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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Das letzte Tagebuch (Natascha)
Eingestellt am 18. 03. 2002 17:30


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Ann-Kathrin Deininger
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1. Natascha : Die pflichtbewusste, Àlteste Tochter, die die Familie versorgen musste



Von meinem Tod hatte Natascha nicht viel mitbekommen. Am Blutsonntag war sie neun, und alles, was sie bemerkte, war, dass weder ihr Bruder noch Onkel Jakob noch ihre Mutter nach Hause zurĂŒckkehrten. Sie war ein kluges Kind, und konnte sich denken, was passiert war. Sie hatte schon viele Tote gesehen, zumeist Erfrorene und so erwĂ€hnte sie den anderen unserer Dorfgemeinschaft gegenĂŒber nur, der Winter hĂ€tte ihre Mutter und ihren Bruder geholt. Da niemand einsah, wieso das Kind die Wahrheit erfahren sollte, ließen die anderen Frauen sie in diesem Glauben. Wahrscheinlich wussten nicht einmal sie genau, was passiert war. Nachrichten aus der Stadt drangen nur selten bis aufs Land, vor allem, da der Winter in diesem Jahr gar nicht nachlassen wollte. Zudem schienen der Zar und das MilitĂ€r nicht besonders geneigt, jedem Auskunft zu erteilen. Man hörte sogar, dass einige, die den Tod der Arbeiter am Blutsonntag als ein Sterben fĂŒr das Vaterland ansahen, plötzlich und unversehens von der BildflĂ€che verschwanden, ebenso erging es jenen, die Revolutionsgedanken schmiedeten oder auch nur ein verĂ€chtliches Wort ĂŒber den Zaren fallen ließen.
Dadurch, das auf dem Land niemand so richtig wußte, was eigentlich los war, lebten die Menschen dort in einer seltsamen Art von Frieden, denn sie wurden von niemandem behelligt. Dieser Frieden durch Unwissenheit hielt sich standhaft dank eines Krieges gegen den Hunger. Die Leute auf dem Land wollten nicht die aus der Stadt ernĂ€hren mĂŒssen, die aus der Stadt fĂŒrchteten sich vor den Krankheiten, die auf dem Lande kursierten. Es entstand eine unsichtbare Barriere zwischen den wissenden StĂ€dtern und den in der Vergangenheit lebenden Bauern. Unsere Gemeinschaft war da schon etwas fortschrittlicher, es war immerhin kein richtiges Feudalsystem mehr, da die Familie des Gutsherren, dem das Land gehört hatte, vor einiger Zeit einer schweren Krankheit erlag, und der einzige Erbe, ein Neffe des Gutsherren, irgendwo in den Wirren des Krieges abhanden gekommen war. Wir benutzten alles gemeinsam und wir teilten uns die ErtrĂ€ge der Felder. Es war eine Überlebensstrategie, denn durch unser Teilen blieben mehr am Leben, die das Land neu bestellen konnten. Vor allem fĂŒr die Kinder wurde gesorgt. HĂ€tte Karl Marx uns gekannt, hĂ€tte er uns vielleicht als ein Beispiel fĂŒr ein kommunistisches Zusammenleben bezeichnet.
Natascha lebte friedlich in unserer kleinen Gemeinschaft, erledigte die Arbeiten, die ihr zugeteilt wurden und fand ihre grĂ¶ĂŸte Aufgabe darin, fĂŒr ihre Geschwister zu sorgen. Sie genoß die Ruhe des Landes, obwohl Hunger und Armut ihr zu schaffen machte. Erst 1914 begann ihr Leben aus den Fugen zu geraten.
Sie war 18, als die Soldaten kamen, und die jungen MĂ€nner fĂŒr den Krieg abholten. Natascha war verliebt, in einen Jungen namens Dimitri, der auch vom Land kam und den sie heiraten wollte. Dimitri war jedoch genau so arm wie sie, und Natascha wußte, es war ihre Pflicht, jemanden zu heiraten, der ihre Familie versorgen konnte. Als die Soldaten kamen, haben sie ihn mitgenommen. Aus dem Krieg schrieb er ihr oft lange Briefe, die sie nie erreichten, und auch der letzte, in dem er schrieb, dass die Deutschen ihre Stellung beinahe umzingelt hatten und er den Tod fĂŒrchten mĂŒsse, fiel vom Blut durchtrĂ€nkt zu Boden, wo der Stiefel eines deutschen Soldaten ihn im Schlamm verschwinden ließ.
Natascha dachte noch lange an Dimitri, am meisten wahrscheinlich an dem Tag, an dem sie sich mit einem Mann verheiraten ließ, der in der Stadt lebte und ĂŒber ein kleines aber gutgehendes Gewerbe verfĂŒgte, das Kochtöpfe, Pfannen, Teller und Becher aus Weißblech herstellte. Sie heiratete ihn zwei Wochen, nachdem Dimitri gegangen war, obwohl sie Pietrow, ihren Mann, nicht sonderlich mochte. Aber er versprach, fĂŒr ihre Geschwister zu sorgen, was bedeutete, dass die zwei jĂŒngeren BrĂŒder, damals elf und dreizehn Jahre alt, in seiner Fabrik schufteten, wĂ€hrend Nataschas Schwester, gerade mal sechzehn geworden, seinen Freunden und GeschĂ€ftspartnern gefĂŒgig war, wo durch Pietrow das ein oder andere Geld etwas leichter verdiente. Alles in allem verachtete Natascha ihren Mann schon nach ein paar Wochen, sie sah aber keine Möglichkeit, sich von ihm zu lösen, zumal er sein Gewerbe auf Waffen und Schießpulver umstellte, und durch den 1. Weltkrieg immer weiteren Gewinn machte und zusĂ€tzlich noch vom Zaren begĂŒnstigt wurde. Oft gab es Streit mit ihren Geschwistern, die lieber auf dem Land geblieben wĂ€ren. Doch gewann Pietrow die Jungen fĂŒr sich, indem er ihnen versprach, sie nicht in den Krieg zu lassen, da er sie hier an den Maschinen brauche. Er selber war als KrĂŒppel aus dem Krieg gegen die Japaner zurĂŒckgekehrt, und er genoß das Mitleid, dass ihm andere entgegenbrachten.
Er mochte große Festlichkeiten in den BallhĂ€usern, er mochte die dekadente, reiche Gesellschaft, unter die er sich gerne mischte, und er genoß es, die Töchter reicher Eltern zu verfĂŒhren, wĂ€hrend seine Frau schwanger war und zu Hause auf ihn wartete. Pietrow interessierte sich weder fĂŒr Hunger noch Armut, beides existierte in seiner Welt nicht. Er buhlte um die Gunst des Zaren und Natascha hĂ€tte sich nicht gewundert zu erfahren, dass er bei der Niederschlagung kleinerer AufstĂ€nde seine HĂ€nde im Spiel hatte. FĂŒr ihn war sie nicht mehr als eine zusĂ€tzliche Arbeitskraft, genau wie ihre Geschwister, die noch dazu Ă€ußerst billig war.
Pietrow war aber auch ein Mann, der fĂŒr alle FĂ€lle vorausplante. Wahrscheinlich war das auch der einzige Grund, warum er Natascha und ihre Familie in sein Haus geholt hatte. Er hoffte, das System wĂŒrde so bestehenbleiben, wie es war, er mochte den Zaren, und er machte Gewinn. Trotzdem sah er auch, dass im Volk Unzufriedenheit herrschte, er bemerkte, dass in der Stadt immer mehr Wachen patrouillieren mussten, um die Sicherheit zu gewĂ€hrleisten. Und er hatte fĂŒr den Fall vorausgeplant, dass es dem Volk tatsĂ€chlich gelang, das System zu stĂŒrzen. NatĂŒrlich war er ein reicher Mann, aber er wĂŒrde sich als ĂŒberzeugter Sozialist ausgeben. Das wĂŒrde sogar glaubwĂŒrdig erscheinen, weil er eine Frau und ihre Geschwister aufweisen konnte, die er aus der Armut gerettet hatte. Er fĂŒrchtete den Tag, aber wie gesagt, Pietrow war ein Mann, der auf alle FĂ€lle vorbereitet sein musste. Natascha wusste, dass ihm eine Sache am meisten zu schaffen machte, nĂ€mlich die Duma, die der Zar 1905 als ein frei gewĂ€hltes Parlament eingerichtet hatte. Zu Pietrows Freude hatte der Zar dieses gut unter Kontrolle, das Zensuswahlrecht und die Legitimation, es jeder Zeit auflösen zu können, halfen ihm dabei. Trotzdem: Nataschas Ehemann gefiel es nicht. Er mochte die Parlamentarier nicht, seiner Meinung nach unterstĂŒtzten sie doch zu sehr das Volk. Es gab zu viele Sozialdemokraten und andere sozialistische Parteien und Pietrow fĂŒrchtete, sie könnten einmal den Zar stĂŒrzen, sogar beinahe legal, da sie ihr Mandat als Volksvertreter trugen.
Der erste Weltkrieg zog ohne grĂ¶ĂŸere Probleme an Natascha vorbei, es interessierte sie wenig, was in Deutschland passierte, sie hatte sich um ihre kleine Tochter zu kĂŒmmern, die sie im Januar 1916 zur Welt gebracht hatte. Das ErzĂ€hlenswerte ihres Lebens begann erst an dem Tag, an dem die Revolution begann, am 27.2.1917.

Vor zwei Tagen waren sĂ€mtliche Arbeiter aus Pietrows Werk in den Generalstreik getreten, und weder Natascha noch ihre Geschwister sahen einen Sinn darin, weiter zu arbeiten. Sie hatten sich in das FabrikgebĂ€ude zurĂŒckgezogen, dass ausgestorben vor ihnen lag. Sie saßen die meiste Zeit auf dem Boden, aßen Brot, welches sie zuvor in Massen gekauft hatten, um ĂŒber den harten Winter zu kommen. Außerdem spielten sie die unterschiedlichsten Kartenspiele, und es sah beinahe so aus, als hĂ€tte die Familie einmal wieder zusammengefunden.
Am 27. Februar allerdings hatten sie es grĂŒndlich satt, sich in den leeren Hallen zu verbergen, nur weil sie sich als Familie eines Fabrikbesitzers nicht unter den Streikenden sehen lassen durften. Obwohl Pietrow ihnen strikt untersagt hatte, auf die Straße zu gehen, machten sich die beiden Jungen am frĂŒhen Morgen auf, und schlossen sich den Demonstranten an. Natascha und ihre Schwester blieben zurĂŒck.
Sie saßen eine lange Zeit schweigend nebeneinander, bis Natascha das Wort ergriff, und sich bei ihrer Schwester entschuldigte fĂŒr das Unrecht, das Pietrow ĂŒber sie gebracht hatte. Uljana antwortete zögernd, sie habe es nur gut gemeint, vermutlich wĂ€re die Familie ohne sie auf dem Land spĂ€testens in diesem Winter verhungert. Sie spĂŒrten beide die Mauer zwischen ihnen, und Natascha fragte sich, warum zwischen ihnen eine solche Distanz entstanden war. Sie konnte es nicht genau sagen. Aber es hatte sicherlich mit Pietrow zu tun, der sie alle letztlich nur benutzt hatte.
„Was glaubst du, ob sie es diesmal schaffen?“ fragte Uljana. Natascha mußte zugeben, dass sie sich nicht sonderlich um die Streiks und AufstĂ€nde gekĂŒmmert hatte, geschweige denn, an die Möglichkeit einer Revolution gedacht jemals gedacht hatte. Ihre Schwester erklĂ€rte sie fĂŒr naiv und warf ihr vor, die lasse sich zu sehr von ihrem Ehemann beeinflussen, der doch immer nur versuche, Kapital zu schlagen. „Mutter und viele andere haben es damals versucht, und sie sind dafĂŒr gestorben, und jetzt sagst du mir, dass dich alles kalt lĂ€ĂŸt, wofĂŒr sie gekĂ€mpft haben?“ Natascha dachte darĂŒber nach und erwĂ€hnte dann etwas zögerlich, dass am Blutsonntag niemand gekĂ€mpft hatte. „Eben“, meinte Uljana darauf, „Die haben sie einfach abgeschlachtet, und wir haben uns das gefallen lassen.“ Von der Straße drangen jetzt Stimmen herein, die lautstark Parolen und Sprechverse im Chor sangen. „Sie reden von Demokratie“, sagte Natascha, „das hört sich gut an.“ Uljana wischte das mit einer Handbewegung weg. Es nur zu hören sei zu wenig, meinte sie, wĂ€hrend sie sich erhob, man mĂŒsse es fĂŒhlen. Bevor Natascha sie aufhalten konnte, war sie durch das Tor nach draußen geschlĂŒpft und hatte sich unter die Menge gemischt. Ihre Schwester hingegen dachte weiter ĂŒber die Demokratie nach. Sie kam zu dem Schluß, dass ihre Mutter mit Sicherheit dafĂŒr gekĂ€mpft hĂ€tte. Außerdem entschloss sie sich dazu, auch etwas dazu beizutragen. Aber da gab es noch Pietrow, den sie mehr fĂŒrchtete als alles andere. Wenn sie wirklich kĂ€mpfen wollte, musste sie dort anfangen.
Mitten in ihre Gedanken drangen die SchĂŒsse von der Straße. Sie hörte Schreie und weitere SchĂŒsse. Natascha sprang auf. Sie lief zu einem der winzigen Fenster. Durch das milchige Glas spĂ€hte sie nach draußen. Was sie sah, war erschreckend. Etwas weiter die Straße runter befand sich ein Demonstrationszug aus Arbeiter, der jetzt in alle Richtungen auseinanderstob. Aus einer Seitenstraße kamen die SchĂŒsse. Natascha konnte gerade einen Blick auf einen Gewehrlauf und einen uniformierten Arm erhaschen. Sie musste irgendetwas tun. Sie dachte wieder an Blutsonntag, und an Tiejka, ihre Mutter, die genau so gestorben war. Natascha rannte zum großen, schweren Schiebetor der Fabrikhalle, dass aus Eisen bestand und sich kaum von der Stelle bewegte. Die junge Frau mußte all ihre Kraft aufbringen, um das Tor etwa einen Meter aufzuschieben. Sie trat auf die Straße, winkte heftig und schrie den rennenden Demonstranten zu, herzukommen. Einige hörten auf ihren Ruf, und weitere folgten ihnen. Viele erreichten keuchend das Tor, sprinteten in die leere Fabrikhalle und waren glĂŒcklich, in Sicherheit zu sein. Andere dachten weiter und halfen Natascha, das Tor noch weiter zu öffnen, um mehr Leute aufnehmen zu können. Immer mehr strömten in die Halle, drĂ€ngten sich gegenseitig zur Seite, nur um sich selbst zu retten. Die SchĂŒsse und die Soldaten des Zaren kamen immer nĂ€her. „Wir mĂŒssen das Tor schließen“, schrie einer ĂŒber den LĂ€rm. Die MĂ€nner gehorchten und stemmten sich dagegen. Ein blutender Junge brach kurz vor der Halle zusammen. Einige traten einfach auf ihn, um weiter zu kommen. Natascha drĂ€ngte sich gegen den Strom nach vorne. Sie erreichte irgendwie den Jungen und zog ihn nach oben. Dann arbeitete sie sich zur Fabrik vor und konnte noch gerade sich und den Jungen durch das Tor schleppen, bevor es mit einem dumpfen Knall gegen die Wand stieß. Von draußen hörte man die Schreie derer, die die Halle nicht erreicht hatten. Man hörte weitere SchĂŒsse, die Schreie wurden lauter. Unter dem Tor floß eine rote Lache von Blut in die Halle. Die verĂ€ngstigen Menschen drĂ€ngten sich zwischen den Maschinen zusammen, einige MĂ€nner griffen nach Werkzeugen, um sie als Waffen zu benutzen.
QuerschlĂ€ger und Kugeln, die das schwere Tor trafen, erzeugten einen scharfen, metallischen Laut, bei dem jeder zusammenfuhr. Natascha erinnerte es nur an die GerĂ€usche der Fabrik. Draußen starben die Menschen. „Wir mĂŒssen doch was tun!“ rief eine Frau. „Uns töten lassen?“ fragte eine höhnische MĂ€nnerstimme. Ein Tumult brach los. Alle redeten wild aufeinander ein, wĂ€hrend draußen die SchĂŒsse und Schreie durch die Luft peitschten. „Wir kĂ€mpfen“, sagte Natascha eisig. Wie ihr der Gedanke gekommen war, wußte sie selbst nicht. Es wurde still. „Womit bitte?“ fragte jemand. „Mit einem Hammer und einer Zange?“ Wortlos bahnte sich Natascha einen Weg durch die Menge.
Das Lager der Fabrik wurde durch ein Ă€hnliches Tor geschĂŒtzt, wie das vor der Fabrikhalle. Mit Hilfe des SchlĂŒssels, den Pietrow ihr ĂŒberlassen hatte, öffnete sie das Schloss und schob die TĂŒr auf. Einige hundert fabrikneue Gewehre und mehrere FĂ€sser mit Schießpulver und Munition wurden sichtbar. Natascha griff sich eines der Gewehre und warf es dem Mann zu, der sie mit weit aufgerissenen Augen anstarrte. „Damit!“ sagte sie leise, aber ihre Stimme war in der ganzen Halle noch zu hören. Eine Stimme in ihrem Hinterkopf fragte sich, was Pietrow dazu sagen wĂŒrde, wenn er erfuhr, dass sie seine eiserne Produktionsreserven, die fĂŒr den Krieg bestimmt waren, den RevolutionĂ€ren in die Hand gab. Sie wußte nicht, dass sie ihrem Mann damit das Leben rettete.
Die MĂ€nner ĂŒbernahmen die Aufgabe, die Waffen auszugeben. Binnen weniger Minuten waren ĂŒber hundert Mann mit Gewehren bewaffnet, die anderen nahmen Eisenstangen, HĂ€mmer und was sie sonst finden konnten. Draußen erklangen immer noch vereinzelte SchĂŒsse und durch die Fenster konnte man etwa fĂŒnfzig Soldaten ausmachen, die in alle möglichen Richtungen zielten.
Einige Unbewaffnete schoben das große Tor auf, wĂ€hrend die MĂ€nner mit den Gewehren dahinter lauerten. Die Soldaten schienen zunĂ€chst nicht auf das Öffnen des Tores zu reagieren, und als sie es bemerkten, war es fĂŒr sie zu spĂ€t. Sie standen ohne Deckung mitten auf der Straße, als die Streikenden aus der Fabrik zu schießen begannen. Einer nach dem anderen brach zusammen. Einige schossen zurĂŒck, und auch unter den RevolutionĂ€ren gab es Tote. Begeistert von ihrem Erfolg drĂ€ngten die MĂ€nner und Frauen aus der Fabrik hinaus und stĂŒrzten sich auf die Soldaten, bis keiner mehr ĂŒbrig war. Nachdem sie ĂŒber dem Blutbad, dass sie angerichtet hatten, triumphierten, bildeten sie wieder einen lockeren Zug, der einerseits Plakate in die Luft hielt, andererseits die Waffen schwenkte. Natascha blieb am Tor der Fabrik. Sie stand in einer PfĂŒtze aus Blut, wĂ€hrend ihr Blick von einem toten Soldaten zum anderen schweifte. Plötzlich fĂŒhlte sie sich entsetzlich. Ihr wurde ĂŒbel und sie ĂŒbergab sich in das Blut der Gefallenen, bevor sie auf allen Vieren in die Halle zurĂŒckkroch und sich weinend in eine Ecke kauerte.
Wann genau Pietrow zu ihr stieß wußte sie nicht mehr. Er sah erbĂ€rmlich aus. Sein eleganter Anzug war dreckig und zerrissen. Seine Haut war aufgeschĂŒrft und ein Auge war angeschwollen, ĂŒber den Wangenknochen zeigten sich blaue BlutergĂŒsse und mehrere blutige Kratzer. Ein Schnitt prangte an seiner Stirn nahe dem Haaransatz, das Blut daraus war ihm ĂŒber die linke GesichtshĂ€lfte gelaufen und wirkte jetzt, wo es geronnen war, wie eine Maske. In seinen Augen ließ sich keine Regung erkennen, sein Gang war merkwĂŒrdig steif, als er durch die Fabrikhalle wankte, seine Frau in der Ecke entdeckte und sich neben ihr auf den Boden sinken ließ.
Er saß lange Zeit da und sagte ĂŒberhaupt nichts. Dann begann er ihr zu erzĂ€hlen, was passiert war. Sie erfuhr von den Streiks, den Demonstranten und der Meuterei in der Garnison. „Die Soldaten haben sich auf die Seite des Volkes gestellt.“ Das sah aber hier anders aus, dachte Natascha, ohne es laut zu sagen. „Zumindest die meisten“, schloss Pietrow nach Minuten an seinen vorigen Satz an. Die Duma hatte sich entschlossen, die Ordnung wieder herzustellen, erzĂ€hlte er, und der Petrograder Sowjet hatte ein provisorisches Exekutivkomitee gebildet. WĂ€hrend Natascha ihm zuhörte, tat ihr der Mann, den sie nie geliebt hatte, plötzlich leid. FĂŒr ihn war alles untergegangen. Er hatte sich meist mit der Monarchie gut arrangiert, alles wieder von vorn aufzubauen erschien ihm im Moment als beinahe unmöglich. „Viele BallhĂ€user sind ĂŒberfallen und geplĂŒndert worden“, sagte er leise, „Viele der Fabrikbesitzer haben sie auf die Straßen geschleift und zusammengeschlagen, einige wurden als Ausbeuter und Sklavenhalter beschimpft und sogar erschossen.“ Das machte Natascha Sorgen. Pietrow hatte seinen Arbeitern einen Hungerlohn gezahlt und damit immer GeschĂ€ft gemacht. Ihn als einen Ausbeuter zu sehen war einfacher als bei den meisten anderen Reichen, denn Pietrow hatte seinen Gewinn damit gemacht, dass er Waffen fĂŒr den Krieg herstellte, und zuvor war er nur ein Mitglied des Mittelstandes gewesen. Zudem war er jemand, der den Zar immer unterstĂŒtzt hatte und fĂŒr die RĂŒstung seiner Soldaten gesorgt hatte. Es waren Gewehre aus Pietrows Fabrik gewesen, die in den letzten Monaten hunderte von hungernden Arbeitern erschossen hatten. Wenn andere Fabrikbesitzer getötet wurden, musste Pietrow erst recht damit rechnen. Natascha fĂŒrchtete nur, dass man vor seiner Familie nicht halt machen wĂŒrde.
Wie lange sie so beieinander in der Ecke hockten, wußte sie nicht so genau. Irgendwann in der Nacht schlief sie ein. Als sie erwachte, war es noch dunkel. Es waren stimmen, die sie geweckt hatten. Stimmen, die von der Straße her kamen. Sie sprachen laut, so dass sie deutlich jedes Wort verstand. „Erschieß den Ausbeuter!“ sagte eine tiefe MĂ€nnerstimme. „Er könnte noch nĂŒtzlich sein“. Eine andere Stimme, viel leiser und ruhiger. „Wozu? Damit er noch mehr Armut verbreitet?“ Das war die Stimme einer Frau. „Vielleicht sollten wir uns erst sein Geld holen“, schlug ein dritter Mann vor. „Ich hab gehört du hast eine hĂŒbsche Frau!“ hörte Natascha wieder die erste Stimme, und es brauchte nicht viel Phantasie, sich das schmierige Grinsen vorzustellen, das diesen Worten folgte. „Geht ihr so immer mit denen um, die euch unterstĂŒtzen?“ Das war Pietrows Stimme, und Natascha zuckte bei den Worten zusammen. Sie konnte beinahe durch die WĂ€nde sehen, wie sich die MĂ€nner zu ihm umwandten und ihn mit offenen MĂŒndern anstarrten. „Was war das?“ Der erste Mann war wieder mal schnell zur Sache. „Du willst uns geholfen haben?“ , fragte der dritte Mann und es war ein Laut zu hören, der nur von einem Stiefel kommen konnte, der jemandem in den Leib getreten wurde. Natascha duckte sich noch mehr in die Ecke. „Heute vormittag, waren es meine Fabrikhallen, die die beschĂŒtzten, die vor den Soldaten geflohen sind. Meine Frau hat ihnen die Tore selbst geöffnet. Und ich war es, der ihnen die Waffen gab, auf das sie ihre toten BrĂŒder rĂ€chen konnten.“
„Das lĂŒgst du doch!“ , war die Antwort des ersten Mannes. „Nein, tut er nicht.“ Die Stimme war eine andere, die zuvor noch nicht erklungen war. „Ich war dabei, es war seine Frau, die das Tor da geöffnet hat, und sie hat uns auch die Gewehre gegeben.“ „Also schön“, brummelte der erste, dem diese Wendung offensichtlich nicht gefiel; er hatte mit einem toten Ausbeuter und einer Frau fĂŒr die Nacht gerechnet; „Aber dich behalte ich im Auge. Und wenn du ein krummes Ding drehst, bring ich dich um.“ Wieder das GerĂ€usch des Stiefels, dann Schritte, die sich entfernten. Das Fabriktor wurde aufgeschoben. Dank des Lichtes der Fackeln, die die MĂ€nner draußen bei sich trugen, konnte Natascha ihren Ehemann sehen, der auf die Schultern von zwei anderen gestĂŒtzt, hereinkam. Sie eilte ihm entgegen, drĂ€ngte die MĂ€nner zur Seite und ĂŒbernahm Pietrow, den sie in Richtung ihrer Wohnung fĂŒhrte, die an die Fabrik angeschlossen lag. Den MĂ€nnern bedeutete sie mit einem Wink, zu verschwinden, was sie auch taten. Den Rest der Nacht verbrachten sie schweigend.
Ein paar Tage vergingen, ohne dass wirklich etwas aufregendes geschah. Natascha vermisste ihre Geschwister, von denen keiner zurĂŒckgekehrt war. Pietrow war wieder in seinem Element. Er hatte es irgendwie geschafft, in den Petrograder Sowjet aufgenommen zu werden. Somit war er wieder ein Teil des Systems, eine Rolle, die er auch nun wieder gut spielte, obwohl er vermutlich als einziger dort ein FĂŒrsprecher der Monarchie war. Das erzĂ€hlte er natĂŒrlich nur zu Hause, und an dem Tag an dem der Zar abdankte, ging er nicht auf die Straße. Er sagte, dass wĂ€re seine Art, dem Zar seine Ehre zu erweisen. Natascha hielt ihn fĂŒr einen Heuchler, der letztlich nur ĂŒberleben wollte. VerĂŒbeln konnte sie ihm das nicht, wahrscheinlich hĂ€tte sie ohne ihn nicht ĂŒberlebt. Was sie in ihrer Freizeit machte, wusste er glĂŒcklicherweise nicht. Sie hatte in den letzten Tagen ein paar Freunde kennengelernt, die sich politisch sehr engagierten. Es waren alles Intellektuelle, in deren Mitte sie sich zunĂ€chst unwohl, was sich jedoch nach einiger Zeit legte. Sie sprachen viel ĂŒber die Demokratie, ihr Vorbild war die französische Revolution, von der Natascha noch nie etwas gehört hatte. Die jungen Leute erklĂ€rten ihr geduldig alles, was sie nicht verstand. Sie mochte sie und ließ sich von ihnen ĂŒberzeugen. Mit ihnen zusammen begann sie, die provisorische Regierung zu unterstĂŒtzen, indem sie Plakate aufhĂ€ngten und auf den Straßen mit den Leuten redeten. Natascha kam bei den einfachen Arbeitern ziemlich gut an, da sie selbst aus Ă€rmlichen VerhĂ€ltnissen stammte und ĂŒber die Probleme der Leute reden konnte. Sie merkte schnell, dass ihr ihre neue Aufgabe mehr Spaß machte als die Rolle der braven Ehefrau eines wohlhabenden Mannes.
Die nĂ€chsten Wochen brachten ein Chaos an politischen Systemen ins Haus. Natascha stand auf der Seite einer Republik, wie es sie in Frankreich gab, sagte es aber nie sondern unterstĂŒtzte ihrem Mann gegenĂŒber das kommunistische System nach Marx, fĂŒr das Pietrow im Sowjet nachhaltig warb, wĂ€hrend er zu Hause von der Monarchie berichtete und sich darin ereiferte, Möglichkeiten fĂŒr eine RĂŒckkehr in dieses System zu erfinden. Es war ein vollkommenes Durcheinander, bei dem kaum einer mehr wusste, wovon er eigentlich sprach. Was ihnen beiden sorgen bereitete, war ein Mann namens Lenin, der aus dem Exil zurĂŒckgekehrt war, und mit seiner Partei doch einigen Einfluss hatte. Als seine April- Thesen herauskamen, meinte Pietrow, der Mann habe sich mit dieser extremen Position sein eigenes Grab geschaufelt. Damit war Lenin fĂŒr ihn vom Tisch, unwichtig und vergessen. Pietrow arbeitete weiter an der glorreichen RĂŒckkehr zur Monarchie, obwohl er das mehr in seiner Phantasie als sonst irgendwo tat. Natascha jedoch vergaß Lenin nicht, da sie viel mit den einfachen Leuten zu tun hatte. Sie merkte, dass Lenins Forderung nach einem Austritt aus dem ersten Weltkrieg sehr gut unter den Arbeitern ankam und dort auch immer wieder aufgenommen wurde. Die provisorische Regierung litt im Moment unter gravierenden FehlschlĂ€gen, und Natascha erkannte darin eine Chance fĂŒr Lenin, die dieser sich bestimmt nicht entgehen lassen wĂŒrde.
Die politischen Themen waren aber in den letzten Wochen fĂŒr sie etwas in den Hinterhalt geraten. Genauer gesagt, sie waren in den Hinterhalt geraten, als Natascha Sergej kennenlernt hatte. Das war bei einem Treffen mit ihren Freunden. Sie hatten ĂŒber die bisherige Entwicklung der Revolution gesprochen, als einer aus der Gruppe ihr Sergej vorstellte. Natascha mochte ihn sofort, seine offene Art, mit ihr zu reden, sie mochte seine Scherze und seine Ungezwungenheit. Er war der Sohn reicher Eltern, hatte sich aber der Revolution angeschlossen. Er verehrte Karl Marx und kannte fast alle Schriften dieses Mannes auswendig. Trotzdem kritisierte er Marx an vielen Stellen aufgrund seines Kulturoptimismus, er glaubte selbst nicht daran, dass jeder Mensch selbst einsichtig wurde. Er vertrat die Meinung, dass die Menschen beeinflußbar waren und oft einfach die Meinung eines anderen zu ihrer eigenen machten. Das gefiel ihm nicht besonders. Er war jemand, der alles hinterfragte und von allen Seiten betrachtete. Aber er war ein liebenswerter Kerl und er konnte andere fĂŒr sich begeistern. Das bemerkte Natascha, als sie mit ihm einen ihrer AusflĂŒge auf die Straße unternahm. Sergej versuchte nicht nur die Leute zu ĂŒberzeugen, vielmehr diskutierte er mit den Leuten die politische und soziale Situation. FĂŒr ihn schien es keine Rolle zu spielen, welcher Klasse sie angehörten, er sprach mit allen in der selben Weise, behandelte jeden mit Respekt. Das gefiel den Leuten, und sie redeten mehr mit ihm als mit sonst jemandem aus seinem sozialen Umfeld. Trotzdem reichte er nicht an Natascha heran, die in ihren GesprĂ€chen mit den Leuten meisten gar nicht auf Politik zu sprechen kam, sondern sie einfach erzĂ€hlen ließ. Sie hörte sich ihre Sorgen an, ihre Nöte, ihre Ängste. Die Leute kamen zu ihr, wenn sie Rat brauchten, und sie kamen zu ihr, wenn sie Trost brauchten. Es war nicht das erstemal, dass sich eine alte Frau an Nataschas Schulter ausheulte. Sergej war davon begeistert, zumal Natascha nie irgendeine Schule von innen gesehen hatte. Sie zeigte ihm, wie man mit den Armen redete, und er brachte ihr dafĂŒr lesen und schreiben bei.
Im August wurde Nataschas Sohn geboren, Pietrows drittes Kind. Die anderen zwei waren nicht in der Stadt. Pietrow hatte sie zu einer Tante auf das Land geschickt, weil er nicht wollte, dass sie die Unruhen der Revolution mitbekamen. Natascha war nicht dafĂŒr gewesen. Pietrow hatte sie jedoch mit seiner Entscheidung ĂŒbergangen. Sie gebar das Kind zu Hause, die einzigen Anwesenden waren Sergej und eine Hebamme. Pietrow ließ sich den ganzen Tag nicht blicken. Er faselte in der letzten Zeit immer irgendetwas von einer baldigen Wahl eines neuen Ratsvorsitzenden und hatte sich offenbar vorgenommen, dieser zu werden. Das Natascha und Sergej inzwischen ein Liebespaar waren, wußte er nicht. Natascha war es egal, ihren Mann zu betrĂŒgen. Sie konnte sich in etwa vorstellen wie viele NĂ€chte Pietrow seit ihrer ĂŒbereilten Hochzeit nicht in ihrem Bett verbracht hatte. Es hatte ihr nichts ausgemacht, wenn er mit anderen Frauen geschlafen hatte, sie liebte ihn sowieso nicht. Er hatte sie geheiratet, um etwas zum Vorzeigen zu haben; hier, ich bin ein sozialer Mensch, ich versorge ein armes, kleines MĂ€dchen vom Lande; und sie war darauf eingegangen, weil ihre Familie verhungerte.
Der 25. September begann damit, dass sie in Sergejs Bett erwachte und sich sofort auf den Heimweg machte, obwohl das Haus genauso leer war wie in den vergangenen NĂ€chten. Sie machte sich an die Hausarbeit und kĂŒmmerte sich um ihren Sohn.
Als Pietrow nach Hause kam, wußte Natascha gleich, dass er betrunken war. Seine Wangen waren gerötet, sowohl vom Alkohol als auch von der Wut. Er riss die TĂŒr auf, dass sie heftig gegen die Wand schlug und starrte Natascha voller Zorn an. „Du kleine Hure!“ sagte er zu ihr, leise und boshaft. „Du verdammte kleine Hure!“ Er schlug nach ihr und traf sie mitten im Gesicht. Natascha spĂŒrte, wie ihre Lippe aufplatzte und heftig blutete. „Warum?“ fragte sie ihn leise, und erntete weitere heftige SchlĂ€ge ins Gesicht und den Unterleib. „Sie haben mir die Kandidatur zum Vorsitzenden verweigert“, brĂŒllte Pietrow dann. „Und weißt du wieso?“ Er trat sie fest in den Unterleib, und Natascha sackte zusammen. „Wie will jemand, der noch nicht einmal seine Frau unter Kontrolle hat, wohl die FĂ€higkeit haben, die Arbeiter von Petrograd zu fĂŒhren?“ Er schlug sie wieder. Dann setzte er sich in aller Ruhe auf einen Stuhl und blickte auf Natascha herab, die keuchend am Boden lag. „Weißt du, Lew Dawidowitsch Trotzki ist zum Vorsitzenden gewĂ€hlt worden. Alles, was uns noch gefehlt hat, ist ein verdammter Bolschewist als Ratsvorsitzender. Weißt du, du hast alles zerstört was ich wieder aufgebaut habe. Du und dieser Kerl, mit dem du ins Bett gehst.“ Er drehte sich um und meinte dann. „Verschwinde. Ich will dich in diesem Haus nie wieder sehen. Du bist eine Schande fĂŒr meinen Namen!“
Natascha stand eine halbe Stunde spĂ€ter auf der Straße. Sie hatte die nötigsten Sachen zusammengepackt und auf dem Arm trug sie ihren kleinen Sohn, den sie auf keinem Fall dem WĂŒten Pietrows aussetzen wollte. Er hatte nicht einmal reagiert, als der Kleine geboren wurde, also wieso sollte das Kind bei seinem Vater bleiben. Sie klopfte kurz darauf an Sergejs TĂŒr. Er war nicht zu Hause, so blieb sie auf den Treppenstufen sitzen und weinte.
Sergej fand sie dort einige Stunden spĂ€ter. Zusammen tranken sie einen Tee und sprachen ĂŒber Politik, da Natascha keine Lust hatte, ĂŒber ihre Probleme zu reden. Sergeij glaubte, die Bolschewiki unter Lenin wĂŒrden mit allem Nachdruck auf einen bewaffneten Aufstand hinarbeiten. Natascha glaubte nicht daran, dass das Volk ihm folgen wĂŒrde. Sergej sah das anders. Er meinte, dass Volk wĂŒrde Lenin glauben, dass er den Frieden wolle, und nach all den Niederlagen der provisorischen Regierung die Schuld dafĂŒr geben. „Was tun wir?“ fragte Natascha. Er sagte zu ihr, sie solle sich zunĂ€chst mal ausruhen und in den nĂ€chsten paar Tagen besser nicht auf der Straße sehen lassen. Natascha war damit einverstanden. Als Sergej am nĂ€chsten Tag das Haus verließ, konnte sie jedoch nicht lange tatenlos herumsitzen. Sie begann damit, einige von Lenins Schriften zu lesen, und war erschĂŒttert von dem, was sie las. Sergej hatte Recht, dieser Mann wĂŒrde nicht verhandeln, er wĂŒrde die Regierung gewaltsam stĂŒrzen, sobald wie möglich.
Natascha dachte daran, mit den Leuten auf der Straße zu reden. Sie konnte sie davon ĂŒberzeugen, Lenin nicht zu folgen. Aber es musste doch möglich sein, mehr Leute zu erreichen. Plakate, dachte sie, Plakate wĂ€ren eine gute Idee. Sie arbeitete mehrere Stunden an einem Entwurf, bis sie glaubte, er sei gut genug, um ihn Sergej zu zeigen. Als er nach Hause kam, zeigte er sich begeistert von der Idee, er kritisierte nur, dass sie ihren Namen daruntergeschrieben hatte. „Wenn ich es anonym lasse, ist es nicht anders als all die Plakate der Bolschewiki. Die Leute hier kennen mich. Einem anonymen Plakat werden sie nicht folgen. Aber wenn sie die Person kennen, die dahintersteckt. Sie vertrauen mir, Sergej, sie vertrauen mir, weil ich fĂŒr sie immer stark gewesen bin. Ich muss ihnen immer noch zeigen, dass ich stark bin.“ „Selbst wenn du damit die Bolschewiki direkt angreifst?“ „Sie sind nur eine Partei, sie sind nicht an der Macht, also was sollen sie mir schon antun?“ Sergej erkannte, dass er diese Diskussion schon verloren hatte. „Ich wollte mich nicht mit dir streiten.“ In den nĂ€chsten Tagen malte Natascha 100 Plakate und mehrere hundert FlugblĂ€tter. Auf all diesen stand nur ein Name, ihr eigener. Außerdem arbeitete sie an einer Rede. Sie sollte alle ansprechen. Sie sollte perfekt werden. Sergej behauptete spĂ€ter, diese Rede sei ihr Lebenswerk gewesen. Am 24. Oktober hielt sie diese Rede.
Die Plakate und FlugblĂ€tter waren schon vor einer Woche verteilt worden, und so waren viele zu dem Platz gekommen, auf dem Natascha ihre Rede halten wollte. Das Ziel ihrer Ansprache war allen sofort klar. Sie verurteilte die Bolschewiki und ihren geplanten Aufstand. Außerdem verlangte sie UnterstĂŒtzung fĂŒr die provisorische Regierung. Natascha zitierte Lenin und Marx, und als sie zum Ende gekommen war, jubelten ihr die Menschen zu. Sie blieb noch eine ganze Weile danach und beantwortete Fragen, diskutierte mit den Menschen, von denen sie die meisten schon kannte, und erntete sowohl von Sergej als auch ihren anderen Freunden ein großes Lob. Zufrieden gingen sie beide nach Hause.
In der Nacht ĂŒbernahmen die Bolschewiki die Macht. Natascha und Sergej bemerkten kaum etwas davon. Sie hatten am Abend viel getrunken und hatten geschlafen wie zwei russische BĂ€ren. Was passiert war, hörten sie erst von einer alten Frau, die einen Tag zuvor noch unter ihren Zuhörern gewesen war. „Passen Sie auf sich auf“, sagte sie zu Natascha, „Die suchen nach Ihnen. Die waren gestern Nacht schon bei ihrem Mann. Die haben ihn getötet!“ Natascha wollte das nicht glauben, aber als sie sich Pietrows Haus vorsichtig nĂ€herten, konnte sie mehrere Bewaffnete Soldaten sehen, die offenbar nur darauf warteten, dass sie auftauchte. Sergej kaufte eine Zeitung und fand auch dort einen Artikel, dass Natascha von der bolschewistischen Regierung gesucht wurde. Sie wurde als Kapitalistin und Zarentreue beschimpft, was unter anderem mit ihrem Ehemann begrĂŒndet wurde, außerdem bezeichnete man sie als Feindin des Systems, sie wurde als VerrĂ€terin gebrandmarkt und nun als KonterrevolutionĂ€re gejagt. Sergej beruhigte Natascha und bemerkte, er habe Freunde, die sie aus der Stadt bringen wĂŒrden. NatĂŒrlich wĂŒrde er bei ihr bleiben.
Zwei weitere Tage blieben sie in Petrograd. FĂŒr Natascha waren das die zwei lĂ€ngsten Tage ihres Lebens. Immer wieder wurde ihr von Freunden berichtet, die verhaftet worden waren. Sie tauchten nie wieder auf. Man erzĂ€hlte von Folter und Verhören, an deren Ende die Gefangenen erschossen wurden. Natascha machte sich die schwersten VorwĂŒrfe. Sergejs Haus war bereits durchsucht worden, sie entkamen den Bolschewiki nur um ein Haar.
Natascha kehrte wieder nach Hause zurĂŒck, auf das Land, wo man sie kannte, und niemand glaubte, was er in der Stadt ĂŒber sie gehört hatte. Sie half beim Bestellen der Felder und beim HĂŒten des Viehs, Sergej erwies sich als guter Handwerker, und somit waren sie den Bauern dort sehr willkommen. Natascha konnte zusehen, wie ihr Sohn grĂ¶ĂŸer und grĂ¶ĂŸer wurde. Und wieder einmal, wie schon vor Jahren, genoß sie die Ruhe des Landes. Selbst der BĂŒrgerkrieg drang nicht richtig zu ihr durch. Zumindest nicht, bis sie von der Tscheka entdeckt wurde, und mit Sergej und ihrem jetzt dreijĂ€hrigen Sohn erneut fliehen musste. Sie flohen tiefer ins Land, in der Hoffnung, nicht gefunden zu werden. Schließlich gelang es Sergej, zwei Karten fĂŒr eine Bahnfahrt nach Deutschland zu bekommen. Der Bahnhof, an dem sie zusteigen sollten, wurde allerdings bereits von der Tscheka ĂŒberwacht.
Sie ĂŒbernachteten in einem kleinen Schuppen, der zu einem verfallenen Bauernhaus gehörte. „Du solltest gehen“, sagte Natascha zu Sergej. „Sie suchen nur mich.“ „Ich gehe aber nicht ohne dich.“ „Sergej, was nĂŒtzt es meinem Sohn, wenn sie dich auch töten?“ „Aber ich liebe dich.“ „Ich liebe dich auch, Sergej, und deshalb will ich dich auch nicht verlieren. Ich weiß dass du meinem Sohn ein guter Vater sein kannst.“ „Wir werden nur zusammen fliehen, hörst du, Natascha? Mir ist egal, was die Tscheka mit mir anstellt. Ich will mit dir zusammensein, und ich werde dich auf keinen Fall zurĂŒcklassen.“ Sie schwiegen eine langen Zeit. Natascha gab sich offenbar geschlagen, denn sie sagte nichts weiter. „Ich liebe dich!“ sagte sie nach einer Ewigkeit, und er nahm es als eine Aufforderung, sie zu kĂŒssen. Das es in Wirklichkeit ein Abschied fĂŒr immer war, ahnte er nicht.
Natascha blieb lange wach, bis sie neben sich Sergej und ihren Sohn gleichmĂ€ĂŸig atmen hörte. Sie kĂŒsste beide sanft auf die Stirn, bevor sie sich aus dem Schuppen schlich. Es regnete in Strömen, und Natascha war schnell bis auf die Haut durchnĂ€sst. Bis zum Bahnhof war es nicht weit. Wie sie erwartete hatte, ließ die Tscheka nicht lange auf sich warten. Kaum zwei Minuten, nachdem sie das BahnhofsgelĂ€nde betreten hatte, wurde sie abgefĂŒhrt.

Sergej suchte nach Natascha, als er aufwachte. Er fand nur die zwei Fahrkarten und einen Zettel, auf dem Natascha in ihrer schönen Handschrift geschrieben hatte: „Sei ihm ein guter Vater.“ Es war das letzte, was er je von Natascha hörte.

Natascha stand auf dem Hof, der von hohen Mauern umgeben war, die so schmucklos waren, wie man sich die Mauern eines GefĂ€ngnishofes nur vorstellen kann. Sie stand in der Mitte des Hofes, an einen Pfahl gebunden, der sie um mehrere Meter ĂŒberragte und zudem tief in den Boden gerammt war. Ihre Rippen, ihr Gesicht und ihr RĂŒcken taten noch immer von den SchlĂ€gen weh, die man ihr versetzt hatte. Beim Verhör hatte man sie geschlagen, bespuckt, vergewaltigt und auf jegliche andere Weise erniedrigt. Natascha war stark geblieben. Vor ihr standen fĂŒnf junge Soldaten in den Uniformen der roten Armee, dazu ein Kommandant, und eine Frau in der Uniform der Tscheka, die auch bei den Verhören anwesend gewesen war. Der Kommandant kam nun auf sie zu, er verlaß in kurzen Worten das Urteil, das nie von einem Gericht ĂŒber sie gefĂ€llt worden war, sondern von der bolschewistischen Partei an einem Tag, der jetzt beinahe vier Jahre her war. Sie blieb ruhig und antwortete nur kurz auf die Fragen, die er ihr noch stellte.
Der Kommandant fragte sie nach einem letzten Wunsch oder Gebet. Sie lĂ€chelte nur und sagte, das hĂ€tte sie schon erledigt. Danach fragte er, ob sie eine Augenbinde haben wolle. Sie verneinte. Auch eine Augenbinde konnten sie nicht daran hindern, ihren Tod zu sehen. Der Kommandant trat zurĂŒck und gab ein Zeichen. Die fĂŒnf Soldaten legten ihre Gewehre an. Natascha fand, dass es nicht einmal weh tat.


Dies war Natascha, meine Ă€lteste Tochter. Sergej hat ihr ihren Wunsch noch erfĂŒllt, und hat ihren Sohn aufgezogen, meinen Enkel, in dessen Haus ich heute geladen wurde, um meinen 122. Geburtstag zu feiern. Ich wurde wieder zum Leben erweckt. Aber ich vermisse Natascha unter den GĂ€sten. Sie wĂ€re jetzt 104. Sie war ein gutes Kind.


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Ein Raum ohne BĂŒcher ist wie ein Körper ohne Seele.

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