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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Butler
Eingestellt am 07. 08. 2010 21:06


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bonito
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Mar 2010

Werke: 15
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Wie jeden Morgen setzte sich der Butler um Punkt 06:00 Uhr in Bewegung. Seine tägliche Routine war ihm zum Lebensgefühl geworden und er gewann demselben ein Empfinden von Verlässlichkeit und Regelmäßigkeit ab. Regelmäßigkeit schien wahrlich ein Gewinn für jemanden, der älter war als das Anwesen, in dem er seiner Beschäftigung nachging. Über 300 Jahre zählte er, doch ihm war nicht, als wollte er jemals in Rente gehen. Was war ein Individuum ohne seine Aufgaben? Nichts weiter als ein Gegenstand war er, ein Vergleich der in der Tat nicht angemessen war. Sein Aufgabe bestand darin, dieses Anwesen mit seinen über vierzig Zimmern in Schuss zu halten. Dabei ging es nicht allein ums Staubwischen, er übernahm auch alle handwerklichen Aufgaben, die mit der Zeit anfielen. Hierin bestand sozusagen der physische Anteil seiner Aufgaben, doch der Grund seiner Existenz ging weit darüber hinaus.
Dieses Anwesen war mehr als nur ein gewöhnliches Haus, in ihm waren Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft vereint. Die moderne Technik machte es möglich und so befanden sich innerhalb dieser Mauern alle Aufzeichnungen, die jemals in der Geschichte der Menschheit geschaffen worden waren. Aufzeichnungen aber meinten nicht nur Schriften, es war auch alles andere gemeint. Millionen Telefonate waren gespeichert und Funksprüche ebenso. Neben diesen eher banalen, aber nicht weniger wichtigen Informationen, gab es eine riesige Bibliothek, die tatsächlich die gesamte Geschichte der Menschheit enthielt. Sie befand sich unter dem Anwesen, in einem gekühlten Keller. Die Besitzer des Anwesens waren auf diesen Teil der Sammlung besonders stolz, da es sich um echte Bücher handelte. Bücher waren physischer als Dateien, man konnte sie anfassen und eine persönliche Beziehung zu ihnen entwickeln. Da sie auf diese Weise dem menschlichen Wesen entsprachen, gehörten sie in dieses Anwesen, denn genau darum ging es. Die Besitzer hatten einen Tempel des menschlichen Kollektivgedächtnisses aus diesen sonst toten Mauern gemacht. Es war Hort des Wissen, Hort der Erinnerungen und Spiegel des menschlichen Bewusstseins. Würde ein sehr fremdes Wesen einmal die menschliche Psyche ergründen wollen, dies war der richtige Ort für ein solches Unterfangen.
Jede Rasse, jede Kultur und jede zivilisatorische Artikulation wurde hier aufbewahrt. 8700 Jahre Geschichte in Bild, Ton und Wort. Es gab sogar Zellmaterial einer jeden völkischen Gruppe. Sie lagerten in Kühlschränken, die von einem autonomen Stromgenerator versorgt wurden. Nirgendwo sonst auf der Welt existierte eine solch umfassende Sammlung aus Informationen und Splittern als innerhalb dieser Mauern. Der Butler war verantwortlich für das alles. Das Leben zelebriert sich selbst und dies ist sein Tempel, pflegte er zu denken. Manchmal sprach er es sogar aus, doch meist schwieg er. Den Auftrag der Besitzer zu erfüllen, war eine stille Aufgabe, bei der er für gewöhnlich niemanden antraf. Dies geschah nur äußerst selten und es war immer Anlass zu einem Stirnrunzeln.
An diesem Morgen war es wieder einmal soweit. Es sollte Besuch geben, doch der Butler ahnte noch nichts. Wie jeden Tag verrichtete er seine Arbeit und überprüfte die Stromkreisläufe des Anwesens. Die Möglichkeit, dass eine der physischen Komponenten des Anwesens sich einmal abnutzen würde, waren sehr gering. Alles war aus besonders widerstandfähigen Materialien bereitet und wenn doch einmal etwas ausfiel, gab es eine ganze Etage voller Ersatzteile. Diese waren in den letzten 300 Jahren noch nicht zum Einsatz gekommen, aber irgendwann musste es wohl geschehen. Nichts blieb für die Ewigkeit, so sagten manche Menschen. Genieße es, solange es dauert, sagten die anderen.
Genau genommen war der Butler ein Teil des Inventars, wenn man so wollte. Auch er könnte Zeugnis von der menschlichen Historie ablegen. Dieser besondere Butler war weit mehr als ein verlässlicher Diener. Dieses spezielle Exemplar verfügte über 13 Professuren und 27 Doktortitel. Das schien ungewöhnlich, aber auch nicht ungewöhnlicher als sein außerordentliches Alter. Man konnte sagen, er war selbst so etwas wie eine Bibliothek, was aber noch viel wichtiger war, er konnte einen lebendigen Eindruck der Menschen vermitteln. Natürlich konnte er das, schließlich verfügte er über Arme und Beine und einen Mund. Letzterer kam nur ganz selten zum Einsatz, aber immerhin schon manchmal. Es gab Besucher, wenn auch nicht viele und nicht häufig. Hierin aber bestand kein Grund, seine Arbeit jemals zu vernachlässigen. Der Butler war verlässlich in allem, was er tat. Dies entsprach seiner Natur, denn eine nur zur Hälfte erledigte Arbeit konnte nicht von Bestand sein. Von endlichem Bestand natürlich.
Dieser Umstand ließ ihn stets an bestimmte Eigenarten der Menschen denken. Es gab wirklich einige Dinge, die ihm nicht recht einleuchten wollten. War es die Verzweiflung, das Wissen um die eigene Sterblichkeit? Warum dachten einige Menschen, ihr Leben sei nicht von Wert, wenn es nur von begrenzter Dauer war? Viele glaubten, sie könnten sich gleich auf der Stelle umbringen, wenn es nach dem Tode nicht weiterginge. Waren solche Gedanken nicht widernatürlich und gegen das Leben selbst? War es das, was sie über einen Säugling denken würden? Es schien nicht richtig zu sein, der Butler verstand es nicht.
Ein weitere Punkt bestand in der Verzweiflung am Leben, wenn dieses nicht von unsichtbaren Geistern beschützt wurde. Wie kein anderer wusste der Butler um die ungeheuere Stärke des menschlichen Intellekts und der Macht, welche ihm innewohnte. Nichts vermochte, ihn dauerhaft zu brechen und nichts vermochte, sich ihm dauerhaft zu widersetzen. Bei all ihrer Zerbrechlichkeit waren Menschen doch mächtiger als jene Geister. Warum nur verzweifelten sie an einer Welt, die ihnen immer weniger Rätsel aufgab? Auch dies konnte der Butler nicht verstehen. Ohne ihre Geister vermochten sie nicht glücklich zu leben, sie fielen in tiefe Depression und Verzweiflung. Ohne die Geister schien ihnen das Leben leer und bedeutungslos.
Was ist ein sinnloses Leben? Es ist ein freies Leben, weil der Sinn frei wählbar ist. In dieser Weise sah es der Butler, doch die überwiegende Mehrheit der Menschen verstand das nicht. Was gab es besseres, als keinen Sinn zu haben, da man ihn selbst wählen konnte? Konnten Tiere wählen? Die Menschen besaßen eine unschätzbare Gabe, die sie als Belastung verstanden, als Fluch sogar. Sie litten und wurden krank ohne ihre Geister. Im Anwesen gab es ungeheuer viel Material zu den Geistern, allein ihre Anzahl war überwältigend.
Dies war also der Tag, an dem sich einmal wieder Besuch einstellte. Bis zum Mittag nahm alles seinen geregelten Lauf, doch dann erklang das Geräusch von Triebwerken von draußen. Dies war nicht das erste Mal, dass so etwas geschah, doch es war immer wieder etwas Besonderes. Derlei Besucher gaben in der Regel interessante Gesprächspartner ab. Der Butler ging also zur Haustür, wo er die Fremden erwartete. Der Besuch kam auf acht Beinen, was nicht ungewöhnlich war. Bei diesen Beinen schien es sich um mutierte Schwimmgliedmaßen zu handeln, die nach langer Evolution zu eben solchen Beinen geworden waren. Auf den Beinen saßen ringförmige Körper, die Besucher hatten keine Köpfe. Ein wenig glichen sie großen Schwimmringen, die auf Beinen gingen. Aus diesem Ring schauten Teleskopaugen und merkwürdige Flächen, die in unterschiedlichen Farben leuchten konnten. Offenbar handelte es sich um Wesen, die durch Licht kommunizierten. Bei diesem Anblick fiel dem Butler sogleich ein Name für die Besucher ein. Wie wäre es mit Enem? Enem wie nm, also Nanometer, in denen Lichtwellen gemessen wurden? Dies schien kein schlechter Name zu sein.
Obwohl sich die Enem mit Licht unterhielten, würde ein Gespräch nicht schwierig werden. Die Außerirdischen hatten sich vorbereitet. Sie trugen Klammern aus Plastik an ihrem Ring, an welchem technische Geräte angebracht waren. Eine Kamera nahm ihre Farbflächen auf und an anderer Stelle gab es kleine, aber ohne Zweifel leistungsstarke Lautsprechen. An einem ihrer Augen trugen sie einen winzigen Projektor, der Worte in Licht übersetzte. Ein Mikrofon durfte nicht fehlen, es hing an einer anderen Klammer.
In dieser Weise kamen die Enem herbei und begrüßten den Butler. Die Frage, die sie zuerst stellten, war offensichtlich. Sie hatten einen vollkommen verwüsteten Planeten vorgefunden, auf dem weder Menschen noch Tiere lebten. Die Städte waren nichts als Ruinen und es gab keine Wälder mehr.
“Guten Tag”, sagte der Butler.
Die Enem entgegneten den Gruß und stellten sich als Botschafter einer außerirdischen Zivilisation vor. Sie seien auf der Suche nach den Lebensformen, von denen sie diese so überaus merkwürdigen TV Sendungen empfangen hatten. Sie suchten Menschen. Zunächst schienen sie zu denken, der Butler sei selbst einer, doch leider musste es sie enttäuschen.
“Ich bin eine künstliche Lebensform mit künstlicher Intelligenz”, sagte der Butler und lächelte freundlich.
“Wo sind die Menschen?” erkundigte sich der Anführer.
“Die Menschen sind ausgestorben”, erklärte der Butler.
“Wodurch?”
“Es gab einen Krieg mit nuklearen, chemischen und biologischen Kampfstoffen.”
“Um welche Art Krieg handelte es sich?”
Nun, diese Frage sollte eigentlich von einem Menschen beantwortete werden, doch es war niemand mehr übrig, dies zu tun. Natürlich hatte auch der Butler eine Meinung dazu, aber er wusste nicht, ob er damit richtig lag. Da er aber das letzte Wesen auf diesem Planeten war, wollte er zumindest seine Erklärung für den Krieg preisgeben: “Die Menschen konnten sich nicht darüber einigen, ob der unsichtbare Geist rote oder grüne Hosen trägt.”
Die Enem warfen sich einige Salven Lichtfarben zu, sie diskutierten miteinander. Nachdem sie miteinander gesprochen hatten, wendete sich wieder der Anführer an den Butler: “Wir bedauern den Verlust dieser Spezies, würden aber trotzdem gerne mehr über sie erfahren.”
Das war mehr als nur willkommen, ein wenig Abwechslung konnte nicht schaden.
“Nehmen Sie Flüssigkeiten zu sich?” erkundigte sich der Butler höflich.
“Selbstverständlich”, war die Antwort.
“Nun, in diesem Fall möchte ich Sie mit etwas bekannt machen, was Tee genannt wird. Bitte, treten Sie ein.”

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