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Leselupe.de > Lange Texte
Das gestohlene Paradies - bis 2. Kapitel
Eingestellt am 25. 02. 2010 13:23


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visco
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Werke: 25
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Das gestohlene Paradies


Prolog


      Dienstage unterliegen ihrer ganz eigenen Gesetzmäßigkeit, das hatte Lydia von klein auf lernen müssen. Eine übliche Woche bestand aus Werktagen routinierter Demütigungen, Wochenenden exzessiver Schufterei, gefolgt von ritualisierter Frömmigkeit und Montagen, die den Teufelsreigen neu eröffneten. Dienstage hatten den unglückseligen Verlauf ihrer Kindheit geprägt, angefangen mit dem Tag ihrer Geburt, den sie den „Schwarzen Dienstag“ nannte, doch nicht jedes Mal entblößte der Dienstag eine seiner hässlichen Fratzen, sondern offenbarte seine eigenwillige Natur zuweilen auch in vermeintlich freudigen Ereignissen, der Menarche etwa oder dem Tag, an dem ihre Adoptiveltern sie zu sich holten.
      Mit ihrer Mutter, die nicht ihre leibliche und doch ihre einzige war, verband sie eine Liebe, die stärker und inniger nicht hätte sein können. Daran änderte sich auch durch die beiden Geschwister nichts, die im Abstand einiger Jahre die Familie komplettierten, erst der schmächtige Einzelgänger Dennis, später die bereits neunjährige Malin. Abermals nährte der Dienstag sein düsteres Geheimnis, als er ihr diese Teufelin von einer Schwester schickte und ihr im selben Jahr den einzigen Menschen auf der Welt entriss, dem sie sich zugehörig fühlte. Ein tragischer Unfall, so hieß es, habe die Mutter das Leben gekostet. Lydia wusste es besser.



1. Kapitel


      Ein helles Aufleuchten in den Wagenspiegeln lenkte plötzlich ihre Aufmerksamkeit auf sich. Der Wagen hinter ihr blendete auf und war im Nu bis auf Tuchfühlung heran, scherte nur Augenblicke später zum Überholen aus und brauste hupend an ihr vorbei. Gerade zischte Lydia dem Verkehrsrowdy noch eine Verwünschung hinterher, bevor sie den feuerroten Sportwagen wiedererkannte. Ihre Überraschung hielt sich in Grenzen. Malin! Natürlich. Für ihre Schwester war dieses Verhalten geradezu typisch.
      Aus den Lautsprechern drangen die Schmeicheleien ihres Gesprächspartners, während ihr Geländewagen gemächlich über die gepflegten Alleen des Villenviertels rollte. Lydia lächelte gelangweilt. Mit Erreichen der eigenen Adresse beendete sie das Telefonat, tippte mittels Fernbedienung einen mehrstelligen Nummerncode ein und wartete, bis das Rolltor weit genug zur Seite gefahren war. Die Auffahrt führte in einem Bogen hinauf um taunasse Rasenflächen, vorbei an altem Baumbestand und zur Straße hin blickdichter Bepflanzung, direkt auf das überdachte Portal der modernen Villa zu. Die Garagen lagen seitlich in einem anbauartigen Seitenflügel.
      Malins roter Flitzer stand zur Hälfte auf den untersten Stufen des Treppenaufgangs geparkt, dessen flache Stufen sich sichelförmig ergossen wie zu Stein gewordene Mayonnaise. Per Knopfdruck ließ Lydia das Rolltor zur Garage auffahren und manövrierte ihren Wagen neben eine etwas in die Jahre gekommene, dunkelgrüne Limousine, deren Kühler eine verchromte, springende Raubkatze zierte.
      In ihrem eleganten Hosenanzug und den ausnahmsweise hochgesteckten, weizenblonden Haaren bot sie den Anblick einer jungen und erfolgreichen Unternehmerin, wenngleich sie dieses Outfit älter erscheinen ließ, wie sie wusste, seit sie einige Stunden zuvor auf Anfang Dreißig geschätzt worden war. Ihre Pumps in der Hand und eine Konferenzmappe untergeklemmt hüpfte sie abwechselnd auf einem Bein über die von der Sonne warmen Pflastersteine, bis sie sich beider Nylonstrümpfe entledigt hatte. Drinnen streifte sie ihren Blazer ab und warf ihn in der Eingangshalle achtlos über einen der neobarocken Polsterstühle. Zwei Schritte weiter blieb das Beispiel italienischer Schuhmacherkunst in einer dekorativen Porzellanschale zurück.

      Die Villa aus den 1960ern hatte einem Industriellen der Region gehört. Sie war nach den eigenwilligen Entwürfen des Bauherrn erst im Laufe mehrerer Entstehungsphasen bewohnbare Realität geworden. Im architektonischen Zentrum weiträumiger Konzeption lag ein turmartig ausgebautes, von der Eingangshalle offen einsehbares Galeriegeschoss mit Holzkassettendecke. Gemeinsam mit den beiden davon abgehenden Seitenflügeln entstand ein Grundriss in der Form eines elektronischen Schaltzeichens, dessen Bezeichnung oder Bedeutung Lydia allerdings entfallen war.
      Der Senior liebte dieses Haus. Gerhard Diewald hatte einem leidenschaftlichen Impuls nachgegeben, als er es erwarb, und große Opfer erbringen müssen, um es nicht wieder zu verlieren, als die Firma rote Zahlen schrieb. An diese Zeit konnte Lydia sich noch erinnern. An den aufgeregten Herzschlag der Mutter, wenn die sie fest an sich presste, den fruchtig-bitteren Duft und ihr helles Haar.
      Das Untergeschoss war sein Refugium. Als säße er an der Wurzel einer Erfolgsmaschinerie. Von hier lenkte er seine Unternehmungen und erschloss neue Geschäftsfelder. Kunden und Klienten und solche, die es werden wollten, empfing er vor seinem Schreibtisch am Ende der längsseitigen Glasfront zum Garten, deren Elemente offen standen oder zur Seite gefahren waren, wenn die Temperaturen es zuließen. Wer sich als würdig erwies, den lud er ins Dampfbad ein, einen mit Granit ausgekleideten Raum, der bis zu acht schwitzende Leiber aufnahm. Dahinter lag der luftige Wellnessbereich mit Liegen und einer Sitzecke. Auf den wackeligen Korbhockern waren einige der wichtigsten Geschäftsabschlüsse besiegelt worden, hieß es.

      Anzeichen, ob er im Hause war oder nicht, fanden sich außerhalb seines Büros nur selten. Auch gab es weder Regelmäßigkeiten noch Geschäftszeiten. Lediglich sein Wagen in der Garage deutete auf seine Anwesenheit hin, doch bevor Lydia ihren Vater und Brötchengeber von dem fruchtlosen Geschäftsessen berichten würde, um im Anschluss hoffentlich die Gelegenheit zu bekommen, eigene Ideen vorzubringen, allen voran ihren Zeitplan für ihren Aufstieg an die Firmenspitze, zog es sie in die Küche.
      Das Geplärre des Fernsehers erfüllte den Raum. Malin, die der laufenden Sendung nicht die geringste Beachtung schenkte, saß auf der Küchentheke, einen Fuß auf einer geöffneten Lade, und löffelte einen ihrer probiotischen Schlankheitsmacher. Ihre leuchtend hellblau gefärbten Haare hingen ihr wie ein Vorhang vor das Gesicht. Sie sah nicht auf, als Lydia hereinkam und zum Kühlschrank ging, Fruchtsaft in eine Karaffe füllte, im Vorbeigehen den Fernseher ausschaltete und sich mit einigen Unterlagen, die sie aus ihrer Ledermappe zog, an den Tisch setzte.
      Malin tat, als habe sie nichts bemerkt. Nach einer Weile stieß sie sich von der Theke ab, auf der sie den noch halbvollen Becher stehen ließ und versetzte der Lade im Weggehen einen Tritt. Ihre Holzclogs schlurften mit deutlichen Schleifgeräuschen über die Terrakottafliesen. Am Tisch unmittelbar neben Lydia blieb sie abrupt stehen, beugte sich langsam vor, bis ihre Ellbogen Halt fanden, stützte das Kinn auf die Hände und grinste schief. Lydias Augen wurden schmal. Da klatschte Malins flache Hand auf das oberste Blatt, verharrte dort einen Augenblick, um sich im nächsten zur Faust zu schließen und das zerknüllte Papier darin zu vergraben.

      Im Obergeschoss tat Dennis Diewald derweil den letzten Handstrich und betrachtete zufrieden sein Werk. Für ihn war es das erste Mal gewesen, eine Ausbesserung wie diese vorzunehmen. Schließlich war er Fitnessökonom und kein Fliesenleger. Das sah man den Fugen nicht an, befand er nach einem abschließenden prüfenden Blick und hoffte, das Ergebnis würde auch den Ansprüchen des Seniors genügen, sammelte dann Werkzeug und Hilfsmittel ein, säuberte die Baustelle und machte Feierabend. Eilig hatte er es dabei nicht, seit unter ihm der Zickenkrieg ausgebrochen war. Die beiden Randalsägen waren nicht zu überhören, so sehr er auch wünschte, nicht jedes Wort zu verstehen, das sie sich gegenseitig an den Kopf warfen. Aufmerksam verfolgte er das Gekeife, allerdings nicht inhaltlich, sondern räumlich. Nur selten beschränkte sich das Wortgefecht der verfeindeten Schwestern auf den Ort, an dem es begonnen hatte.
      Nachdem sich die erhitzten Gemüter auf die Terrasse verzogen hatten und sich weiter in Richtung Malins Privatsphäre bewegten, schnappte Dennis sich seine Werkzeugtasche und schob wenig später, zwei leere Flaschen Mineralwasser unter den Arm geklemmt, die Tür zur Küche auf. Gerade streckte er seine Hand nach dem Kühlschrank aus, als ihn Lydias schneidende Stimme zusammenzucken ließ.
      "Lass nicht immer deine Sachen irgendwo herumfliegen, sondern räum sie gefälligst dorthin, wo sie hingehören!"
      Wie aus dem Nichts tauchte sie nun vor ihm auf und lehnte sich gegen den Kühlschrank.
      "Was machst du überhaupt hier? Und was soll dieser Aufzug? Karneval ist lange vorbei. Oder machst du eine Weiterbildung zum Hausmeister?"
      "Ich will nur was trinken, okay? Und nicht mit dir streiten. Also dürfte ich mal?"
      Die Kühlschranktür öffnete sich nur ein Stück weit, denn Lydia stieß sie mit dem Rücken wieder zu. Ihren durchbohrenden Blick kannte Dennis nur zu gut. Wortlos nahm er die abgesetzte Werkzeugtasche wieder auf, holte die Flaschen von der Küchentheke und wandte sich zu gehen.
      "Du bist mir noch eine Antwort schuldig! Würdest du mir jetzt bitte verraten, was das zu bedeuten hat?"
      Unbemerkt von beiden trat Malin von der Terrasse in die Küche.
      "Lass ihn in Ruhe!", forderte sie energisch.
      "Halte du dich raus! Wolltest du nicht zurück unter irgendeinen Stein kriechen?"
      Lydia folgte ihrem Bruder in die Eingangshalle. "Hallo? Bodenstation an Dennis, bitte kommen?"
      Während sie sich mühte, mit ihm Schritt zu halten, eilte Malin ihnen hinterher. Vor dem Gäste-WC knallte Dennis Lydia die Werkzeugtasche vor die Füße und schloss sich ein.
      "Komm sofort raus da, hörst du?!", zürnte sie und trommelte gegen die Tür.
      "Du hast sie doch nicht alle!", kommentierte Malin das Geschehen mit verschränkten Armen. "Echt jetzt! Was spielst du dich so auf? Du bist doch nicht mehr ganz knusper."
      "Also schön", sagte Lydia in Richtung der geschlossenen Tür, "wenn das jetzt die Art ist, wie wir miteinander umgehen, dann weiß ich ja Bescheid. Das werde ich beherzigen, wenn du das nächste Mal ankommst und etwas von mir willst."
      Damit stieg sie über die Tasche und machte sich an Malin vorbei auf den Rückweg in die Küche. Malin folgte ihr.
      "Pah! Was sollte er von dir schon brauchen? Einen Rat vielleicht? Na, darauf hat er gerade noch gewartet! Kriegt ihr eigenes Leben nicht in den Griff und will anderen erklären, wie die Welt funktioniert."
      Aufgebracht wirbelte Lydia herum. "Ach ja? Wie funktioniert die Welt denn? Komm schon, erklär‘s mir. Ich bin ganz Ohr."
      Es entstand eine spannungsgeladene Pause, in der beide sich wie sprungbereite Raubkatzen gegenüber standen. Dann brach Lydia den Blickkontakt ab, schwang sich auf die Eckbank hinter ihre Unterlagen und strich das zerknüllte Papier glatt, das sie von Malin zurückerobert hatte.
      "Dachte ich’s mir doch. Heiße Luft, das ist alles, was du zuwege bringst." Ins Gesicht sagte sie ihr: "Zu mehr bist du nicht nütze. Das habe ich dir damals schon gesagt, erinnerst du dich? Draußen im Garten haben wir gestanden, am Tag vor Margits Tod. Ich hab’s gleich gewusst, dass aus dir nichts wird. Alles, was du kannst, ist, deinem Vergnügen nachgehen und andere in Schwierigkeiten bringen."
      Malin presste die Lippen aufeinander und wich Lydias Blick aus.
      "Manchmal frage ich mich ehrlich", fuhr Lydia fort, "womit wir das verdient haben. Du hast das hier alles jedenfalls nicht verdient! Weil du nichts dafür tust! Wie viele würden sich alle zehn Finger nach einer Chance lecken, wie sie dir hier geboten wurde, was glaubst du wohl, he?"
      "Ach, halt doch deine vorlaute Fresse!", fauchte Malin, stützte sich am Tisch auf und reckte sich Lydia drohend entgegen. "Was weißt du denn schon?"
      "Mehr als du, das ist sicher."
      "Gar nichts weißt du! Du hast nicht den geringsten Schimmer, was läuft, so sehr bist du damit beschäftigt, eine Rolle zu spielen, die dir nicht zusteht! Wach endlich auf! Du bist nicht unsere Mutter! Geht das nicht in deinen Kopf? Halte dich raus aus Sachen, die dich verdammt noch mal nichts angehen!"
      "Ich entscheide, was mich etwas angeht und was nicht, nicht du! Wo wärst du denn, wenn ich nicht gewesen wäre, he? Wer hat sich denn die letzten vierzehn Jahre um alles gekümmert? Sag mir das! Wer hat sich für dich eingesetzt, wenn du mal wieder was angestellt hast, und wer durfte stets deine Missetaten ausbügeln? Meinst du, das hat Spaß gemacht? Denkst du etwa, ich hätte mir das so ausgesucht? Nein, das habe ich nicht. Mir wurde diese Verantwortung einfach auf die Schultern geladen. Dabei war ich selber noch ein halbes Kind."
      "Auweia, diese Leier wieder. Ich kann’s echt nicht mehr hören, wirklich nicht, also verschone mich mit dem Gesülze, ja?"
      "Und da sagst du, ich wüsste gar nichts, ich hätte keine Ahnung? Glaub mir, es gibt nichts, das ich nicht über dich weiß! Dabei hast du im Grunde Recht. Eigentlich geht es mich nichts mehr an, was du so treibst."
      "Ach, danke. Um warum dann all das Theater?"
      "Schließlich bist du drei mal sechs Jahre alt, mittlerweile sogar dreiundzwanzig und somit weiß Gott alt genug, sollte man meinen."
      "Wow, du kennst mein Alter. Alles klar, du weißt echt alles über mich."
      "Aber soll ich tatenlos dabei zusehen, wie du ins Verderben rennst? Himmel, dir muss doch irgendwann einmal ein Licht aufgehen, dass es so nicht ewig weitergehen kann!"
      "Hey, jetzt sperr mal deine Lauscher auf! Ich will’s dir nicht noch einmal sagen müssen! Also zum Mitschreiben, ich lasse mir nicht vorschreiben, was ich zu tun und zu lassen habe, am allerwenigsten von dir! Hast du das jetzt gecheckt?!"
      "Wie soll es beruflich weitergehen? Was willst du mal machen?"
      "Führst du Selbstgespräche oder was? Das ist mein Leben! Hallo? Hast du nicht eben selber gesagt, das geht dich einen feuchten Furz an?"
      "Du hast nur einen schwachen Schulabschluss, zweimal die Lehre geschmissen, noch bevor sie richtig anfing, und was machst du zurzeit? Außer im Pferdestall rumhängen und auf Partys gehen, meine ich? Wie stellst du dir deine Zukunft vor, frage ich dich?"
      "Was tue ich hier eigentlich? Ich weiß gar nicht, warum ich mir das anhöre."
      "Auf gebratene Hähnchen, die vom Himmel fallen, brauchst du jedenfalls nicht zu hoffen. Das gibt’s nur im Märchen. Du wirst dich schon selber auf die Hinterbeine stellen müssen, um noch …"
      "Bla, bla, trallalla", Malin hielt sich die Ohren zu und trat die Flucht an.
      "… etwas aus deinem Leben zu machen. Aber ja doch, lauf du nur weiter davon. Es ist doch immer dasselbe. Du wirst dich nie ändern! Aber glaube bloß nicht, ich würde nachher wieder die Kastanien für dich aus dem Feuer holen!", rief Lydia ihr nach.

      Zwei dunkle Stimmen, die sie kurz darauf aus der Eingangshalle vernahm, deuteten auf die Ankunft des Seniors hin. Dennis musste ihn gleich an der Tür abgefangen haben. Durchs Fenster erkannte Lydia ein wegfahrendes Taxi. Sie steckte die Unterlagen zurück in die Mappe und ging auf die Stimmen zu.
      "An den Radlagern, Querlenkern und den Stoßdämpfern kann es nicht liegen", führte Dennis gerade aus. "Ich stand daneben, als sie das gecheckt haben."
      "Die Stoßdämpfer sind doch gerade erst neu", erinnerte der Senior und machte ein angestrengtes Gesicht, als hinge der Fortbestand der Menschheit von der Lösung ihres Problems ab.
      Lydia verstand nicht viel von Automobiltechnik, doch es war nicht schwer zu erraten, dass der Jaguar schon wieder Mucken machte. Das weitere Gespräch drehte sich um Ersatzteilkosten und dauerte nur so lange, wie Gerhard Diewald bis zum Treppenaufgang brauchte. Die lästigen Werkstattbesuche hatte er wie üblich Dennis übertragen, dessen Miene nicht gerade übersprudelnde Begeisterung ausstrahlte, als er sich aus dem Haus trollte.
      Lasziv ans Treppengeländer gelehnt, ihr charmantestes Lächeln auf den Lippen, empfing Malin ihren Vater.
      "Gerd, hör mal", gurrte sie, "Lydia war wieder sehr hässlich zu mir. Kannst du nicht mal mit ihr reden? Ich mag nicht mit ihr streiten."
      Lydia stieß einen gepressten Lacher aus. "Gib dir keine Mühe, Malin, die Unschuld vom Lande kauft dir eh keiner ab."
      "Also, dann komm", lud der Vater Malin mit sanfter Stimme ein. "Gehen wir uns das Werk deines Bruders ansehen. Ich bin schon gespannt, wie viele der Fliesen noch an der Wand kleben."
      "Sei doch nicht immer so streng mit ihm", säuselte Malin. "Er gibt sich wenigstens alle Mühe." Und mit pikiertem Tonfall: "Was man von gewissen anderen Leuten nicht sagen kann. Bei Lydia zum Beispiel muss sich immer alles nur um sie drehen. Und ständig will sie bloß ihren Kopf durchsetzen, von wegen, sie wäre die Ältere und so. Das nervt voll!"
      Lydia zog sich in die Küche zurück und rang mit ihrer Beherrschung. Mit hektischen Handgriffen machte sie sich an der Espresso-Maschine zu schaffen, beschimpfte das silberne Monstrum, als es nicht wie gewünscht funktionierte und versuchte vergeblich, ihm mit leichten Schlägen auf die Sprünge zu helfen. Unverrichteter Dinge ließ sie schließlich davon ab, nahm ihre Unterlagen und stieg die Stufen hinunter ins Büro.
      Ihr persönlicher Arbeitsbereich befand sich gleich rechter Hand in der Nähe des Eingangs und bestand aus einem höhen- und neigungsverstellbaren Schreibtisch aus gebürstetem Stahl mit gläserner Tischplatte, einem Regal aus dem gleichen Material mit abschließbarem Metallrollo und einem flachen Rollcontainer, auf dem ein Drucker stand. An die Stelle ihres beweglichen Sitzhockers war zu ihrem Erstaunen ein mächtiger Bürodrehstuhl getreten. Sie legte ihre Mappe auf dem Schreibtisch gleich neben einem Karton ab, den sie zunächst argwöhnisch beäugte, dann dessen Deckel hob und hineinsah, um festzustellen, dass er ihr unbekannte Dokumente, Büroutensilien und Krimskrams enthielt. Mit Albert Salan, der in derselben Sekunde mit zwei weiteren Kartons zur Tür hereingeschneit kam, folgte die Erklärung auf dem Fuße.
      So wenig die ungleichen Schwestern sonst auch verband, in der Abneigung für ihren Cousin herrschte innigste Eintracht. Dem Sohn von Seniors Schwester Christhild, ihrem einzigen Kind und somit dem einzigen leiblichen Nachkommen der Familie, hatte man schon in seiner Jugend so manches ungestraft durchgehen lassen, aber Lydia und Malin sahen in ihm eine Ausgeburt der Hölle, die Reinkarnation des Bösen, den Samen allen Übels, wenngleich nicht unbedingt aus ein und denselben Beweggründen.
      Ein aufdringlich citrusfrischer, krautiger Geruch kroch Lydia in die Nase. Sie musterte den blasierten Wirtschaftsingenieur mit der Haarpracht eines Aasgeiers und dem falschen Lächeln eines Pferdeverkäufers von oben bis unten, trat dann einen halben Schritt nach hinten und ließ ihn gewähren.
      "Du weißt noch gar nicht Bescheid, richtig?", deutete er ihre Zurückhaltung, während er die Kartons neben den anderen hievte und sich dann mit einem Taschentuch die glänzende Stirn abtupfte. "Mach dir nichts draus. Mich traf es ebenso unvorbereitet. Und dabei hatte ich ganz andere Pläne." Er kräuselte die Lippen. "Aber was tut man nicht alles für die Familie, nicht wahr? Und wie du siehst, nun bin ich hier. Also keine Bange, wir werden das Kind schon schaukeln."
      Lydias Gesichtszüge gingen ihrer eigenen Wege und ohne ein einziges Wort zu verlieren rauschte sie ihnen hinterher.
      Ihre Wut entlud sich erst drei Stockwerke höher, wo sie den Senior zur Rede stellte.
      "Dein Neffe ist unten und macht sich gerade an meinem Schreibtisch breit", giftete sie und aus ihren Augen funkelte das blanke Entsetzen. "Wann wolltest du es mir sagen? Hättest du denn vielleicht jetzt die Güte, mich darüber aufzuklären, was er hier will und wie lange er zu bleiben gedenkt? Damit ich mich darauf einstellen und mir so lange irgendwo ein Plätzchen suchen kann."
      Gerhard klappte das Buch zu und schob den antiquarischen Festeinband vorsichtig in die Lücke zwischen den anderen gleicher Art zurück. Mit der Präzision eines Routiniers nahm er seine Brille ab und steckte sie in ein Etui, das aus seiner Hemdtasche herausragte.
      "Ein wundervolles Buch." Er wandte sich seiner Tochter mit erhobenem Zeigefinger zu. "Und eine lohnenswerte Lektüre."
      Lydia las in seiner Mimik.
      "Es ist gar nicht nur vorübergehend, hab ich Recht?", interpretierte sie seine Reaktion. "Wieso tust du mir das an? Erklärst du mir das? Oder steckt die böse Hexe des Westens dahinter? Kannst es mir ruhig sagen. Ich weiß doch, dass sie nichts unversucht lässt, bis sie ihre Brut und nicht zu vergessen sich selbst versorgt weiß."
      "Zügele besser deine Zunge, junge Dame. Wir wollen bitte nicht vergessen, dass du von meiner Schwester sprichst, deiner Tante."
      "Also doch! Ich wusste es! Diese alte Schreckschraube!"
      "Schluss jetzt!", befahl er. "Ich will nichts mehr hören!"
      Er wandte sich wieder dem wandfüllenden Bücherregal zu, strich verzückt und gleichsam erfurchtsvoll über das Mahagoni, setzte die Brille wieder auf und fuhr mit dem Finger über die Rücken halblederner, teils leicht vergilbter Einbände mit Goldborde.
      "Also das ist alles? Du fährst mir über den Mund, und damit ist die Sache für dich erledigt?" Sich suchte den Blickkontakt, doch Gerhard tat ihr nicht den Gefallen. Natürlich kannst du einstellen, wen du willst, und du musst das auch mit niemandem besprechen, aber es wäre ausgesprochen nett gewesen, wenn du dabei nur einen Augenblick lang auch an mich gedacht hättest. Wieso muss er seinen Arbeitsplatz unbedingt hier im Haus haben? Hättest du ihn nicht genauso gut in einem der anderen Büros unterbringen können? Bei Hauser vielleicht in Köln? Da wäre er auch näher zu Mutti."
      Behutsam zog er einen der Bände aus dem Regal, pustete kräftig darüber und wog ihn abschätzend in der Hand.
      "Ich habe kaum eines dieser Werke je gelesen", gestand er, als müsse ihm dieses Versäumnis peinlich sein. "Ich hatte nie die Zeit", entfuhr es ihm.
      "Vielleicht solltest du dir die Zeit nehmen", raunte Lydia gepresst.
      Er hielt einen Augenblick inne, bevor er sich zu ihr umwandte.
      "Ja, du hast Recht, vielleicht sollte ich das", sagte er, stellte das Buch sorgsam zurück, schlenderte gedankenversunken zum Dachfenster und öffnete es.
      Sein Blick schweifte in die Ferne. Er blinzelte.
      "Schrecklich heiß ist es heute, findest du nicht?"
      Er schloss das Fenster wieder und wusch sich die Hände am Waschbecken, das er erst kürzlich dort hatte anbringen lassen.
      "Hast du den Murks gesehen, der er wieder veranstaltet hat? Schau dir das an. Ein paar Fliesen sollte er anbringen, bloß ein paar lächerliche Fliesen. Ein Klacks sollte das sein für einen jungen Mann wie ihn." Er schüttelte missbilligend den Kopf, während er sich die Hände abtrocknete. "Als ich in seinem Alter war", fuhr er fort, "ich kann dir sagen, das waren andere Zeiten damals. Wir haben die Ärmel aufgekrempelt, mal ordentlich in die Hände gespuckt, und dann ging‘s aber ran an den Speck, jawohl. Da wurde nicht lange gefackelt, auch nicht rumlamentiert oder lang und breit rumdiskutiert, wie das heute so üblich ist. Und so etwas", er zeigte auf den Fliesenspiegel, "für eine solche Arbeit hätte der Meister uns den Kopf abgerissen!"
      Lydia machte gestikulierend wie eine Mannschaftstrainerin am Spielfeldrand auf sich aufmerksam.
      "Ich weiß, ich weiß", wiegelte er ab, "das willst du nicht hören. Und soll ich dir was sagen? Es auszusprechen bereitet mir auch keine Freude."
      "Ich weiß nicht, was du willst. Sie hängen doch noch alle. War das nicht deine größte Sorge? Im Übrigen geht er weder bei dir in die Lehre, noch hat er sich darum gerissen, von dir als Fliesenleger angeheuert zu werden. Förmlich genötigt hast du ihn dazu. Und wenn du jetzt etwas daran auszusetzen hast, dann gib nicht ihm die Schuld, sondern lass einen Fachmann kommen und gut, statt immer nur zu nörgeln und auf allen herumzuhacken. Das hättest du von vorneherein tun sollen. Dir kann man es sowieso nicht recht machen. Niemand kann das. Denn der einzige unfehlbare Alleskönner unter der Sonne, die Perfektion in persona, das bist ja schon du!"
      Die Worte kamen aus Lydia geradezu herausgeschossen, doch jetzt hielt sie erschrocken den Atem an.
      Das befürchtete Donnerwetter des Patriarchen blieb jedoch aus.
      "Wenn du wüsstest, wie ähnlich du ihr bist", sagte er mit glänzenden Augen, als sei er einem Geheimnis auf der Spur, senkte dann nachdenklich den Blick und wandte sich erneut den Büchern zu.
      Lydia schaute irritiert, machte dann auf dem Absatz kehrt und verschwand auf der Treppe.

      Auf halbem Weg nach unten holte sie Malin ein, die sich ein gehässiges Grinsen nicht verkneifen konnte.
      "So kann es aber nicht weitergehen", quäkte sie in Anlehnung an Lydias Tadel von vorhin. "Wann begreifst du das endlich? Kindchen, Kindchen, was soll nur aus dir werden?" Sie giffelte übertrieben.
      "Wenn Erwachsene sich unterhalten, hast du nicht zu lauschen!", schoss Lydia verbal zurück und zwängte sich an ihr vorbei.
      In der Eingangshalle angelangt strebte sie der Kommode zu, in der ihre Wagenschlüssel lagen, doch kurz bevor sie das Möbel erreichte, kam Malin urplötzlich von der Seite angerannt und stieß sie durch die Tür in die Küche.
      "Was soll das? Bist du verrückt geworden?", beschwerte Lydia sich und fasste sich an den Oberarm.
Malin lachte spöttisch.
      "Was denn? Du hast es nicht gewusst? Arme Liddi, fast könnte man Mitleid mit dir haben. Was soll denn jetzt bloß aus dir werden, so ohne Job?"
      Lydia wollte an ihr vorbei, doch Malin stellte sich ihr in den Weg. Ein Gerangel entstand, in dessen Verlauf sie sich mehrfach drehten und Lydia sich immer heftiger aus Malins Klammergriff zu befreien suchte, während Malin gluckste und gackerte, als bereite ihr das einen Heidenspaß. Als Lydia sich endlich löste, half Malin mit einem Schubser nach und schleuderte sie gegen den Kühlschrank.
      "Ist einfach nicht dein Tag heute, was?", sagte sie amüsiert, warf Lydia noch einen verächtlichen Blick zu und ließ von ihr ab.
      Doch so schnell gab Lydia sich nicht geschlagen. Mit hochrotem Kopf stürzte sie Malin nach, griff vor der Kochstelle nach der herabhängenden Kaserole und schwang sie unversehens wie einen Schläger. Rückwärts taumelnd gelang es Malin, den unkontrollierten Hieben auszuweichen, stolperte dabei über einen Stuhl und kam darüber zu Fall. Sofort war Lydia über ihr.
      "Wage dich das nicht noch einmal, hast du verstanden?!", schnaubte sie atemlos. Scheppernd landete der Kupfertopf in der Spüle. "Ob du das verdammt noch mal verstanden hast, will ich wissen!"
      Malin war beim Sturz ungünstig aufgekommen und saß nun mit dem Rücken gegen die Küchenzeile gelehnt, sich den schmerzenden Ellbogen haltend.
      "Du bist ja völlig irre!", stöhnte sie gequält. "Total gaga! In die Klapse gehörst du!"
      "Was ist denn hier los? Alles in Ordnung?", drang Alberts Stimme aus dem Hintergrund.
      "Alles bestens", antwortete Lydia und fuhr herum. "Könntest du uns bitte einen Moment allein lassen?"
      Albert tat so, als hätte er sie nicht gehört, blieb erst direkt vor ihr stehen und reckte den Hals.
      "Sieht so aus, als wäre ich nicht der einzige, der eine Tasse Kaffee gebrauchen kann, stimmt’s? Ist wirklich alles in Ordnung?"
      "Sag mal, bist du taub oder was?", schnauzte Malin ihn an und rappelte sich auf. "Sie hat gesagt, du sollst dich vom Acker machen!"
      Er lachte verlegen. "Schon gut, nur keine Aufregung, bloß eine Tasse und ich bin schon weg." Er sah sich suchend um. "Ihr habt doch eine Kaffeemaschine, oder?" Dann entdeckte er das chromglänzende Ungetüm und stolzierte darauf zu. "Ah, was für ein Wunderwerk der Technik! Weiß jemand, wo der Einschalter ist?"
      "Das gibt’s doch nicht!", schäumte Malin und setzte ihm nach.
      Lydia konnte sie trotz aller Bemühungen nicht davon abhalten, die Kupferkaserole aus der Spüle zu nehmen und nach Albert zu werfen. Zumindest war das zweifellos ihre Absicht gewesen, doch der Flugkörper nahm einen anderen Kurs und kollidierte mit dem gußeisernen Gestell über der Kochstelle, das aus der Befestigung rutschte und mit großem Getöse zuerst an die Kante der Küchenzeile krachte, bevor es am Boden aufschlug. Damit gab Malin sich nicht zufrieden. Während Lydia ihr steif vor Schreck zusah, griff sie nach allem, was sie in die Finger bekam und schleuderte es in Alberts Richtung, Kochlöffel und Besteck, Obst aus der Schale, Keramikbecher, Gewürzfläschchen und sogar die Küchenrolle. Das meiste verfehlte das Ziel um Längen, aber etwas musste Albert am Kopf getroffen haben, denn er wedelte zur Abwehr nicht länger mit den Armen, sondern ging in die Hocke und hielt sich die schmerzenden Stelle.
      "Hör sofort auf damit!", verlangte Lydia nachdrücklich, als sie aus ihrer Starre erwachte, und umschlang Malin mit den Armen. "Am besten, du gehst. Verflixt, geh jetzt! Ich regele das hier."
      Widerwillig ließ Malin sich von ihr in Richtung Tür schieben. Nachdem sie endlich gegangen war, besah Lydia sich den angerichteten Schaden. Wie durch ein Wunder zeigte keine der Bodenfliesen Sprünge oder Risse. Die Hängeschränke ringsum waren unversehrt geblieben, die Theke jedoch wies einige Kerben und Dellen auf. Am schlimmsten war die Kante betroffen, an der das Gehänge samt Inhalt aufgeschlagen war.
      Albert schimpfte und fluchte leise vor sich hin. Lydia, die ihn noch immer keines Blickes würdigte, war kurz nach nebenan gegangen, um mit einem Besen und einem Kehrblech zurückzukehren. Während sie die die Ordnung im Groben wiederherstellte, war sein Jammern lauter geworden.
      "Blutet es?", fragte sie, ohne sich zu ihm umzudrehen.
      Mit ängstlichem Blick kontrollierte Albert seine Handfläche, bevor er sich damit wieder an den Hinterkopf fasste.
      "Ich glaube, mir wird schlecht", antwortete er.
      "Ob es blutet, wollte ich wissen."
      "Nein."
      "Schade", sagte Lydia kühl und ging hinaus.





2. Kapitel


      Aufgeschreckt von dem polternden Geräusch eines Schiebetors flatterten einige Tauben hoch, um sich in der Nähe gleich wieder niederzulassen. Ein kräftiger Luftzug erzeugte ein Pfeifen und Heulen; Staub wirbelte auf und tanzte zusammen mit Laub, Fetzen von Plastikfolie und Papier einen Reigen. Eine schlanke Gestalt schlüpfte durch die Öffnung und stemmte sich von innen gegen den Griff, um das rostige Stahltor wieder zu schließen.
      Die roten Backsteinfassaden des einstigen Fabrikgeländes zeugten vom Glanz einer vergangenen Epoche. Frühsommerliche Sonnenstrahlen drangen durch das milchige Glas der Oberlichter, während aus dem Hintergrund Rockmusik hallte, untermalt vom Tuckern eines bezinbetriebenen Stromerzeugers.
      Im hinteren Teil der früheren Werkshalle stand eine dunkelgrüne Limousine, ein älteres Modell der Marke Jaguar, teils von einer Plane abgedeckt und umringt von Leuchtstoffröhren und Baustrahlern. Darunter lugten die blauen Beine eines Mechanikers hervor. Funkensprühend fraß sich ein Schneidbrenner durch Metall.
      Ihr Kommen war dem Mann im Overall nicht entgangen. Nun kam er auf einem Rollbrett liegend unter dem Auto hervor und blickte an ihr hoch. Sein Gesichtsausdruck verriet, wie sehr ihm gefiel, was er sah, und ihm gingen förmlich die Augen über, als sein Blick an den nackten Beinen hochwanderte.
      "Wie weit bist du?", fragte sie mit spitzem Ton.
      Über dem dunklen Minirock trug sie eine knappe Lederjacke mit breitem Gürtel. Ihr grelles Make-up verlieh ihr etwas Puppenhaftes. Das pechschwarze, perückenhafte Haar unterstrich diesen Eindruck.
      Der Blaumann sprang auf die Füße.
      "Hey, coole Aufmachung", spöttelte er, holte einen Lappen hervor und wischte sich die Hände ab. "Sogar ich hätte dich fast nicht erkannt."
      Mit einer lässigen Geste strich er sein leicht gewelltes, rötlich-braunes Haar nach hinten, während die Schutzbrille in seiner Hosentasche verschwand. Er baute sich ganz dicht vor ihr auf und legte einen Arm um ihre Hüfte.
      "Komm her, du!", raunte er und zog sie fester an sich heran.
      Über seine Schulter konnte sie kurz den Raum einsehen, den er mit Rigipsplatten abgetrennt hatte: ein Schlafsack auf einem Feldbett, Getränkekästen, die als Tisch und Hocker fungierten, und allerlei Campingausstattung, darunter ein Gaskocher und sogar ein mobiler Waschtisch mit Wassertank und Edelstahlspüle.
      Sie wand sich, um sich seinen Liebkosungen zu entziehen und befreite sich aus der Umklammerung.
      "Jetzt hab‘ dich doch nicht so!", murrte er.
      Neugierig nahm sie bereits die grüne Karosse näher in Augenschein, als hätte sie etwas Vergleichbares nie zuvor zu Gesicht bekommen. Auf der Motorhaube verstreut lagen einige Fotos, vergrößerte Detailaufnahmen des In- und Exterieurs, daneben verschiedene Aufkleber und zwei Kfz-Kennzeichen.
      "Wie willst du es anstellen? Manipulierst du die Bremsen? Oder gibt es eine kleine Explosion?"
      Ihre Augen funkelten, als ob die Vorstellung eines Feuerballs und in die Luft geschleuderter Fahrzeugteile bei ihr Verzückung auslösten.
Der Generator und die Rockmusik verstummten, als er an dem orangefarbenen Kasten den Hauptschalter umlegte, und die künstliche Beleuchtung erlosch. An den Oberlichtern vorbeiziehende Wolken schufen ein beinahe gespenstisches Wechselspiel von Licht und Schatten.
      "Das ist keine verdammte Show, klar?"
      Sie verzog enttäuscht das Gesicht und ging weiter um den Wagen herum. Im Fußraum der Beifahrerseite entdeckte sie einen unverknoteten Müllsack, der sie stutzig machte.
      "Da ist ja Geld drin!", staunte sie, die Nase an der Scheibe, und probierte vergeblich den Türgriff.
      Der Mann im Overall legte sein Ganovenlächeln auf. Der auffrischende Wind pfiff durch Ritzen und Spalten, und irgendwo flatterte eine Plastikfolie im Durchzug.
      "Satte zwei Millionen", antwortete er.
      Schon war sie um den Wagen herum und schwang sich auf den Fahrersitz. Ein Druckschalter klickte. Während sie sich zur Seite beugte und ihre Hand in die Banknoten steckte, gab der Mechaniker den Türen einen Stoß.
      "Das ist nur Spielgeld", stellte sie ernüchtert fest, ihm eine Handvoll präsentierend.
      Leise zischend drang das Narkosegas aus unsichtbaren Öffnungen.
      Plötzlich wirkte sie verängstigt. Mit Panik in den Augen zerrte sie am Türöffner und stieß gegen die Tür, doch sie blieb verriegelt.
      "Was soll das? Lass mich raus! Verdammt noch mal, jetzt mach endlich die verdammte Tür auf!"
      Sie reckte sich nach der anderen Seite, kletterte in blanker Verzweiflung auf den Sitz und trat vor die Scheibe. Ohne Erfolg. Sie rief nach ihm, schrie so laut sie konnte, verfluchte ihn, tobte und schluchzte.
      Der Mann im Overall stand regungslos da und sah interessiert zu. Er verfolgte jede ihrer Bemühungen sehr genau. Hin und wieder sah er auf die Uhr.
      Längst waren ihre Bewegungen kraftloser geworden. Mit viel Mühe war sie auf die Rückbank geklettert und hatte sich vergeblich auch an den hinteren Türen versucht. Nun lag sie auf dem Rücken und wirkte benommen. Die Perücke war leicht verrutscht und gab ihren natürlichen Haaransatz preis. Sie blinzelte, als fielen ihr vor Müdigkeit die Augen zu. Schließlich ließ sie schlaff die Glieder hängen und rührte sich nicht mehr.
      Keine zwei Minuten waren vergangen.
      Zufrieden öffnete er die Wagentüren und stellte sich vorsichtshalber etwas abseits, bis das Gas verflogen war. Erst dann beugte er sich ins Wageninnere und entfernte mithilfe eines Werkzeugs die Verkleidung des Holms. Von einer dort montierten Kartusche zog er einen dünnen Schlauch ab und tauschte die verbrauchte Gaspatrone gegen eine neue aus.
      Erst nach einiger Zeit kam seine Komplizin langsam wieder zu sich. Sie stöhnte leise und fasste sich an den Kopf, während er, ohne ihr die geringste Beachtung zu schenken, die unterbrochene Arbeit wieder aufnahm. Mit dem lauter werdenden Tuckern des Generators überfluteten die aufgeflammten Leuchtstoffröhren und Strahler die Szenerie mit gleißendem Licht. Gleichgültig setzte er die Schutzbrille wieder auf, legte sich zurück auf‘s Rollbrett und verschwand mit dem Schneidbrenner unter der Karosserie.
      Nach einer Weile stolperte sie schwach hustend aus dem Wagen, würgte, taumelte zu einem Mauervorsprung und stützte sich erschöpft ab. Sie brauchte gute zwanzig Minuten, um sich einigermaßen zu erholen.

__________________
Ich hatte eine Lösung gefunden, nur passte sie nicht zum Problem.

Version vom 25. 02. 2010 13:23
Version vom 01. 03. 2010 20:19
Version vom 02. 03. 2010 10:09

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jon
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Das klingt vom Ton her recht gut, für meinen(!) Geschmack etwas(!) zu viel Gewicht auf der Kulisse, so dass die Spannung etwas leidet (aber es ist ja auch erst das 2. Kapitel (und das noch nicht mal ganz, oder?)  – in der Folge sollte schon der Plot zunehmend wichtiger werden). Es gibt ein bisschen Kram anzumerken (siehe gleich). Über das Buch sagt da aber noch viel aus.

Kram zum Beispiel:

"Darunter lugten die blauen Beine eines Overalls hervor." und "Der Blaumann sprang auf die Füße." etc
Es sind sicher nicht nur die Beine des Overalls zu sehen und es sprang sicher Mann im Blauman auf …

"die sich jetzt vor ihm in die Höhe reckten. "
Sie liegt auf dem Rücken und streckt die Beine hoch?

"Sie machte einen langen Hals, um sich seinen Liebkosungen zu entziehen "
Sicher nicht deswegen, das macht man aus Neugier. Wichtiger aber: Diese Umgangssprqache passt nicht in das eher hochsprachliche Umfeld. (Nach diesem Teil fehlt auch ein Komma).

"?Jetzt hab‘ dich doch nicht so!?, murrte er ihr nach."
"nachmurren"? Er murrt ODER er ruft ihr nach

"Über seine Schulter konnte sie kurz den Raum einsehen, den er mit Rigipsplatten abgetrennt hatte. Ein Schlafsack auf einem Feldbett, Getränkekästen, die als Tisch und Hocker fungierten und allerlei Campingausstattung, darunter einem Gaskocher und sogar einem mobilen Waschtisch mit Wassertank und Edelstahlspüle."
Doppelpunkt vor der Aufzählung macht einen Satz draus. / Komma nach "fungierten" / "drunter ein Gaskocher" + "ein mobiler Waschtisch"

"Sie verzog enttäuscht das Gesicht und ging weiter um den Wagen herum. Im Fußraum der Beifahrerseite entdeckte sie einen blauen Müllsack, der sie stutzig machte.
?Da ist ja Geld drin!?, staunte sie und probierte vergeblich den Türgriff."
Sie denkt bei "blauer Müllsack" sofort an Geld? Oder zeichnet sich das durch die Folie hindurch ab?

„Schon war sie um den Wagen herum und schwang sich auf den Fahrersitz. Ein Druckschalter klickte. Während sie sich zur Seite beugte und ihre Hand in die Banknoten steckte, gab er den Türen einen Stoß."
In dem Absatz gibt laut Grammatik der Druckschalter den Türen einen Stoß.

", bis sich das Gas verflogen hatte."
bis sich das Gas verzogen hatte ODER bis das Gas verflogen war


Besser die deutsche Anführungszeichen und nicht die "russischen" (siehe Hier klicken
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visco
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Hallo jon

ich freue mich über deinen Besuch im gestohlenen Paradies und danke dir für deine konstruktive Kritik zum 2. Kapitel, die ich ausnahmslos hilfreich fand und nach Kräften sogleich umgesetzt habe.


Ich hab's mir überlegt und nun auch den Anfang des Romans (Prolog + 1. Kapitel) eingefügt, in dem die Charaktere eingeführt und ihr Verhältnis zueinander sowie das Setting vorgestellt werden. So weiß man wenigstens schon mal, mit wem man es zu tun hat, auch wenn die Identität der Figuren aus dem 2. Kapitel erst später enthüllt werden wird.


Wärst du bitte so freundlich, im Titel des Beitrags die Titelangabe durch "Ausschnitt" oÄ zu ersetzen?


Gruß,
Viktoria

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Ich hatte eine Lösung gefunden, nur passte sie nicht zum Problem.

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