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Leselupe.de > Erzählungen
Der Augenarzt-Ripper von Dublin
Eingestellt am 12. 05. 2001 12:15


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hades
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Der Augenarzt-Ripper von Dublin

Kurz nach der Jahrhundertwende ins Zwanzigste hat sich eine seltsame Mordserie ereignet, die als die Morde des Augenarzt-Rippers von Dublin in die Geschichte eingegangen sind.

Das merkw√ľrdige an diesen F√§llen war, dass ausschlie√ülich Augen√§rzte Opfer des geheimnisvollen Rippers geworden sind. Die Morde ereigneten sich ausnahmslos in den N√§chten zum siebzehnten M√§rz vor dem St. Patricks-Day. Am Morgen schwamm dann gew√∂hnlich eine aufgeschlitzte und enthauptete Leiche mit blutdurchtr√§nktem wei√üen Kittel im River Liffey, obwohl seit bekannt werden der T√§tigkeiten des Rippers in der entsprechenden Nacht die Streifen der Polizei verst√§rkt wurden. Die Morde h√∂rten eines Tages auf, wie sie begonnen hatten: der Ripper wurde nie gefasst.

Vor wenigen Tagen fiel mir in einer alten Bibliothek am Liffey ein vergessenes B√ľchlein in die H√§nde, das trotz seines offensichtlichen Alters noch nie gelesen zu sein schien. Als ich den vergilbten Deckel aufschlug, erkannte ich den Grund. Auf gest√§rktem Papier stand handgeschrieben der sonderbare Titel:

Der Musiker und das Monster

Ich erwarb das B√ľchlein f√ľr 20 Pence und noch auf dem R√ľckflug nach D√ľsseldorf begann ich zu lesen. Sehr bald wurde mir klar, dass ich wohl im Besitz des einzigen und originalen Exemplars eines Buches √ľber die Geschichte von Brandon dem Ripper war.
***
Es lebte lange Zeit vor dem ersten Mord in einem Cottage bei Enfield im County Meath der ebenso faule wie arme Farmer Se√°n McLought. Nun war Faulheit in diesem Teil von Irland seinerzeit kein Makel und McLought war, da er selten die verunstaltende Last von Arbeit auf sich nahm, ein gutaussehender Mann mit gutem Leumund. Seine Frau Laura war die sch√∂nste Frau im Dorf und mancher J√ľngling verrenkte sich seinen Hals nach ihr, wenn sie am Morgen zur heiligen Messe ging.
Die McLoughts hatten eine Tochter mit einer Stimme, deren Klang die Ges√§nge der Nachtigall weit in den Schatten stellte. Jeder im Dorf kannte diese Stimme, aber nie hatte einer diese Tochter zu Gesicht bekommen, obwohl die verzauberten Burschen des Dorfes keine Gelegenheit ungenutzt lie√üen, einen Blick von der Eigent√ľmerin zu erhaschen.
Es war kein Wunder, dass die McLoughts ihre Tochter niemals zeigten, denn diese arme G√∂re war die Ausgeburt der H√§sslichkeit. Es ist kaum zu beschreiben, wie h√§sslich Joeann war. Ihr Gesicht glich einem riesenhaften Geckoantlitz mit einer fortgeschrittenen Akne nach einem Unfall mit einer Dampfwalze. Mit neun Jahren war sie bereits 1,90 m gro√ü und hatte den K√∂rperbau eines schwangeren Orang-Utan Weibchens nach einem Crash mit einer Elefantenherde. Ihre charakteristischen Merkmale manifestierten sich noch mit zunehmendem Alter. Das Wachstum beschr√§nkte sich aber auf den Rumpf, w√§hrend die Beine bereits mit dem siebenten Lebensjahr zu wachsen aufgeh√∂rt hatten. Diese etwas eigenwillige Konstruktion der Natur verlieh ihr einen eigent√ľmlichen Gang, den ich wohl niemandem beschreiben muss. Die H√§sslichkeit des M√§dchens war so abgrundtief, dass der Vater es vor Grauen nie √ľber sich brachte, sie anzuschauen. Da sie die einzige Tochter der McLoughts war, liebte ihr Vater sie trotz ihres erbarmungsw√ľrdigen Aussehens abg√∂ttisch und mit vorwurfsbeladenem Gewissen. Der Vater vermutete n√§mlich den Grund f√ľr die Abscheulichkeit seiner Tochter in seinem ausschweifenden Putinkonsum. Putin ist ein selbst hergestellter achtzigprozentiger Gerstenbrand, der f√ľrchterlich schmeckt und in dem Ruf steht, blind und impotent zu machen. Der einzige Reiz dieses Gebr√§us bestand in der Illegalit√§t, denn Herstellung und Besitz dieses Sprits war streng verboten. Dennoch fehlte dieses starke Gift in keinem irischen Haus, weil der Konsum als eine Art Aufstand gegen die englischen Besatzer verstanden wurde und noch heute im Andenken an die Unabh√§ngigkeit illegal zelebriert wird. Kurzum, Se√°n McLought glaubte an die patriotische Verkr√ľppelung seiner Spermien und die abg√∂ttische Liebe zu seiner h√§sslichen Tochter war nicht weniger patriotisch. Nur das Anschauen ging √ľber seine Grauensschwelle.
Was er nicht wusste: Joeann war das Resultat des einzigen Seitensprungs seiner sch√∂nen Frau Laura mit dem russischen Wrestling-B√∂sewicht Iwan Bornikow, der einmal in Dublin gastierte und in der Catchszene ‚ÄěIwan der Schreckliche‚Äú genannt wurde. Die Animalit√§t dieses Unwesens hatte Laura damals sehr angezogen.
Leider hatten sich fast nur die ung√ľnstigen Anlagen Iwan Bornikows auf Joeann vererbt. Das einzig Positive war die Stimme einer Urgro√ütante Iwans, die einst die Nachtigall von Petersburg genannt wurde.
Se√°n McLoughts Spermien waren also nicht der Grund f√ľr die H√§sslichkeit Joeanns und sie waren nicht einfach verkr√ľppelt, sondern wahrscheinlich bereits vor langer Zeit den patriotischen Heldentod im Putin gestorben, was ihn selbst kinderlos bleiben lie√ü.
Im festen Glauben an die ungeheuerliche Weisheit, dass auf jeden Topf ein Deckel passe, rief er seine vermeintliche Tochter eines Tages zu sich.
‚ÄěDu meine geliebte Tochter‚Äú, hob er angewidert mit abgewandtem Gesicht an, ‚Äědu sollst nach Dublin in die Schule des blinden Generalmusikmeisters Brandon Walsh gehen, der dein Talent als S√§ngerin ausbilden und dich zu einer gro√üen K√ľnstlerin machen wird.‚Äú
Mit Tr√§nen in den Augen verlie√ü die sensible Joeann wenig sp√§ter in einem Ochsenkarren ihre Mutter und den sogenannten Vater. Noch w√§hrend sich der √§chzende Ochse mit dem schwergewichtigen M√§dchen aus dem Dorf herausm√ľhte, ergriff den liebenden Pseudovater eine Erleichterung, wie er sie seit seiner Hochzeit nicht mehr erlebt hatte. Se√°n sollte seine Kuckuckstochter nie mehr wiedersehen.
Nur am Rande sei hier erw√§hnt, dass die Spermien nicht, wie zun√§chst vermutet, den patriotischen Heldentod im illegalen Schnaps gestorben sind, sondern beim Anblick seiner ‚Äěmonsterhaften‚Äú Tochter in eine Art todes√§hnliche Lethargie verfallen waren, die sich erst nach dem Verlust des geliebten Monsters aufl√∂sen sollte. Es ist bekannt geworden, dass sich seine Spermien fortan permanent erholten und er sp√§ter noch Vater von zw√∂lf h√ľbschen Kindern wurde.
Joeann McLought kam wohlbehalten beim blinden Generalmusikmeister in Dublin an. W√§hrend der v√∂llig ersch√∂pfte Ochse der Notschlachtung zugef√ľhrt wurde, ergriff sie ihr k√§rgliches B√ľndelchen und reichte Brandon Walsh ihren kleinen Finger, den dieser aufgrund der Gr√∂√üe f√ľr ihre Hand hielt. Ihre ersten Worte mit der Lieblichkeit ihrer Stimme bezauberten den Musikmeister derma√üen, dass er sich ad hoc in Joeann verliebte. Sie bemerkte dies sehr wohl und beschloss, sich sensibel zu verhalten und ihre Chance zu nutzen. In der folgenden Zeit kamen sie sich sehr schnell n√§her. W√§hrend Joeann sich musikalisch v√∂llig hingab und ihre fast perfekte Stimme nach kurzer Zeit noch lieblicher erschallte, hielt sie sich k√∂rperlich eher zur√ľck. Brandon Walsh war ihr vollends verfallen, so liebreizend war ihre Stimme. F√ľr die K√∂rperlichkeit reichte sie ihm aber nur ihren m√§chtigen Arm, den er f√ľr ihren Leib hielt und den er lieb gewann. Beim Geschlechtsverkehr hatte sie eine Technik mit ihren Fingern entwickelt, die ihm Zeit seines Lebens nie aufgefallen w√§re, wenn er nicht die folgende Katastrophe inszeniert h√§tte:
Der Verliebte, bezaubert von der lieblichsten Stimme, die seinem perfekten Geh√∂r jemals untergekommen war, hatte nur den einen sehnlichen Wunsch seine mittlerweile geehelichte Joeann einmal zu Gesicht zu bekommen. Deshalb suchte er den damals in Dublin sehr bekannten Augenarzt Kevin Feerick auf, der in dem Ruf stand, seltene Augenkrankheiten, wie die des Generalmusikmeisters, heilen zu k√∂nnen. Was der Musiker nicht wusste: seine Blindheit war traumatisch bedingt und durch ein fr√ľhes Erlebnis in seiner Kindheit angelegt worden. Doch der Augenarzt war ein verwunschener Psychiater und erkannte die Ursache des Leidens auf Anhieb. So dauerte es nur wenige gutbezahlte Sitzungen, und Brandon verlie√ü geheilt die Praxis.
In der Verwirrung der pl√∂tzlich visuell auf ihn einstr√∂menden Ereignisse kristallisierte sich zusehends ein einziges Verlangen heraus: seiner geliebten Joeann ins Antlitz zu schauen. Kaum konnte er es erwarten, nach Hause zu kommen. Schnell eilte er zur Raglan Road, wo er sein Domizil hatte. Mit klopfendem Herzen hechtete er die Stufen zu seiner Stube hoch und riss die T√ľr zur Lounge auf, in der Joeann f√ľr gew√∂hnlich sa√ü und strickte.
Ein riesiges Unget√ľm hockte grinsend auf seiner Couch.
‚ÄöEs hat sie gefressen‚Äô, h√§mmerte es ihm im Kopf. Er hatte nur noch einen Gedanken: den M√∂rder seiner geliebten Gattin zu vernichten. Wie von Sinnen st√ľrzte er in den Rittersaal seiner Wohnung und riss der ersten R√ľstung das Schwert heraus. Damit st√ľrzte er in die Lounge, um das Ungeheuer zu enthaupten.
Joeann wusste nichts von seinen heimlichen Besuchen beim sogenannten Augenarzt ‚Äď schlie√ülich wollte Brandon sie ja √ľberraschen. Als der bewaffnete, wild entschlossene Gatte sich mit erhobenem Schwert auf das vermeintliche Monster st√ľrzte, hielt sie es f√ľr eine der wilden Sexvarianten, denen sich der Musikmeister gelegentlich hingab. Wie √ľblich reichte sie ihm ihren Arm, damit er sich austoben k√∂nne. √Ąchzend krachte er gegen diesen und als er den Arm umfasste, um nicht zu Boden zu gehen, kam ihm das Gef√ľhl der Umarmung seltsam vertraut vor. Als sie noch ihre Finger spreizte und ihm mit ihrer lieblichen Stimme vorsang:
‚ÄěKomm, mein Geliebter, besorge es mir so richtig‚Äú, kam ihm ein f√ľrchterlicher Verdacht.
Was jetzt passierte, ist in wenigen Worten erklärt:
Von der schrecklichen Erkenntnis getrieben, st√ľrzte der Generalmusikmeister mit seinem Schwert unter dem Mantel aus dem Haus. Auf k√ľrzestem Weg rannte er in die O‚ÄôConnell Street zum verwunschenen Psychiater Kevin Feerick, schlitzte ihn der L√§nge nach auf und schlug ihm ohne Umschweife den Kopf ab. In der Nacht, es war die vor dem Tage des St.Patrick﷓Days, wuchtete er sein Opfer in den nahe flie√üenden Liffey. Fortan √ľberfiel ihn in den n√§chsten 15 Jahren am Vortag dieses Feiertages der unwiderstehliche Zwang, einen Augenarzt zu rippen. Nie erkannte er seinen Irrtum; denn eigentlich h√§tte er Psychiater morden m√ľssen.
Der Generalmusikmeister Brandon Walsh, der Ripper der Augenärzte, fiel beim Osteraufstand 1916 am Generalpostoffice in der O’Connell Street. So hatte im Nachhinein Seán McLought durch die Aufzucht seiner Kuckuckstochter doch noch indirekt Anteil an einem patriotischen Ereignis.
√úber das weitere Schicksal der bedauernswerten Joeann wurde nichts bekannt.
Musikmeisterirrt√ľmer sind in der ganzen Welt weit verbreitet. So sind schon immer mehr Augen√§rzte als Psychiater ermordet worden. Das mag wohl der Grund daf√ľr sein, dass heute noch immer so viele Psychiater ihr Unwesen treiben.

© Erich Romberg, Mai 2001

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