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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Das Wort
Eingestellt am 15. 04. 2012 11:07


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Karinina
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Registriert: Jan 2010

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Das Wort
Warum sagt sie es nicht? Was soll das mit den H├Ąnden fuchteln? Und diese Begierde im Gesicht.
Das Wort. Ich wei├č, was sie will. Aber muss ich es wissen? Nein, niemand zwingt mich dazu. Soll sie doch fuchteln. Ich bin nicht schuld, dass sie das Wort nicht wei├č. Oder besser: nicht sagen kann.
Mein dicker Bauch schiebt sich an sie. Ich f├╝rchte, das da drin in mir will lieb zu ihr sein. Ich nicht. Was hab ich davon. Der Kerl, ihr Sohn, treibt sich in der Weltgeschichte herum. "Ich geh zum Briefkasten", sagt er und verl├Ąsst das Haus. Ich warte. Worauf? Dass er wiederkommt? Nat├╝rlich kommt er wieder. Irgendwann braucht er Geld, dann nimmt er das Sparbuch dieser alten Frau und geht. Ich sitz hier und sehe zu, wie sie mit den H├Ąnden fuchtelt und immer wieder sagt: "Gib mir...gib mir...". Was ich ihr geben soll, das sagt sie nicht. Das kann sie nicht. Ihr fehlt das Wort...

Der Himmel ist blau vor dem Fenster. Kleine feine Wolkenb├Ąnder ziehen davon wie zarte Seide. Ich w├╝rde gern nach ihnen greifen und sie mir um meine langen Haare winden, wie den Schleier, den ich damals trug. Sie verwehen im Wind. Sie schl├Ąngeln sich ├╝ber den Himmel dahin, vergehen, tauchen wieder auf, ├Âffnen blaue Blicke ins Unendliche.

Die Tage und N├Ąchte vergehen und das breite Bett wurde oftmals zu breit. Dann sa├č er nachts an ihrem Bett und gr├╝belte. F├╝r sie ist Tag. Sie rumort und will raus und ist st├Ârrisch wie ein kleines Kind. Er deckte sie zu, erz├Ąhlte ihr ein M├Ąrchen. Und ich? Kein M├Ąrchen f├╝r mich. Bin ich die b├Âse Fee? Die Dreizehnte?

Ach k├Ânnt es nicht wieder damals sein? Am Elbufer. Im taufeuchten Gras lag es sich weich. Von den H├Âhen herab blinkten die Lichter der Nacht. Musikfetzen, wenn der Wind gut stand, schwebten vom Luisenhof herab, ├╝berlagert vom Schaukeln und Streichen des Wassers, das dahinzog, schwarz, nur die Lichterfunken zuckten mit den Wellen. Manchmal kreischte die Stra├čenbahn durch die Nacht, hell erleuchtet zuckelte sie ├╝ber die Br├╝cke, lie├č sich spiegeln im dunklen Wasser und zog weiter in die Stadt hinein. Sommern├Ąchte, samtig schob sich gegen Morgen das erste Gr├╝n des kommenden Tages hinter den ├Âstlichen H├Ąngen herauf.
Irgendwann einmal, nach langer Zeit, hob er mich ├╝ber die Schwelle und legte mich in das breite Bett. Sanft war er...

Die Wochen danach. Das Haus sch├Ân, die Zimmer hell, das Bett sehr breit, die alte Frau irgendwo, versponnen in ihr Nichtwissen, murmelt Worte, aber die falschen. Er f├╝ttert sie, lacht mit ihr, zieht sie aus und an, legt sie hin und l├Ąsst sie aufstehen, bindet ihr eine rosa Schleife in ihr d├╝nnes wei├čgelbliches Haar. Ob er sie liebt? Schon, auf eine Art, die ich nicht wissen will. Finger- und Zehenn├Ągelschneiden, das macht er. Er bezieht ihr nasses Bett neu, er geht mit ihr ans Fenster und singt mit ihr ein Winterlied, im Sommer.

Aber der Sommer verging und Schnee fiel. Seine Sanftheit war ein Sommerwesen. Jetzt sah er mich kaum noch, es gab nur noch sie.
Er hebt sie in die Wanne. Wie er sie w├Ąscht, ihre knorrigen Arme mit den braungefleckten H├Ąnden, die stakigen Beine, wie Marionettenholz bewegt er sie. Er keucht, sie keucht. Und dann, wenn er die bestimmten Stellen ber├╝hrt, dann graust es mich, dann muss ich w├╝rgen, dann knall ich die Badezimmert├╝r. Ich w├╝rge.
Wenn er dann neben mir im breiten Bette liegt und nach mir sucht, entzieh ich mich. Er schwitzt, aber er ist kalt, kalt da innen.
Er fl├╝stert es in mich hinein. Ich verkriech mich, er zerrt an mir, er ber├╝hrt mich hart, ich w├╝rge.

Nun seh ich wieder hinaus in das weisfasrige Blau, starre in den Himmel. "Gib mir...", lallt sie und fuchtelt. Nein, denk ich, niemand kann mich zwingen. Aber der da drinnen in mir, der zwitschert und sagt, vielleicht bin ich ein Sohn, dein Sohn, dann werde ich einmal f├╝r dich das tun, was sie jetzt will...

Werd ich das Wort dann wissen?

Einmal kam jemand und wollte nach ihr sehen. Die Fremde sagte:"Die ist ja ganz dehydriert!". Wenn schon, dachte ich, Sie sagt das Wort nicht, dies eine, das sie muss. Es fehlt ihr. Es sitzt irgendwo in ihrem Hirn und kommt nicht raus.
Dehydriert. Na und. Jetzt sagt sie und ist ganz ausgelassen, dass sie es jetzt wei├č: den Hut.
Den Hut? Was will sie mit einem Hut? Sie kann nicht mehr raus aus ihrem Zimmer, aus ihrem Bett, wozu also den Hut? Ich stell sie mir vor, wie sie ausgesehen haben mag, in ihrer Jugend, mit Florentiner und so. Mit langen, elfenbeinfarbenen Handschuhen bis hinauf zu den Ellbogen. Einen spanischen F├Ącher h├Ąlt sie gespreizt. In ihrem Zimmer h├Ąngt ein Foto von ihr. Vielleicht war sie einmal sch├Ân. Eine stolze Frau. S├Ąngerin.

Hut. Wie kommt sie auf Hut? Ich wei├č schon, so abwegig ist das nicht. Man k├Ânnte tats├Ąchlich Hut sagen, ja, ich wei├č ja, was sie will. Aber muss ich es wissen? Nein. Ich bin nicht gezwungen dazu. Ich bin nicht ihr Sohn. Soll er doch kommen. Soll er doch wissen, was sie will. Hut, dass ich nicht lache...

Dann wurde das Bett schmaler und ich dicker. Kein Platz mehr f├╝r zwei, oder f├╝r jetzt drei. Er sa├č nun die N├Ąchte nur noch bei ihr. Und ging dann fort. Ging ├Âfter fort. Zu oft...

Ich, die dreizehnte b├Âse Fee. Fuchtel nur, denk ich. Fuchtel nur und sage Hut. Ich muss dich nicht verstehen, verstehst du? Ich nicht. Ich bin nur ich. Nein. Nein, zwitschert der da in mir drin. Nein, wir sind zwei.

Zwischen wilden K├╝ssen und hin und her Gezerre sagte ich ihm, ich k├Ânne seine Mutter nicht pflegen. Ich verst├╝nde nichts davon. Ich sei einfach zu jung dazu. Ich wolle tanzen und ausgehen und ins Kino und sonstwohin, ├╝berallhin, nur nicht Hand an sie legen, ich k├Ânne sie keinesfalls ber├╝hren, meine H├Ąnde k├Ânnten das einfach nicht.
Ach, wie sanft er zu mir war. Wie er meine Zehen beleckte, die Wade hinauf, und immer weiter, wie ich mich wand vor Lust... Ach, sein Sommerwesen...Ich sagte ja.
Und er ging fort. Zum Briefkasten. Erst waren es Stunden, ehe er kam, dann Tage, nun Wochen. Vielleicht ist der Briefkasten inzwischen in Kanada?

Jetzt w├╝rgt mich manchmal Wut. Liegt nicht irgendwo ein Messer? Mit einer doppelten Schneide? Gezackt?

Wieder bin ich am Fenster. Ach, wie gut diese Stille tut. Dieses herrliche Blau. Wie die Luft wohl riecht unter diesem Himmel? Wenn es nur nicht Nacht wird und ihr Rumoren beginnt...

Da zuckt er wieder in mir. "Lass sie so nicht aus der Welt", murmelt er. "Lass sie so nicht fort, so ohne W├Ąrme... sie ist doch ein Mensch, einer, der sich nicht mehr wehren kann."
Na und? Bin ich vielleicht kein Mensch? Kann ich mich etwa wehren? Brauch ich etwa keine W├Ąrme? Wo bleibt er denn, dieser Kerl, er ist es doch, der nicht da ist.
"Lass sie so nicht gehn", sagt er in mir, "du willst doch nur ihn bestrafen, nicht wahr? Du willst ihm wehtun, ihm schaden. Er ist doch nur gegangen, weil er nicht mehr konnte..."
Ja, und ich? Kann ich vielleicht noch?
"Ich will auf diese Welt", sagt er da drinnen in mir, "Was soll werden, wenn ich in so eine kalte Welt komme, in eine Welt ohne W├Ąrme?"

Ich nehm die schrumplige Hand der Alten, ziehe mit zwei Fingern die Haut vom Handr├╝cken. So hat die Frau es gemacht, die, die "dehydriert" gesagt hat. Ich lass die Hautfalte fallen. Ihre Hand sinkt auf meinen dicken Bauch, der sich bewegt. Sie zuckt und lallt und ihre Hand beginnt zu streicheln. Oh bitte nicht....

Ach, nun nehm ich 'das Wort' und halt es ihr an die Stelle, wo fr├╝her ihre Lippen gewesen sein m├╝ssen. Sie schluckt, keucht, schluckt, das Wasser gluckst in sie hinein und ihr Gesicht beginnt zu strahlen. Sie zittert vor Gier. "Nicht so schnell", sag ich. Und ihre Hand streicht ├╝ber meinen dicken Bauch...

Und jetzt mach ich was. Ich heb dieses wacklige B├╝ndel aus dem Bett, dr├╝ck es an mich, ber├╝hre ihre geschlossenen Augen mit meinem Mund, dann ihre Wangen, alles nur Falte, ihre Stirn. Ich setze sie wieder hin und streichle sie. Ich. Die dreizehnte b├Âse Fee.

Pl├Âtzlich h├Âr ich das Wort. Sie sagt es. Sie sagt nicht mehr "Hut", oder "Sch├╝ssel", oder "Vase" .
Laut und deutlich sagt sie: "Gib mir die Tasse"...


Version vom 15. 04. 2012 11:07

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USch
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Registriert: Not Yet

Hallo Karinina,

Eine sehr gut geschriebener Text und ein sehr relevantes Thema in unserer demographischen Situation.

Ein paar Fehler solltest du noch ausmerzen:

Ich warte. Worauf? Dass er wiederkommt?

Schon, Aauf eine Art, die ich nicht wissen will.

Er keuscht, sie keuscht.. Muss es nicht keucht heissen oder ist das eine Mundart, die ich nicht kenne?

Hut, dass ich nicht lache...

Wieder bin ich am Fenster. Ach, wie gut diese Stille tut.

Generell kommt nach dem Ende einer w├Ârtlichen Rede ein Komma, wenn der Satz dann weitergeht, z.B.
"Lass sie so nicht aus der Welt", murmelt er. ."Lass sie so nicht fort, so ohne W├Ąrme...

"Lass sie so nicht gehn", sagt er in mir, "Ddu willst doch nur ihn bestrafen,

Im folgenden Text fehlen noch mehrer Kommatas nach w├Ârtlichen Reden.

LG USch

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Karinina
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Ich hab es gepackt und berichtigt. Danke USch

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