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Leselupe.de > Erzählungen
Der Doppelgänger
Eingestellt am 21. 11. 2001 12:47


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Stefan Seifert
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Sep 2001

Werke: 25
Kommentare: 16
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Diese Erzählung ist die Weiterführung der Kurzgeschichte „Der Auserwählte“ und der
Erzählung „Die Kraft der Schwachen“.

Stefan Seifert



Der Doppelgänger

Erzählung von Stefan Seifert



1


Daniel hatte sich verspätet. Es war Unterrichtsschluß und die anderen Schüler der 6a hatten das Klassenzimmer schon verlassen. Daniel suchte immer noch seine Sachen zusammen, die seine Kameraden im Raum verstreut hatten. Er war daran gewöhnt. Es war nur lästig.
Schon gleich zu Beginn seiner Schulzeit hatten Daniels Mitschüler bemerkt, daß dieser Junge anders war als sie. Er konnte sich nicht wehren. Er schlug nicht zurück. Sie machten einander auf ihn aufmerksam:
„Siehst du den da? Den kann jeder besiegen. Der ist schlapp, der kann nicht kämpfen.“
Sie versuchten es dann alle. Einer nach dem anderen rang ihn nieder und stellte verwundert fest: „Tatsächlich. Den kann jeder besiegen.“
Dabei war Daniel eigentlich kein Schwächling. Er war von normaler Größe und Konstitution, nur etwas blaß, was aber bei seinen rötlichen Haaren und seinem Teint nicht verwunderte. Man sah es ihm nicht an, und dennoch: Er war schlapp, er konnte sich nicht wehren. Mehr noch: Er konnte nicht einmal auf jemanden böse sein. Selbst zu denen, die ihm weh taten, die seine Turnsachen in den Müll warfen oder mit seinen Büchern und Heften Fußball spielten, war er freundlich und hilfsbereit.
Bei den Lehrern galt er als zwar ruhiges, aber schusseliges Kind. Er bekam immer wieder schlechte Noten, weil seine Schulsachen nicht in Ordnung waren. Sie wurden ärgerlich, wenn er zu seiner Entschuldigung sagte, daß andere Kinder daran schuld waren.
„Rede dich nicht heraus, Daniel. Du bist selber verantwortlich. Du mußt eben auf deine Sachen besser aufpassen.“
Daß er häufig mit seinen Mitschülern Probleme zu haben schien, hielten sie für einen Charakterfehler von ihm. Er fügte sich nicht genügend in die Gemeinschaft ein.
Auch zu Hause fand Daniel wenig Verständnis.
„Was, schon wieder sind deine Turnsachen weg?“ jammerte seine Mutter. „Was denkst du dir denn dabei? Weißt du, was das alles kostet? Woher soll ich das Geld nehmen?“
Daniel wurde deswegen das Herz schwer.
Daniels Vater gab ihm gutgemeinte Ratschläge.
„Du mußt boxen,“ sagte er. „Mit dem linken Ellenbogen mußt du dein Gesicht decken, mit der rechten Faust mußt du zuschlagen.“
Daniel versuchte es, aber es war ein Fiasko. Er wurde schrecklich verprügelt und hatte noch tagelang blaue und grüne Flecken am ganzen Körper.
Daniel hatte schließlich alle seine Sachen gefunden und verließ das Klassenzimmer. Auf dem Flur war es still. Offenbar hatten schon alle die Schule verlassen. Er ging die grauen Steintreppen hinunter, durchquerte den Vorraum und öffnete die schwere Schultür. Plötzlich hielt er inne und schloß die Tür schnell wieder. Er hatte etwas wahrgenommen, was ihn erschrak. Draußen, jenseits des Hofes, war eine Traube von Kindern versammelt. Der Klang von erregten Stimmen war in der Luft. Daniel spürte die Spannung. Er wußte, was das bedeutete. Sie warteten auf jemanden. Jemanden, den sie jagen und verprügeln wollten. Daniel hatte die bange Ahnung, daß sie auf ihn warteten.
Es kam zuweilen vor, daß sie nach der Schule auf jemanden lauerten, der der Feme verfallen war. Der Regeln gebrochen hatte. Manchmal war es aber nur Langeweile. Irgend jemand mußte als Opfer herhalten. Daniel war das ideale Opfer.
Daniel dachte an seine Mutter. „Geh ihnen aus dem Weg, Junge,“ pflegte sie zu sagen, wenn er von Raufereien erzählte. Genau das wollte Daniel tun. Er ging wieder die Treppen hinauf und den Gang zurück zum anderen Ende des Schulgebäudes. Es gab dort noch einen Hinterausgang direkt zur Straße. Dort würden sie wohl nicht sein. Er drückte die Klinke hinunter, aber die Tür gab nicht nach. Sie war schon verschlossen.
Daniel ging wieder auf den Flur zurück und bummelte unschlüssig an den Türen der Klassenzimmer entlang. Die Schule schien jetzt völlig leer zu sein. Wenn er noch etwas wartete, würden sie vielleicht von selber gehen. Sie konnten ja nicht den ganzen Nachmittag vor der Schule herumlungern. Das Leben ging weiter. Zuhause warteten Mütter mit dem Essen, warteten Pflichten.
Eine Tür wurde geöffnet. Der Hausmeister trat auf den Flur. Als er Daniel sah, wurde er ärgerlich.
„Was machst du denn noch hier?“
„Kann ich nicht noch etwas bleiben?“ fragte Daniel.
„Das kommt überhaupt nicht in Frage,“ sagte der Hausmeister kurz angebunden. „Die Schule ist zu Ende, ich schließe jetzt ab. Raus mit dir.“
Er schob Daniel mit einer Hand vor sich her bis zur Ausgangstür, öffnete sie und stieß ihn hinaus. Kaum stand Daniel draußen, schloß sich die Tür hinter ihm mit einem dumpfen Knall und Daniel hörte, wie der Hausmeister den Schlüssel im Schloß herumdrehte.
Sie waren noch da. Sie standen hinter dem Tor, das zur Straße führte. Der Lärm der Stimmen schwoll an. „Da ist er,“ schrie jemand. Daniel war wie betäubt. Langsam, wie in Zeitlupe, schlich er vorwärts. Seine Kniegelenke schienen aus Watte zu sein.
Da sah er, daß ein Auto direkt vor dem Tor am Straßenrand hielt. Eine Frau saß am Steuer. Daniel kam ein Gedanke. Vielleicht hatte er eine Chance. Er begann zu laufen, winkte mit einer Hand und rief: „Mama!“
Die anderen waren verblüfft und ließen ihn vorbei. „Mama!“ äffte ihn einer nach. Die Frau blieb in dem Auto sitzen und sah unbewegt zu den Kindern hinüber. Daniel kannte sie nicht. Er lief an dem Auto vorbei und rannte so schnell er konnte die Straße hinunter. Nach einer überraschten Pause ertönte ein wütendes Gebrüll und die Gruppe setzte ihm nach.
Daniel hatte einen gewissen Vorsprung, aber er wußte, daß der nicht lange vorhalten würde. Unter den Verfolgern befanden sich große Jungen, die schneller rennen konnten als er. In ein, zwei Minuten würden sie ihn haben. Daniel wollte es bis zum Friedhofseingang schaffen. Dort konnte er sich vielleicht irgendwo verstecken. Auf dem Friedhof kannte er sich aus.
Das Johlen hinter ihm schwoll stetig an. Doch jetzt war das Friedhofstor schon nahe. Daniel konnte es schaffen. Er nahm alle Kräfte zu einem letzten Spurt zusammen und schoß durch das geöffnete Tor.
„Er ist auf dem Friedhof!“ schrie ein Junge hinter ihm.
Daniel lief direkt in eine Gruppe von Trauernden hinein, die auf dem Kiesweg zur Feierhalle standen und gedämpft miteinander sprachen. Sie beachteten ihn kaum. Jetzt erschien die schreiende Meute auf dem Weg. Ein Mann trat ihnen entgegen.
„Verschwindet!“ herrschte er sie an. „Ihr könnt hier nicht spielen. Macht daß ihr wegkommt.“
Daniel schlängelte sich durch die Trauergesellschaft hindurch und erreichte einen von Sträuchern gesäumten Seitenweg. Hier fühlte er sich erst einmal sicher. Er lief jetzt langsamer. Nach einer Weile hatte er sich so weit beruhigt, daß er begann, die Inschriften auf den Grabsteinen zu lesen. Da waren Namen mit Geburts- und Sterbedaten. Es gab große Steine, auf denen stand: Familie Soundso. Auf anderen war zu lesen: Unvergessen. Wir werden uns wiedersehen. Die Liebe höret nimmer auf. Ich weiß, daß mein Erlöser lebt.
Allmählich zogen Ruhe und Frieden in Daniels Gemüt ein. So ging es ihm immer auf dem Friedhof. Hier schienen die Gesetze der lärmenden äußeren Welt außer Kraft gesetzt. Die Menschen, die hier ruhten, schienen andere zu sein, als die, die da draußen in ständiger Hast und Unzufriedenheit ihren Alltagsgeschäften nachgingen. Hier war alles still und friedlich und der Blick richtete sich auf Gott und die Ewigkeit. Liebe schien auf einmal das Wichtigste zu sein. Die Liebe der Menschen und die Liebe Gottes.
Versonnen schlenderte Daniel den Weg entlang, die Schultasche baumelte in seiner Hand. Plötzlich hielt er inne. Ganz vorne, am Ende des Weges, tauchten Kinder auf. Die Meute. Sie mußten durch einen anderen Eingang gekommen sein. Daran hatte er nicht gedacht. Was nun? Sie schienen ihn noch nicht gesehen zu haben.
Links von ihm stand ein Bau in Form eines kleinen Tempels, ein Mausoleum. Den Eingang bildeten zwei Säulen, zwischen denen sich eine Tür befand. Daniel sprang zwischen die Säulen und schmiegte sich, Deckung suchend, gegen die Tür. Er drückte versuchsweise die Klinke hinunter. Die Tür gab nach und öffnete sich. Daniel schlüpfte hinein und schloß die Tür wieder hinter sich. Fürs erste schien er in Sicherheit zu sein.
Daniel blickte sich vorsichtig um. Der Raum wurde von trübem Licht erhellt, das durch schmutzige Glasscheiben von der Decke her hereinfiel. Die Luft war kalt und modrig. In der Mitte stand ein großer steinerner Sarkophag. In die Wände waren mit altertümlichen Schriftzeichen bedeckte Steintafeln eingelassen. Im Hintergrund befand sich eine kleinere Türöffnung, die in einen weiteren Raum zu führen schien. Daniel ging langsam in diese Richtung. Vielleicht konnte er sich dort verstecken, falls sie ihn hier suchen sollten, was Daniel allerdings für unwahrscheinlich hielt. Es sei denn, es hatte ihn jemand hier hineingehen sehen.
Daniel mußte drei Stufen hinuntersteigen, bevor er in den zweiten Raum kam. Dort war es wärmer als in dem vorderen. Ein mildes Licht erfüllte ihn. Zu Daniels Erstaunen befand sich jemand in dem Raum. Es war ein Mann in einem leuchtend blauen seidenen Mantel. Er saß auf einem Sessel oder Thron. Die Arme ruhten auf den Seitenlehnen. Der Mann trug langes, schwarz gelocktes Haupthaar und einen eben solchen Bart. Er blickte ruhig und würdevoll vor sich hin und schien Daniel nicht zu beachten.
„Entschuldigen Sie bitte,“ sagte Daniel. „Ich wußte nicht, daß hier jemand ist. Ich will Sie nicht stören. Ich gehe auch gleich wieder. Kann ich vielleicht für einen Moment hier bleiben?“
Der Mann rührte sich nicht. Es war, als hätte er Daniel überhaupt nicht gehört. Sein Blick schien in weite Ferne gerichtet zu sein. Daniel fühlte sich unbehaglich. Vielleicht trauerte der Mann um nahe Angehörige und es war eine Ungehörigkeit oder geradezu ein schweres Vergehen, hier einzudringen und ihn zu stören.
„Es ist wirklich nur für ein paar Minuten,“ bat Daniel schüchtern. „Wenn ich jetzt hinausgehe, werden mich die anderen Kinder da draußen verprügeln und meine Sachen kaputt machen und zu Hause wird meine Mutter mit mir schimpfen oder sie wird traurig sein, was noch viel schlimmer ist.“
Der Mann reagierte immer noch nicht. Daniel legte seine Schultasche auf den Boden, setzte sich darauf und wartete. Nach einer Weile lastenden Schweigens fragte er den Mann: „Ist das ihre Familie, die hier begraben ist?“
Der Mann schien jetzt seinen Blick aus der Ferne zurückzuholen und richtete ihn mit einem Ausdruck des Erstaunens auf Daniel.
„Kannst du mich sehen?“ fragte er.
„Natürlich,“ erwiderte Daniel verwundert.
„Was siehst du?“ fragte der Mann. „Wie sehe ich aus?“
„Sie haben lange, schwarze Haare und einen Bart,“ sagte David. Der Mann mußte wohl nicht richtig im Kopf sein. „Und Sie haben einen weiten blauen Mantel an. Aber ich glaube, ich gehe jetzt wieder. Entschuldigen Sie die Störung.“
Es war ihm unheimlich geworden, darum nahm er seine Schultasche und lief schnell hinaus. Er ging durch den Raum mit der kalten, modrigen Luft, an dem Sarkophag vorbei, zu der Tür, die nach draußen führte und drückte die Klinke hinunter.
Die Tür ließ sich nicht öffnen. Vielleicht hatte der Friedhofswächter sie abgeschlossen. Aber der Mann mit dem blauen Mantel hatte sicher einen Schlüssel. Widerstrebend ging Daniel wieder in den Nebenraum zurück. Der Mann saß immer noch auf dem Sitz. Der Raum schien jetzt heller erleuchtet zu sein, obwohl Daniel keine Lichtquelle bemerkte.
„Verzeihung, die Tür nach draußen ist zugeschlossen. Könnten sie mich bitte hinaus lassen?“ fragte Daniel.
Der Mann schien seine Frage nicht gehört zu haben.
„Aus welchem Grund kannst du mich sehen?“ sagte er nachdenklich und schüttelte sein Haupt mit dem wallenden Haar. „Ich verstehe das nicht.“
„Warum soll ich Sie nicht sehen können?“ Der Mann kam Daniel immer merkwürdiger vor.
„Die Menschen sehen nur das, was schon in ihnen ist, was ihnen zu sehen bestimmt ist. Ein Mensch, der alles sähe, was existiert, würde verrückt werden. Kein gewöhnlicher Mensch kann mich unter normalen Umständen sehen.“
„Und warum nicht?“
„Weil ich kein Mensch bin. Ich gehöre zur Familie.“
„Zu der Familie, die hier begraben ist?“ fragte Daniel schaudernd.
„Nein,“ erwiderte der Mann herablassend und nicht ohne Stolz. „Natürlich nicht zu der Familie. Ich meine die göttliche Familie. Ich bin ein Engel. Wir sind für Menschen unsichtbar, weil wir Bewohner einer anderen Sphäre sind.“
„Dann sind Sie so etwas wie der Erzengel Michael?“ fragte Daniel, immer noch furchtsam, doch auch neugierig.
Der andere lachte.
„O nein, wo denkst du hin. Ein Erzengel ist eine so gewaltige Erscheinung, wie du sie dir nicht vorstellen kannst. Den Anblick eines Erzengels würdest du nicht ertragen, du würdest verdampfen wie eine Schneeflocke im Feuer. Ich selber kann mich einem Erzengel nur unter besonderen Umständen nähern. Dennoch gehöre ich dazu und habe Teil an ihrem Licht und ihrer Kraft. Meine Name ist Ismael, das heißt Gott hört. Ich bin ein einfacher Bote Gottes und in Seinem Auftrag unterwegs.“
„Und was machen Sie hier auf dem Friedhof?“ fragte Daniel, noch immer ungläubig.
„Ich warte auf einen besonderen Menschen,“ sagte Ismael. „Auf einen Seelenführer. Ich dachte an einen Weisen, möglicherweise einen Religionslehrer oder Kirchenfürsten. Aber wer weiß ... Ich muß ihn mit einer Aufgabe betrauen, einer schwierigen und gefahrvollen Mission, die nur er erfüllen kann.“
„Und woran erkennen Sie diesen besonderen Menschen?“
Die Frage schien den Engel in Verlegenheit zu bringen.
„Nun, ich weiß es nicht direkt. Die göttliche Vorsehung führt uns zusammen und dann erkennen wir uns eben. Er sieht mich – du weißt ja, die Menschen sehen mich normalerweise nicht – und ich sehe ihn. Dann überbringe ich die Botschaft mit dem göttlichen Auftrag. Es sind allerdings auch schon Pannen passiert. Daß ich dem Falschen die Botschaft überbrachte und es entstand ein furchtbares Chaos. Ich mußte danach vor einem Erzengel erscheinen und mich rechtfertigen. Das möchte ich nicht noch einmal erleben.“
Er musterte Daniel forschend.
„Erzähle mir doch etwas von dir, mein Junge. Wie heißt du?“
„Ich heiße Daniel.“
„Daniel ... Das läßt auf einen Gerechten schließen, einen wie Noah. Warum kamst du hier herein?“
Daniel berichtete von seiner Verfolgung.
„Warum verfolgen sie dich denn?“ fragte der Engel interessiert. Daniel erzählte und der Engel hörte zu.
„Du kannst also nicht kämpfen,“ sagte er dann nachdenklich. „Du hältst gewissermaßen die andere Wange hin, wenn man dich auf die eine schlägt. Du kannst nicht zürnen. Du hast Mitleid. Das alles deutet auf eine besondere Kraft in dir hin. Die stärkste, die es gibt. Etwas, wonach große Weise und Lehrer der Menschheit vergeblich streben. Sie verbindet dich mit allen Wesen. Sie ist auch die Brücke zu Gott und zu unserer Sphäre.
Hast du vorher schon einmal Engel gesehen, oder auch Dämonen, bedrohliche Wesen?“
„Nur im Traum, als ich noch ein kleines Kind war,“ erwiderte Daniel. „Allerdings hatte ich sehr häufig solche Träume. Ich habe im Schlaf geschrien und gesprochen. Meine Mutter fand mich manchmal aufrecht sitzend im Bett, schweißgebadet, mit weit offenen Augen und völlig geistesabwesend, als wäre ich in einer anderen Welt unterwegs. “
Der Engel schien besorgt.
„Wenn du tatsächlich derjenige bist, für den meine Botschaft bestimmt ist, und es deutet einiges darauf hin, so dürfen wir keine Zeit mehr verlieren. Es gibt bestimmte Dinge, die du wissen mußt, wenn du deine Aufgabe erfolgreich erfüllen willst.
Vor allem merke dir eines: Was auch geschehen mag, sei ohne Furcht. Es kann dir nichts passieren, denn schützende Kräfte werden dir zur Seite stehen.“
Er hatte sich nun Daniel zugewandt und blickte ihn an. Daniel merkte, daß eine warme Strahlung von ihm ausging.
„Die wichtigste Kraft aber muß aus dir selber kommen,“ fuhr der Engel fort. „Es ist die, um derentwillen du auserwählt wurdest.“
„Was ist das für eine Aufgabe?“ fragte Daniel zaghaft.
Der Engel namens Ismael schwieg.
„Ein Kind,“ murmelte er dann kopfschüttelnd. „Nun, sie werden sich schon etwas dabei gedacht haben...“
„Du mußt wissen,“ fuhr er nach einem Augenblick des Nachdenkens fort, „daß vor noch nicht allzu langer Zeit ein gewaltiger, alles entscheidender Kampf in unserer Sphäre stattgefunden hat. Er wurde hauptsächlich von den Erzengeln unter der Führung von Michael geführt. Auch ich habe natürlich meinen bescheidenen Beitrag für die gute Sache geleistet. Die Gegner waren die Mächte der Finsternis in der Gefolgschaft des Widersachers. Sie wurden vernichtend geschlagen und für immer aus unserer Sphäre vertrieben. Seitdem strahlt das göttliche Licht ungetrübt in die Welt und viel Gutes wird daraus entstehen. Die Gefolgsleute des Bösen zogen sich in ihr trostloses Reich zurück. Aber einige Teufel und Dämonen haben sich hier auf der Erde verschanzt. Sie können zwar den Lauf der Welt nicht mehr wesentlich ändern, aber dennoch viel Schaden anrichten.“
Daniel hörte verwundert zu und fragte sich, was das alles mit ihm zu tun haben sollte.
„Auf diesem Friedhof,“ sagte der Engel, „hält eine Bande dieser Finsterlinge die Seelen von Verstorbenen gefangen und hindert sie mit allerlei Teufelsspuk, den Weg zum göttlichen Licht zu finden. Aber es ist prophezeit, und es steht auch in den heiligen Büchern, daß in dieser Nacht ein Gerechter kommen wird um die gefangenen Seelen zum Licht zu führen. Das bedeutet eine weitere entscheidende Niederlage für die Mächte der Finsternis. Entscheidend deshalb, weil sie ihnen von einem Menschensohn beigebracht wird, und nicht von den mächtigen Engeln Gottes.“
Wie zur Bekräftigung seiner Worte ertönte in diesem Augenblick ein ohrenbetäubendes Krachen.
Es war inzwischen Abend geworden und draußen hatte sich der Himmel verfinstert. Ein starker Wind, der sich zum Sturm steigerte, fegte über die Gräber des Friedhofs und peitschte die Kronen der Bäume, die anklagend ihre Äste schüttelten. Aus drohenden schwarzen Wolken zuckten Blitze, denen unmittelbar der Donner folgte. Die Mauern des Mausoleums waren plötzlich verschwunden und mit ihnen der blau gewandete Engel. Statt dessen war Daniel von einer milde leuchtenden Aureole wie von einer Glocke umgeben.
„Fürchte dich nicht und folge dem Licht,“ hörte Daniel noch Ismaels Stimme. Dann schien sich der Himmel zu öffnen und ein Blitz wie ein riesiges Feuerschwert schlug in die Erde. Der Boden öffnete sich und klaffte weit auseinander. Aus der Spalte quollen schemenhafte, blasse Gestalten an die Oberfläche. Andere, wie schwarze Schatten, versuchten sie daran zu hindern und zerrten sie wieder in die Tiefe. Ein markerschütterndes Schreien und Kreischen mischte sich mit dem Heulen des Sturmes und dem Krachen des Donners. Der Schlund der Hölle schien sich geöffnet zu haben. Daniel war vor Entsetzen gelähmt. Er hatte noch nie, noch nicht einmal in seinen schlimmsten Alpträumen, etwas so Fürchterliches erlebt.
Die schemenhaften Gestalten, die es geschafft hatten, aus der Erdspalte zu entkommen, irrten zunächst heulend und jammernd auf dem Friedhof umher. Aus der Luft stürzten sich riesige schwarze Fledermäuse oder Flugdrachen auf sie. Die Gepeinigten schrien laut vor Angst und Schmerzen.
Dann erblickten sie Daniel.
„Seht, das Kind,“ riefen sie. Sie streckten ihre Arme nach ihm aus und liefen auf ihn zu.
„Unser Erlöser ist da! Wir sind gerettet!“
So wie die ersten die Aureole erreicht hatten, die Daniel umgab, fielen sie erschöpft nieder und blickten hoffnungsvoll zu ihm auf.
„Rette uns,“ riefen sie. „Führe uns weg von diesem schrecklichen Ort.“
Immer mehr strömten zu ihm und fanden Platz im Bereich der Aureole, die sich zu weiten schien. Mit aller Willenskraft riß sich Daniel aus seiner Erstarrung. Er mußte etwas für diese gequälten Seelen tun. Er mußte sie retten.
Fürchte dich nicht und folge dem Licht, hatte der Engel gesagt. Daniel blickte um sich. Da sah er das Licht.
Es war ein warmes, intensives Leuchten, ähnlich einer Sonnenscheibe. Als Daniel sich ihm zuwandte, verloren die schwarzen Spukgestalten ihren Schrecken. Er fühlte sich jetzt sicher. Er wußte, was er zu tun hatte. Langsam, aber entschlossen ging er auf das Licht zu. Die geretteten Seelen folgten ihm. Schon bald merkte Daniel, daß sie sich in einem großen Tunnel befanden. Das Licht leuchtete vom Ende dieses Tunnels her. Je mehr sie sich ihm näherten, um so mehr spürte Daniel Wärme und Zuversicht. Schließlich weitete sich der Tunnel und vor ihnen lag ein leuchtender Ozean.
Daniel trat an die golden glitzernde Fläche heran. Vor ihm erschien ein Boot. Als er es betrat, legte es wie von selber ab und fuhr auf den Ozean hinaus. Plötzlich war Ismael neben ihm. Er trug jetzt keinen blauen Mantel mehr und keinen schwarzen Bart, sondern schien ganz aus einem goldenen, lichten Stoff zu sein. Als sich Daniel umwandte, sah er, daß die geretteten Seelen ihm in ebensolchen Booten wie seinem folgten.
Dann näherten sie sich ihrem Ziel. Daniel sah gewaltige Türme ragen, die so stark leuchteten, daß man sie nicht lange anblicken konnte. Schließlich bemerkte er, daß es keine Türme waren, sondern hoch aufragende Gestalten.
„Das sind die Erzengel,“ flüsterte Ismael voll staunender Ehrfurcht. „Sie sind alle gekommen, um uns zu empfangen.“
„Wohin geht unsere Reise?“ fragte Daniel.
„Nach Hause,“ antwortete Ismael. „Immer nach Hause.“


2


„Wo kommst du denn jetzt her?“ schimpfte Daniels Mutter. „Wir haben uns Sorgen gemacht, bei dem schrecklichen Gewitter.“
Daniel murmelte etwas von einem Freund, bei dem er abgewartet hätte, bis das Unwetter vorüber war. Er wußte, je mehr er von der Wahrheit erzählte, um so weniger würde man ihm glauben und um so mehr Schwierigkeiten würde er bekommen.
„Das nächste Mal rufst du an und sagst gefälligst Bescheid.“ Die Mutter blickte ihn vorwurfsvoll an. „Fast hätten wir die Polizei benachrichtigt.“
Daniel ging in die Küche, wo sein Abendbrot stand.
„Hattest du wieder Schwierigkeiten in der Schule?“ fragte die Mutter, während Daniel aß. „Dein Vater und ich haben uns schon überlegt, ob es nicht besser wäre, wenn wir dich in eine andere Schule schicken würden.“
„Nein, nein, es ist alles in Ordnung,“ sagte Daniel. „Ich komme schon zurecht.“
Zu seinem eigenen Erstaunen meinte er tatsächlich, was er sagte.

Der nächste Tag begann völlig normal. Daniel hatte wieder fast verschlafen und mußte sich beeilen. Er schaffte es gerade noch zum zweiten Klingeln. Nach dem dritten Klingeln wurde die Schule zugeschlossen, und wer dann noch nicht in seinem Unterrichtsraum war, bekam Ärger.
In der großen Hofpause hielt sich Daniel wie immer am Rand auf, in der Nähe der Mädchen, wo es etwas ruhiger war. Meistens beachteten sie ihn nicht, aber diesmal unterhielt er sich die ganze Pause über mit Miriam. Das war ein unerwarteter Glücksfall, denn er war in Miriam verliebt. Allerdings war er ängstlich darauf bedacht, das niemanden merken zu lassen. Auch Miriam nicht.
Miriam ging in seine Klasse. Sie war etwa einen Kopf kleiner als er, knabenhaft, mit kurzem, dunkelbraunem Haar und graublauen Augen, deren gesprenkelte Iris von Sternen eingefaßt zu sein schien. Sie unterhielten sich über belanglose Dinge, über Filme, die sie gesehen hatten. Wichtig war, daß sie mit einander sprachen, und daß sie so lange miteinander sprachen.
Es klingelte. Ein Lehrer stellte sich zusammen mit dem Hausmeister am Eingang auf und die Schüler gingen wieder in das Schulgebäude zurück. Auch Daniel und Miriam schlossen sich den anderen an. Miriam ergriff Daniels Hand und so gingen sie jetzt über den Hof, Hand in Hand. Daniel durchströmte ein Glücksgefühl, wie er es in seinem Leben noch nicht gekannt hatte. Er konnte es nicht glauben und dennoch war das die Wirklichkeit. Plötzlich schien alles andere auf der Welt unwichtig zu sein. Daß er ihre Hand spürte, daß sie zusammen die Treppen hinaufgingen, das war das einzige, was zählte. Vielleicht war das der glücklichste Augenblick in seinem Leben. Dennoch bemühte er sich, ein möglichst unbeteiligtes Gesicht zu machen. Als wäre nichts Besonderes geschehen.
„Daniel und Miriam sind ein Liebespaar,“ krähte eine einzelne Stimme.
Als sie das Klassenzimmer betraten, ließen sie sich los und jeder ging zu seinem Platz. Alles nahm seinen gewohnten Gang. Daniel holte die Sachen für das nächste Unterrichtsfach hervor, es war Deutsch. Doch die Welt war nicht mehr die gleiche, wie noch kurz zuvor. Etwas Wesentliches war geschehen und hatte alles verändert.
Nach Schulschluß ging er mit Miriam zusammen hinaus. Auf dem Vorhof warteten Sven und Sören, die immer mit Miriam nach Hause gingen, weil ihre Familien Nachbarn und miteinander befreundet waren. Als sie dann auf das äußere Tor zu gingen, waren sie schon eine kleine Gruppe.
Vor dem Tor wartete wieder eine Traube von Kindern. Doch Daniel hatte keine Angst. Er spürte plötzlich, daß die Aureole wieder da war. Der Lichtschein, der ihn und alle um ihn herum beschützte.
Sie gingen durch die Ansammlung der wartenden Kinder hindurch. Die schien jetzt, aus der Nähe gesehen, nicht mehr ein bedrohliches, kompaktes Ganzes zu sein, sondern löste sich in Einzelne, in Paare oder kleine Gruppen auf.
„He, Schlappi!“ grölte ein plumper großer Junge namens Gunter, einer aus der siebenten Klasse, der schon einmal sitzen geblieben war und eigentlich in die achte Klasse gehört hätte. Er kam aber nicht näher. Sein Ruf war wohl eine versuchsweise Aufforderung zur Rauferei gewesen, aber niemand hatte Lust, ihm Folge zu leisten.
„Das ist die Kraft der Schwachen,“ sagte Miriam. Daniel nickte, aber er fühlte sich in diesem Augenblick durchaus nicht schwach.
„Was machst du heute Nachmittag?“ fragte Miriam.
„Ich muß zum Klavierunterricht,“ seufzte Daniel. „Ich habe eigentlich gar keine Lust. Die Klavierlehrerin ist zwar gut, aber etwas sonderbar. Sie heißt Yolanda Blavatski.“
„O Gott!“ rief Miriam. „Die Blavatski! Von der habe ich schon gehört. Die soll wirklich komisch sein. Und sehr streng. Armer Daniel! “


3

Zur vereinbarten Zeit, vier Uhr nachmittags, erreichte Daniel das halb hinter Bäumen und Sträuchern verborgene Haus in der stillen Vorortstraße. Er stieg zwei Stufen empor und stand vor der Eingangstür aus dunklem Holz. Auf einem Messingschild stand: Yolanda Blavatski. Musikpädagogin.
Daniel streckte schon die Hand nach dem schweren Türklopfer aus, der die Form eines Löwenkopfes mit einem Ring im Maul hatte und in Wahrheit eine Klingel war, als die Tür von innen geöffnet wurde. Vor Daniel stand eine hochgewachsene, hagere Frau. Sie trug einen bequemes helles Hauskleid. Um den Hals hatte sie ein fliederfarbenes Tuch geschlungen.
„Guten Tag, Daniel,“ sagte sie. „Ich habe dich schon erwartet.“
Sie war von rötlichem blond, mit einem Hang zu Sommersprossen. Feine Härchen bildeten auf ihren Wangen einen Flaum. Ihr Gesicht erinnerte entfernt an einen Hasen, was ihr als Kind zuweilen Spott eingebracht hatte. Später nicht mehr.
Yolanda Blavatski hatte einmal von einer großen Karriere als Konzertpianistin geträumt. Statt dessen wurde sie eine anerkannte Musikpädagogin. Sie nährte die Hoffnung, daß einmal einer ihrer Schüler das erreichen würde, was ihr versagt geblieben war. Doch bis jetzt war ihr noch kein Talent begegnet, das ihren hohen Erwartungen gerecht wurde.
Daniel trat in die Vorhalle und nahm einen fremdartigen, aber sehr angenehmen Geruch war. Yolanda Blavatski führte ihn in den Salon, dessen Vorhänge zugezogen waren. Kerzen verbreiteten gedämpftes Licht. Der Tisch war für zwei Personen zum Tee gedeckt. Ein Konzertflügel mit aufgeschlagenen Noten darauf stand in der Mitte des Raumes.
Yolanda hieß Daniel in einem Sessel Platz nehmen und stellte eine Schale mit Gebäck vor ihn hin. Der eigentümliche Geruch, der die ganze Wohnung durchdrang, kam von dem Tee, der schon in die Tassen eingegossen war. Es mußte sich um eine besonders aromatische Mischung handeln.
Daniels Gastgeberin setzte sich ihm gegenüber auf eine Chaiselongue und griff nach ihrer Teetasse aus dünnem Porzellan, die mit dem honiggelben, intensiv duftenden Getränk gefüllt war.
„Ich habe dich kommen sehen und schon den Tee eingeschenkt,“ sagte sie. „Du kannst dir nach Belieben Zucker nehmen. Sicher wirst du dich fragen, wie ich dich denn sehen konnte, da die Fenster des Hauses nicht zur Straße hinaus gehen.“
Sie trank einen Schluck Tee und lächelte geheimnisvoll.
„Vielleicht hast du schon einmal etwas von Divination gehört. Das ist lateinisch und heißt Hellseherei. Mein inneres Auge, so könnte man sagen, hat dich schon eintreten sehen, als du noch nicht einmal vor dem Haus standest. Hast du schon einmal Ereignisse vorausgesehen, ein Unglück etwa?“
Daniel verneinte.
„Mir passierte das schon als Kind häufig,“ sagte Yolanda über ihre Teetasse hinweg. „Das ist gar nicht so angenehm. Manchmal sah ich ein Unglück kommen und wußte nicht, wie ich es verhindern konnte. Zum Beispiel sah ich im Sportunterricht voraus, wie ein Mädchen bei einem Sprung über das Pferd stürzte und sich schwer verletzte. Ich ging zu ihr hin und sagte ihr, sie solle nicht springen. Sie hörte nicht auf mich, sprang trotzdem und brach sich ein Bein. Danach sagten alle, ich wäre an dem Unfall Schuld gewesen, ich hätte ihn herbeigeredet und das Mädchen nervös gemacht.“
Sie seufzte.
„Es ging mir wie Kassandra. Du weißt doch, wer Kassandra war?“
Daniel nickte vage.
„Sie war Priesterin im antiken Troja,“ erklärte Yolanda, „das in dem berühmten Trojanischen Krieg von den Griechen zerstört wurde. Apoll verlieh ihr die Gabe, die Zukunft vorauszusehen. Er verband sie aber mit dem Fluch, das niemand ihren Prophezeiungen glauben würde. Diesen Fluch erfährt jeder, dem dieses Geschenk in die Wiege gelegt wurde.“
„Ich habe so etwas noch nie erlebt,“ sagte Daniel. „Ich habe wahrscheinlich keine Fähigkeiten in dieser Richtung.“
„Darin täuschst du dich,“ sagte Daniels Gesprächspartnerin und stellte behutsam ihre Teetasse auf den Tisch.
„Im Grunde sind jedem Menschen divinatorische Anlagen mitgegeben, sie sind nur im Laufe unserer Zivilisation verkümmert. Es gab einmal eine Zeit, da war so etwas weit verbreitet und durchaus nichts Ungewöhnliches. Aber auch heute ist es möglich, diese Fähigkeiten wieder zu erlernen und zu trainieren.“
„Warum soll man die Hellseherei erlernen, wenn einem doch niemand glauben wird?“ fragte Daniel.
„Weil man in Situationen kommen kann, in denen diese Kenntnisse und Fähigkeiten von Nutzen sind, ja wo sogar das Leben von ihnen abhängen kann,“ erwiderte Yolanda ernst.
Sie lehnte sich in ihre Chaiselongue zurück und blickte Daniel aufmerksam an.
„Du mußt wissen, daß die Welt nicht nur aus dem besteht, was wir mit Hilfe unserer Sinnesorgane und den Begriffen unserer Kultur erfassen. Die Wirklichkeit ist viel komplexer. Wir sind wie Radiohörer, die im Mittel- oder Kurzwellenbereich auf einen bestimmten Sender fixiert sind. Ist er nicht richtig eingestellt, dringen manchmal fremde Klangfetzen herüber. Dreht man ein wenig an dem Knopf für die Sendereinstellung, hört man auf einmal ganz andere Sender, andere Stimmen, fremde Sprachen. Ich werde dir zeigen, wie man an diesem Knopf drehen kann, um einen breiteren Bereich der Realität zu empfangen. Das ist eine Voraussetzung für jede Art von wahrem Künstlertum. Aber trink doch noch etwas Tee und koste von dem Gebäck.“
Der Tee hatte eine eigentümliche Wirkung auf Daniel und löste seine Spannung. Zusammen mit dem Gebäck versetzte er ihn ein eine träumerische Stimmung. Vage Erinnerungsbilder aus weit zurückliegenden Tagen seines Lebens tauchten in ihm auf.
„Mach es dir nun möglichst bequem,“ sagte Yolanda. „Bevor wir mit dem Unterricht beginnen, werden wir eine kleine Lockerungs- und Konzentrationsübung machen. Sei ganz entspannt.“
Dann fuhr sie mit ruhiger, aber eindringlicher Stimme fort:
„Laß deinen Körper ganz schwer werden, zunächst die Arme, dann die Beine. Dein Atem geht ruhig. Stell ihn dir als ein großes Rad vor, das sich langsam dreht. Das Rad dreht sich immer langsamer, deine Arme und Beine werden immer schwerer, dein ganzer Körper ist jetzt ganz schwer.
Nun richte deinen Blick auf die Kerzenflamme vor dir. Konzentriere dich auf sie. Die ganze Welt versinkt um dich, es gibt nur noch diese Kerzenflamme.“
Daniels Blick war unbewegt auf die Flamme gerichtet. Er sah nichts anderes mehr. Das ganze Dasein schien in dieser Flamme versammelt zu sein.
„Nun laß deine Seele ins Bodenlose fallen. Denke an gar nichts und öffne dich,“ raunte Daniels Mentorin nach einer Weile und löschte die Kerze vor ihm.
Daniel sah zunächst kreisende farbige Nebel vor sich. Dann waren Formen zu erkennen. Eine Gestalt tauchte aus dem Nebel auf. Eine Art Tier. Es sah aus, wie eine Mischung aus Schwein, Elefant und Rhinozeros. Das Abfallprodukt eines Genlabors. Es hatte winzige, tückische Augen, die rot glühten, als befände sich dahinter ein Ofen. Seine rüsselartige Schnauze war leicht geöffnet und zeigte zahlreiche spitze Fänge und Hauer. Eine Zunge, die einer dicken Schlange ähnelte, kroch daraus hervor.
„Wer bist du?“ fragte Daniel entsetzt.
Das Untier gab drei langgezogene Grunzlaute von sich. Es klang wie:
BE - HE - MOTH.
Daniel hörte von weit her ein Scheppern und Klirren. Eine Stimme rief seinen Namen. Allmählich merkte er wieder, wo er sich befand. Er saß im Salon von Yolanda Blavatski auf dem Rand eines Sessels. Auf dem Boden lag eine zerbrochene Teetasse. Daniel mußte sie mit einer impulsiven Bewegung vom Tisch gestoßen haben. Yolanda hatte ihn an den Schultern gefaßt, schüttelte ihn und sah ihm besorgt ins Gesicht.
„Daniel, was ist mit dir?“ rief sie.
„Es ist nichts,“ antwortete er. „Entschuldigen Sie bitte, ich habe wohl die Tasse zerbrochen.“
„Sag mir, was hast du gesehen?“
Daniel versuchte, die Erscheinung zu beschreiben.
„Es sagte, es hieße Behemoth.“
Yolanda erbleichte.
„Daniel, sei auf der Hut,“ sagte sie. „Du bist in großer Gefahr.“

Nach dem Unterricht begleitete Yolanda Blavatski Daniel bis zur Tür.
„Ich erwarte dich morgen wieder,“ sagte sie. „Bis dahin sei vorsichtig.“
Sie blickte ihm noch eine Weile nach, während er die stille Vorortstraße hinunterging. Dann war er ihren Blicken entschwunden.

Nachdem Daniel das Haus der Musiklehrerin verlassen hatte, schlug er einen Weg ein, der ihn an verödeten Gärten und Feldern vorbei führte. Der Himmel hatte sich bedeckt und ein stürmischer Wind fegte über das Land.
Plötzlich war Ismael bei ihm, der Bote des Herrn.
„Sei bereit, Daniel,“ sagte er. „Du mußt noch einmal einige Seelen hinüber geleiten.“
Der Himmel wurde von Gewitterwolken ganz verdunkelt, der Sturm heulte und schwefelgelbe Blitze zuckten. Daniel fröstelte. Er fühlte sich mit einem Mal krank und verloren. Wie gerne wäre er jetzt zu Hause gewesen, hätte es sich im Bett bequem gemacht und ein Buch gelesen, während draußen die Elemente tobten.
Dann war Ismael verschwunden. Ein gewaltiges Krachen ertönte und die Erde öffnete sich. Sofort schossen heulende Dämonen heraus, schwarze, geflügelte Teufel. Dann quollen die gequälten Seelen hervor und strömten ächzend und stöhnend auf Daniel zu, gegeißelt von höhnisch lachenden Höllenknechten. Daniel sah sich nach dem Licht um. Schließlich sah er es in der Ferne, nur war es diesmal nicht stetig und sonnenhell, sondern flackernd und blutrot.
Daniel ging auf das rote Licht zu. Die Seelen folgten ihm. Sie gingen wieder durch einen Tunnel. Es war darin kalt, feucht und zugig. Daniel dachte, daß er sich bestimmt erkälten würde. Dann weitete sich der Tunnel und vor ihm lag der Ozean. Er war bleigrau und unbewegt. Am Horizont flackerte das rötliche Licht wie eine ferne Feuersbrunst.
Daniel betrat ein schwarzes Boot. Es legte sofort vom Ufer ab. Die Seelen folgten ihm in weiteren Booten. Sie bildeten eine stumme Flotte von schwarzen Barken, die über das tote graue Wasser glitt. Dann kam das Ziel in Sicht. Es war ein öder Landstrich. Nur wenige, völlig kahle schwarze Bäume waren zu erkennen. Links und rechts von der Hafeneinfahrt standen drohend zwei große graue Wachtürme. In der Ferne waren felsige Berge zu sehen, die Feuer spien. Daher kam der flackernde rote Schein.
Daniel wandte den Blick seitwärts, um zu sehen, ob Ismael neben ihm war. Doch da war nicht Ismael. Da war kein aus Licht gewobener Engel. Neben Daniel stand ein Ungeheuer mit rotglühenden Schweinsaugen. Aus seinem Maul wand sich eine dicke Schlange.
Neben Daniel stand der Behemoth.


4


Yolanda Blavatski wunderte sich, als sie am nächsten Morgen die Rosen sah. Ein Unbekannter hatte sie abgegeben. Es war keine Karte dabei. Sie waren schwarz. Sie hatte noch nie zuvor schwarze Rosen gesehen. Und sie dufteten nicht.
Am Nachmittag erwartete sie ihren Schüler. Sie bereitete den Tee, dann deckte sie im Salon den Tisch. Sie zündete eine Kerze an und zog die Vorhänge vor. Pünktlich vier Uhr klingelte es. Dieses Mal hatte sie Daniel nicht vorher kommen sehen.
Sie öffnete und Daniel trat ein. Sie gingen in den Salon und Yolanda goß Tee in die Tassen. Sie setzten sich. Nachdem sie den Tee getrunken hatten sagte Yolanda:
„Nun wollen wir dort weitermachen, wo wir gestern aufgehört haben.“
Daniel stand auf und setzte sich an den Flügel. Es waren Noten aufgeschlagen, ziemlich schwierige Stücke von Chopin. Yolanda hatte sich kürzlich wieder einmal daran versucht.
Daniel begann zu spielen und sie hörte zu. Schweigend.
„Schluß jetzt,“ sagte sie schließlich. „Du bist mir zu unkonzentriert. Wir wollen wieder eine Konzentrationsübung machen, wie schon das letzte Mal. Da hat es ja ganz gut bei dir funktioniert.“
Sie ließ Daniel wieder in dem Sessel Platz nehmen und sich entspannen. Dann mußte er sich auf die Kerzenflamme konzentrieren. Bald war er in Trance.
„Wer bist du?“ fragte ihn Yolanda.
„Ich bin Daniel,“ antwortete er.
„Du bist nicht Daniel. Also, wer bist du?“
„Ich bin Daniels Widerpart. Ich bin alles, was er nicht ist.“
„Wo ist Daniel?“
„Daniel ist dort, wo ich sonst bin. Bei uns.“
„Wo ist da?“
„In der anderen Welt.“
„Warum hat man euch ausgetauscht?“
„Sie brauchen ihn.“
„Wozu brauchen sie ihn? Was kann er, das du nicht kannst?“
„Er ist ein Psychopomp. Ein Seelenführer. Bitte lassen Sie mich gehen, mir wird heiß. Die Flamme verbrennt mich.“
Yolanda Blavatski zögerte einen Moment. Dann entschloß sie sich zu einer letzten Frage.
„Wer ist dein Herr?“
„Der Herr.“
„Wie ist der Name deines Herrn?“
„Bitte, lassen Sie mich gehen! Ich brenne!“
„Der Name!“
„LUZIFER!“ rief er in größter Not.
Yolanda klatschte in die Hände. Daniels Widerpart kam zu sich. Er war in Schweiß gebadet und keuchte.
„Es ist gut, Daniel,“ sagte sie. „Für heute machen wir Schluß. Du bist erschöpft und mußt dich erholen. Du gehst jetzt nach Hause und wir sehen uns morgen wieder.“
Sie brachte ihn zur Tür.
„Und vergiß nicht, morgen zur gleichen Zeit,“ sagte sie ihm beim Abschied.

Yolanda Blavatski ging in ihren Salon zurück und schenkte sich noch eine Tasse des köstlichen aromatischen Tees ein. Sie hob sie mit der Untertasse in die Höhe ihres Mundes und trank den Tee in kleinen Schlucken. Plötzlich stand, in seinen blauen Mantel gehüllt, Ismael ihr gegenüber. Er schien direkt einer Ikone entstiegen zu sein. Sicher hatte er unter dem Mantel ein Schwert. Sie verschluckte sich, stellte die Tasse ab und hustete. Dann blickte sie Ismael mit zusammengezogenen Brauen an und fragte ihn:
„Wer bist du?“
„Ich bin Ismael, der Bote des Herrn,“ antwortete ihr Gegenüber.
„Beweise es,“ entgegnete Yolanda. „Wie soll ich wissen, ob du nicht in Wahrheit ein Sendbote der Hölle bist?“
Ismael schlug das Zeichen des Kreuzes und sprach:
„Gelobt sei Jesus Christus.“
„Nun gut,“ sagte Yolanda. „Ich glaube dir. Was willst du?“
„Du mußt mir helfen,“ sagte Ismael. „Ich wurde hereingelegt. Es war meine Aufgabe, Daniel zu beschützen. Man hatte mich weggelockt und der widerliche Behemoth nahm meine Gestalt an. Sie können es nicht wagen, uns im offenen Kampf gegenüberzutreten und so benutzen sie schamlos billige Tricks und schäbige Gemeinheiten. Jetzt haben sie Daniel. Sie mißbrauchen ihn als Psychopomp. Wir müssen ihn unbedingt zurückholen, sonst droht mir als Strafe eine Wiedergeburt als Mensch.“
„Wo befindet sich Daniel jetzt?“ fragte Yolanda und nippte an ihrem Tee.
„In der Gegenwelt,“ erklärte Ismael. „Das ist eine Welt, die bei flüchtiger Betrachtung der irdischen ähnelt. Luzifer spielt sich dort als Schöpfer und Meister auf. Er hat einige kreative Geister überredet, für ihn zu arbeiten. Das Material für seine Afterschöpfung stiehlt er, oder läßt er stehlen, wo er nur kann.“
„Können wir überhaupt etwas tun?“
„Wir haben den anderen Jungen, den Widerpart,“ sagte Ismael. „Wir müssen ihn und Daniel zusammenbringen. Dann haben beide die Möglichkeit, die Plätze zu tauschen und wieder in ihre Welt zurückzukehren.“
„Er spielte wie ein junger Gott,“ sagte Yolanda. „Kraftvoll und mit Ausdruck. Ich wäre glücklich, ihn als Schüler zu haben. Mir war sofort klar, daß das nicht der Daniel sein konnte, der am Tag zuvor hier war. Wird der andere denn überhaupt zurück wollen?“
„Aber ja. Das ist unser Trumpf. Er will ebenso in jene Welt zurück wie Daniel in die seine. Wir müssen nur irgendwie ein Zusammentreffen zwischen den beiden arrangieren. Wir müssen es natürlich sehr geschickt anfangen. Der kleinste Fehler, die geringste Unvorsichtigkeit könnten katastrophale Folgen für alle Beteiligten haben.“
„Ja,“ sagte Yolanda Blavatski spöttisch. „Sie könnten als Menschen wiedergeboren werden.“


5


Miriam hatte einen Traum.
Sie träumte, sie wäre mit Daniel auf einem Jahrmarkt mit vielen Karussells und Attraktionen. Sie fuhren mit der Berg-und-Tal Bahn und sie schmiegte sich an ihn. Er legte seinen Arm um sie. Aus den Lautsprechern tönte Musik und um sie herum waren bunte Lichter.
Sie kauften sich eine Portion Zuckerwatte und zupften das süße Gespinst mit ihren Mündern ab, bis nur noch der dünne Holzstab übrigblieb und sie sich unter Lachen mit Mund und Nase berührten.
Dann gingen sie zu einer Schießbude und Daniel schoß eine Rose. Er gab sie ihr und Miriam erschrak. Die Rose war schwarz. Es war eine Trauerblume.
Sie kamen zu einem Vergnügungspark, der Venezia hieß. Man konnte dort in Gondeln steigen und mit ihnen durch ein imitiertes Venedig fahren. Sie setzten sich in eine der schwarzen Gondeln und diese setzte sich sofort in Bewegung. Sie fuhren durch Kanäle und unter Brücken hindurch. Auf den Gassen und Plätzen standen kostümierte Figuren mit schwarzen Gesichtsmasken. Es mußten Puppen sein, sie waren wie in der Bewegung erstarrt.
Dann schien es Miriam, als wären sie wirklich in Venedig. Aber es war alles düster. Die Brücken waren mit schwarzen Tüchern verhängt. Darauf standen Menschen in schwarzen Masken und Kostümen und blickten schweigend zu ihnen hinunter. Es war dunkel. Es brannten keine Laternen, nur einzelne Fackeln loderten. Die Fenster der Palazzi waren mit hölzernen Läden verschlossen oder mit schweren Stoffen zugehängt, so daß kein Lichtstrahl nach draußen drang.
Sie kamen auf einen großen Kanal. Dort waren zahlreiche andere schwarze Gondeln unterwegs, alle in der gleichen Richtung. Die Gondolieri gaben ab und zu langgezogene, klagende Rufe von sich. Daniel stand jetzt ebenfalls mit einem Ruder in der Hand am Ende der Gondel und stieß solch einen gedehnten Klagelaut aus.
Auf dem Kanal fuhr eine ganze Flotte von Gondeln dahin. Sie schwammen alle auf eine riesige ummauerte Öffnung zu. Der Kanal floß dort hinein wie in eine große unterirdische Kloake.
„Fahr nicht dort hin!“ rief Miriam Daniel zu.
„Es gibt keinen anderen Weg,“ sagte Daniel. „Wir müssen da hinein.“
Sie fuhren mit den anderen Gondeln in die Öffnung wie in einen großen Schlund. Darin war es dunkel, kalt und zugig. In der Ferne sah Miriam einen unheilvoll flackernden blutroten Lichtschein.
„Nein!“ schrie sie. „Ich will da nicht hin!“
Dann erwachte sie, in Schweiß gebadet.

Sie konnte lange nicht wieder einschlafen. Sie machte sich Gedanken wegen Daniel. Er hatte sich verändert in letzter Zeit. Das Sanfte seines Wesens war ganz von ihm abgefallen. Statt dessen war er düster und schweigsam.
In der Schule verblüffte er die ganze Klasse im Musikunterricht. Er hörte überhaupt nicht zu und las in einem Roman. Es war „Quentin Durward“ von Walter Scott. Der Musiklehrer, Herr Lautenbach, merkte das natürlich und wurde ärgerlich. Er fragte Daniel, warum er nicht am Unterricht teilnähme.
„Das ist alles nichts Neues für mich,“ sagte Daniel. Die Klasse lachte.
„Ich weiß, daß du Klavierunterricht bei Frau Blavatski nimmst,“ sagte Herr Lautenbach. „Das ist sehr schön für dich. Vielleicht bist du ja wirklich ein neuer Arthur Rubinstein. Komm doch einmal nach vorne und gib uns eine Probe deines Könnens.“
Wieder gab es Kichern in der Klasse. Daniel schlenderte langsam vor und setzte sich lässig an das Klavier.
„Möchtest du Noten haben?“ fragte der Lehrer. Daniel schüttelte den Kopf. Er schlug einen Ton an, lauschte und sagte:
„Eigentlich ist es unter meiner Würde, auf einem solchen Instrument zu spielen.“
Die Klasse brach in schallendes Gelächter aus. Auch Herr Lautenbach lächelte. Noch.
„Nun gut, Daniel. Vielleicht läßt du dich für uns ausnahmsweise einmal soweit herab,“ sagte er ironisch.
Daniel ließ spielerisch und scheinbar gelangweilt die Hände über die Tasten gleiten. Er erzeugte dabei einen perlenden Klang, der von weither zu kommen schien und allmählich anschwoll. Dann wurde sein Spiel immer furioser. Daniel Hände schienen wie losgelassene Kobolde über die Tasten zu springen. Der alte Holzkasten des Klaviers dröhnte und summte. So etwas hatte er in seiner Laufbahn als Schulklavier noch nicht erlebt. Auf dem Höhepunkt, als das altehrwürdige Instrument in jedem Moment auseinander zu bersten drohte, brach Daniel mit einem gewaltigen Schlußakkord ab. Der Klang schwang noch eine Weile im Raum nach. Für einen Augenblick herrschte Stille. Dann klatschten alle, auch Herr Lautenbach, stürmisch Beifall. Daniel stand auf, verbeugte sich humoristisch und ging wieder zu seinem Platz, wo noch der aufgeschlagene Roman lag.
„Was war das für ein Stück, das du eben gespielt hast?“ fragte Herr Lautenbach.
„Ach, das war nichts,“ sagte Daniel und blätterte wieder in seinem Buch. „Das fiel mir gerade so ein.“

Es war am gleichen Tag, als Daniel nach der Schule mit Miriam auf die Straße trat und plötzlich Gunter vor ihm stand. Er hatte noch zwei seiner Vasallen bei sich. Beide waren Achtenklässler, aus Gunters alter Klasse. Er selber mußte zur Zeit die siebente wiederholen.
„Wollen wir Volleyball spielen, Schlappi?“ sagte er zu Daniel. „Du bist der Ball.“
Seine Begleiter lachten hämisch. Neugierig sammelten sich um sie Kinder verschiedenen Alters.
Miriam stellte sich vor Daniel und fauchte Gunter an: „Laß ihn ja in Ruhe. Such dir einen von deiner Größe, wenn du dich prügeln willst.“
„Der Schlappsack läßt sich von Weibern beschützen. Schafft mir die Kröte vom Hals, damit ich mich in Ruhe mit Schlappi amüsieren kann,“ sagte Gunter zu seinen zwei Trabanten.
Daniel schob Miriam beiseite und drückte ihr seine Schultasche in die Hand.
„Geh mal aus dem Weg und halte das,“ sagte er.
Er trat etwas zurück, beugte sich nach vorne und ehe noch jemand richtig begriff, was er tat, hatte er Gunter seinen Kopf in den Magen gerammt.
Gunter fiel zu Boden. Er krümmte sich und schnappte nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen. Neugierig drängten sich die Schulkinder um ihn herum, darunter seine zwei Kumpane.
„Jemand müßte einen Krankenwagen holen,“ rief einer.
„Das ist nicht nötig,“ sagte Daniel. Er hatte sich über Gunter gebeugt und sah ihm prüfend ins Gesicht.
„Es ist nichts weiter. In ein paar Minuten ist er wieder in Ordnung.“
Dann ging er mit Miriam davon. Sven und Sören, die sich während der Auseinandersetzung abseits gehalten hatten, schlossen sich ihnen an.
Seitdem wurde Daniel in Ruhe gelassen. Man behandelte ihn mit Respekt. Gunter und seine Kumpane gingen ihm aus dem Weg. Miriam fragte sich, was Daniel so verändert hatte.

6


Miriam hörte die Stimme ihrer Mutter wie aus weiter Ferne.
„Miriam, du mußt aufstehen. Du kommst zu spät in die Schule.“
Miriam erhob sich mühsam und wollte in Richtung des Badezimmers gehen. Ihr wurde schwindlig. Ihre Beine wollten sie nicht tragen. Sie gaben unter ihr nach und sie fiel zu Boden. Die Mutter kam herein und rief entsetzt:
„Miriam. Was ist mit dir?“
Sie beugte sich über sie.
„Mein Gott, du glühst ja.“
Sie half ihr wieder ins Bett und holte ein Fieberthermometer.
„Um Gottes Willen,“ rief sie, nachdem sie gemessen hatte. „Du hast fast einundvierzig Fieber. Ich rufe sofort den Notarzt.“
Der Notarzt kam, untersuchte Miriam und sagte zu ihrer Mutter:
„Sie hat eine beidseitige Lungenentzündung. Sie muß sofort in die Klinik. Können Sie sie selber hinbringen oder soll ein Krankenwagen kommen?“

Es war schon spät abends, als Miriams Mutter schließlich nach Hause ging. Der diensthabende Arzt hatte ihr dazu geraten, damit sie am nächsten Tag einigermaßen ausgeschlafen war. Miriam lag in einem Einzelzimmer auf der Intensivstation. Sie schlief fest. Man hatte ihr ein Mittel gegeben.
Da öffnete sich die Tür und Daniel und Yolanda Blavatski schlichen sich vorsichtig herein. Sie traten an Miriams Bett. Daniel ergriff ihre Hand. Sie war heiß. Miriam zeigte keinerlei Reaktion. Ihr Puls war rasend schnell und flach, kaum spürbar.
„Muß sie sterben?“ fragte Daniel.
„Ich weiß es nicht,“ antwortete Yolanda Blavatski.
Sie rückten zwei Sessel neben das Bett, setzten sich hinein und warteten. Bald senkte sich Müdigkeit wie mit Bleigewichten auf sie.
„Wenn du weggehst, werde ich dich vermissen,“ sagte Yolanda zu Daniel. „Du warst mein begabtester Schüler. Ein Talent wie deines ist selten. Unter meiner Obhut hättest du eine große Karriere machen können.“
„Ich weiß,“ sagte Daniel. „Aber ich wäre in eurer Welt nicht glücklich geworden.“
„Bist du es denn in der anderen?“ fragte Yolanda.
„Nein,“ antwortete Daniel. „Aber es ist dort für mich erträglicher. Ich bin unter meinesgleichen. Hier ist das Leben öde und langweilig.“
„Die Kunst kann das Leben auch hier lebenswert machen,“ erklärte Yolanda.
„Ich werde Miriam vermissen,“ sagte Daniel nach einer Weile. „Um sie beneide ich ihn. Vielleicht ist sie das beste, was uns in unserem Leben widerfahren ist.“

Miriam hatte einen Traum.
Es war Nacht. Sie lag in einem Bett im Krankenhaus. Die Nachtlampe verbreitete ein abgeschirmtes Licht. Die Gegenstände im Zimmer warfen große Schatten. Es war noch jemand im Raum. Zusammengesunken in einem Sessel saß ein Junge, der wie Daniel aussah. Genau konnte sie es nicht erkennen, sein Gesicht lag im Schatten. In einem anderen Sessel saß eine große, schlanke Frau. Beide schienen zu schlafen.
Miriam war heiß. Ihre Lippen und ihr Mund waren ausgetrocknet. Sie hatte Durst. Vielleicht konnte man ihr etwas zu trinken geben. Sie öffnete den Mund und versuchte zu sprechen, aber sie brachte keinen Ton heraus. Sie war unfähig, sich zu bewegen.
Plötzlich begannen die Wände des Zimmers zurückzuweichen. Der Raum weitete sich und vor Miriam lag ein großer Saal, an dessen Ende ein Thron stand. Der Thron schien von innen her zu glühen. Miriam spürte die Hitze, die von ihm ausging. Auf ihm saß ein Ungeheuer mit einer rüsselartigen Schnauze, aus der sich eine Schlange wand. Das Ungeheuer war in prächtige Gewänder gehüllt und hatte eine dreifache Krone auf dem Kopf. In der rechten behandschuhten Klaue hielt es einen reichverzierten Stab.
Vor dem Ungeheuer stand Daniel. Er war sehr blaß und sah elend aus. Miriam spürte unendliches Mitleid mit ihm.
„Hole mir ihre Seele, Psychopomp!“ trompetete das Ungeheuer und wies mit seinem Stab auf Miriam.
„Nein,“ sagte Daniel mit schwacher, aber entschlossener Stimme. „Sie sollst du nicht haben.“
„Gehorche!“ schnaubte das Untier. „Du bist mein Sklave und hast kein Recht auf einen eigenen Willen.“
„Ich weiß, daß es eine Kraft gibt, vor der du machtlos bist,“ sagte Daniel. „Diese Kraft verbindet mich mit ihr. Jetzt und in Ewigkeit.“
„Dann leide. Jetzt und in Ewigkeit. Brenne!“ tobte das Ungeheuer. Mit Entsetzen sah Miriam Flammen an Daniel empor lodern. Er krümmte sich und schrie laut vor Schmerz.
Da erstrahlte plötzlich ein gleißendes Licht und tauchte alles in seinen hellen Schein. Das Ungeheuer schrie auf und hielt sich schützend seinen Stab vor den Kopf. Eine große, leuchtende Gestalt stand in der Mitte des Saales. Sie schien ganz aus Licht gewoben. Sie trug einen langen, golden glänzenden Mantel. In der Hand hielt sie ein Schwert, das wie ein Lichtbogen brannte.
Die Erscheinung richtete ihr Schwert auf das Untier auf dem Thron. Ein Blitz traf das Monstrum. Thron, Gewand und Krone lösten sich in Nichts auf. Das Wesen war in seiner ganzen Häßlichkeit zu sehen. Es heulte wütend, dann war es verschwunden.
Daniel richtete sich auf. Die Flammen, die ihn gepeinigt hatten, waren erloschen. Er blickte die strahlende Erscheinung an und rief erstaunt und erleichtert:
„Ismael!“
Die Lichtgestalt lächelte.
„Ich bin zwar kein Erzengel,“ sagte sie, „aber, wie du siehst, habe ich Teil an ihrer Macht. Kommt jetzt beide hierher.“
Der andere Junge stand auf und trat zusammen mit Daniel vor Ismael. Sie sahen aus wie Zwillinge. Sie blickten sich lange nachdenklich an. Dann traten sie aufeinander zu und schienen für einen Moment zu verschmelzen. In diesem Augenblick leuchteten sie so hell wie der Engel. Dann lösten sie sich voneinander und jeder ging, ohne sich umzublicken, in eine andere Richtung. Die Wände des Saales rückten mit beängstigender Geschwindigkeit wieder zusammen. Dann war der Saal verschwunden und Miriam lag wieder in ihrem Krankenzimmer. Den Rest der Nacht über schlief sie ruhig und tief.
Als am nächsten Morgen die Schwester des Frühdienstes in Miriams Zimmer kam, war sie ungehalten, weil sie zwei Angehörige vorfand, die dort übernachtet hatten, ohne zuvor die Erlaubnis des Stationsarztes eingeholt zu haben. Der Patientin selber ging es deutlich besser. Der Oberarzt war bei der Visite sehr zufrieden und Miriam wurde noch am gleichen Tag auf eine andere Station verlegt. Nach einigen Tagen konnte sie nach Hause entlassen werden.
Daniel blieb Yolanda Blavatskis bester Schüler. Die Begegnung mit seinem Doppelgänger hatte offenbar etwas von dessen Eigenschaften und Fähigkeiten auf ihn abfärben lassen. Möglicherweise waren seine Fortschritte auf musikalischem Gebiet aber auch Yolanda Blavatskis hervorragendem Unterricht geschuldet. Vielleicht gab es gar keinen Doppelgänger und keinen Engel namens Ismael und auch keinen Behemoth. Daniel spürte, daß die Wahrheit irgendwo tief in seinem Inneren begraben war und dort wollte er sie vorerst ruhen lassen.

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Stefan Seifert

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