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Leselupe.de > Erzählungen
Das wüste Land
Eingestellt am 14. 11. 2011 19:30


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sesch nesut
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2011

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Das wüste Land

Ein alter Mann ging in die Wüste, weil seine Erdenzeit sich dem Ende zuneigte.
Die Sonne brannte erbarmungslos vom Himmel und so setzte er sich alsbald in den Sand, trank einen Schluck Wasser und nagte mit seinen noch verbliebenen Zähnen an einer Dattel.
Nach einer Weile bemerkte er eine Staubwolke am Horizont.
Er wartete geduldig und darauf hoffend, zum letzten Mal ein Menschenwort zu wechseln, bis die Karawane herangezogen war.
Doch es war keine Karawane, nur ein alter Karren, gezogen von zwei struppigen Eseln, die von einer hageren Gestalt in einer schwarzen Galabija angetrieben wurden.
Hinten auf dem Karren lagen Menschen in einem Haufen kreuz und quer übereinander.
Manche stöhnten schwach, andere schrien ihr Leid heraus.
Der alte Mann fragte den Fahrer, was den Menschen fehle.
Daraufhin sagte der, es seien Aussätzige, die er zum Sterben nach Al-Yesched brächte.
Der Alte nickte und machte sich daran, Isis um Gnade für die gepeinigten Menschen anzuflehen.
Danach setzte er seinen Weg fort.

Am Abend kam er zur Oase Al-Yesched.
Er füllte seinen Schlauch mit frischem Wasser und sammelte das reife Obst auf, das von den Bäumen zu Boden gefallen war.
Als er sich gestärkt hatte, bemerkte er den Fahrer, dem er am Morgen in der Wüste begegnete.
"Was ist mit den Menschen geschehen, die du auf deinem Karren hattest?", fragte er ihn.
"Alle tot", murmelte der und biss in eine Feige.
"Alle?" Der Alte senkte den Kopf.
"Sie starben nicht an ihrem Gebrechen", erwiderte der Fahrer, "sie waren ohne Hoffnung".
Damit wandte er sich ab und ging seiner Wege.
Der Alte setzte sich auf einen Stein und dachte nach.

Bald darauf vernahm er lautes Stimmengewirr und ein Kichern solcherart, wie es nur von Mädchen oder sehr jungen Frauen ausgestoßen wurde, denn es entsprang dem Leben, das noch keine Gedanken an die Endlichkeit kannte.
Er wandte sich um und entdeckte zehn, vielleicht zwölf junge Frauen, die den Karren erklommen, der die Todgeweihten nach Al-Yesched gebracht hatte.
Der Alte wunderte sich, legte dann aber seinen Beutel über die Schulter, band sich den Wasserschlauch um den ausgezehrten Körper und verließ die Oase. Es wurde Zeit.

Als er ein Stück weit gegangen war und ihn seine Beine nicht mehr so recht tragen wollten, ließ er sich im Sand nieder.
"Ein Ort ist so gut wie der andere", stöhnte er und blickte zum Himmel empor.
"Nirgends auf der Welt siehst du mehr Sterne als in der Wüste", hatte sein Vater ihm einst gesagt, "das liegt an der reinen Luft".
"Ja, Vater", flüsterte der Alte, "du warst ein weiser Mann", und er fragte sich, ob er ihn bald wiedersähe.
Dem Alten wurde es schwer ums Herz und er ward müder denn je, als er Schritte hinter sich vernahm.
Er drehte sich herum und sah den Fahrer des Karrens auf sich zukommen, der die Toten fuhr und zuletzt die jungen Frauen.
"Schon zurück?", wunderte sich der Alte und blickte zu dem leeren Wagen des Fahrers hinüber.
"Wo sind die Mädchen?".
Der Fahrer sah ihn durchdringend an.
"Sie sind tot", meinte dieser, "einige kamen vom rechten Weg ab, andere hatten kein Ziel. Sie suchten, bis sie ohne Hoffnung waren, es jemals zu finden".
Der Alte rappelte sich auf und sah den Fremden an.
"Wer bist du?", fragte er.
"Ich habe viele Namen", sagte dieser, "Du bist müde von deiner langen Wanderung. Steig' auf den Karren, so nehme ich dich mit mir. Es ist Zeit".
Es war ein verlockendes Angebot, denn der Alte war müder und schwächer denn je.
Er starrte lange wortlos in den Himmel als schiene er dort nach einer Antwort zu suchen, dann wandte er sich mit dem Starrsinn alter Menschen dem Fahrer zu.
"Siehst du dort den Morgenstern?", fragte er diesen.
Der Fahrer folgte dem ausgestreckten, knöchrigen Finger des Alten und nickte.
"Dahin will ich gehen", sagte der Alte, "und dies...", er deutete in die unendliche Weite vor sich, "dies ist der Weg, der mich hinbringt".
Der alte Mann hob seinen Beutel auf und schritt geradewegs auf den Morgenstern zu, ohne auch nur einmal zurückzublicken.
Der Fahrer sah ihm eine Weile nach, bevor er zu seinem Gefährt zurückging, hinaufkletterte und weiterzockelte.
"Die Zeit lässt die Hoffnung schwinden, so wie das Wasser schwindet, das durch die Sonne zum Himmel emporsteigt. Und so lange es Zeit gibt, werden wir uns begegnen. Eines Tages... zwischen hier und dem Morgenstern. Irgendwann... irgendwann".




Version vom 14. 11. 2011 19:30

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Vera-Lena
Routinierter Autor
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Hallo sesch nesut, (was übrigens Schreiber des Königs oder königlicher Schreiber bedeutet, wie ich ergoogelt habe.)

Deine Erzählung gefällt mir sehr gut in ihrer Schlichtheit.

Die Wüste ist ein besonderer Ort. Menschen, die sich dort zurechtfinden, sind wirkliche Überlebensstrategen und ihr mühsames Dasein bringt ihnen viele Erkenntnisse.

Wenn sie tatsächlich sehr alt werden, wundert es nicht, dass sie zu wahrer Weisheit gelangt sind.

Deshalb mutet Deine Erzählung auch wie eine Legende an.

Da geht jemand seines Weges im Vertrauen auf die altägyptischen Götter.

Immer wieder weiß er dem Tod die Stirn zu bieten.

Aber eines Tages.....Vom Versiegen der Hoffnung sprichst Du hier. Vielleicht möchtest Du das über die Grenzen dieser Erzählung hinaus verstanden wissen, nämlich als die eigentliche Weisheit. Nur wer die Hoffnung nährt und aufrecht erhält, kann den Schwierigkeiten des Lebens begegnen und wird vielleicht auch dorthin gelangen, wo er sich hinwünscht und sei es "der Morgenstern". Im Christentum hat der Morgenstern eine spezielle Bedeutung. Wie es damit im alten Ägypten aussah weiß ich aber nicht. Vielleicht hast Du auch diesen Stern mit Bedacht gewählt.

Deine Wortwahel gefällt mir zB "weiterzockelte". Solche Wörter verleihen Deiner Erzählung bei aller Schlichtheit eine gewisse Farbigkeit.

Ich freue mich, Dir hier zu begegnen.

Liebe Grüße
Vera-Lena


__________________
Der Mensch ist sich selbst das größte Geheimnis, ein unverzichtbarer Blutstropfen im Universum, ein Spiegel allen Seins.

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sesch nesut
Routinierter Autor
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Hallo Vera-Lena,

du bist eine weise Frau, die zwischen den Zeilen zu lesen vermag.
In der Tat bin ich bemüht, die Geheimnisse des Lebens zu ergründen. Einige meiner Geschichten könnten also über die Grenzen des Machwerks hinaus verstanden werden, wenn man es denn verstehen will. Wenn nicht, bleibt es halt nur eine Geschichte, die hoffentlich trotzdem unterhaltsam ist.
Den Morgenstern wählte ich bewusst, denn diese Geschichte ist eine Geschichte des Lebens und des Todes. Und sie betrifft jeden, ob er nun Christ, Moslem oder sonstwas ist. Wir alle sind in erster Linie Menschen.

Ich danke dir in aller Bescheidenheit für die Aufmerksamkeit, die du dieser Geschichte erwiesen hast.

Viele Grüße
Chajan

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koollook
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Deine Geschichte ist sehr schwer zu verdauen, doch sie ist auch schmackhaft und nahrhaft.

Der einzige Fehler, oder viel mehr ein Punkt, in dem ich nicht ganz mit dir übereinstimme, ist, dass die Ziellosigkeit der Jugend so direkt, wie du es in deiner Geschichte beschreibst, zum Tod führt. Das ist mir zu einfach gesponnen und nur auf den ersten Blick schlüssig in seiner Aussage.

Diese Parabel, von Alt auf Jung, mag schön sein und sie macht die Geschichte in ihrer Aussage bedeutender und tiefgreifender, aber meiner Meinung nach, passt sie nicht dazu.

Dein Schreibstil ist sehr gut und der Rest deiner Erzählung hat mir hervorragend gefallen.

Gruß,
koollook

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