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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Das tanzende Klavier
Eingestellt am 21. 09. 2002 16:08


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Rolf-Peter Wille
???
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Das tanzende Klavier


© Rolf-Peter Wille


(Die Idee dieser ErzĂ€hlung stammt vom französischen Komponisten Hector Berlioz, der in seinen Memoiren ĂŒber einen Konzertwettbewerb im Pariser Conservatoire berichtet. Ich habe diese Geschichte hier - bereits vor einigen Jahren - nach Taiwan verpflanzt.)


Dies ist der Monat der ZentralprĂŒfung. Viel ist in den Zeitungen ĂŒber dieses Ă€ußerst wichtige alljĂ€hrliche Ereignis geschrieben. Aber eine sehr merkwĂŒrdige und bedenkliche Begebenheit, die sich vor einigen Jahren (ich möchte aus offensichtlichen GrĂŒnden die genaue Jahreszahl verschweigen) bei der ZentralprĂŒfung im Hauptfach Klavier zutrug, ist bisher von allen Beteiligten verschwiegen worden. Lange habe ich mit mir gerungen, ob ich dieses Schweigen brechen soll, aber ich glaube nun, daß man die seltsame Wahrheit den Lesern nicht mehr lĂ€nger vorenthalten kann. Ich bitte meine Kollegen, die Juroren, die Zeugen dieses Vorfalls waren, meine SchwĂ€che zu entschuldigen.

Man weiß, wie es bei diesen PrĂŒfungen zugeht. Jeder Kandidat spielt drei Minuten lang ein selbstgewĂ€hltes StĂŒck. Hunderte von PrĂŒflingen reihen sich aneinander, stundenlang, tagelang
 Die graue Monotonie in der schwĂŒlen Dschungelluft lĂ€ĂŸt ahnen, welche Qualen, welch endlos dahinkriechende Martern den zur Hölle verdammten SĂŒnder erwarten.

Wir hörten bereits den dritten Tag, und unser dumpfes DahindĂ€mmern wurde nur alle drei Minuten von der schrillen Klingel unterbrochen. Aber auch dieses Klingeln hatte sich schon lĂ€ngst periodiziert und fiel uns kaum noch auf. ‘Jeux d’eau’ hatten wir bereits 83mal gehört, das ‘Rondo capriccioso’ 50mal und die ‘Waldsteinsonate’ 117mal. Schon lĂ€ngst hatte ich jedes GefĂŒhl fĂŒr Zeit verloren. Die ewigen Wiederholungen hatten mich hypnotisiert und in eine Art Trance versetzt — wie man sie vielleicht nach ausgiebigem Drogengenuß kennt.

Wahrscheinlich war es dieser Trancezustand, der mich plötzlich die Waldsteinsonate (das 118temal) schneller als gewöhnlich hören ließ. Die Leichtigkeit und der Schwung des Vortrages waren ungewöhnlich. Die nĂ€chste Kandidatin spielte ebenfalls die Waldsteinsonate. Die Brillanz war ganz ĂŒberwĂ€ltigend. Auch die anderen Juroren schienen plötzlich aufzuwachen, und so war es offensichtlich nicht nur mein eigener subjektiver Eindruck. Es schien so, als wenn sich das StĂŒck von allein spielte. Sogar die Spielerin selbst schien Ă€ußerst ĂŒberrascht, und als nun das Klingelzeichen ertönte, passierte es: Das Klavier spielte einfach von selbst weiter — im gleichen ‘Waldsteinrhythmus’.

Nie, mein ganzes Leben nicht, werde ich diesen Moment der VerblĂŒffung vergessen. Die SchĂŒlerin verbeugte sich schnell und rannte hinaus. Die Juroren saßen mit offenen MĂŒndern da. Dann, nachdem er sich etwas gefaßt hatte, rief der Vorsitzende laut: "Stop! Halt!", und ich schlug mit dem Bleistift mehrmals laut und Ă€ußerst stark gegen meine Kaffeetasse, aber es half nichts; das Klavier spielte die Waldsteinsonate — und gar nicht so schlecht!

Es schien, als wenn es uns zeigen wollte, wozu es eigentlich fĂ€hig sei. Kein Wunder, daß man sich schließlich rĂ€cht, wenn man alle drei Minuten unterbrochen wird. Ich konnte in dieser Hinsicht das Klavier gut verstehen. So ein Instrument ist ein kompliziertes und sensibles Gebilde, das aus Myriaden von Einzelteilen besteht. Man hĂ€tte sich eigentlich denken können, daß das Klavier nach 119malen die Waldsteinsonate auswendiglernt und von selbst weiterspielt.

Der Vorsitzende stand schließlich auf und knallte den Pianodeckel — das Klavier spielte weiter. Der Herr Direktor eilte herbei — Ă€ußerst nervös — denn der funkelnagelneue FlĂŒgel hatte viel Geld gekostet. Man sprach mit dem Klavier, man flehte es an, man drohte ihm — es half nichts: Das Klavier spielte die Waldsteinsonate und zitterte im Rhythmus mit.

Man schlug schließlich vor, den General Manager der Klavierfirma zu holen. Schließlich hatte er das Klavier importiert und war verantwortlich. Der Manager eilte mit dem Firmenauto herbei und sprach japanisch mit dem Klavier — das Klavier spielte die Waldsteinsonate. Der Techniker erschien und drehte an allen Wirbeln — das Klavier spielte weiter — verstimmt, aber im Tempo.

Schließlich mußte der Direktor mit TrĂ€nen in den Augen zustimmen, den FlĂŒgel zu zerhacken. Nachdem die Arbeiter den FlĂŒgel zerhackt hatten, tanzten alle Einzelteile im Waldsteinrhythmus auf der BĂŒhne weiter, und einige Tasten hopsten sogar ins Freie und versuchten zu flĂŒchten. Die Polizei konnte sie erst nach einigen Tagen wieder einfangen, und seitdem befinden sie sich in einem Depot fĂŒr gefĂ€hrlichen AtommĂŒll auf den Pescadoren.

Man hört hin und wieder heute noch GerĂŒchte, daß Touristen auf den Pescadoren vermeinen, auf einem Inselrundgang plötzlich die Waldsteinsonate gehört zu haben.


PS: Meine Beschreibung der ZentralprĂŒfungen ist leider eher realistisch als ironisch. Der taiwanesische AtommĂŒll jedoch ist eigentlich nicht auf den Pescadoren sondern auf Orchid Island deponiert. Ich fand damals folgenden Bericht in einer Zeitung hier:

quote:
Insulaner lieben AtommĂŒll

Die Einwohner von Orchid Island verstehen nicht, was all' diese Aufregung um den AtommĂŒll bedeutet. Die Bewohner dieser kleinen Insel behaupten, stolz darĂŒber zu sein, dass Orchid Island als Ablageplatz fĂŒr unbehandelten radioaktiven Abfall erwĂ€hlt wurde und bedrĂ€ngen die Provinzregierung, das Depot zur nationalen Touristenattraktion zu erklĂ€ren.
...die Wahrheit ĂŒbertrifft meine Ironie...







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anemone
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Sep 2001

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hallo -Rolf-Peter Wille

Diese Deine Geschichte regt mich zum Nachdenken an.

mfG
anemone

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Zefira
???
Registriert: Jan 2001

Werke: 14
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Lieber Rolf-Peter,
jetzt will ich's aber WISSEN!!

Wo gibt es so ein Klavier zu KAUFEN??

Ich habe z.B. Schumanns Aufschwung bestimmt schon viel öfter als 118mal gespielt, aber der verdammte Kasten kann's immer noch nicht.

Gut zu wissen, daß es an dem Kasten liegt und nicht an mir...

Toll wie immer, Deine Geschichte. Mich erinnerte das an Zolas Darstellung der Preisvergaben in der Pariser Kunstakademie, wo ein Dutzend Tattergreise in zwei Tagen ein paar tausend GemĂ€lde besichtigt und die zehn besten auswĂ€hlt. Am besten an den Fingern abzĂ€hlen... Gibt es denn noch taiwanesische Musiker, die nach einer solchen PrĂŒfung noch Musik lieben??

GrĂŒĂŸe aus der Rhön
Zefira

P.S. ja, die Flegeljahre hab ich angelesen, im Sommerurlaub ein Drittel, dann ging mir die Puste aus. Ich werde es im Winter beenden und dann gleich mit den Papillons anfangen


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Rolf-Peter Wille
???
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Hallo Anemone,

vielen Dank fĂŒr’s Lesen und Nachdenken!

Viele Gruesse,
Rolf-Peter


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Rolf-Peter Wille
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Hallo Zefira,

es gibt noch historische Pianolas (ca. 1900-1930) und Klavierrollen mit den FantasiestĂŒcken bestimmt auch (Paderewski?). Da spielt das Klavier dann "von selbst". Es gibt ĂŒbrigens auch moderne "electronic playback systems" fĂŒr Klaviere bzw. FlĂŒgel (Pianocorder, Pianodisc, Pianomation, Disclavier). Der Vorteil ist, daß man sie alle leicht ausschalten kann und nur in NotfĂ€llen zerhacken muß.

Ich wĂŒnsche Deinem Klavier viel Erfolg mit den Papillons!

Viele Gruesse,
Rolf-Peter

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Parsifal
Guest
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Das tanzende Klavier

Lieber Rolf-Peter,

die Firma Welte hat seinerzeit den Welte-Mignon-FlĂŒgel gebaut, der nicht nur lediglich die Töne, sondern auch feinste Anschlags-Nuancen registiert (und wiedergibt). Um die Wiedergabe zu verbessern, hat die Firma einen Mechanismus entwickelt, der einen modernen KonzertflĂŒgel in Bewegung setzt (ich stelle mir so etwas wie kĂŒnstliche AnschlagshĂ€mmer vor). Auf diese Weise kann man z.B. Aufnahmen von Grieg so hören, wie er sie selbst gespielt hat.

Ich besitze eine Aufnahme "Eugen d'Abert und seine SchĂŒler", die nach diesem Verfahren hergestellt wurde und es - abgesehen vom historischen Interesse - möglich macht, Interpretationen von frĂŒher und heute zu vergleichen.

Liebe GrĂŒĂŸe
Parsifal

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