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Leselupe.de > Erzählungen
Der Deutschländer
Eingestellt am 13. 11. 2006 18:44


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Martin Iden
Festzeitungsschreiber
Registriert: Oct 2006

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Die Geschichte ist ein gekürzter Auszug aus dem Roman Bekenntnisse eines deutschen Politoxikomanen, eine Abrechnung

Ramazan, genannt Rambo, war ein kleiner, untersetzter, etwas dicklicher Türke mit einem Silberblick und einer kindlichen Fistelstimme. Eigentlich war er mehr Deutscher als Türke, ein anatolischer Hesse, und er durfte sich in der Türkei nicht mehr blicken lassen, weil er keinen Militärdienst geleistet hatte. Er erzählte manchmal, daß seine Familie deshalb 10.000 DM gezahlt habe. Er war nur als Kind einmal in der Türkei gewesen, sprach fehlerfreies Deutsch, aber kaum türkisch, und er hätte selbst in einer westlichen Stadt wie Istanbul, Ankara oder Izmir kaum leben können. Am wenigsten aber in dem fern entlegenen, archaischen Dorf in Kappadokien, nahe der Stadt Konya, aus dem seine Eltern einst als hoffnungsvolle Immigranten nach Deutschland kamen. Seine Heimat, das war die hessische Provinz, wo er aufgewachsen war und auch durchaus akzeptiert wurde. Dennoch besaß Rambo nicht die deutsche Staatsangehörigkeit, de iure war er Türke, doch de facto ein Almanca, ein Deutschländer. Er war naiv, unbedarft, ein guter Kumpel, eigentlich viel zu gut für diese böse Welt. Ein kleiner Kiffer, der absolut nicht auf Schore geeicht war und von Tuten und Blasen keine Ahnung hatte.

Ramazan war ein moderner Hans im Glück, die Geschichte hatte etwas von einem Märchen: Der kleine Rambo zog aus in die große Stadt Hamburg, und in St. Pauli traf er eine gute Fee, die ihm einen dicken, dicken Beutel Schore mitgab. Er hatte von seinem Schwager 200 Gramm Heroin auf Kombi, also auf Kredit, bekommen, die er verkaufen sollte. Er hatte gar keine Ahnung, was er da mit sich herumschleppte. Ich sehe ihn heute noch vor mir: eine abgerissene Baseballjacke, keine Socken, aber einen fetten Beutel Schore in der Jackentasche. Ich traf ihn bei einem Bekannten, wo ich mir ein kleines Rauchpiece geholt hatte. Er warf mir einen verschwörerischen Blick zu. "Du, Martin, du kennst dich doch gut mit Drogen aus, kannst du mir sagen, was das hier wert ist?" Er zog einen riesigen Beutel aus der Tasche, so wie ihn sich jeder Morphinist in seinen Träumen vorstellt. Mir gingen die Augen über, nie zuvor hatte ich soviel Schore auf einem Haufen gesehen. Und gut war das Zeug, ein feines hellbraunes Pulver, das wie brauner Zucker aussah. Es war viel besser, als Machmouds "Herroinn", hervorragendes H Nr3. "Mensch, Rambo, bist du noch zu retten, mit dem fetten Beutel herumzulaufen! Du bist wohl nicht mehr ganz sauber, das sind mindestens fünf Jahre Knast!" "Ich will doch nur wissen, ob der Beutel mehr als 1000 Mark wert ist!" "Tausend? Mann, das sind mindestens 40.000, eher mehr! Mensch, Junge, in Frankfurt, selbst in Kassel hätten dich die Junkies schon längst geschnappt und dir die Schore abgenommen. Du mußt wissen, jeder, dem du für 50 Mark zwei Löffel auftust, küßt dir die Hände. Ich kaufe dir sofort ein 50 Mark Pack ab!" Mit zwei Löffeln hatte ich zwei kleine McDonaldslöffelchen gemeint, doch er packte in die Tasche, holte einen Teelöffel heraus und packte zwei Teelöffel in ein Pack, fast sechs Gramm erstklassige Schore, die mich sonst mindestens 500 DM gekostet hätte. Mir gingen die Augen über, und mir lief das Wasser wie den Pawlowschen Hunden. Mein Ehrenkodex kämpfte mit meiner Gier, und einen verrückten Moment lang schoß mir der Gedanke durch den Kopf, ihm den ganzen Beutel einfach abzunehmen. Ich vertrieb die bösen Gedanken, ich konnte den Jungen unmöglich so übers Ohr hauen. Mir blutete das Herz, aber ich schenkte ihm, ganz diplomatisch, reinen Wein ein. Er sagte, es sei gut so, und ich behielt das Superpack. Niemals zuvor und nie wieder danach habe ich jemals so gute Schore gesehen, der Standard war sicher 40%ig, während die übliche Szeneschore maximal 10% haben dürfte, ein absoluter Hauptgewinn!

Einige Wochen später fuhr ich mit ihm nach Hamburg, Schore holen. Rambo war in dieser kurzen Zeit bereits enorm süchtig geworden. Ich merkte es, als er mich auf der Rast in Göttingen, in meiner Wohnung, bat, ihm einen Druck zu machen. ich war entsetzt über seine Naivität, er wußte überhaupt nicht, was er da nahm, und sein Schwager hatte ihm erzählt, wenn er raucht oder schnupft, würde er nicht süchtig. Tatsächlich ist es Jacke wie Hose, nur das man beim spritzen weniger braucht. Es ist immer nur eine Frage der Zeit, und was einen abhält ist dann nur noch die Hemmung vor dem Stich in die Vene, nicht vor dem Heroin.

Rambo rauchte auf der Fahrt ständig Heroin. Er tat es auf Staniolpapier und inhalierte die Schore. Doch seine Technik ließ zu wünschen übrig, und er verpaffte ein ganzes Halbes während der Fahrt, mindestens vier gute Drucks. Dann aber wurde es ernst, wir mußten auf die Hamburger Szene. Mit der U-Bahn fuhren wir nach Hamburg Veddel. Häßliche Trabantensiedlungen erstreckten sich dort, Plattenbauten und wenig Grün. Hier lebten vor allem türkische Immigranten, deren einzige Chance auf das große Geld im Handel mit der Schore lag. Dort war es auch, daß ich zum ersten Mal Kinder auf der Szene traf, aber was waren das für Kinder! Zwölf- bis Vierzehnjährige, immer in kleinen Trupps zusammen. Sie waren Verteiler und Kuriere, denn sie waren noch nicht strafmündig, meistens Familienangehörige eines Großverteilers. Die meisten dieser Kids sprachen nur gebrochen Deutsch. Sie waren Wanderer zwischen den Welten. Die bäuerlich-patriarchalische Kultur ihrer Eltern war nicht mehr die ihre, sie erschien ihnen selbst als Anachronismus. Sie fühlten sich der westlichen Zivilisation zugehörig, und es war nicht ihre Schuld, daß sie von der deutschen, der europäischen Kultur nicht einmal eine Ahnung hatten. Wer hätte ihnen auch nur einen Hauch davon vermitteln können, gestresste Lehrer in überfüllten Klassen? Die Eltern, die in einer Parallelgesellschaft lebten? Politiker, die von der "durchrassten Gesellschaft" und der "Leitkultur" schwadronierten? Diese Kids wollten den deutschen, den westlichen "Way of Life" leben. Doch die Leitkultur, der sie anhingen, das, was sie sich unter der europäischen Kultur vorstellten, war in Wirklichkeit eine groteske McDonaldszivilisation, eine billige, chromblitzende Pseudokultur aus zweiter Hand. Konsum, Wohlstand, Markenartikel war das Credo dieser Pseudoreligion. Wenn namhafte Persönlichkeiten solchem Schwachsinn wie "Geiz ist geil" huldigen, wie konnten dann Zwölfjährige dem widerstehen? Selbst Heroin zu nehmen, war den Kids bei strengsten Strafen verboten. Sie waren abgebrüht wie Alte und hatten mit einem suchtkranken Junkie, der kein Geld hatte, nicht mehr Mitleid als für ein Insekt. Ob sie lesen und schreiben konnten, weiß ich nicht, was sie vor allem in der Schule gelernt hatten, war andere Kinder zu erpressen, sie zu terrorisieren und abzuziehen. Niemand kümmerte sich darum, wenn sie fortblieben, denn dann störten sie nicht. Diese Kids waren monströs, statt Playmobilfiguren gab man ihnen Heroin, statt Schultaschen trugen sie Messer und Pistolen, statt mit Puppen, spielten sie mit richtigen Menschen. Man konnte Angst vor ihnen haben, denn zwei, drei von ihnen waren gefährliche Gegner. Solche Kinder mochte es im Dreißigjährigen Krieg gegeben haben oder in Rußland nach der Revolution. Tugenden und Werte, durch die sich oft gerade konservative Türken auszeichnen, wie Gastfreundschaft, Ehrlichkeit, Respekt oder Familiensinn, besaßen sie nicht. Das alles war durch einen kriminellen Ehrenkodex ersetzt, und dazu hatten sie alle negativen Eigenschaften dieser oberflächlichen McDonaldskultur angenommen. Diese Kinder waren furchtbar, aber dennoch sah man, daß es Kinder waren, so brutalisiert und korrumpiert sie auch sein mochten. Kinder lieben es, wenn sie gebraucht werden, wenn man ihnen Aufmerksamkeit schenkt. Wie muß sich wohl ein Zwölfjähriger fühlen, der in einer Woche mehr verdienen kann, als seine Eltern und Nachbarn in Monaten? Der ein bedeutender Mann ist, den niemand einen Kanaken nennt. Auf einmal war alles da: Geld, Aufmerksamkeit, Macht, Ansehen. Sie waren plötzlich etwas, was, das wußten sie selbst nicht. Kann man es ihnen verdenken, wenn sie sich in dieser Pseudokultur bestätigt fühlten? Ihr Traum vom großen Geld war natürlich eine Illusion. Die meisten gewöhnten sich, trotz aller Strafen und Verbote, den Heroinkonsum an, und dann wurden sie durch andere, noch jüngere Bewerber ersetzt. Andere wieder wurden irgendwann sechzehn, siebzehn und achtzehn, und dann fuhren sie ein nach Santa Fu. Was mögen sie dort wohl alles dazugelernt haben, was mag aus ihnen allen geworden sein, aus den heute erwachsenen Männern?

Rambo und ich suchten in einer türkischen Teestube den Verteiler, aber er war nicht da. Er hatte die Ruhe weg, und wir entfernten uns, um uns einen Druck und einen Blow zu genehmigen. Eine junge Frau, Antonia war ihr Name, führte ihren Hund aus und widmete sich einem Hamburger Sport: "Türkenschore suchen" Die Dealer konnten den Stoff natürlich nicht in der Wohnung bunkern, und sie alle hatten ihre Verstecke in den spärlichen Grünanlagen. Antonia erzählte uns, daß sie den Hund als Welpen selbst auf Schore dressiert hatte. Wir mußten furchtbar lachen, aber plötzlich wurde das Vieh ganz wild, kein Wunder, der Köter hatte die gute Ramboschore gewittert. Wir mußten zurück nach St. Pauli, und es war noch viel Zeit herumzubringen. Antonia war auch auf Schore dressiert, sie lächelte ganz selig in der Erwartung auf eine Spritze und lud uns ganz nett zum Tee in die Amundsenstraße ein. Wir gingen zu ihrer Wohnung und mußten dabei die Szene. Es näherten sich drei Schwarze, vermutlich Senegalesen, denn sie sprachen Französisch. Einer von ihnen bat Rambo um eine Zigarette, der andere fragte, ob er auch eine haben könne. Rambo griff in die Jackentasche, um sie ihnen zu geben, als ihn ein Schwarzer am Ärmel packte. Der Dritte schlug mir ohne Vorwarnung oder Provokation ins Gesicht. Ich griff ihn wütend an, doch er ließ ein Messer aufschnappen. Er erwischte mich am Arm, da wurde ich noch wütender, denn er hatte mein bestes Hemd ruiniert. Ich traf ihn mit voller Wucht am Kinn, bückte mich und zog ihm die Beine unterm Leib weg. Als er auf den Asphalt aufklatschte, atmete er ein statt aus und blieb kampfunfähig liegen. Doch inzwischen packten die andern beiden Rambo. Aber jetzt legte Antonia los: Sie zog eine riesige Kanone aus ihrer Jeansjacke und ballerte sofort Rambos Angreifern das ganze Magazin ins Gesicht. Sie hatte acht Patronen geladen, immer eine Gas- und eine Knallpatrone hintereinander. Das Ergebnis sah auch entsprechend beeindruckend aus, und einem der Typen hatte das Mündungsfeuer die ganze Visage versengt. Der Hund erledigte den Rest. Wir machten uns nicht die Mühe, ihnen den Blutdruck zu messen und verdrückten uns schleunigst. Es war alles gut gegangen, aber Rambo hatte im Eifer des Gefechts auch eine Menge Gas abbekommen. Antonia verarztete meine Blessuren und wusch Rambo die Augen aus. tapferes Mädchen, diese St. Paulier Heroine hatte sich etwas Schore verdient, und sie bekam für ihre Waffenbrüderschaft ein ganzes Halbes. Sie war ganz satt, total selig, als wir sie verließen. Sie gab uns einen Kuß und sagte, wir sollten vorsichtig sein und uns vor den "Crack Bimbos" in acht nehmen, das von eben sei hier "ganz normale Härte".

Wir fanden schließlich unseren Mann, er spielte Domino in der Paul Rosen Straße. Wieder bekam Rambo einen riesigen Beutel, und wir traten die Heimfahrt an. Mitten auf der Reeperbahn packte er sein Blech aus und genehmigte sich einen Blow, er steckte es schnell weg, als eine Polizeistreife vorbeifuhr, seine Nase, sein ganzes Gesicht, war ganz schwarz vom Staniolpapier. Schließlich mogelten wir uns durch die feindlichen Linien, es bleibt mir heute noch das Herz stehen, wenn ich daran denke, wie unprofessionell wir schmuggelten. Doch dieses Abenteuer ging gut aus. Total breit kamen wir zurück, vorher aber gingen wir beim Mövenpick essen, und ich bezahlte die Rechnung. Rambo war nie zuvor in einem Restaurant dieser Klasse gewesen, und ich weiß noch, daß er verwirrt aussah, als ihm der Kellner die Weinkarte überreichte und mit "mein Herr" ansprach. dann aber verdrückte er ein riesiges Entrecote, zu dem ich ihm geraten hatte. Manchmal denke ich, daß ich den Jungen vermutich ein ganzes Stück weitergebracht habe, doch was sollte ich tun, ich war bereits selbst der Sucht verfallen.

Wenn wir aus Hamburg zurückkamen, lief der ganzen Region das Wasser wie den Pawlowschen Hunden, und bis in den Kasseler und Marburger Raum, ja bis nach Frankfurt, hatte sich die Kunde von der Superschore, von der "Ramboschore" herumgesprochen. Er war jetzt ein berühmter, ein bedeutender Mann. Niemand traute sich mehr, "Kanake" oder "dicker, doofer Schweinetürke" zu sagen, was allerdings nicht gar so drastisch gemeint war, wie es klingt. Kam doch dergleichen oft von Erol, einem anderen Deutschländer, etwa so wie sich manche Schwarze gegenseitig mit "Nigger" anreden.

Das also war "Hans im Glück Rambo", als er noch über die Szene flog. Ich denke gerne an ihn zurück, und es kommt mich heute noch hart an, wenn ich daran denke was passierte, als ihn sein Glück verließ. Ich sollte darüber nicht schreiben, es war einfach zu häßlich, als er suchtkrank in ein türkisches Gefängnis abgeschoben wurde. Der eigentliche Händler aber, Rambo war nur Mittelsmann, hatte, als er verhaftet wurde, ein Schweizer Bankkonto mit 150.000 DM angespart. Doch wie gewonnen, so zerronnen, und die Jungs hätten in Ökonomie besser aufpassen sollen. Polizei und Staatsanwaltschaft ernteten billige Lorberen. Da war plötzlich von mafiösen Strukturen die Rede, und der Vorsitzende sagte in der Urteilsbegründung: "die kriminelle Energie und Aggressivität des Angeklagten Ramazan K. ginge ja schon hinlänglich aus seinem Spitznamen "Rambo" hervor.

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flammarion
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hm,

tolle story.
bei stärkerer gliederung würde sich das lesevergnügen erhöhen. ein guter autor macht vor jedem neuen gedanken einen absatz.
lg
__________________
Old Icke

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