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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Der Ausflug in Korea
Eingestellt am 19. 06. 2003 13:43


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habibi
AutorenanwÀrter
Registriert: Mar 2003

Werke: 8
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Nicht nur die frĂŒhe Morgenstunde, es war halb Sechs, auch der Ort der Abfahrt war ungewöhnlich. Seoul, Busbahnhof. Ich war der einzige Weiße dort und wohl auch der Einzige, der kein Koreanisch sprach. DafĂŒr sprach außer mir auch keiner Englisch oder eine andere Sprache als dieses Unglaublich fremd klingende Koreanisch. Es war mĂŒhsam meinen Zielort im Osten des Landes begreiflich zu machen, ein Ticket zu bekommen und den richtigen Bus zu erwischen. Nicht nur die Sprache, auch die Schrift ist von einem anderen Stern. Abfahrt sechster Stock, Ausgang zwölf. Die Zahlen zumindest sind vertraut. Völlig faszinierend in einem Hochhaus loszufahren, im sechsten Stockwerk und dann wie in einem gigantischen Parkhaus die Kreise hinunterschraubend, ein Bus hinter dem anderen, einfĂ€deln in den verschiedenen Stockwerken, in einer unglaublichen Geschwindigkeit, und doch so routiniert, dass keine Panik aufkommt. Die Abreise klappte, auch dank der Hilfe bemĂŒhter Koreaner. Völlig ĂŒberraschend dann die Reaktion, als wir aus dem Bushochhaus draußen sind. Lautstark reklamieren die FahrgĂ€ste sofort das Video einzuschalten und starren dann gemeinsam stundenlang auf den winzigen Bildschirm neben dem Fahrer, der Ton ist auf volle LautstĂ€rke geschaltet. Es stört niemanden, es scheint, als hĂ€tten alle die Reise nur deshalb unternommen, um endlich einen Videofilm zu genießen.
Nach zwei Stunden dann die erste Unterbrechung, Rast an einer AutobahnraststĂ€tte. Alle hinaus zu den Toiletten und zum Schnellrestaurant. Essen ist obligatorisch und im Fahrpreis inbegriffen. Nix Englisch! Aber! Die Gerichte sind auf einer Tafel abgebildet und ich brauche nur auf ein Foto deuten. Den mit Stolz ĂŒberreichten Dessertlöffel ignoriere ich und bediene mich der ĂŒblichen StĂ€bchen. Anerkennung der anderen FahrgĂ€ste. Es schmeckt scheußlich, Kutteln mit Nudeln, aber unter den Augen der Einheimischen ĂŒberwinde ich jedes WĂŒrgen. Beim nĂ€chsten Halt, zwei Stunden spĂ€ter, weiß ich es besser und schaue mir die Gerichte erst im Original an. Ähnlicher Erfolg! Gegrillte Knorpel mit sĂŒĂŸem Kraut. Ein weiterer Versuch bleibt mir erspart, denn in den Bergen sind die RaststĂ€tten knapp und der Stopp gilt nur noch den „Austrittwilligen“, Frauen auf die linke Seite, MĂ€nner auf die rechte. Die Endstation war ein kleines Dorf. Als wir ankamen fuhr der Bus in die Gegenrichtung los. Ich weiß, zumindest phonetisch, wie der Ort heißt, zu dem ich will und der Taxifahrer weiß ohne mein Zutun bereits, wohin es gehen soll. Es ist ein Resort, Ausgangspunkt fĂŒr Bergwanderungen. Dort stelle ich verwundert fest, keine GĂ€ste. Damit ist genug Platz, auch fĂŒr Preisverhandlungen. Die Dame an der Rezeption fragt, ob ich koreanisch ĂŒbernachten will oder westlich. Ihr Mund lĂ€chelt, ihre Augen spiegeln ihre Gedanken „dieser Arsch wird jetzt sicher fragen, was der Unterschied ist!“ Darum sage ich schnell „koreanisch“. Es war ein Fehler! Der Preis war sowieso derselbe. Ich werde am nĂ€chsten Tag auf „westlich“ wechseln. Wieder ein Missgriff! Westlich ist eine durchhĂ€ngende Matratze auf einem ausgeleierten Drahtgittereinsatz und koreanisch ist eine zwei Zentimeter dicke Wollunterlage die auf den beheizten Fliesen des Raumes ausgebreitet wird. Mit zunehmender Nacht sind alle vorstehende Knochen gefĂŒhlsmĂ€ĂŸig auf das dreifache gewachsen und auch die Bauchlage ist nur mehr qualvoll zu ertragen. Aber! Keine RĂŒckenschmerzen! Wahrscheinlich hĂ€tte ich nach zwei Wochen diese Art der Übernachtung als erholsam empfunden – ich blieb aber nur drei Tage. Darum kamen meine Knochen nicht dazu, sich an das „koreanisch“ zu gewöhnen. Ab fĂŒnf Uhr FrĂŒh war sowieso nicht mehr an Schlaf zu denken. Ankunft der Busse mit den Wanderern aus dem ganzen Land! Auf den ungefĂ€hr fĂŒnfhundert Metern im Geviert großen Parkplatz wurden generalstabsmĂ€ĂŸig die einzelnen Gruppen mit Trillerpfeifen zu den verschiedenen Ausgangspunkten fĂŒr die Wanderungen dirigiert. Mit schier schafsherdenhafter GleichmĂŒtigkeit schubsten und drĂ€ngelnden die etwa dreitausend Menschen zu den FĂŒhrern, die in barschem Tonfall die Kunden verteilten. Ich war der einzig „freie“, wenn auch nicht unabhĂ€ngige.
Vier Routen standen zur Auswahl, jede war unglaublich â€žĂŒberlaufen“ und ich entschied mich fĂŒr den steilsten Aufstieg, in der vagen Hoffnung, dass dort nur die GeĂŒbten unterwegs wĂ€en und damit wesentlich weniger Leute. Aber ich rechnete nicht mit dem VerstĂ€ndnis der Koreaner, dass jeder „geĂŒbt“ ist, sobald er aus dem Bus steigt. Stundenlang quĂ€lte ich mich in der Kolonne, an StĂ€nden mit getrocknetem Fisch und Erfrischungslimonade in PlastiksĂ€cken entlang. Und keine Chance, irgendwo auszubrechen, abzukĂŒrzen, abzuweichen. Der Weg war mit Stacheldraht zu beiden Seiten eingezĂ€unt. So hatte ich mir eine Bergwanderung nicht vorgestellt. Endpunkt war ein tiefer Teich, in den ein Wasserfall sehr fotogen hineinspritzte. Hinter dem hĂŒfthohen Zaun war militĂ€risches GelĂ€nde angezeigt. Es juckte mich in diese unberĂŒhrte Hochlandschaft hinein zu wandern, aber die Erinnerung an das Erlebnis zwei Tage vorher, ließ mich zurĂŒckschrecken. Ich hatte eine desolate Stacheldrahtabsperrung in der Umgebung von Seoul ĂŒberstiegen und war den HĂŒgel hinauf geklettert, vielleicht dreihundert Meter, und als ich oben ĂŒber die Kante krabbelte, sah ich in den Lauf eines Gewehres und darĂŒber in das ĂŒbellaunige Gesicht eines Soldaten – warum kam mir bloß der Gedanke an einen Vietkong, das war in einem anderen Land, aber trotzdem – der mich anschrie und, ohne dass ich ihn wirklich verstehen konnte war sofort klar, umdrehen und den gleichen Weg hinunter! Ich sauste und schlitterte im Schweinsgalopp die Felsen hinunter, verfolgt von den Feldstecheraugen des Landesverteidigers. Ich wollte nicht nochmals eine solche Überraschung riskieren.
Die Erfahrungen dieses Tages nutzte ich fĂŒr den nĂ€chsten Tag und war schon vor dem Eintreffen der Busse unterwegs. Meine Knochen hĂ€tten ein lĂ€ngeres koreanisches Liegen sowieso nicht ausgehalten. Die Buden waren noch geschlossen. Als ich am Fuß einer riesigen, vielleicht fĂŒnfhundert Meter hohen Wand resignieren wollte, kam mir von unten ein etwa dreißig jĂ€hriger Koreaner nach und fordert mich auf, ihm zu folgen. Hinter einem Felsvorsprung, von vorher nicht zu sehen, begann eine stĂ€hlerne Stiege, unterbrochen von Podesten, die bis zum Gipfel hinauf fĂŒhrte. Frei an die Felswand gedĂŒbelt, mir GelĂ€nder, ganz so, als wĂ€re sie in einem Wohnhaus. Anstrengend, wir nickten uns gegenseitig immer wieder aufmunternd zu. Oben ein kleines Plateau, fĂŒnf auf sieben Meter. Mein Begleiter begann sofort einen Stand aufzubauen, aus Teilen , die er hinter Felsen festgezurrt hatte. Es war eine Werkstatt, um in MĂŒnzen das Datum und den Ort einzuschlagen, zur Erinnerung an die BewĂ€ltigung des Gipfels. Die GeldmĂŒnzen mussten die Kunden selbst geben. Aber vielleicht konnte man die auch vom Meister bekommen. Jedenfalls musste er oben sein, bevor die ersten GĂ€ste kamen und bleiben, bis die letzten gingen.
Bei meinem Abstieg wurde der Betrieb, je weiter ich hinunter kam, immer toller. Ausgestopfte Leoparden als Fotokulisse, fliegende HĂ€ndler mit GetrĂ€nken und Snacks und picknickende Gruppen am Bach. Der wurde zunehmend zur Kloake, warum die Leute dort saßen war unverstĂ€ndlich. Ebenso, warum jeder alles, was er nicht mehr brauchte, einfach hineinwarf.
Die RĂŒckfahrt war Ă€hnlich wie die Hinfahrt. Nur – bei der Taxifahrt zum Bus erwischte uns ein Polizist mit einer Laserpistole. Zu schnell! Der Fahrer argumentierte mit dem LizenzrĂ€uber und deutete auf mich. Es war klar! „Dieser blöde Westler hat es eilig, wie eben alle von ihnen – weißt eh! – ich musste schneller fahren. Ich kann nix dafĂŒr! Es ist seine schuld!“ Jedenfalls ließ uns der Haberer weiterfahren, mit einem entsprechenden Blick auf mich.
Nach dem ersten Zwischenstop des Busses gab mir eine junge frisch verheiratete Frau im traditionellen Hochzeitskleid eine Packung getrockneten Fisch, diesen fĂŒr uns stinkenden und ungenießbaren Leckerbissen, der aber fĂŒr von den Koreanern hoch geschĂ€tzt wird. Der Angetraute saß mit mĂŒrrischem Gesicht daneben. Ich konnte mir darauf keinen Reim machen und fragte eine interessiert guckende Ă€ltere Dame, was ich davon halten solle. Sie kramte ihr Englisch zusammen und meinte mit breitem Grinsen „she love you!“. „Aber sie ist doch frisch verheiratet! Und ihr Mann sitz neben ihr!!“ Und die Dame „das macht nichts! Korean woman very strong!” Nun, ich nicht! Ich machte mich ganz klein und verschwand in der Polsterritze.

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Monfou Nouveau
???
Registriert: Aug 2003

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Hi habibi,

nuanciert und stimmungsvoll die Reisebeschreibung. Es ist wohl mehr eine Szene, eine Impression, gewiss keine ErzĂ€hlung in dem Sinne, dass es einen Handlungsstrang ect. gibt. Also eine Reiseschilderung. Sehr gut beobachtet und genauso gut geschrieben, finde ich. Dabei aber auch sehr stark aus Sicht des Westlers beschrieben, fast mit wertendem UnverstĂ€ndnis fĂŒr seine Umgebung.
Viele GrĂŒĂŸe

Monfou

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