richtig sauber gemacht werden, sonst fühle ich mich nicht wohl! Ich verstehe gar nicht, wie ihr Kerle das in diesem Dreck ausgehalten habt.“
Ich zuckte die Achseln.
„Och, das haben wir nicht so eng gesehen. Wir haben erst was gegessen, ein paar Bier getrunken und dann aus Spaß an der Freude ein Wenig um Centstücke gepokert, so richtig schön mit Pokerface, Zigarillo rauchen und Whisky trinken…“
„Was? Poker? Glücksspiel? – Das ist doch verboten!“
„Tatsächlich?“
Ich öffnete eins der in weiser Voraussicht mitgebrachten Biere. „Willst du auch eins?“
„Ich trinke keinen Alkohol!“
„Wenn ich mich recht erinnere, wollen wir beiden das tun, was wir an unserem Herrenwochenende auch so machen. Dem hast du zugestimmt, liebe Irene.“
„Naja, aber deswegen muss ich doch nicht unbedingt saufen und pokern! Das kann ich nicht. Ich möchte mich aber gerne entspannen und gemütlich Tee trinken.“
„Trink doch was du willst, aber bei uns sind an diesen Wochenenden außer Kaffee und Orangensaft zum Frühstück nichtalkoholische Getränke absolut verpönt. – Ich fahre mal eben schnell los, Proviant besorgen.“
Frau Zühlke nickte das ab, zog sich klatschend abtörnende, gelbe Haushaltshandschuhe über Hände und Ellenbogen und begann in der Küche das Geschirr zu spülen.
Wie gewohnt erledigte ich routiniert die Einkäufe und brachte sogar soliden, schmackhaften Ostfriesentee nebst Sahne und Kandiszucker für Frau Zühlke mit.
Irgendwas muss ich dabei falsch gemacht haben, denn Frau Zühlke wollte wissen, ob die im Laden keinen Jasmintee, dem sie diesem ordinären Ostfriesentee vorzog, gehabt hatten. Ich zuckte die Achseln. Glücklicherweise war sie nicht allzu beleidigt und wandte sich weiterhin der Reinigung der Hütte zu.
So konnte ich, bei dem Genuss des mittlerweile ein wenig abgestandenen Bieres, Steaks mit Bohnen zubereiten, während Frau Zühlke den Staubsauger röhren ließ.
Entgegen unserer sonstigen Gewohnheit legte ich eine Tischdecke auf und entzündete eine Kerze, nachdem ich den Tisch gedeckt und Frau Zühlke herbei gebeten hatte.
Die schrie wieder schrill auf, als sie die Steaks sah.
„Mein Gott, totes Tier! Wusstest du nicht, dass ich Vegetarierin bin?“
Sie zog sich mit ebenso kraftvollem wie phonetischem Aufwand die gelben Gummihandschuhe von den Händen.
„Nein! Das hättest du auch früher sagen können! – Ich habe kein Problem damit, zwei Steaks zu essen, wenn du mir die Bohnen abnimmst.“
Der Tausch war schnell vollzogen, aber entgegen der Themen unserer sonstigen Tischgespräche, die meistens Autos, Formel 1, das alle vier Wochen anstehende Billardturnier bei Theo, Poker oder unsere weitere Vorgehensweise an diesen Abenden behandelten, drängte Frau Zühlke mir einen Vortrag über Massentierhaltung, Rinderwahn und dem Ausstieg aus der Atomkraft auf. Diese Problemlagen verstand sie derart gekonnt zu verbinden, dass ich mich fragte, warum sie nicht in die Politik gegangen war, und ob mir Günter durch die Anwesenheit Frau Zühlkes lediglich einen Freundschaftsdienst erweisen wollte, oder beabsichtigte, mich einem emotionalen Härtetest zu unterziehen, weil er Frau Zühlkes situatives Handlungsinventar kannte und bereits durchlitten hatte.
Als ich die Steaks verzehrt und Frau Zühlke ihre Bohnen gegessen hatte, endete sie den Vortrag und sagte: „Ich habe in dem Player eine interessante DVD gefunden, wollen wir uns die heute Abend mal in aller Ruhe anschauen?“
„Um Himmelswillen! Wir haben uns die schon mal versucht anzusehen, als Günter seine Fast & Furious – Filme vergessen hatte! Der Film spielt irgendwo in Korea oder so und besteht vorwiegend darin, dass Jemand mit einer Pechfackel in der Hand den Strand entlang läuft. Man muss entweder total bekifft oder masochistisch veranlagt sein, um den zu ertragen. Die muss einer in der Absicht vergessen haben, die Leidensfähigkeit der Bewohner dieser Hütte zu erhöhen, und zwar die der Bewohner“, ich zündete mir einen Zigarillo an, „die nichts mit sich anzufangen wissen, wenn man ihnen nicht sagt, was sie machen sollen.“
„Kannst du nicht draußen rauchen, wenn du es partout nicht lassen kannst! Der Trend geht ohnehin zum Nichtrauchen! Rauchen ist ungesund! Außerdem kann die Hütte hier abbrennen! – Du kannst mir ruhig helfen, das Ferienhaus hier mal anständig sauber zu machen. Anschließend können wir ja was für unsere Gesundheit tun und einen Spaziergang machen. Sind hier in Haus Nordic Walking-Stöcke?“
„Es gibt zweierlei, auf das ich - zumindest während der Wochenenden in diesem Häuschen - gerne verzichte!“
„Und was ist das?“
„Rektalthermometer und Nordic Walking. Zum Zweck der Landstreicherei bin ich nicht hierhergekommen!“
Ich gab eine duftende Rauchwolke von mir, ergriff die Flasche mit dem wunderbarem, bernsteinfarbenen Single Malt-Whisky aus der Einkaufstüte, ein Nosing-Glas und die Flucht nach draußen, bevor weitere Vorträge auf mich einprasseln würden wie die Bomben aus den Schächten der fliegenden Festungen auf Hamburg während der Operation Gomorrha.
Nach ungefähr einer halben Zigarillolänge und einigen genussvollen Schlucken von dem 14 Jahre alten Single Malt begann eine Amsel mir ihr Abendlied zu Gehör zu bringen. Dieses wurde jäh unterbrochen, als Frau Zühlke raus kam und lautstark von mir verlangte, mal eben den Staubsaugerbeutel zu wechseln.
Während ich dieses tat, fummelte sie mir permanent dazwischen, hielt einen Kompaktvortrag über beutellose Staubsauger und warf gleichzeitig die Frage auf, ob Teebeutel in die Biotonne, den Sack mit dem Restmüll gehören oder was?
Eine Antwort erübrigte sich, weil der Staubsauger trotz Damenbehinderung bald wieder bereit war zu saugen, was Frau Zühlke augenblicklich wahrnahm.
Ich ging wieder raus, genoss einen Single Malt und rauchte weiter.
Natürlich stellte ich mir vor, eine heiße Nacht mit Frau Zühlke zu verbringen, aber als diese zu mir raus kam und versuchte, mir einen Vortrag über Nikotinpflaster und die gesundheitsschädigende Wirkung des Rauchens aufzudrängen, lud ich sie, um irgendwelchen Debatten zu diesen Themen zu entgehen, zu einem Kneipenbesuch ein. Ich stellte es mir schön vor, an der Theke zu sitzen, Bier zu trinken und mit ihr und anderen Gästen alle wichtigen Probleme dieser Welt zu erörtern; - mit welcher Wahrscheinlichkeit im wirklichen Leben das Schöne eintrifft, wenn sich Furchtbares ereignet hat, zum Beispiel, oder ob das, was schlimm anfängt, furchtbar endet. Und dann war da noch ein weiterer Aspekt aus meiner Lebenserfahrung, der beinhaltete, dass das, was einfach erscheint, schwierig ist, und das, was schwierig erscheint, unmöglich ist. Sollte das Problem trotzdem mit immensem Aufwand gelöst werden, stellt sich im Nachhinein heraus, dass es eine ganz einfache Lösung gegeben hätte.
Als ich den Kneipenbesuch erwähnte und auf diese hochphilosophischen Themen kommen wollte, begann Frau Zühlke von ihrem geschiedenen Mann zu erzählen, der auch jeden Abend in die Kneipe gegangen war.
„Liebe Irene“, unterbrach ich sie daraufhin, „seit wir diesen China-Auftrag haben, sitzen wir täglich bis zu zwölf Stunden in der Firma. Einer unserer Zulieferer ist abgesprungen, und bei einem anderen hat sich herausgestellt, dass seine Komponenten keine BG-Abnahme haben. Das bedeutet, dass wir jedes einzelne Gerät nochmal abnehmen lassen müssen, weil der ‘Deutschmeister‘ der Chinesen uns mitgeteilt hat, das die Geräte sonst ‘nicht zur Welt kommen machen werden‘.“
„Was soll das denn bedeuten?“
„Wissen wir auch nicht so ganz genau. Unsere Übersetzer arbeiten daran. Trotzdem sitzen uns die Termine im Nacken. – Aber das ist nur ein ganz kleiner Teil der Gesamtproblematik. Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, dass wir ab und an pünktlich Feierabend machen und uns hierher zurückziehen. Irgendwelche Gesprächsthemen, welche den Job oder Beziehungsprobleme betreffen, sind dann absolut tabu; - genauso soll es an diesem Wochenende auch sein! Ansonsten spielen wir Billard bei Theo in dem Restaurant im Ort, pokern, schauen Actionfilme und essen und trinken gut. Wir haben auch schon gemeinsam gekocht. Beim letzten mal Rehbraten mit Salbei und Lorbeer sowie Burgundersoße! Wir haben dazu fast drei Stunden und schon mal zwei Flaschen Burgunder benötigt, hat aber Spaß gemacht, besonders das anschließende, hochherrschaftliche Tafeln. Horst hatte sechs Flaschen Burgunder mitgebracht, die anderen Komponenten haben wir hier vor Ort beschafft…“
„Wir wär’s denn, wenn wir morgen auch zusammen kochen?“ fiel Frau Zühlke mir ins Wort, „morgen besorgen wir uns schöne Heidekartoffeln und dann mache ich uns Bratkartoffeln.“
„Bratkartoffeln, ja? Und was dazu? Wer soll seine Zeit damit verschwenden, die zu schälen? Ich werde nicht nochmal wegen ein paar Kartoffeln in den Ort fahren! – Wie wär’s denn, wenn ich dich morgen zu Theo in sein Restaurant ‘Zum Karrenbauer‘ einlade? Wir können anschließend an Billardturnier teilnehmen.“
„Haben die da auch vegetarische Gerichte im Karrenbauer?“
„Das nehme ich stark an! – Aber wir wollten doch das machen, was Günter, Horst, Ansgar und ich sonst hier machen.“
„Und was ist das?“
Ich nahm einen erneuten Anlauf.
„Normalerweise nehmen wir im Karrenbauer am Billardturnier teil - Horst hat schon mal den dritten gemacht, vielleicht gelingt mir morgen auch sowas - spielen in der Hütte hier Poker oder schauen uns in aller Ruhe Formel 1 oder ein Paar DVDs an…“
„Ich kann mir vorstellen, was das für welche sind!“ Frau Zühlkes Stimme klang ein ganz klein wenig kiebig.
„Sicherlich liegst du da falsch, liebe Irene, denn Ansgar sammelt Actionfilme, besonders welche mit Chuck Norris. – Ach, ja, bei unserem letzten Treffen hatte Günter Battling Butler, Der General, Der Musterschüler und Steamboat Bill Jr. von Buster Keaton mit. Das war sowas von genial, wir sind gar nicht zum Pokern gekommen.“
„Kenne ich nicht, Buster Keaton. - Mein geschiedener Mann hat auch immer Krimis geguckt…“
Ich ließ das, was Frau Zühlke mir von ihrem geschiedenen Mann erzählte, von mir abprallen wie ein Hohlladungsgeschoss von einer Aktivpanzerung.
„Was hältst du denn davon?“, fragte sie plötzlich, während ich dabei war, hart darüber nachzudenken, schon jetzt in die Kneipe zu gehen.
„Wovon?“
„Das diese blöde Krimiguckerei Zeitverschwendung ist. Am Ende werden die Verbrecher ja doch alle gefasst, das ist wie in richtigen Leben.“
„Das glaubst du! Bis heute weigern sich die ‘juristischen Kapazitäten’ an den perfekten Mord zu glauben, weil die Kreativität des perfekten Mörders die eines jeden Menschen, der sich zur Juristerei herablässt, um ein vielfaches übersteigt. Das Ergebnis sind Friedhöfe voller Opfer perfekter Morde. Da hierüber keine Statistik geführt werden kann, kommen selbst als kompetent geltende Juristen zu dem Schluss, dass es den perfekten Mord nicht gibt.“
„Ach, du spinnst doch! – Wollen wir nicht lieber ein Bisschen spazieren gehen?“
In mir machte sich der Wunsch breit, meine bislang brachliegende Kreativität in einem Mord an Frau Zühlke umzusetzen; - einem perfekten Mord.
Alles nur eine Frage der Planung.
„Ja, liebe Irene.“ Ich zündete mir wieder einen Zigarillo an, „wie gesagt möchte ich dich jetzt gerne zu einem Spaziergang in die Kneipe und auf ein Bier in derselben einladen. Anschließend können wir es uns ja hier noch ein wenig gemütlich machen und genussvoll ein gutes Fläschchen Single Malt leeren, während wir unseren Emotionen freien Lauf lassen.“
„Ich trinke doch keinen Alkohol! Du kannst deinen Whisky ja auch im Haus trinken, wenn du deinen Zigarillo aufgeraucht hast, aber pass auf, dass dir kein Glas umkippt und tritt dir die Füße ab, wenn du wieder rein kommst! Ich habe gerade sauber gemacht.“
Diese Reaktion interpretierte ich dahingehend, dass Frau Zühlke nicht in der angemessenen Seelenlage für eine heiße Nacht war und ging alleine in die Kneipe.
Als ich dort eintraf, wurde gerade eine Verlobungsfeier absolviert. Alle waren vergnügt und für diese Nacht vergeben, zudem war der Flipper nicht bespielbar, weil man auf ihm ein Kuchenbuffet errichtet hatte, was sich aus der Situation heraus weiterhin dämpfend auf meine ohnehin angeknackste Gemütslage auswirke.
Nach zwei spendierten Bieren und einer vom Bräutigam höchstpersönlich angebotenen und gerauchten Zigarette ging ich wieder zurück zum Ferienhaus.
Dort lag Frau Zühlke unter einer leicht verrutschen Wolldecke, die eine Jogginghose und ein T-Shirt teilweise verdeckte, auf der Couch. Sie hatte die Augen zu, den Mund leicht geöffnet und atmete ruhig und gleichmäßig. Auf dem Bildschirm lief einer mit qualmender Pechfackel einen Strand entlang. Die Atmosphäre verströmte fast soviel Sexappeal wie Binderfarbe während des Trocknungsvorgangs.
Gerne hätte ich aus dieser Situation heraus noch einen Thriller, Krimi oder Western geguckt, aber dann wäre Frau Zühlke mit Sicherheit wach geworden und hätte mir einen Vortrag gehalten.
Ich richtete Frau Zühlke behutsam die Wolldecke, dass sie sich nicht erkälten möge, schaltete den Fernseher aus und ging in dem, was normalerweise als Kinderzimmer genutzt wird, Schlafen.

Gefühlte zwanzig Minuten später wurde ich dadurch wach, dass jemand mit etwas hartem auf einem Topfdeckel herumdrosch wie der Schlagzeuger einer Heavy-Metall-Band auf seinen Becken; - aber einer der sich zugedröhnt auf einem Horrortrip befand.
Natürlich Frau Zühlke!
Als ich mich ein wenig bewegte, schloss sie sicherlich daraus, dass ich bereits hellwach, guten Willens und voll aufnahmefähig war. Was sie mir erzählte, bekam ich nur rudimentär mit, aber als sie des Wort ‘Frühstück‘ erwähnte, hievte ich mich aus dem Bett.
In Erwartung eines kultivierten Frühstücks an einem liebevoll gedeckten Tisch mit distinguiertem Tischgespräch mit adäquatem Wortschatz ging Duschen, Zähneputzen und Anziehen flott voran; - doch dieses Frühstück zeichnete sich ab wie die Pokerpartie in einem guten Western: Wenn du denkst, du hast vier Asse und es kann nichts passieren, hat der andere eine Smith & Wesson.
Statt Kaffee hatte Frau Zühlke roten Früchtetee der Sorte zubereitet, die ich aus Schullandheimzeiten noch in übelster Erinnerung habe. Ansonsten sah der Frühstückstisch so aus wie das Armaturenbrett einer Mikojan-Gurewitsch MiG-15, Frau Zühlke hatte das Geschirr offenbar nach dem Zufallsprinzip auf dem Tisch verteilt. Sogar Käse, Wurst und Schinken lagen noch in ihren schluderig aufgerissenen Verpackungen.
„Den Tee habe ich im Schrank gefunden. Ist außerdem viel gesünder für dich, als diese ewige Kaffeetrinkerei, die bringt nur den Blutdruck in die Höhe. Du wirst nochmal einen Herzinfarkt bekommen! Sei mir dankbar, dass ich an deine Gesundheit denke!“
„Ja, liebe Irene, aber ich dachte immer, Sekretärinnen sind Weltmeister im Kaffeekochen.“
Anstatt des distinguierten Tischgesprächs brach während des Frühstücks ein Vortrag über die Vorurteile der Machos, Herzinfarkte und Früchtetee über mich herein, wie die Wassermassen in das Unterland der Möhnetalsperre nachdem die 617th Squadron der britischen Luftwaffe den legendären Angriff mit Rollbomben erfolgreich auf die Sperrmauer durchgeführt hatte.
Zwei Tassen ‘Tee‘ lang ertrug ich diesen Vortrag, aber dann äußerte ich den Wunsch nach einem ordentlichen, englischen Frühstück, wie wir es traditionell an unseren Herrenwochenenden zubereitet und eingenommen hatten.
„Dann mach‘ doch son Frühstück“, zischte Frau Zühlke, „da bin ich aber gespannt! Hast du denn die Zutaten dafür?“
„In weiser Voraussicht habe ich die notwendigen Ingredienzien für ein ‘British Breakfast‘ beschafft“, nickte ich, „schließlich wollen wir, liebe Irene, dieses Wochenende so verbringen wie wir in unserer Herrenrunde es auch zu tun pflegen. - Allerdings haben wir statt Tee Kaffee getrunken, was von Ansgar, dem etikettebewussten Mitglied der sozialen Mittelschicht, als Verstoß gegen die englische Frühstückstradition gesehen wurde.“
„Ihr Fertigungsplaner seid doch verrückt! Viel zu wenig spontan, alles muss geplant und organisiert werden!“
„Stimmt. Wir gehen mit der Ressource ‘Zeit‘ in der Tat etwas sorgfältiger um, als die Normalos. Je weniger Zeit wir für den Einkauf verplempern, desto mehr Zeit haben wir nachher um uns zu erholen! – So, und jetzt mache ich uns British Breakfast!“
Das tat ich dann auch. Während die Kaffeemaschine wunderbar duftenden, aromatischen Kaffee produzierte, briet ich Frühstücksspeck, Rühreier, in Scheiben geschnittene Blutwurst und Champignons. Die dazugehörigen Tomaten hatte ich bewusst vergessen, ebenso die Erschwernis für ein schmackhaftes, kräftigendes Frühstück; - nämlich das Frau Zühlke Vegetarierin ist.
Das unausbleibliche Desaster wegen des Specks fand während des Frühstücks statt.
Frau Zühlke hielt mir einen Vortrag über krebserregende Stoffe in gebratenem Speck, die Tatsache, dass sich Salmonellen in Eiern und nach deren Genuss in menschlichen Gedärmen sehr wohl fühlen und man daran sterben kann, sowie Hühnerhaltung auf Bauernhöfen. Weil ich ihr nicht verriet, dass das, was allgemein als ‘Black Pudding‘ bezeichnet wird - und ihr, nebenbei bemerkt, ausgezeichnet mundete – im Grunde gebratene Blutwurst ist, gab sie sich nur ein ganz klein wenig ungehalten. Sie beanstandete, dass ich die Brown Sauce zum Würzen nicht selber gemacht und die Baked Beans einer Dose entnommen hatte.
Hin und weg war sie allerdings von dem Toast mit der Olde English Thick Cut Marmalade, bestehend aus Orangen und Zitronen, was den Verlauf des Frühstücks nebst Vortrag nicht ganz so grausig werden ließ.
Als ich des Geschirr nach Frühstück und Vortrag körperlich gestärkt, jedoch geistig und seelisch erschöpft, abräumte und in die Küche trug, wollte sie sich sogleich über den Abwasch hermachen und anschließend mit mir durch die Heide joggen. Das konnte ich nur verhindern, indem ich ihr versprach, den Abwasch alleine zu erledigen, während sie stumpfsinnig mit hochrotem Kopf und verzerrten Gesichtszügen in der Heide rumlaufen sollte. Ich wollte mich derweil hier in die Sonne setzen, eins der Bücher lesen, welche die Vormieter dieser Hütte freundlicherweise hinterlassen hatten, dabei eine Zigarre rauchen und mich emotionell auf das Billardturnier bei Theo heute Abend vorbereiten.
„Wie, Billard?“
„Theo, welcher der Wirt des Karrenbauers ist, und zudem einige Ferienhäuser besitzt, in deren einem wir zurzeit weilen, hat für heute ein Billardturnier angesetzt. Selbstverständlich nur für handverlesene Teilnehmer auf seinem wunderbaren, privaten Brunswick Windsor-Tisch mit Perlmuttmarkierungen im Bandenrahmen sowie exquisiten, handgefertigten Einlegarbeiten.
Günter, Horst, Ansgar und ich haben das Startgeld bereits beim letzten Mal entrichtet. Es wäre schade, wenn es komplett verfällt, du solltest für wenigstens einen der Herren einspringen. Vergiss nicht, dass ich dich für heute Abend in eben dieses Restaurant zum Essen eingeladen habe. Vergiss weiterhin nicht, liebe Irene, dass wir traditionell am Samstagabend, wenn wir hier sind, dort Billard spielen. - Ich erwähnte es bereits!“
„Ich kann kein Billard. Na, mal sehen…“
Sie ließ sich gnädig dazu herab, über diese Einladung nachzudenken und rannte mit wippenden Brüsten los.
Es wäre unhöflich gewesen, ihr nicht einen kleinen Moment nachzusehen.
Gefühlte zwei Stunden und einen halben Krimi später war Frau Zühlke wieder da und erzählte voller Begeisterung von den netten Leuten zwei Häuser weiter. Die hatte sie beim Joggen kennengelernt, ganz reizende Menschen, medizinische Bademeister und Fußpfleger, und das die uns heute Abend zum Grillen eingeladen hatten.
„Ich denke, du bist Vegetarierin.“
„Natürlich bin ich Vegetarierin! Aber Christine besorgt für mich Auberginen, Zucchini, Paprikaschoten, Cocktailtomaten und so. Wir machen dann Gemüsespießchen daraus. Soll ich sie mal fragen, ob sie mir das Rezept gibt? Dann könnt ihr beim nächsten Mal, wenn ihr hier seid, auch Gemüsespießchen grillen. Das ist sehr gesund!“
„Um Gottes Willen! Richtige Männer grillen doch keine Gemüsespießchen! – Außerdem brauchen wir für sowas kein Rezept! Wenn wir grillen, dann was Anständiges, Irish-Coffee-Steaks zum Beispiel.“
„Wie, Irish-Coffee-Steaks?“
„Naja, Horst hat da den Bogen raus, was die Marinade für die Rib-Eye-Steaks betrifft. Diese besteht aus lauwarmem Kaffee, recht viel Whisky, Pfeffer, Tabasco, Chili, Zitronenschalen, - ich hab‘ das alles nicht so im Kopf. Das ist, wie gesagt, Horst seine Spezialität.“
„Hört sich grauenhaft an.“
„Im Gegenteil, das sind die besten Steaks, die ich je gegessen habe! – Und jetzt halt mir bitte keinen Vortrag über Krebs erregende Stoffe!“
„Ich wollte dir doch nur helfen! – Was ich noch sagen wollte: Christine veranstaltet heute Abend in dem hiesigen Fitnesscentrum einen Schnupperkurs Wassergymnastik.“
„Was, am Sonnabend Abend?“
„Ja, das ist doch toll! Ich hab ihr von dir erzählt, und dass du übergewichtig bist. Sie hat uns persönlich eingeladen. Lass doch dein blödes Billardturnier sausen und komm mit zur Wassergymnastik, du musst mal was für deine Gesundheit tun!“
Ich muss ein Geräusch wie ein Gärbottich kurz bevor er platzt von mir gegeben haben, denn Frau Zühlke wich mit einem Gesichtsausdruck zurück, wie ihn die Leute von Bugs Moran mit Sicherheit in das Halbdunkel der Tiefgarage in Chicago am Valentinstag 1929 gelegt hatten, kurz bevor sie von Al Capones Leuten niedergeschossen worden waren.
„Reg‘ dich nicht auf! Du musst deine Aggressionen mal besser in den Griff kriegen! Ich hab’s doch nur gut gemeint! Denk‘ an deinen Blutdruck! Langsam fange ich an, mir Sorgen um dich zu machen! Wollen wir mal eben zu Christine gehen, die hat ein Blutdruckmessgerät…“
Ich zählte innerlich bis drei während sie sprach und antwortete ganz ruhig:
„Erstens gehe ich heute nirgendwo anders hin, als zum Billardturnier bei Theo, und zweitens bin ich nicht hierhergekommen, um unter Anleitung einer Frau mit dir im Wasser rumzuhüpfen. Drittens habe ich dich zum Essen eingeladen…“
„Das können wir ja immer noch machen, aber wann hat man schon mal die Gelegenheit, unter professioneller Anleitung Wassergymnastik zu machen; - noch dazu umsonst? Du musst mal flexibler werden!“
„Viertens“, fuhr ich fort, „finde ich es hundsmiserabel, dass du fremden Leuten von meiner Leibesfülle erzählst und mich - fünftens - ohne mein Wissen für irgendwelche Wasserplanschereien einplanst.“
„Mein Gott, bin ich froh, dass ich nicht mit dir verheiratet bin! – Du musst mal gelassener werden! – Übrigends“, fuhr Frau Zühlke gnadenlos fort, “Christine veranstaltet auch Wochenendseminare ‘Heilfasten‘ mit einem ‘Grundkurs in Tai Chi Chuan‘. Wir müssen da mal mitmachen um dich mal richtig zu regenerieren. Ich meine, weil wir hier so opulent essen und du sowieso zu dick bist.“
„Sechstens hasse ich es, wenn ich dauernd von einer Frau erzählt kriege, was ich tun muss!“
„Sei doch nicht gleich so empfindlich. – Es ist doch noch so schön früh am Tag. Wir können doch noch was zusammen machen, bevor du zu deinem Billardturnier gehst.“
Ich schöpfte neue Hoffnung, was die heiße Nacht betraf; - sowas kann man auch auf den Nachmittag verschieben; - vor dem Billardturnier!
Es wäre sogar noch Zeit gewesen, anschließend mit Frau Zühlke gepflegt essen zu gehen, alles nur eine Frage der Planung. Doch Frau Zühlke fuhr feinfühlig und sensibel wie ein russischer Panzerfahrer fort:
„Ich habe in dem Haus ein Scrabble-Spiel entdeckt. Das wäre doch mal was! Habe ich ewig nicht gespielt. Mein geschiedener Mann und ich, also wir haben anfangs auch…“
„Scrabble? – Das habe ich seit den Schullandheimzeiten nicht mehr gespielt!“
„Na, das ist doch toll! Dann wird es mal wieder Zeit!“
„Wir haben allerdings derzeit zu nächtlicher Stunde mit den Mädels heimlich Strip-Scrabble gespielt. Wollen wir das jetzt auch tun?“
„Wie, Strip-Scrabble?“
„Naja, wenn ich 21 oder mehr lege, legst du ein Kleidungsstück ab. Und umgekehrt.“
„Du hast sie wohl nicht mehr alle!“
„Na, gut! – Dann werde ich mal kurz duschen und mich umziehen.“
Das tat ich. Als ich wieder raus kam, mit der Whiskyflasche in der Hand, brach Frau Zühlke unverhofft in schrilles Gelächter aus; - ich hatte einen Vortrag über Alkoholismus erwartet.
„Du siehst ja aus wie der Obermafioso aus Chicago, so mit Jacke, Weste und Fliege!“
„Wie meinen? – Ach, so. Ich trage ganz normale Billardkleidung. Billard – ein Präzisionssport – wird unter kultivierten Menschen allgemein ‘The Gentleman’s Sport‘ genannt, was angemessene Kleidung erfordert. Während des Turniers legen wir alle Wert auf korrektes Outfit und gepflegte Umgangsformen.“
„Ah, ja. – Ist die Jacke beim Billard nicht hinderlich?“
„Selbstredend legt der distinguierte Billardspieler das Jackett ab, bevor er an den Tisch tritt.“
Ich goss mir einen Whisky ein.
„Möchtest du ausnahmsweise auch einen? Edler Single Malt, 14 Jahre alt. Trocken, rauchig, delikat. Sein dezentes Torf-Aroma ist harmonisch und rund, der Geschmack sanft und lang anhaltend. Ein idealer Single Malt zur Vorbereitung auf ein Billardturnier.“
Ich nahm genüsslich einen Schuck in den Mund.
„Du weißt genau, dass ich keinen Alkohol trinke!“
„Übrigends“, sagte ich leise und mit einem Lächeln, „Billard ist - außer Tanzen, sofern Tanzen überhaupt Sport ist - so ziemlich der einzige Sport, bei dem der Ausübende auch gut aussieht! - Das ist sicherlich auch in deinem Sinne!“
Frau Zühlke grübelte sichtbar, winkte dann aber doch ab und zeigte mir den Vogel.
„Tja, wenn das so ist…“, mit einem weiteren Schluck leerte ich das Glas, brachte Flasche sowie Glas in die Küche und sah zur Uhr.
„Na, dann will ich mich mal auf den Weg machen! Ich denke, wenn ich rechtzeitig ankomme, kann ich mich vor dem Turnier noch ein wenig warm spielen“, sagte ich im Vorbeigehen, „du kannst ja nachkommen, wenn die Wasserplanscherei zuende ist.“
„Mal sehen“, sagte Frau Zühlke, und sie schlug die Beine lasziv übereinander, „vielleicht ergibt sich heute Nacht ja noch etwas Schönes.“
Ich schöpfte wieder mal neue Hoffnung, was die heiße Nacht betraf, aber Frau Zühlke gab mir noch einige gute Ratschläge zum Billard mit auf den Weg.
Ich sollte man vor dem Turnier nicht saufen, sondern sticken! Sticken beruhigt die Nerven, und sie hätte mir gern ein florales Stickmuster mitgebracht, wenn sie das gewusst hätte.
Irgendwie machte sich in mir das Gefühl breit, die Flucht zu ergreifen; - oder zumindest einen geordneten Rückzug anzutreten, wie die Deutschen Truppen Anfang November 1942 bei Al Alamain, nachdem die Briten Rommels Stellungen durchbrochen hatten.

Als ich bei Theo eintraf, machte sich das Gefühl in mir breit, dass es doch noch ein guter Tag werden würde, denn auf dem Tisch neben der Tür zum Billardsalon standen bereits die Pokale für das Turnier. Vielleicht hatte Frau Zühlke doch recht mit ihrer Philosophie, die beinhaltete, dass, wenn dir etwas Schlimmes zustößt, sich kurze Zeit darauf etwas Schönes ereignen wird, was das Schlimme wieder aufhebt.
Theo wollte sogleich wissen, wo denn die schöne Frau sei, die für meine Kumpels beim Billard einspringen wollte.
„Häh?“
„Günter hat angerufen und von der Sache mit der Fischvergiftung in eurer Firma erzählt, und dass eine schöne, junge Dame einspringen wird. Wo ist sie?“
„Zur Wassergymnastik. Erschwerend kommt hinzu, dass sie nicht Billard spielt, nicht raucht, keinen Alkohol trinkt und Vegetarierin ist.“
„Ach du meine Güte! Ein Leben ohne Billard ist zwar möglich, aber es lohnt sich nicht! – Halt‘ mal bitte einen Moment, ich komme gleich wieder.“
Theo drückte mir eine Präzisionswasserwaage in die Hand und zückte sein Telefon. Irgendjemandem erklärte er, dass überraschend noch ein Platz frei geworden war. Ich guckte mir derweil die Pokale an. Billardspieler aus Gold, Silber und Bronze, auf Sockeln aus Jade. Sehr schön, so ein Pokal würde sich gut in meiner Schrankwand machen.
Ich hatte Theo vor vielen, vielen Jahren kennen gelernt, als er noch eine Gaststätte mit Billardtisch im Nebenzimmer betrieben hatte. Als er den ‘Karrenbauer‘ übernahm, rüstete er als erstes das ‘Jagdzimmer‘ zum Billardsalon um.
„Irgendwie“, meinte Theo irgendwann mal, „kann ich dieses sogenannte ‘edle Weidwerk‘ nicht ab! Wie kann man Freude an etwas finden, was mit einem Tötungsakt endet und dabei noch launige Lieder singen?“
Er schmiss das ausgestopfte Viehzeug und die Geweihe an den Wänden raus und täfelte den Raum passend zu seinem Windsor-Tisch in Kastanie.
Die Wände zierten fortan klassische Salonbilder und die Portraits bekannter Billardspieler; - von Ludwig XIV., der jeden Abend Billard spielte, bis hin zu Ralph Eckert, dem Word Champion in Artistik und Trickstoß und Eckard Schäfer, dem zweifachen Deutschen Poolbillard-Meister; - dessen Konterfei sogar mit Signatur.
Kleine Zweiertische mit Ständern für die Queues luden die Dame und den Herren zum Verweilen und Cognac-, oder Likörtrinken ein, bis der Tisch frei wurde.
„So“, Theo klappte sein Telefon zusammen und kam wieder, „da kommt heute ein Neuer. Wir werden sehen. – Ich war gerade dabei, das Turnier vorzubereiten. Hilfst du mir mal eben mit dem Tisch? Ich glaube der hängt hinten links etwas.“
„Na klar!“ Ich folgte Theo in den Billardsalon und legte die Präzisionswasserwaage hinten links auf den Tisch.
„Tatsächlich“, sagte Theo, „einen Millimeter! Das geht überhaupt nicht“, er reichte mir einen Sechserschlüssel, „bitte eine halbe Umdrehung im Uhrzeigersinn.“
Das tat ich, aber damit war es nicht getan, die anderen Füße mussten auch justiert werden, bis Theo nickte und „perfekt“ murmelte.
„So, dann wollen wir doch mal! Such‘ dir ein Queue aus.“
Während ich mir eins der Standardqueues für Besucher aussuchte und meine Uhr auf die Ablage unter dem Ständer legte, baute Theo die Kugeln auf, hob den Triangel ab und stieß an.
Die Kugeln lagen danach so gleichmäßig verteilt auf dem Tisch wie die Einschläge aus einer sauber geflogenen Bomberformation.
Zwei Runden zum Einspielen, Theo, der Meister des Queues, gab mir die Ehre.
Es ging noch nicht darum, zu gewinnen, es ging darum, zu genießen, in die Stimmung für das anstehende Turnier zu kommen. Die Kugeln polterten nicht in einen Ballrücklauf wie in dem Billardtisch im Hinterzimmer einer Kneipe; - sie fielen mit sanftem ‘Knack‘ in Taschen aus Leder. Dezente Salonmusik, gespielt vom Bremer Kaffeehausorchester, begleitete uns dabei.
Theo war der Ansicht, dass das Bremer Kaffeehausorchester das einzig Bedeutsame sei, was meine Heimatstadt je hervorgebracht hatte. Ich erinnerte ihn daraufhin des guten Bremer Bieres, der Cornflakes und des Wracks der Hansekogge, welches im Bremerhavener Schifffahrtsmuseum zu besichtigen ist, nachdem es weltweit für Aufsehen gesorgt hatte.
„Bremen ist, nebenbei bemerkt“, fügte ich mit erhobenem Zeigefinger hinzu, „international bekannt als bedeutender Luftfahrt- und Weltraumtechnologiestandort. Die Endmontage der Airbusflügel findet in Bremen statt, ebenso entstehen Module und Bauteile für weltraumtaugliche Laboratorien, Trägerraketen und Satellitensysteme in Bremen; - nicht zu vergessen die wunderbare Bremer Schokolade!“
Außer Hermann Löns, dem subalternen Heidesentimentalisten, mit dem mich meine debile Lehrerein in der Grundschule permanent abzunerven pflegte, hatte Theo dem nichts entgegen zu setzen, aber das entspannte Blödeln war zum Erlangen einer ausgeglichenen Gemütslage ungemein förderlich.
„Tja“, meinte Theo nach der zweiten Partie, „dir fehlt nur noch ein wenig Übung und eine ausgeglichene Gemütslage…“
Ich dachte an Job und Frau Zühlke und nickte nachdenklich.
„Und noch eins“, fuhr Theo fort „du bewegst dich zu wenig! Anstatt für einen einfachen Stoß um den halben Tisch zu laufen, bleibst du stehen und versuchst einen komplizierten Stoß. Das geht leider öfter schief!“
„Eigentlich“, sagte ich, „bin ich zum Billard hergekommen, und nicht zum Wandern! - Aber ich werde nachher dran denken!“
Gern hätte ich die Kugeln wieder aufgebaut, aber die ersten Turnierteilnehmer trafen ein, und Theo ging begrüßen. ‘Kurt the Queue‘, der örtliche Tierarzt kam wie immer in Begleitung von ‘Longshot Willi‘, dem Besitzer des hiesigen Spielwarengeschäfts.
Gegen ‘Kurt the Queue‘ hatte niemand aus unserer Runde eine ernsthafte Chance, meistens machte er und ‘Longshot Willi‘ den ersten und zweiten unter sich aus. ‘Longshot Willi‘ war nahezu unschlagbar, wenn es um lange Stöße ging, bei kurzen spielte er eben über eine Bande, ‘damit es mehr Spaß macht‘.
Die beiden gingen nach der Begrüßung nochmal schnell an die Theke, wo schon einige andere Teilnehmer der Billardrunde saßen, um das eine oder andere Zielwasser zu sich zu nehmen.
Und dann erschien die ‘Weiße Lady‘!
Brigitte, die Bankerin, wir hatten während der vorigen Turniere schon öfter gegeneinander gespielt, meistens hatte ich verloren, aber sie hatte nie triumphiert, nur milde gelächelt, - und sie hatte mich, wenn sie mir Platz zum nächsten Stoß am Tisch machte, hin und wieder mit dem Busen berührt; - etwas deutlicher als eine zufällige Berührung…
„Würden sie vor dem Turnier eine Kleinigkeit mit mir essen?“ fragte ich, während ich ihr den weißen Köcher, der ihr ebenso weißes Queue beinhaltete, abnahm und aus dem weißen Mantel half, „wir haben noch reichlich Zeit dazu.“
„Gerne“, lächelte sie mit schneeweißen Zähnen.
Ich geleitete die ‘Weiße Lady‘ zu einem Tisch im Restaurant, rückte ihr einen Stuhl zurecht, und legte, nachdem sie sich gesetzt hatte, ihren Köcher auf einen weiteren Stuhl.
Unabhängig voneinander bestellten wir den Grillteller und ein Rauchbier dazu.
Eine begehrenswerte Frau, eine Kerze auf dem Tisch, dezente Salonmusik, Speis und Trank vom Feinsten; - eine Atmosphäre zum Wohlfühlen, obwohl wir uns beim Essen nur kurz über unsere Jobs, dass meine Kumpels wegen einer dezenten Fischvergiftung diesmal leider nicht hatten kommen können und ausgiebig über das bevorstehende Turnier unterhielten. Wir wollten während der ersten Runde ein Team bilden.
Ich freute mich schon drauf, während wir gemessenen Schritts in den Billardsalon gingen und an einem der Zweiertischchen Platz nahmen, unter dem Bild von Napoleon und Josephine wie sie Billard spielten. Die ‘Weiße Lady‘ trug ein ähnliches langes, weißes Kleid wie Josephine auf dem Bild. Ein Playboypfiff zerschnitt das leise Murmeln der Teilnehmer, die bereits an den Tischen Platz genommen hatten.
Der Pfiff musste von dem Kerl gekommen sein, der Breitbeinig gegenüber saß und ein Predator Blak - Queue demonstrativ vor sich auf dem Tisch liegen hatte. Neben ihm saß ‘Die schöne Lilofee‘, eine Waldorfschullehrerin, die stets den Eindruck erweckte, dass das was sie tat, im Trance zu tun. Seltsam war, dass sie sehr gut Billard spielte, vielmehr vermutete man sie bei tranzendaler Meditation oder wie sie hungernden Kindern Brot brachte.
„Den habe ja noch nie gesehen“, sagte die ‘Weiße Lady‘ leise, „was hat Theo sich bloß dabei gedacht, sowas hier rein zulassen?“
„War wohl ein Notfall“, sagte ich, „darf ich?“
Ich tippte kurz auf den Köcher der ‘Weißen Lady‘ und machte eine Handbewegung, als schraubte ich ihr Queue zusammen.
„Gerne.“
Das bedeutete einen hohen Grad an Vertrautheit; - mein Meister damals, als ich noch Lehrling war, sagte stets: „Verleihe nie dein Messgerät – es sei denn, du vertraust dieser Person wie dir selbst“.
Sehr sorgsam schraubte ich das schneeweiße Joe Pechauer-Queue der ‘Weißen Lady‘ zusammen, kreidete die Pomeranze und stellte es in den Ständer neben unserem Tischchen.
„Wollen wir vorher noch einen Scotch trinken?“, fragte die ‘Weiße Lady‘.
„Sehr gerne! Ich hole uns mal eben welche“, sagte ich und stand auf.
Brigitte, die ‘Weiße Lady‘!
Wir würden gemeinsam gewinnen, und später um den ersten und zweiten Platz spielen, aber es war nicht wichtig wer den Ersten machte, wir wollten anschließend für uns sein, uns überall küssen … überall …
„Hey, pass doch auf! Das Queue ist handgemacht, hat tausend Euro gekostet!“
Der Neue! Ich war ganz in Gedanken an seinen Queue gestoßen, als ich mit den Stompern in der Hand zurückkam.
„Ja, und es wird krumm, wenn es auf dem Tischchen liegt“, sagte ich, „dafür gibt’s hier Ständer.“
Ich ging einfach weiter, stellte die Gläser auf unseren Tisch und setzte mich.
Zum Trinken kamen wir nicht, denn Theo startete das Turnier, die ‘Weiße Lady‘ und ich spielten als erste gegen ein Damenteam.
Die beiden Damen, spielten wie ein Vickers .303-MG; - langsame Schussfolge aber hohe Treffsicherheit. Nervend war nur, dass sie fast jeden Schuss, mit „guter Stoß“, „etwas mehr Puff“ oder „falsch angeschnibbelt“ kommentierten, wenn eine Kugel nicht so lief wie angedacht, kreischten wie Teenager auf der Achterbahn und wenn eine Kugel in eine Tasche fiel, „Plumps!“ riefen. Während des Spiels standen sie sich gegenseitig im Weg rum.
Trotzdem versenkte die ‘Weiße Lady‘ die ‘schwarze 8‘ als die Damen noch zwei Kugeln auf dem Filz hatten.
Lächeln und Handschlag.
Wir gingen zu unserem Whisky und stellten die Queues in den Ständer.
„Cheers!“ sagte die ‘Weiße Lady‘.
„Cheers!“
Während die anderen Teams spielten, tranken wir genussvoll und schauten entspannt zu. Nachdem die letzten Teams die erste Runde gespielt hatten, holte ich uns noch einen Scotch.
Wir stießen an, zeitgleich mit ‘Kurt the Queue‘ gegen ‘Banden Ehrhard‘ auf dem Tisch.
Die beiden lieferten sich ein Duell, ähnlich wie ‘Eddie Felson‘ gegen ‘Minnesota Fats‘ in ‘Haie der Großstadt‘. Obwohl Kurt die Partie gewann, bekamen beide Applaus; - es lief hier etwas anders als bei dem gemeinen Fußballfan, der den Verlierer mit Häme überschüttet.
Als ‘Banden Ehrhard‘ nach dem Handschlag etwas deprimiert zu seinem Platz ging, stellten wir fest, dass wir uns an den Händen gehalten und fasziniert zugeschaut hatten.
Das nächste Spiel verfolgten wir auch, und das nächste und zwei weitere, aber wir schauten uns mehr in die Augen als auf das Spielfeld.
Und dann spielte der Neue. Er spielte gut, aber was die Atmosphäre störte war, dass er seinem Gegner nach dem Stoß laufend Ratschläge gab.
„Bandenspiel muss geübt werden!“ und „Der hätte mit Stoppball gespielt werden müssen!“
Leider gewann der Neue, kehrte zu der ‘Schönen Lilofee‘ zurück und begann ihr zu erzählen, wie er in England Snooker gespielt hatte, und dass Pool dagegen ein Kinderspiel sei.
Und dann war ich dran, gegen die ‘Schöne Lilofee‘.
Die ‘Schöne Lilofee‘ spielte so langsam, als liefe sie durch Melasse, immer mit träumerisch-verklärtem Gesichtsausdruck und immer den Blick auf dem Spielfeld. Nichts schien sie zu stören, sie spielte wie ein sowjetischer Scharfschütze während der Schlacht um Stalingrad, ruhig und präzise setzte sie ihre Schüsse, versenkte eine Kugel nach der anderen.
Bald war ich drei Kugeln im Rückstand und die ‘Schöne Lilofee‘ spielte bereits auf die Schwarze. Ich begann mich mit dem Gedanken vertraut zu machen, bereits in der zweiten Runde auszuscheiden, da erkannte ich eine winzige Chance: Zwischen einer meiner Kugeln, der ‘schwarzen 8‘ und einer Ecktasche war nur knapp jeweils eine Handbreit Platz. Mit einem sanften Stoß an meine würde diese die ‘8‘ vor das Loch rollen lassen. Zuviel, und ich würde die ‘8‘ in die falsche Tasche versenken, zu wenig, und sie wäre leicht wegzustoßen gewesen. Der falsche Winkel hätte die Kugel neben das Loch gebracht.
Das ist das Schöne beim Billard, es gibt keine Zweifelsfälle wie bei dem berühmten "Wembley-Tor" 1966. Entweder die Kugel ist in der Tasche oder nicht.
Während ich kreidete, überlegte und entschloss mich, diesen Stoß zu wagen.
No risk - no fun.
Zielen, ausatmen, Luft anhalten, fünf, sechs Sekunden konzentrieren, stoßen.
Die Weiße lief, unaufhaltsam und geräuschlos. Klack meine, Klack die ‘8‘, und die kam kurz vor dem Loch zum Stehen. Wie geplant.
Einatmen.
Die ‘Schöne Lilofee‘ atmete schwer aus.
Das Gemeine am Billard ist, dass Du wunderbar gespielt haben kannst, mit Können, Übung und Vorausdenken; - eine solche winzige Kleinigkeit kann den Sieg kosten, wie im richtigen Leben.
Die ‘Schöne Lilofee‘ kreidete, gemächlich und gewissenhaft, und sie beugte sich über den Tisch und zielte, langsam und sorgfältig. Dabei drohte ihr linker Busen aus dem Kleid zu springen.
Irgendwann vor langer Zeit soll es ihr mal passiert sein. Ohne mit der Wimper zu zucken hatte sie den Stoß zuende geführt, damit gewonnen und gemurmelt, dass sie beim Billard jegliche Kleidung behindert. Am liebsten würde sie nackt spielen.
Diesmal passierte es nicht.
Ihr Busen sprang nicht aus dem Kleid und sie versenkte die ‘8‘ in der falschen Tasche bei dem Versuch, sie wegzustoßen.
Leiser Applaus. Handschlag. Lächeln. Zurück zum Platz.
Wie in Trance gab ich der ‘Weißen Lady‘ einen Kuss, und sie erwiderte ihn. Lange und anhaltend.
Danach waren wir mehr außer Atem, als nach einem intensiven Spiel. Kein Wunder, dass wir das nächste Spiel kaum realisierten, als der ‘Trickstoß Thomas‘ Applaus bekam, schlugen wir in der Realität auf.
Als letzte der zweiten Runde hatte die ‘Weiße Lady‘ gegen den ‘Blauen Klaus‘ anzutreten.
Und das tat sie auch; - mit leicht verklärtem Lächeln auf der Lippe.
Der ‘Blaue Klaus‘ ist der Zweiradmechaniker am Ort, er trägt seinen Spitznamen, weil er stets in einem gut sitzenden jedoch hoffnungslos altmodischen ‘Guten Dunkelblauen‘ zum Turnier erscheint, mit weißem Hemd und einer mitternachtsblauen Seidenschleife, einem weißen Einstecktuch sowie glatten, schwarzen, wasserpolierten Oxfordschuhen. Ansonsten sah man ihn stets im klassischen ‘Blaumann‘. Wenn er nicht Billard spielte, schraubte er an seiner blauen Harley mit Knucklehead-Motor und hielt jedem, der dabei entlang kam, einen kleinen Vortrag:
„Der Spitznamen ‘Knucklehead‘ entstand aus der California-Chopper Kultur der späten 1960er Jahre. Er ist der dritte Grundtyp des V-Twin Motors von Harley-Davidson. Wenn er richtig läuft, hört er sich an wie ein Mixer voller Schrauben….“
Genauso präzise wie er den Motor einstellte, spielte er auch, und die ‘Weiße Lady‘ hatte es schwer gegen ihn.
Als sie an unser Tischchen zurückkam, mit Siegerlächeln auf ihren Lippen, gab sie mir einen gleichen Kuss, wie ich ihn ihr gegeben hatte. Schwer atmend setzte sie sich ans Tischchen.
„Gehen wir anschließend zu mir?“ fragte sie leise.
„Aber gerne“, antwortete ich ebenso leise und hob mein Glas, „Cheers.“
„Cheers!“
Wir stießen an und tranken einen Schluck.
‘Kurt the Queue‘ eröffnete die dritte Rund gegen ‘Uhren-Bertram‘.
Der ‘Uhren-Bertram’ ist, wie der Name schon sagt, der Uhrmachermeister am Ort. Doch wer glaubt, dass er seine Stöße am Billardtisch genauso präzise setzt, wie er die Räderwerke der mechanischen Uhren behandelt, der irrt. Alles, was ‘Uhren-Bertram‘ ansonsten tut, macht er mit Kraft.
So auch bei diesem Turnier. Er versenkte mit lautem Knall eine Kugel nach der anderen, ‘Kurt the Queue‘ hatte es schwer, gegen ihn mitzuhalten. Die beiden spielten noch etliche Stöße auf die Schwarze, bis ‘Kurt the Queue‘ sie versenkte.
Applaus. Handschlag. Lächeln. Zurück zum Platz.
‘Longshot Willi‘ gegen ‘Jumpshot Harald‘.
Vom ‘Jumpshot Harald‘ wusste niemand genaues, es gibt allerdings die Geschichte von dem Wintergarten, die allerdings aus Rücksichtname unter uns Gentlemen nie öffentlich erzählt wird. Harald und Frauke, seine Lebensgefährtin, wollten sich wohnungsmäßig etwas vergrößern und dann nach langjähriger, trauter Zweisamkeit in einer Zweizimmerwohnung endlich heiraten. Die Sache ließ sich dynamisch an, als sich eine Dreizimmerwohnung mit Wintergarten fand. Man fuhr die Möbel rüber, kaufte ein neues Schlafzimmer, tapezierte die Räume und verlegte neuen Laminatboden in trauter Zweisamkeit.
Und dann hielt eines Tages ein Lastwagen vor dem Haus, und vier starke Männer begannen einen Billardtisch in den Wintergarten zu tragen. Etwa fünf Minuten später hielt ein weiterer Lastwagen vor dem Haus und zwei starke Männer schickten sich an, ein Klavier in den Wintergarten zu schleppen. Für Billard und Piano wäre kein Platz gewesen, und die folgende Diskussion zwischen den beiden Liebenden artete mehr und mehr in Vorwürfe mit wenig feinfühligem Wortschatz aus, weil keiner den anderen über die geplante Nutzung des Wintergartens informiert, geschweige denn ein abwägendes Gespräch darüber mit einvernehmlich Lösung angestrebt hatte. Als sich auch noch eine Nachbarin einmischte - als die starken Männer den Tisch bereits justierten - und androhte, jeden vor den Kadi zu zerren, der sie mit irgendwelchem Klaviergeklimper in ihrem Seelenfrieden zu stören beabsichtigte, stieg Frauke in den Lastwagen, die starken Männer fuhren die Hebebühne, auf dem das Klavier bereits stand, wieder hoch, rollten das Klavier in den Wagen und fuhren mit ihm und Frauke von dannen.
Frauke soll seitdem irgendwo in Mecklenburg-Vorpommern eine Tanzschule betreiben und Klavierunterricht erteilen.
Harald gilt seit dem als etwas einsam, er soll im Wintergarten fast jede Nacht alleine Billard spielen und Jumpshots üben.
Während des folgenden Spiels nützte ihm das nichts, denn ‘Longshot Willi‘ versenkte die Schwarze bevor ein mühsam trainierter Jumpshot angebracht werden konnte.
Als hätte ein kundiger Dramaturg Regie geführt, hatte ich in der nächsten Runde gegen den Neuen anzutreten.
Ich löste mich von der ‘Weißen Lady‘ und sie drückte mir ihr Queue in die Hand.
„Nimm‘ dieses, es liegt gut in der Hand…“
Sie ließ die Worte ausklingen als ich mit ihrem weißen Queue in der Hand zum Tisch ging.
Das weiße Queue der ‘Weißen Lady‘ lag tatsächlich gut in der Hand, etwas schwer für ein Damenqueue, aber mir gefiel es und ich konnte nach dem Anstoß zwei Kugeln hintereinander versenken und dann misslang mir ein Stoß über eine Bande, die Kugel lief auf die Ecke einer Bande; - haarscharf daneben.
„Bandenspiel muss geübt werden!“ tönte der Neue, als erteile er dem amtierenden Meister Unterricht.
Der Neue umrundete den Tisch in der Ganghaltung eines Einzelkämpfers, der im Begriff ist, ein MG-Nest auszuheben und versenkte auch zwei Kugeln hintereinander. „So geht das!“
Wie in einem mittelmäßigen Hollywoodschinken versenkte er mit dem nächsten Stoß eine weitere Kugel und dann die Schwarze; - allerdings zu früh und in die falsche Tasche.
Nein, ich setzte keinen drauf, in dem Sinne wie: ‚Ach, tatsächlich? Na, da habe ich ja wieder was dazu gelernt; - nämlich wie man es nicht macht‘!
Wie es sich unter zivilisierten Billardspielern gehört wollte ich ihm gerade die Hand schütteln, ober er stieß einen abstoßenden Fluch aus, in dem die heilige, genotzüchtigte Jungfrau in lästerlicher Weise vorkam. Es hätte nicht viel gefehlt und er hätte sein Tausendeuroqueue über dem Knie durchgebrochen.
Ich zuckte die Achseln, ging zu unserm Tischchen, stellte das weiße Queue in den Ständer und küsste die ‘Weiße Lady‘.
Eigentlich hatte ich nur Glück gehabt, mit der ‘Weißen Lady‘ genauso, aber bevor ich mir darüber Gedanken machen konnte, standen wir am Tisch; - diesmal gegeneinander.
Es war faszinierend, wie die ‘Weiße Lady‘ Billard spielte. Sie glitt um den Tisch wie eine Kambodschanische Himmelstänzerin.
Diese Apsaras sind der Hinduistischen Schöpfungsgeschichte nach halb Frau, halb Göttin; - aus dem Schaum des Milchmeeres auferstanden. Genauso waren ihre Bewegungen, genauso setzte sie ihre Schüsse, langsam, anmutig, fließend. Sie versenkte keine Kugel, die Kugeln verneigten sich vor ihr und zogen sich in die Taschen zurück, zuletzt die ‘8‘, als von mir noch zwei Kugeln auf dem Filz lagen.
Statt des obligaten Händedrucks küssten wir uns innig, und wir vermochten nicht zu sagen, wem der leise, aber innige Applaus galt.
Die ‘Weiße Lady‘ blieb am Tisch stehen, während ich mit windelweichen Knien zum Tischchen ging.
Die ‘Weiße Lady‘ spielte in der nächsten und damit vorletzten Runde gegen ‘Kurt the Queue‘ und verlor. Das richtige Leben ist doch etwas anders als ein mittelmäßiger Hollywoodschinken, sie kam mit leicht hängenden Schultern und traurig herabgezogenen Mundwinkeln zurück, stellte ihr Queue ab, sagte: „Tja, so ist das Leben!“, ergriff ihr Whiskyglas und murmelte: „Vielleicht beim nächsten Mal. - Cheers!“
„Cheers.“
Wir tranken, und das genussvoll, während ‘Kurt the Queue‘ und ‘Longshot Willi‘ wie üblich den ersten und zweiten Platz des Turniers unter sich ausmachten.
Ich schraubte das weiße Queue zusammen, legte es in den Köcher, stellte mein Queue in den Ständer und holte uns noch einen Whisky.
Den tranken wir auch, und ich holte der ‘Weißen Lady‘ ihren Mantel, und als ich mein Jackett anzog, erschien einer in der Tür zum Billardsalon, einer von dem Typ Rechtsanwalt der mit feistem Grinsen rumprotzt, Mutter Theresa verbieten zu können, nur einen Fuß auch nur in die Nähe eines Waisenhauses zu setzen; - selbstverständlich nur unter Anwendung legaler Mittel, und dieser Typ sagte so laut, dass jeder es mitbekam: „Na, Brigitte, hast du wieder Billard gespielt und den Kerlen dabei dein Titten gezeigt? - Los komm jetzt!“
Und die ‘Weiße Lady‘ ging mit ihm.

Was mir blieb, war noch ein Whisky an der Bar zu trinken und zu warten, ob sich nicht doch die Gelegenheit ergeben würde, noch die eine oder andere Runde Billard zu spielen.
Sie ergab sich nicht.
Theo spielte mit ‘Kurt the Quere‘. ‘Longshot Willi‘‚ ‘Trickstoß Thomas‘ und der ‘Banden Erhard‘ saßen Zigarre rauchend mit dem ‘Blauen Klaus‘ an einem Tischchen und hörten sich Details über den ‘Knucklehead‘ an. „…sind einmal die Lager hin, musst du die offenen Lagersitze aushohnen. Allein was da für Stößel, Rollers und Kipphebel beim Knuck‘ an Kosten auf dich zukommt; - also da könntest du blass werden. Aber eine geile Maschine...“
Die Hardliner!
Um dazuzugehören, war ich noch nicht lange genug dabei.
Ich verabschiedete mich - während Theo neu aufbaute - von jedem, versprach beim nächstem Mal wieder mit meinen Kumpels dabei zu sein und trat den Heimweg zum Ferienhaus an.
Eigentlich war ich doch nicht so schlecht gewesen, man könnte sagen, ich hatte den vierten gemacht, von 32 Teilnehmern.
Ich zündete mir im Gehen einen Zigarillo an und freute mich auf einen Schluck edlen Single Malt mit zart-torfigem Aroma und trockem, rauchigem Abgang sowie einen schönen Thriller im Nachtprogramm des Fernsehens. Frau Zühlke würde hoffentlich noch im Wasser rumplanschen oder bereits schlafen.
Ich wollte gerade zur Uhr sehen, da stieß mich einer an, murmelte irgendwas und ging weiter.
„Penner“, dachte ich laut; - aber an meinem Handgelenk war keine Uhr!
Es soll Taschendiebe geben, die einem eben mal im Vorbeigehen bei einem mehr oder weniger leichten Rempler die Uhr abnehmen können!
„Hey!“
Mit zwei schnellen Schritten hatte ich den Kerl erreicht, packte ihn an der Schulter und riss ihn herum. Der Kerl, der die ‘Weiße Lady‘ so übel abgeholt hatte!
„Gib mir meine Uhr wieder, du Penner!“
Ein stärkeres Schimpfwort fiel mir auf die Schnelle nicht ein.
„Was?“
„Du sollst mir meine Uhr wiedergeben, oder ich lass‘ dich umlegen!“
Ich muss einen grimmig-entschlossenen Eindruck erweckt haben, wie die Soldaten des 16. Regiments der 1. US-Infanteriedivision, als sie während des D-Days am 6. Juni 1944 im Rahmen der Operation Overlord am Omaha-Beach an Land gingen, denn der Kerl riss die Augen auf, streifte eine Uhr vom Handgelenk, gab sie mir und rannte, bis ihn die Dunkelheit verschluckte.
Möglicherweise hatte auch meine Gewandung bei ihm den Eindruck erweckt, einem einflussreichen Gangsterboss gegenüber zu stehen.
Während ich die Uhr anlegte, erinnerte ich mich daran, dass Frau Zühlke eine lästerhafte Bemerkung in dieser Richtung hatte fallen lassen.
Egal.

Frau Zühlke schlief keineswegs.
Sie saß wie ein Frosch, der versehentlich in einen Eimer gefallen war, gewandet in einen Bademantel, auf dem Sofa und hielt ein Handtuch fest, welches sie um ihren linken Fuß gewickelt hatte.
„Gut, dass du kommst“, sagte sie leise, „hast du einen Erste-Hilfe-Kasten im Auto?“
„Ja, natürlich. - Hast du dir bei der Wasserplanscherei den Fuß gebrochen?“
„Nein! Die Wassergymnastik ist leider ausgefallen. Ist ja sonst keiner gekommen.“
Sie begann das Handtuch von ihrem Fuß zu wickeln. „Christian hat mir eine Pediküre gemacht. Christian ist Christines Mann, er ist ja auch Fußpfleger, sogar ausgebildeter Podologe.“
Sie hob den inzwischen freien Fuß in die Höhe. Neben der großen Zehe tropfte etwas Blut auf das Handtuch.
„Guck dir das mal an!“
„Ist nicht so schlimm“, sagte ich, „da machen wir gleich ein Pflaster drauf, singen ‚Heile, heile Segen‘ und schon ist die Sache vergessen! – Mir ist nur rätselhaft, wie dir ein ausgebildeter Podologe bei der Pediküre in den Fuß hacken konnte.“
„Naja, er war etwas betrunken. Wir haben ja vorher noch gegrillt und Christian hat fast eine ganze Flasche Whisky dabei getrunken. Weil Christine die Gemüsespießchen besorgt hatte, habe ich das, was wir noch hatten, mitgenommen. - Ich mochte ja nicht ohne was dahingehen…“
„Was? Hast du etwa auch meinen guten, 14 Jahre alten Single Malt, den ich für besondere Gelegenheiten aufgehoben habe und dann nur in homöopathischen Dosen genieße, für die Wasserplanscher mitgenommen?“
„Wieso? Die Flasche war doch schon angebrochen. Ich besorge dir neuen Whisky, wenn wir wieder zuhause sind.“
„Darum geht‘s gar nicht! Wahrscheinlich hat dieser Klumpfußmechaniker meinen guten Single Malt beim Grillen der Gemüsespießchen gleich auf Ex reinlaufen lassen wie ein russischer Soldat den Wodka vor einem Sturmangriff und sich dann mit der gleichen Mentalität über deine Füße hergemacht!“
Frau Zühlke nickte dünn.
Bevor ich mich dran machen konnte, sie mit dem Handtuch zu erwürgen, ging ich zu meinem Auto, und holte den Verbandskasten. Während ich ihn unter dem Sitz hervor zerrte, kam mir meine Uhr etwas schwer vor, überhaupt war alles schwer, vom Verbandskasten über meine Denkfähigkeit bis hin zu meinen Augenlidern. Der Whisky beim Karrenbauer schien nicht wirkungslos in mir herunter gelaufen zu sein, er schien meinen hilflosen Zorn nur noch zu verstärken.
Die ‘Weiße Lady’ hatte offensichtlich nur mit mir gespielt und Frau Zühlke hatte meinen guten Whisky an einen Proleten verschenkt, der ihr durch seine stümperhafte Aktion die Laune auf eine heiße Nacht endgültig vermasselt hatte.
Egal.
Ich legte Frau Zühlke einen Wundschnellverband und zündete mir einen Zigarillo an.
Frau Zühlke holte mir sogar einen Aschenbecher als ich mich auf die Couch lümmelte und nach der Fernbedienung des Fernsehers griff. Ich zappte ein wenig rum, bis der Metro-Goldwyn-Mayer-Löwe brüllte und einen Western ankündigte.
Genau das, was ich jetzt brauchte.
Ein Zug, gezogen von einer wunderbaren ‘General-Lokomotive‘ der Southern Pacific Railroad dampfte während des Vorspanns über einen Brücke, an deren Ende maskierte Banditen lauerten.
Wunderbar!
Wunderbar war auch, dass Frau Zühlke schlafen ging, keinen Vortrag hielt und keine Diskussion entfachte.
Nachdem der Gute gesiegt hatte und in den Sonnenuntergang ritt, schlief ich auch ein und wurde dadurch wieder wach, dass Frau Zühlke gar munter umher lief und mit irgendwelchen Tassen auf dem Tisch herumklapperte.
Natürlich roter Tee!
Sein Geruch traf mich wie der Flügelschlag eines Engels; - aber eines Engels mit Besoffenheit.
„Oh, du bist ja schon wach! Möchtest du ein Tässchen Tee, um die Lebensgeister zu wecken?“
„Kaffee wäre nicht schlecht! - Bisher haben wir es immer so gehalten, dass der erste, der aufwachte, Kaffee gekocht hat. Schön schwarz und extrastark, ein sogenannter Hundertmeilenwachhalter, wie damals, als ich noch Lastwagen gefahren habe.“
„Habe ich ja versucht, aber ich komme mit diesen Filtermaschinen nicht klar. Gibt’s denn hier keine mit Pads oder Kapseln?“
„Oh Mann, ich dachte immer Sekretärinnen können Kaffee kochen! - Lass‘ man, ich mach uns was zu frühstücken. Mir ist nach Kaffee und Rührei mit Schinken.“
„Haben wir leider nicht mehr. Ich hab‘ dir doch gesagt, dass ich alles mit zu Christine genommen habe, weil sie die Gemüsespießchen besorgt hat. Weißt du das denn nicht mehr?“
„Oh ja! Ich weiß auch, dass du dem Fußnagelzehenfachidioten meinen guten Whisky gebracht hast, woraufhin er diesen ohne Sinn und Verstand in sich reingeschüttet hat, um dir mit besoffenem Kopf eine Pediküre zu verabreichen, während derer er dir in den Fuß geschnitten hat. - Ich weiß auch, dass ich umgehend zum Karrenbauer gehen werde, um daselbst mindestens ein Kännchen Kaffee und das große Frühstück zu mir zu nehmen!“
„Nimmst du mich mit?“
„Kannst du denn laufen, mit deinem verletzten Fuß?“
„Ich denke schon…“
„Na prima! - Ich habe so das dumpfe Gefühl, dass sich sehr bald etwas sehr Schönes ereignen muss, um dieses vermasselte Wochenende wieder auszugleichen; - um die Wahrheit deiner Theorie zu untermauern.“
„Na, du wirst schon sehen“, sagte Frau Zühlke und verschwand im Bad.
Ich schöpfte wiederum unerschütterlich neue Hoffnung auf wenigstens etwas erotisches, aber sie kam wenig später wieder entlang, schlüpfte in ein Sommerkleidchen und sagte:
„Fertig! Können wir dann?“
Während ich duschte, die Zähne putzte und mir Hemd, Hose und Uhr anzog, hielt Frau Zühlke mir einen Vortrag darüber, dass es ein Vorurteil sei, dass Frauen zum Anziehen Ewigkeiten brauchen. Es war für mich fast so interessant wie eine wissenschaftliche Abhandlung über den richtigen Luftdruck von Schubkarrenrädern während unterschiedlicher Einsatzbedingungen bei der Arbeit in Kleingärten.
Wir gingen schweigend zum Karrenbauer.
Dort lief Frau Zühlke zur Hochform auf, als ich bereits bei meinem ersten Kännchen Kaffee vorab saß; - sie wollte einen ganz speziellen Tee aus Hinterindien und zeigte sich ein wenig indigniert, als dieser nicht verfügbar war. Zudem wollte sie wissen, ab der Käse zum großen Frühstück auch wirklich ‘Bio‘ war und die Marmelade aus nicht genmanipulierten Erdbeeren, und die Eier von frei rumlaufenden Hühnern.
Regine, die brave Serviererin, behielt aber die Ruhe und warf mir hin und wieder einen bedauernden Blick zu, als wüsste sie über meine Situation bescheid.
Als Regine endlich mit wiegenden Hüften in Richtung Küche verschwand, fielen Frau Zühlke die Gardienen in der Gaststube auf.
„Florentiner Tüll! Ganz bestimmt Florentiner Tüll! - Als ich noch zur Schule ging, hatten wir auch Florentiner Tüll an dem großen Wohnzimmerfenster…“
Sie erzählte in epischer Breite wie sich ihr Wellensittich eines Tages darin verfangen hatte und sie den bedauernswerten Vogel befreit hatte, indem sie die Gardine um das arme Tier weiträumig ausgeschnitten hatte.
Es störte sie überhaupt nicht, dass Regine zwischendurch das Frühstück brachte, deshalb habe ich die Episode von Onkel Horst, der den Wellensittich letztendlich aus den Resten der Gardine befreit hatte, nur rudimentär in Erinnerung. Irgendetwas war da noch mit einer Tracht Prügel, und Frau Zühlkes Mutter hatte daraufhin ein Verhältnis mit Onkel Horst. Den Zusammenhang habe ich bis heute noch nicht begriffen.
Als Frau Zühlke zwischendurch mal zur Toilette ging, kam Regine entlang, brachte noch Kaffee und erkundigte sich nebenbei nach meiner etwas extravaganten Begleiterin.
„Ja, das ist Frau Dr. Zühlke“, sagte ich. „sie ist Pathologin, zurzeit mal wieder total überarbeitet. Pathologen sind nicht anders! Frau Dr. Zühlke ist zudem eine Koryphäe auf dem Gebiet der Forensik. Hin und wieder klemmt sie sich mal einer von uns für ein entspanntes Wochenende unter den Arm, sonst dreht sie noch vollends durch. Aber bitte, lass‘ dir nicht anmerken, dass ich dir das gesagt habe und erzähl’s nicht weiter!“
„Ach so“, Regine nickte, „das erklärt natürlich alles! - Ach so, bevor ich es vergesse: Theo hat gesagt, ich soll dir deine Uhr wiedergeben, wenn du zum Frühstücken kommen solltest. Du hast sie gestern auf dem Queueständer liegen gelassen!“
„Ach, Regine, ich danke dir! Ohne ehrliche Menschen würde diese, die beste aller möglichen Welten, zugrunde gehen.“
Ich bezahlte bei der Gelegenheit sofort und gab Regine ein dickes Trinkgeld.
Irgendwie schien Frau Zühlke doch Recht zu haben, als sie gesagt hatte: „Wenn dir etwas Schlimmes zustößt, wird sich kurze Zeit darauf etwas Schönes ereignen, was das Schlimme wieder aufhebt!“
Wie bereits erwähnt, war eine echte Rolex zu besitzen schon immer mein Herzenswunsch, und ich dachte nicht im Traum daran, die echte Rolex zurück zu geben.
Irgendwie hatte ich das Gefühl, sie verdient zu haben…

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Zurück zu:  Erzählungen Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.



Leselupe-Bücher





Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!