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Leselupe.de > Kurzprosa
Der Blues
Eingestellt am 16. 06. 2005 22:32


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mattes
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Jun 2005

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Der Blues

Einsamkeit brennt wie gl├╝hendes Eisen in meiner Seele.
Ich bin unruhig und leer, f├╝hle, wie die Welt mich an die Seite dr├╝ckt, mir die Luft aus dem K├Ârper presst, wie sie mich hasst, und ich wei├č nicht warum.
Muss was tun, muss fl├╝chten, sonst ersticke ich.
Flucht in die Stadt, Bier trinken, bet├Ąuben, Frauen sehen, ich bin hei├č.
Ich hasse die Arschl├Âcher, f├╝r die das Leben nur aus saufen, fressen, ficken und sonst nichts besteht.
Ich bin Denker und ein Sklave meiner Hormone.
Die Kneipe ist m├Ą├čig voll. Hinter der Theke steht ein farbloses Gesch├Âpf, kaum Arsch und keine Titten.
Der Intellekt bleibt auf der Strecke. Ich glaube, die, die man gemeinhin als Proleten bezeichnet, sind in ihrer Art zu leben wesentlich ehrlicher als die elit├Ąren, intellektuellen Spinner.
Ich bin der belesene, weltoffene, tolerante, musikalische und gro├čkotzige Arsch, der eine ganze Reihe von Freunden hat, die nur darauf warten, dass er mal richtig auf die Fresse f├Ąllt.
Es f├Ąllt mir immer mehr auf, dass alle meine Niederlagen heimlich, aber trotzdem so, dass ich es mitbekomme, beklatscht werden.
Es liegt an mir.
Die ersten f├╝nfzehn Biere sind getrunken und die Kleine hinter der Theke wird langsam sch├Ân.
M├╝digkeit, Einsamkeit und Jammer werden gr├Â├čer.
Am Stra├čenstrich habe ich vorhin eine neue Nutte gesehen, klein, blond, schlank, schon fast mager, nichts dran. Jetzt denke ich an sie.
Kein Geld, nur zwei Zwanziger.
Ich trinke weiter.
Ekel vor mir selbst und meiner Umwelt wird gr├Â├čer.
Leeres Gerede, hohles Gel├Ąchter, nur noch abweisende, h├Âhnisch grinsende Masken um mich herum. Starre Masken, wenn man sie anschaut.
Einige Flugstunden weiter verrecken Menschen.
Krieg, Hunger, Mord, Macht, widerliches Menschenpack.
Ich verachte sie alle.
Ich bin soweit unten, dass ich unbedingt noch jemanden unter mir brauche, sonst ist das Ende zu deutlich.
Ich brauche einen Schoss zum Weinen. Ich brauche eine Mutter, die mich tr├Âstet.
Ich brauche einen Vater, der mir r├Ąt, ich brauche mich, aber ich bin fort, weit fort.
Irgendwann, als ich begriffen habe, was das Wort Menschlichkeit bedeutet, habe ich mich umgebracht, das war die einzige M├Âglichkeit, zu ├╝berleben.
"Endlich wird er vern├╝nftig." Die Worte schmecken nach Galle.
Es gibt kein Lachen mehr, daf├╝r gibt es eine Grimasse, in der zwei Glask├Ârper gefangen sind, sie schreien stumm.
Vielleicht sind sie auch tot, wahrscheinlich sind sie tot.
Boat people, Afghanistan, Jugoslawien, AIDS, Apartheid, Vietnam, Sklaverei, Geld, Macht, ich nehme mir, was ich will.
Ich brauche Macht, ich will Macht, das ist es.
Bin nur noch K├Ârper, Seele ist fort, Seele ist tot, wo ist meine Seele, K├Ârper f├╝hlt sich so einsam.
Masken sind alle fort.
Worte klatschen auf meinen K├Ârper herunter wie dicke Hagelk├Ârner, mir ist kalt.
Soll bezahlen, sagt die Maske hinter der Theke.
Wei├č sie nicht, dass wir irgendwann alles bezahlen m├╝ssen, absolut alles?
Maske redet ungeduldig auf mich ein, will nur Geld, sonst nichts.
W├╝rde ihr alles geben, sie will trotzdem nur Geld.
K├Ârper geht, bleibt an irgendeiner Ecke stehen und kotzt die ganze Schei├če dieser Welt aus sich heraus.
Maske schaut und zerrt K├Ârper in eine Wohnung.
K├Ârper will nur weinen.

Licht f├Ąllt auf mein Gesicht. Ich liege in einem fremden Bett und frage mich, wo ich bin.
Irgendwoher riecht es nach Kaffee und frischen Br├Âtchen.
"Hallo!" Sagt sie.
Ich denke: `M├Ą├čiger Arsch und keine Titten`, und ich hasse mich daf├╝r!

__________________
Mattes

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Henry Lehmann
Guest
Registriert: Not Yet

Klasse Mattes,

Du hast einen neuen Fan! Ich kenne diesen Blues nur zu gut! Ich kann jeden Satz, jeden deiner Gedanken nachvollziehen.

Du hast das ganze Elend in eine wunderbare Form gepackt. Und wenn ich so etwas lese, dann freue mich mich, dass es Menschen gibt wie Dich, denen es mit sich selbst richtig dreckig geht, die sich und ihr ganzes beschissenes Leben hassen, sich aber nicht umbringen, sondern (vorher noch) solche Texte schreiben.

Erstmalig gebe ich hier in der LL die vollen 10 Punkte!

Weiter so!

Henry

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ganji
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Mar 2005

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hallo henry lehmann,

auch ich kenne den blues und die melacholie die der blues oft mit sich bringt.auch ich finde du hast es wundervoll verpackt das leid das elend. bin immer wieder davon ber├╝hrt und faziniert zugleich.. den abgrund fast nah das elend tastbar was an einem nagt.. situationen fast aussichtslos und trotzdem nicht aufgeben..aus dieser situation bzw .. in dieser situation ist man den blues so nah und kann sich dahineinversetzten..wie sonst kann man einen blues besser erz├Ąhlen,
gr├╝├če
ganji

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Henry Lehmann
Guest
Registriert: Not Yet

quote:
Urspr├╝nglich ver├Âffentlicht von ganji
hallo henry lehmann,

auch ich kenne den blues und die melacholie die der blues oft mit sich bringt.auch ich finde du hast es wundervoll verpackt das leid das elend. ganji


Hallo Ganji.

nur der guten Ordnung halber: nicht ich, sondern Mattes hat das so wundervoll in Worte verpackt.

LG Henry

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ganji
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Mar 2005

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oh mattes hoffentlich verzeihst du mir..
wo war ich mal wieder mit meinen gedanken.. ein dickes sorry... sorry..sorry
peinlich peinlich
ganz liebe gr├╝├če ganji

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Nicolas
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Feb 2004

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Ein sch├Âner Titel, nebenbei bemerkt

Ich finde den Text sehr gut. Der Wiedererkennungseffekt (mit dem Erz├Ąhler) ist sofort da.
Was mir aber nicht so sehr gef├Ąllt, ist die (wohl nicht nur scheinbare) N├Ąhe zwischen Autor und Erz├Ąhler. Dadurch wird das ganze eher zu einem Bekenntnis, in dem die Stimme des Autors einen leicht (nur leicht!) eingebildeten und kritisierbaren Touch annimmt. Ich h├Ątte mir ein wenig mehr Distanz gew├╝nscht. Es muss ja nicht gleich die dritte Person sein.

Im vorletzten Absatz ├╝bertreibst du es meiner Meinung nach mit den verk├╝rzten S├Ątzen - der Effekt steigert sich nicht durch die Wiederholung, sondern schw├Ącht sich langsam ab.

Das sind aber alles nur Eindr├╝cke. Vermutlich ist jemand genau der entgegengesetzten Meinung.

Nicolas

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