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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Der Beobachter
Eingestellt am 25. 07. 2001 11:44


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Chinasky
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Jul 2001

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Der Beobachter

Felix Warnheimer, als Werbebeauftragter bei einer mittelst├Ąndischen Firma frei angestellt, wachte eines Samstagmorgens, von einem nat├╝rlichen Bed├╝rfnis geweckt, etwas fr├╝her als gew├Âhnlich auf. Als er die T├╝r seines Badezimmers ├Âffnen wollte, war diese verschlossen. Er ging ├╝ber den schmalen Flur zur├╝ck ins Schlafzimmer und legte sich wieder ins Bett, um das Ende des Traums abzuwarten. Nach zehn Minuten stand er erneut auf, zur Toilette zu gehen. Die T├╝r fand sich noch immer abgesperrt. Er dr├╝ckte etwas kr├Ąftiger, um sicherzugehen, da├č nicht nur der Rahmen verzogen war und so die T├╝r hakte. Aber auch, als er sich mit seinem ganzen Gewicht gegen sie stemmte, betrug ihr Nachgeben h├Âchstens einen Millimeter. Ebensoviel, wie das Schlo├č an Spiel haben mochte.
┬╗Hach!┬ź, rief er aus, schlug sich an die Stirn und wollte die T├╝r mit einem L├Ącheln aufziehen. Auch das klappte jedoch nicht, sie war zu beiden Seiten verriegelt. Er ging zur├╝ck ins Bett, legte sich hin und wartete. Das Schlafen gelang ihm indes nicht, vielmehr wurde das Dr├Ąngen in seinem Unterleib heftiger und trieb ihn zum drittenmal an die Badezimmert├╝r. Die verwehrte weiterhin den Zutritt, auch wenn er die Klinke etwas hochzog, mit dem Fu├č unten gegen die Kante dr├╝ckte, oder mit dem Handballen nahe dem T├╝rrahmen klopfte.
Er lebte allein in seinem 3 1/2-Zimmerapartement im vierten Gescho├č eines modernen Wohnkomplexes. Gestern abends war er recht sp├Ąt aus der Druckerei gekommen, wo es Probleme wegen eines Plakates gegeben hatte, das f├╝r ein neues Produkt des Betriebes werben sollte. Bestimmte Farben waren anders als vorgesehen gedruckt worden. Eine wichtige Schriftreihe hatte schlichtweg gefehlt. Er l├Ąchelte in Erinnerung an das ungl├╝ckliche Gesicht des Setzmeisters, der freilich alle Schuld auf den Lehrling abgeschoben hatte. Aus der Druckerei war Warnheimer direkt hierher nach Hause gefahren und wu├čte ganz sicher, da├č er keinen Bekannten mehr eingeladen hatte. Warnheimer liebte Besuch nicht sonderlich und war meist froh, in seinen vier W├Ąnden Ruhe zu haben. Soviel stand also fest, da├č er allein in seinem Apartment war. Folglich konnte niemand anders auf dem Lokus sitzen. Da dieser aber versperrt war, konnte es sich nur um einen Traum handeln, den Warnheimer gerade tr├Ąumte. Er stand, da ihm das wiederholte Laufen zur├╝ck ins Bett langsam bl├Âdsinnig vorkam, still und wartete, was nun geschehen werde. Der These mit dem Traum widersprach allerdings der Druck, welcher sich in ein handfestes Bauchgrimmen zu wandeln versprach, das ihn nerv├Âs von einem Bein auf das andere stapfen lie├č.
Hatte er vielleicht unbewu├čt die Toilette abgeschlossen und den Schl├╝ssel in Gedanken verlegt? Stecken tat er jedenfalls nicht von au├čen. War er Schlafwandler? Er b├╝ckte sich, um zu pr├╝fen, was schlechterdings unm├Âglich war. Und doch: Der Schl├╝ssel steckte von innen, von der anderen Seite.
Wie das?! Er ├╝berlegte schnell: Wer h├Ątte von au├čen, im vierten Stock, durch das schmale Fenster im Bad einsteigen sollen, nur, um es abzuschlie├čen? Aus welchem Grund denn auch?! Nein, wie absurd! Hatte sich vielleicht des Nachts, um ihn zu ├╝berraschen, ein Freund in die Wohnung eingeschlichen? Aber die Wohnungst├╝r hatte er, wie es seine routinem├Ą├čige Angewohnheit war, abgesperrt, doppelt abgesperrt - der Schl├╝ssel steckte ja noch - und obendrein ein Sicherheitskettchen vorgelegt.
Im ├╝brigen gab es einen viel schwerwiegenderen Beweis: Es existierte gar kein Schl├╝ssel f├╝r die Toilettent├╝r. Den hatte er einst aus Vorsicht eigenh├Ąndig auf den M├╝ll geworfen. Damals hatte er auch das Schild an der T├╝r befestigt, welches noch jetzt vor seiner Nase hing. F├╝r den Fall, da├č doch mal G├Ąste auftauchten. Wer dann das Klosett benutzte, mu├čte vorher das an einem starken Bindfaden h├Ąngende Schild umdrehen, soda├č Besetzt zu lesen stand, anstatt, wie zur Zeit: Freier Eintritt. Diese Einrichtung, welche schon f├╝r manchen Lacher seitens zuf├Ąlliger Besucher gesorgt hatte, war von ihm aus Sicherheitsgr├╝nden gew├Ąhlt worden. F├╝r den Fall, da├č er beim Baden einmal ungl├╝cklich ausgleiten und sich verletzen w├╝rde, so schwer, da├č ihm wom├Âglich das Aufsperren der T├╝r nicht mehr m├Âglich sein k├Ânnte. Dann m├╝├čte es eventuellen Rettern erleichtert werden, ihm zur Hilfe zu kommen. Daher hatte er den Schl├╝ssel gleich nach dem Einzug fortgeworfen. Mithin konnte er nicht von der anderen Seite...
Aber doch, kein Zweifel - er versicherte sich dessen ein zweites und drittes Mal - ging das mit rechten Dingen zu?
Er donnerte mit der Faust gegen die T├╝r: ┬╗Verdammt, was ist das? Steckt jemand da drinnen? ├ťber solche Scherze kann ich gar nicht lachen! Wahrhaftig nicht!┬ź
Nein, von Lachen konnte nicht die Rede sein. Vielmehr kniff der Bauch so, da├č es ihm die Tr├Ąnen in die Augen trieb. Nochmals trat er mit dem Fu├č gegen die vermaledeite T├╝r, wobei er sich auch noch empfindlich an den Zehen weh tat. Darauf wollte er sich unverrichteter Dinge abwenden, als pl├Âtzlich leise, aber deutlich eine Stimme aus dem Badezimmer zu vernehmen war: ┬╗Geben Sie Ruhe, es ist ja l├Ącherlich, wie Sie sich auff├╝hren!┬ź
Es - ... Es war also doch - doch jemand darinnen! Warnheimer, der gerade einen Fu├č zum Schritt erhoben hatte, blieb vor ├ťberraschung einen Moment in dieser Position; einbeinig wie ein Flamingo stand er und versuchte, seine Gedanken zu sammeln.
┬╗Also ist da doch jemand! H├Âren Sie, Sie befinden sich in meiner Wohnung! Wie immer Sie auch hineingelangt sind, ich fordere Sie auf, sofort zu ├Âffnen und mich in mein Bad zu lassen. Sie haben kein Recht - ... Ich meine, es ist unerh├Ârt, da├č - ... Ach was, ich halte hier doch keine langen Ansprachen! Raus, sage ich! Raus!!┬ź
Keine Antwort auf sein W├╝ten. Er rief, befahl, br├╝llte, drohte - nichts. Er trommelte mit den F├Ąusten, stampfte und trampelte ohnm├Ąchtig vor Zorn - man w├╝rdigte ihn keiner Antwort. Vom Aufsperren ganz zu schweigen. Schlie├člich bewogen ihn die biologischen Naturgesetze, vorerst aufzugeben.
┬╗H├Âren Sie, Sie k├Ânnen von Gl├╝ck sagen, da├č mich ein inwendiges Bed├╝rfnis zwingt - ... Kurz, ich werde zur Frau Elsbach gehen und um Erlaubnis bitten, ihre Toilette benutzen zu d├╝rfen. Wenn ich jedoch zur├╝ck bin, rate ich Ihnen, da├č Sie sich dann hier nicht mehr vorfinden. Ohnehin werde ich nat├╝rlich die Polizei benachrichtigen. Der d├╝rfte es kein Problem sein, diese T├╝r aufzubrechen und Sie wegzuschaffen! Nutzen Sie lieber die Frist, hauen Sie ab, solange Ihnen Zeit dazu bleibt! Und ich warne Sie, sich damit aufzuhalten, meine Abwesenheit zum Stehlen in meiner Wohnung auszunutzen. Erstens steht hier nichts, was von besonderem Wert w├Ąre, und zweitens werde ich nat├╝rlich schnellstm├Âglich wieder zur├╝ckkehren und Ihnen nachsetzen, wenn irgendetwas fehlt. Also, trollen Sie sich lieber! Ich wei├č nicht, warum ich Ihnen so freundliche Ratschl├Ąge erteile!┬ź
***

Frau Elsbach ├Âffnete erst nach dem dritten Klingeln. Aus allgemeiner Vorsicht hatte auch sie eine Sicherheitskette vorgelegt und lugte durch den Schlitz der T├╝r, um, als sie den Nachbarn erkannte hatte, nocheinmal zu schlie├čen und mit einem Klicken das Kettchen zu l├Âsen. Dann ├Âffnete sie ganz.
┬╗Ja, guten Morgen, Herr Warnheimer, das ist ja eine...! Was verschafft mir die Ehre? Ja, ich bitte Sie, kommen Sie doch herein! So in dem leichten Pyjama und barfu├č! Da holt man sich doch den Tod im Treppenhaus! Wo die von der Hausverwaltung ja zu geizig sind, hier zu heizen. Aber bitte, bitte sehr, treten Sie ein, kommen Sie! Womit kann ich Ihnen dienen? Fehlt das Salz zum Fr├╝hst├╝cksei? Hahaha, kleiner Scherz, hihihi... Kommen Sie, ja, nun ziern'se sich man nicht! Hier herein, ins Wohnzimmer! Mein Mann ist schon zur Arbeit, na, Sie wissen ja, diese neue Wochenendregelung. Wird aber gut bezahlt, kann ich Ihnen sagen, wirklich gut bezahlt. Und daf├╝r hat er dann ja ├╝ber die Woche drei Tage, wo wir zusammen in aller Ruhe einkaufen gehen k├Ânnen. Hat ja doch seine Vorteile, finn'se nicht? Ich sage immer, die Gewerkschaften solln sich nicht so anstellen. Das sind doch nur diese Funktion├Ąrsbonzen, die den Trubel veranstalten. Blo├č um zu zeigen, da├č die nicht umsonst von den Beitr├Ągen aus der Gewerkschaftskasse... Ich meine, ich versteh davon ja eigentlich nicht so viel, meine Mann kennt sich bei sowas ja besser aus. Aber sagen Sie, Herr Warnheimer, was haben'se auf'm Herzen, ich sehe, da├č es Sie dr├Ąngt?!┬ź
Er wischte sich einen Schwei├čtropfen von der Schl├Ąfe: ┬╗Wissen Sie, das ist so: Meine Toilettensp├╝lung ist defekt. Da wollte ich h├Âflich anfragen, ob ich vielleicht die Ihre benutzen d├╝rfte? Sehen Sie, jetzt am Wochenende findet sich doch kein Installateur, der sowas ohne deftigen Zuschlag repariert, und - ja, da wollte ich Sie halt um Erlaubnis fragen...┬ź
┬╗Aber selbstverst├Ąndlich, Herr Warnheimer! Ja, sowas bedarf doch keiner langen Erkl├Ąrungen! Ich bitte Sie: Wozu hat man schlie├člich Nachbarn, nicht wahr? Ja kommen Sie nur, hier entlang, dort hinten, sehen Sie die letzte T├╝r, links, da ist unser gewissen ├ľrtchen. hihihi... Allerdings - oh weh, das hatte ich ja ganz vergessen! Toilettenpapier fehlt. Ich wollte ja eben - Sie sehen mich ja schon im Stra├čenmantel - also eben wollte ich welches holen gehen, also nicht nur Toilettenpapier, man braucht ja auch sonst noch so einiges, aber eben auch das Papier. Tja, nun...┬ź
Herr Warnheimer war der Verzweiflung nahe: ┬╗Das macht ├╝berhaupt nichts. Ich brauche eigentlich gar keines. Bei uns M├Ąnnern sind die kleinen Gesch├Ąfte ja... Und ├╝brigens habe ich zuf├Ąllig zwei Tempotaschent├╝cher hier in der Tasche (er ballte die Faust in der Pyjamatasche, um dort Volumen vorzut├Ąuschen) - das geht schon in Ordnung, keine Sorge! Nur, ob ich jetzt vielleicht d├╝rfte? Es ist wirklich ziemlich dringend, Sie verstehen?...┬ź
Frau Elsbach, die ├╝ber die kleinen Gesch├Ąfte der M├Ąnner kokett gel├Ąchelt hatte, war das personifizierte Verst├Ąndnis: ┬╗Jaja, keine langen Worte, gehen Sie nur, es ist ja unverantwortlich, Sie hier aufzuhalten, also, hinten links, die T├╝r mit dem Zeichen, bitte sch├Ân, husch husch!┬ź
M├╝hsam beherrschte er sich, die f├╝nf, sechs Schritte bis zum Elsbacher Badezimmer in angemessener W├╝rde zur├╝ckzulegen; als er nun drinnen war, schlo├č er mit einem erleichterten Aufatmen ab, um sich der Toilette zuzuwenden - - -.
Auf dem Rande der Badewanne sa├č ein sorgf├Ąltig und vornehm gekleideter Herr mit Zylinder und l├Ąchelte ihn an.
┬╗Oh, Entschuldigung?!┬ź, fragte Warnheimer, und in seinem Kopf war kein Gedanke.
┬╗Guten Tag!┬ź, gr├╝├čte der andere freundlich und l├╝pfte seine Kopfbedeckung. Ein aufwendig gezwirbelter Schnurrbart drehte sich in gewagten Spiralen weit ├╝ber die seitlichen Grenzen des Gesichts hinaus.
┬╗Guten Tag, ja.┬ź, beeilte sich Warnheimer, die vers├Ąumte H├Âflichkeit nachzuholen. ┬╗├äh - Frau Elsbach sagte mir, ich d├╝rfe die Toilette hier benutzen. Aber ich - ├Ąhem, ich - st├Âre Sie wohl?┬ź, erkundigte er sich vorsichtig und war im Begriffe, die T├╝r wieder aufzuschlie├čen.
┬╗Nein, warum? ├ťberhaupt nicht! Bleiben Sie nur, von St├Âren kann keine Rede sein!┬ź, beteuerte der fremde Herr und machte eine weitausholende Handbewegung, als wolle er Warnheimer zu einem Fest einladen.
┬╗Sie - ├Ąh - Sie haben hier nichts Dringendes zu erledigen, Herr -...?┬ź
┬╗Nein, ich pers├Ânlich, ich habe hier nichts Dringendes zu erledigen.┬ź, antwortete der Fremde und zwirbelte wie zum Zeitvertreib den au├čerordentlichen Schnurrbart. Auf die Idee, seinen Namen zu nennen, verfiel er nicht. Lange Zeit, jetzt die Absichten und Beweggr├╝nde des anderen zu pr├╝fen, konnte Warnheimer sich unm├Âglich nehmen, schon sp├╝rte er einen Tropfen Feuchtigkeit, welcher sich gegen allen Widerstand bis in die Pyjamahose vorgek├Ąmpft hatte. Es bedurfte einiger Konzentration, den Schlie├čmuskel zu beherrschen.
┬╗Wissen Sie, Herr -... Es ist so, da├č meine eigene Toilette funktionsunt├╝chtig ist, vielmehr die Sp├╝lung, und da war Frau Elsbach so freundlich, mir hier die M├Âglichkeit zu geben...┬ź
┬╗Ohne Toilettenpapier?┬ź
┬╗Oh ja, ich meine - ├Ąh - nein, also das ist so, also, hier habe ich ein Tempotaschentuch, wissen Sie, das, ich...┬ź
┬╗Hhm. Soso!┬ź, sagte der mit dem Schnurrbart.
Warnheimer lief der Schwei├č, als sei er eine lange Treppe heraufgest├╝rmt. Er hatte wahrhaftig keine Zeit zu diskutieren. ┬╗Ach, ich bitte Sie, w├╝rden Sie mich entschuldigen... Ich meine, ich w├╝rde jetzt gerne die Toilette benutzen, wenn es Ihnen nichts ausmacht und Sie selber nichts Dringendes zu erledigen haben, wie Sie sagten... Freue mich, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben!┬ź
┬╗Tun Sie sich keinen Zwang an, das Klosett steht Ihnen zur freien Verf├╝gung!┬ź, l├Ąchelte der andere mehr, als da├č er sprach. Dazu deutete er ein Platzmachen und Vortrittlassen an, indem er einen Fu├č noch n├Ąher an die Badewanne zog und sich in seiner sitzenden Stellung leicht verbeugte.
┬╗Aber verstehen Sie nicht? Ich mu├č Gro├č!┬ź, rief Warnheimer ungeduldig.
┬╗Ja doch, ganz wie Ihnen beliebt, klein oder gro├č - nur zu, auch wenn Ihnen vielleicht das Toilettenpapier fehlen sollte...┬ź Der sa├č da wie festgemauert.
┬╗Aber k├Ânnen Sie nicht bitte solange nach drau├čen gehen?┬ź Warnheimer war ganz betroffen von solch einem Mangel an Taktgef├╝hl.
┬╗Nein, das kann ich nicht.┬ź
┬╗So, das k├Ânnen Sie also - ├Ąh - nicht?┬ź Es handelte sich um einen Scherz, sicher war das ein Scherz, der sich gleich aufkl├Ąren w├╝rde. Warnheimer l├Ąchelte vorsichtshalber verkniffen. Weshalb die Leute immer in den falschen Momenten scherzen mu├čten? ┬╗Und wenn die Frage nicht indiskret erscheint - ├Ąh - wieso? Ich meine, welcher Grund h├Ąlt Sie hier fest?┬ź
┬╗Sie.┬ź, sagte der andere. Als langweile ihn das Gespr├Ąch ├╝ber alle Ma├čen, stocherte er mit irgendeinem Span hinter vorgehaltener Hand zwischen den Z├Ąhnen.
┬╗Ich? Ich sollte Sie hier...? Aber - ach so!┬ź Warnheimer wollte befreit auflachen, was allerdings nur halb gelang. ┬╗Nat├╝rlich, die T├╝r! Aber ich sagte doch, ich meine, sofort, ja gleich. Werde Sie hier doch nicht einschlie├čen! Bitte sch├Ân, schon offen, die T├╝r ist auf, nicht wahr, Sie k├Ânnen gehen. Oh, was f├╝r ein dummes Mi├čverst├Ąndnis, hier, bitte, kein Problem... M├Âchten Sie jetzt nicht gehen? Ich halte Sie nicht!┬ź
┬╗Sie mi├čverstehen.┬ź, sagte der Schnurrb├Ąrtige, stand auf, legte die H├Ąnde hinter seinem R├╝cken ineinander und begann, in dem beschr├Ąnkten Raum des Badezimmers auf und ab zu gehen. So, wie einst der Grundschullehrer Warnheimers. Mit dem hatte der Zylindertr├Ąger, wenn man vom Schnurrbart absah, verbl├╝ffende ├ähnlichkeit. Besonders, wenn er nun so hin und her schritt, den Blick wie in Gedanken ├╝ber den Spiegel, die Ablage mit den K├Ąmmen, B├╝rsten und Tuben, das Milchglasfenster, die weinroten Fliesen, die blauen Gardinen, die verloren wirkende Zimmerpalme schweifen lassend. ┬╗Ich bin allein Ihretwegen hier. Was h├Ątte ich sonst wohl in einem mir v├Âllig fremden Badezimmer zu schaffen? Ich habe auf Sie aufzupassen.┬ź
┬╗Auf mich aufpassen!┬ź, wiederholte Warnheimer und probierte ein ungl├Ąubiges Schnauben durch die Nase. Ein Scherz! Ganz sicher, ein Scherz. Der allerdings etwas weit ging. ┬╗Nun h├Âren Sie mal, mein Herr! Sie wollen mir Ihren Namen nicht nennen, was zu akzeptieren ist. Ich hei├če Warnheimer und sehe keinen Grund, dies zu verhehlen. Nun gut. Sie ├╝berraschen mich in einer fremden Toilette und eine vage Ahnung sagt mir, da├č ich Sie noch in Verbindung mit anderen Toilettenangelegenheiten zu sehen habe. Wor├╝ber wir jetzt aber nicht weiter sprechen wollen, weil das zu weit f├╝hrte. Zu weit geht aber auch der Spa├č, den Sie sich mit mir machen. Ich m├Âchte das Klo benutzen, und es ist wirklich sehr - also sehr dringend ist es, falls Sie verstehen. Da├č ich nachher, bei der Aufl├Âsung des Scherzes und R├Ątsels, welches Ihre Anwesenheit und Worte f├╝r mich noch sind, mitlachen, vielleicht am lautesten und unbeschwertesten lachen werde, glaube ich bestimmt. Aber nun m├Âchte ich Sie vorerst bitten, mit dem Spa├č sozusagen eine Pause einzulegen, denn irgendwo sind gewisse Grenzen. Passen Sie auf Leute auf, mit denen Sie zu tun haben! Ich jedoch bin Ihnen wildfremd. Sie waren zuerst hier im Bad, nun gut. Allerdings hat Frau Elsbach mir nichts von Ihnen gesagt, was zumindest ein fragw├╝rdiges Licht auf Sie wirft. Streiten will ich mich indes nicht mit Ihnen, Sie m├Âgen Gast der Familie Elsbach sein, ja sch├Ân, mit all diesen Dingen habe ich nichts zu tun. Da aber Frau Elsbach mir ihre ausdr├╝ckliche und, wie ich betonen will, freundlichste Erlaubnis erteilt hat, so besitze ich doch wohl auch irgendein Recht, das zu beachten und tolerieren ich Sie bitte. Passen Sie meinetwegen sp├Ąter, nach Erledigung meiner - meines Gesch├Ąftes, also wenn ich das erledigt habe, k├Ânnen Sie mit Ihrem Aufpassen fortfahren, wenn es Ihnen Vergn├╝gen bereitet. Jetzt jedoch verlassen Sie bitte, ich bitte Sie inst├Ąndigst, dieses Badezimmer!┬ź
Warnheimer, der selten so lang an einem St├╝ck sprach, und dessen Stimme ein wenig heiser geworden war, f├╝hlte sich auf eine unbestimmte Weise im Unrecht. Daher war er bem├╝ht gewesen, m├Âglichst gew├Ąhlt und freundlich zu formulieren. Nichtsdestotrotz hatte er sich wohl deutlich genug artikuliert und dieser Schnurrbarttr├Ąger w├╝rde nun sicherlich... Aber nein, er machte keine Anstalten, sich zu entfernen, sondern blieb bei seinem gemessenen Aufundabschreiten durch das Badezimmer, w├Ąhrend er Warnheimer belehrte: ┬╗Sie irren sich zum wiederholten Male. Es handelt sich keineswegs um einen Scherz, wenn ich Ihnen der Wahrheit gem├Ą├č entdecke, da├č mein Auftrag lautet, Sie zu beobachten. Ich w├╝├čte auch nicht, war daran scherzhaft zu nennen w├Ąre? Nein, vielmehr steht als Tatsache fest: Ich wurde beauftragt, Sie zu beobachten. Und zwar in jedem Augenblick, jeder Sekunde. Nicht f├╝r einen Wimpernschlag darf ich Sie aus den Augen lassen. Weshalb es mir auch nicht erlaubt ist, Sie hier im Badezimmer allein zu lassen. Andererseits hindere ich Sie nicht, hier Ihrem doch nur nat├╝rlichen Bed├╝rfnis zu entsprechen. Was sollte ich dagegen einzuwenden haben? Ben├╝tzen Sie bitte sch├Ân diese Toilette und bek├╝mmern Sie sich nicht weiter um mich!┬ź
┬╗Aber das ist doch...┬ź, bem├╝hte Warnheimer sich um Fassung, ┬╗Wer sollte Sie denn beauftragt haben? Es kann sich doch nur um eine Verwechslung handeln! Einen Eingriff in meine Intimsph├Ąre, der durch nichts gerechtfertigt ist! Eine dumme Verwechslung, die mich hindert, eine Toilette zu -... Wer hat Sie beauftragt, das will ich jetzt sofort wissen!┬ź
┬╗Meine Auftraggeber darf ich Ihnen nat├╝rlich nicht benennen. Dabei handelt es sich um ein Dienstgeheimnis.┬ź Der Fremde sch├╝ttelte bei diesen Worten den Kopf, wie aus Verwunderung, da├č ein erwachsener Mann solch naive Fragen stellen konnte.
┬╗Aber seien Sie versichert, es handelt sich auf keinen Fall um eine Verwechslung. Daf├╝r garantiere ich Ihnen. Ein Fehler ist meinen Auftraggebern noch nie unterlaufen. Ich wurde Ihnen, Herrn Felix Warnheimer, zur Beobachtung zugeteilt, und das hat seine Richtigkeit. Was den Eingriff in Ihre Intimsph├Ąre anbelangt, so ist der unter den vorliegenden Umst├Ąnden schwerlich zu verhindern. Allerdings darf ich Ihnen versichern, da├č meine Beobachtungen weitestm├Âglich geheim gehalten werden. Kein Unbefugter wird an Informationen ├╝ber Sie gelangen.┬ź
┬╗Aber das ist doch Wahnwitz!┬ź, rief Warnheimer in einem Tonfall aus, als bringe er ein unwiderlegbares Argument vor. Da der Fremde keine Anstalten machte, hierauf etwas zu erwidern, sondern nach wie vor mit aufreizender Gelassenheit auf und ab wanderte, mit leicht interessierten Blicken auf die buntgemusterten Waschlappen an den blitzenden Chromhaken - da f├╝r ihn also alle fraglichen Punkte zur Gen├╝ge er├Ârtert schienen, mu├čte Warnheimer sich etwas einfallen lassen.
┬╗H├Âren Sie! Was immer Sie oder Ihre obskuren Auftraggeber sich ausgedacht haben m├Âgen, ich lasse es nicht zu! Abgesehen davon, da├č Aktionen wie diese Beschattung von Einzelpersonen sicherlich gesetzwidrig sind, gegen das Grundgesetz versto├čen! Da es mir aber zum jetzigen Zeitpunkt aus unterschiedlichen Gr├╝nden nicht m├Âglich ist, mich an staatliche Institutionen - an die Polizei beispielsweise - zu wenden, werde ich, falls Sie nicht endlich meiner Aufforderung, das Bad zu verlassen, Folge leisten, meinen Interessen mit eigener Hand Nachdruck verleihen und also auch vor Gewaltanwendung nicht zur├╝ckschrecken!┬ź
Das war nur so gesagt, als ├Ąu├čerste Drohung, als verzweifeltes Mittel, in der ├ťberzeugung, vor solcher Entschiedenheit und unb├Ąndiger Entr├╝stung werde der Zylindermann kapitulieren und endlich das Zimmer verlassen. Vom Wort zur Tat zu schreiten, w├Ąre Warnheimer nie eingefallen, in seinem ganzen Leben, auch als Knabe, war er noch nie in eine handgreifliche Auseinandersetzung geraten, die ernstzunehmende Ausma├če angenommen h├Ątte. Wie erschrak er nun, als der Schnurrb├Ąrtige, anstatt sich beeindruckt zu zeigen, sein Aufab unterbrach und sich mit verschr├Ąnkten Armen vor ihm aufbaute! Warnheimer schaute zu ihm empor wie zu einem Lastwagenkapit├Ąn, der droben in seiner Fahrerkabine thront.
┬╗Mein lieber Freund!┬ź, begann der Fremde, ein Schmunzeln nicht wirklich verbergend, ┬╗Zur Anwendung physischer Gewalt kann ich Ihnen kaum raten. Ihre Erz├╝rnung verstehe ich nicht richtig; es mag sein, da├č der mir unverst├Ąndliche Zorn Ihnen au├čergew├Âhnliche Kr├Ąfte verleiht. Selbst in diesem Falle aber best├╝nde die Au├čergew├Âhnlichkeit Ihrer Kraft nur f├╝r Ihre Verh├Ąltnisse. Indes k├Ânnen Sie schon mit eigenen Augen sehen, da├č ich Sie an K├Ârperl├Ąnge um einen halben Meter, wenn nicht mehr, ├╝berrage. Sollte Ihnen dieser Unterschied noch nicht aufgefallen sein, so weise ich Sie jetzt darauf hin. Etwaige Hoffnungen, meine K├Ârperkraft k├Ânnte meinem Ma├č nicht entsprechen, mu├č ich zunichte machen. Vielmehr bin ich f├╝r meine Aufgaben selbstverst├Ąndlich vorbereitet worden. Meine Muskeln sind gut entwickelt, ich bin in mehreren fern├Âstlichen Kampfsportarten ge├╝bt, wo ich sogar Meistergrade errang. Das bedeutet nicht, da├č ich zu Gewalttaten neigte, vielmehr bin ich durchaus friedliebend, pazifistisch, wenn Sie so wollen. Nur kann ich mich meiner Haut erwehren und sehe daher keine statistisch erhebliche Chance Ihrerseits, mir mit k├Ârperlicher Gewalt beizukommen. Nein, wirklich nicht.┬ź, f├╝gte er best├Ątigend hinzu, so, als pr├╝fe er nocheinmal den Wahrheitsgehalt des Gesagten. ┬╗Im ├ťbrigen bleibt es Ihnen unbenommen, die Polizei oder sonstwen einzuschalten, auch wenn ich mir nicht klar dar├╝ber bin, was Sie damit bezwecken sollten. Ich bewege mich bei der Aus├╝bung meines Amtes vollkommen im Rahmen der Gesetze. Aber guter Freund, ich sehe Ihrem Gesichte an, da├č andere, k├Ârperliche Sorgen Sie traktieren, und schlage darum vor, sich dieser zu entledigen. Ach ja, Sie k├Ânnen auch Ihr eigenes Bad wieder benutzen, f├╝r dessen Okkupation vorhin ich mich entschuldigen mu├č. Ich hatte dort einige Vorbereitungen zu treffen. Doch sehe ich ein, im Unrecht gewesen zu sein, als ich Sie deswegen ausschlo├č. Man r├╝gte und tadelte mich deswegen schon, und es wurde mir f├╝r die Zukunft befohlen, jede ├Ąhnliche Einmischung und Einflu├čnahme zu unterlassen. Sie sehen, meine Auftraggeber sind um Disziplin und Rechtm├Ą├čigkeit sehr besorgt. Von nun ab werde ich nur noch als neutraler und wertfreier Beobachter an Ihrer Seite sein, darum bem├╝ht, Ihren normalen Alltag, wie immer der auch aussehen mag, unber├╝hrt zu lassen. Sie d├╝rfen - und sollen sogar - zuk├╝nftig leben und handeln wie bisher. Beachten Sie mich einfach nicht weiter. Gewaltanwendung - hier m├Âchte ich meine Warnung lieber wiederholen - w├Ąre aber ziemlich aussichtslos. Sie w├╝rden nur Kr├Ąfte vergeuden und vielleicht Ihre Gesundheit aufs Spiel setzen.┬ź
Das sah Warnheimer ein. Eine Pr├╝gelei hatte er ja ohnehin nicht ernsthaft erwogen. Alles andere lag aber nach wie vor im Dunkeln. Wer war dieser Kerl, der da weit ├╝ber zwei Meter hinausragte, dessen Zylinder nur zwei Hand breit unter der Badezimmerlampe schwebte, auf ├╝ppigen Locken, welche zusammen mit dem Schnurrbart einen martialischen Eindruck erweckten? Wer war er, da├č ihm offensichtlich die F├Ąhigkeit verliehen war, durch W├Ąnde zu gehen (wie h├Ątte er sonst an Warnheimer und Frau Elsbach vorbei von einem Bad in das andere kommen k├Ânnen?) und der die unsinnige und gleichzeitig freche Absicht hegte, ihn, Warnheimer, der dazu doch ├╝berhaupt keinen Anla├č bot, zu beobachten? Da reimte sich auch rein gar nichts! Wer zum Beispiel mochten die omin├Âsen Auftraggeber sein, von denen der Beobachter sprach, als seien sie unfehlbar und als h├Ątten ihre Anordnungen gleichsam Naturgesetzcharakter? War von dieser Seite vielleicht sogar Hilfe zu erwarten?
Aber all diese Fragen waren jetzt, wenn schon nicht nebens├Ąchlich, so doch zweitrangig. Die Aufregung hatte Warnheimers Bed├╝rfnis nur noch dringender gemacht, es war ein schier nicht mehr aufzuhaltender Druck in seinen Ged├Ąrmen entstanden. Falls das Hin und Her so weiter ging, w├╝rde er noch in den Pyjama machen, trotz der ehemals besuchten Kurse f├╝r autogenes Training. Auf welche Weise auch immer - dieser Beobachter mu├čte fort.
┬╗H├Âren Sie, ich kann unm├Âglich vor Ihnen die Hose herunterlassen und - also das k├Ânnen Sie doch nicht von mir verlangen, das verst├Â├čt gegen alle Anstandsregeln und... Mein Gott, Sie wollen doch nicht, da├č ich in die Hose schei├če, oder?!┬ź Warnheimer war dem Weinen nahe. Sein Beobachter machte ein mitleidiges Gesicht, aber unter dieses Mitleid war eine gute Portion Verst├Ąndnislosigkeit gemischt. Er hob die Schultern und kehrte die Handfl├Ąchen nach au├čen, wie um seine Machtlosigkeit, an den Umst├Ąnden etwas zu ├Ąndern, zu beweisen.
┬╗Sie m├╝ssen nicht in Ihre Hose machen, wer sollte sowas von Ihnen verlangen? Sie k├Ânnen doch die Toilette benutzen, sogar Ihre eigene, in Ihrer Wohnung, da haben Sie auch gen├╝gend Klopapier!┬ź
┬╗Aber ich kann nicht in Ihrer Anwesenheit, verdammt nochmal!┬ź, schrie Warnheimer, Tr├Ąnen in den Augen. Dann, wie gehetzt, fragte er: ┬╗Und wenn ich Ihnen Geld gebe? Es ist doch nur f├╝r zwei Minuten. Sie k├Ânnen meinetwegen vor der T├╝r warten. Wir sind hier vier Stockwerke ├╝ber der Stra├če, da kann ich Ihnen aus dem Fenster nicht entwischen. Ich will auch nicht kleinlich sein. Tausend Merk biete ich Ihnen, ja wirklich, tausend Mark f├╝r zwei Minuten! Zwar habe ich die nicht hier, aber in meiner Wohnung sind sechshundert in bar und mehrere Euroschecks... Nur bitte, lassen Sie mich f├╝r zwei Minuten allein, ich flehe Sie an!┬ź
Der Beobachter hatte sich auf die Fensterbank gesetzt, das eine Bein angewinkelt und mit dem Arm umschlungen. Er schaute durch die Scheibe, als k├Ânne er durch deren Struktur, die das Licht tausendf├Ąltig brach, etwas sehen. Mit abgewandtem Gesicht sagte er - und seine Stimme lie├č die Scheibe leicht klirren: ┬╗Sie brauchen keine Bestechungsversuche zu unternehmen. Ich bin unbestechlich. Jede Sekunde habe ich Sie zu beobachten, so lautet mein Auftrag. Und zwei Minuten Vers├Ąumnis dieser Pflicht w├Ąren ein unentschuldbares Versagen bei der Aus├╝bung meines Amtes. Ob es Ihnen nun angenehm ist oder nicht, Sie m├╝ssen Ihr Gesch├Ąft schon in meiner Gegenwart verrichten, wof├╝r Sie sich aber nicht zu sch├Ąmen brauchen. Keiner Handlung brauchen Sie sich vor mir zu sch├Ąmen. Sie sind in keinerlei Weise eingeschr├Ąnkt, selbst darin nicht, Verbrechen zu begehen. Damit fordere ich Sie nicht zu Verbrechen auf, informiere Sie aber - und das geht schon weit ├╝ber meine Pflichten hinaus, ich k├Ânnte es Ihnen ebensogut auch verschweigen - da├č Sie von mir auch beim Begehen eines Mordes nichts zu bef├╝rchten h├Ątten. Ich bin sozusagen eine neutrale Kamera, betrachten Sie mich wie die Luft, die Sie umgibt. Solange meine Auftraggeber aber ihren Befehl nicht ├Ąndern oder widerrufen, sollten Sie sich damit abfinden.┬ź
┬╗Dann will ich in mein eigenes Klosett schei├čen!┬ź, rief Warnheimer mit einer grausamen, masochistischen Genugtuung bei dem Wort schei├čen und behielt noch den Schimmer einer Hoffnung, Frau Elsbach werde, wenn er jetzt an ihr vorbeiginge, mit ihrer kr├Ąftig-nat├╝rlichen Allt├Ąglichkeit den ganzen Spuk in Luft aufl├Âsen. Er bet├Ątigte die Sp├╝lung - woraufhin sich im Gesicht des Beobachters kein F├Ąltchen verzog - schlo├č die T├╝r auf und ging den Flur entlang zur K├╝che, wo er mit Recht Frau Elsbach vermutete, die, in ihren Stra├čenmantel geh├╝llt und den Einkaufskorb in der Hand, wohl nur aus H├Âflichkeit und vielleicht auch aus Mi├čtrauen so lange auf ihn gewartet hatte.
┬╗Ich danke Ihnen!┬ź, sprach Warnheimer sie an, ┬╗Sie haben mir wirklich aus einer Verlegenheit geholfen.┬ź
Er drehte sich, um zu erfahren, ob der Beobachter ihm folge, was zu seiner gro├čen Betr├╝bnis der Fall war. ┬╗Was diesen Herrn angeht, der da hinter mir kommt, so -...┬ź
┬╗Jaja, ich kenne ihn!┬ź, beeilte Frau Elsbach sich zu sagen, als bef├╝rchte sie, Warnheimer k├Ânne im Falle des Weitersprechens Unanst├Ąndiges ├Ąu├čern.
┬╗Sie kennen Ihn?┬ź, fragte Warnheimer ├╝berrascht, ┬╗Sie kennen Ihn wirklich? Nun, eigentlich logisch, schlie├člich traf ich ihn in Ihrer Wohnung an. Stellen Sie sich vor, er behauptet, den Auftrag zu haben, mich st├Ąndig zu beobachten. Haben Sie schon je so etwas geh├Ârt?!┬ź
┬╗Jaja!┬ź, antwortete Frau Elsbach, h├Ątte jedoch ebensogut neinnein sagen k├Ânnen. Ihr kam es ersichtlich darauf an, endlich zum Einkaufen zu kommen. Das Verh├Ąltnis des Nachbarn zu ihrem turmhohen Bekannten interessierte sie anscheinend ├╝berhaupt nicht.
┬╗Sie k├Ânnen jederzeit wiederkommen, solange Ihre Sp├╝lung defekt ist. Wozu hat man schlie├člich Nachbarn, sag ich immer. Auch, wenn Sie sonst mal was brauchen, klingeln Sie ruhig! Mein Mann und ich, wir sind ja gern behilflich. Kommen Sie doch irgendwann mal zum Abendessen zu uns, Sie und Ihr Freund, mein Mann w├╝rde sich sicher auch dar├╝ber freuen.┬ź
W├Ąhrend sie das alles einem harten Wasserstrahl gleich hervorsprudelte, war es Frau Elsbach irgendwie gelungen, Warnheimer und seinen Beobachter vor die Wohnungst├╝r zu bugsieren, die sie nun von au├čen abschlo├č. Warnheimer wollte sie ins Vertrauen ziehen, um Hilfe bitte, auf die unm├Âgliche Situation hinweisen, in die er durch den dreisten Beobachter geraten war - sie jedoch redete und redete, lie├č sich einfach nicht unterbrechen, stieg schon, immer noch im Reden, die Treppenstufen hinab, war gleich vom Gel├Ąnder verdeckt, hob zum Abschied nocheinmal die Hand, einen weiterhin angenehmen Tag w├╝nschend, und war verschwunden. Nur die Abs├Ątze ihrer Schuhe konnte man noch durch das Treppenhaus hallen h├Âren, wie sie auf die Stufen aus Marmorimitat klickerten.
┬╗Frau Elsbach, so h├Âren Sie doch!┬ź, rief Warnheimer ihr nach, die sie doch seine einzige Aussicht auf Hilfe war, aber als Antwort wurde das Absatzklickern leiser und verhallte. Noch zwei, drei Sekunden stand er da, mit entmutigt h├Ąngenden Armen, dann, mit einem Satz, so schnell und weit, wie er ihn noch nie getan hatte, war er an seiner eigenen Wohnungst├╝r, ri├č sie auf, schl├╝pfte hindurch, knallte sie raschestm├Âglich zu, drehte den Schl├╝ssel zweimal um und lie├č das Vorh├Ąngekettchen einrasten. Mit einem Seufzer der Erleichterung drehte er sich um.
Da stand sein Beobachter, die H├Ąnde hinter dem R├╝cken verschr├Ąnkt, den Kopf hin und her wiegend, als warte er schon l├Ąnger. Das konnte doch nicht wahr sein! Ein Alptraum, ein schrecklicher Alptraum, gewi├č! Warnheimer schossen jetzt die Tr├Ąnen in die Augen. Tr├Ąnen der Verzweiflung, der Ohnmacht und Angst. Er konnte sie nicht mehr zur├╝ckhalten, ebensowenig wie den Kot, der ihm jetzt, w├Ąhrend er ergeben zur Toilette schlurfte, doch noch in letzter Sekunde den Pyjama besudelte.
Auf dem Klobrillenrand hockend, ├╝berlie├č er sich ganz dem Drang der Natur, der Entleerung des Darmes. Die verschmutzte Hose warf er w├╝tend nach dem Beobachter, der ihr jedoch geschickt auswich. So sa├č er beim Kacken, der Herr Warnheimer. Ging es noch w├╝rdeloser? Der fremde Mann aber stand da und betrachtete ihn k├╝hl, seinem Auftrag folgend.

***

Der Beobachter hatte sich im Badezimmer eingerichtet, sofern man von einer Einrichtung sprechen konnte. ├ťber der Badewanne lag quer ein rohes, unbehandeltes Brett, auf welchem sich einige Papierbl├Ątter, ein Tintenfa├č und eine altert├╝mliche Schreibfeder fanden. Warnheimer warf alles miteinander selbstredend aus dem Fenster. Dies war seine Wohnung.
Kam er zwei Stunden sp├Ąter zur├╝ck ins Badezimmer, so waren jedoch ein neues Brett, neue Schreibutensilien aufgetaucht. Dabei hatte Warnheimer den Beobachter doch seinerseits die ganze Zeit ├╝ber fest im Auge behalten. Schweigend ging er hin, nahm das Brett und warf es aus dem Fenster, unbek├╝mmert, ob unten vielleicht jemand verletzt w├╝rde. So ging das drei, vier Male, dann wurde Warnheimer des Spielchens ├╝berdr├╝ssig und belie├č Brett, Fa├č und Feder an ihrem Platz. Allerdings nur so lange, bis er ein Bad zu nehmen ged├Ąchte, das schwor er sich: Dann w├╝rde der Krempel wieder hinausfliegen! Der Beobachter nahm diese Ank├╝ndigung ebenso gleichm├╝tig hin, wie alle anderen Drohungen, Beleidigungen und Fl├╝che, mit denen er bedacht wurde.
Nat├╝rlich ha├čte Warnheimer ihn. Vom ersten Augenblick an, wo er in Elsbachs Badezimmer gestanden hatte, bestand auf Warnheimers Seite eine un├╝berwindliche Abneigung gegen seinen Beobachter. Dieser Ha├č resultierte zuallererst aus seiner Ohnmacht, seinem Unverm├Âgen, ihn loszuwerden.
W├Ąhrend der ersten Tage probierte er wahrlich alles aus. Nachdem die Toilettenangelegenheit - w├╝rdelos, unvergleichlich w├╝rdelos! - ihr Ende gefunden hatte, war sein erster Gang der zum Telefon. Er rief die Polizei an, schilderte den Sachverhalt. Ein ihm v├Âllig fremder Mann sei in seine Wohnung eingedrungen und erdreiste sich, ihm ├╝berall hin, gleichsam als Schatten, zu folgen. Man versprach, einen Beamten vorbeizuschicken. Wirklich waren kaum zwanzig Minuten vergangen, bis es an der Wohnungst├╝r schellte. Als Warnheimer ├Âffnete, wollte er vor Genugtuung beinahe juchzen: gleich zwei Streifenm├Ąnner! Sie sahen sehr kr├Ąftig aus. Der zuerst Eintretende hatte die Arme etwas vom K├Ârper abgespreizt, wie das bei Gewichthebern, Ringern und anderen Sportlern mit starken Armmuskeln manchmal der Fall ist. Der andere verhakte die Daumen l├Ąssig in den Hosentaschen und lenkte so den Blick auf die schwarz drohende Tasche am G├╝rtel, aus welcher vielsagend ein Pistolengriff ragte. Wie wollte der Beobachter sich solcher Autorit├Ąt widersetzen?
┬╗Bitte sehr, meine Herren!┬ź, rief Warnheimer in Vorfreude auf die Verhaftung, ┬╗Dort ist er, der mich verfolgt und bel├Ąstigt. Er hat meinen Hausfrieden gebrochen und ich bin Ihnen sehr dankbar, wenn Sie ihn verhaften und lange einsperren!┬ź Er deutete mit dem Zeigefinger auf den Beobachter, und aus seiner Miene h├Ątte man schlie├čen k├Ânnen, es handele sich um ein ekles Insekt, das da gebeugten Hauptes hinter ihm am Rahmen der K├╝chent├╝r lehnte.
Schon gingen die H├╝ter des Gesetzes schweren, wiegenden Schrittes auf dieses Insekt zu, gleich w├╝rden sie die Handschellen hervorziehen und den Alptraum einfach ins Gef├Ąngnis fortf├╝hren. Jetzt hob der breitarmige Sportler die Hand, jetzt streckte er sie aus, jetzt - gab er dem Beobachter freundschaftlich gr├╝├čend die Hand. Auch der Revolvermann klinkte den rechten Daumen aus der Hosentasche aus und begr├╝├čte auf lockere, l├Ąssige Weise den Eindringling. Warnheimer war, in der sicheren Annahme, es werde eine gewaltt├Ątige Auseinandersetzung geben, ein paar Meter weit zum Schutz in das Treppenhaus zur├╝ckgetreten und konnte jetzt aus der Entfernung nicht verstehen, was Polizisten und Beobachter da leise miteinander verhandelten. Vielleicht sollte der Beobachter durch freundliche Appelle, durch vern├╝nftiges Zureden zum Mitkommen bewegt werden. Beamte hatten in solchen F├Ąllen sicherlich langj├Ąhrige Berufserfahrung. Erst, als die drei gemeinsam lustig auflachten, wurde Warnheimer mi├čtrauisch.
┬╗Wollen Sie jetzt dieses Subjekt bitte sehr verhaften, ich sage doch, da├č er mich bel├Ąstigt und ich Anzeige gegen ihn erstatten will!┬ź, rief er den Beamten zu, die ihm mit l├Ąchelnden Mienen, so, als wirke ein guter Witz noch unter ihren Dienstm├╝tzen nach, entgegenkamen.
┬╗Jaja, Herr Warnheimer, ist ja schon alles gut!┬ź, sagte der eine zu ihm und hatte schon beide Daumen wieder fest verankert. Beim Sprechen neigte er den gesamten Oberk├Ârper andeutungsweise vor und zur├╝ck und machte Pausen, um ein Kaugummi im Mund mit der Zunge zu verschieben. ┬╗Wir haben mit ihrem Freund alles besprochen und es besteht kein Anla├č zur Beunruhigung. Alles klar und geregelt, alles total geregelt, sag ich Ihnen! Wenn Sie mal wieder Probleme haben - nur keine falsche Scham - rufen Sie wieder bei der Wache an. Sie wissen ja: Die Polizei, dein Freund und Helfer. Wozu w├Ąren wir sonst auch da, n├Ą?!┬ź
Auch der zweite dr├╝ckte sich an Warnheimer vorbei auf die Treppe und gr├╝├čte zum Abschied, indem er kurz zwei Finger an den Schild seiner M├╝tze f├╝hrte: ┬╗Alles klar, nech!┬ź
┬╗Nein, nichts ist klar!┬ź, rief Warnheimer verzweifelt und so laut, da├č sich der Breitarmige die Ohren erschrocken mit flacher Hand zuhielt. ┬╗Was hei├čt klar und in Ordnung und anrufen, wenn ich Schwierigkeiten habe?! Sie sollen den da mitnehmen, jetzt sofort, er ist mein Problem! Deswegen habe ich Sie ja angerufen. Verdammt nochmal, verstehen Sie nicht?! Er ist der freche Eindringling, der penetrante St├Ârenfried meiner Privatsph├Ąre, ich verlange seine Fortschaffung und gestatte nicht, da├č Sie mit ihm gem├╝tlich plaudern!┬ź
Die Beamten verst├Ąndigten sich gegenseitig mit Blicken, ratlosem Augenbrauenheben und nachsichtigem Schulterzucken. So, wie man sich wortlos ├╝ber ein schreiendes Kind einigt, welches partout ein s├╝├čes Eis haben will, obwohl das schlie├člich die Z├Ąhne ruiniert. Dann, um der peinlichen Situation zu entkommen, nickten sie nochmal mit verbindlichem Grinsen Warnheimer zu, legten zwei Finger an die M├╝tzen und sprangen, jugendlich schwungvoll, die Treppen hinab, vier, f├╝nf Stufen auf einmal nehmend.
Warnheimer lief hin zum Treppengel├Ąnder, beugte sich hin├╝ber, so, da├č er noch die Zwischenr├Ąume hinab bis ins Erdgescho├č durchblicken konnte, und schrie ihnen wild durcheinander Bitten, Fl├╝che und Befehle nach. Ohne Erfolg.
Als er sich ersch├Âpft zur├╝ckbeugte, bemerkte er, da├č der Beobachter gleich ihm am Gel├Ąnder stand und hinabgestarrt hatte, mit interessiertem, aber sonst ausdruckslosem Gesicht.
┬╗Weg, weg!┬ź, schrillte Warnheimer, dem Zusammenbruch nahe, und machte Handbewegungen, als wolle er eine Gruppe H├╝hner verscheuchen. Der Beobachter trat schnell einen Schritt zur Seite.

***

Wohin Warnheimer auch ging, der Beobachter folgte ihm. In die Gesch├Ąfte, die Stra├čenbahn, ins Postgeb├Ąude, den Fahrstuhl. Betreffend die Firma hatte Warnheimer bef├╝rchtet, sein Schatten werde dort auffallen und ihm auf diese Weise schaden. Deswegen hatte er sich telefonisch f├╝r zwei Tage krank gemeldet, w├Ąhrend derer er im Stadtverkehr, bei einem Spaziergang im Wald, einem Besuch der st├Ądtischen Kunstsammlung und beim Schwimmen im Wellenbad versuchte, den Ungeliebten abzusch├╝tteln. Vergeblich.
Als er nun am Mittwoch in die Firma kam - auf alle Ewigkeit h├Ątte er es doch nicht rausschieben k├Ânnen - stellte sich bald heraus, da├č sein Verfolger niemanden in irgendeiner Weise st├Ârte. Bei der auffallend gro├čen Gestalt, dem Zylinder und dem Schnurrbart w├╝rde der doch Aufsehen erregen m├╝ssen, hatte Warnheimer gedacht. Nichts dergleichen: Selbst, als er zum Prokuristen ins B├╝ro trat, hatte jener kaum einen Seitenblick f├╝r den Fremden ├╝brig und kam sofort auf gesch├Ąftliche Dinge zu sprechen. Nicht, da├č der Beobachter geradezu wie Luft behandelt worden w├Ąre. Die meisten Mitarbeiter gr├╝├čten ihn wie einen fl├╝chtigen Bekannten durch Kopfnicken, ein Lagerarbeiter hielt ihm sogar, als er Warnheimer einmal in zu weitem Abstand folgte, eine automatisch sich schlie├čen wollende T├╝r auf. Wenn Warnheimer l├Ąngere Besprechungen ├╝ber irgendwelche Plakate hatte, sich mit seinen Gespr├Ąchs- und Gesch├Ąftspartnern ├╝ber Entw├╝rfe, Notizen und Akten beugte, geschah es, da├č der Beobachter sich ein wenig zur├╝ckzog und hinten im Zimmer leise mit den Sekret├Ąrinnen tuschelte und scherzte. Er schien bei ihnen sehr beliebt zu sein und brachte mitunter kleine Geschenke f├╝r sie mit. Eine Blume, eine Schachtel Pralinen, auch mal ein h├╝bsches Armband oder interessantes Buch.
Dar├╝ber war Warnheimer besonders erbost. Er stellte, da ihn der Versuch einer Einflu├čnahme auf den Beobachter inzwischen zwecklos d├╝nkte, die M├Ądchen (alle Sekret├Ąrinnen waren au├čerordentlich jung) zur Rede: Was es f├╝r einen Grund habe, da├č sie sich beschenken und beturteln lie├čen von einem Manne, dessen offensichtliches Bestreben es doch sei, sein, Warnheimers, Leben zu ruinieren? Ob sie sich alle gegen ihn zu verb├╝nden beabsichtigten?
Die M├Ądchen waren beleidigt und gaben spitzig zur Antwort, da├č sie Geschenke empfangen d├╝rften, von wem es ihnen beliebe. Da├č dies eine reine Privatangelegenheit w├Ąre und sie nicht im geringsten an Warnheimers Leben interessiert seien. Im ├╝brigen, sagte die h├╝bschste und j├╝ngste von ihnen, leise und zur Wand gewendet, aber doch so, da├č Warnheimer es verstehen mu├čte - im ├╝brigen frage sie sich, was an seinem Leben schon gro├č zu ruinieren sei? Dabei sch├╝ttete sie demonstrativ nachl├Ąssig Pulver aus einer Blechb├╝chse in den Filter der Kaffeemaschine.
Das tat Warnheimer weh, denn gerade in Bezug auf dieses Fr├Ąulein hatte er sich einst Hoffnungen gemacht. Wegen ihr war er fr├╝her unn├Âtig gut angezogen, penibel gepflegt und betont langsam durch das Vorzimmer seines Arbeitsraumes gegangen und hatte obendrein ├╝berreichlich Kaffee getrunken (der ihm gar nicht gut bekam). Diese letztere Angewohnheit legte er nun, wo man seinem Beobachter zuweilen eine Tasse anbot, g├Ąnzlich ab.
Durch den Beobachter begann Warnheimer zu sp├╝ren, wie fremd er eigentlich in der Firma war. Man hielt dienstlich gro├če St├╝cke auf ihn, keine Frage. Sein Wissen und K├Ânnen wurden allseits anerkannt, in seinen Aufgabenbereich, die Werbung, die PR-Kampagnen, gab es keine Einmischung. Seine Kompetenz war gefragt. In der Produktgestaltung bat man manchmal um seinen Rat. Es standen erhebliche finanzielle Mittel zu seiner Verf├╝gung: Der Werbeetat betrug mehr als ein Drittel der Investitionen. Man war also an seiner Mitarbeit interessiert, die sich f├╝r die Firma mit einigen Gewinnpunkten auszahlte. Niemand verweigerte ihm daf├╝r einen entsprechend gro├čz├╝gigen Lohn. Der berechnete sich auf Umsatzbasis und wuchs fast mit jedem Quartal um zweistellige Prozentzahlen. Inflationsbereinigt...
Dieser rosigen gesch├Ąftlichen Seite entsprach das pers├Ânliche Verh├Ąltnis zu den anderen Angestellten der Firma nicht, wie er jetzt feststellen mu├čte. Man behandelte ihn respektvoll und freundlich, aber auch unverbindlich und distanziert. Aus beruflichem Ehrgeiz hatte er fr├╝her meist die Mittagspausen durchgearbeitet, anstatt sich zu den Mitarbeitern in die Kantine zu setzen. Sofern er nicht ├╝berhaupt gesch├Ąftlich unterwegs gewesen war. Mit Vornamen kannte er nur eine Hand voll Leute. Allein den Produktionsleiter, einen einsilbigen, langen Menschen mit Brille und Ellbogenschonern, duzte er, ohne ihm dadurch aber wirklich nahe zu stehen.
Was man mit ihm beredete, waren sachliche, firmenbezogenen Angelegenheiten. Schon ├╝ber die Bundesligaergebnisse unterhielt man sich nicht mehr mit ihm. Und als in diesen Tagen ein langj├Ąhriger B├╝rogehilfe seine h├Âlzerne Hochzeit feierte, fragte man Warnheimer zwar, ob er sich an dem Pr├Ąsent mit ein paar Mark beteiligen wolle, zu dem gemeinsamen Kegelabend und nachherigen Essen in einem nahegelegenen Gasthaus lud man ihn jedoch nicht mit ein. Wohl, weil er fr├╝her ├Ąhnliche Angebote mit fadenscheinigen Ausreden ausgeschlagen hatte.
Solche Abkapselung und Absonderung waren ihm ehemals nicht aufgefallen. Oder wenn, waren sie ihm ganz recht gewesen. Auf diese Art hatte er seine Ruhe gehabt und den Vorzug, nach der Arbeit ganz von dieser gel├Âst zu sein und nicht w├Ąhrend des Feierabends noch durch privaten Kontakt zu Firmenmitgliedern an gesch├Ąftliche Dinge erinnert zu werden. Aus dieser strengen Zweiteilung von Arbeit und Freizeit hatte er die Kraft und Konzentration gesch├Âpft, die ihn in seinem Beruf so voranbrachten.
Seit er aber beobachtet wurde, zeigten sich die negativen Auswirkungen: Niemand unterst├╝tzte ihn, niemand tr├Âstete ihn, es gab nicht mal jemanden, mit dem er sich ├╝ber den Beobachter auch nur h├Ątte unterhalten k├Ânnen. Man h├Ârte einfach nicht zu, wenn er auf 'den Kerl mit seinem Zylinder' zu sprechen kam, der ihn 'auf unversch├Ąmte Weise' verfolge und bel├Ąstige. Hier stellte es sich auch als Nachteil heraus, nur als freier Mitarbeiter eingestellt zu sein: So wichtig und wertvoll Warnheimer auch f├╝r die Firma war - er stand au├čerhalb jeder Hierarchie, hatte weder wirkliche Vorgesetzte, noch ihm unterstellte Mitarbeiter, die von seinem Wohlwollen abh├Ąngig, und damit gezwungen gewesen w├Ąren, auch auf seine pers├Ânlichen Probleme einzugehen.
Es war beispielsweise ein offenes Geheimnis, da├č der Chef zur Zeit seines Scheidungsverfahrens oft einen Leiter der Buchhaltung in sein B├╝ro zitiert hatte, zu dem einzigen Zweck, sich sein Herz zu erleichtern. Zwar hatte man dar├╝ber heimlich gespottet. Aber andererseits schien es dem Chef doch auch geholfen zu haben. Solche M├Âglichkeiten standen Warnheimer nicht offen.
Er a├č jetzt des ├Âfteren in der Kantine, um an der Tischunterhaltung teilzuhaben und um seinen pers├Ânlichen Kummer gegebenenfalls in diese einzubringen. Doch sosehr er auf alle Themen der anderen einging, um sie sich und seinem Anliegen gegen├╝ber aufgeschlossener zu machen - er informierte sich neuerdings eingehend ├╝ber Fu├čballergebnisse, Autofabrikate und die Partnerschaftskrisen des englischen Thronfolgers - sobald er auch nur die leiseste Bemerkung bez├╝glich des Beobachters machte, wendete man sich von ihm ab, sagte: ┬╗Jaja, schon gut!┬ź, oder nicht einmal das, und guckte woanders hin, peinlich ber├╝hrt und ver├Ąrgert, wie wenn Warnheimer etwas ganz und gar Unfeines getan h├Ątte. Die Botschaft solchen Benehmens war nur allzu klar: Man wollte keinesfalls in seine Angelegenheiten hineingezogen werden. Ob allerdings aus Furcht vor dem Beobachter und seinen Auftraggebern, oder weil man Warnheimer f├╝r jemanden hielt, der an krankhaftem Verfolgungswahn litt, war nicht zu entscheiden.
Obzwar Warnheimer der eigentlich Betroffene war, wu├čte er ├╝ber den Beobachter wahrscheinlich am allerwenigsten. Nicht einmal die allgemeine Meinung ├╝ber ihn kannte er. Da├č sich alle Leute auf die gleiche, unverst├Ąndliche Weise verhielten, sobald Warnheimer den Fremden erw├Ąhnte, zeigte doch, da├č sie sich einig waren in ihrer Beurteilung und den daraus zu ziehenden Konsequenzen. Sicherlich tauschten sie sich in Abwesenheit des Beobachters ├Ąu├čerst gr├╝ndlich ├╝ber ihn aus und sprachen untereinander ihr Verhalten, ihre Reaktionen bis in Kleinigkeiten ab. Und der Umstand, da├č sie sich so ganz und gar einig waren, belegte doch, da├č es ausreichende und sehr ├╝berzeugende Gr├╝nde gab, den Beobachter so und nicht anders einzusch├Ątzen. Allen, au├čer Warnheimer, waren diese Gr├╝nde bekannt: Der Frau Elsbach, den Polizisten, dem kleinsten Lagerarbeiter, dem Fahrkartenkontrolleur in der Stra├čenbahn (der den Beobachter nie nach seinem Fahrausweis fragte und diesbetreffende Bemerkungen Warnheimers mit einem blo├čen, nachsichtigen L├Ącheln quittierte) und s├Ąmtlichen anderen Menschen, mit denen Warnheimer zusammentraf. Eine Zeit lang suchte er diese Kontakte, um m├Âglichst von vielen Mitmenschen die Reaktionen zu ├╝berpr├╝fen und vielleicht aus diesen sozusagen statistischen Anhalten hinter das dahinterliegende Gesetz zu kommen. Auch hegte er die Hoffnung, irgendwann einmal jemanden zu treffen, der uneingeweiht war, der ganz nat├╝rlich und instinktiv beim Anblick des Beobachters zusammenzucken, staunen und sich wundern w├╝rde. Den wollte Warnheimer dann ansprechen, von seiner Not unterrichten und eventuell um Hilfe bitten.
Weil davon auszugehen war, da├č man zuerst seine gew├Âhnliche und n├Ąhere Umgebung eingeweiht hatte, wandte er sich gerade dorthin, wohin er bislang keinerlei Beziehung gehabt hatte. Er besuchte die verschiedensten Vereine, politischen und kulturellen Gruppierungen. Zu l├Ąrmenden Rockkonzerten pilgerte er und zu literarischen Lesungen. Aber weder in den br├╝llenden Massen der Fu├čballfans, noch bei Ballett- und Kinovorstellungen (bei denen Warnheimer sich immer in die erste Reihe setzte, hoffend, der Beobachter werde mit seinem Hut - den er nie abnahm - die hinter ihm Sitzenden wenigstens zum Schimpfen bewegen) zeigten sich Reaktionen hinsichtlich seines Begleiters. Im Theater beispielsweise wechselten die hinter Warnheimer und dem Beobachter Sitzenden entweder ihre Pl├Ątze, oder beugten sich ein wenig zur Seite. Sie murrten nie, wobei der Beobachter sich allerdings auch nach Kr├Ąften zusammenkr├╝mmte oder aus R├╝cksicht auf die Treppen und G├Ąnge hockte.
Selbst in den anr├╝chigsten Kneipen, Bars und Night-Clubs verhielt man sich, als nehme man den Beobachter nicht wahr, oder als geh├Âre er dazu, wie ein unter dem Tisch liegender Hund, der die Ohren spitzt und niemanden durch seine Gegenwart st├Ârt. Man sah ihn, aber er interessierte nicht. Ein ungeheures, ein gewaltiges Desinteresse galt dem Beobachter. Dieses Desinteresse, diese Ignoranz trieb Warnheimer zum ├äu├čersten. Eines Nachts - denn da├č dies nur nachts m├Âglich sei, war ihm selbstverst├Ąndlich - ging er zu einer Prostituierten.
Er folgte ihr hinauf in das f├╝r solche Zwecke eigens eingerichtete Zimmer eines billigen Hotels, das von ├Ąhnlicher Kundschaft zu existieren schien. Als sei er derartige Gesch├Ąfte gewohnt, hatte er der Dirne angek├╝ndigt, er ziehe die harte Tour vor und wolle auch gut zahlen. Worauf sie eine ganz sachliche Verhandlung begonnen hatte, ├╝ber die Aufpreise diverser, Warnheimer kaum dem Namen nach bekannter Extras, dar├╝ber, da├č sie sich nicht ernstlich verwunden lassen w├╝rde, wegen der Aids-Gefahr, da├č die Sache ohne Gummi dreifach schon im Grundpreis kommen w├╝rde, und da├č sie ├╝berdies seinen Personalausweis fordere, um im Falle einer Ansteckung ihn als T├Ąter und Ansteckungsherd ermitteln und gegebenenfalls auf Schadensersatz verklagen zu k├Ânnen.
Warnheimer sagte zu allem Ja und Amen, die ganze Szene war ihm uns├Ąglich peinlich. Auf einem abgewetzten Pl├╝schsessel, genau unter der schweren Gardine des von einer Jalousie verschlossenen Fensters hatte der Beobachter sich gesetzt und sah wie immer ohne ersichtliche Beteiligung zu. Er st├Ârte die Nutte kaum, bellte und knurrte ja nicht einmal...
Als man nun handelseinig war, die Dame sich ihrer ohnedies nur d├╝rftigen Kleidung ungeniert entledigte und Warnheimer aus einem Wandschrank ein Stachelhalsband reichte, da├č er ihr bitte umlegen m├Âge, verfiel dieser auf eine Idee: Sie solle zuerst mit seinem Begleiter geschlechtlichen Verkehrs pflegen, er wolle dabei zusehen, weil ihn sowas au├čerordentlich errege. Dabei blickte er aus den Augenwinkeln zum Beobachter, um dessen Reaktion zu erfahren. Es gab aber nichts zu erfahren. Jener verzog nicht eine Braue, als wisse er, da├č die Frau die Angelegenheit f├╝r ihn regeln werde. Das tat sie auf die denkbar einfachste Weise. Sie fragte ihn einfach, ob er einverstanden sei, worauf er ruhig, aber bestimmt mit dem Kopf sch├╝ttelte. Als habe man einem Diabetiker ein St├╝ck Schwarzw├Ąlder Kirschtorte angeboten, so lehnte er bedauernd ab: ┬╗Nein danke!┬ź
Gegen seinen Willen, so erkl├Ąrte die Frau, k├Ânne sie selbstverst├Ąndlich niemanden zum Geschlechtsverkehr zwingen. Womit das Thema f├╝r sie erledigt war.
┬╗Ich wille es aber so!┬ź, schrie Warnheimer, und es war schwer auszumachen, ob er die Beherrschungslosigkeit nun spielte oder nicht.
┬╗Tut mir leid, da kann ich Ihnen nicht helfen.┬ź, erwiderte sie k├╝hl. ┬╗Wenn Sie es w├╝nschen, kann ich einen mir bekannten Boy rufen und Ihnen mit dem eine Sondervorstellung geben. Ich weise Sie jedoch darauf hin, da├č Sie in einer Videokabine den Spa├č wesentlich billiger haben k├Ânnten!┬ź
Schon hatte sie die Hand auf einen ziemlich anst├Â├čig geformten Telefonh├Ârer gelegt und sah ihn fragend an.
In Warnheimers Kopf drehte sich vor Entt├Ąuschung, Wut, Ohnmacht, Verzweiflung und Schamgef├╝hl alles, und er kreischte, nun wirklich und ungespielt die Beherrschung verlierend: ┬╗Wenn Sie meine W├╝nsche nicht erf├╝llen wollen, dann pfeife ich auf Ihren ganzen Service! Stecken Sie ihn sich in... - an... - an den Hut meinetwegen!┬ź
Worauf er aus dem Zimmer st├╝rzen wollte, jedoch ersteinmal vergeblich an der T├╝r r├╝ttelte, welche von dem M├Ądchen vorhin abgesperrt worden war.
┬╗Ich will hier raus!┬ź, br├╝llte er besessen, mit sich ├╝berschlagender Stimme. Der Schl├╝ssel steckte, man h├Ątte ihn nur herumdrehen brauchen. Wie einem vor der T├╝r heulenden Hunde kam der Beobachter Warnheimer zu Hilfe, drehte den Schl├╝ssel im Schlo├č und ├Âffnete mit einer einladenden Geste. Dabei nickte er der Prostituierten leicht, wie zum einvernehmlichen Abschied, zu. Jedenfalls meinte Warnheimer etwas derartiges zu bemerken - genau ├╝berpr├╝fen konnte er es aber nicht mehr, denn schon setzte er, drei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe hinab. Diese war steil, die Stiege war aus knarschendem Holz, ausgetreten und t├╝ckisch, und er war ganz damit besch├Ąftigt, einen Sturz zu vermeiden. Von der T├╝r des Zimmers her, aus welchem er eben gefl├╝chtet, drang rotes Licht in das ansonsten bis auf zwei Notausgangsleuchten dunkle Treppenhaus, sowie die Stimme der Dame, welche ihm nachrief: ┬╗Altes Arschloch!┬ź
In einem Tonfall, als informiere sie ihn nur.

***

Nachts, wenn Warnheimer sich zum Schlafen niedergelegt hatte, zog der Beobachter sich ins Badezimmer zum Schreiben von Berichten zur├╝ck, wobei er allerdings Schlafzimmer- und Toilettent├╝r offenstehen lie├č, um den Blickkontakt nicht zu unterbrechen. Anfangs hatte Warnheimer einige dieser Berichte gestohlen: Einfach aus der Hand des Beobachters hatte er sie gerissen. Jedoch waren sie in einer Geheimschrift verfa├čt, die mit keiner Warnheimer bekannten Schriftart irgendeine ├ähnlichkeit aufwies. Die Anzahl der verschiedenen Zeichen schien unendlich zu sein, nicht zwei gleiche waren zu entdecken.
┬╗Was ist das f├╝r eine Sprache, in der du da schreibst?┬ź, fragte Warnheimer den Beobachter, den er seit kurzem duzte, um seine Verachtung f├╝r ihn auszudr├╝cken. Der Beobachter, der - vielleicht aus H├Âflichkeit, nicht jedoch aus ├ťberraschung - vom Badewannenrand aufgestanden war, antwortete, die H├Ąnde hinter dem R├╝cken ineinander verflochten: ┬╗Es ist die Sprache meiner Auftraggeber.┬ź
┬╗Und┬ź, fragte Warnheimer in herrischem Inquisitionston weiter, ┬╗welcher Art ist die Sprache deiner Auftraggeber?┬ź
┬╗Das Ihnen zu sagen, bin ich nicht befugt.┬ź
┬╗Hhm.┬ź Warnheimer strengte sich an, wenigstens in diesem Gespr├Ąch ruhige ├ťberlegenheit und Sachlichkeit zu bewahren. Er schickte dem Beobachter einen absch├Ątzigen Blick zu, wie einst den weniger bedeutenden Mitarbeitern, was sich allerdings schon allein des Gr├Â├čenunterschieds wegen l├Ącherlich ausnahm.
┬╗Berichtest du in diesem Geschreibsel ├╝ber mich?┬ź, wollte er wissen und zerri├č eines der Bl├Ątter demonstrativ in kleine Schnipsel, die er ins Toilettenbecken streuselte und darauf die Sp├╝lung bet├Ątigte. Der Beobachter machte keine Anstalten, ihn an dieser Vernichtungsaktion zu hindern, sondern best├Ątigte nur: ┬╗Ja, das sind Berichte ├╝ber Sie.┬ź
┬╗Und was steht in diesen Berichten?┬ź
┬╗Das bin ich nicht befugt, Ihnen zu sagen.┬ź
┬╗Nicht befugt, nicht befugt, so ein Unfug!┬ź, emp├Ârte sich Warnheimer und hatte das Gef├╝hl, seine ├ťberlegenheit gleichsam auf einem Schiff fortfahren zu sehen (w├Ąhrend er sie selbst die Gangway hinaufgeschoben hatte). ┬╗Ich m├╝├čte doch wenigstens das Recht zu wissen, welche Informationen du ├╝ber mich weitergibst, haben!┬ź, versuchte Warnheimer, sich durch komplizierte Syntax wieder einzufangen, das Schiff zu stoppen.
┬╗Nein, dieses Recht haben Sie nicht.┬ź
┬╗Und warum nicht, wenn es gestattet ist zu fragen?!┬ź - Ironie, Inquisition...
┬╗Weil diese Berichte geheim sind. So geheim, da├č au├čer meinen Auftraggebern niemand sie lesen darf. Schon, da├č ich sie schreibe und also auch lesen kann, ist eigentlich ein Versto├č gegen die Geheimhaltungspflicht, l├Ą├čt sich aber nicht vermeiden. Durch meine Anwesenheit soll Ihr allt├Ągliches Leben so weit als m├Âglich unber├╝hrt bleiben, wozu auch geh├Ârt, da├č Sie nicht mehr von sich selbst erfahren, als vorher. Auch Ihnen gegen├╝ber gilt also strikteste Geheimhaltung. W├╝├čten Sie, was ├╝ber Sie berichtet wird, oder wie man Sie beurteilt, so k├Ânnten Sie leicht auf die Idee verfallen, das Gegenteil beweisen zu wollen, sich mithin unnat├╝rlich verhalten.┬ź
┬╗Ich verhalte mich ohnehin unnat├╝rlich, seit du anwesend bist!┬ź, warf Warnheimer ein, ┬╗Wenn deine Auftraggeber an meiner normalen Lebensf├╝hrung interessiert w├Ąren, so pfiffen sie dich zur├╝ck, weil du mich ja gerade daran hinderst.┬ź
┬╗Falls dies ihre Absicht ist, werden sie es tun. Im ├╝brigen kann ich Sie nur ermuntern, sich durch mich nicht gest├Ârt zu f├╝hlen. Finden Sie sich doch einfach damit ab, da├č ich in Ihrer N├Ąhe bin. Schlie├člich tue ich Ihnen nichts zu Leibe.┬ź
So oder ├Ąhnlich verliefen viele Gespr├Ąche, die Warnheimer mit dem Beobachter f├╝hrte. Am Ende war er immer so klug wie zuvor, nur noch ein St├╝ck verzweifelter und hoffnungsloser. Auch konnte er die Abreise des Schiffes nie verhindern.
Einige Male noch stahl und vernichtete er die Berichte des Beobachters, dann lie├č er es irgendwann bleiben. Ohnehin konnte der Beobachter seine Berichte ja w├Ąhrend der Schlafenszeit Warnheimers verfassen und abschicken. Alle abzufangen war unm├Âglich. Hatte es einen Sinn, wahllos die einen zu beschlagnahmen und die anderen passieren zu lassen, obwohl nicht auszumachen war, welche ihn, Warnheimer, lobten, und welche ihn tadelten? War es nicht am besten und vern├╝nftigsten, den Beobachter seinen Auftrag m├Âglichst schnell zu Ende bringen zu lassen? In manchen Augenblicken ├╝berkam Warnheimer sogar der Verdacht, bei den Berichten handele es sich nur um Scheinberichte, die der Beobachter schrieb, um sich wichtig zu machen, oder seiner unverfrorenen Handlungsweise so etwas wie einen seri├Âsen, verwaltungsartigen Anstrich zu geben. Wenn er seinen Verdacht aussprach, zuckte der Beobachter mit den Schultern. Was meinen sollte, da├č es ihm schlie├člich egal sei, was Warnheimer von ihm halte. Er ginge lediglich seiner Arbeit nach.
An manchen Abenden lauschte Warnheimer dem Kritzeln der Feder, bis er in Schlaf versank, in einen Schlaf allerdings, welcher unruhig, von b├Âsen Tr├Ąumen durchsetzt und meistens nicht sehr st├Ąrkend war. Einst hatte er gut, fest und mit nur vereinzelten, aber immer sch├Ânen Tr├Ąumen geschlafen. Doch seine Nerven waren nun auch w├Ąhrend des Schlafes durch den Beobachter belastet, und dann wachte er mitten in der Nacht auf, das Pyjamaoberteil klebte ihm am zitternden K├Ârper, oder er hatte das Bettzeug durch seinen Samen verunreinigt. Die Tr├Ąume, die zu solchen Erg├╝ssen f├╝hrten, waren blutig, grausam, furchterregend; das Schlimmste an ihnen aber war, da├č er sich oft nicht mehr an sie erinnern konnte.
Dies kam nat├╝rlich daher, da├č er sich in Anwesenheit des Beobachters unm├Âglich befriedigen konnte. Ein paarmal war er drauf und dran, nur um den Beobachter zu schockieren, sich ein Porno-Video auszuleihen und bei dessen Betrachtung ausgiebigst zu onanieren. Aber das war denn doch zu tollk├╝hn, und er ahnte, da├č er unter den unerbittlichen Augen des Beobachters unm├Âglich zu einer Erektion gelangen werde. So mu├čte er die n├Ąchtlichen Peinlichkeiten in Kauf nehmen, sie gar vertuschen. Denn stand er aus seinem Bett auf, kam der Beobachter sofort aus dem Badezimmer, um zu ├╝berpr├╝fen, was vorginge.
Schlaf schien der nicht zu brauchen, ebensowenig wie Nahrung. Der Beobachter benutzte nie die Toilette, wechselte nie die Kleidung. Man h├Ątte annehmen k├Ânnen, es handele sich weniger um einen Menschen, als vielmehr um einen Geist. Wenn nicht seine Haare und sein Bart gewachsen w├Ąren. Einmal pro Woche stutzte er sie, das fand Warnheimer heraus. Vor dem Spiegel im Bad stehend, schnippelte der Beobachter mit einer kleinen Schere, hielt geschickt die Hand unter und warf die aufgefangenen Haarspitzen in die Toilette. Das Ergebnis dieser Frisiertage lie├č sich immer sehen. Selbst am Hinterkopf vertat sich der Beobachter nie.
So begann Warnheimer seinerseits, den Beobachter zu beobachten. Wenn er des Nachts im Bett lag, ├╝berlegte und rechnete er, welche seiner Beobachtungen ihm zur Aufkl├Ąrung des R├Ątsels dienen k├Ânnten. Zum Beispiel kam es doch ab und an vor, da├č der Beobachter, w├Ąhrend Warnheimer im Betrieb gerade besonders besch├Ąftigt war, mit den Sekret├Ąrinnen und anderen jungen Mitarbeiterinnen einen Kaffee trank oder auch ein St├╝ck Kuchen verzehrte. Nicht, ohne dessen Qualit├Ąt ausdr├╝cklich zu loben (denn die M├Ądchen hatten diese Kuchen ja eigenh├Ąndig gebacken). Wenn Warnheimer, zwar ├Ąu├čerst selten, aber doch dann und wann, in einem Restaurant oder Caf├ę etwas verzehrte, so bestellte auch der Beobachter etwas. Meist nur ein Getr├Ąnk und wohl mehr aus H├Âflichkeit - aber immerhin. Warnheimer lud ihn auf diese Beobachtung hin ein, mal so richtig auf seine Kosten zu v├Âllen. Dieses Angebot wurde angenommen, und zwar mit einem der Gr├Â├če des Beobachters entsprechenden Appetit.
Wann jedoch benutzte er die Toilette? Und was bef├Ąhigte ihn, tage- ja wochenlang auch ohne Nahrung auszukommen? Weshalb stank er noch nicht, wo Hemd, Hose und Jackett eindeutige Spuren der Benutzung trugen? W├Ąre der Fremde gleichsam zeitlos gewesen, h├Ątten sich an ihm keine Zeichen der Ver├Ąnderung durch die Zeit erkennen lassen, h├Ątte er ganz auf jede Speise verzichtet - Warnheimer h├Ątte sich damit abfinden k├Ânne. Es h├Ątte sich um einen Geist, eine Halluzination und Einbildung gehandelt. Aber diese Verwischung zwischen Traumfigur und unbestreitbarer, habtischer Pr├Ąsenz, diese Unentschiedenheit, Zwitterwesenheit zwischen Geist und K├Ârper - sie machten den Beobachter unertr├Ąglich. Die Auftraggeber verschwanden immer mehr im Dunkeln.
Anfangs hatte Warnheimer geglaubt, irgendein Konkurrent k├Ânne dahinter stecken, andere Firmen, welche auf dem gleichen Markt wie die seine um Anteile k├Ąmpften. An unlauteren Wettbewerb hatte er gedacht, aber die Art und Weise, wie der Beobachter im Betrieb aufgenommen worden war, und der Umstand, da├č er sich f├╝r die gesch├Ąftlichen Dinge nur insofern k├╝mmerte, als sie Warnheimer angingen, schienen diese M├Âglichkeit auszuschlie├čen. Als n├Ąchstes hatte Warnheimer an staatliche Verfolgung gedacht. Die Bemerkung des Beobachters, er bewege sich ganz auf dem Boden und innerhalb der Grenzen des Gesetzes, hatte den Schlu├č nahegelegt, es handele sich um einen Beamten vom BKA, vom Verfassungsschutz oder gar von Interpol. Deren Aktivit├Ąten waren bekanntlich so undurchsichtig und oft auch einfach unmotiviert, da├č es durchaus nicht unwahrscheinlich erschien, wenn sie ihn, Warnheimer, der per Zufall in ihre Computer geraten sein mochte, nun im Rahmen einer fl├Ąchendeckenden Kampagne gegen Terrorismus oder Drogenhandel f├Ąlschlicherweise verd├Ąchtigten oder nur vorsorglich ├╝berpr├╝ften. Diese Erkl├Ąrung hatte Warnheimer eine ganze Weile besch├Ąftigt, er hatte sich in den Gesetzesb├╝chern der Stadtbibliothek kundig gemacht. Daraufhin schrieb er verschiedene Stellen an, bat um ein polizeiliches F├╝hrungszeugnis und darum, zu erfahren, was ├╝ber ihn in ├Âffentlichen Dateien gespeichert sei. Die Ergebnisse waren gleich Null. Die Schufa konnte ihm nur mitteilen, da├č er ganz gewi├č kreditw├╝rdig sei, der Polizei lagen keine besonderen Informationen ├╝ber ihn vor. Und als er sich nur probehalber bei einem Gro├čbetrieb, der mit hochempfindlicher R├╝stungstechnik handelte, um eine Stelle bewarb, bekam er ├╝berraschend schnell positiven Bescheid: Man suche in der Tat kompetente Mitarbeiter seines Faches und sein bisheriger beruflicher Weg sehe ja ganz vielversprechend aus... Staatliche Organe schienen nicht ihre H├Ąnde im Spiel zu haben.
Aus dem Beobachter indes war nach wie vor nichts Hilfreiches herauszubekommen. Oft suchte Warnheimer ihn in Gespr├Ąche zu verwickeln. Darauf lie├č sich der Beobachter auch ein. Seine Antworten waren jedoch immer lakonisch, und zu den Fragen, deren Beantwortung Warnheimer weitergebracht h├Ątte, ├Ąu├čerte er nur sein Bedauern, in dieser Hinsicht nicht befugt zu sein, Auskunft zu geben. Von sich aus stellte er nie Fragen.

***

Mit Warnheimer ging es stetig bergab. Sein Privatleben wurde trostlos, trostloser als je zuvor. Bei Frauen hatte er noch nie Erfolg gehabt. Die paar Ausnahmeepisoden lie├čen sich an einer Hand abz├Ąhlen. Bis zum Erscheinen de Beobachters hatte Warnheimer sich jedoch wenig um das Liebesgl├╝ck geschert, es war ihm vor allem um seine Karriere zu tun gewesen. Seine Rechnung hatte so ausgesehen, da├č sich die Erfolge beim weiblichen Geschlecht ab einem gewissen beruflichen und somit gesellschaftlichen Stand ganz von selbst einstellen w├╝rden. Sp├Ątestens dann, wenn er mit dem Porsche bei der Firma vorf├╝hre.
Er hatte sich immer damit beruhigt, da├č er ja gar keine Anstrengungen, jedenfalls keine gezielten, diese Bezeichnung wirklich verdienenden Anstrengungen auf diesem Sektor machte. Es w├Ąre ihm - falls er gewollt h├Ątte - doch jederzeit m├Âglich gewesen, des Abends ins Theater, zum Tanzen oder zu anderen Veranstaltungen zu gehen, wo sich Kontakte von selber gefunden h├Ątten. All die jungen Mitarbeiterinnen hatten ja danach ausgesehen, als warteten sie nur auf eine Einladung zum italienischen Essen bei Kerzenschein Diese blo├čen Optionen hatten Warnheimer schon gereicht. Da├č er sie niemals genutzt hatte, war wohlbegr├╝ndet gewesen. Es h├Ątte doch trotz aller Leichtigkeit unn├Âtig Energien in Anspruch genommen. Man wu├čte ja, wie das so war: Frauen kosteten Zeit, Geld und Nerven. F├╝r eine Handvoll Geborgenheit, Zweisamkeit und Sex mu├čte man ├╝bertrieben viel zahlen und opfern. Warnheimer hatte es vorgezogen, Fehlinvestitionen zu vermeiden, sich nicht auf solche Weise unn├Âtig zu plagen, sich keinen weiblichen Klotz ans Bein zu binden und den ganzen Beziehungskistenkram, wie er nicht nur aus Bekanntenkreisen, sondern auch aus den Zeitschriften zur Gen├╝ge bekannt war, weit von sich zu halten.
Seine biologischen Bed├╝rfnisse hatte er still und etwas versch├Ąmt vor den n├Ąchtlichen Ausstrahlungen eines einschl├Ągigen Privatfernsehsenders, oder vor monatlich erscheinenden Hochglanzbrosch├╝ren ausgelebt. Das war billig und im Ergebnis ausreichend gewesen. Wenn er gewollt h├Ątte, h├Ątte er gekonnt, und das hatte ihm gen├╝gt.
Nun aber sahen die Dinge anders aus. Unvorstellbar, ein Rendevous mit einer Dame im Beisein des Beobachters zu haben. Welche nicht k├Ąufliche Frau h├Ątte es ihm denn jetzt wohl erlaubt, intim zu werden? Die Mitarbeiterinnen, die ihm einst als so billige Beute erschienen waren - nun waren sie in unerreichbare Ferne entr├╝ckt. Die J├╝ngste, auf deren Beachtung Warnheimer ja auch schon vorher Wert gelegt hatte, die ihm damals immer den Kaffee gekocht und ihn (wie er sich mit leichtem Stolz eingeredet hatte) mit besonderer Aufmerksamkeit und Liebensw├╝rdigkeit behandelt hatte, gerade sie war das deutlichste Beispiel f├╝r den Wandel. Sie gr├╝├čte ihn nach dem Zwischenfall mit den Geschenken nur noch beil├Ąufig, um jeden Gefallen im Zusammenhang mit der Arbeit mu├čte er zwei- oder dreimal betteln, ehe sie scheinbar widerwillig und tr├Ąge kooperierte. Anstattdessen flirtete sie unverhohlen mit dem Beobachter und ging eines Tages soweit, jenen mitten in der Arbeitszeit zu k├╝ssen. Das lie├č Warnheimer nat├╝rlich nicht zu. Lautstark stellte er sie zur Rede. Was sie sich denke, ob sie vielleicht daf├╝r bezahlt werde, hier herumzuknutschen? Warnheimer, auf dessen ersten Verweis der Beobachter sofort, wie erschrocken, von dem M├Ądchen weggetreten war, soda├č es aussah, als sei Warnheimer sein Herr und weit ├╝ber ihn gestellt, Warnheimer spielte seine Macht aus. Er bewirkte beim Personalchef die Entlassung des M├Ądchens.
Was ihm bei den anderen ├╝berhaupt keine Sympathien verschaffte. Seitdem begr├╝├čte man ihn nicht mehr oder nur unwirsch. Man behinderte ihn in seiner Arbeit, wo's m├Âglich war, ohne da├č es auffiel. Sowas hatte Auswirkungen, zumal Warnheimers Kr├Ąfte sichtlich litten und nachlie├čen unter der zus├Ątzlichen Belastung durch den Beobachter. Seine Nerven waren st├Ąndig auf's ├Ąu├čerste angespannt, er rieb sich an dem ergebnislosen Kampf beim Forschen nach den geheimnisvollen Auftraggebern auf. Sein Schlaf verdiente diese Bezeichnung kaum mehr, und, was erschwerend und Warnheimers Verfall stark beschleunigend hinzukam: Er a├č kaum.
Dies hatte den einfachen Grund, da├č jeder Gang zur Toilette f├╝r Warnheimer zu einer unbeschreiblichen Schmach wurde, zu einer Peinlichkeit, die ihm das Blut aus Verzweiflung in den Kopf trieb und in den Ohren toben lie├č. Zuerst hatte sich sein K├Ârper gesperrt, er hatte unter Verstopfung gelitten, unter Darmkr├Ąmpfen und Magendr├╝cken, dann wieder hatte seine Verdauung eine Wende um hundertachzig Grad gemacht, das Gegessene war schnell und kaum verdaut in fl├╝ssiger Form wieder zu Tage getreten, von den unz├Ąhligen Malen, wo er sich ├╝bergeben mu├čte, gar nicht zu reden.
Der Beobachter sah bei all dem unger├╝hrt, gnadenlos, ohne Kommentar zu, wie man einem Insekt zuschaut. Wenn Warnheimer auf der Toilette sa├č, vor Scham sich die Ohren zuhaltend, um die Ger├Ąusche, die sein Unterleib verursachte, nicht auch noch h├Âren zu m├╝ssen, die Augen geschlossen, das Fenster zur sofortigen Bel├╝ftung aufgerissen - so stand der Beobachter dabei, blickte interessiert und machte sich vielleicht gar Notizen. Das war unmenschlich! L├Ąngst hatte Warnheimer es aufgegeben, den Beobachter anzuflehen, solange vor der T├╝r zu bleiben. Er belie├č es jetzt dabei, diese Akte tiefster Dem├╝tigung nach M├Âglichkeit in ihrer Anzahl zu begrenzen.
Deswegen a├č er kaum noch. Es schmeckte ihm nicht mehr. Anstattdessen trank er viel, Mineralwasser, Frucht- und Gem├╝ses├Ąfte, Rinderbouillon und so weiter. Alles, was kr├Ąftigte, s├Ąttigte und in fl├╝ssiger Form im Pissoir wieder ausgeschieden werden konnte. Letztlich zehrte diese 'Ern├Ąhrung' aber doch an seinen Kr├Ąften, er wurde zusehends hagerer, seine Wangen fielen ein, unter seinen Augen, die jetzt zumeist nerv├Âs zwinkerten, bildeten sich dunkle, lappige Ringe. Eine M├╝digkeit, die ihm den Tag ├╝ber wie eine B├╝rde aus Holz auf den Schultern lag, die aber nachts das Einschlafen nicht erleichterte, machte seine H├Ąnde zittern. Es kam h├Ąufiger vor, da├č er kaum noch von einem Stuhl, in welchem er gesessen, aufzustehen vermochte, weil seine Knie weich und schwach nachgaben. ├ťberhaupt schmerzten ihn viele Knochen im K├Ârper, besonders die Schultergelenke schienen wie mit k├Ârnigem Sand bestreut zu sein und krachten bei vielen Bewegungen. F├╝├če und Achselh├Âhlen begannen, ├╝bertrieben viel Schwei├č zu produzieren. Trotz aller Verwendung von Deodorants meinte Warnheimer festzustellen, da├č man in seiner Gegenwart sprichw├Ârtlich die Nase zu r├╝mpfen begann.
Als dann, von einem Tag auf den anderen, Kopfschmerzen eintraten - die Warnheimer insgeheim schon furchtvoll erwartet hatte - Migr├Ąneanf├Ąlle, deren Heftigkeit an die Schl├Ąge eines Hammers erinnerte, konnte von konzentrierter, erfolgreicher Arbeit in der Firma keine Rede mehr sein. An dem Tag, an welchem er um Urlaub hatte bitten wollen, wurde er zum Personalchef zitiert. Die Unterredung, der Warnheimer, trotz aller Bem├╝hungen sich zu konzentrieren, nicht genau folgen konnte, hatte zum Ergebnis, da├č ihm gewisserma├čen gek├╝ndigt wurde: man habe eine Agentur gefunden, deren Ideen und Vorschl├Ąge eher zum Wesen der Firma pa├čten. Als einem Freiberufler, der Warnheimer ja rechtlich gewesen war, standen ihm auch keine gro├čartigen Abfindungen oder Resturlaubszeiten zu. Der Chef, dessen freundschaftliche Haltung ihm gegen├╝ber Warnheimer einst mit nicht geringem Stolz erf├╝llt hatte, lie├č sich nun verleugnen, war f├╝r seinen Ex-Werbebeauftragten nicht mehr zu sprechen. So schnell ging das.
Warnheimer war arbeitslos. Drei Monate blieben ihm, dann w├╝rde er auf die St├╝tze angewiesen sein. Auf die neuerliche Bewerbung bei dem R├╝stungskonzern, dessen erstes Angebot er dummerweise aus Loyalit├Ąt abgelehnt hatte, bekam er nicht mal eine absagende Antwort. Schon war der Tag abzusehen, wo Warnheimer seine Wohnung nicht mehr w├╝rde halten k├Ânnen, wenngleich vorerst einige Ersparnisse da waren, die aufgezehrt werden konnten. Die Suche nach einem neuen Arbeitsplatz indessen betrieb er halbherzig und nur mit dem zehnten Bruchteil seiner ehemaligen Kr├Ąfte. Ziellos irrte er auf Zeitungsannoncen hin durch die Stadt, aber jedem Bewerbungsgespr├Ąch folgte mit bedr├╝ckender Regelm├Ą├čigkeit eine mehr oder minder bedauernde Absage: ...m├╝ssen wir Ihnen leider mitteilen, da├č wir uns bei der Besetzung der Stelle anderweitig entschieden haben. Wir w├╝nschen Ihnen trotzdem viel Gl├╝ck in ihrer beruflichen Laufbahn und verbleiben mit freundlichen Gr├╝├čen, Ihre Firma soundso...
Wenn Warnheimer an den spiegelnden Glasscheiben irgendwelcher Kaufhausauslagen vorbeiging, erschrak er manchmal richtig ├╝ber seine Gestalt: D├╝rr wie er war, schlabberten seine Kleidungsst├╝cke um ihn, als seien sie f├╝r jemand anders bestimmt. Seine Haare waren wirr und ungepflegt, am Kinn schattete Stoppelbart. Kurz hinter ihm aber schritt, mit unbeteiligter Miene, der Beobachter, hochaufragend ├╝ber Warnheimer, wie ein Vater ├╝ber seinen f├╝nfj├Ąhrigen Knaben.
Zu sp├Ąt erst fielen ihm M├Âglichkeiten ein, die er gehabt h├Ątte, den Beobachter loszuwerden. W├Ąre es nicht m├Âglich gewesen, ihn mittels Intrigen zu diskreditieren? H├Ątte Warnheimer ihn nicht anonym anzeigen, schwerer Verbrechen beschuldigen k├Ânnen? Hatte nicht eine Gelegenheit bestanden, dem Beobachter zu entkommen, w├Ąhrend der sich die Haare schnitt? Vor ein paar Wochen h├Ątte Warnheimer da gewi├č noch gute Chancen gehabt. Jetzt allerdings, wo ihn die entkr├Ąfteten F├╝├če kaum mehr trugen, war es aussichtslos. Und ├╝berhaupt: Wohin h├Ątte Warnheimer laufen sollen? Letztendlich h├Ątte er ja doch wieder heimkehren, der Beobachter einfach nur im Bad auf ihn warten m├╝ssen. Und - so d├Ąmmerten jetzt abstruse Einf├Ąlle durch sein Hirn - was h├Ątte Warnheimer ohne den Beobachter anfangen sollen?
Er vernachl├Ąssigte sich und hatte zu trinken begonnen.
Pickel, Ausschlag und H├Ąmorrhoiden plagten ihn, er hustete oft, Schwei├čausbr├╝che stellten sich pl├Âtzlich und ohne erkennbare Anl├Ąsse ein. Eines Tages, wohl auf dem Weg zu einem Bewerbungsgespr├Ąch, mu├čte er mitten auf der Stra├če zusammengebrochen sein.


***

Als er erwachte, lag er, rasiert, gewaschen und in einen hellblauen, frisch duftenden Pyjama gekleidet, im Bett des Krankenhauses. Gerade kam eine h├╝bsche Schwester, deren Augen lustig blitzten, ins Zimmer. Als sie sah, da├č er wach war, kam sie an sein Bett, t├Ątschelte mit ihren gepflegten, schmalen und weichen H├Ąndchen seine eigene, knochige, von Ausschlag verunzierte Pranke und erkundigte sich, wie er sich befinde. Ob und was er denn zu essen w├╝nsche? Sie z├Ąhlte drei verschiedene Gerichte auf, zwischen denen er w├Ąhlen durfte. Er entschied sich f├╝r die K├Ânigsberger Klopse in Kapernsauce mit Petersilienkartoffeln, kleinen M├Âhren und Erbsen. Worauf die Schwester sogleich einen appetitlich hergerichteten Teller unter einer W├Ąrmehaube von dem fahrbaren Chromtisch, welchen sie hereingeschoben hatte, nahm und auf einen kleinen Tisch stellte, der mit einer sinnreichen Mechanik Warnheimer direkt und bequem vor die Brust geschwenkt werden konnte. Sie w├╝nschte ihm guten Appetit, und Warnheimer versicherte, den zu haben. In seinem Nachbarbett lag ein ├Ąlterer Herr mit H├Ârger├Ąt, der sich gleichfalls f├╝r die K├Ânigsberger Klopse entschieden hatte. Die Schwester verabschiedete sich, und nun war Warnheimer mit diesem ├Ąlteren Herrn allein. Jener erkl├Ąrte, froh zu sein, endlich Gesellschaft zu haben, erz├Ąhlte von den Gepflogenheiten in diesem Krankenhaus und fragte, ob Warnheimer wohl Schach spielen k├Ânne. Das konnte er und sicherte zu, gleich nach dem Mittagsschlaf f├╝r eine Partie zur Verf├╝gung zu stehen.
Als Nachtisch gab es Pfirsichkompott, und Warnheimer, der von der Schwester gelobt wurde, weil er das Hauptgericht ratzputz, wie sie sich ausdr├╝ckte, aufgegessen hatte, wurde, so er mochte, sogar eine Extraportion Kuchen f├╝r den Nachmittag versprochen. Dann, sie wollte schon wieder gehen, erinnerte die Schwester sich an etwas, schnippte mit den Fingern und kam nochmal zu Warnheimer ans Bett.
┬╗Hier, diesen Brief sollte ich Ihnen doch aush├Ąndigen!┬ź, sagte sie und zog einen d├╝nnen Umschlag tats├Ąchlich aus dem Ausschnitt ihrer Bluse hervor. Er war hautwarm und duftete nach einem dezenten Parf├╝m. Die Schwester streichelte Warnheimer zum Abschied ├╝ber die Stirn und schwebte dann aus dem Zimmer.
Warnheimer ├Âffnete den Umschlag, darin ein kleiner, zusammengefalteter Zettel enthalten war:

Entschuldigen Sie meine Abwesenheit, wurde ├╝berraschend zum Empfang neuer Anweisungen abbeordert, kehre so rasch wie m├Âglich zur├╝ck. Gru├č,
Ihr Beobachter

Er las den Brief zweimal, lehnte sich zur├╝ck, wischte mit dem ├ärmel etwas Speichel von den Lippen und fragte dann den Alten, ob der etwas dagegen habe, wenn das Fenster ge├Âffnet w├╝rde. Hatte er nicht.
Von hier oben schweifte der Blick ├╝ber einen herrlich weitl├Ąufigen Park in englischem Stil, dr├╝ben, von einem glitzernden See her, h├Ârte man das Schlagen von Fl├╝geln. Ein paar Schw├Ąne erhoben sich schwerf├Ąllig vom Wasser in die Luft. Warnheimer sah ihnen nach, bis sie, unertr├Ąglich frei, im endlosen Blau des hellen Himmels sich verloren.


__________________
- "Ich geh dann mal."
- "Yeah..."
Und dann ging sie.

Mir gef├Ąllt die Leselupe, deshalb unterst├╝tze ich sie... ... indem ich bereits regelm├Ą├čig die Leselupen-Shop-Links nutze.
... indem ich die Leselupen-Shop-Links in Zukunft nutzen werde.

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