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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Der Dechant
Eingestellt am 04. 11. 2006 14:25


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Haarkranz
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Herr Dechant.

Herr Dechant wandte uns Messdienern den R├╝cken zu, breitet die Arme aus, wir legten ihm Chorhemd und Stola an. Dazu mussten wir auf die oberste, die vierte Altarstufe steigen, um seine Schultern zu erreichen. Gro├č war er, m├Ąchtig, ein Leib wie ein Pferd, Schultern wie T├╝rbalken. Darauf der Kopf so klein und kahl wie ein Zierk├╝rbis. Ohren, gro├č wie Fledermausfl├╝gel, lie├čen das K├Âpfchen noch kleiner erscheinen.
ÔÇ×So!ÔÇť sprach er von seiner H├Âhe herunter, hatten wir erst die wei├če, gest├Ąrkte Spitze des Chorhemds zurechtgezupft. ÔÇ×So!ÔÇť Nichts sonst, nur dieses kurze Wort, das uns zur├╝ckdr├Ąngte, in die Knie zwang, uns ÔÇ×Gelobt sei Jesus Christus,ÔÇť mit halber Stimme singen lie├č.
Mein Bruder Phillip behauptete, dies alles geh├Âre sich nicht. Ein Priester, der sich vorm Hochaltar von seinen Ministranten ankleiden, und sie ÔÇ×Gelobt sei Jesus ChristusÔÇť nach eigener Melodie psalmodieren lasse, frevle. Nur der konnt viel quatschen, wenn der Tag lang war. Was war der gegen Herrn Dechant? Mal blo├č mein Bruder, das war weniger als nichts. Ich hab dem das nicht gesagt, der wartete nur darauf, ein endloses Palaver anzufangen ├╝ber Kram, der mir absolut am Arsch vorbeiging. Unbefleckte Empf├Ąngnis, die nicht m├Âglich w├Ąr, und son Bl├Âdsinn.

Wir folgten Herrn Dechant in die Sakristei, deren eine Wand von einem Bild des Gekreuzigten eingenommen wurde. Der Leib des Herrn war aus Gips erhaben ausgef├╝hrt. Das Kreuz flach mit brauner Farbe auf die Wand gemalt. Die Dornenkrone auf dem Haupte des Heilands war aus echten Dornen, die fr├╝here Messdiener, als das Kunstwerk geschaffen wurde, aus wildem Rosengestr├╝pp geschnitten hatten. Herr Dechant hatte die Zweige gesegnet und eine Krone daraus geflochten, wobei er sich seine Finger an den spitzen Dornen blutig stach. So war das Blut auf der Stirn des Gekreuzigten nicht nur Farbe, sondern auch echtes Menschenblut, von Herrn Dechants Fingern n├Ąmlich.
Noch mal zur├╝ck zum Kopf vom Herrn Dechant, zu seinem Gesicht. Das war ein besonderes Gesicht. Erst einmal war da kaum Stirn. Einen Fingerbreit ├╝ber den Augenbrauen fing seine Glatze an. Die mausgrauen Augen darunter standen ganz eng bei der scharfr├╝ckigen Nase. Guckte Herr Dechant dich an, und du sahst auf zu ihm, war das ein einziges gro├čes Auge. Ja, so war das. Ein einziges gro├čes Auge. Die messerscharfe Nase wie ein Grat dazwischen, nicht breit genug, um aus einem Auge zwei zu machen.
Sein Mund, mein Gott, was f├╝r ein Mund! Breite dicke Lippen, die immer aufstanden und die gelben, langen Z├Ąhne und das Zahnfleisch zeigten. Herr Dechant schien immer zu lachen. Ich glaube, der wusste das, deshalb legte er sein ├╝briges Gesicht in lange fromme Falten, aber der Eindruck von dem grienenden Mund war nicht zu verwischen. Jetzt noch das Kinn. Aber dazu gibt es nichts zu sagen, es gab kein Kinn, war nicht vorgesehen, Herr Dechant hatte kein Kinn.
Also eine Sch├Ânheit war er nicht, aber er lebte nicht ohne irdischen Zuspruch.
Es gab Ede. Ede lebte in einem Messingring mit einem Radius von einem Meter oder so, an der Basis eine Stange mit je einem Napf f├╝r Wasser und K├Ârner, links und rechts. Ede war ein perfekt, mehrere Sprachen beherrschender grosser, blaugelber Amazonasara mit einem Krummschnabel zum f├╝rchten. Sein Heim, der Messingkreis, hing in der Sakristei gegen├╝ber dem Gekreuzigten, mit dem sich der Papagei stets eifrig, wenn auch einseitig unterhielt.
Im Biologieunterricht l├Âcherten wir Herrn Gecks, um alles ├╝ber Amazonasaras zu erfahren, die wichtigste neue Erkenntnis war: Papageien konnten ├╝ber hundert Jahre alt werden.
Herr Gecks kannte Ede und meinte, der h├Ątte sicher seine siebzig Jahre auf dem Buckel. Das erkl├Ąrte vielleicht sein f├╝r den frommen Ort so ungeh├Âriges Vokabular.
In unserer Anwesenheit hatte Herr Dechant Ede Sprechverbot erteilt. Gel├╝stete es das Tier trotz Verbots etwas zu sagen, erkannte man das an vielen leisen Brabbellauten und verhaltenem Gezische, die einem l├Ąngeren Satz vorauszugehen pflegten. Herr Dechant kam ihm, wenn er merkte, Ede w├╝rde gleich loslegen, mit einem wei├čen Tuch, das er ├╝ber Reif und Hockstange warf, zuvor. Unter dem Tuch schwieg Ede meist. Manchmal jedoch, wenn ihn dringendes Sprechbed├╝rfnis qu├Ąlte, h├Ârten wir ihn unter dem Tuch fl├╝stern: ÔÇ×Alles Schei├če hier, verfickter Sauladen, wo bin ich gelandet!ÔÇť
Wenn das geschah, stimmte Herr Dechant augenblicklich mit lauter Stimme ein Lied an, so die Obsz├Ânit├Ąten des Vogels ├╝bert├Ânend. Wir mussten mitsingen, Ede kr├Ąhte dazu wie ein Hahn.
Nat├╝rlich wussten alle Kirchg├Ąnger von dem schlimmen Vogel des frommen Mannes. Ger├╝chte aller Art ├╝ber seine Herkunft schwirrten durch den Sprengel. Eine wirklich abenteuerliche Geschichte kolportierte, Herr Dechant sei in jungen Jahren zur See gefahren, Ede ein Freund aus diesen Zeiten.
Fritz Pellworm, Pfleger im ├Ârtlichen Spital, ├Ąu├čerte sich sogar einmal ├╝ber T├Ątowierungen an Stellen, ├╝ber die er lieber schweige, die ihm, als Hochw├╝rden im Krankenhaus lag, zu Gesicht gekommen seien. Erz├Ąhlt hatte er das in Schultes Kneipe, nach einigen Runden Wachholder. Sp├Ąter wollte er nix mehr davon wissen. Ob Herr Dechant von diesen Fl├╝stereien etwas ahnte oder sogar Kenntnis davon hatte, ist unbekannt.
F├╝r ihn war alles eitel Sonnenschein, bis zum zehn Uhr Hochamt am Ostersonntag. Die Kirche war wie immer Ostern rappelvoll. Leute auch aus Nachbargemeinden kamen zu unserem Gottesdienst, weil Herr Dechant ein so begnadeter Prediger war.
Begnadeter Prediger stammt von Tante Ute aus K├Âln. Als die Ostern vor zwei Jahren auf Besuch bei uns war, hat sie ihn predigen h├Âren. Wenn so was von Priester mal in unserem Dom auftr├Ąt, dort so zu Herzen gehend predigte, k├Ąmen auch mehr Leut, hat sie gemeint.
Also, wie gesagt, die Kirche bis auf den letzten Platz besetzt, die Menschen standen bis drau├čen. Heute unvorstellbar, aber fr├╝her war das normal. Die Messe ging ihren Gang, alles war ├Âsterlich geschm├╝ckt. Herr Dechant in hellem seidig gl├Ąnzendem Umhang, keine Spur mehr vom traurigen Violett der Fastenzeit. Das Kreuz auf dem R├╝cken rot, in erhabener Stickerei wunderbar anzuschauen. Der Gottesdienst nahm seinen gang, Wandlung, Kommunion, Segnung und dann die Predigt.
Herr Dechant stieg auf die Kanzel, die in halber Kirchenschiffh├Âhe an einem Pfeiler hing. In gesammelter Andacht an der Br├╝stung stehend sah er hinunter auf uns, sein Kirchenvolk. Nachdem es still geworden war, hob er an:
ÔÇ×Liebe Gemeinde, liebe Frauen, M├Ąnner, Kinder, Freunde. Heut ist ein Tag des Jubels, wir feiern das Osterfest. Das Fest der Auferstehung des Herrn, seiner Verhei├čung des ewigen Lebens. Lasst uns, bevor ich weiterspreche, eine Minute verharren, eine Jede und ein Jeder sich klar machen, was diese Verhei├čung f├╝r sie, f├╝r ihn, f├╝r uns bedeutet.ÔÇť
Die Erwachsenen falteten die H├Ąnde, lie├čen den Kopf auf die Brust sinken und sammelten sich. Auch ich versuchte mich zu sammeln, konnte aber mit der Verhei├čung und dem ewigen Leben, so recht nichts anfangen.
Vor mir in der Bank kniete Jutta Klein, zwei Klassen ├╝ber mir, schon ein richtiges Fr├Ąulein. Pl├Âtzlich sah ich, wie die den Finger in den Mund steckte, mit ordentlich Spucke dran wieder rauszog und mit dem Finger unter ihrem Rock rumfuhrwerkte. Andacht war bei der Fehlanzeige. Ich wusste, die hielt den Finger unter ihrem Rock auf ihr Bein mit dem Nylonstrumpf gepresst, weil sich da eine Laufmasche gel├Âst hatte.
Ich guck so weiter rum, die Erwachsenen standen mit zusammengefalteten Gesichtern, scheinbar in tiefer Andacht, worum Herr Dechant ja gebeten hatte. Die J├╝ngeren, so zwei, drei Jahre ├Ąlter als ich damals, telefonierten mit den M├Ądchen gegen├╝ber, in Fingersprache, und schnitten Gesichter. Die M├Ądchen guckten dauernd weg, aber dann doch wieder hin, mit Verhei├čung war da auch wenig los.
Ein Seufzen bem├Ąchtigte sich nach einer Weile der Gemeinde, das Zeichen f├╝r Herrn Dechant: Wir sind genug in uns gegangen, lass uns weitermachen. Wir hatten ja alle Hunger. Ostern wurde mit zur Kommunion gegangen, daf├╝r durfteste vorher nix gegessen haben.
Ich wusste, Herr Dechant erkannte die gewisse Unruhe sofort und w├╝rde gleich fortfahren mit seiner Predigt.
In dem Moment machte was: Kl├Ątsch! Woher kam das? Doch da sah ich die Bescherung schon. Hinten auf dem neuen Osterkost├╝m von Frieda Gerlach, in der Bank vor mir, am R├╝cken, direkt unter dem wei├čen Blusenkr├Ągelchen, ein grauwei├čer, feuchtw├Ąssriger Klecks.
Mit Andacht war das in dem Moment bei mir vorbei. Vogelschei├če, scho├č es mir durch der Kopp, und als n├Ąchstes: Ede! Ich plierte vorsichtig hoch, zuerst sah ich nix, obwohl, wenn die Schei├če nur einigerma├čen senkrecht gefallen war, musste ein Vogel so ziemlich genau ├╝ber uns sitzen. Noch sag ich ein Vogel, hatte Ede ja noch nicht gesehen, h├Ątte sich ja eine Taube oder sonst was in die Kirche verfliegen k├Ânnen, das kam vor. Aber denken tat ich, Ede. Ich legte den Kopf nochmal vorsichtig ganz nach hinten in den Nacken und guckte hoch in das Halbd├Ąmmer. Da! Da sa├č er. Raffiniert ganz eng an einen Strebpfeiler gedr├╝ckt, an der Stelle, wo der mit dem gegen├╝berliegenden Pfeiler durch eine Querstange verbunden war. Auf dieser Stange konnt Ede nach Herzenslust hin und her turnen, hatte von da aus auch auf Frieda geschissen.
Was f├╝hrte der im Schilde? Wie hatte er es geschafft, von der Kette loszukommen? Herr Dechant hatte offensichtlich nichts gemerkt. Ede musste also w├Ąhrend der Heiligen Messe get├╝rmt sein. Nur wie? Wie ist der aus der Sakristei rausgekommen? Als die Messe begann, ist Herr Dechant mit seinen Ministranten aus der Sakristei in die Kirche, die Sakristeit├╝r haben die, wie immer, hinter sich zugemacht.
Doch egal, Ede sa├č hoch ├╝ber unseren K├Âpfen und hatte uns, was immer er plante, im Griff. Das Schlimmste w├Ąre, der w├╝rd seine Sauereien rausschreien. Ein Gl├╝ck, solange Herr Dechant predigte, w├╝rd der still sein. War die Predigt jedoch zu Ende, ging das los. Also bisher hatte noch niemand was gemerkt.
Die Predigt, es war Ostern, w├╝rd so ne gute halbe Stunde dauern, die Zeit blieb, um was zu tun. Nur was? Niemand als Herr Dechant, konnte den Papagei da oben runterkriegen, dem parierte er wie ein gut erzogener Hund. Wie konnt ich dem signalisieren, dass Ede ├╝ber unseren K├Âpfen hockte, am Ende der Predigt sicher selbst predigen w├╝rde.
Etwas von seinem Wortschatz hatten wir rausgekriegt. So gut konnte Herr Dechant garnicht auf Ede aufpassen, als dass wir Ministranten nicht Methoden entwickelt h├Ątten, dem sch├Ânen Vogel die Vokabeln abzuh├Âren.
Ein Beispiel: Elvira du Saust├╝ck! Fickst du nicht anst├Ąndig, oder bist du zu alt f├╝r den Job? Hundert Mark die Stunde, willst du mich verarschen?! Das konnte Ede absolut verst├Ąndlich, kaum von einer menschlichen Stimme zu unterscheiden, schreien. Danach unterstrich er den Satz mit minutenlangem, herrlich echtem Gefurze.
Von solchen Knallern, hatten wir ihm sicher zehn St├╝ck rausgelockt. Herr Gecks war ganz sicher, ein Vogel dieses Alters verf├╝ge ├╝ber 500 W├Ârter, die er nach Belieben zu kombinieren im Stande war. Wir hatten Gecks nat├╝rlich nicht erz├Ąhlt, was wir ├╝ber Edes M├Âglichkeiten in Erfahrung gebracht hatten.
Bei 500 W├Ârtern und ungehemmter Plauderstunde da oben war Herr Dechant erledigt, da biss keine Maus den Faden ab. War Ede erst einmal in Fahrt und hatte Publikum, war er nicht mehr zu bremsen, das hatte Herr Dechant selbst berichtet. Er hatte uns erz├Ąhlt, wie Ede ihm vor Jahren ausgerissen und ein Publikum von sicher hundert Menschen ├╝ber eine Stunde unterhalten hatte, oben von nem Leitungsdraht runter, der ├╝ber einen Marktplatz gespannt war. Womit Ede die Leute unterhalten hatte und wo das war, damit wollte Herr Dechant nicht rausr├╝cken, da half alles Bohren nichts. Im Grunde konnt der seine Weisheit f├╝r sich behalten, wir wussten l├Ąngst, was Ede drauf hatte.
Aber jetzt hier am Ostersonntag in unserer Kirche war Holland in Not. Ich musste dem ganz von seinen frommen Worten eingefangenem Mann da oben auf der Kanzel signalisieren, was Sache war! Hatte der erst kapiert was anlag, w├╝rde er wissen, was zu tun war.
Also fing ich erstmal an zu husten. Ich hustete und hustete, bis mir das Wasser aus den Augen schoss. Ich konnt ├╝berhaupt nicht mehr erkennen, ob Herr Dechant zu mir runterschaute durch all die Tr├Ąnen. Also, das war sicher nicht die richtige Methode. W├Ąhrend ich noch ├╝berlegte, was noch zu machen war, ging mir eine Laterne auf. Das beste, Ede kackte weiter und traf richtig, auf gefaltete H├Ąnde oder meinetwegen einer der ├Ąlteren Damen auf die NasÔÇś. Herrgott, das war es. Da w├Ąr der ├ťbelt├Ąter schnell enttarnt, Herr Dechant k├Ânnte seine Ma├čnahmen treffen, dann w├Ąr richtig was los in uns Kirch! O Gottogott! Ich blinzele noch mal hoch. Da sa├č er, eng an den Pfeiler gekuschelt und beknabberte seinen Fu├č.
Unser Seelenhirte indes lie├č sich nicht ablenken. Weder hatte er meinen Hustenanfall zur Kenntnis genommen, noch bemerkte er den Papagei.
In frommem Eifer war seine Umgebung f├╝r ihn nicht vorhanden, die Kirche war bis auf den letzten Platz gef├╝llt. Die meisten der zu ihm emporgewandten Gesichter kannte er nicht, wollte er auch nicht kennen, sie waren da, die Lauen, das war ihm Ansporn. Ihnen galten seine Worte, ihre Seelen mit dem Atem Gottes zu streifen, sein Begehr. H├Âchstens zweimal im Jahr gabÔÇÖs diese Gelegenheit, ├Âffneten diese Pharis├Ąer die T├╝r zu ihrem Innersten einen winzigen Spalt.
Ich, von meinem Platz unter der Kanzel, sah seine weiten ├ärmel beim Gestikulieren wie Vogelfl├╝gel flattern, und dachte nur an das Verh├Ąngnis, den bunten Vogel hoch ├╝ber unseren K├Âpfen. Ede verhielt sich ruhig, hockte unger├╝hrt am gleichen Platz und betrieb Fu├čpflege. Vielleicht ging ja doch alles gut. Vielleicht lie├č der liebe Gott nicht zu, dass sein Haus besudelt w├╝rde. Ich guckte auf das Kost├╝m von Frieda Gerlach, der Kackfleck war ausgelaufen, doppelt gro├č geworden, aber niemand hatte bis jetzt was bemerkt.
Pl├Âtzlich tat der Dechant etwas noch nie Dagewesenes. Er verhielt in seiner Predigt und klingelte mit dem kleinen Wandlungsgl├Âckchen. Alle K├Âpfe drehten sich zur Kanzel. Es herrschte v├Âllige Ruhe, noch nicht einmal ein Huster war zu h├Âren. In die Stille hinein sagte der Dechant:
ÔÇ×Liebe Christen, ich habe meine Predigt f├╝r mich unterbrochen. Auch ich bin ein fehlbarer Mensch, schie├če leicht ├╝ber das Ziel hinaus. Ich bemerke eben, wie gut mir meine Predigt gefiel, und bitte Euch, mir eine kleine Pause zu gew├Ąhren, in der ich mit mir zu Rat gehen, mich zur Ordnung rufe.ÔÇť Dann ert├Ânte wieder das Gl├Âckchen, der Dechant kniete auf der Kanzel nieder, schlo├č die Augen und betete nur f├╝r sich.
Das war noch nie vorgekommen, man drehte sich um, stie├č seinen Nachbarn, wenn man den kannte, mit dem Ellenbogen, sch├╝ttelte vorsichtig den Kopf, aber es blieb and├Ąchtig und ruhig.
Der Dechant betete. Da passierte es. Mitten in die and├Ąchtige Stille ein einziges Wort: ÔÇ×Hurenschei├če!ÔÇť Und nochmal: ÔÇ×Verdammte Hurenschei├če!ÔÇť
Nicht, dass jemand emp├Ârt gewesen w├Ąre, Ruhe geschrien h├Ątte, oder raus aus der Kirche. Nix. Es blieb ruhig, mucksm├Ąuschen still. Still genug, Ede zu ermutigen, eine ganze Salve emp├Ârenster Schimpfworte in den heiligen Raum zu ballern. Die Gemeinde duckte sich, kroch in sich hinein vor der nie dagewesenen Blasphemie.

Anders Herr Dechant. Der stand hochaufgerichtet auf der Kanzel, den einen Arm gebieterisch Richtung Ede ausgestreckt. Ich konnte durch den geifernden Obz├Ânit├Ątenstrom aus dem Schnabel des Vogels nicht h├Âren, was der Dechant ihm befahl, nur bemerkte ich, Ede verweigerte den Gehorsam, spreizte die schillernden Schwingen und strich Richtung Altar ab. Kurz vor der Landung exerzierte er eine kleine Drehung und klammerte sich in mittlerer H├Âhe an die Kette des ewigen Lichts. Die Lampe drehte sich von der etwas heftigen Landung. Ede schien das zu gefallen, er schlug mit den Fl├╝geln, und das ewige Licht fing an, wie ein Karussel durch den Altarraum zu sausen.
Der Dechant, wie der Blitz von der Kanzel runter, rannte mit langen Schritten durch den Mittelgang, wobei das Wandlungsgl├Âckchen, das er in der Hand behalten hatte, jeden Schritt mit einem j├Ąmmerlichen Bimmeln begleitete. Er hielt direkt auf das ewige Licht zu, versuchte, die von dem Vogel in immer schnellere Drehung versetzte Lampe zu schnappen. Daraus wurd nix. Ede war wie besessen, die Lockrufe seines Herrn beantwortete er mit immer neuen Furchtbarkeiten. P├Ąderast, Arschficker, Kindersch├Ąnder, schrie er zu ihm runter. Damit nicht genug, nach einer kleinen Pause sang er laut und t├Ąuschend echt mit Frauenstimme: Hoch das Bein, die Liebe winkt, der Kaiser braucht Solda-a-ten, vier Strophen ohne Unterbrechung.
Die Stimmung in der Kirche wandelte sich zusehenst. Erst gab es nur einen verhaltenen Lacher. Doch dann kam ein Glucksen aus den hinteren B├Ąnken, das steckte die daneben an, und haste nicht gesehen, war die eben noch and├Ąchtige Gemeinde ausser Rand und Band.
Das Bild vor dem Altar: Herr Dechant hinter der sich drehenden Lampe herstolperternd, dabei j├Ąmmerlich Ede, Ede bl├Âcktend. Der Vogel, der sich auf halber H├Âhe zum Dach am├╝sierte und singend an der Kette vom ewigen Licht rauf und runter kletterte. Immer, wenn es wieder runter ging, sch├Âpfte sein Herr Hoffnung. Ein Bild f├╝r die G├Âtter, wie der da im Me├čgewand in gold, wei├č und rot stand, die Arme hinauf zu seinem Papagei gereckt, um Gnade flehend.
Pl├Âtzlich, aus heiterem Himmel, wurd die Szene zum Tribunal. Sakristan Schmitz kam mit einer Luftb├╝chse aus der Sakristei. Man sah wie auf einer B├╝hne, wie er den Dechant am Arm packte, ihn hinderte hinter, der roten Lampe herzulaufen. Dann deutete er auf die Luftb├╝chse, den Vogel, und gab Hochw├╝rden das Gewehr in die Hand. Das Lachen in der Kirche verstummte, war wie weggeblasen. Herr Dechant stand da mit der B├╝chse in der Hand und guckte zu seinem Vogel hoch. Sagen tat er nichts.
Nicht so Ede, mit seinem Lied war er fertig. Jetzt befahl er:
Sonja, Christel, Anita: Ein Schiff ist eingelaufen. Flugzeugtr├Ąger! Die Preise rauf. Keine Nummer unter f├╝nfzig M├Ąrker. Auch f├╝rn Quickie an der Latern en Fuffziger, mindestens f├╝nf Jungens pro Stund, werden abgemolken! Heidewitzka Herr Kapit├Ąn, die blauen Scheinchen haben wir so j├Ąn, sang er, nachdem er seine Anweisungen gegeben hatte, wieder los.
Der Sakristan nahm Hochw├╝rden die B├╝chse aus der Hand, legte auf Ede an. Man sah, wie er sorgf├Ąltig zielte, sah, wie sein Zeigefinger sich um den Abzugshahn kr├╝mmte, jetzt....in dem Augenblick st├╝rzte sich der Dechant auf ihn, schlug den Lauf der B├╝chse hoch und donnerte: ÔÇ×In meinem Gotteshaus keinen Mord!ÔÇť Der Schmitz lie├č das Gewehr fallen und verschwand in der Sakristei. F├╝r den Dechant schien nichts mehr zu existieren als Ede.
Da stand er vor seinem Altar, der blasphemische bunte Vogel, hoch ├╝ber seinem Kopf kreischend und fluchend, und er betete fast zu ihm hinauf: ÔÇ×Edechen, liebes V├Âgelchen, komm Papa auf de Finger, komm Papa auf de Finger, komm bring Papa K├╝sschen, komm Kleiner komm, komm, komm.ÔÇť
Und man sollt es nicht glauben, auf einmal kletterte der Ede ganz gem├Ąchlich von seinem Hochsitz Fu├č ├╝ber Fu├č, die Kette runter, bis er auf eine H├Âhe mit Herrn Dechant war und sich auf dessen zu ihm hingestreckte Hand setzen konnte. Angekommen ruckte er sich mit zwei, drei Trippelschrittchen zurecht und s├Ąuselte bis in die letzte Bank h├Ârbar:ÔÇ×Liebe, liebe Papa, gib Ede K├╝sschen, komm gib Ede K├╝sschen.ÔÇť
Der Dechant ging mit dem Gesicht ganz nah an den Schnabel von dem Tier, spitzte die dicken Lippen und dr├╝ckte sie seinem Ede auf den m├Ąchtigen Krummschnabel. Der Vogel fl├╝sterte: ÔÇ× Danke, liebe Papa, Ede hat Hunger, bring Ede nach Haus.ÔÇť
Der Dechant verschwand mit Ede auf der Hand in der Sakristei, war aber ruck-zuck wieder da, zog ein Tuch aus der Hose, die er unter seinem Me├čgewand trug, schneuzte sich, ging durch das Kirchenschiff, kletterte rauf zur Kanzel und setzte seine Predigt mit den Worten fort: ÔÇ×Gottes Werk und Tun ist unergr├╝ndlich. Hier aber hat er exemplarisch an einem, der sich f├╝r seinen Diener hielt gezeigt, wie Hochmut zu Fall kommt.ÔÇť
Ja, dat war et dann. Der Herr Dechant predigte zu Ende, die Orgel brauste, die Gemeinde sang aus vollem Halse, alle wussten, die Kirch ist gleich aus, das Fr├╝hst├╝ck wartet.

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flammarion
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na,

ist das auch kein seemannsgarn?
sehr unterhaltsam!
lg
__________________
Old Icke

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