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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Das letzte Tabu
Eingestellt am 03. 04. 2003 00:34


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meyer
Hobbydichter
Registriert: Mar 2003

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Unverhoffte Vereinigung oder: Das letzte Tabu

Es war schon dunkel. Gerhard Kressing trat aus dem Haus auf die Stra├če. Wie so oft schlenderte er durch die Innenstadt, um sich in einem der zahlreichen Caf├ęs niederzulassen und an einem Text zu arbeiten. F├╝r die Aufs├Ątze, die er gelegentlich als freier Mitarbeiter eines Wochenmagazins verfasste, begab er sich gern unter Leute. Wenigstens dann.
Der Wind blies ihm ins Gesicht; die B├Ąume am Stra├čenrand rauschten und die Markisen der L├Ąden, an denen er vorbeiging, knackten bedenklich. Als er die Kreuzung ├╝berquerte, bremste rechts von ihm ein Ford scharf ab und kam mit albern aufgeregtem Quietschton zum Stehen. Als ob ich dem nicht rechtzeitig ausgewichen w├Ąre, dachte Kressing geringsch├Ątzig und hob abwinkend die Hand Richtung Fahrer. Das rot-schwarz gekleidete Paar auf dem Reklameplakat auf der anderen Stra├čenseite, besonders dessen weiblicher Teil, h├Ątte seine Aufmerksamkeit nie im Leben auch nur einen Moment beansprucht. Prall, hei├č, eng - diese W├Ârter platzten rein zuf├Ąllig in sein Hirn. Was, verdammt, hatte das mit \"wirkungsaktiver Zahnkrem\" zu tun?

Gro├čes Thema diese Ausgabe, Beschluss der Redaktionskonferenz gestern: \"Welt ohne Tabus. Brauchen wir noch Grenzen?\" Knapp hatte dieser Aufmacher den Zuschlag bekommen statt \"Die neue Lust an der Lust. Die schrillsten Trends\". Die harte Entscheidungsschlacht gewonnen hatte die Kulturredakteurin nur unter Einwerfen zweier gewichtiger Punkte: Erstens war es zur Zeit ├╝berhaupt schwer en vogue, ├╝ber das Ausufern des Liberalismus zu r├Ąsonieren - Werte, Leere, Spa├čgesellschaft, man kannte das. Ausschlaggebend aber war der Hinweis auf die Titel der letzten Ausgaben (\"Kleine Geheimnisse. Warum so viele Frauen fremdgehen\" letzte Woche, \"Goethes h├╝bsche Erbinnen. Das literarische Fr├Ąuleinwunder\" vor vier Wochen und - besonders subtil - \"Sex sells. Das Gesch├Ąft mit der Lust\" vor f├╝nf). Sie argumentierte, es werde allm├Ąhlich schwer, die Fotos der gro├čbr├╝stigen Frauen auf der Titelseite noch wesentlich zu variieren. Variation aber musste sein. Der Leser musste jede Woche auch visuell das Gef├╝hl haben, diesmal gehe es um ein v├Âllig anderes Thema als in der Woche zuvor. Schlie├člich kaufte er kein Sexheft, nein, sondern ein illustriertes Magazin mit Anspruch und gro├čem Politikteil.

Im \"Mosquito┬┤s\" war dienstags Cocktailtag, minus 20 Prozent. Bis dahin waren es durch die Fu├čg├Ąngerzone circa 300 Meter. Die Gesch├Ąfte hatten zwar schon geschlossen, erregten aber in der Dunkelheit mit ihren leuchtenden Schaufenstern umso gr├Â├čere Aufmerksamkeit. Kressing betrachtete gelangweilt die Anpreisungen der Sonderangebote und die zwischen den Pappschildern sinnlos herum stehenden Schaufensterpuppen. Vor einer von ihnen machte er spontan Halt, stellte sich ihr gegen├╝ber und begann grimmig ein kurzes, stummes Zwiegespr├Ąch. Ich kenn┬┤ euch doch, dachte er. Eiskalt seid ihr. Oder war es vielleicht kein Kalk├╝l, dass diese Dame und all ihre Kollegen und Kolleginnen in den Fenstern ausnahmslos Unterw├Ąsche trugen - auch wenn sie \"Sportswear\" hie├č? Au├čerdem wusste man ja, was f├╝r einen Sport diese Herrschaften im Kopf hatten. \"Jogger-Slips\" und \"Sportjacken\", dass ich nicht lache, dachte er. Alles nur Verschleierungstaktik. In Wahrheit ging es allen nur um das Eine. Er sah der Puppe, die sich in verbogener Pose unpraktischerweise an einem Sonnenschirm festhielt, ernst in die Augen und dachte: L├╝stern. Alle seid ihr l├╝stern. W├╝tend riss er sich los von ihrem Anblick und w├Ąre fast gegen einen Vorbeigehenden geprallt: Offensichtlich lie├č sein Vorwurf sie g├Ąnzlich unbeeindruckt.

Das Thema fand gro├čen Anklang. Mehrere Redaktionsmitglieder geh├Ârten zu den traurigen F├Ąllen von studierten Geisteswissenschaftlern, die sich t├Ąglich vorwarfen, vor Jahren einmal \"irgendwas mit Medien\" als Berufswunsch anvisiert zu haben. Im profanen Journalismus-Alltag f├╝hlten sie sich notorisch unterfordert. Die Augen dieser Kollegen leuchteten bei solchen selten genug auftauchenden Themen stets in magischer Verz├╝ckung auf - dies war ihre Stunde. Kollege Nolle vom Lifestyleressort war sofort Feuer und Flamme. Er war Philosophie-Magister und begann gleich begeistert, von \"konstitutiver Autolimitation\" zu erz├Ąhlen, vom Menschsein, das sich gerade im bewussten Verzicht auf fraglose animalische Triebbefriedigung ├Ąu├čere. Kollege Kottenschneider, Rubrik \"Stargefl├╝ster\", Kulturgeschichte-Doktor, war ebenfalls angetan und erkl├Ąrte, gerade rigorose Moralvorschriften h├Ątten doch zentrale Kunstwerke der Weltkulturen erst m├Âglich gemacht.
Kressing hatte zu den wenigen geh├Ârt, die f├╝r die liberalen Entwicklungen der Welt ├╝berhaupt noch ein gutes Wort einlegen mochten. Schnell war klar, dass er in einem der Beitr├Ąge f├╝r die Tabu-Ausgabe diese Position vertreten w├╝rde. \"Eigentlich ist es doch albern\", hatte Kressing gesagt (und gemerkt, dass er w├╝tend wurde), \"erz├Ąhlt mir nicht, dass ihr ernsthaft bereit w├Ąret auf irgendeine lieb gewordene Freiheit zu verzichten, nur weil das kultivierter w├Ąre. Erkl├Ąrt mir das mal ganz praktisch: Wollen wir vielleicht eine Geschmacks-Zensur, die die Sittlichkeit der Medien ├╝berwacht? Lasst uns doch gleich mit unserem Laden anfangen! Gr├╝nde g├Ąbe es genug.\" Kottenschneider, ein dicklicher Mittvierziger, zog die Augenbrauen hoch und schwieg beleidigt. Joachim Nolle seufzte ebenfalls ob so viel Uneinsichtigkeit, entgegnete aber geduldig: \"Aber schau dir doch unsere Gesellschaft an, mit ihren Ausw├╝chsen, ihrer Beliebigkeit. Magst du vielleicht diese schrecklichen Talkshows ├á la \'Ich hab das Zeug zum Busen-Star\'?\" \"Nat├╝rlich nicht\", lenkte Kressing ein, \"daher sehe ich sie mir auch nicht an. Das reicht mir als Gegenma├čnahme. Jedenfalls ist mir eine unz├╝chtige Gesellschaft lieber als eine unfreie.\"

Mit eiskalten H├Ąnden ├Âffnete er die Eingangst├╝r. W├Ąrme, L├Ąrm und Jazzmusik empfingen ihn; die meisten der kleinen Tische waren besetzt. Das \"Mosquito┬┤s\" hatte Tische und St├╝hle aus Metall, aber Holzboden und eher nostalgisch anmutende Wandlampen; au├čerdem gab es gelegentlich kleinere Livemusik-Auftritte. Heute hatte man aber dem CD-Player den Vorzug gegeben.
Der Kellner, ein sehniger Kerl mit Mode-Kahlkopf, w├╝nschte einen guten Abend und gab ihm die Karte. Nach einem kurzen Blick auf die Liste der Cocktails fiel Kressing ein, woher ihm der Mann bekannt vorkam. Der \"Tequiera\" war eine Spezialit├Ąt des Hauses. Barbara hatte ihm, bevor sie das Gemisch zweimal bestellte, noch mit nachsichtigem L├Ącheln das Wortspiel erkl├Ąrt - \"Tequila\", \"te quiero\", oder ├ähnliches; er konnte kein Spanisch, und mit Franz├Âsisch haperte es auch.
Erschrocken durch die pl├Âtzliche Erinnerung bestellte er kurzerhand ein Pils, trotz des Cocktail-Rabatts. Dienstag Abend war es auch gewesen, als er mit Barbara im \"Mosquito┬┤s\" gewesen war - der Abend, der der Anfang vom Ende war. Damals hatte er sich gefreut, dass eine zweik├Âpfige Combo da war, mit Saxofon und Piano. Eigentlich viel zu seicht, dachte Kressing jetzt, genau das Gedudel, mit dem in Spielfilmen immer die Sexszenen unterlegt werden. Wie in dem Kinostreifen, den sie sich gemeinsam angesehen hatten, bevor sie auf ein Glas hierhin gekommen waren.

Aber Barbara war begeistert gewesen von der Musik.
Durchaus am├╝siert vom Gesehenen hatte Kressing leichthin gemeint, man k├Ânne es aber auch ├╝bertreiben mit der Bedeutung, die man dem \"partnerschaftlichen Hormonhaushalt\", er erinnerte sich seiner Worte, beimesse. In dem kom├Âdienhaften Film war es um das Auf und Ab in einer Liebesbeziehung gegangen mit gl├╝cklicher Wiedervereinigung am Schluss; beide Partner hatten zuvor durch diverse Kurse, Seitenspr├╝nge und sonstige Ma├čnahmen hart auf ein erf├╝llteres Sexualleben hingearbeitet. Kressing fand das Verhalten beider zwanghaft und den Film ├╝berhaupt unterhaltsam, aber fern der Realit├Ąt - \"gl├╝cklicherweise\", sagte er und nahm einen Schluck \"Tequiera\". Das Saxophon s├Ąuselte zerstreut.
Dann hatte er Barbaras ver├Ąnderten Gesichtsausdruck bemerkt und sie eilig nach ihrer Meinung zu dem Film gefragt. Doch sie wollte nicht ├╝ber den Film reden, sondern ├╝ber sein \"seltsames Verh├Ąltnis\" zum Sex in einer Beziehung.
Der kahlk├Âpfige Kellner brachte das Pils. Kressing nahm einen Schluck. Zu sp├Ąt hatte er gemerkt, dass sie sich mitten in einer Grundsatzdiskussion befanden - und auch dann nicht kl├╝ger geredet. \"Sich zu lieben ist das Eine. Aus dem Sex eine Ideologie zu machen, von der das Fortbestehen von Beziehungen abh├Ąngig gemacht wird, ist etwas ganz anderes.\" Das Klavier klirrte warnend. Endlich hatte er ernst gesagt: \"Vorgestern sagtest du noch, es macht dir Spa├č mit mir. Wenn du mir nicht sagst, wenn etwas nicht in Ordnung ist, kann ich auch nichts machen. Du kannst mir nicht vorwerfen, dass...\" \"Darum geht es ├╝berhaupt nicht\", die jetzt offene Wut in ihrer Stimme klang ihm noch in den Ohren, \"ich finde es einfach eine Frechheit, wie du ├╝ber Sex sprichst. Bitte verlange nicht von mir zu glauben, dass unsere N├Ąchte dir nicht wichtig w├Ąren - glaub┬┤ mir, das w├╝rde ich merken. Warum weigerst du dich zuzugeben, wie wichtig die Sexualit├Ąt f├╝r Menschen ist?\"
Kressing lenkte ein - oder glaubte das zu tun, als er sagte: \"Das kann ich ja gern zugeben. Mir gef├Ąllt es, wenn wir uns lieben, sei dir da sicher. Ich brauche es. Aber was hei├čt das denn? Es gibt eben auch unsere Triebe, die befriedigt werden m├╝ssen. Aber ich sch├Ątze, uns w├╝rde nicht allzu viel fehlen, wenn wir sie nicht h├Ątten.\" Ab hier konnte er sich an nichts mehr erinnern. Er stellte fest, dass sein Glas schon leer war.
Seitdem hatten sie nicht mehr zusammen geschlafen. Vier Tage sp├Ąter war Barbara ausgezogen.

Er rief den Kellner heran. \"Noch ein Gro├čes\" - zum Teufel mit dem Cocktailtag, er musste jetzt arbeiten. Oder seine Nostalgiewelle bet├Ąuben? Er wusste es nicht. Jedenfalls nervte ihn der Laden eigentlich - warum blieb er ├╝berhaupt hier? Auf dem Blatt standen schon einige Notizen, die Kressing bereits am Vormittag im B├╝ro und dann zu Hause angefertigt hatte. Er ├╝berflog die handgeschriebenen Stichw├Ârter: \"Menschheit hat sich allm├Ąhlich von sittlichen / religi├Âsen Zw├Ąngen gel├Âst - Moral nun nicht mehr ├Âffentl. aufoktroyiert, sondern individuell - dadurch gerade nicht Beliebigkeit, sondern (mit Grundkonsens als Rahmen) neu gebildete Vorstellungen v. \"Richtig\" u. \"Falsch\" - entscheidend (das hatte er unterstrichen) aber: ohne grunds├Ątzliche Tabus, heute darf man ├╝ber alles offen reden, keine unber├╝hrbaren, peinl. zu verschweigenden Themen o.├Ą. mehr, unsere nat├╝rlichen Bed├╝rfnisse erhalten entsprechendes Gewicht - Freiheit\". Er starrte auf das Geschriebene, z├╝ckte den Stift, verbesserte \"aufoktroyiert\", indem er das ├╝berfl├╝ssige \"auf\" wegstrich - Tautologie, h├Ątte es im Germanistik-Grundkurs gehei├čen. Barbara wollte ihm nicht aus dem Kopf. So wurde das nie etwas mit seinem Artikel. Er biss sich auf die Lippen. Hier, an diesem Ort, dachte er abschweifend und erbost, war es schlie├člich gewesen, wo sie ihm einen Strick gedreht hatte daraus, dass er nicht jederzeit Lust hatte, ein Loblied auf den Sex zu singen. Da durchzuckte es ihn - unvermittelt hob er den Stift und erg├Ąnzte hinter \"unsere nat├╝rlichen Bed├╝rfnisse erhalten entsprechendes Gewicht\" ein \"ja, leider!\".
Das Bier kam, und Kressing nahm eifrig einen Schluck und leckte sich ungeduldig den Schaum von den Lippen - er war jetzt besch├Ąftigt. Der Kuli arbeitete. \"Sex Dauerthema - immer und ├╝berall - hemmungslos - l├Ąngst neue Ersatzreligion\"... Das neue Bierglas war bald schon wieder fast leer. Sein Blick wurde glasig, aber er war sicher, er hatte noch nie so klar gesehen. Ein durchdringender, stolzer Kugelschreiberstrich machte seine bisherige Textplanung hinf├Ąllig. Er begann zu schwitzen ├╝ber die geniale Erkenntnis. Er hatte sich geirrt: Es gab doch noch ein Tabu.

\"Na so was, der einsame Tabulose! Oder sollte ich besser sagen, der Freiheitsk├Ąmpfer?\" M├╝hsam sah Kressing auf. Florentine Lange, die Kulturredakteurin, grinste ihn an. \"Was dagegen, wenn ich mich kurz zu dir setze?\" Und schon sa├č sie auf dem Alu-Stuhl ihm gegen├╝ber. Ihr dunkles Haar trug sie jetzt offen - heute Morgen, Kressing sah sie noch vor sich, hatte eine Haarspange es zusammen gehalten. \"Mal ehrlich\", begann sie leichthin, sah ihn aber unverwandt an, \"damit h├Ątte ich nicht gerechnet, dass du mir mit meinem Themenvorschlag derartig in die Parade f├Ąhrst. Tut mir Leid, aber ich finde, man sollte die niederen Triebe der Menschen manchmal z├╝geln. Bist du eigentlich wirklich so begeistert von unserer tollen Spa├čgesellschaft?\" Angestrengt entgegnete Kressing: \"Ich bin gerade dabei, meinen Beitrag zu schreiben. Ich sch├Ątze, hier werden wir nicht zusammenkommen.\" \"Was meinst du?\", fragte sie.
Der Kellner kam und fragte den neuen Gast nach ihren W├╝nschen. Er sagte, er komme gleich wieder, als er sah, dass sie gerade erst die Karte zu studieren begann. \"Heute ist Cocktailtag\", sagte Kressing heiser. \"`Tequiera┬┤ kommt von `te quiero┬┤. Das hei├čt: Ich liebe dich.\" Er merkte erfreut, sie konnte auch kein Spanisch. Sie sah ihn aufmerksam an. \"Wieso kommen wir jetzt hier nicht zusammen?\" \"Ich meine\", allm├Ąhlich fasste Kressing sich wieder, \"unsere Differenzen zu diesem Thema sind unvereinbar. Ich bin einfach dagegen, jetzt, in unserer toleranten und offenen Zeit, nun quasi neue Dogmen auszurufen. Allm├Ąhlich gilt es eben als Tugend, den anderen leben zu lassen wie er es m├Âchte - und nicht mehr, ihn in ein moralisches Raster hineinzupressen und ihn zu verdammen, wenn er nicht hinein passt. Allerdings geht es mir bestimmt nicht darum, alle Ausw├╝chse unserer Zeit hoch zu jubeln.\" \"Nenn es Werte oder Dogmen - jedenfalls braucht jede Gesellschaft einen Konsens, dass gewisse Grenzen zu wahren sind. Ja, ich bin f├╝r Grenzen, und vor allem bin ich daf├╝r, dass es nicht l├Ąnger als cool gilt, diese Grenzen zu verletzen\", sagte Lange ernst und fuhr fort: \"Am schlimmsten ist diese idiotische Promiskuit├Ąt.\" Kressing sah sie etwas verwundert an. Sie erkl├Ąrte: \"Sex muss man ja heute f├╝r das Wichtigste im Leben halten. Diese zwanghaften Dauergeilen - m├Âglichst einfallsreiche Methoden mit m├Âglichst vielen Partnern. Man muss sich ja schon fast entschuldigen, wenn man es nicht st├Ąndig braucht. Wenn wir neue - oder alte - Werte brauchen, dann ja wohl dort.\" Kressing schluckte. Irgendwie kam ihm das fatal bekannt vor. \"Nein, Gerhard, Freiheit in allen Ehren. Aber du kannst es auch ├╝bertreiben.\" Stotternd brach es aus ihm hervor: \"Florentine, es w├Ąre sehr nett, wenn du dir meinen Entwurf anh├Âren w├╝rdest. Aber vielleicht besser nicht hier.\" Sie hob die Brauen.

\"Als am 26. 8. 1789 die franz├Âsische Nationalversammlung die Erkl├Ąrung der Menschen- und B├╝rgerrechte annahm, m├Âgen die Beteiligten ├╝berzeugt gewesen sein, nun breche eine neue Zeit an. In der darauf folgenden Geschichte, dieser Eindruck dr├Ąngt sich auf, ├╝berwog die Missachtung dieser hehren Ideale. Andererseits sind Fortschritte nicht zu leugnen. Meinungs- und Gewissensfreiheit sind in den Verfassungen der meisten gro├čen Nationen verankert. Doch offenbar ist der Mensch erfinderisch darin, sich immer wieder neue Zw├Ąnge aufzuerlegen. Haben staatliche und sittlich-religi├Âse Machtstrukturen ihren Absolutheitsanspruch inzwischen eingeb├╝├čt, so ist es im Kleinen heute die Erotomanie, die unser Handeln bestimmt.
Wie bei jedem Tabu wird auch die Verletzung dieses neuzeitlichen Universalprinzips empfindlich, zuweilen existenziell, geahndet: Heutzutage Sexualit├Ąt f├╝r eine eher uninteressante Notwendigkeit zu halten, kommt einem gesellschaftlichen wie partnerschaftlichen Selbstmord gleich. Wieder gibt es eine sexuelle Ausrichtung, die allgemein ge├Ąchtet ist: die Unlust - und alles, was danach aussieht. Niemand verweigert heute ungestraft dem Idol Sex die ihm geb├╝hrenden Opfer. Der Autor spricht aus Erfahrung.
Wirklich liberal ist eine Gesellschaft aber erst dann, wenn sie sich von Zw├Ąnge aus├╝benden Denkschemata befreit. Wenn sie sich der Verabsolutierung von Weltbildern jeglicher Art widersetzt. Wohlgemerkt: Nicht etwa die Sorge um die k├Ârperliche Zufriedenstellung des Partners ist es, die aufgegeben werden sollte. Sondern das Dogma des K├Ârperlichkeits-Kultes, das ungeschriebene Gebot, die sexuellen als die ├╝berhaupt eigentlichen H├Âhepunkte ansehen zu m├╝ssen - H├Âhepunkte der Liebe, des Lebens gar. Freiheit ist immer auch die Freiheit zum Verzicht. Libert├ę statt Libidismus - den wackeren Streitern von 1789 h├Ątte es vermutlich gefallen.\"

Kressing r├Ąusperte sich.
\"Gerd\" - er hatte bef├╝rchtet, sie w├╝rde ihn doch nicht verstehen, aber sp├Âttisch klang ihre Stimme gar nicht - \"bist du dir sicher, dass du das meinst?\" Sie sa├čen in seiner Wohnung auf dem Sofa. \"Naja\", sagte er, \"vielleicht hast du ja Recht - mit manchen Tabus l├Ąsst es sich ganz gut leben.\" \"Nein, nein\", tadelte sie ihn, \"ganz anders: Tabus sind dazu da, gebrochen zu werden.\" Z├Ąrtlich umspielten seine H├Ąnde ihre H├╝ften: \"Du wei├čt, ich bin f├╝r die Freiheit, zu verzichten, worauf man will. Aber zu viel Freiheit ist auch langweilig.\" \"Wie kannst du das nur sagen\", versetzte sie zwischen zwei K├╝ssen, \"f├╝r jede einmal errungene Freiheit muss man k├Ąmpfen. Du wei├čt, ich bin f├╝r die Z├╝gelung der Triebe. Aber manchmal ist es doch viel sch├Âner, sich treiben zu lassen.\"

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